Die perfekte Party

Dass es Eltern gibt, die für ihre Sprösslinge die perfekte Geburtstagsfete auf die Beine stellen, indem sie für 2000 Franken einen Party-Planner engagieren, ist mir eigentlich nichts Neues. Wenn man mir dies aber am Vorabend des fünften Geburtstags des FeuerwehrRitterRömerPiraten im „Zehn vor Zehn“ unter die Nase reibt, dann ärgere ich mich grün und blau über die armen Irren, die meinen mit Geld kaschieren zu können, dass sie einfach zu faul sind dazu, um Mitternacht noch Eisbärchen aus Marzipan zu formen oder nach der Fete die Sahnetorte von den Wänden zu kratzen. Wenn ich mich mitten in der hitzigsten Endphase der Post-it-Tage mit einer Horde von Fünfjährigen herumgeschlagen habe, um vorfeiern zu können, weil nachher alle in den Ferien sind. Wenn ich halb Österreich nach der perfekten Tortendekoration abesucht habe. Wenn ich auf der Heimfahrt von den Ferien einen Abstecher zu „Toys r us“ in Kauf nehme (Als ob „Toys r us“ nicht schon ohne Heimfahrtsstress schlimm genug wäre!). Wenn ich nach der Heimkehr alle Wäscheberge und Umzugskartons links liegen lasse, um doch noch das perfekte Geschenk aufzutreiben. Und wenn ich mich mitten in den Sommerferien trotz sich ankündigender Erkältung bereits um halb acht aus dem Bett zwinge, damit alles bereit ist, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat erwacht.

Bedenke ich all das, könnte ich sie alle auf den Mond schicken, die Party-Planner mitsamt den faulen Eltern und ihrer verwöhnten Brut. Man könnte jetzt fragen, wozu ich mir all den Stress mache und warum „Meiner“ mir dabei nicht hilft. Die zweite Frage ist leicht zu Beantworten: Als Einzelkind hat „Meiner“ keine Ahnung, wie man es anstellt, einem Grossfamilienkind einen ganzen Tag lang das Gefühl zu vermitteln, dass es trotz der vielen Geschwister etwas ganz Besonderes ist. Ich hingegen habe als Jüngstes von sieben Kinder zahlreiche schöne Geburtstags-Überraschungen und auch ein paar herbe Geburtstags-Enttäuschungen in lebhafter Erinnerung. Somit kann ich aus dem Vollen schöpfen, wenn es ums Feiern geht. Ausserdem will ich „Meinen“ nicht zu sehr auslaugen mit den Vorbereitungen. Ich brauche ihn nämlich jeweils, wenn es darum geht, die aufgedrehten Gäste unter Kontrolle zu behalten, einzuschreiten, wenn ein Eifersüchtiger versucht, das Geburtstagskind zu erschlagen oder für Ordnung zu sorgen, wenn beim Basteln alle den gleichen Pinsel haben wollen.

Ja, aber warum all der Stress? Warum nicht einfach ein kleiner Kuchen, ein paar Kerzen und zwei oder drei Geschenke?Auch das ist eigentlich ganz einfach: Weil mir keiner 2000 Franken bezahlt für das Organisieren der Party. Also muss ich mir einen anderen Lohn erarbeiten: Strahlende Kinderaugen. Und diesen Lohn bekomme ich nicht, wenn irgend ein fremder Party-Planner in irgend einer Konditorei sündhaft teure Marzipan-Ferraris bestellt, die Kinder ein wenig anmalt und sie durch einen Bobby-Car-Parcours hetzt. Den bekomme ich erst, wenn ich auf dem Zahnfleisch gehe, weil ich mich nach Kräften darum bemüht habe, jeden erdenklichen Geburtstagswunsch zu erfüllen, den ich meinen Knöpfen im Laufe des Jahres von den Augen abgelesen habe.

Barbaren

„Meiner“ hat vor ein paar Tagen gelesen, dass die modernen Jungs einfach nicht mehr auf ihre Kosten kommen würden. Schuld daran seien natürlich mal wieder wir Frauen. Wir wollten nicht, dass die Jungen kämpfen, prügeln, schiessen und herumbrüllen. Wir wollten sie zu kleinen Pazifisten erziehen, obschon das gar nicht in ihrer Natur liege. Nun ja, in unserer Familie ist „Meiner“ fast gleich pazifistisch eingestellt wie ich und auch von den typischen Männlichkeitsritualen wie Biersaufen, Herumballern und Fussballschauen hält er herzlich wenig. Und auch das Fischen aus einem vollen Fischteich, das einzig und allein dazu dienen soll, zu beweisen was für ein toller Hecht man ist, findet „Meiner“ nicht gerade toll.

Trotzdem beschlossen wir, dass „Meiner“ heute Morgen mit den Kindern zum Angeln mitgehen sollte, damit sie einmal einen typischen Männermorgen erleben dürften. Luise wollte zuerst auch mit, doch als sie hörte, dass die Fische nach dem Angeln auch getötet wurden, zog sie es vor, mit mir Trivial Pursuit zu spielen. Während Luise und ich spielten, zogen Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter einen Fisch nach dem anderen an Land und der FeuerwehrRitterRömerPirat erschlug den Fang eigenhändig. Der machohafte Tischnachbar, der bestimmt alle typischen Männlichkeitsrituale mitmacht und schon zig mal Fischen gegangen war, wurde gelb vor Neid, weil bei ihm einfach nichts anbeissen wollte.

 Nach zwei Stunden kamen die Männer mit stolzgeschwellter Brust und einem Sack voller toter Fische zum Hotel zurück. Sogar „Meiner“ strahlte wie ein Neandertaler auf der Heimkehr von der Jagd. Und was war die Anerkennung, die ihnen für ihre Heldentat zuteil wurde? Mama kreischte, Luise heulte zum Steinerweichen, weil sie soviel Mitlieid hatte mit den armen armen Fischlein. 

Vielleicht ist doch etwas dran an diesem Geschwätz über Frauen, die nicht verstehen können, warum die Männer von Zeit zu Zeit den Barbaren rauslassen müssen…

Verwöhnt

Angefangen hat damit schon Karlsson. Kaum war das Kind einen Monat alt, schlief es zwölf Stunden am Stück, nach sechs Monaten ass es alles, was wir ihm vorsetzten und war fast rund um die Uhr zufrieden. Luise war dann zwar zeitweise etwas anstrengender, doch im Grossen und Ganzen bemühten sich alle unsere fünf Kinder nach Kräften darum, ihre Eltern zu verwöhnen.

Ja und jetzt, wo sie vollkommen verweichlichte Eltern haben, müssen sie ausbaden, was sie angerichtet haben. Das Prinzchen, für gewöhnlich das friedlichste Kind auf Erden, wird schon gar nicht mehr fertig mit uns, so verzogen sind wir. Zur Zeit hält er nämlich Ramadan. Wir haben ihm schon zig Mal gesagt, dass wir Christen sind und dass auch die Muslime momentan nicht am Fasten sind. Das hindert ihn aber nicht daran, tagsüber fast sämtliche Nahrung abzulehnen und nachts zu schlemmen.

Uns verwöhnte Eltern werfen schon zweimal Aufstehen um ihm das Fläschchen zu geben aus der Bahn. Doch jetzt, wo das Kind auch noch am Zahnen ist, wissen wir uns schon gar nicht mehr zu helfen. Dass der Junge Zahnschmerzen, eine volle Windel und einen wunden Po haben könnte, kommt uns erst in den Sinn, nachdem wir ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruch gehätschelt haben. Wir streicheln, küssen, knuddeln und trösten und merken nicht, dass das arme Kind eine frische Windel, ein Zäpfchen und ein bisschen Salbe haben will. Das, was durch kurze Nächte gestählte Eltern als Erstes abchecken, fällt uns verweichlichten Memmen erst ein, nachdem wir völlig entnervt und ratlos auf das brüllende Kind starren.

Ja ja, so kommt es eben, wenn man den Eltern nicht  täglich mit aller Konsequenz die Grenzen ihrer Bequemlichkeit aufzeigt.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

… aber natürlich, mein Prinzchen, du bist das schönste Baby im ganzen Land – zumindest für deine Mama. Das heisst aber trotzdem nicht, dass du stundenlang selbstverliebt vor dem Spiegel sitzen musst, um dich selbst zu bewundern. Natürlich siehst du bezaubernd aus mit deinen blonden Locken und deinem unwiderstehlichen Lächeln. Aber Jünglinge, die in ihr eigenes Spiegelbild verliebt sind, kommen im Allgemeinen nicht so gut weg in der Literatur.

Es ist ja schon erstaunlich, wie jedes Kind seine eigene Strategie hat, um sich wieder zu beruhigen, wenn etwas schiefläuft. Karlsson zieht sich mit seinem Eisbären zurück, Luise knallt die Tür und brüllt, dass die Wände wackeln, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt den Kopf hängen und vergiesst still ein paar Tränen, dem Zoowärter muss man „Heile heile!“ singen und „tschougigong“ sagen auch wenn man unschuldig ist an seinem Unglück. Und das Prinzchen muss sein Speigelbild betrachten. Und weil beim Prinzchen jetzt, wo er sitzt und krabbelt und sich hochziehen will, ziemlich viel schiefläuft, verbringt er derzeit den halben Tag vor dem Spiegel. Am liebsten vor dem doppeltürigen Spiegelschrank. Da sitzt er dann und hält eine Selbstmitleidssitzung mit seinen zwei Spiegelbildern ab.

Ein Artikel bei Wikipedia klärt mich darüber auf, dass ich mir noch keine Gedanken über Narzissmus machen muss. Das alles gelte noch als primärer Narzissmus.  Was aber, wenn das Prinzchen 16 ist und sich in seinem ersten Liebeskummer noch immer mit seinem Spiegelbild tröstet?  Dann werden wir wohl oder übel den Sigmund fragen müssen, was er davon hält…

Satire?

Die Frau am Telefon versteht die Welt nicht mehr. „Fünfundneunzig Prozent unserer Leser finden, der ‚Nebelspalter‘ sei heute viel lustiger als früher. Und jetzt kommen Sie und sagen, Ihnen hätte unser Blatt früher viel besser gefallen. Dabei können Sie noch gar nicht so alt sein.“ Es habe eben nicht jeder den gleichen Sinn für Humor, tröste ich sie und verzichte auf ein Abo.

Wie sollte ich auch ein Heft abonnieren, das mir bei vier Probenummern gerade  zwei mal ein müdes Lächeln entlockt hat? Einige der Witze erzählte mein Vater schon vor dreissig Jahren. Nur dass die Bundesräte in seinen Witzen noch nicht Maurer und Leuenberger, sondern Furgler und Minger hiessen.

Und überhaupt: Wenn ich Satire will, bin ich mit der Tageszeitung bereits bestens bedient. Sogar Promis hätten auf das Präparat geschworen, wundert sich ein Journalist in einem Artikel über ein dubioses Heilmittel. Ja, da kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sogar Promis, die sich doch allesamt durch Intelligenz und überlegtes Handeln hervortun, sind nicht davor gefeit, einem Scharlatan auf den Leim zu kriechen. Wenn schon unsere „Elite“ so naiv ist, wie steht es dann erst um uns Normalsterbliche?

Oder kann man die folgende Forderung wirklich ernst nehmen: Die Glückskette soll eine Spendenaktion durchführen, um die gebeutelte Industrie zu unterstützen? Wir Schweizer sollten uns solidarisch zeigen mit der Exportindustrie, findet Nationalrat Otto Ineichen. Ach, was sind wir doch für Egoisten! Wir verschleudern unsere Spendengelder für Tsunamiopfer, Erdbebengeschädigte und Menschen, die bei einer Überschwemmung solche Lappalien wie ihr Häuschen verloren haben. Und wenn dann mal einer wirklich Not leidet, haben wir keinen roten Rappen mehr übrig. Ein bisschen freigiebiger dürften wir schon sein.  Insbesondere da es der Industrie nie und nimmer in den Sinn käme, uns in unserem Elend sitzen zu lassen, sollte es uns einmal nicht so gut gehen.

Solange die Zeitungen voll sind mit solchen Meldungen braucht kein Mensch ein Satiremagazin. Und sollte die Tageszeitung für einmal nichts zum Lachen bieten, habe ich zum Glück noch den Zoowärter. Der fordert mich mit dem  ganzen Ernst eines Zweijährigen dazu auf, endlich meinen Federschmuck zu holen, um diese lästige Fliege zu beseitigen. Wahrscheinlich hat der Zoowärter den „Nebelspalter“ gelesen, der auch zwei Monate nach Steinbrücks Attacken über nichts anderes witzeln kann als über Indianer und Kavalleristen. Deshalb glaubt der Zoowärter jetzt, jeder Schweizer habe einen Federschmuck. Oder er hat einfach noch nicht begriffen, dass das Ding, mit dem man die Fliegen totschlägt, Fliegenklatsche heisst.

Nicht so schnell, mein Prinzchen!

Beim ersten Kind geht ja alles noch unglaublich langsam. Tagelang sitzen die stolzen Eltern da, starren ihr Baby an und warten auf das erste Lächeln. Und wenn sie dieses endlich bekommen haben, warten sie auf das Zweite. Irgendwann wird das Lächeln zur Selbsverständlichkeit, doch das Warten geht weiter. Warten auf die erste Drehung, den ersten Zahn, die ersten Schritte, das erste Wörtchen. Von einem Entwicklungsschritt zum nächsten dauert es eine halbe Ewigkeit.

Beim zweiten Kind geht alles ein bisschen schneller, beim Dritten noch schneller und falls man bis dahin noch nicht aufgegeben hat, rennen die Eltern bei jedem weiteren Kind verzweifelt hinterher, um wenigstens noch ein paar wenige Momente der Babyzeit zu geniessen. Am Abend legst du ein Baby ins Bettchen, am Morgen ist daraus ein Krabbelkind geworden, zwei Tage später kommt es in die Schule und eine Woche später raunzt dich ein pickeliger Teenager an. Da nimmst du dir vor, jeden Tag mit deinem kleinen Prinzchen zu geniessen, ihn so lange wie möglich zu stillen und ihm alle Zeit in der Welt zu lassen mit dem Grosswerden.

Und was macht das Prinzchen? Nimmt er Rücksicht auf seine sentimentale Mama? Aber nicht doch! Warum stillen, wo Mama doch so gut kocht? Ach so, Mama hat Mühe damit, ihren Jüngsten loszulassen? Na dann, soll sie eben noch ein bisschen stillen, aber nur noch einmal am Tag und möglichst dann, wenn es dunkel ist. Sonst könnte es noch jemand sehen und ihn auslachen. Und überhaupt braucht er jetzt viel Energie, denn so langsam möchte er wissen, was es da noch alles zu entdecken gibt. Immer bei  Mama bleiben ist doch einfach langweilig.

Man sieht schon jetzt, auf was das Ganze hinausläuft. Das Prinzchen will gross sein, um mit den Geschwistern mitzuhalten; die Mama will ihn klein behalten, weil er doch ihr Jüngster ist. Und wenn er dereinst, im zarten Alter von fünfundzwanzig Jahren, von zu Hause ausziehen will, wird sie heulen und jammern, weil ihr Prinzchen sie verlassen will, obschon er doch noch so klein ist.

Luise geht ins Kino, Teil II

Ach, was war das doch für ein grossartiger Weibernachmittag! Der ganze Kinosaal voller Mamas mit ihren Töchtern, ein paar vereinzelte Papas und Brüder, die sich dem Willen der Frauen hatten beugen müssen. Und dann erst der Film! Alles rosarot, geblümt und positiv. Ein richtiger Chick-Flick für Kinder. Als Lillifees befliegbarer Kleiderschrank, vollgestopft mit rosaroten Kleidchen zu sehen war, ging ein sehnsüchtiger Seufzer durch die Reihen der Mädchen und ganz bestimmt seufzten auch einige Mamas mit.

Mitten in all dem eine selige Lusie, die aufpassen musste, dass der Kinosessel sie wegen ihres Fliegengewichts nicht in die Höhe katapultierte. Verträumt lächelnd sass sie da, kaute auf ihrem Schokoladen-Popcorn herum und fieberte mit, wie Lillifee ihre rosarote Welt rettete. Vergessen all der Kummer über die nicht vorhandene Schwester, vergessen die Angst, der Film könnte ihr schlimme Träume bescheren. Vergessen auch, dass sie ja eigentlich kein Lillifee-Fan ist. Wenn sie jetzt nur nicht ihre guten Vorsätze vergisst und sich trotzdem eine Lillifee-Bettwäsche wünscht!

Und die Mama? Die sehnte sich für einmal nicht nach ihrer „NZZ am Sonntag“ und einer deftigen politischen Diskussion – mit Gleichgesinnten, natürlich, sonst gibt’s Ärger und davon hat Mama ja schon genug. Kein Drang, die Geschlechterrollen im Film zu hinterfragen, kein Bedürfnis, die Klischees von Sockel zu stürzen. Einfach nur Freude, dass ihr der Himmel neben vier wunderbaren Söhnen auch eine wunderbare Tochter geschenkt hat, mit der sie von Zeit zu Zeit auf der rosaroten Wolke schweben darf.

Nur schade, dass der Film so kurz war. Die Mama wäre gerne noch etwas länger geschwebt, denn zu Hause wartete eine schmutzige Wohnung. Und eine Woche ohne Putzfrau.

Kann man irgendwo Lillifees Zauberstab kaufen? Der Preis spielt keine Rolle.

Luise geht ins Kino, Teil I

Seit mehr als einem Jahr ist Luise stolze Besitzerin eines Kinogutscheins. Seit etwas mehr als zwei Jahren liegt sie ihrer Mama in den Ohren, sie wolle endlich auch einmal ins Kino gehen. Nicht, dass es keine Gelegenheiten gegeben hätte. Mal wollte die Gotte sie mitnehmen. Doch Wall-E war Luise zu technisch. Und überhaupt wollte sie bei ihrem ersten Kinobesuch lieber die Mama dabei haben und die hatte keine Lust, ihr Geld für einen doofen Roboterfilm auszugeben. Ein ander Mal fragte die Freundin, die an diesem Tag gerade den „beste Freundin“-Titel trug, ob Luise mit ihr „Monsters and Aliens“ schauen wolle. Luise hatte keine Angst. Zumindest nicht davor, der Freundin zu sagen, vor einem Monster-Film habe sie furchtbare Angst und deshalb begleite sie lieber die Mama und den kleinen Bruder zur Kinderärztin.

Jetzt hat das Warten endlich ein Ende. „Prinzessin Lillifee“ ist garantiert frei von Monstern, Robotern und Spannung. Eine rosarote Welt ist genau das Richtige für ein Kind, das schon schlecht schläft, nachdem sie mit ihren Brüdern die Anfangsszene von „Shrek“ auf DVD geschaut hat.

Vor Lillifee hat Luise keine Angst. Dafür aber andere Vorbehalte. „Weisst du, Mama“, sagte sie neulich ganz abgeklärt, „eigentlich bin ich ja kein richtiger Lillifee-Fan.“ Was denn ein richtiger Lillifee-Fan sei, will ich wissen. „Also ich würde mir zum Beispiel niiiieeee eine Lillifee-Bettwäsche wünschen, oder auch keinen Lillifee-Schulsack, oder eine Lillifee-Tasse. Ich möchte nicht einmal ein Lillifee-Buch.“ Ach wie beruhigend! Dann müssen wir also nächste Woche nicht ganz aufs Essen verzichten, um uns all die Fanartikel leisten zu können. Woher allerdings Lusie weiss, was ein „richtiger“ Fan alles haben muss, möchte ich schon wissen. Immerhin hat sie bis heute noch kaum einmal Fernsehwerbung gesehen.

Heute also ist der grosse Tag, an dem Luise zum ersten Mal ins Kino geht. Wobei noch die Frage zu klären wäre, wer eigentlich wen begleitet. Denn nachdem sie mir das mit den Fanartikeln erklärt hatte, bemerkte sie grosszügig: „Weisst du, Mama, ich bin zwar kein richtiger Lillifee-Fan, aber ich komme trotzdem mit dir.“

Lachanfall

Was sind wir doch naiv! Und dies nach bald neun Jahren Elternkarriere. Karlssons bester Freund darf heute bei uns übernachten. Anfangs herrscht eine herrliche Stille im Kinderzimmer. Wir glauben schon fast, dass die beiden bereits schlafen. Bis Karlsson plötzlich fragt, wo denn sein Freund sei. Ach so, der ist im Esszimmer in ein Asterixheft vertieft. Darum die unübliche Stille. Da wir aufgeschlossene Eltern sind, die wollen, dass ihre Kinder auch mal ihren Spass haben dürfen, ermuntern wir die beiden Jungs, doch noch ein wenig miteinander zu plaudern vor dem Einschlafen. Und weil „Meiner“ gerne mal übertreibt, ruft er die Treppe hoch, sie dürften schon etwas lauter sein.

Ist „Meiner“ noch recht bei Trost? Hat er noch nie einen Lachanfall der beiden Jungs in voller Länge erlebt? Ich auch nicht, denn wenn die zwei mal losgelegt haben, können sie nicht mehr aufhören. Und deshalb wirft man sie irgendwann aus dem Haus, schickt sie in die Schule oder lässt sie Shaun das Schaf schauen, bis sie unter das Sofa fallen vor lauter Lachen. Da lacht es dann wenigstens etwas gedämpfter unter dem Sofa hervor. Aber abstellen lassen sich nicht. Es sei denn, man versuche, sie zu trennen. Dann lachen sie nicht mehr, sondern beginnen zu heulen. Und das wäre dann ja auch nicht mehr  lustig.

Arme Barbie

Wer glaubt, Skinhead-Barbie sei der Tiefpunkt gewesen, der irrt. Da lag sie heute früh auf Luises Schreibtisch, das goldverzierte Brautkleid hochgezogen, die letzten Haarstoppeln zerzaust. Unter dem Rock lugten die endlosen Beine hervor, das eine dunkelviolett, das andere blutrot, die Arme in einem scheusslichen Blau. Die Arme sah aus, als befinde sie sich im Endstadium einer fürchterlichen Krankheit. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich Mitleid für Barbie.

Da hat mein grosser Bruder, damals, vor etwa 30 Jahren, viel kürzeren Prozess gemacht. Als ich mir einmal mit endlosem Gebrüll von meiner übermüdeten Mutter eine Mini-Barbie ertrotzt hatte, schaffte es das Püppchchen gerade knapp bis nach Hause, wo es mein Bruder unverzüglich die Toilette hinunterspülte. Was ich damals als grausamen Akt grossbrüderlicher Gemeinheit missverstand, entpuppt sich rückblickend als beherzte Rettungsaktion: Er wollte Barbie bloss bewahren vor den Qualen, die sie früher oder später unweigerlich erleiden würde.

Vielleicht wird es langsam Zeit, dass ich Karlsson auf seine Pflichten als grosser Bruder aufmerksam mache. Denn den nächsten Schritt von Barbies Niedergang möchte ich nicht erleben. Wird sie jetzt nicht von ihren Qualen erlöst, dann steckt sie „Meiner“ nämlich in den Backofen und missbraucht sie für eines seiner makaberen Kunstprojekte.