Arme kleine Gäste

Verwöhnt hat er sie, alle zusammen. Hat mit ihnen gebastelt, gemalt, schöne Zvieriteller gestaltet, Witze gemacht und gesungen. Und dann, als sämtliche Freundinnen und Freunde unserer Kinder wussten, dass es bei Vendittis donnerstags am schönsten ist, weil dann der lustige Papa zu Hause ist, hat „Meiner“ seinen Stundenplan geändert. Jetzt ist er am Dienstagnachmittag zu Hause, wenn es keiner weiss und folglich auch keine Kinder Schlange stehen, um bei uns zu spielen.

Unsere Donnerstagsgäste werden dann jeweils herb enttäuscht. Die bärbeissige Mama ist zu Hause, dieser Drachen, der immer zuerst die Küche aufräumen will, bevor er mit den Kindern spielt, der immer dann nein sagt, wenn die Dinge so richtig lustig werden, der sagt, der Kühlschrank sei leer, es gebe bloss Darvida zum Zvieri, und zwar ohne Butter und Salz, weil das Prinzchen gerade gefüttert werden müsse. Einige versuchen, dennoch ein wenig Spass zu haben, fragen schüchtern, ob sie vielleicht ausnahmsweise auch mal mit mir malen dürften. Oder vielleicht einen Kuchen backen.

Meistens bin ich weise genug, nein zu sagen. Denn mit mir machen solche Sachen einfach keinen Spass, ich bin viel zu ungeduldig. Ich lulle die Kinder dann jeweils mit einer Geschichte ein, erzähle mir den Mund fusselig, bis sie vergessen haben, dass sie eigentlich hätten malen wollen und mit glänzenden Augen an meinen Lippen hängen und noch mehr Geschichten hören wollen. Manchmal aber meine ich, mir selber etwas beweisen zu müssen und den Gästen zu zeigen, dass meine Kindern nicht eine ganz so böse Mama haben, die immer nein sagt. Dann nehme ich die Teigschüssel hervor, oder die Bastelscheren oder, wenn ich ganz viele Nerven zu haben glaube, sogar die Acrylfarben.

Solche Nachmittage enden stets mit den gleichen Desaster: Die Wohnung versinkt im Chaos, ich sage noch hundertmal öfter nein als an gewöhnlichen Tagen und die Gäste sind froh, wenn sie wieder nach Hause gehen können. Wird Zeit, dass ich die Welt mal wissen lasse, dass der lustige Papa jetzt dienstags zu Hause ist und nicht mehr donnerstags.

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Eine Frage des Standpunktes

Was ist eigentlich eine Grossfamilie? Dies ist eine Frage, die mich seit Längerem beschäftigt und die für mich deshalb besonders wichtig ist, weil ich mir eigentlich gar nicht so sicher bin, ob ich dieses Blog als „Grossfamiliengroove“ verkaufen darf. Nun ja, bei uns groovt es tüchtig, aber macht uns das zur Grossfamilie? Ich habe nämlich immer das Gefühl, wir hätten gar nicht so furchtbar viele Kinder. Andere haben mehr. Okay, noch viel häufiger sind die anderen, die weniger haben. Doch für mich sind es dennoch nicht  besonders viele Kinder, bin ich doch selber die Jüngste von Sieben. Grossfamilie beginnt folglich für mich erst ab acht Kindern. Alles andere liegt unter der Norm, die mich von Geburt an geprägt hat.

Dennoch werde auch ich furchtbar nervös, wenn ich von Familien lese, die neun, zehn oder gar elf Kinder haben. Wie schaffen die es, sich die Namen ihrer Kinder überhaupt noch zu merken?, frage ich mich. Umgekehrt werden solche Grossfamilieneltern wohl ziemlich ärgerlich, dass ich es wage, unsere Handvoll Kinder als Grossfamilie zu bezeichnen. „Was wissen diese Anfänger schon vom Leben in einer Grossfamilie?“, werden sie fragen und sie haben ja gar nicht so unrecht. Ich weiss ja wirklich nicht, wie es ist und wenn ich meine schwachen Nerven anschaue, will ich es auch gar nicht herausfinden.

In den Augen von gewissen Extremisten aber, die fordern, dass man die Kinderzahl auf zwei pro Paar beschränken soll, erscheint unsere Familie als riesig. Und wie wir an anderer Stelle bereits erörtert haben, leidet bekanntlich die „Kinderqualität“, wenn man nicht sorgsam darauf achtet, nur die edelsten Exemplare heranzuzüchten. Da handeln Leute wie „Meiner“ und ich, die sich ohne grosse Gen-Checks frischfröhlich vermehrt haben, schon fast fahrlässig. Für gewisse Kreise sind wir also nicht bloss eindeutig zu den Grossfamilien zu zählen, sondern gleichzeitig auch zu den Auswüchsen, die unserer Gesellschaft schaden.

Es ist also, wie fast immer, eine Frage des Standpunktes, ob man sich nun als Grossfamilie bezeichnen darf/muss oder nicht. Deshalb behalte ich frech den Titel meines Blogs bei. Auch wenn ich mich an Tagen, an denen ich eine volle Stunde alleine und ungestört durchs Dorf spazieren kann, frage, ob ich denn tatsächlich Kinder habe, oder ob ich mir alles bloss eingebildet habe.

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Logenplatz

Das ist doch einfach perfekt: Just zum Zeitpunkt, in dem der Zoowärter ins „Bob der Baumeister“-Alter kommt, reissen die vor unserem Haus das Trottoir auf und zwar auf der gegenüberliegenden Strassenseite, so dass man bequem von unserem Balkon aus zuschauen kann, wie die Bauarbeiter malochen.

Wer jetzt fragt, was denn so toll sei an einer Baustelle vor dem Haus, hat ganz offensichtlich noch nie einen kleinen Jungen von fast drei Jahren näher gekannt, geschweige denn bemuttert oder bevatert. Hat man so einen kleinen Jungen, nimmt man Baustellenlärm, Baumaschinen, die die Strasse versperren und Bauarbeiter, die fluchen, noch so gerne in Kauf, am allerliebsten direkt vor der Haustür, denn das ist am zeitsparendsten. Was bin ich doch damals mit Karlsson von Baustelle zu Baustelle gepilgert, habe alles zu Hause stehen und liegen gelassen, nur damit er die Bagger, Walzen und Bauarbeiter in Natura sehen konnte! Und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten dasselbe nochmals.

Jetzt hingegen kann ich in aller Ruhe meiner Arbeit nachgehen, währenddem sich der Zoowärter am Schauspiel auf der Strasse so richtig statt sehen kann. Bequemer geht’s nicht. Ausserdem wird mir die Rolle des Bauarbeiter Groupies erspart. Bei gewissen Mamas weiss man ja nie, ob die Kinder die Mamas wegen der Maschinen zum Stehenbleiben zwingen, oder die Mamas die Kinder, wegen der braungebrannten Bauarbeiterrücken.  Da ich mich aber noch nie sonderlich für braungebrannte Bauarbeiter interessiert habe, bin ich dankbar, dass ich für einmal nicht daneben stehen muss, wenn mein kleiner Junge nicht mehr mitkommen will, weil es auf der Baustelle so schön ist.

Das wäre doch alles wirklich perfekt, wenn nur der Zoowärter sich mehr für Baustellen interessieren würde. Aber seine Leidenschaft für Bob de Boumaa beschränkt sich auf die Kleider. Da hüllt er sich von Kopf bis Fuss in „Can we do it? – Yes, we can!“-Klamotten, wirft ab und zu einen müden Blick auf die Bagger vor dem Haus und verbringt den Rest des Tages mit seinen Stofftieren. Deshalb habe ich beschlossen, unseren Logenplatz zu vermieten. Die Mamas sind herzlich eingeladen, meinen Haushalt auf Vordermann zu bringen, währenddem ihre kleinen Jungen sich den Wanderzirkus vor unserem Haus anschauen.

Wie bitte? Sie wollen wissen, weshalb die Mamas bei mir helfen müssen und nicht einfach Kaffeee trinken dürfen? Nun, so ein Logenplatz hat eben seinen Preis, ist doch klar.

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Ade, du kleine heile Welt

Bevor ich hier loslege, muss ich eines klarstellen. Ich gehöre nicht zu jenen Müttern, die an das Prinzip „Kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder grosse Sorgen“ glauben. In meinen Augen gibt es nichts Gemeineres, als einer übernächtigten, überforderten und vom schlechten Gewissen geplagten Mutter eines Kleinkindes zu sagen, dass das, was ihr so zu schaffen mache, überhaupt nicht schlimm sei, sie werde dann sehen, was ihr blühen werde, wenn die Kinder erst mal gross seien. Das ist nämlich gleich zweifach unfair: Erstens nimmt man die Probleme der Mutter nicht ernst und zweitens nimmt man ihr allen Mut für die Zukunft. Wenn ich jetzt also zu jammern beginne, wie schwer es mir fällt, von der Kleinkinderwelt Abschied zu nehmen, will ich damit keineswegs sagen, die Kleinkinderwelt sei immer nur rosarot und himmelblau.

Jetzt, wo dies klargestellt ist, kann ich ja hemmungslos klagen, dass Karlsson und Luise langsam gross werden und mir neue Probleme ins Haus bringen, von denen ich zwar schon gelesen habe, die ich aber in der Praxis noch nicht habe lösen müssen. Wie soll ich zum Beispiel damit leben können, dass Luise mich plötzlich jedesmal schräg ansieht, wenn ich ihr rosarote Kleider anschleppe? Mein einziges Mädchen fühlt sich zu gross für Rosa! Bald schon wird sie wohl schwarz gekleidet und gepierct vor mir stehen!

Oder nehmen wir die Sonntage. Bis vor zwei Wochen war alles noch so einfach: Sonntag ist Familientag, wir bestimmen gemeinsam, was wir machen und mit Klassenkameraden abgemacht wird am Sonntag grundsätzlich nicht. Ja, und jetzt stehen da plötzlich Luises Freundinnen vor der Tür und wollen, dass sie rauskommt. Uns Eltern bleibt die Wahl zwischen einer übellaunigen Luise, die sehnsüchtig vom Balkon aus ihre Freundinnen beobachtet und nichts mit uns zu tun haben will oder einer Luise, die wir sonntagnachmittags nur noch von Weitem zu sehen bekommen.

Dann wäre da noch die Technik. Bis anhin waren der Computer, das Handy und der Fernseher die Domäne von Mama und Papa. Okay, unsere Kinder haben zum Glück noch immer nicht begriffen, dass man sich am Fernseher rund um die Uhr Mist anschauen könnte, doch beim Handy und dem Computer sind sie kräftig am Aufholen. So weckte mich heute Karlsson mit meinem Handy in der Hand, auf dem Display irgend ein Spiel mit Bomben, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existiert, geschweige denn auf meinem Handy installiert ist. Ein paar Tastendrucke später sieht sich Karlsson mit der Frage konfrontiert, ob er noch weitere Spiele auf mein Handy laden wolle. Spätestens jetzt war ich hellwach und zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, dass ich für die nächsten zwanzig Jahre hellwach werde bleiben müssen, wenn ich nicht will, dass meine Kinder vor die Hunde gehen.

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Ausgestellt

War das mal wieder ein Auftritt! Zuerst war ja alles glatt gelaufen: Die ganze Familie stand geputzt und gestriegelt zum Abmarsch bereit, – ich hatte sogar noch die Zeit gefunden, meine Ersatz-Tussischuhe anzuziehen, – und für einmal sah es ganz so aus, als würden wir  ohne Gehetze den Weg zur Bushaltestelle unter die Füsse nehmen können. Die glückliche Grossfamilie auf dem Weg zur Kirche. Sind sie nicht hinreissend?

Doch wie immer, wenn alles zu perfekt läuft, kommt etwas dazwischen. Diesmal wahren es Karlssons Finger, die zwischen die Tür kamen und deshalb verarztet werden mussten. Und so kam es, dass „Meiner“ nicht rechtzeitig fertig war und mit dem Auto zum Gottesdienst fuhr, während ich mich mit den fünf Rabauken im ÖV abplagte. Ja, und dann hatten wir eben unseren Auftritt. Nun ja, eigentlich hätte es „Meinem“ schon noch auf den Bus gereicht, doch da er kein Münz mehr im Portemonnaie hatte, musste er nochmals nach Hause rennen und da reichte es dann eben doch nicht mehr.

Und ausgerechnet heute musste  der Bus gerammelt voll sein mit Leuten, die entweder keine Kinder haben, oder die zwar mal Kinder hatten, die aber alles besser gemacht haben und die einem dies auch ohne Worte zu spüren geben. Allein die Tatsache, dass der Bus voll war,  ist  eine Unverschämtheit, denn der Neunuhr-Bus ist am Sonntag eigentlich reserviert für uns und unserer Freunde mit den vier Kindern. Die anderen sollen gefälligst früher oder später fahren. Doch weil  heute all die Unbefugten im Bus sassen, fanden unsere Kinder nicht auf Anhieb einen Sitzplatz und da ich ja nicht wildfremde Buspassagiere anbrüllen kann, musste ich eben meine Kinder anbellen, sie sollten sich endlich irgendwo hinsetzen. In der Hoffnung natürlich, dass irgend einer so nett wäre, meinem taumelnden Zoowärter einen Platz anzubieten. Was aber nicht geschah, so dass ich, auf meinen Keilabsätzen schwankend, mitten im Bus einen brüllenden Zoowärter auf dem Arm halten, des Prinzchens Karosse festhalten  und den anderen Fahrgästen Platz machen musste, weil diesen unmöglich zugemutet werden konnte, dass sie im vorderen Teil des Buses sitzen.

So standen wir da, ausgestellt auf dem Podest, auf die Kritik wartend, die da kommen würde. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis eine ältere Frau mich darauf hinwies, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat  noch etwas schmutzig seien im Gesicht. Ist doch nett, dass wenigstens jemand sich darum kümmert, dass unsere Kinder sauber zur Kirche gehen.  Auch die anderen Kritiker hielten sich nicht zurück, doch da sie sich auf böse Blicke und ein leises Tuscheln beschränkten, weiss ich leider nicht, was ich sonst noch alles falsch gemacht habe.

Dass ich nach so einer Busfahrt nicht mehr in der andächtigsten und frömmsten Stimmung war, ist ja wohl verständlich. Zum Glück glaube ich an einen Gott, der nichts dagegen hat, dass man von Zeit zu Zeit mal wütend wird, sonst müsste ich nächsten Sonntag mit Erbsen in den Schuhen zur Kirche pilgern. Was zwar unbequem und bei meinen Ersatz-Tussischuhen beinahe unmöglich wäre, aber immerhin den Eisbären nicht schaden würde.

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Eisbärenkrise

Die Eisbärenkrise ist noch nicht durchgestanden, auch wenn „Meiner“ vorgestern tatsächlich noch lange an Karlssons Bett gesessen hat und versucht hat, ihn zu trösten. Leider aber hat dies nichts geholfen. Noch immer beginnt Karlsson jedes zweite Gespräch mit „Ich will aber nicht, dass es keine Eisbären mehr gibt“, noch immer bricht er unvermittelt in Tränen aus, wenn er seinen abgeliebten Plüscheisbären zu lange anschaut.

Doch immerhin sucht er jetzt nach Lösungen. Die erste war, alle zu erschiessen, die für die Klimaerwärmung verantwortlich sind. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon überzeugen, dass es nicht gerade besonders nett wäre, die gesamte Erdbevölkerung zu eliminieren um so die Eisbären zu retten. Irgendwann glaubte er mir und kam zum Schluss, dass er dann eben alle erschiessen wolle, die all die blöden Erfindungen wie Autos, Flugzeuge und dergleichen gemacht haben.  Nun, abgesehen davon, dass wir „Meinem“ sei Dank keine Schusswaffen im Haus haben, – er hat sich erst einbürgern lassen, nachdem er sicher war, dass er nicht mehr in die RS muss, – wäre es ja auch völlig sinnlos, Tote zu erschiessen. Denn diejenigen, die uns den ganzen Schlamassel eingebrockt  haben, haben sich ja schon längst aus dem Staub gemacht, bevor sie sehen mussten, was sie mit ihrem grenzenlosen Optimismus angerichtet haben.

Inzwischen haben wir zur Abmachung durchgerungen, dass wir, sollte es mit der Klimaerwärmung so weitergehen, in unserem Garten ein Gehege für die letzten Eisbären einrichten. Bis dahin haben wir hoffentlich noch etwas Zeit, uns in der Eisbärenpflege weiterzubilden. Ja, und dann müssen wir uns natürlich auch noch um die Braunbären kümmern. Denn wenn die Eisbären bedroht sind, fürchtet der Zoowärter, dass gleich danach seine Lieblingstiere, die Braunbären dran sind.  Einzig Luise ist derzeit gänzlich unbesorgt: Bis ihre Lieblingstiere, die Karnickel, aufhören, sich zu vermehren, braucht es wohl mehr als eine Klimaerwärmung.

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Ein bisschen mehr Toleranz, bitte!

Habe ich denn gestern ein Theater veranstaltet, als Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nachts um halb zwölf mit Papa von der Open-Air-Kinovorführung nach Hause kamen? Nein, habe ich nicht. Ich habe gelächelt, habe gefragt, wie der Film war und die Kinder ohne nur den leisesten Anflug einer Ermahnung umgehend ins Bett geschickt. Und dies, obschon sie für die heutige Einsegnung des Prinzchens hätten fit sein sollen. Ich war das Musterbeispiel der toleranten Mutter, die ihren Kindern auch mal eine Ausnahme erlaubt, die ihnen die Freude gönnt, auch wenn dies beinhaltet, dass sie sich den Bauch nach dem Abendessen mit Zuckerwatte, Popcorn und Crêpes füllen.

Doch was ist der Dank, den ich für meine Toleranz bekomme? Ein Geschrei am nächsten Abend, weil die Kinder ausnahmsweise schon um Viertel nach sieben und nicht erst um acht ins Bett müssen. „Aber Mama, du hast uns versprochen, dass wir nie früher als um halb acht im Bett sein müssen!“, brüllt Karlsson. Habe ich das wirklich jemals versprochen? Und wenn auch: Habe ich gestern etwas gesagt, als sie drei Stunden und dreissig Minuten später als gewöhnlich im Bett waren? Da wird man fünfundvierzig Minuten zu früh wohl noch verkraften können. Wo bitte bleibt deine Toleranz, mein lieber Karlsson?

Doch der sonst so vernünftige Karlsson lässt sich nicht überzeugen, dass dies auf zwei Tage verteilt immer noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten ausmacht, die er widerrechtlich ausserhalb des Bettes verbracht hat. Muss ich ihm jetzt wirklich eine Lehre erteilen und die schlaflosen Minuten, die er auf Vorschuss erhalten hat, wieder einziehen, indem ich ihn bis Freitag jeden Abend eine halbe Stunde zu früh ins Bett schicke?

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Naiv

Jetzt bin ich aber wahrhaftig tief gesunken. Jahrelang habe ich jeglichem Lärmspielzeug getrotzt. Habe mich geweigert, all den überteuerten Mist zu kaufen, den man den Eltern andrehen will, weil sie bekanntlich für ihre einzigartigen Sprösslinge keine Kosten scheuen. Habe gewettert gegen all die gewieften Geschäftemacher, die jeden Plastikhaufen zu einer Goldgrube für ihr Geschäft machen, indem sie ihm das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ aufstempeln. Und heute, am 24. August 2009, bin ich eingeknickt, habe mich der Macht der Werbung gebeugt, habe mich wider alle Vernunft verführen lassen von leeren Versprechungen und habe dem Zoowärter ein Musik-Töpfchen bestellt. Ja, so ein doofes Ding, das beim Pinkeln das Geräusch von Wasserrauschen von sich gibt und nach vollendeter Tat das Kind mit einem Liedchen, das garantiert blechig und falsch klingen wird, belohnt.

Wer mich kennt, wird daraus den richtigen Schluss ziehen: Ich bin verzweifelt. Ich habe es einfach satt,  Tag für Tag rund zehnmal Windeln zu wechseln, zwei übervolle Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben, Woche für Woche eine, in schlimmen Zeiten sogar zwei Tuben Wundschutzcrème zu verbrauchen. Das Fass zum Überlaufen brachte eine Bekannte, die mich neulich fragte, wie viele Windeln ich wohl in den letzten Jahren gewechselt hätte. Als ich mir auszumalen begann, wie viele Bücher ich in dieser Zeit hätte lesen können, wurde mir bewusst, dass jetzt wirklich langsam Schluss sein muss. Zumindest für den Zoowärter, das Prinzchen darf sich noch etwas Zeit lassen.

Ich hatte ja auf den Sommer und auf meinen schlauen Zoowärter gehofft. Ein Kind, das im zarten Alter von zweieinhalb schon perfekte Passiv-Sätze konstruiert und mal ganz nebenbei den Konjunktiv anwendet, wird wohl keine Mühe haben, sich der Windel zu entledigen, dachte ich. Aber egal, wie gut ich ihm zurede, er will einfach nicht wahrhaben, dass grosse Jungen keine Windeln mehr brauchen. Ich muss euch doch bitten, ihr erfahrenen Mütter, hört auf, über mich zu lachen! Ich weiss, ich bin hoffnungslos naiv. Noch immer, obschon doch schon der FeuerwehrRitterRömerPirat „Ave Caesar, morituri te salutant“ vor sich hinbrabbelte, währenddem er sich mit stoischer Ruhe in die Hose machte.

Ob ich denn nicht weiss, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht? Aber natürlich weiss ich es. Doch lasst mich wenigstens einmal glorreich scheitern mit meinen Ambitionen. Gewöhnlich dränge ich ja meine Kinder nicht,  also darf ich für einmal eine Ausnahme machen. Ausserdem lässt sich das Töpfchen ja auch als Fussschemel benützen und von denen brauchen wir dringend einen Zweiten. Aber warum überhaupt ausgerechnet ein Musik-Töpfchen? Hätte es nicht auch ein leiseres Modell getan? Nun, der Zoowärter hört so gerne Bach und singt den ganzen Tag „Det äne am Bergli“. Da müssen wir doch die musikalische Früherziehung noch etwas weiter pushen, sonst wird nie ein Genie aus ihm… :-)

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Serenade

Der Zoowärter kann nicht einschlafen. Und wenn er nicht einschlafen kann, sorgt er dafür, dass auch keines seiner Geschwister zur Ruhe kommt. Sonst hat er ja niemanden zum Spielen. Damit dennoch endlich Stille herrscht in den Kinderzimmern, hole ich ihn zu mir auf den Balkon. Wir betrachten den wolkenlosen Abendhimmel, schauen zu, wie ein paar Vögel ihre Kreise ziehen, staunen darüber, wie die Sterne zu leuchten beginnen. Und bald schon singen wir Schlaflieder. Eine Sternstunde wie sie im Bilderbuch steht, einer jener Momente, die das Muttersein zur schönsten Sache auf der Welt machen, an Romantik nicht zu übertreffen.

Wo gesungen wird, ist auch Karlsson nicht weit und schon bald sitze ich mit zwei Söhnen auf dem Balkon und geniesse den Feierabend. Es dauert nicht lange, da steht auch Luise da und wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht schon längst im Land der Träume wäre, liesse auch er nicht lange auf sich warten. Jedes Kind bringt seine Liederwünsche an und ich bin mir nicht zu schade „S Ramseiers wei go grase“, „Jesus hät mi lieb“ und „Schlaf mein Kind ich wieg dich leise“ in die Abenddämmerung hinaus zu singen. Ist mir doch egal, was die Nachbarn denken. Nur wenn der Zoowärter „das vo de Chue“ verlangt, stelle ich mich taub. „Mir Senne heis luschtig“ singe ich nämlich nur hinter schalldichten Wänden, und wenn mich die Kinder auf Knien anflehen.

Je länger die Serenade dauert, desto unromantischer werden die Liederwünsche. Spätestens bei „Es wott es Fraueli z Märit ga“ kippt die Stimmung. Was die Kinder alles kennen ist erschreckend: „Lustig ist das Zigeunerleben“, „Das alte Haus von Rocky Docky“ und „An den Ufern des Mexico Rivers“. Wenn ich den Kerl erwische, der unseren Kindern diese Schweinereien beigebracht hat… Zum Glück kann ich so tun, als wüsste ich die Texte nicht mehr. Jetzt aber schnell ab ins Bett mit den Knöpfen, bevor sie noch Schlimmeres wünschen! Sonst wähnen sich die Nachbarn gegenüber im Musikanten Stadl und beginnen zu schunkeln.

Die Glucke und ich

Nein, als die klassische Glucke würde ich mich nicht bezeichnen. Ich muss nicht jeden Schritt meiner Kinder überwachen, muss auch nicht rund um die Uhr mit ihnen zusammen sein und Händchen halten. Aber vor Tagen wie morgen wird mir jeweils klar, dass da irgendwo, tief in mir drinnen, doch eine Glucke schlummern muss.

Luise kommt in die Schule. Was dazu führt, dass ich schon Wochen vorher davon träume, wie ich flennend auf dem Pausenplatz stehe. Und ganz bestimmt werde ich das morgen auch tun, denn meine einzige Tochter ist endgültig kein Baby mehr. Auch kein Kleinkind. Jetzt will sogar schon fast kein Rosa mehr tragen. Schrecklich, nicht wahr? Da freut man sich jahrelang auf den Tag, an dem Luise lesen und schreiben kann und plötzlich taucht die Glucke auf, die einem leise ins Ohr flüstert, dass es nach dem ersten Schultag noch zwei, vielleicht drei Wochen geht, bis das Kind erwachsen ist und nichts mehr von Mama wissen will.

Aber es kommt noch schlimmer. Morgen geht nämlich der FeuerwehrRitterRömerPirat zum ersten Mal in den Kindergarten. Eben noch habe ich ihm die Windeln gewechselt – und ach, was bin ich froh, dass ich das nicht mehr tun muss! – und schon muss ich schauen, wie ich die Zeit am Morgen ohne ihn totschlagen kann. Bisher hat er nämlich immer dafür gesorgt, dass mir keine Sekunde langweilig war. Weil er sonst das Bad unter Wasser setzte, Kacke in die Ecke schmierte oder schmutzige Windeln aus dem Dachfenster schmiss. Sorry, das war unappetitlich, aber es ist leider die ganze Wahrheit. Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich aber an seinen freien Vormittagen auch immer wieder aufs Sofa gelockt, wo wir zusammen Bücher erzählt, Lieder gesungen und die Welt verbessert haben. Das alles dürfen jetzt die Kindergärtnerinnen mit ihm tun. Ich fürchte (und hoffe zugleich), dass die etwas schwierigere Seite meines dritten Kindes weiterhin mir überlassen bleibt.

Als wäre das alles nicht genug, um die Glucke in mir aufzuschrecken, kommt Karlsson morgen in die dritte Klasse. Erst gestern noch war ich selber in der dritten Klasse und jetzt ist schon mein Ältester soweit. Noch einmal die läppischen neun Jährchen, die ich jetzt schon Mutter bin und Karlsson ist volljährig. Grössere Füsse als ich hat er jetzt schon und übermorgen wächst er mir über den Kopf.

Was mich an dem Ganzen am meisten befremdet, ist, dass sich die Glucke im Bezug auf die Kleinsten vollkommen still hält. Das Prinzchen versucht, ohne fremde Hilfe zu stehen? Die Glucke schert sich einen Dreck darum. Er will keinen Brei mehr essen? Ist der Glucke doch völlig egal. Der Zoowärter kommt in die Spielgruppe? Beschimpft zum ersten Mal seinen Erzeuger als „domme Papa“? Die Glucke verschliesst die Augen ob der Tatsache, dass auch der Zweitjüngste von Tag zu Tag unabhängiger wird. Sie lässt es klaglos zu, dass Mama über jeden Fortschritt jubelt, dass sie sich über jedes Fetzchen wiedergewonnener Unabhängigkeit freut. Die Glucke wird sich erst dann wieder zu Wort melden, wenn auch die beiden Kleinen nicht mehr wirklich klein sind.

Das wird dann wohl der Tag sein, an dem ich zum ersten Mal erwähnen werde, dass ich ganz gerne ein Enkelkind hätte…