Prioritäten

Vielleicht hat sich nach meinem gestrigen Beitrag der eine oder die andere LeserIn gefragt, weshalb ausgerechnet ich zuständig sein soll für herumliegendes Spielzeug und partnersuchende Schuhe. Und es stimmt ja auch: Meistens bin nicht ich diejenige, welche die Sachen liegen lässt. Aber es ist nun mal so, dass auch meine Kinder Prioritäten setzen. Und sonderbarerweise steht Aufräumen ziemlich weit unten auf ihrer Prioritätenliste, gleich nach den Posten „Impfungen“, „Zähne ziehen“ und „Rosenkohl essen“. Düstere Aussichten für unseren Haushalt also.

Noch düsterer sieht es aus, wenn man bedenkt, dass Karlsson und Luise mir jetzt schon in den Ohren liegen, sie möchten auch „endlich“ bloggen. Was, wenn wir dereinst alle unser Dasein hinter dem Bildschirm fristen?

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Was darf’s denn sein, mein Prinzchen?

Des Prinzchens erster Geburtstag naht und so langsam wird es Zeit, dass ich mich mal bei Ricardo umschaue. Nur so als Inspiration. Ich habe ja keine Ahnung, was man einem Einjährigen schenken könnte…

Tja, bei Ricardo gäbe es da so einiges. Zum Beispiel das „Hüpfpferd, Hüpf-Pferd. Hüpf Pferd“. Ist in perfektem Zustand, aber wenn das Ding genauso sprunghaft ist wie die Orthographie des Verkäufers ist das wohl nichts für unser Prinzchen. Der steht ja noch nicht einmal ganz sicher auf seinen Beinchen. Vielleicht wäre der „Winnie the Pooh auf fahrende Schildkröte“ besser geeignet, da bestimmt etwas langsamer. Sieht aber nicht nur langsam, sondern auch langweilig aus. Noch langsamer ist bestimmt der „Spielzeug schneck“. Aber vielleicht kriegt das Prinzchen einen Schreck, wenn wir ihm einen Schneck schenken. In der Menagerie der Spieltiere gibt es auch noch das „Lernlauf Hündli“. Was aber, wenn das Lauflern-Tier einen Leerlauf hat und das Prinzchen auf wackeligen Beinchen stehen lässt? Lassen wir’s lieber bleiben, suchen wir weiter.

Da wäre ein „Schwein mit Lärm“ günstig abzugeben. Normalerweise wird Lärm bei Spielzeugen ja so wunderbar euphemistisch umschrieben: „Spielt zehn verschiedene Melodien“, oder „lustige Töne auf Knopfdruck“, oder „fördert die musikalische Früherziehung“. Wenn aber der Verkäufer das Ding bereits „mit Lärm“ anbietet, muss es wirklich laut sein. Also nichts für unsere sonst schon eher laute Familie. Dann kaufe ich vielleicht doch lieber „viele spielzeug für kleine kind“. Oder was halten Sie von folgendem Angebot: „Kinder bis 36 Mte. Fr. 1.-, gebraucht“? Da erzählt man den Kindern immer, sie wären unbezahlbar und ein anderer bietet seine für einen Franken bei Ricardo an? Nein, so schlimm ist es nicht. Wenn man ganz genau hinsieht, findet man den Vermerk „wagen den man zusammenklappen kann (barbiespielzeug)“.

Nun, mitten in all dem Kram finde ich dann doch noch einige Angebote, die mir zusagen. Pessimistisch, wie ich nun mal bin, biete ich auf alle. Bleibt zu hoffen, dass ich beim einen oder anderen überboten werde. Sonst ersäuft das Prinzchen am ersten Geburtstag in seinen Geschenken.

Wobei. Eigentlich möchte ich nicht überboten werden. Denn das Babyzeug ist so unglaublich hübsch (hätte fast „süss“ geschrieben, aber ganz so schlimm steht’s noch nicht um mich), dass ich unbedingt alles haben muss.

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Sind das wirklich meine Kinder?

Es könnte zum Heulen sein: Das gesamte Ausflugsprogramm, das wir für diese Woche geplant hatten, ist ins Wasser gefallen. Die Bergbahnen sind geschlossen oder noch nicht fertig gebaut, die Museen, von denen man gelesen hatte, sind unauffindbar, die Touristenattraktionen ruhen sich aus, bevor die Wintersaison beginnt. Das alles stört unsere Kinder nicht im Geringsten. Es gibt hier ja massenhaft winzige Molche und Frösche. Sie bauen ihnen Teichlein aus Suppenschüsseln, lassen sich die Tierchen  über die Arme krabbeln und küssen sie, so wie es sich für jedes Kind gehört, das die Geschichten aus Bullerbü kennt. Nicht, dass ich etwas gegen das Küssen von Fröschen hätte. Besser, die Kinder tun es jetzt und nicht dann, wenn sie erwachsen sind und meinen, sie müssten jeden dahergelaufenen Frosch, jede dahergelaufene Kröte küssen, in der Hoffnung, es werde ein Prinz oder eine Prinzessin daraus. Hat man in der Kindheit genug Frösche geküsst, braucht man es vielleicht später nicht mehr zu tun. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob die Fröschchen auch wirklich geküsst werden möchten. Und ich glaube auch, dass das Fröschchen mit dem verletzten Bein ganz gut ohne das „Grasbein“ auskommen kann, welches Karlsson ihm verpassen wollte, „weil die Piraten ja auch Holzbeine haben, wenn ihnen ein Bein fehlt.“

Auch „Meiner“ ist vollkommen fasziniert von den kleinen Hüpfern, wenn auch eher von den Toten. Er bwahrt sie im Eiswürfelfach auf, fotografiert sie, studiert ihren Körperbau und erschreckt mich ein ums andere Mal fast zu Tode indem er mir das Getier unter die Nase hält oder es auf einem Teller liegen lässt. Und wiedermal bin ich die Memme in der Familie. Denn während alle anderen über die „goldenen Augen“, die „süssen Beinchen“ und die „unglaublich zarte Haut“ staunen, kreische ich wie ein hysterischer Teenager, wenn sie mir zu nahe kommen mit den Fröschen und Molchen. Okay, von ferne besehen sind sie ja ganz hübsch und ich weiss auch, dass sie nicht gefährlich, nicht glitschig und nicht giftig sein sollen. Aber für eine Memme wie mich sind Frösche auf dem Küchentisch einfach zu viel des Guten. Wer weiss denn schon, wohin überall die hüpfen, wenn sie mal losgelassen sind?

Also ziehe ich mich vorübergehend von meiner Familie zurück und wende mich dem „Spiegel“ zu. Bei Buchstaben muss ich wenigstens keine Angst haben, dass sie mir ins Gesicht hüpfen, wenn ich ihnen zu nahe komme.

Ach und übrigens: Die Frösche auf dem Bild waren schon tot, als „Meiner“ sie gefunden hat. Nicht dass man ihn der Tierquälerei bezichtigt…

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In kulinarischen Tiefen

Weil er heute Geburtstag hat, darf „Meiner“ auswählen, wo wir zu Mittag essen. Ich, die ich sonst an jedem Lokal etwas auszusetzen habe, verspreche hoch und heilig, mitzukommen, wo immer er hin will. Und den Kindern verbiete ich jedes Gemotze. Zur Wahl stehen Crêperies, Brasseries, Cafés, Chinesische, Japanische,  Italienische und Indische Restaurants, Sandwich-Bars, Raclette oder Fondue. Und McDonald’s. Die Kinder sind zu jedem Abenteuer bereit, sie würden sogar bei „Super U“ einen lebenden Hummer kaufen, Sushi  kosten oder mit einem trockenen Sandwich Vorlieb  nehmen. Aber „Meiner“ kann sich einfach nicht entscheiden, druckst herum und irgendwann gesteht er mir, – auf Englisch, damit die Kinder nichts verstehen,- dass er eigentlich am liebsten zu McDonald’s gehen würde.

Ich traue meinen Ohren nicht. Das darf doch nicht wahr sein! Da befinden wir uns mitten im Schlaraffenland der Savoyischen Küche  und „Meiner“ will Fast Food. Ein verspäteter Trotzanfall? Eine sich anbahnende Midlife-Crisis? Zaghaft bereite ich die Kinder darauf vor, dass ihnen ein Essen bei McDonald’s bevorsteht. Betretenes Schweigen von Seiten der Kinder. „Wenn ihr einen besseren Vorschlag bringt, lässt sich Papa vielleicht umstimmen“, versuche ich sie zu trösten. Aber „Meiner“ lässt sich von nichts überzeugen, nicht einmal von dem hübschen Lokal mit dem riesigen Plüscheisbären im Eingang, der unsere Kinder magisch anzieht. Schliesslich landen wir doch beim Fastfood-Riesen, die Kinder trotteln etwas betreten hinter „Meinem“ her, bestellen artig ihr Happy Meal und zeigen sogar so etwas wie Freude an dem Spielzeug, das sie in fünffacher Ausführung mit nach Hause nehmen. Weil keiner das Geburtstagskind enttäuschen will, spielen wir alle artig mit. Das ist eine Regel, die bei uns für alle Geburtstagskinder gilt, und seien die Wünsche noch so abwegig.

Wenigstens, meinen Karlsson und Luise, als wir im strömenden Regen zurück zur Ferienwohnung gehen, sei dies die schönste McDonald’s-Filiale gewesen, die sie je gesehen hätten. Na, immerhin etwas…

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The Baby-Whisperer oder ein Loblied auf „Meinen“

Wie macht er das bloss? Da plage ich mich Stunde für Stunde mit einem schlaflosen Prinzchen ab, suche Nuggis, Schmusetücher  und Schoppenflaschen, flüstere beruhigende Worte, streichle ihm übers Haar und das Prinzchen heult weiter. Wer mich kennt, weiss, dass ich in Sachen schlaflose Babys vollkommen unerfahren bin und dies trotz fünf Kindern. Da bin ich also, völlig entnervt, mitten in der Nacht und weiss nicht mehr ein noch aus. Die volle Windel ist entsorgt, das Prinzchen wieder trocken angezogen, pappsatt und bestens umsorgt. Und dennoch heult der Kleine weiter.

Bis „Meiner“ die Szene betritt. Er, der wegen seines heutigen Geburttags eigentlich gar nicht aufstehen dürfte, bringt dem Baby eine Gummiente, murmelt ein paar nette Worte und das Prinzchen ist still. Solange, bis er merkt, dass Papa wieder weg ist. Dann geht das Geheul wieder los. Bis „Meiner“ wieder da ist. So geht das immer weiter, bis der Morgen graut und „Meiner“ das Prinzchen zu einem Frühspaziergang mitnimmt.

Ja, er ist ein wahrer Superman, „Meiner“. Und dieses Prachtsexemplar von einem Mann feiert heute seinen 35. Geburtstag. Endlich – sonst müsste ich mir noch lange die doofen Sprüche über mein forttgeschrittenes Alter anhören. Weil „Meiner“ also heute Geburtstag hat, hier mein Loblied: Ohne ihn hätte ich nicht so viele Kinder. Nicht bloss, weil kein anderer dazu bereit gewesen wäre, so viele mit mir zu zeugen, sondern, weil kein anderer ein so guter Vater wäre. Und vor allem,  weil kein anderer es schaffen würde, mir immer wieder auszuhelfen, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, mir immer wieder zu bestätigen, dass noch mehr in mir steckt als eine Mama, die nicht alles im Griff hat.

Aber natürlich hat auch Superman seine Schattenseite: Hätte „Meiner“ gestern Abend den richtigen Sauger auf des Prinzchens Flasche geschraubt, wäre das Baby heute nacht auch nicht so nass geworden und wir hätten uns das ganze Drama sparen können. Aber wir wollen nicht kleinlich sein, sondern zu Ehren des Tages alle Fehlerchen übersehen und „Meinen“ so richtig feiern. Er hat es verdient.

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Da bin ich aber erleichtert

Nachdem  ich  gestern noch befürchtet hatte, ich müsste  mich jetzt, wo ich 35 geworden bin, zum alten Eisen zählen, habe ich mich heute wieder etwas beruhigt. Ich weiss jetzt, dass ich jung bin. Und auch meine Familie ist nicht überdurchschnittlich gross.  Sie ist „une jolie petite famille“ und „la maman est tellement jeune“. Für nicht Französischsprechende frei übersetzt: Ich bin jung und knackig und habe eine wunderschöne Kleinfamilie. Habe ich alles heute früh beim Einkauf erfahren.

Sollte also wiedermal einer sagen, „Meiner“ und ich hätten zu viele Kinder, dann können wir ihm jetzt entgegenhalten, mit fünf Kindern gelte man in Frankreich als Kleinfamilie. Dass es in Frankreich offenbar so wenige Kleinfamilien gibt, dass die Dame, die uns entdeckt hat auch noch andere Kundinnen auf unsere „jolie petite famille“ aufmerksam machen musste, brauche ich dann ja nicht zu erwähnen. Auch nicht, dass sie mich, wie so viele andere vor ihr, gefragt hat, wie ich das alles schaffen würde. In Zukunft werde ich uns ganz selbstbewusst als Kleinfamilie verkaufen. Und alt fühlen werde ich mich erst an meinem vierzigsten Geburtstag wieder. Versprochen.

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Kinderprogramm

Vielleicht sind hier doch nicht alle so nett. Ich zumindest finde es nicht besonders nett, wenn der Vergnügungs- und Kletterpark geschlossen ist und bis zum Tag unserer Abreise geschlossen bleiben wird, obschon auf dem Werbeprospekt steht, er sei bis zum 4. November täglich geöffnet. Ich finde es auch nicht nett, dass die Schlittschuhbahn ebenfalls den ganzen Oktober geschlossen ist, das Schwimmbad erst nachmittags um vier öffnet und die Minigolfanlage jeweils von acht Uhr abends bis zwei Uhr morgens offen ist. Nicht gerade die Tageszeit, zu der wir mit unseren Kindern unterwegs sind. Und ich finde es erst recht nicht nett, dass unsere Kinder im Café zurechtgewiesen werden, sie dürften die Spatzen nicht füttern, während der ältere Herr am Nebentisch dies ungestraft tun darf. Okay, wie bekommen dafür einen Schleckstengel geschenkt und der ältere Herr nicht, aber ob es nett war, Kindern Schleckstengel zu schenken, zeigt sich jeweils erst, wenn der Zahnarzt später auch keine Löcher in den Gebissen der Kinder findet.

Eigentlich weiss doch jeder, dass ein ansprechendes Kinderprogramm  das A und O eines gelungenen Ferientages ist. Weil dies heute aber partout nicht klappen will, müssen wir eben zum Erwachsenenprogramm übergehen: Tee und Törtchen in einer romantischen Konditorei. Sehr gemütlich. Bis Luise ihren Durst unter dem Tisch zu stillen beginnt. Das Personal soll ja nicht sehen, dass wir eine angefangene Limonadenflasche vom Mittagessen ins Lokal geschmuggelt haben. Dummerweise bemerkt der Zoowärter, dass er auch durstig ist, will aber nicht verstehen, dass er heute nur unter dem Tisch trinken darf. Wo es doch sonst immer heisst, er dürfe nicht unter dem Tisch essen und trinken. Da verstehe einer diese Eltern! Natürlich gibt es ein Geschrei, in welches alsbald das Prinzchen einstimmt, weil er hundemüde ist und ausserdem eine volle Windel hat. Gäste und Personal atmen hörbar auf, als wir das Lokal fluchtartig verlassen.

Das also war die erste Hälfte meines 35. Geburtstags. Bleibt zu hoffen, dass die zweite Hälfte besser wird. Immerhin ist es schon hart genug, dass ich mich jetzt endgültig nicht mehr jung nennen darf. Aber um diesen Schmerz zu lindern habe ich von „Meinem“ heute Morgen eine Mini-Weiterbildung und eine Flasche Tonic-Water geschenkt bekommen und das tröstet über Vieles hinweg…

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Das schaffe ich doch mit links…

Meine Naivität scheint einfach keine Grenzen zu kennen. Da reise ich mit drei Kindern, einem Kinderwagen und drei Taschen im Zug nach Chamonix – „Meiner“ fährt mit dem Prinzchen und Karlsson im Auto –  und glaube allen Ernstes daran, ich könne unterwegs noch Zeitung lesen. Okay, gewöhnlich bin  ich mit fünf Kindern unterwegs, und drei Kinder sind zwei weniger als sonst, aber es sind dennoch drei Kinder und nicht drei Bücher, oder drei Einkaufstaschen, oder drei Velos. Entsprechend ist der Stress auch nicht gerade klein. Und dass wir fünfmal umsteigen müssen, erleichtert die Sache nicht unbedingt.

Es fängt schon beim Einkaufen des Proviants an. Das heisst, der Proviant ist schnell erledigt. Die Auswahl der Reiselektüre ist da schon schwieriger. Doch weil wir bis vorgestern noch nicht sicher waren, ob der Zoowärter überhaupt reisen darf, verliefen die Vorbereitungen etwas überstürzter als sonst. Und so stehe ich vor dem Regal, schaue entnervt auf die Uhr und warte, bis sich Luise und der FeuerwerRitterRömerPirat entschliessen können. Weil die Zeit drängt, verlasse ich den Laden mit einem Papa Moll-Buch und einem Disney-Schinken. Himmel, wie tief kann man denn noch sinken? Aber ich habe keine Zeit, mir weiter über mein gesunkenes Niveau den Kopf zu zerbrechen, denn jetzt müssen wir zum Bahnhof rennen.

Die Reise ist dann das Übliche: Kinderwagen in den Zug hieven, schimpfen wie ein Wald voller Affen, weil sich das Vorderrad verkeilt hat und einem keiner hilft, Sandwiches auspacken und von den Sitzen kratzen, wenn sie runtergefallen sind, aufs WC rennen mit dem Zoowärter, während Luise auf den FeuerwehrRitterRömerPiraten aufpasst, Kakao aufwischen,  der in der Tasche mit den Stofftieren ausgelaufen ist, den Zoowärter zurechtweisen, weil er im überfüllten Familienwagen ein Mädchen gebissen hat, die Mutter des Mädchens ankeifen, ich würde mich selber um die Erziehung des Zoowärters kümmern, sie müsse ihm keine Sanktionen androhen, Saft aufwischen, den  FeuwerwehrRitterRömerPiraten daran hindern, auf dem Polster herumzuhüpfen, die Sitznachbarin anlächeln, weil sie die Kinder so süss findet, Luise trösten, weil ihr geliebter Stoffhase im Auto reist und zwischendurch mal immer wieder tiiiiieeeef seufzen.

Erstaunlicherweise bringen wir die Reise dennoch ohne grössere Zwischenfälle hinter uns, wenn man mal davon absieht, dass wir beinahe in Vallorcine gestrandet wären, weil für die SBB das Überqueren der Schweizergrenze gleichbedeutend ist mit Umsteigen in einen anderen Zug.  Aber eben, wir sind nur beinahe gestrandet und deshalb habe ich jetzt endlich Zeit und Musse, die gestrige Zeitung zu lesen, die im Zug aus mir völlig unverständlichen Gründen ungelesen geblieben ist.

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Das geht mich alles gar nichts an

Früher hatte ich immer gedacht, zu Hause zu arbeiten sei eine unglaublich mühsame Sache. Ich stellte mir vor, dass es ein Ding der Unmöglichkeit sei, den Alltag hinter der geschlossenen Bürotür zu lassen und sich voll und ganz der Arbeit zu widmen, die da ansteht. Unmöglich ist dies auch heute noch, zumindest solange „Meiner“ nicht zu Hause ist. Schwingt aber „Meiner“ das Zepter, wird der Heimarbeitsplatz zum Besten, den man sich nur vorstellen kann.

Karsslon schreit mal wieder? Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat zanken sich um ein Bilderbuch? Der Zoowärter hat das Töpfchen neben dem WC ausgeleert? Das Prinzchen will nicht schlafen? Das, was mich sonst zum Wahnsinn treibt, lässt mich völlig kalt, wenn „Meiner“ Hausmann ist. Geht mich alles gar nichts an, ich muss die Probleme ja nicht lösen. Sollen die mal schauen, wie sie selber zurecht kommen. Ich kann dann morgen wieder Streit schlichten, herumliegende Socken in den Wäschekorb befördern, Telefonwerbung abwimmeln, Speisereste entsorgen, den Geschirrspüler ausräumen, Tränen trocknen, aufgeschlagene Knie verarzten, Bilderbücher erzählen. Würde ich ausser Hause arbeiten, müsste es ja auch ohne mich gehen, also geht es auch, wenn ich zwar  physisch anwesend, in Gedanken aber irgendwo bin. Und ich komme in den Genuss all der kleinen und grossen Dramen, ohne mich darüber aufregen zu müssen. Ja, zuweilen inspirieren sie mich gar in meiner Arbeit.

Ob ich bei all dem Chaos überhaupt arbeiten kann? Aber klar doch. Ausblenden zu können ist das Erste, was man als Mutter lernen muss, sonst dreht man früher oder später durch. Würde ich auswärts arbeiten, bekäme ich von all dem Trubel nichts mit. Ich würde also auch nicht so deutlich den Kontrast erleben zwischen dem  konzentrierten Arbeiten am Bürotisch und dem Hexenkessel, in dem ich mich normalerweise bewege.

Ist es nicht schön, wie ich mich jetzt mit ein paar überzeugenden Argumenten darüber hinweggetröstet habe, dass ich noch immer keine bezahlte Arbeit gefunden habe und wohl in naher Zukunft auch keine finden werde? Es sei denn, ich würde putzen gehen.  Aber ich kann ja nicht auswärts tun, was ich zu Hause um alles in der Welt meide.

Ach und überhaupt: Bei welchem Job wird man denn so umsorgt, wie hier? In regelmässigen Abständen kommt „Meiner“ ins Büro, fragt, ob ich etwas brauche und bringt mir das Gewünschte, egal ob Tee, Latte Macchiato oder eine Duftkerze. Ich glaube, an dieses Leben könnte ich mich gewöhnen, obschon ich zurzeit noch gratis arbeite…

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Mein Sohn, ein Bürgerlicher?

So langsam mache ich mir Sorgen um den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wie er am Aarauer Bachfischet dastand und die Verbindungsbrüder bewunderte, war beängstigend. Während Karlsson sich, wie er es von Mama und Papa gelernt hat, angewidert abwendet, bekommt der FeuerwehrRitterRömerPirat glänzende Augen, staunt über die polierten Stiefel, die Fackeln,  den Degen – oder ist es ein Säbel? -, die Gesänge, die so gar nicht zu Rest des stimmungsvollen Lichterumzugs passen wollen. Noch Tage später löchert er uns mit Fragen, was es denn mit diesen Studentenverbindungen auf sich habe.

Oder nehmen wir das Militär. Rollen, wie neulich, Panzer durch die Strassen, schwört Karlsson hoch und heilig, dass er nie Militärdienst leisten wird. Luise fleht ihre vier Brüder auf Knien an, dass sie allesamt den Dienst verweigern  und Zivildienst leisten werden, wenn sie erwachsen sind. Der FeuerwerRitterRömerPirat steht derweil stumm da und staunt und man hat den Eindruck, dass er innerlich die Jahre zählt, bis er endlich auch Panzer fahren darf. Das sind dann die Momente, in denen ich mich gedrängt fühle, ihm zu sagen, dass ich ihn auch dann über alles lieben werde, wenn er sich dereinst einmal für das Militär entscheidet.

Doch ein wenig graut mir ja schon vor dem Tag, an dem unser Dritter im Vollwichs vor uns stehen wird und sagen wird: „Mama, Papa, ich muss euch etwas gestehen. Ich bin jetzt Mitglied bei der FDP.“

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