Unvernünftige Natur

Der Gartenkalender sagt ja, man solle sich im Februar allmählich Gedanken machen, was man in der herannahenden Gartensaison wo zu pflanzen gedenke und frisches Saatgut nachbestellen. Die Natur hingegen sagt dieses Jahr, sie wolle jetzt endlich loslegen, lange möge sie nicht mehr zuwarten mit dem Grünen und Blühen. Sie will die Gartenschere an den toten Zweigen spüren, ehe sich die Blüten öffnen, will von den schweren Deckästen befreit werden, weil die darunter verborgenen Blumen sonst ihre Schönheit nicht zeigen können und sie tut gar so, als wäre sie bereit, die zarten Setzlinge, die kein kaltes Lüftlein ertragen mögen, in ihrem Boden aufzunehmen.

Unvernünftige Natur! Weiss die nicht, dass es noch bis spät im Frühling Schnee geben kann? Und Frost? Und Stürme? Kann die sich nicht einfach an den Gartenkalender halten?

Dann müsste ich mich nämlich nicht wie der letzte Idiot fühlen, wenn ich bereits jetzt in der Erde buddle, als hätten wir Mitte April.

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Denkmalpflege

Eigentlich müsste man jetzt ja in den Garten entschwinden können. Das Wetter ist geradezu ideal, die nächsten Projekte sind skizziert und nach fünf herrlich einsamen Ferientagen, gefolgt von ein paar faulen Feiertagen bin ich so entspannt, dass ich schon fast zu Kompost zerfalle. Doch bloss weil sich das Wetter derzeit eher frühlingshaft denn weihnächtlich gebärdet, heisst das noch lange nicht, dass man die Gartensaison einläuten kann. Was, wenn der Winter doch noch kommt? Dann müssten die armen Pflänzchen himmeltraurig erfrieren und das bräche mir das Herz. 

Was also tun mit der vielen Energie? Nun, da wäre zuerst einmal die Toilette im ersten Stock, die schwer darunter leidet, dass Karlsson das obere Klo als Protest gegen die andauernde Verstopfung mit Klebeband versiegelt hat. Jetzt leidet eben das untere WC umso mehr an Verdauungsproblemen, was zwar nicht besonders angenehm ist, aber immerhin für ein paar Stunden Beschäftigung sorgt. 

Danach gilt es, „Meinen“ bei der Hand zu nehmen und aus der Steinzeit der Mobiltelefonie in die Ära der Smartphones zu geleiten. Anfangs ist er noch wacklig unterwegs, kommt alle paar Minuten angerannt, weil er nicht so recht weiss, was er mit der neuesten Push-Nachricht anfangen soll, aber nachdem ich ihn sicher in den WhatsApp-Chat meiner erweiterten Grossfamilie vermittelt habe, ist er für den Rest des Tages beschäftigt und mir ist schon wieder langweilig. 

Zum Glück ist da noch Schloss Sargans, das ganz dringend aufgebaut werden muss, bevor „Meiner“ es in Schutt und Asche legt. Also, ich meine, bevor er es im Altpapier entsorgt, obschon es doch Prinzchens Weihnachtsgeschenk für Luise ist. Luise aber interessiert sich in diesen Tagen mehr für den Ausverkauf als für Schlösser, also ist es an mir, mit Leim und Schere den Untergang des architektonischen Erbes unseres Landes zu verhindern. Prinzchen ist vom Resultat tief beeindruckt, ich hingegen staune nur, dass ich zum ersten Mal im Leben einen Bastelbogen ohne Wutanfall zu Ende gebracht habe. Spricht das nun eher für einen hohen Entspannungsgrad, oder für Altersmilde?

Wo ich schon mal einen Überschuss an Geduld und noch mehr freie Zeit habe, kann ich mich ja um den Erhalt weiterer Architekturdenkmäler kümmern. Da gibt es noch einen Eiffelturm fertigzustellen, den die Kinder an Heilig Abend als Überbrückung zwischen Vorspeise, Hauptspeise und Bescherung von uns als Beschäftigungstherapie verordnet bekommen haben. Leider ist das Bauwerk am 24. unvollendet geblieben, darum klaube ich die verbliebenen Teilchen – Nummer 140 ist bereits auf Nimmerwiedersehen verschwunden – zusammen und vollende den Turm. Prinzchens Bewunderung für mich kennt jetzt keine Grenzen mehr. Gleich morgen will er in die Migros rennen, um ein Puzzle mit viel mehr Teilen zu besorgen, das „wir“ in den kommenden Tagen „zusammen“ aufbauen können.

Mir soll’s recht sein. Wo es doch noch lange nicht Zeit ist, die Gartensaison einzuläuten. 

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Baumfrage geklärt

Also, das mit den Tannenbäumen wird mir allmählich zu doof. Jedes Jahr einen armen, ermordeten Baum ins Wohnzimmer zu stellen, um ihn dort verdorren zu lassen und irgendwann im Frühling, wenn ich endlich Zeit dazu finde, der Grünabfuhr zu übergeben, das kann ich nicht mehr verantworten.

Das  mit dem künstlichen Tannenbaum finde ich aber ebenso doof. Ist doch vollkommen abwegig, ein hässliches Etwas aus Plastik, das aussieht wie ein armer, ermordeter Baum, ins Wohnzimmer zu stellen, um es dort verstauben zu lassen und irgendwann im Frühling, wenn ich endlich Zeit dazu finde, in einem entlegenen Winkel der Wohnung zu verstauen, wo ich es nächstes Jahr bestimmt nicht wieder finde. Biologisch abbaubar wäre das Zeugs auch nicht und obendrein quälte mich der Gedanke, ich würde meiner Schwiegermama, die seit Jahren auf ihr Plastikbäumchen schwört, allmählich ähnlich. 

Gar keinen Tannenbaum zu haben, finde ich irgendwie halt doch auch doof. Gerade in diesen trüben Zeiten, in denen die Mächtigen wieder glauben, die Welt werde sicherer, wenn man nur möglichst viele Waffen anschafft, sehne ich mich nach Frieden in den eigenen vier Wänden, und den haben wir ganz bestimmt nicht, wenn ich verkünde, wir würden in Zukunft auf das Bäumchen verzichten. Nennt mich ruhig eine Memme, aber diesen Kampf will ich mir nicht antun, das Leben mit fünf Heranwachsenden bietet auch so schon mehr als genug Stoff für Konflikte. 

Einen Tannenbaum zu mieten, den ich nach dem Fest der Gärtnerei zum weiteren Hegen zurückgebe, finde ich grundsätzlich ganz und gar nicht doof, mein Bankkonto hingegen weigert sich rundheraus, drei- oder viermal mehr für einen Mietbaum herzugeben als für einen armen, ermordeten. Da kann ich noch lange erklären, der Gärtner müsse doch auch entschädigt werden für den Pflegeaufwand, den so ein Bäumchen übers Jahr mit sich bringt, mein Konto bleibt stur und rückt das Geld nicht raus. 

Einen Tannenbaum im Topf zu kaufen, der nach Weihnachten in einem etwas grösseren Topf weiter wachsen darf, nächstes Jahr wieder ins Wohnzimmer kommt und irgendwann, wenn er zu gross für die Stube ist, einen festen Platz im Garten zugewiesen bekommt, erscheint mir da als die beste Lösung. Das Gewissen ist entlastet, weil es sich nicht für den Tod eines unschuldigen Bäumchens verantwortlich fühlt. Mein ästhetisches Empfinden wird nicht durch dem Anblick einer künstlichen Tanne beleidigt. Mein Konto ist zufrieden, weil ein glückliches, eingetopftes Bäumchen nicht mehr kostet als ein armes, ermordetes. Die Grüne in mir jubelt laut, weil ein Bäumchen, das ganz aus der Nähe stammt, bei uns ein dauerhaftes Zuhause bekommt. Der Familienfriede ist gewahrt und die fürsorgliche Mama, die neulich beschlossen hat, immer mal wieder einen Baum zu pflanzen, um kommenden Generationen auf diesem geplagten Planeten ein paar sichere Werte zu hinterlassen, hat das Gefühl, einen unglaublich guten Entscheid getroffen zu haben. 

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Abschlussbericht

Als ich am 8. August zur Säge griff, sah unser Garten danach so aus:

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Wahrlich kein schöner Anblick, aber erst musste es schlimmer kommen, ehe es besser werden konnte:

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Manchmal, wenn ich abends aus dem Fenster sah, um unser Tagwerk zu betrachten, fragte ich mich, ob daraus jemals etwas werden würde:

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Meine Zweifel wurden sogar noch grösser, als erste Sträucher Einzug hielten:

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Doch eines schönen Tages begannen sich erste Formen abzuzeichnen:

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Formen, die sich fast von selbst ergaben:

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Irgendwann konnten wir uns gar zu einem Entscheid in Sachen Hochbeet durchringen:

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Es bildeten sich auch Beete heraus, die wir so gar nicht geplant hatten:

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Mit der Pflanzung von 22 Duftrosen haben wir unser Projekt gestern fast abgeschlossen. Nur die Waldreben fehlen noch, aber die sollten demnächst geliefert werden. Und im Frühling soll der Sitzplatz neue Bretter bekommen, aber das ist ein Klacks im Vergleich zu dem, was vor zwei Monaten noch auf unserer To Do-Liste stand. Heute präsentiert sich unser Garten so: 

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Mit diesen Bildern verabschiedet er sich in die wohlverdiente Winterruhe. Mal sehen, wie er wird, wenn all das, was unter der Erde verborgen ist, zu blühen beginnt. 

Pflanzen pflanzen

In diesen Tagen bin ich öfters leise vor mich hin murmelnd im Garten anzutreffen. Es ist nämlich Zeit, die Stauden in den Boden zu bringen und das geht nicht ganz ohne Diskussionen ab, wie das Beispiel einer hellgelben Skabiose zeigt: 

Ich: „Meine liebe kleine Skabiose, wo möchtest du denn wachsen?“

Skabiose: „Mir egal. Hauptsache volle Sonne, nicht zu viel Wind und durchlässiger Boden. Hast doch den Gartenrargeber gelesen…“

Ich: „Natürlich habe ich das, aber wie du siehst, bietet der Garten dir eine Vielzahl solcher Stellen. Welche davon gefällt dir denn am besten?“

Skabiose: „Mir egal. Hauptsache, du lässt mich nicht noch länger auf diesem Gartentisch stehen. Es zieht dort nämlich ganz gewaltig und du weisst ja, dass ich Wind nicht mag.“

Ich: „Dann sag mir doch bitte endlich, wo du wachsen möchtest.“

Die Skabiose und ich schauen uns ein wenig im Garten rum. Endlich zeigt sie völlig unmotiviert auf irgend eine Stelle und zwar etwa so wie der Rollstuhlfahrer bei „Little Britain“, wenn er seinem Sozialarbeiter sagt: „I want that one.“

Ich: „Aber das geht doch nicht. Dort werden im Frühling die Iris blühen. Die passen doch überhaupt nicht zu dir.“

Skabiose: „Dann eben dort drüben.“

Ich: „Okay, das sieht gut aus. Äääähm, halt, das geht nicht. Du sollst im Frühling ja noch Kolleginnen bekommen und für die ist dort kein Platz.“

Skabiose: „Was soll ich bekommen?“

Ich: „Kolleginnen. Ich habe eigens eine dunkelrote und eine beinahe schwarze Sorte aus England kommen lassen.“

Skabiose: „Bin ich dir vielleicht nicht schön genug? Hab schon gehört, wie du neulich zu deiner Tochter gesagt hast, Gelb hättest du nicht besonders gern…“

Ich: „Das hatte doch nichts mit dir zu tun, du gefällst mir ausserordentlich gut. Aber ich finde nun mal, etwas Gesellschaft könnte dir nicht schaden.“

Skabiose: „Du weisst aber schon, dass ich mich ziemlich gut vermehre, wenn ich erst mal angewachsen bin?“

Ich: „Klar weiss ich das, aber ich will ja auch, dass die Bienen in unserem Garten etwas zu tun finden. Darum sollst du einen Platz bekommen, wo du dich ausbreiten kannst. Wäre nett, wenn du dich endlich für einen Standort entscheiden könntest, mir wird kalt.“

Skabiose: „Warum nicht gleich hier, wo du stehst?“

Ich: „Sieht gut aus. Ich fange dann mal an, dir ein schönes, tiefes Loch zu buddeln…“

Skabiose: „Willst du nicht vielleicht noch ein wenig jäten? Ich mag keine Konkurrenz.“

Ich: „Immer diese Ansprüche. Da warten noch andere Pflanzen auf mich…“

Skabiose: „Du willst doch, dass ich im nächsten Sommer gut gedeihe. Also sei gefälligst nett zu mir, sonst gehe ich auf der Stelle ein.

Ich: „Schon gut, ich jäte ja schon…“ 

Und so geht das bei jeder einzelnen Pflanze, die in diesen Tagen bei uns Einzug hält. 

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Laufgitterbeet

So, jetzt endlich zu den Mini-Hochbeeten, die wir in unserem Garten angelegt haben. „Meiner“ und ich sind uns darob ja ziemlich in die Haare geraten, ehe wir eine Lösung fanden. Hierzlande nimmt man für kleine Hochbeete meistens diese SBB-Rahmen, aber die finden wir erstens nicht besonders schön und zweitens haben die inzwischen auch ihren Preis, weil jeder sie haben will. Wie so oft fanden wir die günstigere und für unseren Geschmack auch schönere Alternative im Brockenhaus: Zwei ausrangierte Wisa-Gloria-Laufgitter, knapp 25 Franken das Stück. (Vermutlich hätte es auch billigere gehabt, aber das Zeug von Wisa-Gloria hält eine Ewigkeit, darum haben wir die genommen.) Es war nicht nur der Preis, der uns begeisterte, sondern auch die Gewissheit, dass wir mit dem Kauf mindestens zwei Kleinkinder vor trüben Stunden im Laufgitter verschonten. 

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Bloss, wie wird ein Laufgitter zum Hochbeet? Ganz einfach: Zuerst hat „Meiner“ die Sprossen mit wetterfestem Lack bepinselt. Rot, weil das zu unserem grossen Hochbeet und den Fensterläden unseres Hauses passt. Dann flochten wir alles, was der Garten zu dieser Jahreszeit im Überfluss hergibt – Hasel- und Weidenruten, überschüssige Ranken der Glyzinie und ein paar Maulbeerzweige – zwischen die Sprossen. Okay, ein Perfektionist hätte sich überteuerte Weidenruten gekauft, damit alles schön ordentlich aussieht, aber bei uns darf es gerne ein wenig wilder sein. Blätter und kleine Zweiglein, die beim Flechten nicht gebraucht wurden, landeten als unterste Schicht des Hochbeetes im Laufgitter. Dann kleideten wir die Wände von innen mit Plastikfolie aus, füllten eine Schicht Heu und ein paar Säcke Erde ein und fertig war das Beet. Vielleicht folgt im Frühling noch ein Anstrich mit Holzteer, um die Wetterfestigkeit zu verbessern, aber nur, wenn es mir gelingt, das Zeug aufzutreiben. Sonst müssen wir eben in ein paar Jahren zwei neue alte Laufgitter im Brockenhaus holen. Was auch nicht weiter schlimm wäre, dann wären wieder ein paar von den Dingern vom Markt verschwunden. Die machen sich im Garten nämlich einfach besser als im Kinderzimmer. 

Ach ja, falls man zu viele Äste geschnitten hat, muss man die nicht unbedingt entsorgen:

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Nebenschauplatz

Zum Streiten kommt man in so einer Ehe mit Kindern ja nicht mehr richtig. Sind die Kinder noch wach, wird ihnen Angst und Bange, wenn Mama und Papa einander gegenseitig anbrüllen und mit Tellern um sich schmeissen. Sind die Kinder im Bett ist man zu müde, um sich noch Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Sollte man es tatsächlich mal schaffen, ein paar Stunden ohne Kinder zu sein, gibt es noch so viele andere Dinge zu tun, dass Streit nicht den ersten Platz auf der Prioritätenliste einnehmen kann. Also muss man die Kämpfe, die ja irgendwie zu einer funktionierenden Beziehung dazugehören, auf einem Nebenschauplatz austragen. Bei uns ist das aktuell gerade der Garten.

Ich demontiere ganz und gar respektlos die potthässliche, instabile, klotzige Rankhilfe, die er vor einem oder zwei Jahren in mühevoller Kleinarbeit gebaut hat. 

Um sich an mir zu rächen, führt er das Mäuerchen des Halbrundbeetes einfach zur anderen Seite des Gartenpfades weiter, obschon ich ihm klipp und klar gesagt habe, dass ich das nicht haben will. Und dann erwartet er auch noch Komplimente, für sein unglaublich tolles Gartendesign.

Ich würde mir natürlich lieber die Zunge abbeissen, als ihm das erwünschte Kompliment zu schenken. (Obschon das Resultat seiner Bemühungen ganz ansprechend aussieht, aber wehe, einer von euch verrät mich!)

Er kritisiert, ich hätte das Moorbeet ganz und gar falsch angelegt. Nicht dass er etwas vom Anlegen von Moorbeeten verstünde –  den Ratgeber habe ich gelesen -, aber optisch passt es dem Herrn Gemahl nicht. 

Dann ändere ich halt die Form des Moorbeets, weil ich diese Niederlage aber nicht einfach so einstecken kann, schnappe ich mir das einzige gerade auffindbare Schäufelchen und buddle Tulpenzwiebeln in den Boden, wohl wissend, dass er ohne das Schäufelchen an seinem Mäuerchen nicht weiter werkeln kann. (Das hat man eben davon, wenn man ohne Rücksprache mit mir längere Mäuerchen baut und an meinen Moorbeeten rummäkelt.)

Irgendwann gelingt es ihm, sich das Schäufelchen zu schnappen und dann stehe ich da mit meinen Tulpenzwiebeln und weiss nicht, wie ich die in den Boden bringen soll und dann beginne ich zu jammern, weil das zweite Schäufelchen mal wieder spurlos verschwunden ist und daran ist ganz bestimmt nur „Meiner“ schuld, denn der schiebt ja immer die Steine von einem Ort zum anderen, anstatt sie endlich zu entsorgen, aber das sage ich natürlich nicht laut, sonst würden wir ja offen streiten. 

Ihn lässt das alles kalt, denn er muss jetzt schaufeln, sonst trocknet der Mörtel ein. 

Die Menschen, die am Haus vorbeigehen, freuen sich an dem netten Paar, das in froher Eintracht in der Erde wühlt, die kleineren Kinder machen fröhlich den Handlanger, die grösseren Kinder plündern oben in der Wohnung den Kühlschrank und keiner merkt, dass wir einen erbitterten Kampf austragen, weil wir bei all dem nicht ein einziges böses Wort verlieren. Warum sollten wir auch, wo doch das Resultat unseres kleinen Machtkampfes durchaus ansprechend aussieht? (Also ja, mal abgesehen von dem verlängerten Mäuerchen, das ich im Kreise der Familie erst dann als schön bezeichnen werde, wenn „Meiner“ vergessen hat, wie sehr ich mich gegen seine Idee gestemmt habe.)

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Was schon ist – und was noch werden soll

Etwa anderthalb Monate sind vergangen, seitdem ich in einem Anflug von Weltuntergangsstimmung damit begonnen habe, den Garten zu roden. Seither haben wir schon ein paar Dinge zustande gebracht. Wir haben…

  • Schwielen an den Händen.
  • Endlich eine Schubkarre angeschafft.
  • permanent schwarze Ränder unter den Fingernägeln.
  • Altes, aber noch brauchbares Material verkauft.
  • Ein vom Sturm zerzaustes Mini-Gewächshaus über den Gartenzaun geworfen und es dadurch elegant zusammengefaltet.
  • Eine wunderschöne Herbstanemone geschenkt bekommen, die auch schon ihren Platz im Garten gefunden hat. 
  • Erdbeeren gepflanzt.
  • Mit Menschen geredet, von deren Existenz wir nicht mal wussten, weil wir hinter unserem Gestrüpp so gut versteckt waren.
  • Stundenlang gejätet.
  • Dem Prinzchen erklärt, dass wir keine Gärtnerei eröffnen können, auch wenn Gärtnereien toll sind und in der Erde graben Spass macht.
  • Sträucher gepflanzt.
  • Löcher für alte Rosensorten gebuddelt. 
  • Gartenratgeber gewälzt.
  • Einen Mandelbaum gepflanzt.
  • Blumensaat aus England importiert und für die nächsten neun Monate geplant, was wann angesät und ausgepflanzt werden muss.
  • Meterweise Fliederwurzeln, die bereits wieder herzige kleine Fliedertriebe an sich hatten, ausgegraben. 
  • Schleierkraut zwischen die Löcher für die Rosen gepflanzt, obschon eine Passantin der Meinung war, Rosen würden einzig in Begleitung von Lavendel gut gedeihen, alles andere sei blanker Unsinn.
  • Die Wurzeln des Feigenbaums, die wir fälschlicherweise ausgebuddelt haben, wieder eingebuddelt.
  • Gelernt, was eine Wurzelsperre ist. (Ob wir es auch richtig gemacht haben, wird sich zeigen…)
  • Gestaunt, wie schnell das alles vorwärts geht. 

Trotzdem bleibt noch ziemlich viel zu tun. Bevor der Winter kommt, sollten wir noch: 

  • Ganz viele noch unentdeckte Fliederwurzeln ausgraben.
  • Viele weitere Stunden jäten.
  • Hochbeete bauen.
  • Wege anlegen.
  • Den Sitzplatz erneuern.
  • Pflanzen, was demnächst geliefert wird. 
  • Aufräumen, was noch herumliegt.
  • Vermutlich noch etwas siebenhundertmal erklären, dass wir nicht vorhaben, einen Rasen anzulegen, auch wenn geschätzte 99,9% aller Spaziergänger, die an unserem Garten vorbeigehen, dies für die einzig richtige Lösung halten.
  • Endlich lernen, den Mund zu halten, wenn mal wieder einer erklärt, welche Unkrautvertilger am wirksamsten sind. Mit Menschen, die Unkrautvertilger für eine gute Sache halten, diskutiert man besser nicht, die wissen nämlich alles besser. 
  • Diesen sauschweren Gartentisch, den ich nicht mal um einen Millimeter zu bewegen vermag, wenn „Meiner“ hilft, von der Stelle wegbringen, wo die Hochbeete hin sollten. 
  • Irgendwie den Pflanzenkaufrausch in den Griff bekommen, weil das, was bereits bestellt ist oder als Saatgut bereit liegt, vermutlich für drei oder vier Gärten ausreichen würde. 
  • Mir endlich angewöhnen, die Gartenhandschuhe unter dem Dach zu versorgen, wenn Regen angesagt ist. 
  • Die elenden Pfosten, die der Vorbesitzer unseres Hauses wohl bis zum Erdkern im Boden verankert hat, irgendwie loswerden.

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Garagen-Igel (oder vielleicht auch Igel-Garage)

Menschen wie wir, die ihr Auto als Gebrauchsgegenstand betrachten, brauchen keine Garage, finde ich. Darum sehne ich den Tag herbei, an dem ich das potthässliche, nutzlose Ding gegen ein anständiges Gewächshaus mit Geräteschuppen eintauschen kann. Besonders jetzt, wo unser Grundstück von Tag zu Tag kahler wird, kann ich es kaum mehr ertragen. „Hier ist kein Leben mehr weit und breit, nur diese hässliche Garage“, klage ich, wenn es mir mal wieder nicht schnell genug vorwärts geht mit der Gartengestaltung.

„Hier ist kein Leben mehr weit und breit, nur diese hässliche Garage“, hat sich auch der Igel gesagt, der ab und zu bei uns vorbeischaut, um sich die paar Nacktschnecken zu schnappen, die der Hitze getrotzt haben. „Aber Menschen, die ihr Auto als Gebrauchsgegenstand betrachten, brauchen keine Garage, da könnte ich doch eigentlich einziehen“, sprach er weiter, schlüpfte durchs halb geöffnete Tor und und machte es sich drinnen gemütlich. Jetzt haben wir also einen Garagen-Igel – oder vielleicht auch eine Igel-Garage – und ich bin bis auf Weiteres versöhnt mit dem Schandfleck auf unserem Grundstück. So als Provisorium, bis wir endlich ein anständiges Igelhotel eingerichtet haben, kann die Garage von mir aus noch ein paar Monate stehen bleiben.

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Wenn dein Garten an der Strasse liegt,…

…und du dich irgendwann dazu entschliesst, dem Gehölz den Garaus zu machen, um aus der Einöde etwas Schönes entstehen zu lassen, dann kommst du mit jedem, der am Haus vorbeigeht, ins Gespräch. 

Der eine – ein netter Kerl, leicht handicapiert – erzählt dir, wie er jeweils zu Hause, in den Bergen oben, mit seinen Blumen plaudert und wie gut das beiden Seiten tut.

Der Nächste lässt dich ganz unverblümt wissen, es sei wirklich höchste Zeit, dass du das mit dem Garten mal endlich anpackst. So, wie das ausgesehen habe, sei es ja wirklich nicht mehr schön gewesen. 

Der Dritte sagt dir, mit der von euch angewendeten Methode würdet ihr die Wurzelstöcke nie und nimmer aus dem Boden kriegen und er bleibt auch bei seiner Meinung, als du erklärst, auf diese, Wege hättet ihr bereits ohne grossen Aufwand fünf hartnäckige, lästige Dinger ausgegraben. 

Ein älteres Ehepaar freut sich, dich mit „Deinem“ im Garten anzutreffen, findet, es sei doch besser, einen neuen Garten anzulegen, anstatt sich einen neuen Mann zu suchen und erzählt dann voller Stolz die eigene Liebes- und Lebensgeschichte.

Eine übellaunige Alte sagt zwar nichts, verzieht aber angewidert das Gesicht, weil auf der Feuerstelle gerade ein paar Wurzelstöcke, die zu gross sind für den Häcksler, ziemlich viel Rauch produzieren.

Manch einer meint nur: „Lieber du als ich“ und lässt zur Motivation ein paar Tipps zurück, nach denen du nicht gefragt hast.

Einige wollen wissen, was denn werden soll und sind erstaunt, wenn du dir deinen zukünftigen Garten ganz anders vorstellst, als sie es machen würden. 

Und dann gibt es noch so nette Menschen wie dein Nachbar und sein Kollege, die mit sinnvollen Tipps und Tricks, Werkzeugverleih und beherztem Anpacken dafür sorgen, dass die Arbeiten mit bedeutend weniger Schwielen und Schweissausbrüchen als erwartet vorangehen.

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