Kultur

Wann haben wir diese Sätze zum letzten Mal gehört? „Wahnsinn! Ihr seid ja echt zu beneiden! Können wir nicht tauschen mit euch?“ Es ist lange her, seit uns jemand um etwas benieden hat. Mal abgesehen von der Frauenärztin, die ganz furchtbar gerne einen Haufen Kinder gehabt hätte und leider zu spät damit angefangen hat und jetzt das Grossfamilienleben in etwas allzu rosaroten Tönen malt. Aber echter Neid? Jemand, der mit uns tauschen möchte? Momentan sind eher mitleidiges Kopfschütteln und schweres Seufzen die Reaktionen, wenn wir jemandem aus unserem Leben erzählen.

Der Grund für den Neid waren zwei Eintrittskarten. „Silo 8“ von „Karls Kühne Gassenschau“. Offenbar möchte jeder das gesehen haben und deshalb sind die Leute auch gerne bereit, 64 Franken für ein Ticket hinzublättern. Wir haben die Tickets geschenkt bekommen. Das heisst, „Meiner“ hat sie bekommen. Grosszügig, wie die Geber waren, hatten sie auch an den Anhang gedacht, was mehrfach betont wurde. Als ob man an einem lauen Sommerabend alleine in den Ausgang gehen würde…
Nun, so machen wir uns voller Vorfreude auf den Weg. Endlich mal wieder Kultur! Und zwar live, nicht aus der Konserve. Und wenn man weiss, dass andere voller Neid an einen denken, wird der Abend gleich noch etwas schöner. Über den Inhalt des Programms muss an dieser Stelle nichts gesagt werden, darüber haben andere genug geschrieben. Anfangs ist man noch amüsiert über die Handlung, doch bald schon kommt der Eindruck auf, dass über all den ausgeklügelten Effekten die Handlung etwas allzu kurz kommt. Und als es dann losgeht mit den wilden Töfffahrten, mit den Staubwolken, dem Knallen und dem Feuer, beginnt das Kind im Bauch zu rebellieren. Irgendwann ist der Bauch steinhart und man ist nur noch froh, dass das Stück jetzt zu Ende ist, weil man fürchtet, sonst mit frühzeitigen Wehen im Spital zu landen. 
Da sitzt man nun, die Hände schützend um den Bauch gelegt, während alle anderen frenetisch applaudieren. Die grosse Spielverderberin, die nicht mehr fähig ist, das zu geniessen, was alle anderen so toll finden. Wie soll man nachher über den Abend diskutieren, ohne dem anderen die Freude am Erlebten zu trüben? Ein Blick nach rechts beruhigt fürs Erste. „Meiner“ sitzt genauso verdattert da und weiss nicht recht, wohin mit den Händen. Er hat ja kein Baby im Bauch, das er beruhigend streicheln könnte. 
Etwas später sitzen wir im Strassencafé. Erinnerungen an einen anderen lauen Sommerabend kommen auf. Es waren die alten Lokaljournalisten-Zeiten, als fast jedes Wochenende mindestens ein Kulturanlass auf dem Programm stand. Wann war das genau? Vor acht oder schon vor zehn Jahren? Und wie hiessen nochmals die Künstler? Ein Blick ins Artikelarchiv würde Klarheit schaffen. Doch damit würde man einen Asthmaanfall riskieren und so einen braucht man nicht schon wieder, nach all den Staubwolken bei „Silo 8“. Wir erinnern uns an diesen urkomischen Abend, als vielleicht zwanzig oder dreissig Verrückte sich auf einen Platz in der Zofinger Altstadt verirrt hatten, um ein paar irren Strassenkünstlern dabei zuzusehen, wie sie auf Pocket Bikes um die Ecke furzten. Wie eine Schauspielerin so hinreissend komisch die italiensiche Immigrantin spielte, die über ihr „gratis mangiare“ auf der Ferienreise in Verzückung gerät. Noch heute freuen wir uns ihretwegen kindlich über jedes „gratis mangiare“, und sei es noch so schlecht. Vieles von dem, was uns damals so zum Lachen brachte, dass wir fast von den Gartenstühlen gefallen wären, sehen wir in „Silo 8“ wieder. Nur dass es hier viel plakativer daherkommt, mit weniger zarter Ironie und mehr Getöse. 
Nachdem wir damals ein paar Münzen in den Hut geworfen hatten, bedauerten wir all jene, die diesen Abend voller Witz und Ironie verpasst hatten. Und heute wundern wir uns, warum alle Welt „Silo 8“ sehen will, wo es doch so wunderbare Kleinkunst gibt. Oder gibt es sie gar nicht mehr und wir haben es nicht mitbekommen, weil wir zu beschäftigt waren mit Kinderkriegen? Egal. Hauptsache, es gibt noch einen anderen Menschen auf diesem Planenten, der versteht, warum man sich gar nicht als so beneidenswert fühlt, wenn man den Kulturanlass besuchen darf, den alle besuchen wollen. 

Kleine Absurditäten

Gibt es etwas Beschaulicheres als Ferien in einem Österreichischen Kaff? Die kulturellen Unterschiede zur Schweiz sind so minim, dass man sich nicht gross auf die Reise vorbereiten muss. So kann man sich vor Ort eingehend mit den kleinen Absurditäten befassen.

Da betreibt zum Beispiel eine gewisse Maria ein kleines Café im Ort. Tja, und diese Maria hat ein ernsthaftes Problem mit Apostrophen. Die Frau sollte dringend einen Germanisten aufsuchen, doch das wagt ihr wohl keiner zu sagen. Ihr Lokal heisst „Maria’s s’Café“ und während der Sommermonate sind bei Maria „Milchshak’s“ der Renner.
Auch der Spitalalltag bietet für uns Schweizer einiges an Absurditäten. Ärzte sind hier noch echte Autoritäten. Nur sie haben die Berechtigung, Infusionen zu stecken. Als unserem Sohn bereits der zweite Schlauch herausgefallen ist, muss ein Neuer her. Die erste Ärztin versucht ohne Erfolg, eine passende Stelle für den Einstich zu finden. Sie holt eine andere Ärztin. Diese stochert ohne Erfolg in Arm des inzwischen etwas panischen Kindes herum. Also muss eine weitere Ärztin her. Als auch diese nichts ausrichten kann, murmelt sie: „Mal schauen, ob ich einen Oberarzt erreichen kann“. Wie bitte? Soll jetzt noch einer auf unser Kind losgelassen werden? Bei uns hätte man wohl schon längst eine Hebamme geholt, weil die angeblich am besten Infusionen stecken können. Und hier soll ein Oberarzt her, der bis jetzt das Kind kaum eines Blickes gewürdigt hat. Doch zum Glück hat der Mann viel zu tun und so steht ein paar Miunten später eine Ärztin mit einem Löffel da. Das Kind darf die Medikamente ab sofort schlucken. Was den Oberarzt nicht daran hindert, am nächsten Morgen bei der Visite zu verkünden, heute bekäme der Junge seine letzte Infusion. Dass der Bub schon längst keinen Schlauch mehr im Arm hat, bemerkt er nicht. Wie auch, wo doch der Arzt den Jungen auch heute keines Blickes würdigt?
Nicht bloss absurd sondern geradezu erschreckend ist die Gewohnheit gewisser Österreicher, die Leute mit einem fröhlichen „Heil!“ zu verabschieden. Mag sein, dass die Leute hier nicht automatisch an Hitler denken, wenn sie diesen Gruss hören. Aber es hat doch ziemlich viele Touristen hier in der Gegend. Und da sind wir wohl nicht die einzigen, die zusammenzucken, wenn uns einer beim Verlassen eines Geschäftes ein überschwengliches „Heil!“ hinterherschickt.

Vereinsanlass

Eigentlich hätte man erwarten können, dass alles perfekt organisiert wäre. Man hat ja immerhin zwei Abende für die Vorbereitung geopfert und ausserdem haben die alten Hasen mehrere Male versichert, dass man das schon zig Mal gemacht hat und dass man alles im Griff habe. Was die Neulinge  nicht begriffen haben ist, dass die Damen die Sache tatsächlich schon zig Mal durchgezogen haben und dabei Jahr für Jahr die gleichen Fehler gemacht haben.

So steht man also mit Kuchen und Zopf punkt zehn am Sonntagmorgen auf dem Festplatz, widerwillig zwar, aber doch bereit für den Einsatz.Spannung liegt in der Luft und es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, was los ist. Die Präsidentin hat die Kasse noch nicht gebracht. Sie hat zwar fest versprochen, dass sie um Viertel vor elf hier sein wird. Doch jetzt ist bereits Viertel nach zehn und sie ist noch nicht da. Hä? 
Nächstes Problem: Drei der Frauen, die hier sein sollten, sind leider nicht da. Sie haben allle ihre Gründe, aber das ist jetzt nicht wichtig. Wichtiger ist, wer den Abwasch erledigen wird, wenn es plötzlich viele Gäste zu bedienen gibt. Die Neulinge sehen schwarz, während die alten Hasen ganz ruhig bleiben. Die wussten eben schon von Anfang an, dass der grosse Ansturm ausbleiben würde.
Irgendwann ist alles bereit. Sogar die Präsidentin mit der Kasse ist aufgetaucht und nach dem Austausch von ein paar "Nettigkeiten" mit einem der alten Hasen wieder abgerauscht. Jetzt gilt es ernst. Die ersten Gäste stehen da. Der Dritte will ein Bier. Wo aber ist der Flaschenöffner? Ach wie dumm, den hat die Cheforganisatorin vergessen. Schnell schickt sie "Ihren" nach Hause, um das unentbehrliche Objekt zu holen. Derweil hilft ein Gast mit seinem Taschenmesser aus. Kaum ist der Flaschenöffner da, kommt das nächste Problem. Die Messer sind zu Hause geblieben. Wie sollen jetzt die Gäste ihre Wurst, pardon, ihre Grillschnecke, schneiden? Es gibt nichts anderes. Die Organisatorin muss "Ihren" erneut nach Hause schicken. 
Nach diesem harzigen Start läuft eigentlich alles wie geschmiert. Etwa alle dreissig Minuten erscheint ein Gast und bestellt eine Wurst. Auch bei den Spielen, die man für die Kinder sorgfältig vorbereitet hat, herrscht Hochbetrieb. Ganze drei Buben sind aufgetaucht, um mit den Büchsenstelzen den Rasen zu maltraitieren. Da bleibt für die alten Hasen viel Zeit zu lamentieren, dass das Wetter eben heute einfachzu schön sei, dass es zwar jedes Jahr wenig Leute habe, aber so Wenige wie heute noch nie. Derweil ärgern sich die Neulinge nur noch darüber, dass sie nicht im Schwimmbad sind.
Irgendendwann hat "Meiner" genug. Per SMS macht er klar, dass es jetzt genug sei. So verlässt man also schweren Herzens die Ruhe des Festplatzes und stürzt sich zu Hause wieder in den Rummel eines ganz gewöhnlichen Sonntags. 

Muttertag

Früher hat man ja nur darüber gelacht. Dieser lächerliche Tag, an dem die kleineren Kinder ihren Müttern am Morgen das Frühstück ans Bett bringen und dabei eine riesige Sauerei anrichten, so dass die Mutter für den Rest des Tages mit Aufräumen beschäftigt ist. An dem die erwachsenen Kinder pflichtbewusst mit einem Heuchlerbesen bei Mama erscheinen, die stundenlang in der Küche geschwitzt hat, um für ihre Brut mal wieder ein anständiges Essen auf den Tisch zu zaubern. Und ausserdem ist alles bloss reiner Kommerz.

Diese Haltung hat sich etwas geändert und daran ist, wie an so Vielem, die Schwiegermutter Schuld. Ist es denn gerecht, dass man Jahr für Jahr eine Frau feiern muss, die vor mehr als dreissig Jahren ein Kind geboren hat und sich noch immer nicht damit abgefunden hat, dass man mit diesem einzigen Kind selber ein paar Kinder gezeugt hat und diese nun grosszuziehen versucht? Ein wenig Schuld trägt natürlich auch die Werbung. Denn wenn einem überall suggeriert wird, man hätte es verdient, einen Tag lang gefeiert zu werden, fällt einem ein, dass man in den letzten Jahren tatsächlich schon zwei oder drei Mal wegen der Kinder seine eigenen Interessen in den Hintergrund gestellt hat. Dass Papa dies ebenso oft getan hat, übersehen wir hier geflissentlich…

Dieses Jahr ist alles ein wenig anders. Angefangen hat es damit, dass die Spielgruppenleiterin in die Falle der allgemeinen Verunsicherung über das tatsächliche Datum des Muttertages 2008 getappt ist. So überreichte der Vierjährige sein erstes Muttertaggeschenk an einem ganz banalen Montag. Muttertagsgeschenk Nummer zwei wurde am Freitag abgegeben, als man mitten im herrlichsten Chaos von Mittagessenkochen und hungrige Kinder in Schach halten steckte. Die Tochter hatte schon seit zwei Wochen kein anderes Thema als das Muttertagsgeschenk mehr gekannt, und so war klar, dass sie nicht mehr länger warten konnte. Leider endete die Sache in Tränen, denn die Kindergärtnerin hatte nicht bemerkt, dass die sorgfältig bemalte Vase einen Sprung hatte und die Rose deshalb bald auf dem Trockenen stand.

Die grösste Überraschung lieferte dieses Jahr ausgerechnet die Schwiegermutter. Währenddem wir uns noch krampfhaft am Überlegen waren, wie wir denn die mühsame Prozedur dieses Jahr über die Bühne bringen sollten, rief sie an und fragte, ob wir nicht einfach am Samstag zusammen in die Stadt gehen könnten, um ein wenig einzukaufen. Keine Heuchelei und keine überteuerte Restaurantrechung! Das müsste Tradition werden.

Gestern Abend dann haben wir in Vorfreude auf den ersten freien Muttertag seit Menschengedenken so richtig über die Stränge gehauen. Wir haben bei einer Tasse Tee bis nachts um 1 die x-te Fernsehausstrahlung von Notting Hill geschaut und danach noch ganz unvernünftig bis halb zwei geredet.

Das dritte noch zu erwartende Muttertagsgeschenk hatten wegen der wilden Nacht natürlich ganz vergessen. Es kam pünktlich um sieben, schön verpackt und mit einer rührenden Karte. Eines muss man ja anerkennen: Die Muttertagsbastelei hat gewaltige Fortschritte gemacht. Es gibt keine mit filziger Wolle verklebten Serviettenringe mehr wie zu unseren Zeiten. Die heutigen Geschenke haben Stil und man kann die Kinder ohne einen Hauch von Heuchelei für ihre Werke loben.

Müde ist Mama dennoch. Und während Papa weiterhin im Bett vor sich hinschnarcht, versucht Mama die Kinder noch eine Weile zu ignorieren, um mit diesen Sätzen fertig zu werden. Lange wird sich das Frühstück allerdings nicht mehr herauszögern lassen. Der Erste hat bereits einen Kakao bestellt.

Vereinssitzung

Es spielt keine Rolle, welcher Verein es war, wer dabei war, wo die Sitzung stattfand. Denn vermutlich laufen sie alle gleich ab, die Sitzungen von Frauen, deren Leidenschaft der Verein ist, die das Abhalten von Sitzungen lieber den Männern überlassen, sich aber dennoch ungemein wichtig fühlen, wenn sie sagen können: „Heute Abend kann ich nicht, ich hab‘ eine Sitzung“, denen es grosse Befriedigung verschafft, wenn für einmal der Mann – in diesen Kreisen „Meiner“ genannt – zu Hause bleiben muss, um auf die Kinder aufzupassen. Es spielt auch keine Rolle, warum man selber an besagtem Abend dabei war. Es sei hier aber asdrücklich festgehalten, dass dies der letzte Anlass dieser Art war, bei dem man seine kostbare Zeit verschwendet hat.
Die Sitzung wird eröffnet mit der wichtigen Frage, wer Kaffee, wer Tee, wer etwas anderes möchte. Wer sich für Kaffee entscheidet, bekommt diesen in einer Designertasse mit kunstvoll geschwungenem Unterteller serviert; wer sich frecherweise für etwas anderes entscheidet, muss mit einer normalen Tasse zufrieden sein. Nachdem die Frage, ob alle genug Zucker haben, befriedigend erörtert ist, kann man zu den wichtigen Geschäften übergehen.
Es geht darum, wie man sich an einem wichtigen Dorfanlass als Verein einbringen will. Eigentlich hat man dies alles schon bei einer früheren Sitzung beschlossen. Man hat gesagt, dass man es machen wird wie jedes Jahr. Aber man muss das doch noch einmal genau besprechen. Gibt es Bratwürste, Grillschnecken oder Cervelats? Nun ja, seien wir doch originell! Bieten wir alles an! Dafür verzichtet man auf Pommes Frites. Wer keine Wurst will, muss eben selber schauen, dass er nicht verhungert. Das Thema der Vegetarier klammern wir hier mal aus. Es wäre gefährlich, sich hier auf eine Diskussion einzulassen.
Viel wichtiger ist es, wer die Würste grillt. „Meiner kommt? Und Deiner, hat der auch Zeit?“ „Meiner kann nicht, der muss auf die Kinder aufpassen.“ „Dafür kommt Meiner, der macht das gern.“ So geht dies einige Zeit, bis klar ist, dass garantiert keine Frau den Grill bedienen wird. Dann sind die Getränke dran. Will man damit das grosse Geld machen, oder will man familienfreundlich sein? Eine Frau, die bis jetzt geschwiegen hat, leistet nun ihren Beitrag zur Diskussion, und dies etwa zehn Mal in Folge: „Lieber etwas billiger, dafür verkaufen wir zwei drei Flaschen mehr. Das haben wir schon immer so gemacht.“ Wie teuer aber soll die Flasche sein? Die Diskussion dauert an und vergeblich versucht man darauf aufmerksam zu machen, dass es wenig sinnvoll ist, Verkaufspreise festzulegen, solange die Einkaufspreise nicht bekannt sind.
Nachdem die wichtige Frage geklärt ist, wer welchen Kuchen backt, kommt man zum Schlechtwetterprogramm. Diverse Varianten werden sofort verworfen, andere etwas eingehender geprüft und dann auch als untauglich abgetan. Schliesslich fassen die Frauen einen Beschluss: Es braucht kein Schlechtwetterprogramm, es wird schön sein „wie jedes Jahr“. Nun ja, hat es im Juni schon je geregnet? Wer also für den 21. Juni ein Picknick plant, darf ruhig jetzt schon definitve Pläne schmieden, denn wir haben beschlossen, dass das Wetter schön sein wird. Das meiste ist jetzt besprochen und es ist klar, dass bis auf einige wenige Handreichungen, die eine Frau, mit Unterstützung von „Ihrem“, alles organisieren wird.
Bleibt noch das wichtigste Traktandum: Herziehen über Abwesende. Dieses könnte sich bis Mitternacht ziehen, denn es ist klar, dass keine die Runde als erste Verlassen wird. Man könnte etwas verpassen. Ausserdem riskiert man bei einem verfrühten Aufbruch, durch den Kakao gezogen zu werden, bevor die Haustür hinter einem zugefallen ist. Die Rettung kommt per Telefon: „Ich muss nach Hause. Meiner hat einen Notfall bei der Arbeit“, verkündet eine Teilnehmerin. Damit ist die Sitzung offiziell beendet.
„Meiner“ hat sich krank gelacht, als ich ihm von dem Abend erzählte.

Sisyphos

Sisyphos war in Wirklichkei eine Hausfrau, allenfalls auch ein Hausmann, falls es solche in der Antike schon gegeben hat. Ein typischer Tag im Leben des Sysiphus muss etwa so ausgesehen haben: Er stand am Morgen auf, räumte das schmutzige Geschirr vom Vorabend weg, holte aus dem Geschirrspüler das saubere Geschirr, um darin das Frühstück zu servieren, räumte das jetzt ebenfalls schmutzige Geschirr wieder in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in Kleider, die er am Vorabend gewaschen hatte, im besten Wissen, dass dieselben Kleider spätestens in fünf Stunden wieder in der Waschmaschine landen würden, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, faltete saubere Wäsche zusammen, räumte auf, wischte den Boden, holte sauberes Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte es nach dem Essen wieder zurück in den Geschirrspüler, liess diesen laufen, putzte den Tisch, wischte den Boden, steckte die Kinder in frische Kleider, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, räumte auf, holte das saubere Geschirr aus dem Geschirrspüler, räumte das schmutzige Geschirr nach dem Essen wieder in den Geschirrspüler, putzte den Tisch, wischte den Boden, räumte auf, steckte die Kinder in frische Pijamas, entfernte die Zahnpastaspuren aus dem Waschbecken, steckte die schmutzigen Kleider in die Waschmaschine, hängte die nasse Wäsche auf und sank danach todmüde und im vollen Bewusstsein, den ganzen Tag nicht etwas gleistet zu haben, das Bestand haben würde, ins Bett.
Doch weil dies alles zu wenig glamourös klang, hat man aus Sisyphos einen König gemacht, der erst nach allen erdenklichen Patzern zu seinem sinnlosen Dasein verdammt wurde. Fragt sich nur, womit all die armen Hausfrauen- und männer die Götter erzürnt haben…

Wer darf die Geschichte erzählen?

Es ist ein umwerfendes Bild: Die neu eingesetzte Spanische Verteidigungsministerin, die hochschwanger die Ehrengarde abschreitet. Und was dahinter steckt, ist noch umwerfender: Da ist ein Chef, der in einer Schwangerschaft kein Hindernis sieht, der nicht davon ausgeht, dass eine Frau, die geboren hat, nicht mehr kompetent ist, der ihr ein Amt zutraut, ja sogar eines, dass normalerweise in Männerhand ist. Ein Chef, dem es egal ist, dass die Frau ein paar Wochen Mutterschaftsurlaub beziehen wird.
Warum nur ist dies noch immer die grosse Ausnahme? So gross, dass sämtliche Zeitungen das Bild auf der Frontseite bringen? So aussergewöhnlich, dass darüber Kommentare geschrieben werden müssen? Warum nur sieht die Realität für die meisten schwangeren Frauen noch immer anders aus, zumindest in der Schweiz und ganz sicher auch anderswo?
Dann noch eine andere Frage zu einem anderen Thema, das dennoch dasselbe ist: Warum hört man lieber Vätern zu statt Müttern? „Jetzt reden die Väter“ titelt der Beobachter, wenn es um Familie geht. Das Migros Magazin bringt anrührende Stories über allein erziehende Väter, Kolumnist Bänz Friedli darf Woche für Woche aus seinem Leben als Hausmann erzählen.
Man verstehe mich nicht falsch. Ich finde es grossartig, dass es heute für Männer selbstverständlich ist, Kinder zu wickeln, es interessiert mich, wie sie das Leben mit der Doppelbelastung Familie und Beruf erleben und ich liebe die Kolumnen von Bänz Friedli. Aber seien wir doch ehrlich: Hiesse der Bänz nicht Bänz, sondern Bernadette, kein Schwein würde sich für seine Texte interessieren. Wäre er eine Frau, würde man ihr vorwerfen, sie könne nichts als jammern, sie hätte mal eine Horizonterweiterung nötig, sie sei eine frustrierte Hausfrau, die nicht zu schätzen wisse, wie erfüllend es sei, für eine Familie zu sorgen. Aber weil der Bänz ein Mann ist, wird er von den Leserinnen verehrt, veröffentlicht er Bücher, darf er Lesungen abhalten und keiner fragt, wer denn während seiner Abwesenheit die Kinder betreue.
Familie ist plötzlich ein Thema und dies nicht nur, weil der Generationenvertrag ins Wanken kommt. Seitdem die Männer Fläschchen wärmen, Windeln wechesln, Brei kochen und laufende Nasen putzen ist es plötzlich ein Thema, ob man dabei immer so erfüllt ist, wie es die Werbung vorgaukelt. Plötzlich interessiert es alle, wie der Familienalltag aussieht. Wie der aussieht, hätten Frauen schon seit Jahrzehnten erzählen können. Sie hätten davon erzählen können, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird, wenn man vor lauter Überforderung nichts anderes mehr tun kann als schreien. Wie man sich fühlt, wenn man mit einer Magen-Darm-Grippe Mittagessen kochen muss. Wie sich die Erschöpfungsdepression schleichend ins Leben frisst. Sie häten auch erzählen können, was für ein unbeschreibliches Gefühl es ist, ein Wesen, dass während Monaten im Bauch herangewachsen ist, in den Armen zu halten. Dass es nichts Schöneres gibt, als von klebrigen Kinderhänden gestreichelt zu werden. Dass es manchmal erschütternd ist, zu erkennen, dass man diesen Menschen, die man über alles liebt, nie ganz gerecht werden kann.
All dies und noch viel mehr hätten sie erzählen können. Doch es interessierte keinen, denn es waren „Frauenthemen“. Es geht hier nicht darum, Männer gegen Frauen auszuspielen. Warum aber dürfen jetzt die Väter erzählen, während die Mütter noch immer nicht ernst genommen werden?

Ferien

Ferien. Zum ersten Mal seit bald acht Jahren sechs Tage ohne Kinder. Alles ist perfekt organisiert. Die Kinderbetretreuung topmotiviert, der Kühlschrank voll mit lauter ungesundem Esssen, die Taschen gepackt, die Kinder gesund. Der Abschied fällt leichter als erwartet und so kann man endlich alles mal hinter sich lassen und sich erholen.

Nach kurzer Fahrt Ankunft im Hotel, einem Familienhotel, denn ein kalter Entzug wäre vielleicht doch etwas viel. Alles läuft reibungslos, das Zimmer ist perfekt. Endlich einmal Zeit, das zu tun, was man schon lange wollte: Krank sein! Das Gepäck ist noch nicht ausgepackt, da beginnt man zu frösteln, nach dem ersten Rundgang durchs Hotel schmerzen sämtliche Glieder, eine halbe Stunde später liegt man im Bett, die Decke weit über die Ohren gezogen.

Am nächsten Tag mit heiserer Stimme der erste Anruf zu Hause. Die Tochter hat Fieber, leidet an Heimweh, der Zweitjüngste macht auch schon an einer Erkältung herum und der Jüngste will nicht essen. Nur der Älteste ist zufrieden. Er durfte Jakobsmuscheln essen. Die Fertigmenus vergammeln derweil im Kühlschrank.

War es wirklich richtig, zu verreisen? Soll man nicht besser nach Hause gehen? Leiden die Kinder nicht zu sehr? Die Fragen beantworten sich von selbst: Wir sind eingeschneit. Und das im April.

Ach du selige Ignoranz

Es gibt Momente, da wünscht man sich, einfach nur dumm zu sein. Nichts zu wissen, keine Zusammenhänge zu kennen. Kein Hintergrundwissen, das einen stört. Einfach nur selige Ignoranz.
Diese Momente spielen sich meistens vor dem Regal mit den Fertigmenus ab. Da ist man gestresst, will ausnahmsweise mal ein Fertiggericht auf den Tisch bringen und dann stürmt es auf einen ein, all das Wissen, das man über die Jahre angehäuft hat.
Wie wär’s mit diesen Pouletkugeln, die mit der Currysauce drin. Nicht dass sie gut wären, aber eben, man ist ja gestresst. Doch halt, das Pouletfleisch kommt aus Brasilien. Brasilien? Werden dort die Hühner in Auslaufhaltung gehalten? Und wie steht’s mit der CO2-Bilanz des Produkts? Vielleicht könnte man auch Fischstäbchen nehmen. Aber halt, die Weltmeere sind überfischt und erst neulich hat man lesen können, dass das Label, das umweltschonenden Fischfang verspricht, alles andere als vertrauenswürdig ist. Dann eben Fertigpizza. Aber die Dinger sind horrend teuer und so unglaublich klein, dass für eine sechsköpfige Familie mindestens vier Packungen her müssen. Auch mit bescheidenen mathematischen Kenntnissen muss man zum Schluss kommen, dass man zum gleichen Preis schon fast im Restaurant speisen könnte. Vom Abfallberg ganz zu schweigen. So geht es weiter. Das eine Produkt fällt weg wegen des zu hohen Fettgehalts, das andere wegen seiner unsinnigen Verpackung. Wieder andere kommen nicht in Frage, weil man mit dem Kauf irgend einen multinationalen Konzern ünterstützen würde, den man unbedingt meiden sollte, auch wenn einem im Moment gerade entfallen ist, warum.
So vergeht die Zeit, während der man in Ruhe ein vollwertiges Mittagessen hätte kochen können. Schliesslich verlässt man das Geschäft mit einem Salatkopf, der zwar immerhin aus der Schweiz stammt, allerdings wegen seiner Herkunft aus dem Treibhaus auch nicht wirklich akzeptabel ist. Man hetzt nach Hause, schnauzt die Kinder an, weil man gestresst ist, bringt irgendwie etwas halbwegs Gesundes auf den Tisch, bringt die ganze Küche durcheinander und vergisst in der Eile ganz, den Salat zu rüsten.
Und wünscht sich, man hätte nur fünf Minuten lang richtig dumm sein können. . .

Wahlkampf

Es gibt eine interessante Nebenerscheinung, wenn man mit einem italienischen Staatsangehörigen verheiratet ist: Man erhält haufenweise Wahlpropaganda ins Haus geliefert. Zumindest seitdem behauptet wird, die Auslanditaliener hätten den Ausgang der letzten Wahl bestimmt.
Der erste war natürlich Silvio. Nun ja, er soll ja letztes Mal wegen der Auslanditaliener die Wiederwahl verpasst haben, weshalb er sich jetzt natürlich ganz besonders für die Stimmen der Ausgewanderten ins Zeug legen muss. Und so hat der liebe Silvio sein ganzes Herzblut in seine Zeilen an die Abtrünnigen vergossen. Er beklagt sich darüber, wie Romano Prodi dem Image Italiens geschadet habe. Die ganze Welt lache nur noch über sein geliebtes Land. Und dann ist dieser böse Romano natürlich höchstpersönlich Schuld am Abfallproblem von Napoli.
Tja, man muss ihm doch Recht geben, dem armen Silvio. Die ganze Welt schaut nur noch mit Verachtung auf die einst grosse Nation. Wie viele Ausländer den Kopf schütteln über ein Volk, das so dumm ist, einen selbstverliebten, schönheitsoperierten, haartransplantierten Geldsack gleich zweimal zu wählen, scheint dem lieben Silvio entgangen zu sein. Und dann das arme Napoli! Seit Jahrzehnten bekannt als eine der saubersten und sichersten Städte Europas, wenn nicht gar der ganzen Welt. Und da kommt dieser Prodi und richtet das Paradies während seiner kurzen Amtszeit kaltherzig zu Grunde.
Zum Schluss seines Briefes gibt er noch einmal alles, der Silvio. Er schliesst „con un cordiale abbraccio“. Man stelle sich dies einmal vor: Er, der Mächtige, der ausgezogen ist, das angeschlagene Italien nach seinen Bedürfnissen zu formen, er, der dafür sorgen muss, dass vor seinem Ableben alle Gesetze in seinem Sinne geändert werden, er, der zwischen Schönheitsoperationen, Schwächeanfällen und Wahlkampfauftritten kaum eine freie Minute hat, er umarmt sie herzlich, seine potentiellen Wähler. So eine herzerwärmende Geste würde unserem Christoph jedenfalls nie in den Sinn kommen.
Gott sei Dank wird der nicht vom Volk gewählt. In unserem kleinen Land wäre die Gefahr wirklich gross, dem Kerl tatsächlich über den Weg zu laufen. Und dann wäre eine Umarmung nicht bloss eine leere Drohung.