Anrufprotokoll, oder so ähnlich

Zuweilen kommt es vor, dass Mama Venditti und Projektleiterin Venditti gleichzeitig im Einsatz sind. Zum Beispiel heute Morgen, als alle fünf Kinder beim Frühstück sassen und das Telefon klingelte. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt:

Anrufer: „Wie gut stehen denn die Chancen, dass der Ständerat die Anstossfinanzierung für Kinderkrippen verlängert?“

Projektleiterin Venditti: „Nun, in Bern haben sie mir gesagt…“

Mama Venditti: „Ja, Zoowärter, du bekommst gleich deinen Kakao….“

PV: „… dass der Ständerat solchen Anliegen eher offener gegenübersteht als der Nationalrat. Aber du weisst ja, wie das in der Politik so sein kann.“

Karlsson: „Mama, ich will auch einen Kakao haben!“

MV: „Kommt gleich, Karlsson. Ich bin noch am Telefon.“

Anrufer: „Und was machen wir, wenn der Ständerat nein sagt?“

MV: „Mist, die Milch ist sauer! Komisch, die ist doch noch gar nicht abgelaufen…. Zoowärter, gib mir deine Tasse zurück. Ich mach‘ dir einen neuen Kakao.“

PV: „Tschuldigung, diese Kinder….. Ääääähm, wo waren wir? Ach ja, beim Ständerat. Nun, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben…. äääähm, Moment schnell…“

MV: „Könnt ihr mal bitte ein wenig leiser sein! Ich bin am Telefon!“

PV: „Da bin ich wieder. Also, wenn der Ständerat nein sagt, dann brauchen wir eben eine Defizitgarantie…“

MV: „Jetzt hört ihr sofort auf zu streiten! Das ist ja nicht zum Aushalten.“

PV: „Sorry, was hast du gefragt?“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?

PV: „Tut mir leid, kannst du das noch einmal wiederholen? Es ist ein wenig laut hier.“

Anrufer: „Und wenn das Geschäft bachab geht?“

MV: „Ja, Luise, ich komme gleich…“

PV: „Dann müssen wir eben Investoren suchen…“

MV: „Nein, FeuerwehrRitterRömerPirat, du musst dir deinen Strohhalm selber holen….“

PV: „Wann hast du gesagt? Am Sechzehnten um acht?“

Anrufer: „Nein, am Vierundzwanzigsten. Ich sage dir dann noch, wann.“

PV: Okay. Ich schreibe mir das sofort auf…“

MV: „Wo habt ihr jetzt schon wieder meine Stifte versteckt! Ach, da liegen sie ja….“

PV: „So, Termin notiert. Ich schicke dir dann die Unterlagen per Mail. Nächste Woche dann, wenn unser Au-Pair wieder kommt….“

Alles klar?

Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und so kann es schon mal vorkommen, dass an einem gewöhnlichen Mittwoch in den Sommerferien „Meiner“ um Viertel nach acht bei der Arbeit erscheinen muss, wofür er das Auto braucht, weil das E-Bike zwar bestellt, aber noch nicht abgeholt ist und weil der Zug von Schönenwerd nach Kölliken Umwege macht, die selbst einem umweltbewussten Menschen etwas zu absurd sind. Fünfundvierzig Minuten später sollte ich beim Arzt erscheinen, zu einem Termin, den ich bereits vor sechs Wochen abgemacht hatte, damals, als ich noch frohgemut behauptet hatte: „Ja, der 4. August passt perfekt. Dann haben wir Sommerferien, da bin ich vollkommen flexibel.“

Okay, bevor es richtig kompliziert wird, rekapitulieren wir kurz: Da wäre 1 x arbeiten um 8:15 Uhr und einmal Arzt um 9:00 Uhr. Was auf dem Papier gar nicht so kompliziert aussieht, in der Praxis aber sehr wohl kompliziert ist, denn wer hütet die Kinder, während Mama und Papa weg sind? Und das ist nur der eine Aspekt des Problems. Der andere wäre: Wer bringt Karlsson, Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten zum Ferienkurs, wenn Mama und Papa weg sind? Nun, natürlich haben Mama und Papa Netzwerke, auf die sie in solchen Fällen zurückgreifen können und so werden die Kinder für eine Stunde bei der Grossmama, die im Haus wohnt, abgeliefert und die Grossmama stellt pünktlich um zehn vor zehn die drei Grossen an die Strasse, wo sie von einer anderen Mama abgeholt werden.

Problem gelöst, und sogleich wieder neue geschaffen. Denn um sich bei der anderen Mama für die guten Dienste zu revanchieren, bietet man ihr an, dass man im Gegenzug am späten Nachmittag deren Kind abholen wird. Was man dabei aber vergessen hat: Die eigenen Kinder müsste man am späten Nachmittag gar nicht abholen, weil die ganze Familie am Abend bei der Kursleiterin eingeladen ist und die Grossen deshalb gar nicht nach Hause kommen müssen.  Aber abgemacht ist abgemacht und deshalb will man das Kind der anderen Mama dennoch abholen. Man kann doch nicht einfach eine Dienstleistung annehmen, ohne eine zurückzugeben, nicht wahr? Man wird also am Nachmittag, nachdem man mit den beiden Jüngsten bei der Schwester zum Kaffeetrinken war, was man schon vor einer Woche abgemacht hatte, als man noch nicht wusste, dass „Meiner“ heute das Auto braucht, noch kurz das Kind abholen gehen.  Weil aber das Auto noch in Kölliken ist, muss „Meiner“ über Mittag nach Hause kommen, sich von mir am Nachmittag zur Arbeit chauffieren lassen, damit ich nachher mit den beiden Kleinen zur Schwester fahren kann und später das Kind der anderen Mama abholen kann und dann, bevor wir uns alle zusammen zu unserer Einladung begeben, „Meinen“ wieder von der Arbeit abholen kann.

Wie, ihr könnt meinen Erklärungen nicht folgen? Soll ich noch einmal rekapitulieren? Nun, vielleicht lasse ich es bleiben. Ihr müsst den Plan ja nicht im Detail verstehen.  Ich jedenfalls habe mehrere Anläufe gebraucht, bis mir endlich klar wurde, wie wir das alles schaffen, ohne das Telefon zur Hand zu nehmen um alles umzuplanen, was die Sache noch komplizierter gemacht hätte. Irgendwann stand die perfekte Lösung fest und es sah ganz danach aus, dass der Tag zwar etwas kompliziert, aber dennoch ganz gut werden würde.

Und dann kommt das Leben, das fiese Ding, das sich nie an unsere ausgeklügelten Pläne hält und wirft alles über den Haufen, was wir so schön durchdacht haben: Das Kind der anderen Mama muss heute nicht abgeholt werden, weil Luise der anderen Mama gesagt hat, dass sie und ihre Brüder heute bei der Kursleiterin bleiben dürfen. Gut, ein Termin weniger. Das verschafft Luft und der Tag wird einfacher. Also ja, der Tag würde einfacher werden, wenn nicht der Zoowärter plötzlich zu schlottern anfinge und das Fieberthermometer nicht panisch piepsen würde, nachdem die Temperatur fertig gemessen ist. Gut, jetzt wo der Zoowärter krank ist, ist auch klar, dass wir nicht zur Schwester fahren, sondern dass sie zu uns kommen wird, was ja an sich eine weitere Vereinfachung wäre. Denn jetzt muss „Meiner“ das Auto nicht nach Hause bringen, ich muss ihn nicht zur Arbeit zurückfahren und er muss sich am Abend nicht abholen lassen. Also alles perfekt: Ich bleibe den ganzen Tag zu Hause, kümmere mich um das kranke Kind und quatsche mit meiner Schwester. Klingt doch um Welten besser als das Chaos vom letzten Abschnitt, nicht wahr?

Bloss dass mit den die geänderten Plänen neue Fragen und Probleme auftauchen: Mache ich das versprochene Dessert für heute Abend, oder lasse ich es bleiben, weil wir wegen des kranken Zoowärters zu Hause bleiben müssen? Müssen wir zu Hause bleiben, oder ist er abends wieder gesund? Oder geht nur „Meiner“ mit den grossen Kindern? Oder gehe nur ich mit den grossen Kindern, weil ich ja weniger aus dem Haus komme? Schaffe ich es noch, ein wenig Ordnung zu machen, bevor die Schwester kommt? Ordnung, die ich nicht hätte machen müssen, wenn ich zur Schwester gefahren wäre, weil dann keiner gesehen hätte, wie es zurzeit bei uns aussieht. Muss ich überhaupt aufräumen oder kann ich der Schwester unser Chaos zumuten?

Was ich aus dem ganzen Theater lerne?  Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters zu planen, ist gar nicht so einfach. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters weit im Voraus zu planen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Leben von sieben Menschen unterschiedlichen Alters umzuplanen, ist so mühsam, dass man am besten gar nie mit dieser elenden Planerei begonnen hätte, weil ohnehin alles anders kommt.

Ach ja, und dann hätte ich noch eine Frage: Wann bekomme ich denn jetzt endlich dieses Management-Diplom?

Mein Geständnis

Wer mich kennt oder wer regelmässig hier vorbeiliest, der weiss, wie sehr ich Hausarbeit liebe. So sehr, dass ich sie an eine Putzfrau delegiert habe. So sehr, dass ich, wenn die Putzfrau in den Ferien weilt, oder wenn jemand unter der Woche etwas verschüttet, ganz dringend aufs WC muss, bevor man mir den Putzlappen in die Hand drücken kann. So sehr auch, dass ich mich inzwischen damit abgefunden habe, dass fast jeder, der unsere Wohnung betritt, vom dringenden Bedürfnis gepackt wird, ein wenig beim Aufräumen behilflich zu sein, auch wenn mir dies furchtbar peinlich ist. Man sieht also, meine Begeisterung für Hausarbeit kennt keine Grenzen.

Und doch habe ich heute, als ich mit dem Staubsauger durch die Wohnung düste – die Putzfrau weilt gerade sehr sehr lange in den Ferien, so lange, dass ich den Dreck nicht liegen lassen kann, bis sie wieder zurück kommt -, bemerkt, dass Hausarbeit erträglich sein kann. Also, natürlich nur, wenn die Bedingungen stimmen. Und die Bedingungen wären

a) Alle Kinder sind aus dem Haus, weil man sonst gleich wieder von Vorne anfängt, kaum ist man fertig geworden.
b) Das Chaos ist so schlimm, dass selbst ich mich nicht mehr wohl fühle darin.
c) Das Chaos ist so schlimm, dass der Vorher-Nachher-Effekt so grossartig ist, dass selbst eine wenig ambitionierte Hausfrau, wie ich eine bin, sich am Ende anerkennend auf die Schulter klopft.
d) Das Chaos ist so schlimm, dass selbst der Zoowärter, wenn er nach dem Spielen wieder reinkommt merkt, dass da etwas anders geworden ist, nämlich dass es plötzlich wieder so sauber ist, dass man jeden seiner Fingerabdrücke auf dem Salontisch erkennen kann, wo sie doch vorhin im Gewirr der vielen Fingerabdrücke einfach verschwunden waren.
e) Ich will gerade ein paar Kilos loswerden und mache rein zufällig bei einem Abnehm-Programm mit, bei dem sich Putzen als Fitness abbuchen lässt. Denn es gibt nur eine Sache, die ich
noch mehr liebe als Hausarbeit und diese Sache nennt sich S-P-O-R-T.
f) In meinem Kopf schwirren gerade so viele Gedanken herum, dass ich sie zuerst wieder ordnen muss, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch setzen kann.

Sind alle diese Bedingungen erfüllt, dann steht einer fröhlichen Putzaktion eigentlich nichts mehr im Wege und es macht mir nichts aus, für einmal den Job der Putzfrau zu machen. Wer jetzt denkt, er könne „Meinem“ melden, es gebe da durchaus noch Sparpotential in unserem Haushaltsbudget – „Meiner“ führt sich derzeit geradezu bürgerlich auf in seiner Sparwut -, der irrt gewaltig. Denn die Tage, an denen alle oben genannten Bedingungen erfüllt sind, sind äusserst rar. Und wenn nicht alle erfüllt sind, dann rühre ich keinen Putzlappen an.

Jetzt reicht’s!

Und zwar endgültig. Jetzt müssen sie weg, die Kilos, die ich seit der Prinzchen-Geburt noch nicht losgeworden bin. Und die grauen Haare ebenfalls. Und die schwarzen Augenringe erst recht. Und das alles so schnell wie nur immer möglich.

„Weshalb diese Eile plötzlich?“, mag man sich fragen. „Bis jetzt hat dich das alles ja auch nicht gestört.“ Die Antwort liegt irgendwo auf der Zugstrecke zwischen Basel und Aarau, ich vermute es war irgendwo bei Sissach. Da kam sie, diese nette Kondukteuse und wollte unsere Billette sehen. Artig zeigte ich, was sie sehen wollte: Das Billett für „Meinen“ und mich, mein Halbtax-Abo, die Junior-Karten für Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Die Kondukteuse musterte unsere Familie, schaute etwas verwirrt auf die Ansammlung von Fahrkarten und wollte dann wissen: „Und dieser junge Herr dort? Wo haben Sie sein Billett?“ Zuerst wollte ich nicht so recht verstehen, wen sie mit „dieser junge Herr dort“ meinte. Ob sie wohl wissen wollte, wo der Besitzer der dritten Junior-Karte sei? Wohl kaum, oder? Oder meinte sie gar, der Zoowärter oder das Prinzchen müssten auch schon eine Fahrkarte lösen? Endlich dämmerte mir, wen sie mit der schmeichelhaften Umschreibung meinte: „Meinen“!

Ist das nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Da zeugen „Meiner“ und ich fünf Kinder zusammen, schlagen uns gemeinsam zehn Jahre lang die Nächte mit Füttern, Trösten und Wickeln um die Ohren, kämpfen uns gemeinsam durchs Haushaltschaos, zerbrechen uns gemeinsam den Kopf, wie wir wohl im nächsten Monat finanziell durchkommen und toben gemeinsam mit unseren Knöpfen durchs Leben. Aber während „Meiner“ nach zehn Jahren wie ein „junger Herr“ aussieht, sehe ich aus wie seine Mutter. Am liebsten hätte ich gebrüllt: „Der ‚junge Herr da‘ ist mein ‚Meiner‘ und er ist ganz genau gleich abgekämpft wie ich, auch wenn ihm das kein Mensch ansieht! Er tut bloss so, als sei er jung, relaxed und cool, aber Sie müssten ihn mal sehen, wenn er abends um halb zehn auf dem Sofa einpennt vor lauter Erschöpfung. Dann sieht er nicht mehr ganz so frisch aus.“ Aber was hätte das denn noch gebracht? Die Kondukteuse war schon längst verschwunden und vermutlich schüttelte sie im Herausgehen den Kopf über die modernen Mütter, die sich zuerst einen Haufen Kinder zulegen, um danach mit einem jungen Lover im Schlepptau durchs Land zu ziehen. Oder dachte sie vielleicht, „Meiner“ sei mein Ältester, den ich irgendwann, kurz nach dem Eintritt in die erste Klasse bekommen hätte?

Es ist doch einfach zum Heulen. Demnächst wird man hinter unserem Rücken tuscheln: „Er sieht ja noch richtig gut aus, aber sie…. Wie hat die es bloss geschafft, sich einen solchen Mann zu angeln?“ Da gibt’s nur eins: So schnell als möglich wieder so jung aussehen, wie ich in Wirklichkeit bin.

Oder aber ich sorge dafür, dass „Meiner“ genauso alt aussieht wie ich. Was gar nicht so einfach sein dürfte, denn schwanger werden kann er ja nicht und meine Verschleisspuren sind wohl vor allem auf die Schwangerschaften zurückzuführen. Na dann, ich denke mal, in Zukunft wird er die Nachtschicht ganz alleine übernehmen müssen….

Ökobilanz

Mit meinem heutigen Einkauf, so lässt mich der Online-Supermarkt meines Vertrauens wissen, hätte ich 1,3 kg CO2 gespart, 1.6 kWh Strom weniger verbraucht, was etwas mehr als einem Waschgang entspreche und ausserdem hätte ich mir ganze zwei Minuten Autofahrt erspart. Leider hätte ich keinem Baum das Leben gerettet, aber das liegt nur daran, dass ich gewöhnlich mit dem Kleinwagen im Dorf einkaufe und nicht mit dem Offroader im grossen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese. Mit diesen Angaben will man mir gratulieren zu meinem ach so umweltbewussten Einkaufsverhalten. Bin ich nicht ein netter Zeitgenosse? So besorgt um das Wohlergehen unseres Planeten…

Offen gestanden möchte ich nicht wissen, was unser guter alter Planet zu dem Abfallberg  sagen würde, den mein heutiger Online-Einkauf hinterlassen hat:

Und das sind erst die Transportverpackungen, den eigentlichen Müllberg bekommt man gar nie an einem Haufen zu sehen.

Ich möchte ja nicht behaupten, wenn ich meinen Einkauf im Dorf erledige, würde ich damit keinen Abfall verursachen. Aber so hoch wird der Berg nie, dafür lege ich die Hand ins Feuer. Irgendwie habe ich das ungute Gefühl, dass meine Ökobilanz trotz meines angeblich vorbildlichen Verhaltens heute mal wieder ganz kräftig ins Minus gerutscht ist. Mal schauen, was ich unserem alten Planeten zuliebe tun muss, um diesen Fehler wieder gut zu machen….

Einer dieser Tage

Man sollte ja eigentlich meinen, in den Ferien würde auch das Leben einem zur Abwechslung mal eine  Verschnaufpause gönnen, würde einen verschonen mit Alltagskram, würde dafür sorgen, dass von den sieben Ferientagen keiner zu einem dieser Tage wird. Was für einen Tag ich meine? Na eben, einen dieser Tage….

die schon mitten in der Nacht damit beginnen, dass das Prinzchen eine volle Windel hat und die Feuchttücher spurlos verschwunden bleiben, auch wenn man die ganze Ferienwohnung danach absucht.

Einer dieser Tage, die damit weitergehen, dass der Zoowärter noch vor acht Uhr früh einen Tobschutanfall kriegt, weil er nicht mit Karlsson und  Luise zum Spielplatz gehen darf, weil er noch nicht angezogen ist und ausserdem drei Unterhosen übereinander trägt.

Einer dieser Tage, an denen schon vor dem Frühstück drei Trinkgläser in die Brüche gehen.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter nicht nur einmal oder zweimal, sondern dreimal das Betadine-Bad verschüttet, in dem er seine eitrige Wunde, die er sich am Finger zugezogen hat, baden soll.

Einen dieser Tage, an denen man sich irgendwann dazu entschliesst, Wäsche zu waschen, weil der Tag ohnehin im Eimer zu sein scheint.

Einen dieser Tage, an denen gleich beide Waschmaschinen belegt sind und man sich schliesslich dazu gezwungen sieht, die frisch gewaschene Wäsche von wildfremden Menschen sorgfältig aus der Maschine zu nehmen und fein säuberlich hinzulegen, weil auch nach  langem Warten noch keiner gekommen ist, um die Waschmaschine wieder freizugeben. Und man kann ja nicht ewig warten. Irgendwann, solange das Prinzchen noch schläft, der Zoowärter mit „Meinem“ im Wald ist und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihren „grossen Piratentag“ haben, müsste man doch wenigstens ein klein wenig des verpassten Schlafes nachholen.

Einen dieser Tage, an denen dich, kaum bist du eingeschlafen, die Kinderbetreuung anruft, um dich zu bitten, du mögest doch bitte Karlsson abholen kommen. Dem armen Jungen sei ganz schlecht geworden.

Einen dieser Tage, an denen du einmal mehr nicht weisst, wie du dein enttäuschtes Kind trösten sollst, wie du ihm erklären sollst, dass Viren keine Ferien machen, wie du ihm helfen sollst, möglichst schnell wieder gesund zu werden, damit nicht der ganze Spass ohne ihn stattfindet.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter findet, er müsse jetzt endlich herausfinden, ob man auch aufwärts pinkeln kann und danach auf der Sauerei, die er angerichtet hat, ausruscht.

Einen dieser Tage, an denen du das Leben anflehst, es möge doch bitte berücksichtigen, dass man in den Ferien sei und deshalb keine Lust habe, sich mit Alltagskram herumzuschlagen.

Einen dieser Tage, die man am besten so schnell als möglich wieder vergisst.

Reisefertig?

Ferienvorbereitungen im Hause Venditti:

1. Schichtschlafen
„Meiner“ von 8 bis 9 Uhr morgens, ich von 9 bis 10 Uhr morgens, dann ein kurzer Auftritt beim Kindergartenabschlussfest, ein Blitz-Mittagessen und wieder zwei Stunden schlafen. Wie? Ob wir in den Süden verreisen und deswegen für die lange Autofahrt vorschlafen müssen? Aber nicht doch! Wir finden es einfach nur schön, uns für einmal den Luxus ausgedehnter Nickerchen zu leisten. Ist doch egal, dass wir eigentlich anderes zu tun hätten….

2. Fünf Kilo Sauerkirschen einmachen
Nein, wir haben keinen Sauerkirschenbaum. Aber wenn die Nachbarin einem so grosszügig wunderbar reife Sauerkirschen in Hülle und Fülle anbietet, kann man doch unmöglich nein sagen, auch wenn man eigentlich Koffer packen sollte. Und wenn man da noch dieses wunderbare Rezept für Sauerkirschen-Schokoladen-Chili-Confiture zum Ausprobieren hat, dann müssen andere Dinge eben warten.

3. Kirschenentseiner kaufen
Was kann ich denn dafür, dass das uralte Modell, das wir uns bis letzen Sommer mit meiner Mutter geteilt haben, den Geist aufgegeben hat?

4. Lesen
Jedes Buch, das ich schon zu Hause fertig gelesen habe, nimmt weniger Platz im Koffer weg. Also schnell alles lesen, dann müssen wir nicht so viel einpacken. Ausserdem habe ich dann eine Ausrede, mir am Ferienort neue Bücher zu kaufen, denn was sind denn schon Ferien ohne Bücher?

5. Gäste bekochen
Wenn man für ganze sieben Tage verreist, dann
muss man doch einfach vorher Gäste einladen. Die erkennen einen ja sonst nicht mehr, wenn man nach so langer Abwesenheit wieder zurückkommt.

6. Nachrichten schauen
Wenn Moritz Leuenberger findet, er müsse ausgerechnet heute seinen Rücktritt erklären, wo es nach seinen 15 Jahren im Bundesrat nun wirklich nicht auf die eine Woche mehr angekommen wäre, dann können wir das nicht ignorieren. Ich weiss auch nicht, weshalb der gute alte Moritz seine Rücktrittsankündigung nicht besser mit unseren Ferienplänen abgestimmt hat.

7. Mit dem Zoowärter im Garten Fussball spielen
Wenn der Zoowärter sich entscheidet, dass er jetzt gleich Schweiz gegen Brasilien spielen will – ich bin die Schweiz, er ist Brasilien – dann muss das unverzüglich getan werden und dann spielt es überhaupt gar keine Rolle, dass beide Mannschaften schon längst ausgeschieden sind und dass die WM ohnehin fast vorbei ist. Dann zählt nur, wer wie viele Tore schiesst. Oder genauer gesagt: Dann zählen nur die Tore, die Brasilien schiesst, auch wenn die Schweiz viel öfter getroffen hat.

8. Fliegen töten
Und zwar möglichst viele. Ich will doch nicht in einer Woche in eine mit Maden verseuchte Wohnung zurückkehren…..

9. Luxemburgerli essen, welche die Gäste mitgebracht haben
Die Dinger müssen weg und zwar schnell. In einer Woche sind sie nicht mehr gut und für die Reise taugen sie auch nicht.

10. Kofferpackenzugbillettlösenpicknickpackenreiseunterlagensuchenfahrplanausdrucken
benzintankenstrassenkartestudierengrünabfalleerenkühlschränkeleerenundausschalten
wäscheaufhängengartenbewässernpoolabdeckenwohunungaufräumen

Aber morgen ist ja auch noch ein Tag, nicht wahr?

Beinahe hätte ich’s vergessen

Da war ich in den letzten Tagen so beschäftigt mit Kuchenbacken fürs Jugendfest, für die Kindergarten-Geburtstagsparty, für die Kinder-Geburtstagsparty, als Vorräte für den tatsächlichen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Geburtstag Mitte Juli, mit Wohnungsputz – die Putzrau ist in den Ferien -, Kinderzimmer entrümpeln bevor sich noch einer ein Bein bricht, wenn er versucht, sich einen Weg durchs Chaos zu bahnen, Hochzeitstag feiern, Au-Pair kennen lernen und Schuljahr beenden. Wir alle hatten so viel um die Ohren, dass ich beinahe die Vorfreude vergessen hätte. Also ja, eigentlich nicht nur die Vorfreude, sondern auch den Grund für die Vorfreude, nämlich die Tatsache, dass wir am Samstag in die Ferien fahren. Nur für eine Woche zwar, dazu noch in der Innerschweiz, aber immerhin sind das die Tage, auf die wir seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben und da sollte man eigentlich meinen, dass mir nicht irgendwann, mitten im Alltagsstress in den Sinn kommt, dass wir bis zur Abreise nur noch viermal schlafen müssen und dass wir uns deswegen vielleicht langsam aber sicher überlegen sollten, ob wir alle mit dem Zug fahren oder ob „Meiner“ oder ich das Gepäck mit dem Auto durch die Schweiz karrt. Vielleicht sollten wir auch mal abklären, ob wir für das Prinzchen ein Kinderbett mitnehmen müssen. Und ob es dort in der Nähe einen Laden gibt oder ob wir zu Hause schon alles einkaufen sollten. Und ob es dort auch einen Internet-Anschluss gibt, damit „Meiner“ und ich weiterhin ungestört bloggen können, oder ob wir noch ganz schnell, bevor wir dann weg sind, ein paar Blogkonserven einmachen müssen.

Vor allem aber sollten wir endlich wieder damit anfangen, uns vorzufreuen. Vor lauter Stress hätten wir nämlich beinahe vergessen, dass uns nur noch ein paar wenige Stunden von ausschlafen, Ausflügen, Souvenirjagd, Badespass, ausgiebigem Lesen und haushaltfreier Zeit trennen. Und weil das Schönste an den Ferien ja meistens die Vorfreude ist, habe ich beschlossen, dass ich mit der Vorfreude anfange und zwar genau …. JETZT.

Wie? Ob ich vergessen habe, dass da noch die Koffer für sieben Leute zu packen sind? Mist! Daran habe ich tatsächlich auch nicht mehr gedacht. Vielleicht bleiben wir doch lieber zu Hause…..

Ferienreif

Die Batterien sind leer. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern sehr. So sehr:

Mein Bürotisch (Ja, genau der Bürotisch, den ich vor etwa zwei Wochen perfekt aufgeräumt habe und von dem ich mir geschworen hatte, dass er aufgeräumt bleiben würde):

Meine nicht mehr ganz scharfe Sicht auf den Terminkalender:

Mein derzeitiger Drogenkonsum:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Na dann, da werde ich euch wohl Einblick in die untersten Schubladen meines Geschmacks gewähren müssen….

Meine derzeitige Lektüre:

Wie, ihr wollt noch mehr Beweise? Dann eben zum Schluss noch….

…. meine neueste Errungenschaft (Bitte tut so, als sähet ihr den überquellenden Abfalleimer daneben nicht. Die Müllabfuhr kommt morgen vorbei.):

Glaubt ihr mir jetzt endlich, dass ich wirklich ganz dringend Ferien nötig habe?

Absurd

Zuweilen schaut man sich ja diese Filme an und denkt: „So absurd! Das ist ja alles völlig aus der Luft gegriffen. So kann das Leben nie und nimmer sein.“ Ich meine zum Beispiel Szenen wie bei „What’s eating Gilbert Grape“, wo sich das Auto gefährlich auf die rechte Seite neigt, weil die überschwere Mama auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat. Oder diese völlig irr anmutende Szene in irgend einem Film, dessen Titel ich vergessen habe, wo ein Manager in einem Babyplanschbecken ersäuft. Oder zum Beispiel Cameron Diaz, die in „The Holiday“ auf Stöckelschuhen über einen verschneiten Pfad stakst. Da fragt sich doch jeder, ob es überhaupt einen Menschen auf diesem Planeten gibt, der so blöd ist, im Winter Stöckelschuhe zu tragen. Gut, ich geb’s ja zu, ich denke das nicht, weil ich selber schon im Winter auf hohen Absätzen unterwegs war und zwar nicht nur in der Stadt, wo ohnehin alle Strassen vom Schnee befreit sind. Gut, das nur nebenbei, eigentlich wollte ich ja darauf hinweisen, dass es in Filmen oft Alltagsszenen gibt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann und sich fragt, was der Regisseur bloss intus hatte, als er den Film gedreht hat.

An solche Filmszenen wurde ich heute Vormittag erinnert, als ich dabei war, eine Pfanne voll mit kochendem Wasser über eine Unzahl von Fliegenmaden zu giessen, die sich gerade dazu anschickten, unser Grundstück für sich und ihre Nachkommen zu erobern. Das alleine war zwar ziemlich eklig, aber so richtig abstrus war es natürlich noch nicht. Klar, Maden die sich todesmutig aus einem Grünabfallcontainer zu Boden stürzen, wo sie der sichere Tod durch kochendes Wasser erwartet, sieht man nicht alle Tage. Richtig irr wurde die Szene aber erst, als ich mitten im Vernichtungskampf einen Anruf entgegennahm, bei dem es darum ging, dass am Samstag ein neuer Herr Diakon in seine Wohnung einziehen möchte und dass wir doch bitte dafür sorgen sollten, dass die Jugendfestgäste, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort ein Fest feiern werden, nicht dumm im Wege herumstehen, wenn der Herr Diakon – den ich übrigens weder kenne, noch je kennen lernen werde, weil ich nicht Mitglied seiner Kirche bin – seine Sessel, Tische und Kochtöpfe anschleppen wird.

Da stand ich also im Garten, angetan in einem bodenlangen geblümten Rock und getupften Ballerinas, in der einen Hand die leere Pfanne, in der anderen das Telefon, auf dem Gesicht einen angeekelten Blick, zwischendurch entsetzt kreischend, weil der Anblick des Getiers so widerlich war, und versicherte der Anruferin, dass ich ganz bestimmt dafür sorgen würde, dass niemand den Herrn Diakon für einen armen Irren hält, bloss weil er sich am einzigen Dorffest des Jahres dazu entschliesst, seine Habseligkeiten in sein neues Domizil zu verfrachten. Eine arme Irre, die dafür sorgen wird, dass andere nicht für irr gehalten werden….

Ich weiss zwar noch nicht genau, weshalb ich die Aufgabe gefasst habe, den Herrn Diakon von der wütenden Dorfbevölkerung zu schützen und ich weiss auch nicht, wie ich verhindern soll, dass der arme Mann attackiert und in die geschlossenen Anstalt verfrachtet wird, und offen gestanden ist es mir im Moment wichtiger, dass die Maden verschwinden als dass der Herr Diakon kommt, aber sobald der Kampf gegen die ekligen Viecher gewonnen ist, werde ich mich der Angelegenheit annehmen. Eines aber wurde mir bei alldem wieder ganz neu bewusst: Keine Filmszene, und sei sie noch so absurd, kann absurder sein als der ganz banale Alltag.