Unmöglich?

Sind denn unsere Vorstellungen so unrealistisch, dass es einfach nicht klappen will? Man sollte  doch meinen, dass es in der Schweiz ein oder zwei, vielleicht sogar drei, junge Frauen gibt, die gerne mal für ein Jahr als Au-Pair arbeiten. Ich meine jetzt nicht Sklavenarbeit, sondern bloss dreissig Stunden die Woche ein paar Wäscheberge beseitigen und die Küche aufräumen, mit dem Zoowärter und dem Prinzchen spazieren gehen, dafür sorgen, dass die Kinder am Nachmittag eine Zwischenmahlzeit bekommen, wenn Mama Venditti sich im Büro verschanzt hat und dergleichen. Nett wäre ausserdem, wenn sie unsere Kinder nicht als lästiges Ungeziefer, sondern als nette kleine Menschen ansähe, die natürlich auch ihre Macken haben. Als Gegenleistung bekäme sie von uns ein sauberes Zimmer, ein eigenes Bad, warme Mahlzeiten, Bezahlung nach den gängigen Richtlinien und Familienanschluss. So schlimm kann das doch nicht sein, oder?

Nun, mag ja sein, dass es Ausnahmen gibt, aber die Kandidatinnen, die sich bis jetzt gemeldet haben, scheinen etwas andere Vorstellungen von einem Au-Pair-Job zu haben. Schimpft  mich ruhig eine Pessimistin, aber wenn die erste Frage lautet, wie weit es denn von uns bis nach Zürich sei, dann werde ich misstrauisch. Vielleicht bin ich in euren Augen ja ein Snob, aber wenn ich erfahre, dass die junge Dame in keiner Schule tragbar war, dann beschleichen mich ernsthafte Zweifel, ob sie der richtige Umgang für unsere Kinder sei. Ihr dürft auch sagen, ich sei kleinlich, aber wenn die junge Dame schon zum ersten Kennenlernen nicht erscheint, dann schrillen bei mir die Alarmglocken.

So langsam habe ich das Gefühl, dass ich mal wieder das Unmögliche will. Und deshalb habe ich heute Nachmittag kurzerhand beschlossen, unser Au-Pair-Suche auf den ganzen Planeten auszuweiten. Irgendwo auf dieser Welt wird es bestimmt eine junge Dame geben, – und weiblich muss sie sein, denn noch mehr Testosteron kann unser Haushalt nicht mehr ertragen – die es Zwölf Monate mit Vendittis aushält. Wir sind ja keine Monster, bloss etwas laut und chaotisch, aber damit sollte man leben können. Immerhin halten wir es auch aus mit uns selber und wir müssen uns selber schon ein ganzes Leben lang ertragen.

Uuufffffff

Am Anfang sah es ja noch so aus, als würde dieser Fronleichnam gar nicht so schlimm wie gestern befürchtet. Ein Tag, der erst um neun Uhr morgens damit beginnt, dass dir ein freudenstrahlendes Prinzchen seinen Nuggi an den Kopf wirft, kann ja nicht wirklich schlimm werden, oder? Ha, von wegen! Natürlich kann er, auch wenn er anfangs noch so tut, als sei er ganz nett. Wie ein Tag so tun kann, als sei er nett? Na eben, indem er erst um neun Uhr damit beginnt…, ach, ich wiederhole mich. Aber das Riesenpaket von La Redoute, das kurz darauf in unserer Wohnung landete, war auch nicht schlecht. Im Gegenteil, es war perfekt, denn für einmal passen alle Kleider wie angegossen. Und billig sind sie obendrein.

Das war’s dann aber mit dem netten Tag, denn kaum war ich in meine hübschen neuen Kleider geschlüpft, ging es nur noch bergab. Die Details erspare ich meiner geschätzten Leserschaft. Nur ein paar Stichworte, damit ihr euch vorstellen könnt, womit mich der heutige Tag erfreut hat: Stempeltinte auf dem frisch geputzten Bürotisch, auf dem Bürostuhl und an den Prinzchenhänden, dazu 150 Büroklammern über den ganzen Bürofussboden verteilt; Joghurtessen mit Strohhalm; ein Glas Confiture im freien Fall; eine äusserst zickige Luise und ein äusserst unkooperativer Zoowärter; Regenwetter; PMS; brüllende Kinder, die das Prinzchen aus dem Schlaf reissen, bevor er ausgeschlafen ist und das gleich zweimal; ein Anruf einer Mutter zur besten Tageszeit, nämlich abends um Viertel vor sechs und noch Einiges mehr, aber das habe ich verdrängt. Deshalb nur noch das Schlimmste am Ganzen: Keine Hefe im Haus und kein Laden offen, wo ich Hefe hätte kaufen können, damit ich Teig zum Abreagieren hätte machen können. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Wut an der armen Wohnungstüre auszulassen und zwar heftig.

Am Ende eines solchen Tages kann ich nur sagen: Gott sei Dank bin ich nicht katholisch. Sonst müsste ich auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil der Feiertag so gar nicht feierlich war. Aber Fronleichnam kann mir zum Glück egal sein, so dass ich mir jetzt nur ein Gewissen machen muss, weil ich den ganzen Tag eine mies gelaunte, ungeduldige, unausstehliche Mama war.

Um aber den Tag nicht ganz so pessimistisch zu beenden hier noch die neuste Glanzleistung des Prinzchens: Das schlaue Kerlchen hat heute zum ersten Mal seinen Teller abgeräumt, als er mit dem Essen fertig war. Hach, was bin ich stolz auf meinen Jüngsten!

Einige Gedanken an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch

1. Ist es ein Zeichen von unverbesserlichem Optimismus, wenn man morgens, kaum sind die drei Grossen aus dem Haus, das Prinzchen und den Zoowärter ins Auto packt, um Sommerkleider für die Kinder einzukaufen? Oder wurde der Sommer für dieses Jahr offiziell abgesagt und ich bin die Einzige, die es nicht mitbekommen hat?

2. Manchmal ist es so schwierig, ein benachteiligtes Kind zu lieben. Nicht, weil es nicht liebenswert wäre, sondern weil es alles tut, um zu verhindern, dass deine Liebe sein Herz berühren und verletzen könnte. Meistens kann ich gut damit leben. Aber zuweilen, wenn meine Liebe zu oft ins Leere gelaufen ist und meine Tochter auch noch darunter leiden muss, dann möchte ich den Bettel nur noch hinschmeissen und mich den Kindern zuwenden, die es schätzen, von mir geliebt zu werden. Es gibt Tage, da zweifle ich daran, ob es richtig war, die Türen unseres Hauses so weit zu öffnen, dass nicht nur wir und unsere Kinder darin Platz haben.

3. Wie schafft man es, innert 5 Minuten eine Flasche Bio-Olivenöl zu verschütten, eine randvolle Dose Rohrzucker zu zerschlagen und einen halben Liter Orangensaft auf dem Fussboden zu verteilen? Wenn ihr jetzt glaubt, es habe etwas mit dem Prinzchen zu tun, dann irrt ihr gewaltig. Zuweilen sorgen auch die drei ältesten Mitglieder des Venditti-Clans für Chaos. Und das sogar ohne, dass wir uns in die Haare geraten wären und mit Geschirr um uns geschmissen hätten.Und nein: Ich war nicht alleine Schuld an dem Desaster.

4. Fronleichnam ist nicht lustig. Schon gar nicht dann, wenn man in einem katholischen Gebiet lebt und der Papa in einem protestantischen Gebiet arbeitet. Das heisst: Fünf Kinder und eine übermüdete Mama, die morgen keinen Ausflug machen können, weil Mama zu genervt sein wird, um mit allen Fünfen auszufliegen. Und das alles an einem Donnerstag, wo ich doch Donnerstage leidenschaftlicher verabscheue als Garfield die Montage. Oder kurz gesagt: Ich freue mich nicht auf morgen.

5. Eigentlich möchte ich es ja nicht wahrhaben, aber es lässt sich dennoch nicht leugnen: Ich bin so viel zufriedener, wenn ich weiss, dass auf unserem Konto genug Geld ist. Ich möchte von mir behaupten können, dass ich rund um die Uhr singend und pfeifend durchs Haus tanze, egal, wie hoch oder tief der Kontostand ist. Doch leider erwische ich mich fast immer nur dann beim spontanen Singen und Pfeifen, wenn ich weiss, womit ich den nächsten Wocheneinkauf bezahlen werde.

6. Wie viele Putzkessel hat meine Mutter wohl in ihrem ganzen bisherigen Leben kaufen müssen? Drei vielleicht, oder vier? Was mache ich bloss falsch, dass ich heute bereits den vierten Putzkessel in diesem Jahr habe kaufen müssen, weil schon wieder einer kaputt gegangen ist? An meinem Putzfimmel kann es nicht liegen. Ich habe nämlich gar keinen.

7. Manchmal zweifle ich daran, ob ich gerade die passende Rolle erwischt habe. Ist jetzt gerade die liebevolle, verständnisvolle Mama gefragt oder hätte ich die gestrenge Übermutter herauskehren müssen? Warum spricht man mich als Projektleiterin an, wo ich doch ganz offensichtlich als übermüdete Hausfrau beim Monsterwocheneinkauf unterwegs bin? Muss ich jetzt wirklich die top organisierte Familienfrau spielen, wo ich doch für die Rolle der redseligen Kaffeetante vorgesprochen habe?

8. Sieht er nicht grossartig aus in weiss, mein Karlsson? Und ist es nicht wundervoll, mal nur mit ihm alleine unterwegs zu sein? Welche Brille sich Luise wohl aussuchen wird? Die Zeiten, wo man ein Kind wegen einer Brille auslacht sind doch vorbei, oder muss ich sie vielleicht darauf vorbereiten, dass es dumme Sprüche geben könnte? Wie schön, der FeuerwehrRitterRömerPirat hat mich umarmt. Freiwillig. Armer Zoowärter! So süss und so trotzig. Hoffentlich merkt er bald, dass man im Leben nicht um alles kämpfen muss. Ach, mein Prinzchen! So klein und schon so übermütig! Wenn er bloss nicht vom Stuhl fällt. Unglaublich:  „Meiner“ und ich haben heute ganze zehn Minuten ungestört miteinander reden können!

9. Hätte ich vielleicht doch ein paar Flaschen Cola kaufen sollen? Die nächsten Tage könnten anstrengend werden.

So ist mein Leben: Ein Spagat zwischen den verschiedenen Welten. Immer. Auch an einem ganz gewöhnlichen Mittwoch. Wobei, so gewöhnlich war der Mittwoch gar nicht. Ich habe nämlich den Wocheneinkauf um einen Tag vorgezogen, weil morgen Fronleichnam ist, worauf ich mich gar nicht freue. Aber das hatten wir ja bereits.

Krisenmanagement

Halb fünf Uhr Nachmittags, ein beschaulicher, fast schon ein wenig langweiliger Büronachmittag neigt sich seinem Ende zu. „Meiner“ hat um fünf seine erste Sitzung am zukünftigen Arbeitsort und deshalb lasse ich meine Arbeit zu einem Ende kommen. Gerade will ich mich innerlich auf das Chaos vorbereiten, das vor der Bürotür auf mich wartet, da öffnet sich dieselbe Tür und unser Gast meldet, dass er mich ganz dringend braucht, weil er sich eine Verletzung zugezogen hat. Der Zoowärter braucht mich auch ganz dringend, weil er beschlossen hat, dass er mit seiner Freundin nach Hause gehen will, was Papa aber nicht einsehen will. Aber ich will es auch nicht einsehen und deshalb haben wir bald schon einen heulenden Zoowärter. Und einen FeuerwehrRitterRömerPiraten, welcher dem übermüdeten Prinzchen den Bä! wegschnappt, worauf wir auch noch ein heulendes Prinzchen haben. Und eine Luise, die nicht dann zu Hause ist, wenn sie zu Hause hätte sein sollen. Und einen Karlsson, der seine Hausaufgaben erst später machen will, was aber nicht geht, weil er später eine Konzertprobe hat.

Irgendwann wird klar, dass der Gast ärztliche Behandlung braucht, worauf die halbe Horde mit mir im Auto verschwindet, während „Meiner“ mit dem Auto meiner Mama zur Sitzung düst und Karlsson zu Hause die Stellung hält. Gast in ärztliche Behandlung übergeben, dann wieder zurück nach Hause, die Rückführung von Luise veranlassen, Pizzateig herstellen, Karlsson zur Konzertprobe fahren, Pizza backen, Prinzchen ins Bett bringen und kontrollieren, ob der inzwischen auf dem Fussboden eingeschlafenen Zoowärter noch tief genug schläft, „Meinen“ anrufen um ihm zu sagen, dass er Karlsson abholen soll, weil ich jetzt den Gast abholen werde, wieder zu Hause allen Pizza servieren und dafür sorgen, dass alle Hausaufgaben gemacht sind, Luises Probleme beim Häkeln lösen, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten von den Wikingern erzählen und ihn danach beruhigen, weil der Zoowärter heute nicht bei ihm im Zimmer schlafen wird, weil er ausnahmsweise bei uns schlafen darf, damit wir ihn nicht wecken müssen, Augenblicke später einen Zoowärter trösten, der mit nasser Hose völlig verschlafen aus unserem Schlafzimmer kommt und noch immer nach seiner Freundin brüllt, Karlsson vom Computer loseisen, weil jetzt fertig ist mit „Fritz & Fertig“, Küche aufräumen, jedem Kind ein Liedchen singen, Luise ermahnen, dass jetzt Schluss sei mit dem Herumgerenne, Karlsson trösten, weil der Schmetterling, den er vor zwei Jahren in der Schule gemacht hat, kaputt gegangen ist und sonst noch ein paar kleinere und grössere Krisen, wie zum Beispiel eine Taschenlampe, die neue Batterien braucht.

Jetzt scheint das Haus langsam zur Ruhe zu kommen. Endlich hätte ich Zeit, mich in mein Lehrbuch zum Thema Krisenmanagement zu vertiefen. Aber ob ich diesem Thema überhaupt gewachsen bin?

Was kann ich denn schon dafür?

Habt doch bitte endlich Erbarmen mit uns und lasst die Sommerferien beginnen! Nicht, dass ich ferienreifer wäre als gewöhnlich. Ich lechze immer gleich stark nach Erholung. Nicht dass ich mich danach sehne, fünf Wochen lang eine Horde unterbeschäftigter Kinder daran zu hindern, einander die Köpfe abzureissen. Aber so langsam habe ich die Nase voll davon, mich jeden Morgen anraunzen zu lassen, weil die Kinder nicht mehr aufstehen mögen. Als ob ich Schuld daran wäre, dass die Knöpfe jetzt einfach ausgelaugt sind vom langen Schuljahr. Als ob ich die Sommerzeit eingeführt hätte, die abends das Einschlafen erschwert. Als ob ich dafür gesorgt hätte, dass in den letzten Schulwochen noch alles rein muss: Sporttag, Schulreise, Elterngespräch, Jugendfest, verpassten Schulstoff aufarbeiten, Fussballturnier, Schülerkonzerte, Schnuppermorgen, Abschlussfeiern und was einem sonst noch in den Sinn kommen könnte, um auch noch den letzten weissen Fleck auf dem Kalender zu füllen.

Es ist einfach zum Heulen im Moment und das, bevor die Post-it-Tage offiziell begonnen haben. Und so kommt es, dass ich momentan mal wieder den Abfallkübel der Familie mache: „Mama, wo hast du meine Schuhe versteckt?“ „Mama, ich will jetzt einfach nicht zur Schule gehen, also lass mich schlafen.“ „Mama, warum hast du mir meine Lernzielkontrolle nicht in den Schulsack gelegt, nachdem du sie unterschrieben hast?“ „Mama, warum hast du keine ganz roten Äpfel gekauft?“ „Mama, wegen dir komme ich noch zu spät.“ Meine sonst so lieben und bescheidenen Kinderlein, die mich an gewöhnlichen Tagen vergöttern,  haben mich zum Sündenbock auserkoren und das alles nur, weil sie ihren Frust und ihre Übermüdung nicht an der Lehrerin auslassen können. Oder am Schulleiter. Oder am Bildungsdirektor.

Dabei hätten die Bildungsdirektoren eigentlich die Schelte verdient. Die bringen es nämlich tatsächlich fertig, dass „Meiner“, der im Aargau unterrichtet, eine Woche früher Schulferien hat als unsere Kinder, die im Kanton Solothurn zur Schule gehen. Ich fürchte, das wird eine sehr sehr schwierige letzte Schulwoche. Vielleicht frage ich mal den Bildungsdirektor, ob an den letzen Schultagen bei uns zu Hause das Wecken und Kinder-zur- Schule-schicken übernimmt.

Verschwenderisch

Verschwenderisch sind wir beide, „Meiner“ und ich, bloss nicht in den gleichen Bereichen. Währenddem ich unser sauer verdientes Geld gerne mit vollen Händen ausgebe, geht „Meiner“ mit den vierundzwanzig Stunden, die uns täglich zur Verfügung stehen mehr als grosszügig um. Und natürlich findet jeder von uns beiden, der andere solle sich doch bitte ein bisschen mehr am Riemen reissen. Er findet, das Planschbecken, das ich bei Ricardo ersteigert habe, sei nun wirklich vollkommen nutzlos, währenddem ich ihm hundertmal unter die Nase reibe, dass wir nun wirklich keine Zeit gehabt hätten, so lange mit der Nachbarin zu quasseln. Er rechnet mir vor, wie viel wir sparen könnten, wenn ich Budget statt Bio kaufen würde und wenn ich mir diese umwerfende Bluse nicht bestellt hätte und ich jammere ihm die Ohren voll, dass es mir zu viel werde zweimal pro Wochenende Gäste zu haben. Er will nicht begreifen, dass ein bisschen Retail Therapy hin und wieder ganz wichtig ist für die frustrierte Hausfrau, ich kann nicht verstehen, weshalb man jede Minute des Tages mit Aktivitäten füllen muss.

Würden wir hier stehen bleiben, unsere Ehe wäre wohl die Hölle auf Erden. Aber interessanterweise scheinen wir uns perfekt zu ergänzen. Denn nachdem ich den ganzen Tag gemotzt habe, dass ich ganz gerne ein wenig Freizeit gehabt hätte, anstatt stundenlang am Herd zu stehen, bin ich diejenige, die fast in Tränen ausbricht, wenn der schöne Abend mit den Gästen so schnell zu Ende gegangen ist und ich ertappe mich dabei, wie ich all die lieben Menschen am liebsten darum bitten würde, jetzt gleich bei uns einzuziehen, damit ich sie nicht gehen lassen muss. Im Gegenzug kann „Meiner“ ohne Gesichtsverlust dazu stehen, dass ich diese wunderschöne Bluse wirklich unbedingt habe kaufen müssen, weil meine Augen damit so schön zur Geltung kommen. Einzig von den Vorzügen des Planschbeckens habe ich ihn noch nicht überzeugen können. Vielleicht lasse ich ihn demnächst an einem sehr sehr heissen Nachmittag mit allen fünf Kindern alleine ins Schwimmbad gehen. Danach wird er mir auf Knien danken, dass ich dieses wunderbare Planschbecken ersteigert habe.

Wann wird es denn endlich heiss hierzulande?

Auf eine gute Nachbarschaft!

Bis vor Kurzem hatte ich geglaubt, diese Art von Nachbarn sei eine Erfindung des „Beobachters“: Menschen, die aus einem anderen Kanton zuziehen, sich ausgerechnet in deinem Quartier einnisten und die sich einen Dreck darum scheren, wer links, rechts und gegenüber lebt. Anfangs denkst du noch, die Leute seien wohl zu beschäftigt mit dem Auspacken der Umzugskartons, aber irgendwann merkst du, dass es ihnen Ernst ist mit dem Ignorieren der Nachbarn. Gut, die Zeiten, wo man sich bei den neuen Nachbarn kurz vorstellt, scheinen so langsam passée zu sein. Aber grüssen könnte man einander schon, wenn sich die Wege zufällig kreuzen, findest du. Und deshalb grüsst du jedes Mal artig, wenn du an ihrem Garten vorbeigehst, oder wenn du mit Kind, sie mit Hund zu gleichen Zeit auf dem gleichen Trottoir spazieren gehen. Aber auch grüssen scheint zu viel verlangt zu sein. Stur blickt man zur Seite, egal wie freundlich du ihnen einen schönen guten Morgen wünschst. Irgendwann findest du dich damit ab, dass diese Nachbarn nicht das geringste Interesse haben, dich zu kennen und irgendwann fängst du an, sie zu ignorieren, obschon du weiterhin brav grüsst, weil dir das Grüssen in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Auf diese Weise kommst du ganz gut an den neuen Nachbarn, die inzwischen gar nicht mehr so neu und trotzdem fremd sind, vorbei. Bis du eines Tages einem jungen Menschen für ein paar Wochen dein Zuhause öffnest und ihm hin und wieder gestattest, auf dem Balkon laute Musik zu hören. Nicht um Mitternacht, versteht sich, sondern vielleicht an einem Samstagnachmittag, wenn ringsum alle Rasenmäher laufen. Oder am frühen Samstagabend, wenn die Kirchenglocken laut dröhnend den Sonntag begrüssen. Um diese Zeit kann das ja niemanden stören, denkst du. Aber du hast nicht mit deinen nicht mehr ganz neuen Nachbarn gerechnet. Denn ausgerechnet die Leute, die dich bis anhin keines Blickes gewürdigt haben, wissen nun plötzlich a) wo du wohnst, b) wie du heisst und c) finden sie endlich die Zeit, sich bei dir vorzustellen. Per Telefon. Mit einem äusserst gehässigen Unterton: „Frau Venditti, wir sind die Familie XY, wir wohnen gleich gegenüber. Den ganzen Tag über läuft bei Ihnen laute Discomusik und das stört uns sehr.“

Da kann ich nur sagen: „Nett dass sie sich endlich bei uns vorgestellt haben. Aber wäre das nicht etwas höflicher gegangen?“ Doch vielleicht wäre ich auch ein solcher Miesepeter, wenn mein Tag nur von 13:00 bis 14:00 und von 19:15 bis 20:00 Uhr dauern würde. Denn die Dame hat ja gesagt, bei uns werde den ganzen Tag lang laute Discomusik gespielt…

Dampfkochtopf

Den ersten Rückschlag des Tages erlebte ich heute Morgen, als ich einmal mehr vergeblich zum Bancomaten ging, um festzustellen, dass auf meinem Konto noch immer gähnende Leere herrscht, obschon da schon längst Geld drauf sein sollte und dass ich den Zwischendurcheinkauf erneut mit der Kreditkarte würde bezahlen müssen. Und einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr es an mir nagt, dass ich zwar inzwischen endlich mehrere sehr erfüllende Arbeitsfelder gefunden habe, dass ich aber so langsam nicht mehr damit klarkomme, dass die Bezahlung irgendwann erfolgt. Womit wir von jetzt bis irgendwann leben sollen, das interessiert keinen, ausser „Meinen“ und mich und das treibt mich dazu, zuweilen die Freude an meinen erfüllenden Aufgaben zu verlieren. Erfüllung ist ja wirklich wichtig, aber damit bezahle ich weder das Brot, noch die Butter die darauf gehört.

Ich war also nicht gerade bestens gelaunt, als ich von meinem Einkauf nach Hause kam und entdeckte, dass das Prinzchen nicht nur ein Trinkglas zerbrochen hatte, sondern dass er es auch fertig gebracht hatte, Karlssons Öllampe auf dem Küchenfussboden auszuschütten. Wie oft habe ich meinem ältesten Kind schon gesagt, er solle seine Öllampe an einem prinzchensicheren Ort verstauen? Nicht oft genug, nehme ich an, ansonsten müsste ich nicht am Samstagmorgen dreimal hintereinander den Boden feucht aufnehmen und danach feststellen, dass noch immer Ölspuren zurückgeblieben sind.

Meine Laune war also noch nicht besser, aber immerhin fand ich noch genügend Optimismus in mir drin, um mir und „Meinem“ zu sagen, wir würden uns den Tag nicht vermiesen lassen. Ha, von wegen! Als ich ein paar Stunden später bei grösster Hitze und mit fast leerem Tank eine Stunde lang durch Trimbach kurvte, um den Weg zu einer netten Person, die mir auf Ricardo einen Dampfkochtopf verkauft hatte, zu suchen, da brannten meine Sicherungen durch. Ein rotes Haus solle ich suchen, hatte mir der nette Herr am Telefon erklärt und weil ich gedacht hatte, in Trimbach gebe es nicht sonderlich viele rote Häuser, habe ich es verpasst, mir die Nummer des netten Herrn zu notieren. Ja, ich weiss, heute hat man GPS und kurvt nicht mehr durch Quartiere, aber weil ich so selten Auto fahre habe ich kein GPS und deshalb kurvte ich vergeblich an vielen vielen roten Häusern vorbei – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viele rote Häuser es in Trimbach gibt –  ohne meinen Dampfkochtopf zu finden.

Aber wer braucht schon einen Dampfkochtopf, wenn er selber dermassen unter Druck steht, dass er demnächst explodiert? Und an Tagen wie heute findet sich garantiert einer, der es schafft, die Explosion auszulösen. Heute fanden sich gar zwei: Ein unvorsichtiger Autofahrer und ein noch unvorsichtigerer Töfffahrer, die mir kurz hintereinander in der verkehrsberuhigten Zone mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit entgegenkamen und beinahe einen wüsten Unfall verursacht hätten. Ich versichere euch: Ihr hättet in diesem Moment nicht neben mir in unserem hübschen kleinen hellblauen Auto sitzen wollen.

Jetzt sitze ich an meinem Computer und suhle mich in meinem Elend. An gewissen Tagen fällt es mir sehr sehr schwer, Optimistin zu bleiben….

Troubleshooter-Mama

Wenn es ums Aufwachen und Aufstehen geht, ist Troubleshooter-Mama noch immer auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, dann aber schlüpft sie in ihr unsichtbares Superwoman-Kostüm und macht sich auf, den Widrigkeiten des Tages den Kampf anzusagen. Die erste Widrigkeit des heutigen Tages: Eine zerbrochene Schale. Genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale. Noch genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale, die aussen mit roten Herzen verziert war und die Luise „Meinem“ zum fünfunddreissigsten Geburtstag geschenkt hatte und die Karlsson, als er sein Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen wollte, zu Boden fallen liess, weil sie im Wege stand, weil Troubleshooter-Mama gestern Abend zu später Stunde zu faul gewesen war, die Schale an einem sicheren Ort unterzubringen.

Alles klar? Nicht? Macht nichts. Es ist ja auch nicht eure Aufgabe, den heulenden Karlsson – „Papa wird so enttäuscht sein! Ich bin so uuuhhhuuungeehhhhschiiihhhhckt!“ – und die tieftraurige Luise – „Die Schale habe ich Papa zum Geburtstag geschenkt! Ich werde ihm nie mehr so eine schöne Schale schenken können!“ – zu beruhigen. Das ist ein Job für Troubleshooter-Mama und der geht so: Karlsson und Luise heulen, machen sich schlimme Vorwürfe und geraten einander schliesslich fast in die Haare, aber nur fast, denn jetzt greift Troubleshooter-Mama ein und nimmt alle Schuld auf sich: „Ich war ja so blöd, die Schale am falschen Ort hinzustellen, also bin ich Schuld.“ Karlsson will etwas einwenden, aber Troubleshooter-Mama kommt ihm zuvor: „Nein Karlsson, du bist nicht zu ungeschickt, ich habe den Fehler gemacht. Luise, wir werden für Papa eine neue Schale kaufen. Und ich bezahle, denn es war ja meine Schuld. Und ich werde auch mit Papa reden, denn es war ja nicht euer Fehler…“

Problem Nummer eins ist kaum gelöst, da steht schon Problem Nummer zwei an: Ein nicht mehr eingefasstes Zahlenbuch, das Karlsson unbedingt noch heute Morgen einfassen will, weil sonst die Lehrerin so böse wird. Aber Troubleshooter-Mama weigert sich, das Buch jetzt auf der Stelle einzufassen, denn a) sie hat gar kein geeignetes Papier im Haus, b) sie hat keine Geduld dazu, denn Karlsson wird das Buch selber einfassen wollen und danach doch nicht ohne Mamas Hilfe auskommen und c) sie hat jetzt keine Zeit dazu, denn Probleme Nummer drei, vier und fünf warten schon darauf, gelöst zu werden. Während Troubleshooter-Mama sich Problem Nummer 3 annimmt, – Luise kann die seit Wochen vermissten Bibliotheksbücher nicht mehr finden und ist deshalb in Tränen aufgelöst – heult sich Karlsson fast die Seele aus dem Leib, weil er Angst hat vor dem Zorn der Lehrerin. Warum bloss hat das Kind Angst vor dem Zorn der Lehrerin, lebt er doch immerhin seit mehr als neun Jahren mit einer emotional ziemlich wechselhaft veranlagten Mama?

Troubleshooter-Mama gerät ob der beiden zusammentreffenden Probleme beinahe ins Strudeln, besinnt sich dann aber auf ihr Allheilmittel in schwierigen Situationen: Sie greift zu Stift und Papier. Ein Briefchen für Luises Lehrerin, in dem steht, dass die Bücher nicht mehr auffindbar sind und deshalb von Vendittis ersetzt werden, ein Briefchen für Karlssons Lehrerin, in dem steht,  dass gestern zu später Stunde der Einband des Zahlenbuches kaputt gegangen sei und dass dieser Fehler selbstverständlich übers Wochenende behoben werde. Beide Briefchen mit „Besten Dank für Ihr Verständnis“ abgeschlossen und auf zu Problem Nummer vier, das da heisst „FeuerwehrRitterRömerPirat davon überzeugen, dass er noch keine Kindergartendispens erhalten hat – und diese auch nie erhalten wird – und dass er deshalb in die Kleider schlüpfen soll und zwar schnell, weil sonst all der Kuchen, den heute zwei Geburtstagskinder mitbringen werden, ohne ihn aufgegessen wird.“

Danach muss sich Troubleshooter-Mama nur noch um ein paar kleinere Problemchen kümmern: Luise trösten, die heult, weil Karlsson und sein Freund ohne sie abgezogen sind, dem Prinzchen die laufende Nase putzen, obschon sie ihm wehtut, weil sie vor ein paar Tagen eine unangenehme Begegnung mit einer Schaukel hatte, dem Au-Pair einen Glassplitter aus dem Finger entfernen und sie beruhigen, dass ihre Angst, dass der nicht mehr vorhandene Splitter in die Blutbahn geschwemmt und in ihre Herzaorta geraten und ihren Tod verursachen könnte, völlig unbegründet sei.

Dann wird es ruhiger und Troubleshooter-Mama darf sich endlich ins Büro zurückziehen, wo ein ganzer Berg Arbeit auf sie wartet. Aber der Berg Arbeit muss leider noch etwas länger warten, denn Troubleshooter-Mama muss sich mal ernsthafte Gedanken machen darüber, ob es pädagogisch sinnvoll sei, den Kindern immer und immer wieder aus der Patsche zu helfen.

Ein Ende in Sicht…

Wann hat’s das zum  letzen Mal gegeben? Ich weiss es nicht, zu lange ist es schon her, so lange, dass es schon fast einem historischen Ereignis gleichkommt: Bei Vendittis gibt’s nur noch ein einziges Wickelkind. Der Zoowärter ist seit heute nämlich auch nachts windelfrei. Ein ein einziges Wickelkind, kann man sich so etwas vorstellen? Das heisst, nur noch vier bis fünfmal am Tag am Wickeltisch zu stehen. Das heisst, nur noch etwa zweimal in der Woche zur Dusche greifen zu müssen, weil man in der Windel eine riesige Sauerei vorgefunden hat. Das heisst, beim Sonderangebot nur noch drei Pack Windeln in den Einkaufswagen zu laden. Das heisst, nur noch einen Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben. Das heisst, nur noch bei einem Kind regelmässig die Nase an den Po zu halten – gibt es eine andere Tätigkeit auf dieser Welt, die für Nichteltern abstossender ist? -,  um zu riechen, ob es in der Windel riecht.

Ich habe zwar nie verstehen können, was die Menschheit am Wickeln so schlimm findet. Für mich gehört das zum Kinderhaben einfach dazu und ob wir nun ein Wickelkind hatten, zwei oder zeitweise gar drei, „Meiner“ und ich haben damit leben können. Klar, es gab peinliche Momente. Zum Beispiel, als wir mal mit drei Kleinkindern aber ohne Windeln auf eine Alp gondelten, wo die übervolle Windel des FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgerechnet im Bergrestaurant den Geist aufgab. Klar wäre ich schon hundertmal froh gewesen, wenn ich keine Windeln hätte kaufen müssen, was aber nicht möglich war, weil die Verdauung unserer Kinder sich buchstäblich einen Dreck schert um unser Budget. Klar gab es zuweilen ganz böse Überraschungen. Zum Beispiel, als der damals etwa zweijährige FeuerwehrRitterRömerPirat zugleich Windpocken und Durchfall hatte und aus lauter Verzweiflung seine Exkremente grossflächig an die Wand schmierte. (Als der Durchfall dann vorbei war, fing er damit an, seine Exkremente im Zimmer herumzuschmeissen, aber auf weitere Details verzichte ich lieber.)

Ja, die Windeln gehören für uns einfach dazu, seit bald zehn Jahren schon und es gäbe da noch ein paar Anekdoten, über die man Jahre später lauthals lacht und ich bin mir sicher, dass die eine oder andere Geschichte in die Familiengeschichte eingehen wird. Aber ich bin dennoch froh, dass das Ende des Windelkapitels absehbar wird. Ich glaube, so langsam haben wir genug gewickelt.

Bleibt nur noch ein Problem: Womit fülle ich denn jetzt  bloss den zweiten, nur noch dreiviertelvollen 60-Liter-Kehrichtsack? (Nein, ich kaufe noch keine 30-Liter-Säcke; ein Wickelkind haben wir ja noch.)