Logenplatz

Das ist doch einfach perfekt: Just zum Zeitpunkt, in dem der Zoowärter ins „Bob der Baumeister“-Alter kommt, reissen die vor unserem Haus das Trottoir auf und zwar auf der gegenüberliegenden Strassenseite, so dass man bequem von unserem Balkon aus zuschauen kann, wie die Bauarbeiter malochen.

Wer jetzt fragt, was denn so toll sei an einer Baustelle vor dem Haus, hat ganz offensichtlich noch nie einen kleinen Jungen von fast drei Jahren näher gekannt, geschweige denn bemuttert oder bevatert. Hat man so einen kleinen Jungen, nimmt man Baustellenlärm, Baumaschinen, die die Strasse versperren und Bauarbeiter, die fluchen, noch so gerne in Kauf, am allerliebsten direkt vor der Haustür, denn das ist am zeitsparendsten. Was bin ich doch damals mit Karlsson von Baustelle zu Baustelle gepilgert, habe alles zu Hause stehen und liegen gelassen, nur damit er die Bagger, Walzen und Bauarbeiter in Natura sehen konnte! Und beim FeuerwehrRitterRömerPiraten dasselbe nochmals.

Jetzt hingegen kann ich in aller Ruhe meiner Arbeit nachgehen, währenddem sich der Zoowärter am Schauspiel auf der Strasse so richtig statt sehen kann. Bequemer geht’s nicht. Ausserdem wird mir die Rolle des Bauarbeiter Groupies erspart. Bei gewissen Mamas weiss man ja nie, ob die Kinder die Mamas wegen der Maschinen zum Stehenbleiben zwingen, oder die Mamas die Kinder, wegen der braungebrannten Bauarbeiterrücken.  Da ich mich aber noch nie sonderlich für braungebrannte Bauarbeiter interessiert habe, bin ich dankbar, dass ich für einmal nicht daneben stehen muss, wenn mein kleiner Junge nicht mehr mitkommen will, weil es auf der Baustelle so schön ist.

Das wäre doch alles wirklich perfekt, wenn nur der Zoowärter sich mehr für Baustellen interessieren würde. Aber seine Leidenschaft für Bob de Boumaa beschränkt sich auf die Kleider. Da hüllt er sich von Kopf bis Fuss in „Can we do it? – Yes, we can!“-Klamotten, wirft ab und zu einen müden Blick auf die Bagger vor dem Haus und verbringt den Rest des Tages mit seinen Stofftieren. Deshalb habe ich beschlossen, unseren Logenplatz zu vermieten. Die Mamas sind herzlich eingeladen, meinen Haushalt auf Vordermann zu bringen, währenddem ihre kleinen Jungen sich den Wanderzirkus vor unserem Haus anschauen.

Wie bitte? Sie wollen wissen, weshalb die Mamas bei mir helfen müssen und nicht einfach Kaffeee trinken dürfen? Nun, so ein Logenplatz hat eben seinen Preis, ist doch klar.

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Ausgestellt

War das mal wieder ein Auftritt! Zuerst war ja alles glatt gelaufen: Die ganze Familie stand geputzt und gestriegelt zum Abmarsch bereit, – ich hatte sogar noch die Zeit gefunden, meine Ersatz-Tussischuhe anzuziehen, – und für einmal sah es ganz so aus, als würden wir  ohne Gehetze den Weg zur Bushaltestelle unter die Füsse nehmen können. Die glückliche Grossfamilie auf dem Weg zur Kirche. Sind sie nicht hinreissend?

Doch wie immer, wenn alles zu perfekt läuft, kommt etwas dazwischen. Diesmal wahren es Karlssons Finger, die zwischen die Tür kamen und deshalb verarztet werden mussten. Und so kam es, dass „Meiner“ nicht rechtzeitig fertig war und mit dem Auto zum Gottesdienst fuhr, während ich mich mit den fünf Rabauken im ÖV abplagte. Ja, und dann hatten wir eben unseren Auftritt. Nun ja, eigentlich hätte es „Meinem“ schon noch auf den Bus gereicht, doch da er kein Münz mehr im Portemonnaie hatte, musste er nochmals nach Hause rennen und da reichte es dann eben doch nicht mehr.

Und ausgerechnet heute musste  der Bus gerammelt voll sein mit Leuten, die entweder keine Kinder haben, oder die zwar mal Kinder hatten, die aber alles besser gemacht haben und die einem dies auch ohne Worte zu spüren geben. Allein die Tatsache, dass der Bus voll war,  ist  eine Unverschämtheit, denn der Neunuhr-Bus ist am Sonntag eigentlich reserviert für uns und unserer Freunde mit den vier Kindern. Die anderen sollen gefälligst früher oder später fahren. Doch weil  heute all die Unbefugten im Bus sassen, fanden unsere Kinder nicht auf Anhieb einen Sitzplatz und da ich ja nicht wildfremde Buspassagiere anbrüllen kann, musste ich eben meine Kinder anbellen, sie sollten sich endlich irgendwo hinsetzen. In der Hoffnung natürlich, dass irgend einer so nett wäre, meinem taumelnden Zoowärter einen Platz anzubieten. Was aber nicht geschah, so dass ich, auf meinen Keilabsätzen schwankend, mitten im Bus einen brüllenden Zoowärter auf dem Arm halten, des Prinzchens Karosse festhalten  und den anderen Fahrgästen Platz machen musste, weil diesen unmöglich zugemutet werden konnte, dass sie im vorderen Teil des Buses sitzen.

So standen wir da, ausgestellt auf dem Podest, auf die Kritik wartend, die da kommen würde. Und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis eine ältere Frau mich darauf hinwies, dass der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat  noch etwas schmutzig seien im Gesicht. Ist doch nett, dass wenigstens jemand sich darum kümmert, dass unsere Kinder sauber zur Kirche gehen.  Auch die anderen Kritiker hielten sich nicht zurück, doch da sie sich auf böse Blicke und ein leises Tuscheln beschränkten, weiss ich leider nicht, was ich sonst noch alles falsch gemacht habe.

Dass ich nach so einer Busfahrt nicht mehr in der andächtigsten und frömmsten Stimmung war, ist ja wohl verständlich. Zum Glück glaube ich an einen Gott, der nichts dagegen hat, dass man von Zeit zu Zeit mal wütend wird, sonst müsste ich nächsten Sonntag mit Erbsen in den Schuhen zur Kirche pilgern. Was zwar unbequem und bei meinen Ersatz-Tussischuhen beinahe unmöglich wäre, aber immerhin den Eisbären nicht schaden würde.

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Naiv

Jetzt bin ich aber wahrhaftig tief gesunken. Jahrelang habe ich jeglichem Lärmspielzeug getrotzt. Habe mich geweigert, all den überteuerten Mist zu kaufen, den man den Eltern andrehen will, weil sie bekanntlich für ihre einzigartigen Sprösslinge keine Kosten scheuen. Habe gewettert gegen all die gewieften Geschäftemacher, die jeden Plastikhaufen zu einer Goldgrube für ihr Geschäft machen, indem sie ihm das Prädikat „pädagogisch wertvoll“ aufstempeln. Und heute, am 24. August 2009, bin ich eingeknickt, habe mich der Macht der Werbung gebeugt, habe mich wider alle Vernunft verführen lassen von leeren Versprechungen und habe dem Zoowärter ein Musik-Töpfchen bestellt. Ja, so ein doofes Ding, das beim Pinkeln das Geräusch von Wasserrauschen von sich gibt und nach vollendeter Tat das Kind mit einem Liedchen, das garantiert blechig und falsch klingen wird, belohnt.

Wer mich kennt, wird daraus den richtigen Schluss ziehen: Ich bin verzweifelt. Ich habe es einfach satt,  Tag für Tag rund zehnmal Windeln zu wechseln, zwei übervolle Windeleimer im Badezimmer stehen zu haben, Woche für Woche eine, in schlimmen Zeiten sogar zwei Tuben Wundschutzcrème zu verbrauchen. Das Fass zum Überlaufen brachte eine Bekannte, die mich neulich fragte, wie viele Windeln ich wohl in den letzten Jahren gewechselt hätte. Als ich mir auszumalen begann, wie viele Bücher ich in dieser Zeit hätte lesen können, wurde mir bewusst, dass jetzt wirklich langsam Schluss sein muss. Zumindest für den Zoowärter, das Prinzchen darf sich noch etwas Zeit lassen.

Ich hatte ja auf den Sommer und auf meinen schlauen Zoowärter gehofft. Ein Kind, das im zarten Alter von zweieinhalb schon perfekte Passiv-Sätze konstruiert und mal ganz nebenbei den Konjunktiv anwendet, wird wohl keine Mühe haben, sich der Windel zu entledigen, dachte ich. Aber egal, wie gut ich ihm zurede, er will einfach nicht wahrhaben, dass grosse Jungen keine Windeln mehr brauchen. Ich muss euch doch bitten, ihr erfahrenen Mütter, hört auf, über mich zu lachen! Ich weiss, ich bin hoffnungslos naiv. Noch immer, obschon doch schon der FeuerwehrRitterRömerPirat „Ave Caesar, morituri te salutant“ vor sich hinbrabbelte, währenddem er sich mit stoischer Ruhe in die Hose machte.

Ob ich denn nicht weiss, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht? Aber natürlich weiss ich es. Doch lasst mich wenigstens einmal glorreich scheitern mit meinen Ambitionen. Gewöhnlich dränge ich ja meine Kinder nicht,  also darf ich für einmal eine Ausnahme machen. Ausserdem lässt sich das Töpfchen ja auch als Fussschemel benützen und von denen brauchen wir dringend einen Zweiten. Aber warum überhaupt ausgerechnet ein Musik-Töpfchen? Hätte es nicht auch ein leiseres Modell getan? Nun, der Zoowärter hört so gerne Bach und singt den ganzen Tag „Det äne am Bergli“. Da müssen wir doch die musikalische Früherziehung noch etwas weiter pushen, sonst wird nie ein Genie aus ihm… :-)

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Zehn fragen, die ich nicht mehr hören will

„Haben Sie noch etwas für mich dagelassen, oder haben Sie den ganzen Laden leergekauft?“ – Ach, wie originell! Jeder denkt, er sie der Erste, der diesen Witz bringt, dabei höre ich ihn jedesmal, wenn ich donnerstags meine Einkäufe zum Auto karre. Und ja, natürlich habe ich den ganzen Laden leergekauft.

„Bist du müde?“ – Müde? Ich? Wie kommst du denn darauf? Wo ich doch jede Nacht neun Stunden schlafe, morgens in aller Ruhe frühstücke, die Zeitung lese, zur Massage gehe, mit der Freundin Kaffee trinke, auswärts zu Mittag esse, einen zweistündigen Mittagsschlaf halte und den Rest des Tages mit Shopping verbringe.

„Warum habt ihr denn einen solchen Stress zu Hause?“ Nun ja, das wissen wir auch nicht so genau. Aber es könnte eventuell etwas damit zu tun haben, dass wir fünf Kinder haben. Obschon es auch daran liegen könnte, dass wir jeden Monat einmal den Rasen mähen müssen.

„Sind das alles eure Kinder?“ – Welche Kinder denn? Ach so, die fünf, die mir und „Meinem“ wie aus dem Gesicht geschnitten sind und die stets hinter uns herlaufen? Kein Ahnung, woher die kommen und warum die mich immer Mama nennen.

„Frau Venditti, ich wollte nur mal nachfragen, ob Sie den Krankenkassenantrag schon ausgefüllt haben?“ – Welchen Krankenkassenantrag? Ach so, denjenigen, den Sie mir vor sechs Monaten geschickt haben? Ich muss Sie doch bitten! Wie soll ich in so kurzer Zeit einen Krankenkassenantrag ausfüllen? Und dann auch noch zurückschicken? Wissen Sie überhaupt, wie lange ein Zweieinhalbjähriger braucht, um bis zur Post zu gelangen? Und ohne meinen Zweieinhalbjährigen gehe ich nicht aus dem Haus.

„Darf ich Ihnen etwas zum Lesen bringen?“ – Nein, dürfen Sie nicht, es sei denn, Sie haben etwas Intelligenteres als „Frau im Spiegel“. Und überhaupt: Ich hasse Coiffeurbesuche.

„Habt ihr diesen Film schon gesehen?“ – Leider sind wir noch nicht dazu gekommen in den zwei Tagen, die er bereits im Kino läuft. Aber wir sind sicher, dass wir ihn uns ansehen werden, wenn er in fünf Jahren als Free-TV-Premiere schlecht synchronisiert im Fernsehen gezeigt werden wird.

„Wann wart ihr denn zum letzten Mal im Kino?“ – Wann war das nochmals? Als „Titanic“ lief? Oder nein, ich glaube, es war „When Harry met Sally“, oder vielleicht auch „Dirty Dancing“.

„Frau Venditti, haben Sie kurz Zeit für ein paar Fragen?“ – Habe ich nicht, also lassen Sie mich in Ruhe. Und überhaupt: Haben Sie noch nie gehört, dass man um zwölf Uhr mittags niemanden anruft? Haben Sie verstanden: N – I -E-M-A-N-D-E-N. Und schon gar nicht Frau Venditti. Die hat nämlich mittags um zwölf immer besonders viele Haare auf den Zähnen.

„Verlierst du eigentlich nie die Geduld?“ – Nein, ich verliere sie nie. Kann ich gar nicht, denn ich habe sie noch gar nicht gefunden. Und was man nicht hat, kann man auch nicht verlieren.

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Danke für’s Kompliment, Alina

Ich bin schön. Nein, keine Angst, ich verliere nicht ganz allmählich den Bezug zur Realität. Ich bin auch nicht immer zufrieden, wenn ich in den Spiegel schaue. Und ich gehöre jetzt auch nicht zu den Frauen, die jedem Dahergelaufnen von ihrer „inneren Schönheit“ vorschwärmen. Aber wenn die kleine Alina, die eben erst „vieri gsii“ ist, im Schwimmbad eigens ihre Mutter herholen muss, damit sie „diese schöne Frau“ bewundern kann, darf man sich  für einmal schon geschmeichelt fühlen. Gerade weil das Ganze im Schwimmbad passiert ist, wo  Mängel besonders schonungslos aufgedeckt werden. Und wo meine eigenen Kinder erbarmungslos darauf hinweisen, dass es auf meinen Oberschenkeln „so komische Streifen“, an meinem Bauch „so dicke Falten“ hat. Da tut es doch einfach gut, dass die kleine Alina über all dies hinweg sieht und so hingerissen ist von meiner „Schönheit“, dass sie keine Gelegenheit auslässt, um noch etwas länger in meiner Nähe zu sein.

Sollte ich mich je wieder hässlich fühlen, denke ich in Zukunft einfach an Alina.

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Freitagmorgen

Freitagmorgen, fünf vor acht, alle fünf Venditti-Kinder sind geputzt, gestriegelt und satt, das Prinzchen gebadet, gewickelt und schon wieder im Land der Träume, die Mama frisch geduscht und noch ohne Flecken auf dem T-Shirt. Eine echte Leistung! Und das alles in nur vierzig Minuten. Im Vergleich zu mir ist Usain Bolt eine lahme Ente. An so einem Tag kann doch einfach nichts mehr schief gehen?

Aber klar doch. Alles was es braucht, ist ein Gewitter pünktlich um acht und schon ist die ganze Sache im Eimer. Nun gut, immerhin sind Karlsson und Luise bereits auf dem Schulweg als es losgeht, somit hat’s wenigstens bei Zweien geklappt mit geputzt, gestriegelt, satt und pünktlich. Wenn man mal davon absieht, dass die Beiden wohl vollkommen durchnässt in der Schule ankommen werden… Aber eben, die richtige Action spielt sich, wie immer, zu Hause ab. Als der FeuerwehrRitterRömerPirat sieht, dass es aus Kübeln giesst, zieht er den richtigen Schluss und holt Gummistiefel für sich und den Zoowärter. Braves Kind. So brav, dass er auch gleich darauf besteht, dass man nicht ohne Socken in Gummistiefel schlüpft und sei die Mama noch so dagegen, dass man jetzt wegen eines Paars blöder Socken – Socken sind immer blöd –  den ganzen Erfolg aufs Spiel setzt.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat bleibt hart, die Socken werden angezogen, die Mama macht sich derweil auf die Suche nach Regenschirmen. Der Erste ist kaputt, der Zweite klemmt, der Dritte ist rosarot. Und mit einem rosaroten Regenschirm geht der FeuerwehrRitterRömerPirat, dieser kleine Macho, nicht aus dem Haus. Das gleiche Kind, das vor wenigen Augenblicken noch darauf bestanden hat, bei Regenwetter alles richtig zu machen, will nicht begreifen, dass es für die Perfektion auch einen Schirm braucht. Und wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat keinen Schirm will, will der Zoowärter auch keinen. Aber bis der Zoowärter ohne Schirm allen Schnecken auf der Strasse Guten Tag gesagt haben wird, wird das Kind nass sein bis auf die Knochen. Da bleibt er doch besser bei der Grossmutter währenddem ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten in den Kindergarten begleite. Bei der Grossmutter will der Zoowärter heute aber ausnahmsweise mal nicht bleiben, auch nicht für fünf Minuten. Es gibt ein Gebrüll, Mama verliert die Nerven und der FeuerwehrRitterRömerPirat nutzt die Gelegenheit, sich derweil mit Gummistiefeln aber ohne Regenschirm im Garten zu verstecken. Und zwar so gut, dass ich ihn erst finde, nachdem ich so laut nach ihm gerufen habe, dass das ganze Quartier weiss, dass die Alte Venditti heute Morgen ihre Kleinen mal wieder nicht im Griff hat. Dabei hatte doch alles so gut angefangen…

Endlich habe ich die beiden soweit, dass wir gehen können. Weil jetzt ohnehin alles vermasselt ist, können wir auch gleich das Auto nehmen. Ist der Ruf erst ruiniert, … Ausserdem habe ich nach all dem Theater keine Lust, auch noch tropfnass zu werden.

Himmel, wann endlich werden diese Gewitter am Freitagmorgen verboten?!

Karriere

Das neue Schuljahr bringt neben neuen Lehrerinnen, neuen Stundenplänen und neuem Schulmaterial auch eine neue Rollenteilung mit sich, zumindest am Dienstag. Dieser Tag gehört ab sofort mir und meiner „Berufstätigkeit“, zumindest, wenn Luise nicht wegen eines unglücklichen Kopfsturzes frühzeitig aus der Schule nach Hause kommt. Am Vormittag sind die Kinder ausser Hauses, am Nachmittag schmeisst „Meiner“ den Laden und ich gehe meiner ach so wichtigen „Arbeit“ nach und tue so, als ob ich von all dem Trubel zu Hause nichts mitbekäme, obschon ich natürlich alles höre. Es liegt ja auch bloss eine Bürotür zwischen mir und meinem Alltag. Doch egal, wie laut das Gebrüll auf der anderen Seite der Tür auch sein mag, es geht mich nichts an. Soviel Ausblenden muss nach fast neun Jahren Mutterschaft einfach möglich sein.

Weil ich aber weiss, wie nervenaufreibend solche Nachmittage mit fünf Kindern sind und wie gut es tut, ausgiebig zu jammern, höre ich geduldig zu, als mir „Meiner“ abends ausführlich schildert, was ihn so alles auf die Palme gebracht hat. Er erzählt mir des Langen und Breiten von einem mühsamen Spaziergang mit drei widerspenstigen Venditti-Kindern. Insgeheim warte ich darauf, dass er endlich auf den Punkt kommt und mir erzählt, was daran soooooo schlimm war. Aber es kommt nur das Übliche: Der FeuerwehrRitterRömerPirat wollte um alles in der Welt den Kinderwagen schieben, was aber gehörig daneben ging, weshalb „Meiner“ nicht vom Fleck kam. Derweil rannte der Zoowärter auf die Kreuzung zu und liess sich durch keine väterliche Ermahnung bremsen. All das hat dazu geführt, dass der ganze Trupp zu spät nach Hause kam, weshalb das Abendessen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand, die Küche im Chaos unterging und Karlsson nicht Geige üben konnte. Weitere Details sind mir entfallen, aber klar ist: Es war der ganz normale Wahnsinn, mit dem ich mich tagtäglich herumschlage. Deshalb konnte  ich nicht anders, als irgendwann in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist denn nur mit „Meinem“ los? Der gute Mann hat schon mindestens so viele Windeln gewechselt wie ich, ist nachts wohl noch häufiger aufgestanden als ich, ist schon vier Tage alleine mit vier Kindern in die Ferien gefahren und hat sie jahrelang abends alleine zu Bett gebracht, währenddem ich mich darum bemühte, meinen Englischschülern das „s“ in der dritten Person Singular einzuprügeln. So einen Mann haut doch nichts mehr aus den Socken, nicht wahr? Leider doch wahr: Der ganz normale (Schul)alltag mit den Kindern ist eben noch eine Stufe anspruchsvoller als all das, was „Meiner“ bis anhin geleistet hat.

Bin ich nicht nett, dass ich „Meinem“ diesen Karriereschritt ermögliche?

Was bin ich doch für ein toleranter Mensch…

Okay, vielleicht habe ich meinen Mund etwas voll genommen, als ich vor ein paar Tage an dieser Stelle forderte, wir Mütter sollten einander leben lassen, egal, ob wir nun vollzeitlich zu Hause sind oder ob wir einer bezahlten Arbeit nachgehen. Denn was schiesst mir als Erstes durch den Kopf, als mir heute eine Mutter mit leuchtenden Augen erzählt, wie erfüllend es doch sei, den lieben langen Tag mit den Kindern zu Hause zu sein? Was genau ich gedacht habe, behalte ich lieber für mich, denn es war nicht besonders nett, aber es ging so in Richtung: „Armes Muttchen…“. Ja, so tolerant bin ich, wenn  das Programm „Jeder muss selber wissen, was richtig ist für seine Familie“ wieder mal ausgestiegen ist. Immerhin verkneife ich mir die dummen Bemerkungen.

Überhaupt: Was hätte ich denn schon zu sagen? Dass ich eigentlich gar nicht Vollzeithausfrau wäre, wenn da nicht diese doofe Wirtschaftskrise wäre? Dass ich schon ganz interessante Projekte auf die Beine gestellt hätte, wenn ich mich besser verkaufen könnte? Dass „Meiner“ und ich eine sehr moderne Rollenteilung leben würden, wenn wir nicht durch ein paar Fehlentscheide in unserer sehr altmodischen Rollenteilung festgefahren wären? Vermutlich liegt es gerade an diesem „hätte, wäre, würde“, dass mich glückliche Vollzeithausfrauen zuweilen so auf die Palme bringen. Denn jede glückliche Vollzeithausfrau führt mir vor Augen, dass sie mit etwas zufrieden sein kann, was mich in tiefste Unzufriedenheit stürzt.

Ach ja, wenn wir schon beim Geständnis sind: Es treibt mich auch auf die Palme, wenn ein Mann sagt, die Küche sei das Reich seiner Frau, das Esszimmer Seines. Habe ich heute auch gehört. Aber  mit solch hoffnungslosen Fällen beschäftige ich mich lieber nicht zu lange, sonst geht meine christliche Nächstenliebe endgültig flöten…

Wie schaffen wir das bloss?

Immer wieder mal fragt man mich, wie ich es fertig bringe, bei all dem Chaos die Nerven zu behalten. Und immer wieder muss ich antworten, dass ich es sehr oft überhaupt nicht schaffe. Dass ich durchaus auch mal herumschreie, obschon ich mir immer geschworen hatte, dies nie zu tun. Dass ich täglich meine Erziehungsgrundsätze verrate, weil ich in der Hitze des Gefechts nicht mehr nachdenke, sondern einfach versuche, den Schaden zu begrenzen. Dass mir gar schon die Hand ausgerutscht ist, obschon ich finde, dass es nichts Falscheres gibt, als ein Kind zu schlagen. Wie man sieht, schaffe ich es also längst nicht immer, die Mutter zu sein, die ich sein will.

Aber ich weiss schon, was mit der Frage gemeint ist. Als Mutter von vielen Kindern ist man wahrscheinlich wirklich in vielen Momenten ruhiger, reagiert weniger panisch, kann es sich gar nicht leisten, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen – was übrigens nicht nur Vorteile hat. Manchmal übersieht man nämlich auch ein echtes Problem, weil man sich mit so vielen Bagatellen herumschlägt.

Auch mich beschäftigt die Frage, wie ich das schaffe. Ich und all die anderen Mütter und Väter, die sich die Mühe nehmen, sich ihren Kindern zu widmen und sie nicht von der Playstation erziehen lassen. Es spielt dabei keine Rolle, wie viele Kinder jemand hat. Wer sich auf Kinder einlässt, bewältigt immer eine immense Aufgabe und zwar eine ohne Erfolgsgarantie. Ja, wie schaffen wir das? Ich kann nur für mich selber und vielleicht noch ein bisschen für „Meinen“ reden. Ohne unser kleines bisschen Eigenleben, diesen winzigen Winkel, in dem unsere eigenen Projekte, unsere Träume und Ideen spriessen können, schaffen wir es nicht. Ohne den Ort, an den wir uns zurückziehen können, um nur uns selber zu sein und das zu leben, was neben dem Elternsein auch noch in uns steckt, schaffen wir es nicht, die Nerven zu behalten.

Konkret gesagt: Ohne Blog keine entspannte Mama, zumindest bei Vendittis nicht. So einfach ist das.

Alles bereit?

Jedes Jahr wird die Liste etwas länger: Turnschuhe, Malschürzen, Trinkbecher, Finken, Turnhosen, Etuis, Turnsäcke, Anti-Rutsch-Socken, Haarbürsten und und und. Mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Schlepptau mache ich mich auf zur grossen Einkaufstour zum Schuljahresbeginn. Alles ist minutiös geplant. Zuerst kommt der Schuhladen bei der Bushaltestelle, dann der Schuhladen beim Bankomaten, dann die Migros, dann C & A, und wenn danach noch etwas fehlen sollte, werden wir weitersehen. Ist doch keine Sache, oder?

Natürlich ist es eine Sache! Im ersten Schuhladen sind die Finken zu teuer, doch Karlsson will unbedingt die mit dem Tiger drauf. „Kommt nicht in Frage“, findet die knausrige Mama und schleppt die Kinder zur nächsten Station. Dort hat es alles, aber niemand will das, was ich will. Luise will die rosaroten Finken mit den Blümchen, aber die gibts in allen Grössen ausser in ihrer. Karlsson will keine Finken mit Fledermäusen drauf, Luise will keine mit Hello-Kitty-Aufdruck, Karlsson will weisse Turnschlärpli, Luise will Babyfinken und keine Turnschuhe und der FeuerwehrRitterRömerPirat will weder Finken, noch Turnschuhe, noch Turnschlärpli. Er will fernsehen.

Irgendwie schaffen wir es dann doch, die drei mit Schuhwerk für jede Gelegenheit auszustatten. Auf zur nächsten Station. Die ganzen Diskussionen nochmals von vorn, diesmal einfach über Turnbekleidung. Luise will lange Hosen, Karlsson kurze und der FeuerwehrRitterRömerPirat sucht vergeblich nach einem Fernseher. So langsam habe ich die Nase voll von dem Gezänke und so merke ich nicht, dass ich für Karlsson Mädchenkleider gekauft habe, was in seinem Alter nun wirklich nicht mehr durchgehen kann. Wir wollen ja nicht, dass er zum Gespött der ganzen Schule wird.

Nach zwei Stunden, die sich wie drei Tage anfühlen, sind wir endlich mit allen Einkäufen am Ende und  vor allem natürlich mit unseren Nerven. Weshalb ich heute nur so gereizt sei, schnauzt mich „Meiner“ an. Wie bitte? Darf man denn nicht einmal ein bisschen rummotzen, wenn man sich stundenlang durch die Läden gekämpft hat und versucht hat, den Wünschen der Kinder, der Lehrer und des Budgets gerecht zu werden? Und das alles mit einer Magen-Darm-Grippe? Wart nur, „Meiner“. Nächstes Jahr bist du dran mit dem Grosseinkauf. Und wehe, du wagst es, zu motzen…