Danke, November

Neun Monate lang habe ich mich mit ihr abgequält, habe versucht, sie zu dem Punkt zu führen, wo ich sie haben wollte, habe mit ihrer Sturheit gerungen und hatte doch immer wieder den Eindruck, bei ihr sei Hopfen und Malz verloren. Mehrmals war ich nahe daran, sie aufzugeben, sie ihrem Scheuklappen-Dasein zu überlassen und mich nicht mehr darum zu kümmern, ob sie gegen die Wand fährt oder nicht. Aber irgend etwas hinderte mich daran, sie links liegen zu lassen, ihrer armseligen Existenz ein Ende zu setzen. Ich weiss nicht, was ich in ihr sah, aber heute kann ich mit Freude verkünden, dass ich sie endlich dort habe, wo ich sie schon immer haben wollte.

Und wem habe ich das zu verdanken? Ausgerechnet dem November, der Monat, der neben dem Februar wohl den schlechtesten Ruf überhaupt geniesst. Wäre es nicht November geworden und hätte ich diesen Monat und vor allem das in diesem Monat angesetzte Schreiben nicht dazu benützt, mich noch einmal diesem scheinbar hoffnungslosen Fall zu widmen, ich glaube ihr letztes Stündlein hätte bald schon einmal geschlagen. Aber weil ich mich nun allen Widerständen zum Trotz Morgen für Morgen zu früh aus dem Bett quäle, um ein paar Sätze zu schreiben, weil ich den Haushalt noch öfter als gewöhnlich links liegen lasse, um mich meinen 50’000 Wörtern widmen zu können, weil ich hin und wieder gar das Gezanke der Kinder ignoriere, weil ich gerade ein paar gute Formulierungen im Kopf habe, habe ich es nun endlich fertig gebracht, diese widerspenstige Person, die mir als ihrer Schöpferin doch auf ewig zu blindem Gehorsam verpflichtet wäre, auf den rechten Weg zu bringen. Womit es mir endlich gelungen ist, den ersten Entwurf abzuschliessen.

Gut, es ist wirklich erst der erste Entwurf, es kann also im Zuge der Überarbeitung noch einiges schief gehen. Ob dieser Entwurf dann jemals gut genug sein wird, um den Computer zu verlassen, daran zweifle ich momentan noch ernsthaft. Und ob der überarbeitete Entwurf je auf das Interesse eines Verlegers stossen wird, wage ich gar nicht erst zu träumen. Aber das alles ist mir momentan noch egal. Hauptsache, ich habe die Tante endlich dort, wo ich sie haben wollte. Ich habe da nämlich noch eine andere Geschichte im Kopf, welcher ich mich gerne für den Rest dieses Novembers verschreiben möchte.

Ach ja, ich finde den November übrigens auch ohne das Schreiben einen wunderbaren Monat. Immerhin ist es der Monat, in dem ich vor zehn Jahren zum ersten Mal Mutter geworden bin. Eine der zahlreichen Hebammen, die dem damals schon etwas eigensinnigen Karlsson in einer langen Geburt dabei halfen, doch noch Mamas Bauch zu verlassen, meinte damals: „Das ist dann ja wohl ein Fasnachtskind“. Die gute Frau konnte sich einfach nicht vorstellen, dass zwei Menschen in nüchternem Zustand  mitten im Februar ein Menschlein zeugen, welches dann für den Rest seines Lebens mit einem Geburtstag m November gestraft sein würde. Aber als liebende Mama sorge ich natürlich dafür, dass unser Sohn trotz Novembergeburtstag ein wunderbares Fest feiern darf. Und darum werde ich in den kommenden sieben Tagen meine Novemberschreiberei wohl etwas in den Hintergrund stellen und stattdessen Leberpastete & Co. zubereiten müssen.

Wortverstopfung

Ja, dieses Novemberschreiben ist schon eine grossartige Sache. Einen Monat lang jede freie Minute schreibend verbringen, wie ich das liebe. Oder genauer gesagt, lieben würde, wenn ich denn nicht einmal mehr mit dieser blöden Schreibblockade zu kämpfen hätte. Nun, eigentlich ist es gar keine Schreibblockade, es ist vielmehr so eine Art Wortverstopfung. Die Handlung geistert in meinem Kopf herum, aber sie will sich nicht in Worte pressen lassen und schon gar nicht will sie einen Weg finden, hinaus aus meinem Kopf und ab in den Computer. Jeder Satz eine Zangengeburt, jedes zweite Wort völlig quer im Text, so dass ich alles wieder lösche.

Irgendwie erinnert mich das Ganze an das Prinzchen, das neulich morgens um halb sechs laut schreiend im Bett stand und versuchte, seine Windel mit etwas zu füllen, was nicht aus ihm heraus wollte. Nun gut, ich stehe nicht morgens um halb sechs schreiend im Bett, dafür aber sitze ich eine halbe Stunde später mit gequältem Gesichtsausdruck am Computer und versuche, die Geschichte aus meinem Kopf herauszupressen. Beim Prinzchen war die Sache relativ einfach: Ein paar Mandarinen und die Verstopfung war Vergangenheit.

Ich fürchte, bei meiner Verstopfung braucht es mehr als ein paar Mandarinen. Auch wenn Mandarinen zur Erfrischung gar nicht schlecht wären.  Aber die Kinder haben die fünf Kilo, die das Au-Pair und ich gestern nach Hause geschleppt haben, bereits aufgegessen. Nein, ich glaube, bei mir bräuchte es eine radikalere Kur: Mehr Schlaf, weniger trockener Papierkram, der auch noch im November fertig werden muss, mehr Musse, um einfach mal zu sein und die Gedanken wandern zu lassen. Ein Luxus, der momentan leider nicht drinliegt, so sehr ich mich auch darum bemühe.

Aber vielleicht ist es gerade dieses Bemühen, das die Worte daran hindert, herauszukommen. Vielleicht kommen sie ja lieber, wenn ich nicht so viel Druck mache. Und deshalb werde ich für heute Abend den November November sein lassen und mich aufs Ohr hauen. Zu einer so unvernünftig frühen Stunde, dass die Gefahr besteht, dass ich für einmal noch vor den Kindern schlafen werde.

Übrigens beruhigt es mich ungemein, dass auch andere Novembrige mit ähnlichen Blockaden zu kämpfen haben. Und wenn ich bei gleicher Gelegenheit daran erinnert werde, dass ich  – Novemberschreiben sei Dank – diejenige war, die der Schreibschaukel den ersten Schubser gegeben hat, dann bin ich schon fast ein wenig gerührt. Ist eben trotz allem eine grossartige Sache, dieses Novemberschreiben.

Wieder mal ein wenig weiser geworden

Hin und wieder sammeln sich bei mir neue Erkenntnisse an, die ich dann unbedingt mit meinen Lesern teilen will, weil sie so weltbewegend sind. Hier also  wären sie:

1. Wenn man seinen Computer durch Net Nanny bewachen lässt, dann sollte man im Blog nicht unbedingt von Absinthe-Luxemburgerli schwärmen. Denn sonst kann es passieren, dass einem die Net Nanny den Zutritt zum eigenen Blog verwehrt, weil dort angeblich für Alkohol geworben wird. Zum Glück kenne ich das Zauberwort, sonst wäre hier seit gestern Abend vorbei mit Lustig.

2. Das Novemberschreiben findet im November statt, weil es dann –  Zeitumstellung sei Dank –  sogar der grösste Morgenmuffel schafft, frühzeitig aus den Federn zu kommen, um ein wenig zu schreiben, bevor die Kinder durchs Haus rasen. Gott sei Dank gibt es kein Märzschreiben. Da brächte ich wohl keinen Satz zustande, geschweige denn 50’000 Wörter.

3. Wer findet, er werde zu wenig beachtet, muss nur einmal mit einem dunkelhäutigen Prinzchen an der einen und einem blonden Prinzchen an der anderen Hand spazieren gehen.  Spätestens nach zehn Minuten hat man mehr bewundernde Blicke eingeheimst als im ganzen bisherigen Leben.

4. Auch Arbeit, die man mit Leidenschaft tut, laugt aus. Bisher hatte ich ja die Meinung vertreten, nur Dinge, zu denen ich mich aufraffen muss – Unterrichten, Hausarbeit, Rechnungen bezahlen – würden mich ermüden. Inzwischen habe ich leider erkennen müssen, dass ich es auch nicht schaffe, rund um die Uhr das zu tun, was mich begeistert: Schreiben, die Kinder um mich haben, Projektarbeit und dergleichen. Hin und wieder sollte man schlafen, so sehr man sich auch dazu überwinden muss.

5. Zweijährige Jungs sollten auf gar keinen Fall dunkelblondes, dichtes Haar auf dem Kopf haben, denn sonst werden sie grundsätzlich als Mädchen behandelt, mögen sie sich noch so sehr wie ein furchterregender Ritter aufführen.

6. Delegieren klingt zwar gut, ist in der Realität aber völlig unbrauchbar, weil man dreimal mehr Arbeit hat, als wenn man die Sache von Anfang an selber an die Hand genommen hätte.

7. Auch wenn es dir im August, als du den Termin vereinbart hast, noch so vorkam, als würde es nie November, irgendwann ist der November dennoch da und du musst der Tatsache ins Auge sehen, dass du am nächsten Samstag eine Lesung abhalten wirst und dass es jetzt zu spät ist, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

8. Es sieht zwar viel ordentlicher aus, wenn man seinen Kalender elektronisch führt und man ihn am Anfang der Woche ausdruckt, anstatt alles in diese winzigen Feldchen auf dem Wandkalender zu kritzeln. Das Leben aber bleibt gleich chaotisch wie eh und je.

9. Glaube bloss nicht, es bliebe der Kinderärztin verborgen, dass das Prinzchen an seinem Geburtstag zu viele Süssigkeiten gegessen hat. Ein kurzes Abtasten des Bauches und es ist klar, dass diese Verstopfung nie und nimmer zustande gekommen wäre, hätte sich das Kind in den vergangenen Tagen von Obst, Vollkornbrot und Apfelsaft ernährt. Und nein, ich bin nicht schon wieder aus nichtigem Grund zum Arzt gerannt. Das Kind musste bloss zeigen, dass es sich seinem Alter entsprechend entwickelt. Und ich kann übrigens wirklich nichts dafür, dass er sich inzwischen zu einem kleinen Klugscheisser entwickelt hat: Da wollte ihm ein Dreijähriger weismachen, das auf dem Bild sei ein Fisch, aber das Prinzchen insistierte, dass es ein „Defwiin“ sei. (Nun ja, ich würde zwar behaupten, es sei ein Hai gewesen und kein Delfin, aber was weiss ich denn schon?)

10. Du kannst Luise tausendmal sagen, sie dürfe nicht mit Mamas Keilabsätzen an den Füssen vom Trip Trap springen. Sie würde auch dann nicht glauben, dass das nicht geht, wenn sie sich  tatsächlich einmal den Knöchel brechen würde.

11. Wenn man versehentlich den Blogpost in den Papierkorb bewegt, anstatt ihn zu veröffentlichen, dann sollte man dies vielleicht als Zeichen auffassen, dass es jetzt Zeit für Feierabend wäre. Oder aber dass der Post zu doof ist, um publiziert zu werden.

Wie macht man das überhaupt?

Das ist mal wieder typisch für mich: Man bietet mir die Möglichkeit, eine Lesung abzuhalten, ich sage voller Freude zu, mache Werbung, verteile Flyers und plötzlich fällt mir glühend heiss ein, dass ich doch gar nicht weiss, was man an so einer Lesung macht. Klar, ich habe schon einige Lesungen besucht, damals, als ich noch jedes Wochenende für die Lokalzeitung unterwegs war. Aber das waren keine Kinderbuch-Lesungen, sondern Veranstaltungen, bei denen Autoren mit mehr oder minder bekannten Namen aus ihren Werken mit beeindruckenden Titeln tiefgründige Bandwurmsätze vorlasen, die keiner verstand. Meistens sassen die Autoren auf der Bühne eines schummrig beleuchteten Kleinkunst-Lokasl an einem wackeligen Tischchen, nippten zwischen  den Bandwurmsätzen gedankenverloren an ihrem Wasserglas und schauten hin und wieder über die randlose Brille forschend ins Publikum, um zu sehen, ob auch alle genügend beeindruckt waren. Das Ganze war äusserst Ehrfurcht gebietend und sehr sehr intellektuell. So intellektuell, dass ich danach kaum wagte, meinen Artikel zu schreiben, aus Angst, meine Sätze würden ob ihrer Einfachheit vom Autor nicht verstanden. Und wer, mit Ausnahme des Autors, liest denn schon Berichte über eine Lesung?

Dies also sind meine Erfahrungen mit Lesungen und somit weiss ich über meine Lesung nur, wie sie nicht sein wird.  Denn im Publikum werden wohl vorwiegend Kinder sitzen und die lassen sich gewöhnlich weder durch Bandwurmsätze noch durch gedankenverlorenes Nippen am Wasserglas beeindrucken. Kinder, das weiss ich nach Jahren des Vorlesens, lassen sich einzig und allein durch packendes Erzählen beeindrucken. Durch das Verstellen der Stimme, Augenrollen und hin und wieder eine witzige Randbemerkung. Also eine Vorlesestunde, wie wir sie fast jeden Abend mit unseren eigenen Kindern abhalten, vielleicht versüsst mit einer kleinen Leckerei. Klingt eigentlich ganz gemütlich und sollte auch nicht allzu schwierig werden, wo Geschichten erzählen doch meine absolute Lieblings-Mutterbeschäftigung ist.

Bloss eines ist mir nicht klar: Geht das dann als richtige Lesung durch, wenn ich mich aufführe wie auf dem heimischen Sofa? Oder muss ich mir vielleicht doch noch eine randlose Brille und ein wackeliges Tischchen besorgen?

Mutterfreuden

Es ist da! Das lange herbeigesehnte und zig mal erwähnte jüngste Kind. Heute Nachmittag, nachdem ich von einem ziemlich ermüdenden Ausflug mit dem Zoowärter und dem Prinzchen nach Hause gekommen war, durfte ich es ganz überraschend in die Arme schliessen: Mein Buch! „Leone & Belladonna“ haben nämlich am Freitag ohne mein Wissen die Druckerei verlassen! Im Moment kann ich mein Glück noch nicht fassen, aber immerhin schwebe ich schon so sehr auf Wolke sieben, dass ich für einmal sogar ein sehr privates Bild zeige, eines von meinem jüngsten Baby & mir:

Ist schon bemerkenswert, wie viel frischer man nach der Geburt eines Buches in die Kamera blickt als nach der Geburt eines echten Babys….

Übrigens: Falls jemand mein Buch kaufen möchte dürft ihr euch gerne unter der Rubrik „Buch kaufen oder hier informieren.

Ich hab’s gesehen!

Es ist fast wie Kinderkriegen: Zuerst einmal liegt es in weiter Ferne, vielleicht wird man mal, vielleicht auch nicht. Dann, irgendwann, wird der Traum konkreter, man überlegt sich, ob man den Job aufgeben würde für ein Kind, wo man das Kinderzimmer einrichten würde, wie es heissen würde, wenn es ein Mädchen wäre, wie, wenn es ein Junge wäre. Und dann, eines Tages nimmt man allen Mut zusammen, geht das Risiko ein und wenn alles läuft, wie man sich das gemeinhin vorstellt, dann entsteht ein neues Menschlein. Anfangs ist das alles noch ziemlich irreal, man sieht nichts, spürt nichts, man hat nur einen Teststreifen mit zwei Linien drauf. Mit der Zeit dann wird die Sache konkret, der Bauch wölbt sich, man sieht erste Ultraschallbilder, spürt erste Bewegungen. Und dann, gegen Ende der Schwangerschaft, werden die Ultraschallaufnahmen immer klarer, man erkennt Gesichtszüge, kann sich vorstellen, wie das kleine Menschlein aussehen wird, wenn es erst mal aus dem Bauch kommt. Und plötzlich weiss man, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis man das Kind im Arm halten wird. Ein heiliger Moment.

Einen ähnlich heiligen Moment habe ich soeben erlebt: „Meiner“, Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter kamen von Karlssons Konzert nach Hause – ich werde dann morgen gehen und meinen Ältesten danach endlich wieder mit nach Hause nehmen – und brachten ein Programmheft mit. Was soll denn an einem Programmheft so besonders sein, mögt ihr euch fragen. Nun, für mich ist es ein ganz besonderes Programmheft, denn auf Seite 60 findet sich der Beweis, dass die Sache mit dem Kinderbuch nicht irgend ein Hirngespinst war, sondern dass es das Buch geben wird, ja, dass es nur noch wenige Tage dauern wird, bis ich es in den Händen halten werde. Das letzte Ultraschallbild, sozusagen. Das Bild, das mir bestätigt, dass der Traum, den ich schon als Kind geträumt habe, der Traum, den ich lange nicht in die Tat umzusetzen wagte, der Traum, bei dem es keine Garantie auf Erfüllung gab, der Traum, der mir neben dem Traum von einer gesunden Familie der Allerwichtigste ist, wahr wird. Nach Jahren des „Was wäre wenn…“, nach Monaten des „Trau‘ ich mich, oder lasse ich es bleiben?“, nach Wochen des „Ist mein Text gut genug? Machen die ein Buch draus?“ habe ich nun die Bestätigung: Ja, es ist ein Buch! Und eine CD dazu! Und der Name ist „Leone und Belladonna – Eine Adventsgeschichte in 24 Kapiteln“.

Und wie bei den Kindern die Sache erst richtig losgeht, wenn das Kind mal geboren ist, so fängt es auch bei einem Buch erst richtig an, wenn es gedruckt ist. Erst dann weiss man mit Sicherheit, ob das Kind gesund, das Buch gut genug ist. Erst dann weiss ich, ob Leone  und Belladonna den Weg von meinem Kopf in die Herzen der Leser finden werden.

Ist es eigentlich normal, dass ich in diesem Moment nicht nur beinahe platze vor lauter Freude, sondern auch beinahe zittere vor lauter Angst?

Die macht ja doch, was sie will

Da habe ich mir heute Nachmittag endlich wieder mal ein wenig Zeit genommen, mich der Hauptperson meiner neuen Geschichte zu widmen. Und was macht die Tante? Genau das Gegenteil von dem, was ich von ihr erwartet hätte. Da verbiete ich ihr ausdrücklich, sich zu verlieben und zwei Seiten später angelt sie sich den einzigen Mann, der in der Geschichte vorkommt. Eine halbe Seite später ist die verheiratet und noch zwei Zeilen weiter unten ist sie schwanger. Dabei hatte ich ihr doch gesagt, sie solle sich endlich mal mit ihrem verdrehten Weltbild auseinandersetzen, bevor sie nur daran denkt, sich fortzupflanzen. Ich will doch nicht, dass ihre Kinder genauso verdreht herauskommen wie sie. Aber was habe ich denn schon zu melden? Die Dame tut ohnehin, was ihr gefällt.

Die Sache macht mich ja schon ein wenig nachdenklich. Wenn ich es nicht einmal schaffe, eine fiktive Figur positiv zu beeinflussen, wie wird das dann erst mit meinen sehr realen Kindern werden? Was, wenn sie nach rechts abdriften, bloss weil ihre Mama links wählt? Was, wenn meine Tochter mit sechzehn Mama wird, bloss weil ich ihr sage, sie solle zuerst einen anständigen Beruf erlernen, bevor sie ans Kinderhaben denkt? Luise hat mir nämlich neulich eröffnet, dass sie von Beruf Mama werden will, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass Kinderhaben das grösste Glück auf Erden sei. Was, wenn meine Söhne zu Machos werden, bloss weil „Meiner“ und ich ihnen beizubringen versuchen, dass die Sache zwischen Mann und Frau am besten funktioniert, wenn die beiden auf Augenhöhe zueinander stehen.

Ich glaube, ich muss mich ganz dringend noch einmal hinter meine Geschichte machen. Um meine Überzeugungskraft ein wenig zu trainieren. Vielleicht schaffe ich es ja noch, dass die Hauptfigur mir gestattet, die letzten zwei Seiten zu löschen und so ungeschehen zu machen, was sie vermasselt hat. Ich fürchte aber, dass ich keinen Erfolg haben werde. Die Dame ist nämlich ganz schön verliebt und man weiss ja, was verliebte zu tun pflegen, wenn man sich ihrer grossen Liebe in den Weg stellt.

Harmoniesüchtig

So streitbar ich im realen Leben sein kann, wenn mir etwas oder jemand auf die Nerven fällt, so harmoniesüchtig bin ich, wenn ich Bücher lese. Egal, ob die Hauptfigur mit ihrer Mutter Zoff hat, ob Boyfriend Girlfriend auf dreckigste Art verlässt, ob Mama ihr Kind nicht liebt oder der Papa der Mama das Leben sauer macht, ich kann die Spannungen zwischen den Personen nicht ertragen und blättere über die Seiten, die mir so zu Herzen gehen. Oder ich lese kurz das Ende, um zu sehen, ob sich am Schluss alle wieder liebhaben und wenn dies nicht der Fall ist, lege ich mir am Ende einen alternativen Schluss zurecht, um mit der Disharmonie klarzukommen. Das geht sogar so bei Büchern, die ich schon in- und auswendig kenne. Von den unzähligen Malen, die ich „Pride & Prejudice“ gelesen habe, habe ich die Szene, wo Elizabeth den Heiratsantrag von Mister Darcy ablehnt vielleicht drei oder viermal gelesen. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass dem armen Snob so viele ungerechtfertigte Vorwürfe an den Kopf geworfen werden.

Solange man nur liest, ist diese Harmoniesucht ja noch einigermassen erlaubt. Es kann einen ja niemand dazu zwingen, etwas zu lesen, was man nicht erträgt. Aber wenn man selber schreibt, dann wird die Harmoniesucht zum ernsthaften Problem: Da lasse ich meine Hauptfigur mit offenen Augen auf einen wüsten Konflikt zusteuern und im letzten Moment bekomme ich kalte Füsse und zwinge meine Hauptfigur dazu, jetzt ganz schnell für eine harmonische Lösung zu sorgen, weil ich sonst meine eigene Geschichte nicht ertragen kann. Meistens ist die Hauptfigur genauso harmoniesüchtig wie ich und dann ist sie so dankbar, dass ich sie vor dem Zoff gerettet habe, dass sie für viele viele Seiten schön brav tut, was ich von ihr will. Dann läuft das Schreiben wie geschmiert und die Geschichte wird immer langweiliger, bis am Ende sogar ich fast einschlafe. Manchmal aber ist die Hauptfigur gar nicht damit einverstanden, dass ich sie zu einer konfliktscheuen Marionette machen will und dann verweigert sie sich zuerst mal vollständig. Ich setze mich an den Computer und versuche zu schreiben, aber meine Hauptfigur schmollt und macht mir klar, dass sie erst dann wieder mitmachen wird, wenn ich ihr einen anständigen Konflikt biete. Weil ich auch Zoff mit meiner Hauptfigur schlecht ertragen kann, gebe ich irgendwann nach und was dann folgt, ist eine wilde Berg- und Talfahrt, während welcher die Figur sich einen Dreck schert um meine Bedenken und sich mit aller Welt anlegt. Dann gibt sie erst wieder auf, wenn sie jeden, der ihr über den Weg läuft, vor den Kopf gestossen hat. Und schliesslich, wenn sich die Hauptfigur genügend ausgetobt hat, dann lässt sie sich willig an der Hand nehmen und auf ein „happily ever after“  hinsteuern. Aber da mache ich nicht mehr mit. Denn wenn die Hauptfigur schon so eigenwillig Streit vom Zaun gebrochen hat, soll sie doch die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt hat. Die soll nicht glauben, ich würde ihr aus der Patsche helfen und alles wieder gerade biegen, was sie versaut hat.

Mein kleines Jubiläum

Ob ich denn nicht bloggen möchte, fragte mich ein guter Freund vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich jedesmal, wenn man mich fragte, wie es mir gehe, den Tränen nahe war. Was mich so unglücklich sein liess? Nun, es gab viele Gründe, aber einer der Hauptgründe war, dass in meinem Kopf so viele Sätze herumschwirrten, dass ich aber keine Möglichkeit sah, diese Sätze jemandem zugänglich zu machen. Dennoch war ich zuerst mal skeptisch, als der Vorschlag mit dem bloggen kam. Bloggen ist doch bloss etwas für Freaks, dachte ich. (Denke ich eigentlich noch immer, aber inzwischen habe ich feststellen müssen, dass ich selber ein Freak bin.) Etwas für Freaks, die ihre unwichtigen Gedanken ins Universum hinaus brüllen und vergeblich auf eine Antwort warten.

Weil ich mich nicht entscheiden konnte, schritt unser Freund zur Tat: „Was meinst du zum Namen ‚beautifulvenditti‘?“, fragte er mich ein paar Tage später und noch ehe ich mich entschieden hatte, ob ich mich auf das Abenteuer einlassen solle, war mein Blog eingerichtet und zwei Tage später mailte unser Freund: „Wann fängst du an zu schreiben? Ich warte auf deinen ersten Post“. Und so fing ich eben an, zögerlich zuerst und stets bereit, die Sache beim geringsten Widerstand wieder aufzugeben. Doch bald schon stellte ich fest, wie beruhigend es ist, wenn man sich in einer schlaflosen Nacht nicht mehr unruhig im Bett herumwälzen muss, sondern aufstehen und schreiben kann. Mit der Zeit kamen auch die ersten Kommentare und damit verschwand auch das Gefühl, dass ich ins Leere schreibe. Irgendwann schliesslich kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal mehr als hundert Leser hatte. Ich weiss, das sind nicht besonders viele, aber gebt einem Schreiberling das Gefühl, seine Texte würden gelesen und er mutiert zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten. Und von da an hört er nicht mehr auf, diesen Planeten mit seinen Texten zu beglücken, auch wenn der Planet sich auch ohne das Geschreibsel fröhlich weiterdrehen würde.

Warum ich das alles ausgerechnet heute schreibe? Weil ich gestern diesen Planeten mit meinem 500. Post beglückt habe und mich das ein kleines bisschen sentimental stimmt.

Und weg damit!

Sie ist unterwegs, die Endfassung meines Buches. So, wie der Text ist, wird er auch bleiben, es sei denn, das Lektorat habe noch Änderungsvorschläge. Und wieder brauchte es einen Tritt in den Hintern, bevor ich das Ding endlich abgeschickt habe. Zwar nicht mehr einen so heftigen, wie beim ersten Mal, als ich den Mut aufbringen musste, den Text überhaupt fremden Augen zum Lesen zu geben. Aber auch heute hat es mich viel Überwindung gekostet, endlich auf „senden“ zu klicken. Immer wieder habe ich den Moment hinausgezögert, an dem ich mich definitiv von dem Text verabschieden muss. Der Tag, an dem es kein Zurück mehr gibt. Doch was ist, wenn ich etwas Wichtiges übersehen habe? Was, wenn mir im Nachhinein doch noch eine Schwachstelle auffällt, die ich hätte ausmerzen sollen? Was, wenn ich doch noch eine zündende Idee habe, die ich eigentlich noch hätte einbringen sollen, um die Geschichte abzurunden?

Kurz: Was, wenn die Sache nicht so perfekt ist, wie ich sie gerne hätte? Mir graut schon heute vor dem Tag, an dem ich mein Buch in den Händen halte und all die vermeidbaren Fehler entdecke, über die ich mich bei all den anderen Büchern, die mir in die Finger kommen, jeweils so aufrege. Und doch ist mir inzwischen klar geworden, dass es auch bei Büchern keine Perfektion gibt, dass es immer etwas gibt, das man verbessern könnte, dass jemand anders dieselbe Gesichte anders und vielleicht auch besser erzählt hätte. Und so muss ich es loslassen, mein erstes Buch, muss es auf die Reise schicken. Denn ohne Loslassen gibt’s keine Leser. Und ohne Leser ist jedes Schreiben im Grunde sinnlos. Zumindest für mich.