Selbstkritik in Kolumnenform

Hier nun also die swissmom-Kolumne, in der ich am allermeisten mich selber kritisiere…

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Wasser predigen und Adventssäcklein füllen

Das ist wohl wiedermal typisch: Da schreibe ich mir tagsüber beim Versuch, uns Eltern in Sachen Weihnachtsgeschenke ein wenig Vernunft einzureden, beinahe die Finger wund und am Abend fülle ich Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein nach Adventssäcklein…. bis mir vor lauter Adventssäcklein der Schädel brummt. 

Damit ich mir beim Blick in den Spiegel noch in die Augen schauen kann, sage ich mir jetzt einfach, ich müsse eben die anderen Eltern davor warnen, so zu werden wie ich.

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Und ob die das können!

Mit Kerzenschein, einer Auswahl von Kaffee, Tee und Guetzli sowie einer perfekt aufgeräumten und geputzten Wohnung wurden wir empfangen, als wir vom Wellness-Wochenende mit Freunden nach Hause kamen. Wer das alles organisiert hat? Niemand Geringeres als die fünf Kinder – allen voran die zwei Grössten -, die in den vergangenen Jahren für so manchen „Wann lernen die endlich, ein wenig Ordnung zu halten“-Seufzer verantwortlich waren. Die Kinder, die sich im Alltag längst nicht immer so kooperativ verhalten, wie wir uns dies wünschen würden, die aber offenbar sehr wohl in der Lage sind, unsere Erwartungen bei Weitem zu übertreffen, wenn wir ihnen die Gelegenheit dazu bieten. 

Da hoffen wir doch, ihre Erkenntnis, dass Putzen und Aufräumen weit anstrengender sind als sie es sich vorgestellt hätten, sei länger haltbar, als die Erholung, die „Meiner“ und ich während der freien Tage genossen haben. 

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Meine verehrten Schuhverkäufer

Mir ist bewusst, dass euer Leben in den vergangenen Jahren härter geworden ist. Der Versandhändler aus Deutschland macht euch die Kundschaft abspenstig, die Leute, die sich noch in eure Geschäfte verirren, kommen nur, um Schuhe anzuprobieren und dann doch im Netz einzukaufen und dann habt ihr auch noch andauernd Scherereien, weil die Biligware, die ihr verkauft, nicht lange hält, was den kleinen Rest an Stammkundschaft, der euch erhalten geblieben ist, vergrämt. Kein Wunder also, dass ihr allmählich nervös werdet.

Dennoch muss ich euch etwas fragen: Was denkt ihr, weshalb ich zu euch komme? Um mir Imprägnierspray  – „100 Prozent mehr Inhalt zum gleichen Preis!“ – aufschwatzen zu lassen? Um mich davon überzeugen zu lassen, dass ich ohne Wildlederbürste und Spezialpflege für dunkelblaue Schuhe nie ein wahrhaft glückliches Leben führen werde? Um mich vo euch beschwatzen zu lassen, nur mit einer Mitgliedschaft in eurem Schuhclub sei mein Leben noch lebenswert? Um festzustellen, dass eure Verkäuferinnen nicht in der Lage sind, den Satz „Ich habe jetzt leider keine Zeit, um mich mit Ihrem Schuhclub zu befassen und Zubehör brauche ich nicht“ zu verstehen.

Wisst ihr, liebe Schuhverkäufer, was ich tun werde, wenn ihr nicht damit aufhört, mich an der Kasse zu beschwatzen? Ich werde mir im Internet – natürlich nicht bei eurem grossen Konkurrenten aus Deutschland, sondern bei einem tollen Öko-Geschäft – die richtig coolen Öko-Schuhe, die ich bei euch vergeblich suche, bestellen. Ja, im Internet werde ich auch mit Werbung belästigt, aber die kann ich dezent wegclicken. Manche eurer Verkäuferinnen hingegen bringe ich nur zum Schweigen, wenn ich, nachdem ich mit meinem höflichen Nein gescheitert bin, so richtig unfreundlich werde.


 

Warum ich damit aufgehört habe,…

… mich wie ein kleines Kind auf schöne Dinge zu freuen:

Weil ich alt und pessimistisch geworden wäre? Nun, ich habe offen gestanden schon optimistischer die Zukunft geblickt, aber das hindert mich eigentlich nicht daran, das Schöne und Gute zu suchen.

Weil mein trübes Dasein mir so wenig Grund zur Freude böte? Nein, auch das nicht, denn bei allem Stress und Chaos bringt doch jeder Tag sein Erfreuliches mit sich. (Na ja, fast jeder Tag…)

Weil ich nun endlich vernünftig geworden wäre? Vernünftig? Ich doch nicht! Vernunft ist etwas für vernünftige Leute.

Nein, es ist ganz einfach so, dass sechzehn Jahre Mutterschaft mich gelehrt haben, wie schnell sich Vorfreude in tiefstes Selbstmitleid verwandelt, wenn ein Geippevirus, ein unzuverlässiger Babysitter oder ein geplatzter Blinddarm die schönsten Pläne über den Haufen werfen. Darum habe ich aufgehört, mich wie ein kleines Kind auf schöne Dinge zu freuen.

Dafür freue ich mich jetzt wie ein kleines Kind, wenn die schönen Dinge, auf die ich mich nicht zu freuen gewagt habe, zustande kommen.

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Wenn der töchterliche Ehrgeiz erwacht,…

… und gute Noten nicht nur dort gewünscht sind, wo ein Vendittti mit wenig Anstrengung auf einen grünen Zweig kommt, sondern auch dort, wo man erst einmal nur Bahnhof versteht, also zum Beispiel in Physik,…

… dann findest du dich als Mutter am Sonntagabend plötzlich nicht mehr hinter deiner Sonntagszeitung wieder, sondern am Esstisch, wo deine Tochter verzweifelt versucht, aus den Notizen schlau zu werden, die schon im Unterricht keinen Sinn ergeben haben.

Tja, und dann versuchst du eben, mit dem Wenigen, das du vor Jahren nicht begriffen hast, du aber heute halbwegs verständlich findest, ihr zu erklären, weshalb die Geschwindigkeit als zusammengesetzte physikalische Grösse bezeichnet wird und wie sie ausrechnen muss, wie weit ein Gepard in einer Stunde kommt. 

Es ist zu hoffen, dass Karlsson, der sich ebenfalls an den Erklärungsversuchen beteiligte, dabei aber für mehr Verwirrung sorgte, weil er irgend etwas von SI-Einheiten brabbelte und andauernd die Stirne runzelte, wenn die mütterlichen Ausführungen etwas anders formuliert waren als diejenigen seines Physiklehrers,

… der von Physik ähnlich wenig versteht wie seine Mutter, dessen rudimentäres Verständnis aber noch nicht verschüttet ist von ganz viel Leben, in dem die Theorie von v = s / t eine untergeordnete Rolle spielt, weil man ohnehin kaum zum Denken kommt bei diesem rasenden Alltagstempo, 

… und der es auch noch wagt, zu behaupten, er fände Physik eigentlich ganz spannend, er habe einfach noch nicht so ganz den Zugang dazu gefunden,…

… dass also dieser Karlsson begriffen hat, weshalb er im Physikunterricht gefälligst ganz gut aufpassen und viel lernen soll. Entgegen der landläufigen Meinung braucht man das Zeug eben doch irgendwann im Leben wieder. Nämlich dann, wenn man dem eigenen Nachwuchs –  der sich gerade fragt, wozu er das Zeug lernen soll, weil man das ja doch nie wieder im Leben braucht – zu guten Noten verhelfen sollte. 

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Bad Mommy’s Terrible Saturday

Wieder so ein Samstag.

„Meiner“ irgendwo unterwegs zum letzten Aufklärungskurs des Jahres.

Ein Haufen Arbeit, die nachzuholen wäre, weil ich es in der ersten Wochenhälfte mal wieder vorgezogen habe, mich mit einer Grippe zu vergnügen, anstatt mich meinem Job zu widmen.

Traurige Kinder, die es nicht fassen können, dass wegen eines kaputten Telefons und einer blöden E-Mail-Panne das Freizeitprogramm, auf das sie sich seit Wochen gefreut haben, ins Wasser fällt.

Ein zorniger Teenager, der in Rage gerät, weil „Meiner“ sich geweigert hat, die 120 Kilometer in die Ostschweiz zu Fuss zu gehen, wo er doch genau wusste, dass ich das Auto für Chauffeurdienste ins Nachbardorf gebraucht hätte. 

Zwei verstopfte Toiletten, für die ich keine Verantwortung übernehmen will, da inzwischen jeder, der in diesem Haus lebt, die fachgerechte Toilettenbenützung und -reinigung beherrschen sollte.

Ein Wäscheberg, der einfach nicht verschwinden will, so sehr ich ihn auch dränge, endlich aus meiner Waschküche abzuhauen. 

Eine Teigmaschine, die mir auf eine passiv-aggressive Weise zu verstehen gibt, dass ich zu viel von ihr verlange und dass sie nicht gewillt ist, mir in dem von mir gewünschten Umfang zu Diensten zu sein.

Zwei Heidelbeerbüsche und ein Johannisbeerstrauch, die vorwurfsvoll im Eingang stehen und darauf warten, endlich Boden unter ihre Wurzeln zu bekommen. 

Dieses nagende Gefühl, niemandem auch nur für fünf Sekunden den Rücken zukehren zu dürfen, weil bestimmt eine leere Flasche, eine vergessene Mandarinenschale, eine halbfertige Zeichnung, ein Schokoladenpapier oder sonst etwas Unwillkommenes herumliegt, wenn ich wieder hinschaue. 

Kurzum: Einer dieser Samstage, an dem ich auf jedem Bild mit finsterem Blick und einer dicken, schwarzen Wolke über dem Kopf zu sehen wäre, wenn mein Leben ein Comicbuch wäre. (Der Titel würde dann vermutlich „Bad Mommy’s Terrible Saturday“ oder so ähnlich lauten und auf dem Cover wäre eine Karikatur meiner selbst zu sehen, wie sie zähnefletschend und mit irrem Blick durch ihr Revier streift und ihren Nachwuchs das Fürchten lehrt.)

Eine einzige Sache vermag mich an einem solchen Tag aufzuheitern: Ein Mittagessen, bei dem einer – nachdem er mein angespanntes Schweigen gründlich satt hat – auf die Idee kommt, mich zu fragen, wie ich denn die aktuelle Weltlage beurteilen würde, was mir die Gelegenheit bietet, meine miese Laune für eine Weile in die Ecke zu stellen, um des Langen und Breiten darüber zu referieren, weshalb ich die aktuelle Situation der Medien als äusserst problematisch beurteile, warum mir die politische Lage in diversen Ländern schlimme Bauchschmerzen bereitet und was in meinen Augen getan werden müsste, damit jene, die sich noch nicht von der grossen Wut haben mitreissen lassen, verhindern könnten, dass die Welt gänzlich vor die Hunde geht. 

Natürlich stehe ich eine halbe Stunde später schon wieder mit meiner schwarzen Wolke über dem Kopf am Spültrog, aber immerhin kann ich mir jetzt einreden, ich hätte heute ein ganz kleines bisschen zum Weltfrieden beigetragen. 

Falls die Knöpfe mir mein pazifistisches Gequatsche noch abnehmen, nachdem ich einmal mehr bewiesen habe, wie laut und unfreundlich ich an einem Tag wie heute werden kann… 

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Das habe ich jetzt davon…

Was, um Himmels Willen hat mich diesmal wieder geritten? Ganz banale, fantasielose Adventskalender hätten sie gewollt. Lego, Playmobil und dergleichen. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als in den Laden zu marschieren, ins Regal zu greifen und an der Kasse das Portemonnaie zu zücken.

Aber natürlich war da wieder die leise Stimme in mir, die aufbegehrte. „Du willst sie doch nicht etwa mit diesem ganzen Kram abspeisen?“, flüsterte sie mir zu. „Deine Kinder sind zauberhafte Individuen, sie haben mehr verdient als einen lieblos in einer anonymen Fabrik zusammengestellten Adventskalender.“

Also begann ich, auf die Knöpfe einzureden.“Was wollt ihr mit diesem Mist?“, fragte ich. „Wäre es nicht viel aufregender, wenn ich für jeden von euch etwas Schönes zusammenstelle? Etwas, das ihr euch wirklich wünscht und nicht etwas, was die grossen Firmen euch aufschwatzen wollen?“ 

Natürlich ist es viel aufregender. Ich darf mir jetzt tagelang den Kopf zerbrechen, wie ich einen Chemiekasten so aufteile, dass das arme Prinzchen nicht drei Tage hintereinander eine langweilige Pipette aus seinem Kalender zaubert. Oder wie ich dem Zoowärter von Anfang an verständlich mache, dass es sich bei seinem Inhalt um ein Kartenspiel handelt, damit er nicht auf die Idee kommt, das Zeug auf der schulischen Pokémon-Börse zu verhökern, ehe er das ganze Set beisammen hat. Oder wie ich den Zauberkasten des FeuerwehrRitterRömerPiraten aufteilen muss, damit unser Sohn schon am dritten Tag mit den ersten Tricks loslegen kann. Oder wie ich… Aber halt, ich darf nicht mehr verraten, denn Karlsson und Luise lesen hier gelegentlich mit. Ihr könnt euch ja denken, dass es auch bei ihren Kalendern die eine oder andere Klippe zu umschiffen gibt. 

Na ja, immerhin brauche ich mir keine Gedanken zu machen, ob der Lego-Kalender, den dieses Jahr alle Kinder haben wollen, bereits ausverkauft ist…

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Weise Einsicht

Zwei junge Kätzchen sind heute bei uns eingezogen und wie zu erwarten war, sind die fünf jungen Vendittis hin und weg von den Tierchen. Der Zoowärter, meint, nachdem er sich eingehend mit den beiden Neuankömmlingenn bekannt gemacht hat: „Ich glaube, echte Katzen mit Fell sind noch viel schöner als Katzen in Katzenvideos.“ 

Ich werde ihn an diese Weise Einsicht erinnern, wenn er wieder mal glaubt, seine wertvolle Kindheit vor dem Bildschirm vergeuden zu müssen.

Was sie lernen sollten

Als Eltern haben viele von uns das Ziel, unsere Kinder zu Menschen zu erziehen, die in der Lage sind, auf ihren eigenen Füssen zu stehen und wenn möglich erfolgreich zu sein. Menschen, die fähig sind, ihr eigenes Glück zu finden, die umgeben von guten Freunden zufrieden durchs Leben gehen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, doch seit einiger Zeit – und insbesondere wieder seit gestern – wird mir bewusst, dass sie noch ein paar andere Dinge lernen sollten. Zum Beispiel…

Widerspruchsgeist und eine gesunde Skepsis, damit sie nicht einfach schlucken, was man ihnen vorsetzt, sondern lernen, kritische Fragen zu stellen, die Dinge zu Ende zu denken und sich eine eigene Meinung zu bilden. Mag sein, dass sie damit hin und wieder anecken, mag sogar sein, dass sie mir damit zuweilen furchtbar auf die Nerven fallen, weil sie dem widersprechen, was ich für richtig halte, aber irgendwo müssen sie ja lernen, unbequem zu sein.

den Mut, nicht mit den Wölfen zu heulen, auch wenn es sich ganz furchtbar toll anfühlen kann, sich von dem Eifer anderer anstecken zu lassen. 

historische Grundkenntnisse und damit meine ich nicht das Wissen über die Bauweise von mittelalterlichen Burgen und das exakte Datum von Napoleons Krönung, obschon auch solche Dinge ganz spannend sein können. Ich meine das Wissen darüber, wie Menschen in der Vergangenheit dazu gekommen sind, sich verführen zu lassen und denen zu folgen, die nichts Gutes im Schilde führten. 

sich zu engagieren und nicht einfach zuzuschauen, wie die Dinge den Bach hinunter gehen. Ob politisch, kirchlich oder ehrenamtlich ist mir eigentlich egal. Hauptsache, sie nehmen die Dinge nicht einfach so hin, wie sie sind oder zu werden drohen. (Als ich das heute Abend zu unseren Kindern gesagt habe, meinte Luise, „Meiner“ und ich seien in dieser Hinsicht ja auch ziemlich bequem geworden und damit hat sie leider nicht Unrecht.)

Nächstenliebe, auch dort, wo es nicht unbedingt bequem ist. Und dann natürlich immer wieder die Fähigkeit, den einzelnen Menschen mit seiner Geschichte zu sehen und nicht „die Schweizer“, „die Deutschen“, „die Amerikaner“, „die Muslime“, „die Juden“, „die Christen“, etc. Mag sein, dass der eine oder die andere sich beim näheren Hinsehen als ausgesprochen unangenehme Person entpuppt, aber das rechtfertigt noch lange nicht, dass man alle anderen, die irgend etwas mit ihm oder ihr gemeinsam haben, in den gleichen Topf schmeisst. 

Und zu guter Letzt immer und immer wieder zu differenzieren, denn kaum etwas ist so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint. 

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