Die Zaubermaus und der Filzstift

Da bunkert man sich einmal einen ganzen Tag lang in seinem Büro ein, hängt abends noch eine Sitzung an und am nächsten Morgen findet man im Kinderzimmer ein Prinzchen mit violetter Filzstift-Kriegsbemalung im Gesicht. Gewöhnlich habe ich ganz und gar nichts gegen Filzstift-Kriegsbemalungen, meistens nehme ich sie nicht mal mehr zur Kenntnis, weil sie halt einfach entstehen, wo Kind, Filzstift und Fantasie sich treffen. Mit der Zeit wäscht sich das ja schon wieder aus und wenn ich mir Karlsson ansehe, der früher gerne mit blauen Sams-Wunschpunkten am ganzen Körper experimentiert hat, kann ich getrost sagen, dass sich die Faszination für temporäre Körpermalereien irgendwann auch auswächst.  

Mitten im Gesicht eines kleinen Jungen, der demnächst auf einem Pausenhof aufkreuzen soll, auf dem man dem Mobbing keineswegs abgeneigt ist, erscheinen mir Filzstiftverzierungen aber doch etwas gewagt, also beschliesse ich, den Prinzen ein wenig sauber zu machen. Bloss wie? Stahlwolle geht ja kaum und Nagellackentferner – so ich denn welchen hätte – erscheint mir auch nicht unbedingt besonders hautfreundlich. Also konsultiere ich Dr. Google und lande in einem „Du meine Güte, was soll ich bloss tun?!“-Forum. Dort berichtet eine panische Mama, sie hätte ihre kleine Zaubermaus – vielleicht war es auch die Zuckerbohne oder die Zimtprinzessin, auf alle Fälle etwas Weibliches – über und über mit Filzstiftspuren verziert im Bett vorgefunden und möchte nun zu gerne wissen, wie sie das Kindchen wieder zart und rosig kriegt. 

Die Erste, die sich zu Wort meldet, kann leider nur sagen, wie man es nicht machen soll, denn die erinnert sich noch lebhaft daran, wie ihre Mutter ihr mal mit Wundbenzin, Seife und Nagelbürste  zu Leibe gerückt ist, als sie es mit den Filzern zu bunt getrieben hatte. Nach so einer schlimmen Geschichte kann man natürlich keine brauchbaren Tipps mehr erwarten, denn jetzt müssen sich die Mamas erst mal darüber auslassen, wie schrecklich herzlos man mit unserer Generation noch umgesprungen ist und  wie sie es nie übers Herz brächten, ihre Sahnetrüffelchen, Schnuffelbären und Herzkäferchern derart lieblos zu behandeln. Gut, die eine oder andere  merkt vielleicht nebenbei an, man könne es ja mal mit Babyöl oder Feuchttüchern ausprobieren, aber so richtig überzeugend kommen diese Ratschläge nicht rüber. 

Dies ist aber nicht weiter schlimm, denn die Mama, die eigentlich wissen wollte, wie sie ihr Töchterchen wieder rosig kriegt, hat jetzt ein anderes Anliegen. Es würde sie so furchtbar wundernehmen, wie denn diejenige, die sich mit Nagelbürste, Seife und Wundbenzin behandeln lassen musste, ihr Leben so gemeistert hat in den vergangenen vierzig Jahren. Eine astrologisch bewanderte Person habe nämlich schon kurz nach der Geburt vorausgesagt, die Zaubermaus – oder Zuckerbohne oder Zimtprinzessin – werde mal viele Flausen im Kopf haben, das würden die Sterne ganz deutlich sagen und es wolle ihr fast so vorkommen, als hätte die Wundbenzin-Nagelbürsten-Seifen-Schreiberin als Kind auch viele Flausen im Kopf gehabt und da möchte sie doch zu gerne wissen, wie sich das im Laufe der Zeit so weiter entwickelt, ob da vielleicht später mal was Kreatives draus werden könnte.

Ich habe dann nicht mehr weitergelesen, denn das Prinzchen war ja noch immer kriegsbemalt, die Zeit weit fortgeschritten und ein brauchbarer Tipp war weit und breit nicht in Sicht. Bevor ich zu einer Seite mit echten Hausmitteln wechselte, bekam ich aber noch mit, dass die Zaubermaus – oder Zuckerbohne oder Zimtprinzessin – unbedingt wieder sauber werden musste, weil die Mama der Modelagentur neue Bilder ihres Töchterchens liefern sollte und zwar so schnell als möglich, aber vielleicht sei die Aktion mit den Filzstiften ja auch eine unterbewusste Rebellion gegen das Modeln gewesen. Wer weiss? 

Ich hab dann das Prinzchen mit Olivenöl und Zucker halbwegs sauber gepeelt und mich dabei in Grund und Boden geschämt, weil andere Mütter alles tun, um ihrem Kind eine anständige Karriere zu ermöglichen, während ich den Filzstiftspuren nur dann zu Leibe rücke, wenn Gefahr besteht, dass mein Sohn ihretwegen auf dem Pausenhof eins auf den Deckel bekommt. 

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Schulmüde

Individualisierung

„In diesem Alter muss er das einfach können. Da können wir jetzt keine Rücksicht mehr nehmen.“

Spezielle Förderung

„Wir haben leider nicht die Kapazität, jedem die Hilfe zu geben, die er bräuchte.“

Die Stärken stärken.

„Er kann dies nicht, macht jenes nicht gut genug und da liegt er ganz klar unter dem Durchschnitt. Ja, in diesem Bereich ist er sehr gut, aber das zählt leider nicht.“

Kompetenzen stärken

„Er hat da ein paar Blätter, die noch immer nicht ausgefüllt sind. Das muss bis Freitag erledigt sein, sonst hat er am Ende des Schuljahres Lücken im Ordner und das gibt einen Notenabzug.“

Sozialkompetenz ist wichtig

„Wenn das auf dem Schulweg passiert ist, geht uns das nichts an.“

Schule und Elternhaus sind Partner

„Da müssen Sie schon selber schauen.“

Ich weiss echt nicht, wie weit meine Geduld noch reicht…

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Fragerunde

Wie kommt es, dass Karlssons „neuer“ Plattenspieler, Herstellungsjahr ca. 1961, mehr Power hat als jedes moderne Gerät? Jetzt windet sich Edith noch lauter durch meine Gehörgänge…

Was für ein Unmensch kommt auf die Idee, die Weihnachtsferien vom 24. Dezember um 12 Uhr bis zum 11. Januar um 7:00 Uhr festzulegen? Und welcher Bildungsdirektor ist blöd genug, eine solche Schnapsidee auch noch abzusegnen? Ich meine, erst schleppen sich die Kinder todmüde unter den Tannenbaum, wo sie vor lauter Erschöpfung fast einschlafen und dann schlagen sie einander eine Woche lang die Köpfe ein, weil nach Silvester nichts mehr kommt als gähnende Leere und eine Mama, die wieder arbeiten müsste und möchte, dies aber nie ungestört tun kann, weil andauernd einer heult. 

Reicht eine tief sitzende Abscheu gegen eine Garage aus, um das Gebäude abzureissen, oder braucht man dazu auch handwerkliches Geschick und gutes Werkzeug? Tief sitzende Abscheu hätte ich nämlich mehr als genug, aber „Meiner“ meint, damit könne man das Ding unmöglich erledigen, immerhin habe es schon vielen Stürmen getrotzt. 

Ich möchte zu gerne wissen, ob der FeuerwehrRitterRömerPirat wirklich weiss, wie man Schach spielt, oder ob er einfach den Jargon gut genug beherrscht, um uns alle glauben zu machen, er verstehe das Spiel. Um das herauszufinden müssten wir aber das Schachspiel erlernen, anstatt uns nur immer als hilflose Gegner zur Verfügung zu stellen. Irgendeiner da draussen, der sich zur Verfügung stellt? Mein Gehirn weigert sich nämlich seit Jahren standhaft, das Spiel zu verstehen. 

Für wen soll ich Partei ergreifen: Für das Prinzchen, der mit endloser Geduld ein Haus aus UNO-Karten gebaut hat, oder für den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten, die endlich mal mit den Karten spielen möchten? (Nein, ich kaufe dem Frieden zuliebe kein zweites Kartenset. Das Prinzchen würde daraus bloss ein noch grösseres Kartenhaus bauen wollen.)

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Und nun zur Werbung

Zu meinem grossen Bedauern muss ich gestehen, dass ich es nicht mehr ganz so einfach wegstecke, wenn wir an Silvester bis weit nach Mitternacht mit meiner Mutter zusammensitzen, über Gott und die Welt quatschen und so tun, als gäbe es kein Morgen mit übermüdeten Kindern und den üblichen Alltagspflichten. Ja, ich muss noch nicht mal mehr als ein Gläschen Sekt konsumieren, um am nächsten Tag mit Brummschädel und schlechter Laune antriebslos herumzuhängen und nach Ferienhäusern zu suchen, die sich dann doch als unbezahlbar herausstellen.

Darum sei mir verziehen, dass ich heute auf meinem Blog nichts weiter tue, als für die swissmom-Kolumne, die ich heute unter den oben genannten erschwerten Bedingungen geschrieben habe, zu werben. 

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Denkmalpflege

Eigentlich müsste man jetzt ja in den Garten entschwinden können. Das Wetter ist geradezu ideal, die nächsten Projekte sind skizziert und nach fünf herrlich einsamen Ferientagen, gefolgt von ein paar faulen Feiertagen bin ich so entspannt, dass ich schon fast zu Kompost zerfalle. Doch bloss weil sich das Wetter derzeit eher frühlingshaft denn weihnächtlich gebärdet, heisst das noch lange nicht, dass man die Gartensaison einläuten kann. Was, wenn der Winter doch noch kommt? Dann müssten die armen Pflänzchen himmeltraurig erfrieren und das bräche mir das Herz. 

Was also tun mit der vielen Energie? Nun, da wäre zuerst einmal die Toilette im ersten Stock, die schwer darunter leidet, dass Karlsson das obere Klo als Protest gegen die andauernde Verstopfung mit Klebeband versiegelt hat. Jetzt leidet eben das untere WC umso mehr an Verdauungsproblemen, was zwar nicht besonders angenehm ist, aber immerhin für ein paar Stunden Beschäftigung sorgt. 

Danach gilt es, „Meinen“ bei der Hand zu nehmen und aus der Steinzeit der Mobiltelefonie in die Ära der Smartphones zu geleiten. Anfangs ist er noch wacklig unterwegs, kommt alle paar Minuten angerannt, weil er nicht so recht weiss, was er mit der neuesten Push-Nachricht anfangen soll, aber nachdem ich ihn sicher in den WhatsApp-Chat meiner erweiterten Grossfamilie vermittelt habe, ist er für den Rest des Tages beschäftigt und mir ist schon wieder langweilig. 

Zum Glück ist da noch Schloss Sargans, das ganz dringend aufgebaut werden muss, bevor „Meiner“ es in Schutt und Asche legt. Also, ich meine, bevor er es im Altpapier entsorgt, obschon es doch Prinzchens Weihnachtsgeschenk für Luise ist. Luise aber interessiert sich in diesen Tagen mehr für den Ausverkauf als für Schlösser, also ist es an mir, mit Leim und Schere den Untergang des architektonischen Erbes unseres Landes zu verhindern. Prinzchen ist vom Resultat tief beeindruckt, ich hingegen staune nur, dass ich zum ersten Mal im Leben einen Bastelbogen ohne Wutanfall zu Ende gebracht habe. Spricht das nun eher für einen hohen Entspannungsgrad, oder für Altersmilde?

Wo ich schon mal einen Überschuss an Geduld und noch mehr freie Zeit habe, kann ich mich ja um den Erhalt weiterer Architekturdenkmäler kümmern. Da gibt es noch einen Eiffelturm fertigzustellen, den die Kinder an Heilig Abend als Überbrückung zwischen Vorspeise, Hauptspeise und Bescherung von uns als Beschäftigungstherapie verordnet bekommen haben. Leider ist das Bauwerk am 24. unvollendet geblieben, darum klaube ich die verbliebenen Teilchen – Nummer 140 ist bereits auf Nimmerwiedersehen verschwunden – zusammen und vollende den Turm. Prinzchens Bewunderung für mich kennt jetzt keine Grenzen mehr. Gleich morgen will er in die Migros rennen, um ein Puzzle mit viel mehr Teilen zu besorgen, das „wir“ in den kommenden Tagen „zusammen“ aufbauen können.

Mir soll’s recht sein. Wo es doch noch lange nicht Zeit ist, die Gartensaison einzuläuten. 

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Mama…?

„Mama, hilfst du mir bei dem Kristall-Experiment?“

„Mama, wo sind die Klebstreifen?“

„Mama, ich will mich bei Ricardo einloggen. Zeigst du mir bitte, wie das geht?“

„Mama, die Katze hat in mein Zimmer gekackt. Was soll ich jetzt machen?“

„Mama, sind die Läden heute offen?“

„Mama, wir möchten testen, ob dieses Gerät noch läuft. Kannst du helfen?“

„Mama, ich weiss nicht, wie ich mein E-Banking einrichten muss.“

„Mama, wo ist der Brotaufstrich, den ich mir gekauft habe?“

„Mama, ich will mir diese Agenda bestellen. Hilfst du mir?“

„Mama, sagst du dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, er solle aufhören?“

„Mama, dürfen wir heute noch ans iPad?“

„Mama, können wir heute lange aufbleiben und im gleichen Zimmer schlafen?“

Andauernd diese Fragen und jede einzelne an mich gerichtet, obschon daneben ein Papa sitzt, der in diesen Tagen genauso auf der faulen Haut liegt, der ebenso in der Lage wäre, zu helfen und der ganz und gar nicht zu diesen passiven Vätern gehört, die keinen Schimmer haben, was zu Hause alles läuft. Trotzdem wird er nicht ein einziges Mal in seinem süssen Nichtstun gestört.

Ich möchte ja nicht unbedingt jenen das Wort reden, die derzeit auf Facebook verbreiten, die einzige Frage, die man Vätern stelle sei „Papa, wo ist Mama?“, aber momentan fühlt es sich gerade an, als hätten sie recht. 

(Und dabei antworte ich doch auf jede dritte Frage: „Frag Papa. Der hat gestern aufgeräumt und weiss bestimmt, wo das ist.“)

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Wer ist hier alt?!

Heute früh an der Reception ein für meine Ohren äusserst erbauliches Gespräch zwischen zwei Angestellten, beide um die Zwanzig.

Receptionistin: „Meine Mutter ist jung.“

Kellnerin: „Wie alt ist sie denn?“

R: „Dreiundvierzig.“

K: „Boah, so alt!“

R: „Dreiundvierzig ist nicht alt.“

K: „Aber sicher doch. Steinalt.“

R: „Sicher nicht. Ich bin fast zwanzig, sie ist dreiundvierzig, mein Bruder ist acht. Sie ist jung.“

K: „Glaub mir, sie ist alt. Alles über vierzig ist alt.“

Da überlege ich mir doch gleich, ob ich vor der Abreise noch kurz einen auf Obelix machen soll. Ihr versteht schon: Mit irrem Blick in den Frühstücksraum platzen, mich vor der Kellnerin aufbauen und brüllen: „Wer ist hier alt?!“

Und danach der Receptionistin für ihr Wohlverhalten provokativ ein fettes Trinkgeld zuschieben. 

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Entspannungssamstag

Ein überaus lieber Mensch hat „Meinem“ und mir eines der schönsten Geschenke gemacht, das man Eltern mit vielen Kindern überhaupt machen kann: ein freier Samstagnachmittag mitten in der Vorweihnachtszeit. Während sie mit unseren Kindern Guetzli ausstach, konnten wir sechs Stunden lang tun und lassen, was auch immer wir wollten. Bloss, was will man, wenn die eigenen Wünsche immer erst an letzter Stelle kommen? Unglaublich viel und die Versuchung ist gross, so viel als möglich in diesen einen wunderbaren Tag zu füllen. Fast wären wir dieser Versuchung erlegen, hätten dies und jenes erledigt, wären da und dort hingegangen, doch nachdem wir uns im Möbelhaus in aller Ruhe die Dinge ausgesucht hatten, die unsere renovationsbedürftigen Zimmer dringend benötigen, beschlossen wir, dorthin zu gehen, wo wir viel zu selten sind.

Na ja, so selten nun auch wieder nicht, wenn ich’s recht bedenke. Aber es fühlt sich halt so anders an, wenn die Kinder nicht dabei sind. Stiller, gemütlicher, unglaublich entspannend – ein Ort, an dem man alles loslässt, was einem im Alltag zu schaffen macht, wo man einfach sich selbst sein und die Zweisamkeit geniessen kann.

Kaum zu glauben, wie friedlich unsere vier Wände sind, wenn wir sie mal ein paar Stunden nur zu zweit teilen. 

Na ja, vorausgesetzt natürlich, man hat sich vor dem freien Nachmittag  ins Zeug gelegt und mit den Kindern aufgeräumt und geputzt.

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Dialogfetzen

Zwei Frauen im Zug:

„Und, hat dich deine Schwester jetzt gefragt, ob du Gotti werden willst.“

„Nein, hat sie nicht.“

„Noch nicht? Aber das Baby kommt doch schon bald. Da sollte sie langsam vorwärts machen.“

„Na ja. Sie wird mich dann schon noch fragen, wenn sie will.“

„Wann kommt das Baby denn?“

„Ende Dezember.“

„Und sie hat dich wirklich noch nicht gefragt?“

„Nein.“

„Aber das sollte sie jetzt unbedingt. Mein Bruder hat mich schon in der achten Schwangerschaftswoche gefragt. Warum fragt sie denn nicht endlich?“

Man hört zu und wünscht sich, die Gute würde endlich aufhören, Salz in die Wunde zu streuen. Ich meine, wenn die Schwester bis jetzt nicht gefragt hat…

Vor ein paar Tagen in der Stadt, Mutter (ca. 75) und Tochter (ca. 50) beim Einkauf:

Tochter: „Ich glaube, die kaufe ich mir für den Spitalaufenthalt. Die sehen bequem aus.“

Mutter: „Meinst du wirklich? Warum nimmst du nicht das Hauskleid mit?“

Tochter: „Welches Hauskleid?“

Mutter:“Das Schöne, das ich dir mal geschenkt habe.“

Tochter: „Die wären wahrscheinlich wirklich bequem…“

Mutter: „Ich hab dir doch mal dieses schöne, bequeme Hauskleid geschenkt.“

Tochter: „Ich glaube, ich nehme tatsächlich die hier.“

Mutter: „Weisst du denn nicht mehr? Das schöne Hauskleid mit den Blumen drauf? Das wäre doch perfekt für den Spital.“

Tochter: „Wann wird eigentlich Helene operiert?“

Mutter: „Ich finde, du solltest wirklich das Hauskleid mitnehmen.“

Liebe Mutter, darf ich dich darauf hinweisen, dass deine Tochter wirklich nicht über das Hauskleid reden möchte? Ich verstehe ja auch nicht warum, wo es doch so schön ist. Oder war. 

Und dann war da noch diese äusserst teamfähige Verkäuferin, die ihre Kollegin am Montagmorgen in Hörweite von Teamleiterin und Kunden mit den folgenden Worten begrüsste: „Na, Nancy, geht’s wieder besser?“ Nancy und die Teamleiterin schauen ihre Kollegin irritiert an. „Sie war doch nicht krank?“, fragt die Teamleiterin überrascht. „Ich war doch nicht krank…“, sagt Nancy im gleichen Moment leicht irritiert. „Nein, aber du warst am Samstag so komisch drauf und hast dich so sonderbar aufgeführt.“ 

Man möchte bezahlen, hört stattdessen zu und denkt, wie nett es doch wäre, mit einem solchen Charmebolzen zusammenzuarbeiten. 

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Falsche Prioritäten?

Die Facebook-Moralapostel mit ihren bunt hinterlegten Sinnsprüchen verkünden momentan ja gerne solche Sätze wie „Kein Mensch hat keine Zeit – nur falsche Prioritäten“, irgendwie noch verwurstet mit der Aussage, wer nicht pausenlos mit seinen Freunden abhänge, sei ein mieser Kerl, der kein Interesse an seinen Mitmenschen habe. 

Nun, ich kann nicht beurteilen, wie das bei anderen Menschen läuft, aber wenn ich mein Leben so betrachte, sehe ich das ein wenig anders. Dreimal raten, was mir lieber wäre: Mit einem netten Menschen einen Kaffee trinken, oder zum hundertsten Mal die Klobürste mit Backpulver und Essig sauber machen, weil das sonst eine äusserst unappetitliche Sauerei gibt? Mit meiner Familie friedlich zu Mittag essen, oder zwischen zwölf und eins fünfmal das Telefon zu ignorieren versuchen, was aber irgendwann auch nichts mehr bringt, weil gewisse Leute äusserst hartnäckig sind, wenn sie eines meiner Familienmitglieder sprechen wollen? Eine liebe Person, die gerade eine schwere Zeit durchmacht, anrufen, oder diese elenden Formulare ausfüllen, die mir die Versicherungsgesellschaft zum sofortigen Ausfüllen ins Haus flattern lässt, weil meine mündliche Auskunft offenbar nicht reicht? Ganz spontan zum Open House einladen, oder die Familie von einem nicht verschiebbaren Pflichttermin zum nächsten zu hetzen? Mit einer Horde lieber Menschen an einem schönen Ort vier Wochen Ferien machen, oder dafür sorgen, dass Ende Monat Geld auf dem Konto ist?

Falsche Prioritäten? Manchmal vielleicht schon. Sehr oft aber auch einfach ein modernes Leben mit unzähligen kleineren und grösseren Verpflichtungen, die sich zwischen uns und unsere Mitmenschen drängen. 

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