Unsere Abendkarte

Geschätzte Gäste

Wie immer an Wochentagen verwöhnen wir Sie auch heute wieder mit einem abwechslungsreichen, währschaften Menü aus der Küche unseres Familienbetriebes. Wir arbeiten ausschliesslich mit besten Zutaten aus streng kontrolliertem pädagogischem Anbau, produziert in den lokalen Schulbetrieben. Mit viel Einfallsreichtum und Witz zaubert unser junges, topmotiviertes Küchenteam damit jeden Tag einzigartige Kreationen. Das heutige Menu:

Eine luftige Kreation aus „Cello Time Starters“
verfeinert mit zarten „Ich will keine Hausaufgaben machen“-Schluchzern aus dem Nebenzimmer
und einem Hauch von Prinzlicher Allwissenheit

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Ein reichhaltiger Blattsalat aus
Elternbriefen, Znünikiosk-Anmeldungen, Infobroschüren und Absenzenmeldungen,
angerichtet mit einer süsslich-säuerlichen Vinaigrette von Glanzleistungen und schlechten Noten 

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Eine herzhafte Pastete, gefüllt mit gut abgehangenen vergessenen Hausaufgaben, Frustration und Versagensängsten, 
apart gewürzt mit rezenten Rückmeldungen aus dem Lehrerzimmer und leicht salzigen Tränen,
garniert mit fein gehackten Kopfschmerzen

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Ein leichtes Süppchen von Englischen Adverbien,
Französischen Konjugationen und gelungenen Zeichnungen
fein bestäubt mit brillant erkannten physikalischen Formeln

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Eine ausgefallene Dessertkreation mit Anekdoten aus dem Schulalltag,
Schnitzern von Mitschülern,
dem neuesten Social Media-Hit 
und ganz viel Teenagerhumor

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Wir wünschen Ihnen Guten Appetit!

Ich könnte brüllen vor Lachen, wenn…

…ich dran denke, wie ich kurz vor der Matura glaubte, ich würde in meinem ganzen Leben nie mehr Hausaufgaben machen.

…ich mich erinnere, wie ich jeweils grossspurig erklärte, wenn wir mal Kinder hätten, würden „Meiner“ und ich abends, wenn einer von uns von der Arbeit nach Hause käme, erst einmal ein Viertelstündchen miteinander ein Tässchen Tee trinken und über den Tag plaudern, ehe wir uns ins familiäre Feierabendgetümmel stürzen.

…ich mir vor Augen führe, wie ich jeden Abend Karlssons Playmobil-Zoo in Ordnung brachte, damit auch ja jedes der kleinen Tierchen die Nacht in seinem Gehege verbringen würde. 

…man mir erzählt, wie ich in Vorkinderzeiten jeweils sofort zum Lappen griff, weil sich einer an meinem blitzblank geputzten Küchentrog die Hände gewaschen hatte. (Von meiner Überzeugung, ich würde diese Marotte durch die Familienjahre hindurch retten und bis ans Ende meiner Tage beibehalten, wollen wir erst gar nicht reden.)

…ich mir in Erinnerung rufe, wie ich Tag für Tag darauf wartete, endlich ruhig und ausgeglichen zu werden, bloss weil meine ruhigen und ausgeglichenen Verwandten beteuert hatten, ich würde dann schon auch ruhig und ausgeglichen werden, wenn ich erst mal Mutter sei.  

…mir in den Sinn kommt, dass ich nach meinem Austauschjahr in den USA überzeugt war, ich würde meiner Familie mal jeden Tag ein warmes Frühstück servieren, um einen gemütlichen Start in den Tag zu zelebrieren. 

…man mich dran erinnert, dass ich früher laut herausposaunte, ich würde mir meine Privatsphäre von niemandem rauben lassen, auch nicht von meinen Kindern. 

…ich an den Tag zurückdenke, an dem ich heulend, schniefend und stillend mit Karlsson auf dem Sofa sass und glaubte, ich hätte mich in eine Milchkuh verwandelt und mein Leben würde für die nächsten zwanzig Jahre so bleiben. 

…ich mich erinnere, wie „Meiner“ und ich jeweils sagten, wir würden nie, aber auch wirklich gar nie in Gegenwart unserer Kinder das Verhalten einer Lehrperson kritisieren. 

…ich mir überlege, wie lange ich felsenfest davon überzeugt war, unsere Kinder würden ohne Mama-Taxi über die Runden kommen müssen. (Na ja, wenn ich mir’s recht überlege, bin ich davon noch immer überzeugt, aber unsere Kinder sehen das leider anders.)

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Bettgeschichten

Als sie klein war, wollten wir ihr unbedingt dieses Bett kaufen. Es war schön und falls mal eine ihrer zahlreichen Freundinnen bei ihr übernachten wollte, könnte man einfach die zweite Hälfte ausziehen. Das Ding war zwar schrecklich teuer, aber wir dachten, sie würde darin schlafen können, bis sie eines Tages auszieht. Nicht nur unser Portemonnaie litt ganz schrecklich unter dem Kauf, auch „Meiner“ und die zwei Männer, die ihm beim Aufbau halfen, waren nach ein paar Stunden mit ihren Nerven am Ende. „Was soll’s? Das Bett wird ewig halten“, sagten wir und freuten uns, dass unsere Tochter sich darin so wohl fühlte.

Das Bett hielt nicht ewig. Was auch – aber nicht nur – am Fabrikat lag. Eines Abends nämlich war es im Kinderzimmer, in dem damals erst Karlsson und Luise schliefen, erstaunlich früh erstaunlich ruhig. „Ist es nicht himmlisch, wie schön die Zwei schlafen?“, sagte ich zu „Meinem“. Wir machten uns einen gemütlichen Abend und wollten schliesslich, bevor wir ins Bett gingen, noch schnell bei unseren zwei zuckersüssen Kinderlein vorbeischauen, um uns daran zu ergötzen, wie sie friedlich schlafend in ihren Betten lagen. Aber im Kinderzimmer waren keine zuckersüssen Kinderlein, sondern zwei freche Rotzbengel, die leise, ganz leise das wunderschöne Bett in seine Einzelteile zerlegten. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, so leise ein Bett zu demolieren, ich weiss bis heute nicht, wie die das hingekriegt haben. Natürlich schraubten wir alles wieder ordentlich zusammen, aber so richtig halten wollte es nicht mehr. Zwar diente es noch ein oder zwei Jahre als Nachtlager für Luise – und einmal als Messlatte für einen Wettbewerb im Weitpinkeln, den Karlsson und sein gleichaltriger Cousin von Karlssons Hochbett aus veranstalteten -, doch irgendwann waren wir es leid, alle paar Tage zum Schraubenzieher zu greifen und Luise bekam ein neues Bett. Dieses hielt nun wirklich lange, leider war es aber eines Tages zu klein für unsere nicht mehr ganz so kleine Tochter und ausserdem gab es den Geist auf, als sie mal wieder in ein anderes Zimmer umziehen wollte. 

Es musste also ein neues Bett her und was sagte die gute Luise, als wir im Laden standen? „Ich will wieder dieses Bett.“ „Und ich will dieses Bett nicht mehr“, antwortete ich. „Aber ich will dieses Bett und kein anderes“, gab mein geliebtes Töchterlein zurück. „Und ich will alles andere, nur nicht dieses Bett“, lautete meine Antwort. Die weiteren Details erspare ich euch und ich werde auch nicht erzählen, wie wir es fertig gebracht haben, das Ungetüm in unser winziges Auto zu quetschen. Falls ihr aber heute im Möbelgeschäft eine sehr wütende Mama mit einer sehr wütenden Tochter gesehen habt, dann wisst ihr jetzt, wer das war. Am Ende bekam Luise ihren Willen, aber nur, weil die den Preis des Bettes inzwischen so gesenkt haben, dass mir irgendwann die Gegenargumente ausgingen. 

Ich hoffe, die haben in der Zwischenzeit nicht nur am Preis gearbeitet, sondern auch an der Aufbauanleitung und an der Widerstandsfähigkeit. Obwohl ich ja nicht damit rechne, dass es die gleichen Attacken über sich ergehen lassen muss wie sein Vorgänger. 

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

Geht doch auch so

2007, Karlsson ist ein Zweitklässler und zwar einer von der eher schüchternen Sorte. Ein neuer Schüler kommt in die Klasse, setzt sich neben unseren Ältesten, sagt: „Du Arschloch!“ und von da an geht es bergab. Beim Elterngespräch sprechen wir die Lehrerin auf das schlechte Klassenklima an, erzählen ihr, dass unser Sohn immer wieder über üble Hänseleien klagt. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht sie, aber ändern tut sich nichts. Wie auch, wenn nur geredet wird?

2011, der FeuerwehrRitterRömerPirat ist ein Zweitklässler, auch eher schüchtern, hin und wieder auch mal rabiat. Ein Mitschüler, der ihm körperlich überlegen ist, macht ihm das Leben schwer und zwar so schlimm, dass mich andere Mütter darauf ansprechen. Beim Elterngespräch bringt der FeuerwehrRitterRömerPirat die Sache selber vor, er möchte, dass sich etwas ändert. Sie werde die Sache im Unterricht thematisieren, verspricht die Lehrerin, meint dann aber auch, das Schicksal habe es eben so gewollt, dass unser Sohn mit diesem Jungen zur Schule gehe, darum müsse er lernen, mit der Sache klarzukommen. Natürlich ändert sich nichts. Wie auch, wo doch unser Sohn selber Schuld ist, wenn er sein Schicksal nicht annehmen kann?

2015, das Prinzchen ist ein Erstklässler, nicht unbedingt schüchtern, aber ein Kind, das Konflikte lieber mit endlosen Diskussionen als mit den Fäusten austrägt. Ein paar Zweitklässler haben es auf unseren Sohn abgesehen, machen ihm seit der ersten Schulwoche das Leben schwer. Kurz vor den Herbstferien kommt er mit einem blauen Auge nach Hause. Ich schreibe der Lehrerin, weil die Sache ein Ausmass angenommen hat, das ich nicht mehr tolerieren kann. Die Klassenlehrerinnen würden sich während der Herbstferien treffen, um sich in der Angelegenheit zu beraten, antwortet sie. Seit Montag ist wieder Schule,  seit gestern hat das Prinzchen einen Plan, auf dem er jeden Tag mit Smileys eintragen kann, wie die Stimmung auf dem Pausenplatz war, ob es wieder zu Konflikten gekommen ist. Zeichnet er traurige Gesichter, wird eingegriffen. Ob sich die Situation dadurch ändert, wird sich weisen, aber immerhin erfährt das Kind, dass man nicht einfach wegschaut und es „seinem Schicksal“ überlässt. 

Das ich so etwas auf meine alten Muttertage noch erleben darf.

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

torre temporanea; prettyvenditti.jetzt

Bon appétit!

Inzwischen sind wir also soweit, dass wir, wenn Karlsson in der Abenddämmerung den Kopf aus dem Fenster streckt, um seine im Garten buddelnden Eltern daran zu erinnern, dass er Hunger hat, zu ihm sagen können: „Könntest nicht du heute das Kochen übernehmen? Wir müssten das hier noch ganz dringend fertig machen.“ Vielleicht zögert er dann einen Augenblick lang, weil man als Teenager ja nicht einfach ohne zu zögern ja sagen kann, wenn die Eltern etwas von einem verlangen, doch dann fragt er zurück: „Was soll ich denn kochen?“ Zwei oder dreimal kommt er danach noch ans Fenster, um zu fragen, ob es so, wie er es macht, auch sicher richtig ist und nach einer halben Stunde ruft er zum Essen, als wäre es schon immer seine Aufgabe gewesen, die Familie zu füttern. Klar, er kocht nicht zum ersten Mal, aber bis jetzt waren das immer Dinge, die man halt so kocht, wenn man kochen lernt. Tomatensauce oder Risotto oder Toast Hawaii. Jetzt aber schmeckt das Essen nicht mehr nach „Ich lerne gerade kochen und Mama hat mir gesagt, wie man das macht“, sondern nach „Mama hat gesagt, ich soll etwas aus dem Kürbis machen, der im Kühlschrank liegt und ich finde, dass auf diese Weise sein Aroma am besten zur Geltung kommt.“ Also ein richtiges Abendessen, mit eigener Karlsson-Handschrift, so gut, dass man sich viel mehr schöpft, als der Hunger eigentlich gebieten würde. 

Eines von unzähligen Erziehungszielen wäre somit also erreicht. 

nell'acqua; prettyvenditti.jetzt

nell’acqua; prettyvenditti.jetzt

Pflanzen pflanzen

In diesen Tagen bin ich öfters leise vor mich hin murmelnd im Garten anzutreffen. Es ist nämlich Zeit, die Stauden in den Boden zu bringen und das geht nicht ganz ohne Diskussionen ab, wie das Beispiel einer hellgelben Skabiose zeigt: 

Ich: „Meine liebe kleine Skabiose, wo möchtest du denn wachsen?“

Skabiose: „Mir egal. Hauptsache volle Sonne, nicht zu viel Wind und durchlässiger Boden. Hast doch den Gartenrargeber gelesen…“

Ich: „Natürlich habe ich das, aber wie du siehst, bietet der Garten dir eine Vielzahl solcher Stellen. Welche davon gefällt dir denn am besten?“

Skabiose: „Mir egal. Hauptsache, du lässt mich nicht noch länger auf diesem Gartentisch stehen. Es zieht dort nämlich ganz gewaltig und du weisst ja, dass ich Wind nicht mag.“

Ich: „Dann sag mir doch bitte endlich, wo du wachsen möchtest.“

Die Skabiose und ich schauen uns ein wenig im Garten rum. Endlich zeigt sie völlig unmotiviert auf irgend eine Stelle und zwar etwa so wie der Rollstuhlfahrer bei „Little Britain“, wenn er seinem Sozialarbeiter sagt: „I want that one.“

Ich: „Aber das geht doch nicht. Dort werden im Frühling die Iris blühen. Die passen doch überhaupt nicht zu dir.“

Skabiose: „Dann eben dort drüben.“

Ich: „Okay, das sieht gut aus. Äääähm, halt, das geht nicht. Du sollst im Frühling ja noch Kolleginnen bekommen und für die ist dort kein Platz.“

Skabiose: „Was soll ich bekommen?“

Ich: „Kolleginnen. Ich habe eigens eine dunkelrote und eine beinahe schwarze Sorte aus England kommen lassen.“

Skabiose: „Bin ich dir vielleicht nicht schön genug? Hab schon gehört, wie du neulich zu deiner Tochter gesagt hast, Gelb hättest du nicht besonders gern…“

Ich: „Das hatte doch nichts mit dir zu tun, du gefällst mir ausserordentlich gut. Aber ich finde nun mal, etwas Gesellschaft könnte dir nicht schaden.“

Skabiose: „Du weisst aber schon, dass ich mich ziemlich gut vermehre, wenn ich erst mal angewachsen bin?“

Ich: „Klar weiss ich das, aber ich will ja auch, dass die Bienen in unserem Garten etwas zu tun finden. Darum sollst du einen Platz bekommen, wo du dich ausbreiten kannst. Wäre nett, wenn du dich endlich für einen Standort entscheiden könntest, mir wird kalt.“

Skabiose: „Warum nicht gleich hier, wo du stehst?“

Ich: „Sieht gut aus. Ich fange dann mal an, dir ein schönes, tiefes Loch zu buddeln…“

Skabiose: „Willst du nicht vielleicht noch ein wenig jäten? Ich mag keine Konkurrenz.“

Ich: „Immer diese Ansprüche. Da warten noch andere Pflanzen auf mich…“

Skabiose: „Du willst doch, dass ich im nächsten Sommer gut gedeihe. Also sei gefälligst nett zu mir, sonst gehe ich auf der Stelle ein.

Ich: „Schon gut, ich jäte ja schon…“ 

Und so geht das bei jeder einzelnen Pflanze, die in diesen Tagen bei uns Einzug hält. 

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Laufgitterbeet

So, jetzt endlich zu den Mini-Hochbeeten, die wir in unserem Garten angelegt haben. „Meiner“ und ich sind uns darob ja ziemlich in die Haare geraten, ehe wir eine Lösung fanden. Hierzlande nimmt man für kleine Hochbeete meistens diese SBB-Rahmen, aber die finden wir erstens nicht besonders schön und zweitens haben die inzwischen auch ihren Preis, weil jeder sie haben will. Wie so oft fanden wir die günstigere und für unseren Geschmack auch schönere Alternative im Brockenhaus: Zwei ausrangierte Wisa-Gloria-Laufgitter, knapp 25 Franken das Stück. (Vermutlich hätte es auch billigere gehabt, aber das Zeug von Wisa-Gloria hält eine Ewigkeit, darum haben wir die genommen.) Es war nicht nur der Preis, der uns begeisterte, sondern auch die Gewissheit, dass wir mit dem Kauf mindestens zwei Kleinkinder vor trüben Stunden im Laufgitter verschonten. 

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Bloss, wie wird ein Laufgitter zum Hochbeet? Ganz einfach: Zuerst hat „Meiner“ die Sprossen mit wetterfestem Lack bepinselt. Rot, weil das zu unserem grossen Hochbeet und den Fensterläden unseres Hauses passt. Dann flochten wir alles, was der Garten zu dieser Jahreszeit im Überfluss hergibt – Hasel- und Weidenruten, überschüssige Ranken der Glyzinie und ein paar Maulbeerzweige – zwischen die Sprossen. Okay, ein Perfektionist hätte sich überteuerte Weidenruten gekauft, damit alles schön ordentlich aussieht, aber bei uns darf es gerne ein wenig wilder sein. Blätter und kleine Zweiglein, die beim Flechten nicht gebraucht wurden, landeten als unterste Schicht des Hochbeetes im Laufgitter. Dann kleideten wir die Wände von innen mit Plastikfolie aus, füllten eine Schicht Heu und ein paar Säcke Erde ein und fertig war das Beet. Vielleicht folgt im Frühling noch ein Anstrich mit Holzteer, um die Wetterfestigkeit zu verbessern, aber nur, wenn es mir gelingt, das Zeug aufzutreiben. Sonst müssen wir eben in ein paar Jahren zwei neue alte Laufgitter im Brockenhaus holen. Was auch nicht weiter schlimm wäre, dann wären wieder ein paar von den Dingern vom Markt verschwunden. Die machen sich im Garten nämlich einfach besser als im Kinderzimmer. 

Ach ja, falls man zu viele Äste geschnitten hat, muss man die nicht unbedingt entsorgen:

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Blödes, infantiles Ich

Wir lernten uns kennen, als sie ein junges Ding war. Fast hätte ich „ein junges, dummes Ding“ geschrieben, aber sowas schreibt man nicht, wenn man ein Gutmensch ist und zu den Gutmenschen gehöre ich ganz zweifellos, das haben die aus der rechten Ecke im Gott sei Dank zu Ende gehenden Wahlkampf eins ums andere Mal klar gemacht. Aber zurück zu ihr. Sie war also jung und lebensunerfahren, als ich sie kennen lernte. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte ihr nicht zugleich an dem gemangelt, was man gemeinhin Intelligenz nennt. Da sie nicht gerade hässlich war, ich aber zu jenem Zeitpunkt von fünf Schwangerschaften und zig durchwachten Nächten ziemlich mitgenommen aussah, fühlte sie sich mir haushoch überlegen, weshalb sie sich nicht genierte, mir gegenüber jede Sinnlosigkeit, die ihr gerade auf der Zunge lag, frei heraus zu äussern. Zum Beispiel: „Wollt ihr den FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht in ein Heim geben? Der hat doch immer so schlimme Trotzanfälle.“ Oder: „Frauen, die Grösse 38 tragen haben voll versagt.“ Oder, als sie merkte, dass ich auch zu diesen Versagerinnen gehöre: „Also, bei dir ist das etwas anderes. Du darfst schon so aussehen, du hast ja ein paar Kinder geboren.“ Bei jeder Begegnung solche und ähnliche Bemerkungen, die mich zwar im Moment ärgerten, die ich aber nach einigem Grummeln in der Schublade „jung und unerfahren, irgendwann vielleicht nützlich für einen satirischen Text“ archivierte.  

Inzwischen ist sie etwas älter, nicht unbedingt viel weiser, aber auf bestem Wege, Mutter zu werden. Das bringt zwei Probleme mit sich. Erstens hat sie nun das Gefühl, sie sei in meiner Welt angekommen, weshalb sie keine Gelegenheit auslässt, um mit mir Gespräche zu führen, wie sie ihrer Meinung nach reifere Frauen miteinander führen. Also Wetter-, Haushalt- und Einkaufsgespräche. Zweitens – und das ist viel schlimmer – stelle ich fest, dass ich ihre Bemerkungen von früher doch nicht ganz verdaut habe, weshalb ich mich in Gedanken ähnlich infantil aufführe wie sie damals. So erfüllt es mich zum Beispiel mit einer beschämenden Genugtuung, dass sie zu jenen Schwangeren gehört, die wohl am Hintern und im Gesicht zunehmen, nicht aber am Bauch. „Na, wie war das nochmal mit Grösse 38?“, lästert mein infantiles Ich, wenn ich ihr begegne. Und dann fängt es an, sich auszumalen, wie sich ihr Nachwuchs eines nicht mehr allzu fernen Tages in seinem ersten Trotzanfall schreiend und tobend am Boden windet und wie es dann süffisant bemerkt, ob ein Kinderheim nicht vielleicht die beste Lösung wäre.

Blödes, infantiles Ich. Nimmt mir einfach die Illusion, dass ich inzwischen zu einem halbwegs vernünftigen Menschen herangereift bin. 

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Eine Handvoll Absurditäten

  • Mahnungen sind doof. Noch doofer ist es, wenn du am 10. Oktober gemahnt wirst, doch bitte deine Rechnung umgehend zu begleichen, die sei nämlich am 1. November fällig. Nein, das war kein Tippfehler, die wollen mir doch tatsächlich Dampf machen, weil ich 21 Tage vor dem Fälligkeitsdatum und vier Tage nach der Lieferung noch immer nicht bezahlt habe. Und dies trotz einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. 
  • Die Schweiz und ihre Familien: „Grossfamilien mit mehr als zwei Kindern“, lese ich heute in der Tageszeitung und einmal mehr frage ich mich, ob demnächst alle, die mehr als null Kinder haben, zu den Grossfamilien gezählt werden. Wäre ja eigentlich logisch, wo man heute schon zur Familie wird, wenn man sich als Single einen Goldhamster zulegt. 
  • Eine Mama, die am Rande des Spielplatzes steht, gefühlte hundertmal lauthals „Eneeeeeeaaaaaa!“ schreit, und nicht begreift, dass Eneeeeeeaaaaa auch nach dem 101. Ruf nicht zu ihr kommen wird, weil Eneeeeeeaaaaa nicht zu ihr kommen will und dass sie sich deshalb besser einen anderen Weg ausdenken sollte, um Eneeeeeeaaaaa vom Spielplatz weg zu bekommen. 
  • Da steht plötzlich dieser Mann in deinem Garten, vielleicht siebzig oder fünfundsiebzig Jahre alt, und will von dir wissen, wie du es hingekriegt hast, dass dein Feigenbaum so viele Früchte trägt. Er verstehe ganz und gar nichts vom Gärtnern, sagt er, aber er würde halt auch furchtbar gerne so viele Feigen an seinem Baum haben. Aber eben, ein Gärtner sei er nicht, seine Mama hätte leider immer alles selber machen wollen, da habe er nichts lernen können. Du sagst, du hättest eigentlich auch nicht viel von der Sache verstanden, aber man könne sich in die Thematik einlesen. Tja, mit dem Lesen sei das so eine Sache. Das habe ihm nie zugesagt, schon damals in der Schule nicht, Fernsehen sei ihm lieber. Schlechter Lehrer halt… Er geht und du denkst: Mit der falschen Mama und dem falschen Lehrer hat man ein Leben lang eine Ausrede, um nichts Neues in Angriff nehmen zu müssen. 
  • Noch so eine Gartenbegegnung: Tag für Tag schuftest du in deinem Garten, bemühst dich darum, aus der ehemaligen Einöde eine wirklich schöne Sache entstehen zu lassen und eines Tages steht da diese Nachbarin, die zu dir sagt: „Wissen Sie, ich kenne diesen Gärtner, der würde aus Ihrem Grundstück einen wunderschönen Garten zaubern.“ Vielen Dank auch für das liebe Kompliment, meine Dame! 

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Konsumrausch

Samstag Nachmittag, ich fahre mit Luise in ein Kaff ennet der Grenze, um ein Päckchen abzuholen, das man mir nicht in die Schweiz hat liefern wollen. (Nicht ganz konsequent für eine, die ziemlich grün denkt, ich weiss.) Autos aus der Schweiz – darunter ziemlich dicke Karossen – verstopfen die Strassen. Einen Parkplatz ergattert man nur mit grösster Mühe, in den Läden hamstern die Massen, als stünde demnächst eine schlimme Hungersnot bevor. Die Wegzehrung, die wir uns vor der Rückfahrt kaufen, scheint mir keinen Cent weniger zu kosten, als ich zu Hause bei der Migros bezahlt hätte und ich frage mich, ob meine Landsleute, die sich die Einkaufswagen bis obenhin voll beladen, tatsächlich so viel sparen, wie sie immer sagen, oder ob sie am Ende gleich viel liegen lassen, weil sie im Kaufrausch Dinge kaufen, die sie gar nicht brauchen. Diesen Ort des Grauens wieder zu verlassen, ist gar nicht so einfach, denn vom Parkplatz bis zur Grenze geht es nur im Schritttempo.

Als wir endlich wieder drüben sind, weiss ich einmal mehr: So lange ich es mir irgendwie leisten kann, tue ich mir solche Einkaufstouren ganz bestimmt nicht freiwillig an. Mag sein, dass man in der Schweiz etwas mehr Geld an der Kasse liegen lässt, dafür hat man nach dem Einkauf noch ein paar Nerven übrig. 

41 minutes; prettyvenditti.jetzt

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