Lasst doch den armen November sein, wie er ist

Okay, ich frage mich ja manchmal auch, wie ein einziger Monat dazu kommt, so viel unterdrückte Wut loszuwerden. Sturmböen, kalter Regen, schwere, graue Wolken und wenn sich das Wetter beruhigt, kommt der Hochnebel. Ganz klar, der November bräuchte ganz dringend jemanden, dem er mal sein Herz ausschütten könnte, damit er seinen Frust nicht immer an der Allgemeinheit auslassen müsste. Doch solange er keinen findet, der ihm zuhört, muss man sich wohl damit abfinden, dass der November ist, wie er nun mal ist, seit Jahrhunderten schon.

Mir gelingt das eigentlich ganz gut: Nur noch aus dem Haus gehen, wenn Prinzchen in den Kindergarten muss oder wenn Vögel, Wachteln und Kaninchen neues Futter brauchen, literweise Tee, überall Kerzen, warme Socken an die Füsse, Computer an und schreiben, was gerade geschrieben werden muss, dazwischen Suppe kochen, Kartoffelbrei oder sonst etwas, was die Seele wärmt. Viel mehr erwarte ich nicht vom November und darum macht es mir auch nichts aus, wenn er draussen wütet. Soll er doch, wenn er keinen anderen Weg findet, seine Probleme zu verarbeiten. 

Eigentlich gibt es nur eine Sache, die mir im November nicht passt: Die Leute, die über ihn herziehen. Ja, der Kerl führt sich vollkommen daneben auf, aber das ist nun mal seine Natur und da braucht man doch nicht so zu tun, als hätte man mit Sonnenschein und 30 Grad Hitze gerechnet und statt dessen Sturm und Regen geliefert bekommen. Was soll dieses Geschwätz von „Ist doch einfach nicht normal, dieses Wetter“? Natürlich ist es normal, man kann doch von einem Monat nicht erwarten, dass er sich an den Klimawandel hält, bloss weil alle anderen Monate dies tun. Es gibt nun mal solche, die altmodischer sind als andere und nicht gleich jedem neuen Trend aufsitzen. Also hört auf zu jammern, lasst den November tun, was er schon seit jeher am besten konnte und verzieht euch in eure Höhlen. Ist doch herrlich gemütlich dort, wenn der Wind um die Hausecken heult…

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Meine lieben Miteltern

Mir ist schon klar, dass ihr uns manchmal durch den Kakao zieht. Bei so vielen Familienmitgliedern lässt sich ja auch immer einer finden, der etwas ausgefressen hat. Und es macht mir im Grunde genommen auch nichts aus, ich ergebe mich selber auch immer wieder mit Genuss dem verwerflichen Laster des Lästerns, wohl wissend, dass mich danach das schlechte Gewissen wieder plagen wird. Ich war nicht umsonst Klassenbeste in der Sonntagsschule…

Nein, meine lieben Miteltern, ich finde es wirklich nicht schlimm, dass ihr hinter unserem Rücken über uns tratscht, ich habe sogar Verständnis dafür, dass ihr es in Hörweite eurer Kinder tut. Passiert mir auch immer wieder. Aber wenn eure Kinder schon mithören, könntet ihr ihnen vielleicht endlich beibringen, dass das, was im Vertrauen in der Familie gesagt wird, nicht nach draussen gehört? Okay, bei einem Dreijährigen kann es schon mal geschehen, dass er sich trotzdem verplappert. Bei einem Vier- oder Fünfjährigen auch. Aber bei einer Elfjährigen? Die sollte doch allmählich wissen, dass man um des lieben Friedens Willen gewisse Dinge besser für sich behält.

Oh ja, ihr fragt euch jetzt, wie ich mir so sicher sei, dass die bissige Bemerkung den Eltern nachgeplappert ist. Es gibt da ein paar Indizien, die mich auf die Idee gebracht haben. Zuerst einmal der Inhalt der Bemerkung: „Tja, sowas geschieht halt, wenn man nicht nach seinen Kindern schaut“ und das in einem Moment, wo ich gerade sehr intensiv damit beschäftigt war, mich um mein jüngstes Kind zu kümmern und die Bemerkung nicht im Geringsten passte. Dann war da noch der Tonfall. Genau wie der Papa, wenn er am Lästern ist. Ja, genau, der Papa dieses Kindes und ich haben auch schon zusammen gelästert, darum weiss ich, wie es tönt, wenn er andere durch den Kakao zieht. Zu guter Letzt ist auch der Zeitpunkt ziemlich auffällig: Drei Tage, nachdem ich das halbe Dorf nach meinen Kindern und Prinzchens bestem Freund absuchen musste, weil die Racker der Nachbarin entlaufen waren. Auf der Suche traf ich auch euch an und fragte, ob ihr vielleicht vier kleine bis mittelgrosse Ausreisser getroffen hättet.

Wie gesagt, meine lieben Miteltern, es macht mir nichts aus, dass ihr nach dieser Begegnung über uns gelästert habt, aber bitte bringt eurer Tochter bei, in Zukunft den Mund zu halten. Es wäre mir lieber gewesen, ich wüsste nicht, wie ihr wirklich über unseren Erziehungsstil denkt. Im direkten Gespräch wäre ich nämlich nie auf die Idee gekommen, dass wir die Dinge so anders sehen als ihr.

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Keine Rücksicht

Wir leben in einem Land, in dem es dir abends um Viertel vor zehn passieren kann, dass du grob angefahren wirst, weil deine übermüdeten Kinder nach einem Ausflug, der ausnahmsweise etwas länger gedauert hat, im Familienwaggon des Zuges laut sind. Oh ja, sie waren wirklich laut, „Meiner“ und ich haben sie mehrmals darum gebeten, etwas leiser zu sein. Aber sie waren die einzigen Kinder, die Rutschbahn und Holzboot in Anspruch nahmen, es hatte genügend freie Plätze im Zug, so dass man unseren Kindern aus dem Weg gehen konnte, FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen tobten nur dort herum, wo herumtoben ausdrücklich erlaubt ist und wir sassen gerade mal fünfundzwanzig Minuten lang in diesem Zug.

Darum antwortete ich, als ein junger Schnösel gehässig fragte, ob ich denn meinen Kindern nicht endlich sagen könne, sie sollten ruhig sein, dass ich dies weder tun könne noch wolle, weil wir hier im Familienwaggon seien. Wenn ihm der Kinderlärm nicht passe, solle er sich eben anderswo hinsetzen. Es sei ihm egal, ob das hier der Familienwaggon sei, es sei jetzt schliesslich abends um zehn und meine Kinder gehörten ins Bett, nicht in den Familienwaggon, schnauzte er mich an, doch für einmal weigerte ich mich, Rücksicht zu nehmen.

Weil wir an allen anderen Orten Rücksicht nehmen, oder es zumindest versuchen. Im Bus, im Laden, im gewöhnlichen Zugabteil, im Museum, beim Öffnen einer schweren Tür,an der Bushaltestelle, im Schuhgeschäft, auf dem Trottoir, auf dem Waldweg, im Café, im Schwimmbad, ja, sogar auf dem Spielplatz, wenn andere Kinder dort spielen – überall sind wir pausenlos damit beschäftigt, unsere Kinder zur Rücksichtnahme aufzufordern. „Geh zur Seite, da möchte jemand mit seinem Pferd durch“, tönt es auf dem Waldweg. „Nein, du kannst diese Türe nicht alleine öffnen, die Leute hinter uns werden schon ungeduldig“, erklären wir, wenn ein kleiner Mensch beweisen möchte, wie stark er ist. „Spring nicht ins Wasser! Die Frau dort drüben möchte nicht, dass ihr Haar beim Schwimmen nass wird“, ermahnen wir im Schwimmbad. Und wehe, wir weisen unsere Kinder nicht rechtzeitig in die Schranken!

Obschon es mich zuweilen gewaltig nervt, die Kinder pausenlos an der kurzen Leine halten zu müssen, so akzeptiere ich doch, dass es in einem kleinen, dicht besiedelten Land oft nicht anders geht. Wenn unsere Kinder sich aber an einem eigens für Kinder eingerichteten Ort wie Kinder aufführen, fühle ich mich nicht zur Rücksichtnahme verpflichtet. Auch dann nicht, wenn einer, der vor wenigen Jahren selber noch Kind war, felsenfest davon überzeugt ist, dass der Familienwaggon nur ein Familienwaggon ist, solange es draussen noch hell ist.

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Welche Weltanschauung darf’s denn heute sein?

Schlenderst du an einem sonnigen Samstagnachmittag durch die Innenstadt, wird dir spätestens nach fünf Minuten eine Weltanschauung angeboten. Mal sind es die Scientologen, die dich dazu bewegen wollen, dein Lebensglück bei ihnen zu kaufen, mal sind es Zeugen Jehovas, die dir den „Wachtturm“ schenken möchten, dann wieder sind es Politiker jeder Couleur, die dir sagen wollen, was du bei der nächsten Abstimmung auf den Zettel schreiben sollst. Heute warben wenige Schritte voneinander entfernt Moslems für mehr Interesse am Islam und konservative Christen für mehr Interesse am Christentum. Es war ganz unterhaltsam, zu beobachten, wie verschleierte Frauen und Frauen in langen Röcken einander gegenseitig zu bekehren versuchten. Wenn ich mich nicht irre, waren sie gerade dabei, Traktate auszutauschen, als das Prinzchen und ich an ihnen vorbeigingen.

Währenddem wir in Richtung Bushaltestelle gingen, sinnierte ich darüber nach, ob die beiden Frauengruppen sich nicht ähnlicher sind, als ihnen lieb sein kann und ob ich als aktive Kirchgängerin überhaupt so etwas denken darf über andere Christinnen. Vor lauter Nachdenken merkte ich nicht, dass ich einem Unterschriftensammler direkt in die Arme lief. Er sei gegen die Sexualerziehung an den Schulen, erklärte er mir, als ich ihn fragte, worum es denn gehe. Es könne doch nicht sein, dass der Staat überall seine Finger drin habe und das würde ja auch Millionen kosten und… Ich unterbrach seinen Redeschwall und erklärte ihm, dass in meiner idealen Welt, von der ich jeweils träume, die Eltern für eine sorgfältige und kindergerechte Sexualerziehung zuständig seien und dass „Meiner“ und ich diese Verantwortung auch wahrnehmen, dass es aber in der realen Welt, in der ich lebe, leider auch Fünfjährige gebe, deren Sexualerziehung darin bestehe, dass ihnen der grosse Bruder einen Porno zeige. Das sei aber gar nicht gut, fand der Mann, aber der böse Staat und die bösen Lehrer und die verdorbene Welt…

Wieder sah ich mich dazu gezwungen, den Redeschwall zu unterbrechen. Es sei doch keine Lösung, nur zu schimpfen, man müsse doch Wege finden, wie Kinder, deren Eltern sich nicht um die Sexualerziehung kümmern, auf eine angemessene Art aufgeklärt werden. Es wäre ja schön, wir hätten lauter intakte, glückliche Familien in der Schweiz, doch leider sei ich schon zu vielen Eltern begegnet, die nichts auf die Reihe kriegen. „Na, dann sollen diese Leute eben keine Kinder bekommen“, schnauzte mich der Unterschriftensammler an und wandte sich einem neuen – hoffentlich weniger widerspenstigen – Opfer zu.

Gerne hätte ich den Mann darauf hingewiesen, dass eine anständige Sexualerziehung vielleicht im einen oder anderen Fall verhindert hätte, dass junge Menschen Eltern werden, ehe sie reif dazu sind. Stattdessen nahm ich das Prinzchen an der Hand und ging. Auf dem Weg zur Bushaltestelle machte ich einen weiten Bogen um alle, die mit Klemmbrettern und Handzetteln herumstanden.

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Schmeicheleinheiten

Meine Nerven lagen gerade ziemlich blank: Wocheneinkauf mit Karlsson – „Ich will aber Blutwurst!“ – und Prinzchen – „Wann sind wir endlich in der Spielwarenabteilung?“ – und unzähligen anderen Einkäufern, die am Zahltag vom einmaligen 10% – Rabatt profitieren wollten. In der Hand eine ellenlange Einkaufsliste, im Hinterkopf die Sorge, ob wir es nach Hause schaffen, ehe Zoowärter, FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise von der Schule nach Hause kommen, zu Hause ein angefangener Artikel, der zu Ende geschrieben sein wollte und obendrein ein selbstverschuldetes Schlafmanko. Ein typischer „Mama Venditti hat’s mal wieder nicht ganz im Griff“-Nachmittag eben.

Ich war gerade dabei, meine 18 Liter Milch so im Einkaufswagen zu platzieren, dass noch Raum für all das andere Zeug auf meiner Liste blieb, als eine Mutter mit einem etwa fünfjährigen Mädchen auf uns zugesteuert kam. Zuerst glaubte ich, sie wolle mir den Platz am Milchregal streitig machen, doch dann hörte ich sie zu ihrem Töchterlein sagen: „Also, was willst du der Lady-Frau jetzt sagen?“ Das Mädchen sah mich ein wenig verlegen an und murmelte etwas, was ich im Lärm des Einkaufsrummels nicht ganz verstand. „Sie will Ihnen sagen, dass sie Sie so wunderschön findet mit Ihren Blumen im Haar“, erklärte die Mutter.

Ich weiss nicht, wer mehr gestrahlt hat, das Mädchen oder ich. Ich weiss nur, dass ich mich in diesem Augenblick trotz all meiner Unzulänglichkeiten fühlte, als wäre ich etwas ganz Besonderes. Kaum etwas bringt mich so sehr zum Schmelzen wie ein wildfremdes kleines Mädchen, das in mir nicht die gehetzte, ungeduldige Mutter sieht, sondern eine „Lady-Frau“, der man mitten im Getümmel den Tag mit einem hinreissenden Kompliment versüssen muss.

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Was mir zu meinem Glück noch alles fehlt

Es gab eine Zeit, da war jedem klar, dass man erdverbundenen Menschen das Geld nicht so leicht aus dem Sack ziehen kann, weil sie bei jeder Anschaffung zuerst überlegen, was Mama Erde wohl dazu sagen würde. Inzwischen sieht das etwas anders aus. Ich weiss nicht, ob die erdverbundenen Menschen einen Weg gefunden haben, Mama Erde zum Schweigen zu bringen, wenn sie mal wieder den mahnenden Zeigefinger hebt, oder ob clevere Geschäftsleute entdeckt haben, wie man in einem Menschen, der eher dem Feinstofflichen zugetan ist, materielle Gelüste weckt. Auf alle Fälle gibt es inzwischen ein beeindruckendes Angebot an Produkten, die einen guten Menschen zu einem noch besseren machen sollen. Hier eine Auswahl aus einem Katalog, der mir neulich in die Finger geraten ist:

Da gibt es zum Beispiel das Waffeleisen „Blume des Lebens“, dank dessen Hilfe Waffeln nicht nur gut schmecken und sichtbare Spuren auf den Hüften hinterlassen, sondern zugleich mit ganz viel Lebensenergie aufgeladen werden. Wie das gehen soll? Nun, ganz einfach: Die Waffeln kommen nicht in der üblichen profanen Herzchenform aus dem Gerät, sondern in der Form der „Blume des Lebens“, dem Symbol, das „seit 5000 Jahren für Lebensenergie“ steht, wie es im Katalog heisst. Und das für gerade mal 90 Franken. Ja, diese Blume des Lebens muss es wirklich in sich haben. Es gibt sie nämlich auch auf Fussmatten, Matratzenbezügen und Hausschuhen, natürlich alles mit sattem Preisaufschlag, weil ein mit Lebensenergie aufgeladener Artikel eben viel mehr Wert ist. Wer jetzt denkt, ich würde dies nur wegen meiner christlichen Gesinnung schreiben, dem sei gesagt, dass ich es ebenso lächerlich finde, wenn man überteuerte Fussabtreter mit Kreuzsymbol verkauft.

Ganz toll ist auch der „Yoga-Frosch“. Ich hätte ja auf den ersten Blick gedacht, da wolle sich einer über Yoga lustig machen, denn das Ding sieht aus wie etwas, was ein Teenager im Zweifrankenshop kaufen würde, doch der Begleittext klärte mich darüber auf, dass der Yoga-Frosch Heiterkeit verbreitet und den Betrachter an die wichtigsten Übungen erinnert. Vielleicht müsste ich mit Yoga anfangen, damit ich die Botschaft des Frosches verstehen könnte. Und damit ich dazu bereit wäre, 26 Franken zu bezahlen, um ihn zu bekommen.

Die haben übrigens auch Fixleintücher in diesem Katalog. Die gleichen hässlichen Farben wie überall, das gleiche Material, die gleiche Verarbeitung, aber doppelt so teuer. Vermutlich, weil die Dinger einen Haufen Lebensenergie getankt haben, als sie im Lagerregal zwischen Waffeleisen und Yoga-Frosch lagen.

Wahrscheinlich sollte ich mir auch das Buch „Die Schnurr-Therapie – Wie Katzen heilen“ mit integrierter CD kaufen. Für nur gerade 30 Franken erfahre ich alles über die „von Katzen beim Schnurren ausgestrahlten Wellen“, die „einen positiven Einfluss auf den menschlichen Körper und Geist“ haben. So wenig Geld für einen „mächtigen Anti-Stress-Faktor“, einen „Verstärker der Abwehrkräfte“ und obendrein „eine wertvolle Unterstützung der Psychomotorik“. Und ich arme, unerleuchtete Närrin habe geglaubt, mein kleiner roter Kater hätte sein volles Potential bereits ausgeschöpft, wenn er sich mit Schnurren und Schmusen bei mir einschmeichelt, nachdem er unter unser Bett gekackt hat.

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Gefühlsmensch

Beim Prinzchen weiss man meist, woran man ist. Ist er wütend, knallt er die Tür, bekommt er nicht das Essen, das ihm passt, droht er mit Hungerstreik, ist die Welt ungerecht, schreit er Zetermordio. Seit einiger Zeit kommen aber auch neue, zartere Töne hinzu.

Vor einigen Tagen traten Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter im Kinderzirkus auf, das Prinzchen und ich standen im Publikum. Gegen Ende der Vorstellung wollte das Prinzchen plötzlich auf den Arm genommen werden, etwas, was ich nur noch schaffe, weil er so spindeldürr und federleicht ist. Als er oben war, kuschelte er sich eng an mich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich muss fast weinen.“ „Warum denn? Hast du Angst?“, fragte ich. „Nein, ich muss fast weinen, weil es so unglaublich schön ist“, gab der kleine Romantiker zur Antwort.

Heute ein weiterer Gefühlsausbruch der anderen Art: Morgen feiert das Prinzchen zusammen mit den anderen Oktoberkindern im Kindergarten Geburtstag, weshalb wir heute Nachmittag fleissig am Backen waren. Mit Inbrunst stach das Prinzchen Sterne aus Marzipan aus, währenddem ich den Teig rührte. Als schliesslich ein Küchlein nach dem anderen mit Sternen verziert war, begann unser Jüngster Küchenhocker zusammen zu schieben. Auf meine verwunderte Frage, was er denn da tue, antwortete er: „Ich bin so glücklich, dass ich jetzt einfach einen Handstand machen muss.“ Sprach’s und stellte sich auf seine Hände, die Füsse an die Hocker gelehnt.

Ich war so gerührt, dass ich gleich einen Blogpost darüber verfassen musste, denn das mit dem Handstand will bei mir nicht mehr so recht klappen. Auch dann nicht, wenn ich Küchenhocker zu Hilfe nehme. 

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Nur eine kleine Erklärung. Bitte, bitte, bitte!

Es ärgert mich ja selber, dass es mich noch immer ärgert, aber es ist wohl das Los von uns Mehrfachmüttern, uns alle paar Jahre über den gleichen Mist zu ärgern. Da nimmst du dir fest vor, deinen Jüngsten nach den Herbstferien allmählich in die Selbständigkeit zu entlassen, instruierst die grossen Kinder in den Prinzchen-Abholdienst und schärfst dem Prinzchen auf dem Weg ein, dass er heute nach dem Kindergarten nicht auf dich warten muss, sondern auf Luise, die heute dran ist mit Abholen. Dann kommst zum Strassenübergang Primarschulhaus – Kindergarten und stellst fest, dass die mal wieder exakt auf das Ende der Herbstferien eine Baustelle so platziert haben, dass die kleinen Kindergärtner unmöglich die Strasse überqueren können, wie es der Verkehrspolizist vorgezeigt hat.

Ja, und dann kannst du einfach nicht anders, als dich zu ärgern. Weil es beileibe nicht das erste Mal ist, dass sie exakt zum Ende der Schulferien die Baumaschinen auffahren. Weil sie während der Herbstferien vor allem beim Oberstufenschulhaus gearbeitet haben, so dass die Teenager, die ja halbwegs eigenständig sind, jetzt ganz gefahrlos zu ihrem Schulhaus kommen. Weil sie noch immer nicht begriffen haben, dass kleine Kinder und grosse Baumaschinen nicht miteinander klarkommen und man deshalb wenn möglich die Schulferien dazu nutzen sollte, dort zu baggern, wo die Kleinen gewöhnlich vorbei müssen. Weil sie nicht einsehen wollen, dass man ein Kind unmöglich alleine gehen lassen kann, denn wie soll es auch sicher über die Strasse kommen, wenn der Zebrastreifen, auf den Fünfjährige nun mal fixiert sind, nicht begehbar ist. 

Ja, natürlich bin ich dankbar, dass die jetzt endlich etwas unternehmen, um die Strasse für Fussgänger sicherer zu machen. Aber warum, warum, warum, warum, warum müssen die immer exakt auf das Ferienende dort arbeiten, wo die Kleinsten durchmüssen? Wäre es denn so schwierig, andersrum zu planen, so dass bei den Grossen gearbeitet wird, wenn die Schule wieder anfängt?

Ich meine, vielleicht gibt es ja eine plausible Antwort auf diese Fragen. Eine Antwort, die eine aufgebrachte Glucke wie mich zufrieden stellen würde. Vielleicht gibt es ja wirklich einen Grund für dieses Vorgehen und wüsste ich den Grund, würde ich meine Klappe halten und den anderen Müttern, die sich beklagen, altklug erklären, dass es eben nicht anders geht, weil….

 Ja, weil? Sagt mir doch warum es nicht anders geht! Dann kann ich vielleicht endlich aufhören, mich aufzuregen.

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„Meiner“ kauft ein

„Meiner“ war auf einer Weiterbildung in Deutschland. Bevor er sich auf die Heimfahrt machte, rief er an, um zu fragen, ob er noch einkaufen solle. „Bring doch einfach ein paar Dinge, die man in der Schweiz nicht bekommt“, antwortete ich. Hier die Liste der Spezialitäten, die er mitgebracht hat:

  • 1 Kilo Paniermehl
  • 1 Kilo Kakao
  • Butterkekse, hierzulande besser bekannt unter dem Namen Petit Beurres
  • 1 Beutel grüne Oliven
  • Vanillinzucker
  • Backpulver
  • Aufbackbrötchen für heute Morgen
  • 1 Kilo Gnocchi
  • Eine Flasche Buntwaschmittel
  • 1 Liter Essigreiniger
  • Parkettreiniger
  • 2 Pack grüne Servietten
  • 3 Flaschen Pepsi Max (habe ich bestellt, weil mein Koffeinpegel gerade bedenklich tief stand, als „Meiner“ anrief)

Gut, er hat auch noch ein paar Dinge speziell für mich mitgebracht, darunter so alltägliche Dinge wie ein Kokosnuss-Brotaufstrich und zweifarbige Flämische Waffeln. Aber ich gehe mal lieber nicht ins Detail, sonst glaubt ihr noch, „Meiner“ würde mich nicht lieben. 

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Der Knopf

Bis anhin hat war es kein Problem, den Fernsehkonsum unserer Kinder in engen Grenzen zu halten, aber jetzt haben sie doch noch herausgefunden, dass man bloss auf den Knopf zu drücken braucht, um sich stundenlang Mist reinzuziehen. Natürlich lassen „Meiner“ und ich das nicht zu, aber es ist schwieriger geworden, es zu verhindern. Ja, sie beschränken sich noch auf die im Voraus aufgezeichneten Sendungen und Mietfilme. Gewöhnlich fragen sie auch brav, ehe sie die Glotze einschalten, aber eben nur noch gewöhnlich, nicht mehr immer. Und manchmal läuft da auch plötzlich eine weitere aufgezeichnete Sendung, wenn ich nicht rechtzeitig zugegen bin, um den Kindern die schwere Aufgabe abzunehmen, den Ausschalteknopf zu drücken. Klar, unsere Kinder sitzen noch immer deutlich weniger vor der Glotze, als der Durchschnitt, aber für meinen Geschmack wird es dennoch schon bald einmal zu viel. Vor allem, weil der Zoowärter mich seit Neuestem bittet, erst auszuschalten, wenn die Werbung vorbei ist, weil „Werbung einfach total cool ist“, wie er sagt. 

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