Rückeroberung

Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, wie sich in unserem Alltag die Anzeichen mehren, dass ich dabei bin, mein überhöhtes Lebenstempo endlich zu drosseln. Ein gutes Gefühl, hasse ich es doch, wenn ich nur noch auf das, was sich mir in den Weg stellt, reagieren kann, anstatt zu bestimmen, was wann drankommt. Nun ja, mit fünf Kindern sind die Tage, die so ablaufen, wie ich sie in den frühen Morgenstunden plane, äusserst selten, aber zumindest möchte ich halbwegs das Gefühl haben, dass ich den Überblick behalten kann über das, was getan werden muss. Mir scheint, dass ich diesem Zustand wieder näher bin als auch schon. Und je näher ich diesem Zustand komme, umso mehr muss ich der beunruhigenden Tatsache ins Auge sehen, dass ich sehr weit davon entfernt war, mein Leben nur halbwegs im Griff zu haben.

Wie, ihr möchtet gerne Beispiele hören, weil mein Geschreibsel etwas abgehoben und theoretisch daherkommt? Nun gut, dann werden wir eben ganz praktisch: Im Badezimmer türmt sich ein Wäscheberg, der so langsam zu müffeln beginnt. „Meiner“, der mir in den Monaten, die ich im schwarzen Loch verbracht habe, tatkräftig unter die Arme gegriffen hat, ignoriert den Berg seit Tagen. Nicht, weil er findet, das sei jetzt wieder mein Job, sondern ganz einfach, weil er nun dran ist mit „mir wächst das alles über den Kopf“. Also muss ich ran. Mein erster Gedanke, als ich den Wäscheberg unter die Lupe nehme: „Das schaffe ich nicht!“ Ein Gedanke, der mir im schwarzen Loch zum Motto des Tages geworden war. Aber weil ich weiss, dass ich muss, mache ich mich dran, die Wäsche zu sortieren, etwas, was „Meiner“ übrigens nie tut, was mir ganz schrecklich auf die Nerven fällt. Doch wer nicht wäscht, soll nicht motzen, also habe ich es mir abgewöhnt, ihm deswegen in den Ohren zu liegen. Jetzt aber bin, wie bereits zweimal erwähnt, ich dran (Ihr seht, ich bin inzwischen soweit, dass ich Applaus erwarte für die banalste aller Hausarbeiten.) und so wird die Wäsche wieder nach Farben sortiert, der blaue Berg landet in der einen Waschmaschine, der rote in der anderen, der Grüne und der Graubraunschwarzhässlichemikrofaserlappenberg warten brav vor den Waschmaschinen, bis sie an die Reihe kommen. Wenige Stunden später ist der ganze Wäscheberg verschwunden, es duftet überall nach frisch gewaschener Wäsche, die Kinder helfen beim Aufhängen und ich habe gar die grandiose Idee, einen zusätzlichen Wäscheständer aus dem Keller zu holen, damit wir nicht immer alles über Stuhllehnen und Salontischchen zum Trocknen ausbreiten müssen.

So einfach war das und ich klopfe mir voller Stolz auf die Schulter, weil ich das einfach so nebenbei geschafft habe. Wenn ihr jetzt denkt, dass ich vollkommen übergeschnappt bin, weil ich euch mit derart alltäglichem Mist belästige, dem muss ich leider sagen, dass genau dies für mich nicht mehr alltäglich war. Genauso wenig wie die Küche nach dem Essen wieder in einen halbwegs anständigen Zustand zu bringen, die Grünabfälle zu entsorgen, bevor sie zu leben beginnen und sich von alleine aus dem Staub machen oder diesen lästigen Fleck Vanillepudding im Kühlschrank wegzuwischen. Das Verrückte daran ist, dass ich jedesmal, wenn ich mir wieder einen kleinen Flecken Haushalt zurückerobert habe – nicht, dass ich im Sinne hätte, hier jemals wieder die Alleinherrschaft an mich zu reissen – , das Gefühl habe, ich hätte unglaublich Grosses geleistet. Das, was zum Familienleben einfach so dazugehören würde, erschien mir über Monate so unüberwindbar, dass ich jetzt, wo ich wieder den Mut aufbringen kann, mich der Dinge anzunehmen, so etwas wie Stolz empfinde, wenn ich es geschafft habe, die Arbeit zu Ende zu bringen. Es ist nicht sosehr die erledigte Arbeit, die mich mit Stolz erfuellt, sondern die Tatsache, dass ich es geschafft habe, mir den Ruck zu geben, dass ich die Energie aufgebracht habe, etwas zu tun, was getan werden muss. Ich weiss, das klingt ziemlich durchgedreht, aber so ist das nun mal, wenn eine Hausfrau, die ohnehin nicht mit allzu vielen praktischen Talenten ausgestattet ist, sich aus dem schwarzen Loch zurück in den Alltag kämpfen muss.

Ach ja, und falls sich jemand darüber aufregt, dass ich von zwei Waschmaschinen schreibe, der kann sich beruhigen: Nur eine davon gehört uns, die andere gehört zur Grundausstattung des Hauses und wird nur dann in Betrieb genommen, wenn der Wäscheberg sich langsam aber sicher der Zimmerdecke nähert. 

 

Bremsweg

Es sind die ganz banalen Alltagsdinge, die dir bewusst machen, dass das Lebenstempo langsam wieder etwas erträglicher wird. Ein paar Beispiele gefällig? 

Nun, da wäre zum Beispiel die Mailbox, die nicht mehr so voll ist, weil du endlich mal wieder die Zeit gefunden hast, all die unerwünschten Werbemails zu stoppen. Oder die Tatsache, dass du den Lohn der Putzfrau endlich wieder pünktlich bezahlen kannst, weil du wieder die Zeit findest, dich fünf Minuten hinzusetzen, um den Betrag und die Sozialabzüge auszurechnen. Ach ja, dabei ist es übrigens auch ganz nützlich, zwei volle Druckerpatronen im Drucker zu haben, damit du die Lohnabrechnung ausdrucken kannst. Und siehe da: Es hat Tinte im Drucker. Zum ersten Mal seit etwa drei Monaten wieder. Auch so ein Anzeichen, dass es wieder besser wird, sind die Rechnungen. Wenn die Mahnungen seltener werden, weil du endlich wieder so viel Ordnung halten kannst, dass nicht ständig Einzahlungsscheine verloren gehen, dann weisst du, dass du den Alltag so langsam aber sicher wieder im Griff hast. Natürlich ist es auch beruhigend, dass du den Kühlschrank wieder füllen kannst, ohne auf das ganz praktische, aber sehr abfallintensive Online-Shopping zurückgreifen zu müssen. Schliesslich ist es auch ganz nett, dass du für WC-Papier, Küchenrollen, Paketschnur und Briefmarken einfach nur in den nächsten Schrank greifen kannst und nicht mehr nahezu panisch kurz vor Ladenschluss in die Migros hetzen musst und dabei Kinderwagen überfährst , bloss weil du mal wieder keine Zeit hattest, ans Naheliegendste zu denken. Und das untrüglichste aller Zeichen, dass das Leben wieder etwas beschaulicher wird: Der Terminkalender füllt sich wieder mit Terminen, auf die du dich freust – Gäste, Ausflüge, eine Freundin zum Kaffee, Sommerferien, freie Abende. 

Nun ja, es gibt da natürlich auch noch vereinzelte Anzeichen, die darauf schliessen lassen, dass das Tempo durchaus noch mehr gedrosselt werden sollte. Vergessene Arzttermine zum Beispiel, oder die Tatsache, dass wir schon wieder keine Abfallsäcke mehr im Haus haben, oder das Problem der Wäsche, die inzwischen zwar wieder regelmässig gewaschen wird, die aber den Weg in die Schränke noch immer nicht von selbst findet. Aber davon solltest du dich nicht allzu sehr verunsichern lassen. Der Bremsweg ist nun mal länger, je schneller man unterwegs war.

 

Das Prinzchen im Interview

Sag‘ mal, Prinzchen, wie findest du es eigentlich, dass deine Mama fast jeden Morgen zur Arbeit geht?

Das ist jeden Tag ein wenig anders. Am Donnerstag zum Beispiel, da finde ich das völlig okay, denn dann nimmt sie mich mit und liefert mich in der Krippe ab. 

Und an den anderen Tagen?

Na ja, das kommt darauf an, ob der Zoowärter schon wach ist, wenn ich aus dem Bett komme. Schläft er noch und die Mama geht weg, dann finde ich das ganz schrecklich. Ist er schon wach und so gut aufgelegt, dass er bereit ist, bei jedem Mist, den ich mir ausdenke, mitzumachen, bin ich ganz froh, wenn die Mama endlich geht und uns mit dem Au Pair alleine lässt. Au Pairs sind im Allgemeinen weniger streng als Mamas und deshalb kann man ihnen viel besser auf der Nase herumtanzen.

Vorhin hast du erwähnt, dass du es an manchen Tagen ganz schrecklich findest, dass die Mama geht. Was tust du denn, um sie zurückzuhalten?

Zuerst einmal stelle ich mich ihr in den Weg und jammere, dass ich auch mitgehen will. Geht sie darauf nicht ein, klammere ich mich an ihrem Bein fest. Gelingt es ihr, mich sanft von ihrem Bein zu lösen – abschütteln würde sie mich nie – renne ich ihr hinterher und heule was das Zeug hält. Meist kommt sie dann noch einmal zurück und umarmt mich, doch dann geht sie trotzdem ohne mich. Meist allerdings erst, nachdem das Au Pair ihr gesagt hat, sie solle gehen, ich würde mich dann schon wieder beruhigen. Ich glaube, wenn das Au Pair nicht wäre, hätte die Mama aus lauter Mitleid mit mir ihren Job schon längst wieder geschmissen.

Was tust du denn in der Zeit, in der die Mama nicht zu Hause ist?

Nun, das ist ganz unterschiedlich. Meistens versuche ich, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich teste, wie leicht sich die Tasten aus dem Klavier reissen lassen, probiere aus, wie sich blaue Kreide auf braunem Holzboden macht oder schmeisse Blumentöpfe vom Balkon, um herauszufinden, was mit ihnen geschieht, wenn sie landen.

Ich bin mir sicher, dass deine Mama unglaublich stolz auf ihren kleinen Jungen ist, der schon so viel mit seiner Zeit anzufangen weiss.

Tja, meine Mama sieht das leider etwas anders als du. Gewöhnlich ist sie nicht gerade erfreut über meine Leistungen. Noch schlimmer ist übrigens der Papa. Der liegt mir drei Wochen nach dem Vorfall mit dem Klavier noch immer mit seinem Gejammer in den Ohren, er sei sehr traurig, dass das Instrument nicht mehr alle Tasten hat. Also ich merke ja keinen Unterschied beim Klavierspielen, für mich lässt sich genau gleich herrlich in die Tasten hauen wie vorher. 

Zurück zu deiner Mama: Ich habe gehört, du hättest dir einen neuen Trick einfallen lassen, um ihr schlechtes Gewissen, dass sie morgens jeweils zur Arbeit geht, noch etwas zu verstärken…

Davon hast du schon gehört? Die Gerüchte verbreiten sich aber schnell hierzulande. Nun, mein Trick ist eigentlich ganz simpel: Ich lege mich abends wie gewohnt schlafen und beginne irgendwann leise zu wimmern. Irgendwann steigere ich das Wimmern zu einem lauten Weinen und dann, wenn Mama und Papa angerannt kommen, heule ich unablässig „Ich will auch mit!“. Um dem Ganzen etwas mehr Dramatik zu verleihen, mache ich das alles im Halbschlaf, so dass Mama und Papa spüren, dass mein Schmerz aus tiefster Seele kommt. 

Und, wie wirkt das auf deine Mama?

Sensationell! Als ich wieder in den Schlaf zurückdriften wollte, hörte ich, wie die Mama zum Papa gesagt hat, ich würde wohl sehr leiden darunter, dass sie viermal die Woche morgens zur Arbeit geht. Was sie zwar gehört hat, aber ihrem Gewissen nicht weitergeleitet hat: Dass ich im Halbschlaf noch gemurmelt habe, ich möchte mit dem Papa mitgehen. Grundsätzlich habe  ich nämlich gar kein Problem damit, dass sie zur Arbeit geht. Hin und wieder heule ich zwar, aber ich weiss ja auch, dass sie jeweils bald wieder zurückkommt und mich dann noch mehr hätschelt als gewöhnlich. Aber ich glaube, sie hat ein Problem damit, mich zurückzulassen und darum reichen ein paar Tränen von mir aus, um sie wieder in tiefste Zweifel zu stürzen, ob sie mir das zumuten kann. 

Wiedermal Dienstag

Kann mir mal jemand sagen, wie man all dies und noch viel mehr in einen ganz gewöhnlichen Dienstag pressen kann:

– Einen sehr schlecht gelaunten Zoowärter davon überzeugen, dass es in der Spielgruppe schön ist und dass er deswegen rechtzeitig dort sein muss.

– Dem Zoowärter das Nuschi aus Mund und Nasenlöchern entwinden, damit man das Ding mal wieder kochen kann, weil so viele Bakterien ganz bestimmt nicht gesund sein können.

– Eine geschlagene Stunde mit Luise in Trimbach herumirren, ohne die Psychomotorik-Therapeutin zu finden, dazu abwechselnd auf mühsame Autofahrer schimpfen, sich bei Luise entschuldigen, sich rechtfertigen, weshalb man sich dennoch kein Navi anschaffen will und sich selbst mit Vorwürfen eindecken, weil man die mieseste Versagermama auf dem Planeten  ist. Liebe Trimbacher, bitte nehmt es mir nicht übel, aber so schnell komme ich nicht wieder zu euch.

– Den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abholen und dabei den zwei Frauen, die das Pech haben,  dir über den Weg zu laufen, den Kopf voll jammern, weil das Leben im Schwarzen Loch mal wieder nahezu unerträglich ist.

– Dem Au Pair zeigen, wie man Pesto macht, herausfinden, was „Bärlauch“ auf Englisch heisst und gleichzeitig das Geheul des Zoowärters ausblenden, der noch immer beleidigt ist, dass sein Nuschi gekocht worden ist.

– Karlsson dazu überreden, dass er zum Mittagstisch geht, auch wenn sein bester Freund heute nicht dort isst.

– Erde aufwischen, Milch aufwischen, Nudeln aufwischen, Wasser aufwischen, noch einmal Erde und dann auch noch Sand.

– Zwei Kinder baden und danach, wenn die zwei das Bad verlassen haben, sechs leere  Shampooflaschen aus der Badewanne fischen.

– 65 Minuten Mittagsschlaf  halten, dabei verpennen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat zu seinem Freund geht und erst wieder richtig wach werden, als Luise an der Tür klingelt. Weshalb sie geklingelt hat? Weil sie vor der Haustüre noch kurz ihren Magen hat entleeren müssen und jetzt zu schwach ist, alleine die Treppe hochzukommen. Ach ja, aufwischen musste man das Ganze natürlich auch noch.

– Mit Kindern und Au Pair in der Vorfreude auf die Ferien im Greyerzerland schwelgen. Nur noch viermal schlafen…

– Büchernachschub bestellen, weil Karlsson nichts mehr zum Lesen hat.

– Ohne Hörschaden aushalten, dass Karlsson und Luise gleichzeitig am Küchentisch musizieren. Er auf der Geige Vivaldis Konzert in G-Dur, sie auf der Querflöte „Hafer und Korn“  oder so ähnlich. Und im Hintergrund summt der Zoowärter mit.

– Ein epochaler  Streit mit Karlsson, der darin endet, dass er ein Glas zerschmettert und ich trotz Halsschmerzen versuche, herumzubrüllen und mich damit vollkommen lächerlich mache. Als Nebeneffekt kommt das Prinzchen, das schon selig geschlafen hatte, quietschfidel aus dem Bett und verlängert den fröhlichen Kindertag um zwei Stunden.

– Ein Vollbad zum Feierabend.

– Keine Minute am Arbeitsplatz verbringen und nur dreimal telefonieren. Ein neuer Rekord auf meinem Weg der besseren Trennung von Privat- und Berufsleben.

– Nur einmal die Online-News checken, um zu lesen, wie viel verseuchtes Wasser wieder geflossen ist. Auch dies ein neuer Rekord, der allerdings damit zusammenhängen könnte, dass Fukushima in den Medien bereits wieder Geschichte ist und man deshalb kaum mehr Neues liest.

– Drei Minuten lang den Frühling geniessen. Immerhin hat die Zeit gereicht, um festzustellen, dass die Tulpen zu blühen beginnen und dass trotz Bienensterben die eine oder andere Biene sich zu unseren Pfirsichbäumchen verirrt.

Ruhigere Zeiten?

Seit Anfang Jahr habe ich in ziemlich hohem Tempo gelebt. Zu hoch, wie ich mir bei der heutigen Bestandesaufnahme in professioneller Begleitung eingestehen musste. Mir scheint aber, dass ich so ganz allmählich meinen Fuss wieder vom Gaspedal nehmen kann. Zwar sehe ich noch nicht allzu viel Freizeitgewinn, dafür aber häufen sich die Anzeichen für ruhigere Zeiten im Verhalten meiner Familienmitglieder. Die untrüglichen Zeichen, dass Mama Venditti so langsam aber sicher wieder auf ein erträgliches Lebenstempo kommt sind:

– Der Zoowärter will keinen Moment mehr ohne Mama sein. Solange ich nicht abkömmlich war, hat er sich zurückgehalten, aber jetzt, wo er spürt, dass wieder mehr Freiraum da ist, bricht das ganze Elend aus ihm heraus. Bin ich bei ihm, klammert er sich an mich, bin ich beschäftigt, liegt er wimmernd auf dem Sofa und mir zerreisst es beinahe das Herz, weil mir erst jetzt dämmert, wie sehr das Kind unter dem ganzen Stress gelitten hat.

– „Meiner“ lässt hin und wieder verlauten, dass er ziemlich müde ist. Solange  meine Tage bis obenhin mit Arbeit angefüllt waren, blieb er stark, aber jetzt kommt ans Licht, dass auch er ziemlich schwer an meiner Überlast getragen hat. Nun, immerhin kann er sich heute mal einen Sauna-Abend gönnen. Um die geleistete Überzeit zu kompensieren, sozusagen.

– Luise verbietet mir, vom Tisch aufzustehen, um mir mein eigenes Essen zu schöpfen. „Bleib jetzt mal sitzen, Mama. Du siehst ja völlig geschafft aus“, ermahnt sie mich bei jeder Gelegenheit. Und ich denke, dass ich solche Sätze eigentlich erst im Altersheim zu hören bekommen sollte.

– Das Prinzchen ruft nachts wieder nach Mama und nicht nur nach Papa, wenn er einen Schoppen will. Beim ersten Mal fragte er mich zwar: „Chasch du Schoppe mache, Mami?“ was soviel heissen soll wie „Bist du überhaupt fähig, mir ein Fläschchen zu  machen?“, aber inzwischen traut er mir das wieder voll und ganz zu. Und so kommt es, dass „Meiner“ hin und wieder eine ganze Nacht lang ungestört durchschlafen kann.

– Karlsson traut sich wieder, sich vorpubertär aufzuführen. Nicht allzu heftig, aber immerhin so, dass ich mich hin und wieder an die Zeiten erinnert fühle, als der heutzutage so nette und angepasste Junge noch ziemlich klein und ziemlich störrisch war.

– Der FeuerwehrRitterRömerPirat lädt wieder Freunde ein. Nun gut, das hätte er auch gerne getan, als mir die Arbeit bis zum Halse stand, aber da konnte er nicht, weil ich immer schon eingeschlafen war, bevor er Zeit gehabt hatte, mich nach der Telefonnummer seiner Freunde zu fragen.

Es zeichnet sich also ganz deutlich ab, dass jetzt, wo es beruflich wieder etwas ruhiger werden sollte, zu Hause ein paar Herausforderungen auf mich zukommen. Ist ja auch gut so, denn sonst würde ich noch auf die Idee kommen, mich um mich selbst zu kümmern und dann würde ich feststellen dass ich a) ganz dringend mal zum Coiffeur gehen müsste, weil meine grauen Haare in alle Himmelsrichtungen abstehen, dass ich b) mal wieder schlafen sollte und dass ich c) mich hin und wieder ein wenig bewegen könnte. Und das alles kann nun wirklich noch eine Weile warten.

 

 

Bad Mummy

Es ist die klassische Filmszene, wenn man ohne weit auszuholen darstellen will, dass Mama eine elende Egoistin, das Kind ein armer, vernachlässigter Tropf ist: Das Kind hat einen wichtigen Auftritt – zum Beispiel als Strohballen im Krippenspiel – und die Mama hat nichts Besseres zu tun, als schwarzbestrumpft und hochhackig in irgend einem Meeting zu sitzen. Vor lauter Angst, dass die Mama es auch diesmal nicht zum grossen Auftritt schaffen wird, ist das Kind den Tränen nahe, aber weil Mama in letzter Sekunde eine himmlische Stimme vernimmt, die ihr sagt, dass dies die einzige Gelegenheit ihres Lebens ist, ihr Kind als Strohballen verkleidet zu sehen, rennt sie aus dem Meeting, lässt Boss und böse Konkurrentin sitzen und schafft es gerade noch im letzten Augenblick, zu sehen, wie der Strohballen vom Esel – im Kostüm steckt das lästige Nachbarskind – verzehrt wird. Von dem Moment an ist Mama ein neuer Mensch und verspricht ihrem Kind, es nie mehr wegen eines Meetings warten zu lassen, sondern es in Zukunft zu jeder Sitzung mitzunehmen.

So ist das in Hollywood und ich selber musste leider schon sehr früh erkennen, dass die Geschichte in der Realität anders ausgeht. In meiner Realität war das so, dass meine Mama sich alle Mühe gab, rechtzeitig zum grossen Auftritt zu kommen, dass dann aber im letzen Moment ein Schaf durchbrannte oder die Konfitüre überkochte oder eine lästige Bekannte sich nicht abschütteln lassen wollte und dann war sie eben spät dran. Und dann geschah es eben, dass sie exakt in dem Moment, als ich das letzte Wort des auswendig gelernten Gedichts – „Dunkel war alles und Nacht, in der Erde tief die Zwiebel schlief, die Braune…“ – gesagt hatte, atemlos zur Tür hereinkam und nur noch das enttäuschte Gesicht ihrer Tochter sehen konnte. Fürchterlich, nicht wahr? Meine arme Mama muss sich schreckliche Vorwürfe gemacht haben.

Woher ich das weiss? Nun, inzwischen bin ich selber eine Mama und zwar eine, die nicht wegen entlaufener Schafe oder überkochender Konfitüre den Auftritt ihres Sohnes verpasst, sondern einfach nur deshalb, weil sie einen Termin zugesagt hat, ohne zu wissen, dass an genau diesem Abend Schülerkonzert sein würde. Gut, eigentlich wären die beiden Termine ja ganz glatt aneinander vorbeigegangen, denn das Konzert begann um sieben, der Termin war um acht. Aber wer schon mal bei einem Schülerkonzert gewesen ist, der weiss, dass allein der Applaus nach jeder Ansage – kann mir mal einer verraten, weshalb man nach einer Ansage applaudiert? – eine halbe Stunde füllt. Wenn also Mama eine knappe Stunde Zeit hat, Karlssons Auftritt aber auf Position 11 im Konzertprogramm steht, dann ist klar, dass es unmöglich ist, dass Mama dabei sein wird, wenn Karlsson spielt.

Menschen, die keine Kinder haben, mögen nun denken, es sei doch nicht so schlimm, einen Auftritt am Schülerkonzert zu verpassen. Sind ja nicht die Berliner Philharmoniker, die da auftreten. Nein, sind es nicht, aber es ist Karlsson, der mich gestern ganz aufgeregt daran erinnert hatte, heute sei dann „der grosse Abend“. Es ist Karlsson, der zum ersten Mal gemeinsam mit viel grösseren Schülern auftreten darf. Es ist Karlsson, der miterleben muss, dass seine Mama zwar noch den Auftritt des FeuerwehrRitterRömerPiraten mitbekommt, bei seinem aber schon längst wieder abgerauscht ist, weil sie dummerweise schon wieder beruflich eingespannt ist. Ich weiss, wie elend sich Karlsson fühlt. Genau so elend, wie ich mich damals gefühlt hatte, als meine Mama nicht dabei war, als ich das Gedicht von der Tulpenzwiebel aufsagte.

Was Karlsson jetzt noch nicht weiss, vielleicht aber später einmal wissen wird: Für die Mama oder den Papa ist so eine Situation genauso schlimm wie für das Kind. Denn Mamas und Papas wollen nichts lieber als dabei sein, wenn ihr Kind auf der Bühne steht. Weil sie wissen, wie wichtig so eine Sache für ihr Kind ist. Weil sie jeden Moment lang mit ihrem Kind mitfiebern wollen. Weil sie heulen könnten vor lauter Rührung, dass ihr kleines grosses Kind schon so viel kann. Und weil sie nach dem Auftritt aufrichtig sagen wollen: „Du warst der Beste!“ und nicht „Ich bin sicher, dass du der Beste warst, aber leider habe ich das nicht mehr mitgekriegt, weil ich schon wieder woanders war, als du endlich dran warst.“

Mayonnaise-Tag

Schon der erste Satz heute Morgen hätte mich vorwarnen müssen: „Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat gekotzt und ich kann es nicht aufwischen, weil ich selber gleich kotzen muss“, sagte „Meiner“, als er morgens um sieben kreidebleich ins Schlafzimmer kam, wo ich noch selig schlummerte. Nun sagt bitte nicht, das sei typisch Mann. Bei uns ist es nämlich gewöhnlich umgekehrt. Während er ohne mit der Wimper zu zucken Erbrochenes aufwischt, würge ich jedes Mal, wenn ich gezwungen bin, die Sache selber zu erledigen. Wenn also er nicht konnte, war klar, dass heute ein besonders schlechter Tag werden würde.

Optimistisch, wie ich nun mal bin, liess ich mir die Laune darob noch nicht verderben. Nun ja, offen gestanden ist meine Laune momentan ohnehin ziemlich schlecht, also konnte sie sich auch durch einen Magen-Darm-Käfer nicht erheblich verschlechtern. Ich ging also nach oben, um die Lage zu inspizieren. Was ich sah, war nicht gerade ermutigend. Wie das Bett des FeuerwehrRitterRömerPiraten aussah, brauche ich euch nicht zu beschreiben. Ihr wisst ja, wie sowas aussieht. Im Zimmer nebenan fand ich das Übliche vor: Eine morgenmuffelige Luise, die aber immerhin gesund war. Der Zoowärter sah zwar halbwegs gesund aus, klagte aber über Bauchschmerzen. Also nicht fit für die Spielgruppe. Dass auch Karlsson heute zu Hause bleiben würde, war mir sofort klar, als er mich mit fieberglänzenden Augen traurig ansah und meinte, ihm sie hundeelend. Das Prinzchen wirkte zwar fit, aber zu Hause bleiben würde er ohnehin, denn er geht ja noch nicht zur Schule.

Wieder unten machte ich eine kurze Bestandesaufnahme: Eine gesunde Tochter, drei kranke oder halbkranke Söhne, ein quirliges Prinzchen, ein kranker Ehemann und eine ziemlich schlecht gelaunte und nur halbwegs gesunde Mama. Das konnte ja heiter werden. Nachdem alle fürs Erste versorgt waren, hatte ich meine erste grosse Hürde zu überwinden, nämlich „Meinen“ davon zu überzeugen, dass er so nicht in die Schule gehen konnte. „Aber ich habe kein Material vorbereitet. Ich kann doch nicht zu Hause bleiben“, wehrte sich der pflichtbewusste Herr Lehrer. Ich liess ihn wissen, dass seine Kollegen allesamt bestens ausgebildete Fachpersonen sind, die genau wissen, was zu tun ist, wenn ein Teammitglied krank ist. Ausserdem erinnerte ich ihn daran, dass die Eltern seiner Schüler wohl nicht besonders erfreut sein würden, wenn er den Magen-Darm-Käfer an sämtliche Kinder weitergeben würde. Schliesslich griff er dann doch zum Telefon, meldete sich in der Schule ab, zog sich auf das Sofa zurück und dämmerte weg. Gut, einer war versorgt. Blieben noch fünf.

Fragt mich nicht, wie ich zu diesem Punkt kam, aber irgendwann, nachdem Luise in die Schule gegangen war, ich alle anderen mit dem Nötigsten versorgt und mich selber für die Arbeit bereit gemacht hatte, platze mir der Kragen und ich brüllte laut vernehmlich:“ Ich schaff das alles nicht!“ Aber wenn man Mama ist, schafft man fast alles, auch wenn man längst nicht mehr daran glaubt. Man schafft es, doch noch pünktlich zur Arbeit zu kommen. Man reisst sich zusammen, wenn bei der Arbeit so viel läuft, dass man gar nicht erst dazu kommt, die Arbeit zu erledigen, die man eigentlich für den Vormittag geplant hatte. Man beisst auf die Zähne, wenn man keine Zeit fürs Mittagessen hat. Man erledigt dies und jenes und plant, was man abends, wenn alle Patienten im Bett sein werden, noch nachholen wird. Gute zwei Stunden später als geplant kommt man nach Hause, wo man zuerst mal das ganze Chaos beseitigt und schaut, dass jeder das Nötigste bekommt. Als Mama weiss man, wie man sich zusammenreisst.

Schwach werden darf man erst, wenn alles, was dringend getan werden muss, getan ist. Dann erst ist Zeit für das, was einen an solchen Tagen wieder aufstellt: Ein Essen, dass man nur im Verborgenen essen darf, weil man den Kindern sonst ein schlechtes Vorbild abgibt, nämlich Pasta, Mayonnaise und viel Käse. Und der Gesundheit zuliebe zum Dessert noch ein paar Rosinen. Mit Schokolade überzogen, versteht sich.

Freizeit

Was machen wir da bloss? Da hat man mir doch für morgen und übermorgen ein absolutes Büroverbot verhängt. Zudem sind fast alle Pendenzen abgearbeitet. Zumindest diejenigen, die ich auf keinen Fall in die neue Woche mitschleppen will. Und die zwei oder drei Dinge, die unbedingt noch erledigt sein wollen – Arbeitszeugnis für unser ehemaliges Au Pair schreiben, ein paar Rechnungen bezahlen, den Lohn für die Putzfrau ausrechnen – dürften kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Im Terminkalender herrscht bis Montag gähnende Leere. Und Luise, die am Nachmittag noch keinen Schluck Wasser behalten konnte, hüpfte am Abend schon wieder quietschfidel durch die Wohnung. Also auch kein Erbrochenes, das aufgeputzt werden muss.

Beängstigend, nicht wahr? Freiräume, die gefüllt werden wollen mit Ausschlafen, Nachdenken, Familienleben, Gottesdienstbesuch und ausgiebiger Zeitungslektüre. Ob das wirklich gut kommt? Immerhin sind das geschlagene 48 Stunden ohne Gehetze, ohne das Gefühl, man hätte alles eigentlich schon gestern gemacht haben müssen. 48 Stunden in denen das Leben eine Verschnaufpause einlegen will und weit und breit kein Termin in Sicht, der es an dem Vorhaben hindern will.

Ob ich für morgen noch einen Coiffeurtermin bekomme? Ich meine, 48 Stunden lang nur tun, was einem Spass macht ist bestimmt gefährlich und da wären zwei qualvolle Stunden mit waschen, färben, föhnen und schneiden genau richtig, um zu verhindern, dass ich auf die Idee komme, die freie Zeit einfach so zu geniessen.

Das geht schon

Manchmal zweifelt man ja ernsthaft daran, ob man es schaffen wird, noch müder zu werden. Aber glaubt mir, man muss das nur wollen und sich dazu noch genügend anstrengen, dann schafft man das schon.

Frau, Kind und Job

Ist frau kinderlos und vollzeitlich berufstätig, dann kommt irgendwann der Tag, an dem sie glaubt, gestresst zu sein. „Vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer nur Arbeit“, seufzt sie „und wenn man abends nach Hause kommt, sollte man auch noch haushalten. Ich glaube, ich werde schwanger, schmeisse meinen Job und geniesse das Glück im trauten Heim.“

Also bekommt frau ein Kind, gibt sich voll und ganz der neuen Aufgabe hin, stillt, so lange sie kann, kocht Bio-Brei, steht nachts zehn mal auf, geht täglich an die frische Luft, hält die Wohnung blitzsauber, damit auch ja keine verschluckbaren Kleinteile in der Wohnung herumliegen, die das Leben des Krabbelkindes gefährden. Rund um die Uhr ist sie im Einsatz und eines Tages, vielleicht schon beim ersten Kind, vielleicht aber auch erst beim Dritten, dämmert ihr, dass sie früher, als sie noch berufstätig war, keine Ahnung davon hatte, was Stress ist. „Wie war ich doch naiv damals“, schimpft sie mit sich selber. „Ich glaubte, gestresst zu sein, dabei war damals alles noch so schön überschaubar. Ich glaube, ich suche mir einen Job. Damit ich hin und wieder ein wenig entspannen kann.“

Wenn frau Glück hat, findet sie tatsächlich einen Job. Wenn sie noch mehr Glück hat, findet sie auch noch einen Krippenplatz dazu. Und wenn sie sehr viel Glück hat, dann hat sie einen Mann, der sein Pensum reduzieren kann, so dass sie ihr sauer verdientes Geld nicht gleich wieder in der Krippe abliefern muss. Frau hat jetzt also beides, ihr geregeltes Leben als Berufstätige mit fixem Einkommen, bezahlten Ferien und geregelten Arbeitszeiten und ihr Leben als Mutter mit fröhlichen Bastelnachmittagen, Ausflügen in den Zoo und gemütlichen Kaffeerunden mit anderen Müttern. So zumindest hat sich das frau vorgestellt, als sie wieder berufstätig geworden ist: Von beiden Welten das Beste. Das perfekte Leben also.

Woran frau nicht gedacht hat: Kinder halten sich selten an geregelte Arbeitszeiten. Ihnen wird nicht erst dann übel, wenn Mamas Sitzung vorbei ist. Chefs nehmen wenig Rücksicht auf Stundenpläne. Sie verschieben die Sitzung nicht, weil das Kind im Kindergartentheater einen Auftritt als Wal hat. Sie hat also nicht nur von beiden Welten das Beste, sondern auch von beiden Welten den Stress. Und endlich begreift frau, dass zwischen 25 und 55 – die Zahlen können je nach Lebensentwurf variieren- ein Leben ohne Stress bloss ein schöner Traum bleiben wird.