So macht man das also….

Also, es ist so: Der (sic!) Angst ist eine Frau mit so Krallen und der kommt auf einen zu und wenn man will, dass der Angst weggeht, muss man kämpfen und zwar mit einem Legostein und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, dann muss man beten und wenn der Angst immer noch nicht weggeht, muss man mit einem Römerschwert gegen ihn kämpfen so zack! und wusch! und wenn der Angst immer noch da ist, dann muss man sagen: „Angst, geh weg, du blöde Frau!“ und dann hat man endlich Ruhe.

Warum bloss erfahre ich solche Sachen erst jetzt, im reifen Alter von fünfunddreissig Jahren? Vor dreissig Jahren, als mein Bett noch Nacht für Nacht von Krokodilen umzingelt war, als am Fussende des Bettes riesige schwarze Schlangen lagen und vor dem Fenster böse Riesen mit Säbeln lauerten, da hätte ich diese Strategie besser gebrauchen können. Aber damals hatte ich eben noch keinen Zoowärter, der mich über die wichtigen Dinge im Leben aufklärt….

Schöne Ferien, Karlsson!

Karlsson ist heute verreist. Alleine, ohne Mama, Papa und Geschwister, ohne David, den Stoffeisbären, oder zumindest fast ohne David, aber das ist eine andere Geschichte, eine ganz private, die unter Vendittis bleibt. Zum ersten Mal in den fast zehn Jahren seines Lebens ist Karlsson ohne uns, sind wir ohne Karlsson. Zum ersten Mal muss die Glucke in mir darauf verzichten, stets zu wissen, wo ihr Küken ist, was es gerade tut und ob es ihm gut geht. Zum ersten Mal darf die Freiheitsliebende in mir ein wenig aufatmen, sich ausmalen, wie die Sommer werden, wenn alle Kinder gross genug sind, ins Ferienlager zu fahren. Ich kann euch versichern: Diese zwei können sich ganz schön in die Haare geraten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, wie eben zum Beispiel heute. Das sieht dann etwa folgendermassen aus:

Glucke: „Karlsson, hast du auch ganz bestimmt alles eingepackt? Und bist du sicher, dass du alleine zurechtkommen wirst? Du wirst sehen, sechs Tage sind schnell vorbei und dann darfst du auch schon wieder nach Hause kommen….“

Die Freiheitsliebende unterbricht die Glucke: „Jetzt hab‘ dich doch nicht so! Der Junge kommt schon ein paar Tage ohne dich zurecht. Stell dir vor wie schön das wird: Einer weniger, der streitet, einer weniger, der den ganzen Tag für Radau sorgt. Und es dauert gar nicht mehr so lange, bis alle Kinder im Sommer ins Lager gehen können….“

Die Glucke, ziemlich schrill:Alle Kinder? Bist du wahnsinnig geworden. Es ist schlimm genug, dass Karlsson jetzt schon ohne uns verreist! Du weisst ja, was in einem solchen Ferienlager alles passieren kann.“

Die Freiheitsliebende, träumerisch: „Oh ja, ich erinnere mich…. Ganze Nächte durchquatschen, den Leitern Streiche spielen, vielleicht zum ersten Mal verliebt sein, … nun ja, dafür ist Karlsson vielleicht noch etwas zu jung, aber vielleicht eine Brieffreundschaft mit einem netten Mädchen, das gerne mit stillen, nachdenklichen Jungs befreundet ist,…. ach, war das schön, als man noch so jung und unbeschwert war!“

Die Glucke, zurechtweisend: „Wenn ich an Ferienlager denke, kommen mir eher andere Dinge in den Sinn. Bienenstiche zum Beispiel, oder verstauchte Fussgelenke, Heimweh, Tränen, weil man ausgeschlossen wird, schlechtes Essen, oder, schlimmer noch, zu wenig essen…. Ach ja, ich muss unbedingt gleich heute Abend noch ein Fresspaket für Karlsson zurechtmachen, damit ich es morgen früh auf die Post bringen kann…“

Die Freiheitsliebende: „Du mit deiner Schwarzmalerei! Du hast doch den Menuplan gesehen. Karlsson wird das Essen dort lieben. Und das Haus ist auch perfekt, so sauber, er wird nicht mal Asthma kriegen dort, weil es eines der einzigen Lagerhäuser ist, die nicht völlig verstaubt sind. Und dann liegt das Haus ja auch so schön abseits….“

Die Glucke: „Ha, von wegen abgelegenes Haus! Hast du denn vergessen, dass Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat genau dort, vor diesem Lagerhaus einmal beinahe von einem Lastwagen überfahren worden wären? Was, wenn mit Karlsson das Gleiche passiert?“

Die Freiheitsliebende: „Natürlich habe ich das nicht vergessen. Aber du weisst auch, dass die Beiden damals noch winzig waren und keine Ahnung davon hatten, wie gefährlich so ein Lastwagen ist. Karlsson ist gross und vernünftig…“

Die Glucke: „Karlsson meint, er sei gross und vernünftig. Aber er ist doch noch so klein. So alleine und verloren in einem Lager. Der arme Junge….“
Die Glucke ist den Tränen nahe.

Die Freiheitsliebende: „Nun, so alleine ist er nun auch wieder nicht. Immerhin hat er seinen besten Freund dabei. Und die Schwester des besten Freundes ist auch dort. Und dann sonst noch ein paar Kinder, die er kennt. Und sein Gruppenleiter macht einen ganz guten Eindruck.“

Die Glucke: „Ja, aber der Gruppenleiter ist erst siebzehn. Wie soll der für meinen armen kleinen Jungen sorgen können? Der ist ja selber noch fast ein Kind. Was soll bloss aus meinem Kind werden? Ich glaube, ich hole ihn gleich wieder nach Hause. Der arme, arme Junge….“
Die Glucke bricht in Tränen aus.

Die Freiheitsliebende: „Du scheinst vergessen zu haben, dass der ‚arme arme Junge‘ sich freiwillig ins Lager angemeldet hat, dass er sich monatelang auf diese Woche gefreut hat, dass er die Zeit ohne dich geniessen wird….“

Die Glucke, heftig schluchzend: „Das…. i-i-i-h-h-h-st ja…. das Schli-h-i-h-i-mmste an der Sa-ha-ha-che, dass Karlsson …. ga-ha-ha-nz gu-hu-hu-hu-t ohne mi-hi-hi-ch zurechtkommen…. wird….“

Während die Glucke heulend auf dem Sofa liegenbleibt, geht die Freiheitsliebende frohgemut in die Küche, holt sich etwas zu Trinken und murmelt vor sich hin: „Das ist ja das Schöne, dass Karlsson ganz gut ohne mich zurechtkommen wird.“

Im Luxemburgerli-Himmel

Samstagmorgen vor zwei Wochen. Mama Venditti sitzt mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Zug nach Zürich. Man ist unterwegs in die Ferien, die Stimmung ist bestens und Mama Venditti, naiv wie sie auch nach Jahren der Mutterschaft noch immer ist, stellt sich auf eine friedliche Zugfahrt ein und ist dankbar, dass „Ihrer“ mit den zwei Kleinen und dem Gepäck im Auto sitzt und nicht sie. Dann, völlig unerwartet, schlägt die Stimmung um: Der Zug fährt bei der Firma „Sprüngli“ vorbei, wo die Lastwagen mit riesigen, unwiderstehlichen Luxemburgerli verziert sind. Was Karlsson daran erinnert, dass am Vorabend, als er zu Bett ging, noch nicht alle Luxemburgerli, welche die Gäste mitgebracht hatten, aufgegessen waren. „Was habt ihr mit den restlichen Luxemburgerli gemacht?“, fragt er streng und als er erfährt, dass Mama und Papa diese einfach aufgegessen haben, weil sie der Meinung waren, das delikate Dessert werde mit der Zeit auch nicht besser – immerhin steht auf der Packung „Bitte sofort geniessen“ -,  ist es vorbei mit dem Frieden. Karlsson tobt, findet, seine Eltern seien ganz furchtbar gemein und er wolle jetzt gleich neue Luxemburgerli haben.

Mama Venditti, die weiss, dass in solchen Momenten Erklärungen sinnlos sind, geht gar nicht gross auf das Drama ein. Was einer  Zugpassagierin nicht passt. Ob das Kind denn nicht endlich Ruhe geben könne, mault sie. Mama Venditti erklärt ihr, dass sie mit ihrem Gemaule die ohnehin nicht ganz einfach Situation unnötig erschwere, weshalb sie ich froh wäre, wenn sie sich aus der Sache raushalten würde. Was sie zur Bemerkung veranlasst, Kinder seien ohnehin das Letzte, sie hätte sich als Kind nie so aufgeführt und Mama Venditti  hätte nie und nimmer so viele Kinder haben sollen. Wenn die wüsste, wie viele kleine Vendittis es in Wirklichkeit sind….  Irgendwann platzt Mama Venditti der Kragen, weil sie jetzt mit zwei Unzufriedenen im Kampf steht, und so wird sie ziemlich unhöflich mit der Dame. So unhöflich, dass Karlsson darob seine Luxemburgerli vergisst und Mama erschreckt anstarrt. So unhöflich auch, dass die Dame sich plötzlich auf die Seite der eben noch so verabscheuten Kinder schlägt und findet, die armen Kinder könnten einem ja Leid tun mit einer solchen Mutter.

Nun, diese Mutter ist tatsächlich nicht immer das beste Vorbild, aber zumindest schafft sie es jetzt endlich, ihren Ältesten zu beruhigen: „Karlsson, ich verspreche dir, dass es wieder einmal Luxemburgerli geben wird. Ganz bestimmt.“ Und innerlich fügt sie hinzu: „Spätestens dann, wenn das Konto diesen Ferienaufenthalt verdaut hat, die Rechnung der Musikschule, die Steuerrechnung, die nächsten Monsterwocheneinkäufe, die Kinderschuhe für den Herbst, das E-Bike, das „Meiner“ für den Arbeitsweg braucht…“ Also irgendwann, in zehn Jahren vielleicht, gibt’s wieder Luxemburgerli bei uns.“An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Luxemburgerli ein halbes Vermögen kosten – und Luxemburgerli für eine Grossfamilie ein Ganzes.

Zwei Wochen später, wieder ein Samstagmorgen, diesmal aber zu Hause. Alle sind schon wach, nur Mama Venditti schläft noch tief und fest auf dem Sofa, wohin sie sich nachts zurückgezogen hat, weil sie keinen Platz mehr fand im Bett, da Karlsson noch einmal im Elternbett übernachten wollte, bevor er endgültig zu gross ist. Zu irgend einer unchristlichen Zeit  – Mama Venditti würde sagen, es sei etwa um vier Uhr morgens gewesen, aber in Wirklichkeit war es wohl so gegen halb acht – klingelt es an der Haustüre. Schlaftrunken macht sie sich auf zur Haustüre, denn obschon alle anderen schon längst wach sind, ist offenbar keiner wach genug, um sich aus dem Bett zu quälen. Vor der Haustüre steht der Postbote mit einer Eilsendung. Was kann das bloss sein? Ausnahmsweise hat Mama Venditti nun wirklich keine offenen Bestellungen, auf deren Lieferung sie wartet. Bald schon ist klar, was da morgens in aller Frühe seinen Weg zu Vendittis gefunden hat: Die einzige Sache, die einem nicht die Laune verdirbt, sondern schlagartig verbessert, wenn man ihretwegen am Samstag aus den Federn geholt wird, nämlich eine Riesenpackung Luxemburgerli.

Wäre ich katholisch, ich würde sagen, dass Linders sich mit dieser guten Tat soeben die Eintrittskarte für den Himmel erstanden haben….

Allein seligmachend

Noch so eine Sache, die mich auf die Palme treibt: Wenn man eine gute Sache zur allein seligmachenden, einzig richtigen Methode erhebt. Zum Beispiel in jenem Artikel, den ich neulich gelesen habe, in dem es darum ging, dass Kinder im Stehen zu wickeln seien, sobald sie in der Lage seien, sich selber aufzurichten. Klar, dem im Artikel genannten Grundsatz „Säuglingspflege ist Erziehung“ stimme auch ich voll und ganz zu und zwar ohne, dass ich eigens eine Weiterbildung dazu hätte absolvieren müssen. Klar, auch meine Kinder wurden und werden im Stehen gewickelt, wenn ihnen gerade darum ist. Warum sollte ich auch ein Kleinkind mit aller Macht dazu zwingen, sich hinzulegen, wenn ich es ebenso gut im Stehen reinigen kann? Klar, auch ich rede mit meinen Kindern, wenn ich sie wickle, sie anziehe, sie kämme. Auch ich erkläre ihnen, was gerade vor sich geht. Aber dazu brauche ich keine spezielle Methode zu befolgen. Das liegt mir und wohl den meisten Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, einfach so im Blut. Und sollte ich einmal zu müde sein zum Reden, dann zwingt mich das Kind mit seinen Fragen und Beobachtungen einfach dazu, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Was mir an der Sache sauer aufstösst, ist der Anspruch, dies sei die einzige richtige Methode: Alle Kinder werden immer im Stehen gewickelt und zwar immer zur gleichen Zeit. Und was, wenn das Kind gerade Fieber hat und so matt ist, dass es lieber liegen möchte? Muss es dann auch stehen, weil allein im Stehen seine Menschenwürde geachtet wird, wie es in dem Text so schön heisst? Was, wenn das Kind so verkackt ist, dass ich es ausnahmsweise in der Dusche saubermachen muss? Oder sind am Ende nur meine Kinder so missraten, dass sie zuweilen nur noch mit einem warmen Wasserstrahl sauber zu kriegen sind? Was, wenn das Kind mitten in der Nacht gewickelt werden muss und sich müde von mir abwendet, wenn ich ihm beruhigend zureden will? Muss ich dann trotzdem mit ihm reden?

Natürlich muss ich all dies nicht. Wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass die meisten Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, sehr genau spüren, was ihr Kind gerade braucht. Und das ist es ja am Ende auch, was mich so wütend macht: Dieses „Immer“, dieses „Alle“, dieses „einzig Richtige“. Führt nicht gerade diese Haltung am Ende dazu, dass man dem Kind etwas aufzwingt, was im Moment vielleicht gerade das Falsche ist? Steht man am Ende nicht mit einer Art Gebrauchsanweisung da, die einem sagt, wie das Kind –  und zwar jedes Kind in jedem Fall – zu behandeln sei? Verliert man da vor lauter Rücksicht auf die „richtige“ Methode nicht am Ende das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen?

Und wo, so frage ich mich, bleibt dann noch die Menschenwürde?

Alles nur Egoisten?

Die Geburtenrate ist nach Jahren des Rückgangs wieder am Steigen; wohin man schaut, sieht man schwangere Frauen, Babys, die gerade gestillt werden, Kleinkinder, die ihre ersten Schritte wagen. Kinder gehören wieder dazu und seit einiger Zeit scheint man gar zu erkennen, dass diese Kinder Raum benötigen, dass sie ernst genommen werden wollen, dass sie einfach dazugehören. Mich freut diese Entwicklung, trotz ihren zum Teil etwas abstrusen Auswüchsen wie zum Beispiel der Tatsache, dass es jetzt auch den „Spiegel“ für Kinder gibt oder dass man inzwischen das Baby auch ins Kino oder in die Disco mitschleppen soll.

Nicht allen aber scheint es zu behagen, dass viele junge Menschen aufs Kind gekommen sind. Meistens geben sie sich nicht in der Öffentlichkeit zu erkennen – mit Ausnahme jener ziemlich durchgeknallten Dame, die mir neulich im Zug vorwarf, ich hätte besser aufs Kinderhaben verzichtet -, dafür aber füllen sie die Leserbriefspalten in den Zeitungen. Von verantwortungslosen Eltern ist da zu lesen, die nicht daran denken, dass sie mit jedem Kind, dem sie das Leben schenken, die Umwelt ein bisschen mehr zugrunde richten. Von Kindern, die einfach nur nervig, laut und ungezogen sind. Von Egoisten, die nur Kinder zeugen, weil sie so selbstverliebt sind, dass sie unbedingt eine kleine Kopie ihrer selbst haben müssen. Und dann, in neun von zehn Fällen, folgt der weise Ratschlag: Wer meine, unbedingt Kinder haben zu müssen, der solle doch bitte seinen Nachwuchs adoptieren und nicht in Eigenproduktion herstellen. Die einzigen selbstlosen Eltern sind solche, die Kinder adoptieren, alle anderen haben bloss ihre Selbstverwirklichung im Sinn. Solches und Ähnliches lese ich immer öfter.

Auf die Tatsache, dass Elternsein nie Selbstverwirklichung sein kann, egal ob mit eigenen oder angenommenen Kindern, muss ich hier nicht weiter eingehen. Jeder, der mit Kindern lebt, weiss, dass sie alles von einem fordern. Aber was glauben denn die lieben Leserbriefschreiber, wie einfach so eine Adoption ist? Denken die wirklich, man könne sich da einfach mal kurz melden und ein paar Tage später halte man ein Kind in den Armen? Wissen die denn nicht, dass Adoptivkinder nicht einfach von den Bäumen fallen und dass schon so mancher erfolglos auf eine Adoption gewartet hat?

Auch ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die unzähligen leidenden Kinder ein kinderwürdiges Leben leben dürften, dass sie Eltern bekommen, die ihnen geben, was sie brauchen. Auch ich sehne mich danach, mehr dazu beitragen zu können, dass die Bilder von Not und Elend weniger werden. Aber ist das ein Grund, alle, die selber Kinder haben können, als Egoisten zu bezeichnen, bloss weil sie sich dafür entscheiden, dieses Wunder in ihrem Leben zuzulassen? Muss man wirklich aufs Kinderhaben verzichten, weil es zu viele leidende Kinder auf dieser Welt gibt? Dann könnte man ja ebenso gut aufs Essen verzichten, weil viele der Menschen hungern. Oder aufs Trinken, weil so viele keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Aber so radikal werden die Leserbriefschreiber wohl kaum sein wollen, nicht wahr?

Lazy Day

Am Morgen so gegen neun Uhr aus dem Bett gekrochen kommen, die Kinder und sich selber mit Frühstück versorgen, Taschen packen, die Kinder den absolut zuverlässigen Babysittern überlassen und ab geht’s mit dem Velo. Zuerst zur Migros, wo nur das eingekauft wird, was wir wollen. Dann an die Aare, wo wir uns den perfekten Platz suchen, ungestört von Hunden, Sonnenanbetern und Mücken. Und dann nur noch faules Herumfläzen, ein wenig lesen, ein wenig diskutieren, ein wenig in den blauen Himmel starren, ein wenig essen, ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen, ein wenig ausmalen, wie die Zukunft auch noch sein könnte. Dann weiter zum nächstgelegenen Café, wo bei Latte Macchiato und Cappuccino weitere tiefschürfende Gespräche folgen, zurück in den Park, ein wenig dösen, ein wenig in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ blättern. Danach zurück nach Hause, wo noch kein Mensch ist, weil die Babysitter mit den Kindern noch im Park sind, den wir soeben verlassen haben, ohne unsere Kinder zu sehen.

Was früher, in kinderlosen Zeiten, sommerlicher Alltag war, ist heute Luxus par excellence. Wenn dann noch das ganze Arrangement ein Geschenk von Freunden ist, welche die Babysitter nicht nur organisiert haben, sondern auch bezahlen werden, dann glaubt man, mit Engeln befreundet zu sein. Und wenn man weiss, dass dies erst der erste Tag des Geschenks war und dass noch ein paar weitere im ähnlichen Stil folgen werden, dann glaubt man, für ein paar Tage den Himmel auf Erden zu erleben.

Anschauungsunterricht

Gibt es einen geeigneteren Ort als eine Feriensiedlung,  wenn man den Kindern die Welt und all die verschiedenen Menschen, die sie bevölkern, zeigen möchte? Zumindest dann, wenn Studienreisen zu fremden Kulturen noch nicht möglich sind, weil einer noch in die Windeln macht, ein anderer nicht ohne seinen geliebten Stoffeisbären verreisen will und alle zusammen auch mit Durchfall darniederliegen, wenn sie nicht irgendwo, in einem abgelegenen Winkel dieser Erde unreines Wasser getrunken haben. Wer nicht in die weite Welt hinausziehen mag, muss sich eben in der Nähe einen Ort suchen, an dem sich die Welt trifft. Findet man den richtigen Ort, dann lässt sich ganz bequem vom Balkon aus beobachten, wie unterschiedlich die Menschen sind, die unseren Planeten bevölkern.

Da sieht zum Beispiel Luise eines Tages, dass es Mädchen gibt, die bei grösster Hitze mit langen Hosen und Kopftuch bekleidet neben Mama auf der Parkbank sitzen müssen, während ihre Brüder sich halb nackt auf den Spielgeräten vergnügen dürfen. Später sieht sie eines der Mädchen, wie sie nur mit langen Hosen und T-Shirt ins Wasser gehen darf, was bei Luise zur Frage führt, ob denn das arme Kind nicht ertrinke mit dem vielen nassen Stoff am Leib. Als sie dann auch noch mitbekommt, wie die Mama des Mädchens erst spät abends und noch immer voll verschleiert das Haus verlassen darf, während die Männer der Familie sich den ganzen Tag frei auf dem Gelände bewegen durften, ist der Groschen bei unserer Tochter endgültig gefallen: Das, was Mama und Papa immer predigen, nämlich dass Frauen und Mädchen in vielen Kulturen benachteiligt werden, ist nicht irgend ein Märchen, das sie erzählen, wenn ihr Töchterchen mal wieder nicht einsehen will, dass Schulbesuch ein Privileg und nicht eine Strafe ist. Nein, die Sache ist bitterer Ernst und wenn das Kind jetzt auch noch begreift, dass unter dem Kopftuch ein liebenswerter Mensch steckt, dann hat sich der Ferienaufenthalt mehr als ausbezahlt. Wobei, bis Luise – und auch wir – unsere Vorurteile abgebaut haben, werden wohl noch ein paar Aufenthalte mehr nötig sein.

Ein weiteres Forschungsfeld, das sich hier auftut, sind die Senioren, die sonst ja meistens in einer anderen Welt leben als wir.  Ich meine jetzt nicht die kinderliebenden, sich nach Enkelkindern verzehrenden alten Menschen, die jedes kleine Menschlein am liebsten in die Arme schliessen würden. Nein, ich meine die nach Entspannung lechzenden, gut situierten rüstigen Rentner, die es als ihr erstes Recht ansehen, überall zuerst zu sein. Menschen, die vergessen haben, wie es war, als ihre Kinder noch klein waren, als die Tage noch bis obenhin angefüllt waren mit Haushalten, Erziehen, Arbeiten und Zusammenbrechen. Menschen, die kein Problem damit haben, einer Mutter, die bei grösster Hitze einen Sack Wäsche zur Waschmaschine schleppt, zwei quengelnde Kinder im Schlepptau, den Weg zu versperren und so lange nicht zur Seite zu weichen, bis die Mama einen weiten Umweg gehen muss. Auf all das könnte ich gerne verzichten, aber vermutlich muss es so sein, damit die Kinder lernen, dass nicht jeder, der graue Haare auf dem Kopf trägt, ein netter Mensch ist; dass nicht jeder, der etwas langsamer zu Fuss ist, den ganzen Tag auf den Moment wartet, wo ein kleines Kind vorbeikommt, dem er ein Lächeln und ein Bonbon schenken kann.

Was man hier auch in Natura erlebt und nicht nur am Fernsehen beobachten kann, sind amerikanische Teenager in freier Wildbahn. Man braucht nicht mal einen Feldstecher zur Hand zu nehmen, so nah wagen sie sich zu den Ferienwohnungen der Bekinderten. Es ist ein einmaliges Schauspiel, das sich da beim Eindunkeln bietet, kaum sind die Kleinkinder in ihren Betten verschwunden: Lautes Gekreische, aufdringliches Flirten, verzweifelte Versuche, dazuzugehören und ebenso verzweifelte Versuche, den auszuschliessen, der nicht dazugehören sollte,  ungeniertes sich-in-Szene-Setzen, stilles Schmachten. Auf den ersten Blick nicht anders als bei unseren Teenagern auch, auf den zweiten Blick aber deutlich anders: Kein Alkohol und Tabak, dafür deutlich mehr Gezicke und sexuell aufgeladene Avancen. Nicht ganz jugendfrei, das Spektakel und deshalb zum Glück von unseren Kindern nur am Rande registriert. Für uns Eltern aber ein guter Weiterbildungskurs, der uns auf das vorbereitet, was uns in wenigen Jahren beschäftigen wird.

Eine der rührendsten Lektionen dieser Forschungsreise aber hat unser Zoowärter gelernt. Er, der am Anfang der Ferienwoche noch in jedem fremden Kind einen Feind sah, er, der hemmungslos Grössere angriff und Kleinere von der Schaukel zu stossen versuchte, er, der schon einen anderen Dialekt als Provokation verstand, erkannte im Laufe der Tage, dass Fremde, wenn man sie kennen lernt, gar nicht mehr so fremd sind. Und so fragte er mich auf der Heimfahrt plötzlich: „Mama, wie heisst denn schon wieder mein Bruder?“ „Das weisst du doch“, gab ich erstaunt zurück. „Deine Brüder heissen Karlsson, FeuerwehrRitterRömerPirat und Prinzchen.“ „Nein, ich meine nicht die Brüder. Ich meine den Bruder, mit dem ich heute Morgen auf dem Spielplatz gespielt habe.“

Wenn ein Dreijähriger in so kurzer Zeit lernt, dass ein Fremder innert vierzig Minuten – länger haben die zwei nicht miteinander gespielt – zu einem Bruder werden kann, dann darf man wohl sagen: Die Forschungsreise war ein Erfolg. Wir buchen sogleich die nächste.

Reiseandenken

Nein, besonders einfallsreich sind wir nicht, wenn’s darum geht, Souvenirs mit nach Hause zu bringen: Ein paar unbeschriebene Postkarten, jedem Kind ein überteuertes Andenken nach Wahl, ein neues Hemd für „Meinen“ und eine neue Fliegenklatsche für mich. Vollkommen ideenlos aber sind wir, wenn es darum geht, etwas für die ganze Familie mit nach Hause zu nehmen. Etwas, was alle zusammen auch nach dem Urlaub noch an die schönen Tage erinnert. Meistens beginnen wir ja schon am ersten Tag mit der Suche nach dem einzigartigen Souvenir, stöbern ein wenig hier, suchen ein wenig da. Doch spätestens in der Mitte der Woche tun wir das, was wir fast jedes Mal tun: Wir schauen, was Familie x aus Appartement Nummer 381 auswählt, woran sich Familie y noch lange erfreuen wird. Und schliesslich nehmen wir das, was die anderen auch nehmen: Einmal Magen-Darm-Grippe für alle! Auf dass wir beim Würgen über der Kloschüssel unsere entspannten Ferientage noch lange in verklärter Erinnerung behalten mögen.

Happy Birthday, FeuerwehrRitterRömerPirat!

Sechs Jahre ist es her, seitdem du in unser Leben geplatzt bist, zwei Wochen früher als eigentlich erwartet, an jenem wunderbaren Sommerabend, als alles nach Lindenblüten duftete. Sechs Jahre ist es her, seitdem dich die damals noch sehr kleine Luise mit einer zum Glück nicht allzu heftigen Ohrfeige im Kreise unserer Familie willkommen hiess. Sechs Jahre ist es her, seitdem du nachts jeweils aufgeschreckt bist, weil du den Lärm der Baumaschinen vermisstest, die dich in den ersten Monaten deines Lebens ständig begleiteten.

Hätten „Meiner“und ich unser Familienleben je minutiös geplant, man hätte sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für ein weiteres Kind aussuchen können: Die Wohung  mitten im Grossumbau, der am Ende acht Monate dauern sollte, das Konto meistens bereits am Ersten des Monats leer, die Mama seit einem Jahr arbeitslos und der Papa mitten in einer Weiterbildung, drei Kinder in Windeln. Kurz und knapp ausgedrückt: Stress pur.

Und dann kamst du, hast dich in unsere Arme gekuschelt, hast bei uns die Ruhe gesucht und uns dadurch immer wieder gezeigt, dass alles Hetzen nichts bringt und dass es jetzt einfach Zeit ist, innezuhalten. Mit deinen ersten Worten „ou, dööön!“ (Oh, schön!), hast du uns mitten im Bauchaos auf das Schöne hingewiesen, mit deinem herzlichen Lachen hast du dafür gesorgt, dass uns auch dann, als uns nicht ums Lachen war, die Freude am Leben nicht verging. Du warst dieses unglaubliche Geschenk, das uns trotz allen Durcheinanders nicht vergessen liess, was wirklich zählt im Leben.

Und ein Geschenk bist du noch heute. Keiner strahlt so wie du, wenn er glücklich ist, weil er seine Fussballausrüstung bekommen hat. Keiner freut sich wie du, wenn er mit Papa endlose Stunden im Kunsthaus verbringen darf. Keiner zwingt einen so zum Nachdenken wie du, wenn du eine tiefsinnige Frage stellst, wenn du eigentlich die Schuhe anziehen solltest, um rechtzeitig in den Kindergarten zu kommen. Keiner fordert einen so heraus wie du, wenn du nicht so willst wie wir und uns damit dazu bringst, neue Wege zu suchen, anstatt jedes Kind über den gleichen Kamm zu scheren. Keiner bringt mein Herz so zum Schmelzen wie du, wenn du einfach so, wenn ich es am wenigsten erwarten würde, zeigst, wie gern du mich hast.

Lieber FeuerwehrRitterRömerPirat, du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich deine Mama bin!

Einer dieser Tage

Man sollte ja eigentlich meinen, in den Ferien würde auch das Leben einem zur Abwechslung mal eine  Verschnaufpause gönnen, würde einen verschonen mit Alltagskram, würde dafür sorgen, dass von den sieben Ferientagen keiner zu einem dieser Tage wird. Was für einen Tag ich meine? Na eben, einen dieser Tage….

die schon mitten in der Nacht damit beginnen, dass das Prinzchen eine volle Windel hat und die Feuchttücher spurlos verschwunden bleiben, auch wenn man die ganze Ferienwohnung danach absucht.

Einer dieser Tage, die damit weitergehen, dass der Zoowärter noch vor acht Uhr früh einen Tobschutanfall kriegt, weil er nicht mit Karlsson und  Luise zum Spielplatz gehen darf, weil er noch nicht angezogen ist und ausserdem drei Unterhosen übereinander trägt.

Einer dieser Tage, an denen schon vor dem Frühstück drei Trinkgläser in die Brüche gehen.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter nicht nur einmal oder zweimal, sondern dreimal das Betadine-Bad verschüttet, in dem er seine eitrige Wunde, die er sich am Finger zugezogen hat, baden soll.

Einen dieser Tage, an denen man sich irgendwann dazu entschliesst, Wäsche zu waschen, weil der Tag ohnehin im Eimer zu sein scheint.

Einen dieser Tage, an denen gleich beide Waschmaschinen belegt sind und man sich schliesslich dazu gezwungen sieht, die frisch gewaschene Wäsche von wildfremden Menschen sorgfältig aus der Maschine zu nehmen und fein säuberlich hinzulegen, weil auch nach  langem Warten noch keiner gekommen ist, um die Waschmaschine wieder freizugeben. Und man kann ja nicht ewig warten. Irgendwann, solange das Prinzchen noch schläft, der Zoowärter mit „Meinem“ im Wald ist und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihren „grossen Piratentag“ haben, müsste man doch wenigstens ein klein wenig des verpassten Schlafes nachholen.

Einen dieser Tage, an denen dich, kaum bist du eingeschlafen, die Kinderbetreuung anruft, um dich zu bitten, du mögest doch bitte Karlsson abholen kommen. Dem armen Jungen sei ganz schlecht geworden.

Einen dieser Tage, an denen du einmal mehr nicht weisst, wie du dein enttäuschtes Kind trösten sollst, wie du ihm erklären sollst, dass Viren keine Ferien machen, wie du ihm helfen sollst, möglichst schnell wieder gesund zu werden, damit nicht der ganze Spass ohne ihn stattfindet.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter findet, er müsse jetzt endlich herausfinden, ob man auch aufwärts pinkeln kann und danach auf der Sauerei, die er angerichtet hat, ausruscht.

Einen dieser Tage, an denen du das Leben anflehst, es möge doch bitte berücksichtigen, dass man in den Ferien sei und deshalb keine Lust habe, sich mit Alltagskram herumzuschlagen.

Einen dieser Tage, die man am besten so schnell als möglich wieder vergisst.