Ins Auge gegangen

Wieder mal haben wir einen Sonntagnachmittag auf der Notfallstation verbracht. Zum dritten Mal innert drei Monaten hatte Luises Auge gestern eine Begegnung mit einem spitzen Gegenstand und weil die Schmerzen schlimmer statt besser wurden, beschlossen wir irgendwann, nicht bis morgen zu warten, bevor wir das Auge kontrollieren lassen. Erste Station: Kinder-Notaufnahme, wo ein netter Doktor Luises Auge ansieht. „Das machst du wunderbar, Luise!“, lobt er das Kind alle paar Sekunden. „Hast du schlimme Schmerzen, Luise?“, fragt er jedes Mal, wenn sie leicht zusammenzuckt. „Ich glaube, du bist schon mal hier gewesen. Ich habe dich auch schon gesehen, Luise“, sagt er beim Abschied und fragt sie, wie viele Geschwister sie hat und ob sie die Älteste ist und dann wünscht er ihr alles Gute. Und schickt uns zu Doktor Nummer zwei, dem diensthabenden Augenarzt.

Dieser würdigt uns keines Blickes, als er uns ins Zimmer bittet. Luises Namen will er gar nicht erst wissen und um solche Kleinigkeiten wie Schmerzen kümmert er sich gar nicht erst. Das Kind soll auf den Stuhl sitzen und zwar sofort. Und dann soll es ihm so schnell als möglich die Buchstaben nennen, die es sieht. Und wenn es zögert, schnaubt er ungeduldig. Und es soll gefälligst nicht zusammenzucken, wenn man ihm mit einem Stäbchen das Auge berührt. Und eine Erklärung, weshalb man dies getan hat, ist man dem Kind auch nicht schuldig, auch wenn es laut und deutlich, wenn auch leicht eingeschüchtert, danach fragt. Und wenn das Kind vor Schmerzen aufheult, zuckt man mit keiner Wimper. Wozu auch? Ist doch bloss eine Routineuntersuchung. Irgendwann ist diese überstanden, das Kind klettert erschöpft vom Untersuchungsstuhl, die Mama bekommt Augentropfen in die Hand gedrückt, hört, dass alles mehr oder weniger in Ordnung sei, auch wenn das Kind es nicht geschafft hat, Buchstaben zu erkennen, die es sonst immer erkennt. Für den Doktor ist alles im grünen Bereich, also soll die lästige Kundschaft gefälligst abziehen.

Das tun wir dann auch, denn Luise ist völlig geschafft von der Untersuchung. Was bin ich froh, wenn wir übernächste Woche wieder zum Augenarzt unseres Vertrauens gehen können. Der sagt zwar auch nicht viel, aber er behandelt Luise mit soviel Liebe, dass sie jedes Mal traurig ist, wenn ihr Auge wieder für eine Weile gesund ist. Vielleicht übersieht sie die spitzen Gegenstände ja mit Absicht? Damit sie wieder zu diesem netten Doktor gehen darf? Der von heute war nämlich ein Idiot, hat Luise gesagt.

Sollte der Herr Doktor per Zufall diesen Post lesen, dann bitte ich ihn, diese Bemerkung nicht persönlich zu nehmen. Luise ist manchmal etwas direkt, vor allem, wenn sie Schmerzen hat. Aber wir nehmen es ja auch nicht persönlich, lieber Herr Doktor, dass Sie Luise wie ein Stück Holz behandelt haben, sondern entschuldigen Ihr Verhalten mit Ihren miesen Arbeitsbedingungen.

Was tust du da, Mama?

„Meiner“ hatte heute einen wichtigen Termin und da er etwas spät dran war, habe ich etwas für ihn getan, was ich sonst nie, aber auch wirklich gar nie tue: Ich habe sein Hemd gebügelt. Nachdem er mir gesagt hatte, wo das Bügeleisen bei uns seinen Platz hat. Und nachdem er mich ermahnt hatte, ich möchte das Ding doch nicht auf dem Glastisch bügeln, sondern zumindest eine Decke als Unterlage nehmen. So stand ich da und bügelte das Hemd meines Gatten, fast so, wie gute Hausfrauen dies tun. Und da dieser Anblick im Hause Venditti so ungewohnt ist – wer hat denn schon Zeit zum Bügeln, wo es doch so viel zu Bloggen gibt? – war ich schon bald von meinen Kindern umringt. Was ich hier tun würde, wollten die jüngeren Kinder wissen, denn für sie ist der Anblick eines Bügeleisens ähnlich fremd wie für ein Kind in Afrika der Anblick von Schnee. Die älteren Kinder, die sich noch schwach an Zeiten erinnern, in denen Mama geglaubt hatte, eine Hausfrau müsse auch bügeln können, wussten natürlich, was ich da tat, aber sie waren dennoch tief beeindruckt. Mama kann ja tatsächlich Hemdem bügeln, wenn sie nur will. Dem FeuerwehrRitterRömerPiraten dauerte die Vorstellung allerdings zu lange: „Mama, warum musst du immer Papas Hemden bügeln?“, wollte er wissen.

Recht hat er: Jede Sekunde, die man mit einem Bügeleisen verbringt, ist eine Sekunde zuviel. Es sei denn, „Meiner“ habe einen wichtigen Termin…

Schuld(un)bewusstsein

Es ist schon verrückt: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann kurz hintereinander Tapete von den Wänden reissen, Tinte auf Mamas Bürotisch ausgiessen, Löcher ins Leintuch schneiden, die Wände mit dem Namen seiner Liebsten verzieren, das Bad unter Wasser setzen und ich weiss nicht was noch alles. Und wenn man ihn zur Rede stellt, dann zuckt er mit der Schulter, lächelt einen schelmisch an und zieht weiter fröhlich seines Weges. Okay, neulich hat er mir versprochen, dass er nur noch Unfug machen wird, wenn er böse ist auf jemanden und im Moment scheint er mit der Welt im Reinen zu sein. Aber grundsätzlich gilt für ihn: Ich mache Unfug, wann immer es mir passt und wenn jemand etwas dagegen einzuwenden hat, ist das nicht mein Problem.

Wenn aber Luise vergessen hat, die Türe von Grossmamas Gefrierschrank zu schliessen und sie weiss ganz genau, dass sie den Gefrierschrank nicht hätte öffnen dürfen, dann kommt sie beinahe auf Knien angekrochen, fleht um Entschuldigung, heult, als hätte sie einen schlimmen Unfall verursacht und lässt sich kaum mehr trösten. Sie macht sich Vorwürfe und man kann ihr hundertmal sagen, dass so etwas passieren kann, sie schafft es dennoch kaum, sich den Fauxpas zu verzeihen.

Was lernt die stets lernwillige Mama aus dem so unterschiedlichen Verhalten ihrer Kinder? Dass sie nie, aber auch wirklich gar nie ihre fünf Kinder über den gleichen Kamm scheren darf. Dass es auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Erziehungsratschlag gibt, der für alle seine Gültigkeit hat. Und dass sie wohl bis ans Ende ihrer Tage immer erst im Nachhinein wissen wird, wo sie die Schraube mehr hätte anziehen sollen und wo sie ein Auge hätte zudrücken müssen.

Und raus damit!

Es ist vielleicht sechzehn Jahre her, da sass eines Abends ein junger Mann an seinem Schreibtisch und lernte auf eine Prüfung. Vielleicht in Geschichte, vielleicht auch in Französisch, ja, es könnte gar sein, dass es eine Physikprüfung war. Ist ja auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass er, als er so richtig in seine Bücher vertieft war, seine Mama aus der Küche rief, ob er eine Banane essen wolle. Er wollte nicht und wenn seine Mama eine gewöhnliche Mama gewesen wäre, hätte sie sein Nein akzeptiert. Seine Mama war aber eine Italienische Mama und deshalb fragte sie noch einmal, worauf der junge Mann wieder nein sagte. Weil die Mama aber eine Italienische Mama von altem Schrot und Korn war, fragte sie noch einmal und als der junge Mann ein drittes Mal nein sagte, stand die Mama bald darauf mit der geschälten Banane im Zimmer des jungen Mannes. Worauf der junge Mann so wütend wurde, dass er das Fenster öffnete und die Banane in Nachbars Garten schmiss.

Zu der Zeit, als dies geschah, war der junge Mann mit einer jungen Frau liiert, die diesen Vorfall äusserst witzig fand. Die Geschichte mit der Banane wurde zu einer der beliebtesten Anekdoten, welche die beiden erzählten, wenn jemand wissen wollte, wie denn das Verhältnis zur Mama des jungen Mannes sei. Eine weitere Bedeutung mass die junge Frau dieser Begebenheit nicht zu und es fiel ihr auch über Jahre nicht auf, dass der junge Mann immer mal wieder Dinge aus dem Fenster schmiss, wenn sie zu lange herumlagen oder ihm sonst auf irgend eine Weise auf die Nerven fielen.

Neulich aber sah die junge Frau, die inzwischen mit dem jungen Mann verheiratet ist und mit ihm zusammen fünf Kinder hat, dass in der Dachrinne eine Strumpfhose der Tochter lag. Und auf der Rutschbahn ein Paar Socken des zweitjüngsten Sohnes. Und im Erdbeerbeet ein T-Shirt des mittleren Sohnes. Die junge Frau,- die inzwischen übrigens schon einige graue Haare hat und deshalb eigentlich gar nicht mehr jung ist – fragte ihre Kinder, weshalb all die Kleider im Garten liegen würden. Worauf ihr Ältester gleichmütig erklärte: „Die haben die anderen in meinem Zimmer liegen lassen und weil sie sie nicht weggeräumt haben, habe ich sie eben zum Fenster raus geschmissen. Das macht der Papa ja auch immer, wenn wir nicht aufräumen.“

Eines ist jetzt schon klar: Die Mama dieser Kinder wird sie nie mit bereits geschälten Bananen belästigen, wenn sie am Lernen sind. Aber sie ist ja auch keine italienische Mama.

Nein! Nicht jetzt schon!

Nach der doch sehr anstrengenden Kleindkind-Phase und der nicht minder anstrengenden Zeit des Einstiegs in den Kindergarten folgen ein paar wunderbare Jahre mit den Kindern. Sie ziehen sich selbständig an, können ihr Zimmer selber aufräumen, so sie denn wollen, sie schlafen nachts durch. Sie können selber lesen, wenn man keine Zeit hat, Geschichten zu erzählen, sie brauchen nur noch ein paar Anleitungen um einen Kuchen zu backen oder Spaghetti zu kochen. Sie saugen Wissen in sich auf, sind noch klein und niedlich aber nicht mehr so klein, dass es für die Erwachsenen anstrengend wäre. Und das Beste an allem: Die Eltern sind die Grössten! Was Mama sagt, ist wahr, was Papa cool findet, findet man auch cool. Karlsson und Luise sind gerade in dieser Phase. Es ist einfach herrlich, wenn auch nicht immer konfliktfrei.

Auch Lehrpersonen sind hoch geachtet in diesem Alter. Sagt die Lehrerin, die Kinder sollten über Mittag ein wenig frische Luft schnappen, dann tut Karlsson dies gewissenhaft. Sagt sie, die einzige Hausaufgabe über die Ferien sei die, dass die Kinder sich so richtig erholen, dann liegt Karlsson während Stunden auf dem Bett und erholt sich. Soweit alles perfekt. Doch in letzter Zeit gibt es da eine Veränderung, die mir nicht gefallen will. Nehmen wir das Beispiel mit der Erholung: Da liegt er also auf dem Bett, der Karlsson, vertieft in ein Buch und erholt sich mit heiligem Ernst. Die Mama klopft sanft an die Zimmertür, Karlsson murmelt irgend etwas, was die Mama als Aufforderung versteht, hereinzukommen. „Karlsson, in einer halbe Stunde essen wir. Ich möchte, dass du vorher noch deine Schuhe wegräumst. Nicht gerade jetzt, aber einfach noch vor dem Essen“, sagt die Mama mit Engelsstimme. Worauf Karlsson losheult, das Buch in die Ecke knallt und brüllt: „Immer muss ich aufräumen! Du bist so unfair! Und die Lehrerin hat doch gesagt, wir müssten uns erholen.“

Ein weiteres Beispiel gefällig? Karlsson steht vor dem Spiegel und betrachtet sich kritisch, schiebt sich die etwas zu langen Haare aus den Augen und murmelt, dass er kaum mehr etwas sehen kann wegen seiner Haare.

Mama, zuckersüss: „Karlsson, was meinst du? Sollen wir mal wieder zum Coiffeur gehen mit dir? Deine Haare stören dich bestimmt.“

Karlsson, schreiend: „Ich will mir nicht die Haare schneiden! Meine Haare sind genau richtig. Du bist immer so gemein zu mir!“

Mama, geduldig, aber mit der nötigen Strenge: „Hör mal, ich war  ganz nett mit dir. Ich habe nur einen Vorschlag gemacht und du brüllst mich an. So kannst du mit mir nicht umgehen.“

Karlsson, lauter brüllend: „Immer schimpfst du mit mir! Ich will dir überhaupt nie mehr zuhören. Du schreist mich immer an!“

Mama, noch immer ruhig, aber noch eine Spur strenger: „Ich habe dich nicht angeschrien. Ich habe dir bloss klargemacht, dass du so nicht mit mir umgehen kannst. Klar geht man sich in einer Familie hin und wieder auf die Nerven. Aber so können wir miteinander nicht reden.“

Karlsson, stapft wütend davon, knallt die Türe, heult und schreit dazu: „Immer seid ihr alle so gemein zu mir!“

Mama steht verdattert da und fragt sich im Stillen, ob der Junge einfach schlecht gelaunt ist, oder ob dies – Gott bewahre! – bereits die Vorpubertät ist.


Kleiner Hinweis an die Mütter, die dies Lesen und die diese Phase bereits hinter sich haben: Ihr dürft von mir aus denken, dass dies die Vorpubertät ist. Aber schreiben dürft ihr mir dies nicht. Ich bin noch nicht bereit, mich der Tatsache zu stellen. Noch lange nicht.

Der Mythos vom eigenen Zimmer

Wer bei Google nach dem Thema „eigenes Zimmer für Kinder“ sucht, stösst schnell einmal auf Foren, in denen Eltern einander gegenseitig in der Meinung bestärken, dass ein Kind ohne eigenes Zimmer ein ganz unglückliches Kind ist. „So früh wie möglich“ solle man die Kinder in ein eigenes Zimmer stecken, liest man da. „Ein eigenes Zimmer zu haben ist nie zu früh“, schreiben andere. Auf einer anderen Seite stosse ich auf den Hinweis, dass in Deutschland Hartz IV-Empfängern der Umzug in eine grössere Wohnung, damit jedes Kind ein eigenes Zimmer habe, nicht verweigert werden dürfe (was ich übrigens vollkommen richtig finde).

Bevor ich nun weiter auf die Frage nach den eigenen Zimmer eingehe, hier ein kleiner Hinweis: Dies ist kein Beitrag zur Diskussion über Hartz IV-Empfänger. Eine Diskussion, die, wie ich beim Surfen festgestellt habe, äusserst gehässig ist. Erstens verstehe ich als Schweizerin von Hartz IV viel zu wenig und zweitens bereiten mir schon all die Schweizer schlaflose Nächte, die über „Sozialschmarotzer“, „Scheininvalide“ und anderes „Gesindel“ herziehen. Also bitte keine Kommentare, die in die Richtung gehen, ob ein Sozialhilfeempfänger auch ein Recht auf Leben habe oder nicht. Klar? Okay, dann kann ich ja jetzt wieder auf mein eigentliches Thema zurückkommen.

Zurück also ins Kinderzimmer. „Meiner“ und ich haben uns damals, als wir noch mehr Kinder als Kinderzimmer hatten, grosse Vorwürfe gemacht weil man ja eben weiss, dass jedes Kind so früh wie möglich ein eigenes Zimmer braucht. Gut, ich als Jüngste von sieben Kindern habe mir da nicht allzu viele Sorgen gemacht. Wusste ich doch genau, dass man erst abends, wenn es dunkel ist, erfährt, in wen die grosse Schwester verliebt ist und solche Geheimnisse musste man einfach wissen, wenn man bei Tageslicht eine Erpressungsmöglichkeit in den Händen halten wollte. Wollte man erfahren, dass auch der grosse Bruder nur ein normaler Mensch mit Ängsten ist, musste man warten, bis im Haus alles still war und er einem das Herz öffnete. Solche Dinge erfuhr man nur, wenn man miteinander das Zimmer teilte. Aber ob heutige Pädagogen und andere Experten diese Erfahurngen noch gutheissen würden, wusste ich natürlich nicht.

Seit einiger Zeit nun hat jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Oder besser gesagt hätte jedes unserer Kinder sein eigenes Zimmer. Wenn nicht der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich standhaft weigern würden, ein eigenes Zimmer zu beziehen. Und nicht nur das, sie weigern sich auch, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Und so stehe ich jeden Morgen im Halbdunkel neben ihrem Bett und suche zwischen Bergen von Stofftieren und Kuscheldecken nach dem Kind, das ich wecken muss, damit es nicht zu spät in den Kindergarten kommt. Und probiere gleichzeitig um alles in der Welt zu verhindern, dass das Kind, das noch zu Hause bleiben darf, dabei aufwacht. Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass die zwei ihr Zimmer teilen wollen, nur morgens, wenn nicht beide gleichzeitg wach sein sollten (und abends, wenn sie sich gegenseitig vom Schlafen abhalten) verstehe ich, warum man für getrennte Kinderzimmer plädiert: Für die Eltern ist es eindeutig bequemer.

Ach ja und dann gibt es noch das Argument der Privatsphäre. Alle Kinder brauchten nachts ihre Privatsphäre, sagt man. Ob das wohl stimmt? Wo doch fast alle Kinder – mit Ausnahme von Karlsson, der es hasst, mit jemandem sein Bett zu teilen – jeweils nachts ins Elternbett geschlichen kommen. Man könnte also auch die Behauptung aufstellen, dass einzig die Eltern so bald als möglich ihre Privatsphäre haben wollen. Und um diese zu bekommen, sollten sie ihre Kinder so lange als möglich im gemeinsamen Zimmer schlafen lassen. Aber ich werde mich davor hüten, diese Behauptung in Stein zu meisseln. Weiss ich doch genau, dass bei der Kindererziehung die Worte alle und immer gefährliche Worte sind.

Einen Schritt weiter

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, seitdem sich eine winzige befruchtete Eizelle auf den Weg gemacht hat, um sich in meiner Gebärmutterwand einzunisten. Diese Eizelle wuchs in der Folge ganz kräftig, entwickelte sich in Riesenschritten, schlüpfte irgendwann aus meinem Bauch, um mehr Raum zum Wachsen zu haben. Heute misst die ehemalige Eizelle rund 140 cm und ist somit nur noch einen halben Kopf kürzer als die Mama, die ihn einst im Bauch getragen hatte. Meinen Lesern ist diese ehemalige Eizelle unter dem Namen Karlsson bekannt und dieser Karlsson hat heute, ziemlich genau ein Jahrzehnt nachdem er zu sein begann, einen weiteren Schritt in Richtung Selbständigkeit getan. Und das kam so:

Karlsson war heute Morgen ziemlich übel gelaunt, als er aus dem Bett gekrochen kam. Die ganze Welt war ungerecht: Luise durfte noch in Ruhe fertig frühstücken, während er bereits in seine Kleider hätte schlüpfen sollen. Dem Zoowärter wurden die Kleider aus dem Schrank geholt, während man ihn einfach so alleine liess bei der Auswahl seiner Kleider. Und dann erinnerte sich Karlsson auch noch daran, dass gestern Abend der Babysitter ganz unglaublich gemein gewesen war. Sie hatte nämlich den FeuerwehrRitterRömerPiraten eine Gutenacht-Geschichte auswählen lassen und so musste der arme Karlsson vor dem Einschlafen die Legende von König Artus hören, wo er doch viel lieber ein „Lustiges Taschenbuch“ erzählt bekomme hätte. Als ob man „Lustige Taschenbücher“ erzählen könnte!  Als dann auch noch das Gejammer losging, weil die Kleinen ihren Toast bebuttert bekamen, während Karlsson das Messer selber in die Hand nehmen musste, hatte „Meiner“ genug. „Dann bleib doch zu Hause und komm in zwei Stunden mit dem Bus in die Stadt!“, sagte er.

Karlssons Augen strahlten, in mir aber meldete sich sofort  die Glucke zu Wort: „Darf man denn das, einen fast Zehnjährigen am Sonntagmorgen alleine zu Hause lassen, während der Rest der Familie zur Kirche geht?“, fragte sie.  „Ich denke schon“, sagte ich. „Karlsson ist ja ein ganz vernünftiger Junge.“ „Ja, aber stell dir bloss vor, was passiert, wenn der ‚ganz vernünftige Junge‘ auf die Idee kommt, mit Zündhölzern zu spielen. Oder wenn er sich während eurer Abwesenheit am Computer zu schaffen macht? Weisst du überhaupt, was ihm alles zustossen kann so alleine zu Hause?“, fragte die Glucke mit vorwurfsvollem Unterton. „Karlsson weiss genau, dass er nicht mit Zündhölzern spielen darf. Und vom Computer wird er auch die Finger lassen. Er hat ja gesagt, dass er lesen will.“ „Ja, aber du kannst doch den armen Jungen nicht alleine Bus fahren lassen. Was, wenn er an der falsche Station aussteigt?“, keifte die Glucke. „Karlsson ist den Weg schon hundertmal gefahren“, beruhigte ich sie. „Na und? Was, wenn er ausgerechnet beim hundertersten Mal nicht mehr weiss, wo er aussteigen muss?“

Irgendwie gelang es mir, die Glucke zum Schweigen zu bringen. Sie versuchte zwar noch, mich dazu zu bringen, Karlsson zu fragen, ob er sich wirklich ganz sicher sei, dass er die zwei Stunden ohne uns zurechtkommen würde und ob er nicht lieber doch mit uns kommen wolle, aber ich konnte der Glucke gerade noch rechtzeitig den Mund zuhalten. Und so liessen wir unseren Ältesten zum ersten Mal unbeaufsichtigt zu Hause, versehen mit unserer Handynummer und vielen gut gemeinten Ermahnungen. Und nachdem ich die Glucke endlich zu Boden gerungen hatte, konnte ich mir eingestehen: Es ist gar kein schlechtes Gefühl, nach zehn Jahren der rund um die Uhr-Betreuung zu wissen, dass das älteste Kind für eine kurze Zeit ganz gut auf sich selbst aufpassen kann. Er ist ja jetzt schon eine ganze Weile her, seitdem er eine Einzelle war.

Rabenmama?

Im Grossen und Ganzen halte ich mich für eine ziemlich besonnene Mutter. Eine, die sich nicht gleich in die Hose macht vor lauter Angst, bloss weil das Kind Nasenbluten hat. Eine, die nicht jedem Trend hinterherläuft, bloss weil „Wir Eltern“ darüber berichtet, dass ein Ungeborenes schon im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst wird. Eine, die nicht alles kauft, was für die Kinder angeblich gut sein soll – allein schon, weil das Budget all den überteuerten Mist gar nicht mitmachen würde. Eine, die nicht alle drei Tage beim Kinderarzt sitzt, weil sie im Internet wieder von einer neuen Gefahr für Babys Gesundheit gelesen hat. All die Dinge lassen mich ziemlich kalt und ich bin ganz glücklich dabei.

Aber manchmal beschleichen mich dennoch Zweifel: Bin ich eine Rabenmutter, wenn ich nicht zum Notarzt fahre, wenn das Prinzchen auf die Nase gefallen ist? Ich meine, das Kind war nach dem ersten Heulen wieder vollkommen zufrieden und zeigte keinerlei Auffälligkeiten. Aber ich weiss, dass andere Mütter dennoch zum Arzt gehen. Oder wie ist das mit der Förderung? Müsste Karlsson vielleicht so langsam oder sicher etwas weniger verspielt werden und seine freie Zeit mit pädagogisch wertvollen Lernspielen verbringen? Verpasst er die grossen Chancen des Lebens, wenn er auf Bäume klettert anstatt Chinesisch zu lernen? Okay, eigentlich weiss ich, dass auf Bäume klettern viel wertvoller ist, aber wenn ich dann wieder von Eltern lese, die ihre Kinder in jeden erdenklichen Förderkurs stecken, beschleichen mich doch die Zweifel, ob ich nicht etwas mehr tun müsste, um meinen Ältesten zu pushen. Und wie ist das mit diesen kleinen mathematischen Defiziten, die sich bei Luise bemerkbar machen? Reicht es, wenn „Meiner“, der als Primarlehrer doch immerhin als Fachmann durchgehen kann, mit ihr lernt? Oder müsste ein Spezialist her? Bin ich eine gleichgültige Tante, wenn ich lauthals lache, weil mir jemand vorschlägt, den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Heim zu stecken, bloss weil er hin und wieder über die Stränge schlägt? Müsste ich mich sorgen über seine unüberlegten Missetaten oder darf ich wirklich mit einem Schulterzucken auf Michel aus Lönneberga verweisen, aus dem schliesslich doch noch ein Gemeinderatspräsident geworden ist? Nimmt der Zoowärter Schaden, weil ich ihn zuweilen alleine ein Buch anschauen lasse, anstatt ihm rund um die Uhr vorzulesen, wie er es sich wünschen würde?

Ja, ich weiss, meine Zweifel sind absurd, aber welche Mütterzweifel sind das nicht? Ich weiss ja auch, dass sich jede Mama hin und wieder mit solchen Zweifeln in den Wahnsinn treibt. Aber ich weiss auch, dass man bei Mamas von vielen Kindern sehr viel schneller von Vernachlässigung redet als bei Mamas von weniger Kindern. Was bei einer Mama von weniger Kindern noch als Erziehung zur Selbständigkeit hoch angerechnet wird, wirft man uns Grossfamilienmüttern schnell mal Gleichgültigkeit vor. Und darum nutze ich die Zeit, die andere Mamas zum Grübeln über ihr vermeintliches Versagen brauchen dazu, darüber zu grübeln, ob ich noch als relaxed oder schon als gleichgültig angesehen werde.

In den See, mit einem Gewicht an den Füssen

„Machen wir uns doch wieder mal einen gemütlichen Fondue-Abend“, sagte ich heute zu meiner Familie. Man weiss ja nie, wie lange der Winter noch dauert und plötzlich ist es zu warm für geschmolzenen Käse. Ausserdem hatte ich heute keine Lust auf eine komplizierte Kocherei. Also schnell Schwarztee gekocht, „Meinen“ zum Brotschneiden abkommandiert, den Käse bereitgestellt – und festgestellt, dass sowohl der Weisswein als auch die Maisstärke fast leer waren. Macht ja nichts, dachte ich mir und machte mich ans Käseschmelzen. Man kann ja so ein Fondue auch mit Apfelsaft zubereiten. Habe ich als Kind beim „Blauen Kreuz“ gelernt.

Bald schon sass die hungrige Horde am Tisch, doch das Fondue wollte nicht binden. Also schnell Karlsson nach unten zur Grossmama geschickt, um Maisstärke-Nachschub zu holen. Der perfekte Moment für den Zoowärter, um seinen Schwarztee über den ganzen Tisch zu giessen. Zugleich auch der perfekte Moment für das Prinzchen, um aus dem Trip Trap zu stürzen. Und natürlich auch der perfekte Moment für Karlsson, um den Maisstärke-Nachschub auf dem Fussboden zu verschütten. Schon mal Maisstärke aufgeputzt? Ist ein wahres Erlebnis. Muss man unbedingt mal ausprobiert haben. Besonders dann, wenn zwei Elternteile verzweifelt versuchen, ein Prinzchen zu trösten, Schwarztee aufzuwischen, eine heulende Luise, einen heulenden FeuerwehrRitterRömerPiraten und einen heulenden Karlsson zu beruhigen und dazu noch zu verhindern, dass das Fondue anbrennt. Wahrlich gemütlich, dieser Fondue-Abend! So gemütlich, dass mir eine ganz böse Beleidigung über die Lippen rutschte, für die ich mich danach etwa zehnmal entschuldigte. Bis Karlsson mich fragte: „Mama, findest du es schlimm, wenn ich dir sage, dass es gar nicht so schlimm war, was du gesagt hast?“ Hä?

Nun, irgendwie schaffte ich es in all dem Chaos das Fondue mit dem Rest Maisstärke zu binden. Und zwar so sehr, dass es bei uns am Tisch schon bald aussah wie bei „Asterix bei den Schweizern“. Endlose Käsefäden überall. Und natürlich verlangte Luise alsbald nach Stockhieben, weil sie ihr Brot in der zähen Käsesuppe steckengeblieben war. Und bald schon wollte sie die Peitsche. Und dann in den See, mit einem Gewicht an den Füssen. Was wir ihr natürlich alles verweigerten. Wir sind doch keine Barbaren, … ähm, pardon, wollte sagen: Wir sind doch keine Römer. Auch wenn man es zuweilen meinen könnte.

Spielplatz

Seit etwas mehr als achtzehn Jahren tummeln wir uns jetzt auf diesem Spielplatz, „Meiner“ und ich. Eine traumhafte Anlage, schön gelegen, mit unzähligen Spielmöglichkeiten, gemütlichen Sitzbänken und Picknick-Gelegenheiten, lauschigen Plätzen. Einfach alles, was das Herz begehren könnte. Anfangs konnten wir nicht genug davon bekommen, all die verschiedenen Spielgeräte zu erkunden: Wir kletterten wagemutig auf dem Kletterturm, drehten auf dem Karussell bis uns schwindlig war, wühlten uns genüsslich durch den Sandkasten und schauten, wer die schönere Sandburg bauen kann. Nach einer Weile hatten wir genug gespielt und wir genossen das süsse Nichtstun. Wo ist es gemütlicher? Im Weidenhaus oder beim Fussbad im klaren Bach? Wo lässt es sich besser quatschen? Auf der Parkbank oder am Picknicktisch mit einem randvoll mit Leckerbissen gefüllten Korb? Die Möglichkeiten waren grenzenlos. Wir liebten diesen Spielplatz.

Wir lieben ihn noch immer. Aber der Spielplatz gehört nicht mehr uns alleine. Das Karussell wird von anderen in Beschlag genommen, der Kletterturm auch. Und „Meiner“ und ich haben immer mehr die Aufgabe übernommen, dafür zu sorgen, dass die anderen glücklich sind auf unserem Spielplatz. Wir passen auf, dass sich niemand weh tut, wir sorgen dafür, dass der Picknickkorb nie leer wird, wir stehen am unteren Ende der Rutschbahn und fangen die Rutschenden auf, wenn sie zu schnell unterwegs sind. Wir achten darauf, dass der Spielplatz sauber bleibt, dass er so einladend ist, wie wir ihn angetroffen haben. Wir sind fast rund um die Uhr damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass dieser Spielplatz ein Ort bleibt, an dem man sich gerne aufhält, dass er ein Ort bleibt, an dem Viele glücklich sein können und nicht bloss wir zwei. Wir lieben diese Aufgabe.

Doch manchmal möchten wir auch ein wenig spielen. Aber das einzige Spielgerät, dass uns bleibt, ist die „Gigampfi“, in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Wippe. Fast täglich stehlen wir uns mal kurz zwischendurch für ein paar Minuten weg, um zu wippen und das seit Jahren schon. Am Anfang machte das durchaus Spass: Auf und ab, auf und ab, auf und ab. Irgendwann aber wurde es schwierig. Ich blieb unten, „Meiner“ versuchte mit aller Kraft, mich nach oben zu bringen und schaffte es nicht mehr. Zumindest nicht mehr alleine. Die Leute eilten ihm zu Hilfe, damit ich wieder hochkommen konnte. Und es gelang, es geht wieder weiter wie zuvor: Auf und ab, auf und ab, auf und ab.

So langsam aber haben „Meiner“ und ich genug gewippt. Wir möchten ganz gern mal wieder rutschen, oder klettern, oder am allerliebsten schaukeln. So richtig hoch hinaus, mit viel Schwung und diesem unglaublichen Gefühl im Bauch, dass es keine Grenzen gibt. Mal schauen, ob bald mal eine Schaukel für uns zwei frei wird…