Ist der Kuchen ruiniert…

An Luises 11. Geburtstag habe ich endlich verstanden, dass ich nicht mitzumachen brauche beim Wettlauf um den schönsten Geburtstagskuchen aller Zeiten. Heute, an Prinzchens 7. Geburtstag, habe ich mir bewiesen, dass ich nicht nur verstanden habe, sondern inzwischen auch lebe, was ich glaube. Das ging so:

Prinzchen wollte zu seinem Geburtstag einen Ritterburg-Kuchen und zwar einen mit viel Schokolade. Schokoladenkuchen ist nicht mein Ding, ich werde wohl bis zu meinem Lebensende nicht verstehen, was die halbe Welt so toll daran findet. Aber wenn ein Kind etwas zum Geburtstag wünscht, ist mir das Befehl – es sei denn, es wünschte sich einen Hund – und darum suchte ich mir aus den unzähligen „Bester Schokoladenkuchen aller Zeiten“-Rezepten das am wenigsten unsympathische aus, mischte den Teig, schmierte das Zeug in die Ritterburg-Backform und glaubte, für einmal einen ganz annehmbaren Geburtstagskuchen kreiert zu haben. Das dachte ich leider nur so lange, bis der Kuchen ein wenig abgekühlt und aus der Form war. Da stand nämlich keine Ritterburg auf dem Kuchenteller, sondern eine Burgruine.

Vor meinem Gesinnungswandel zu Luises 11. Geburtstag habe ich in solchen Momenten je nach Stimmungslage ein paar Tränchen verdrückt, oder aber den elenden Kuchen an die Wand geschmissen. Heute jedoch betrachtete ich den unansehnlichen Haufen mit kühler Distanz, griff zur Glasur, schmierte alles voll und als ich die goldenen Zuckerhalbmonde darüber streute, die ich gestern einer Eingebung folgend gekauft hatte, war mir auch klar, wie ich dem Prinzchen die Sache schmackhaft machen kann. Die Osmanen hätten die Ritterburg angegriffen, würde ich erklären, doch die tapferen Ritter hätten mutig gekämpft, darum sei die Burg zwar ziemlich lädiert, nicht aber dem Erdboden gleich gemacht. Wie man an den Halbmonden unschwer erkennen könne, sei es den Osmanen aber gelungen, die Burg zu erobern. (Es komme mir jetzt keiner mit Erklärungen, die Osmanen hätten keine Ritterburgen angegriffen. Und erst recht komme mir keiner mit kruden Interpretationen im Zusammenhang mit der aktuellen Weltlage.)

Ich freute mich richtig, dem Prinzchen meine missratene Torte zu präsentieren, doch der liess mich nicht mal bis zu den Osmanen kommen. „Macht nichts, dass die Torte nicht so schön geworden ist“, sagte er, als er von der Schule nach Hause kam „darf ich jetzt endlich mein Geschenk auspacken?“

Um den Geburtstagskuchenstress weiter zu mindern, plane ich deshalb demnächst ein familieninterne Meinungsumfrage zum Thema „Braucht es am Geburtstag überhaupt einen Geburtstagskuchen?“

IMG_8172

Ich könnte brüllen vor Lachen, wenn…

…ich dran denke, wie ich kurz vor der Matura glaubte, ich würde in meinem ganzen Leben nie mehr Hausaufgaben machen.

…ich mich erinnere, wie ich jeweils grossspurig erklärte, wenn wir mal Kinder hätten, würden „Meiner“ und ich abends, wenn einer von uns von der Arbeit nach Hause käme, erst einmal ein Viertelstündchen miteinander ein Tässchen Tee trinken und über den Tag plaudern, ehe wir uns ins familiäre Feierabendgetümmel stürzen.

…ich mir vor Augen führe, wie ich jeden Abend Karlssons Playmobil-Zoo in Ordnung brachte, damit auch ja jedes der kleinen Tierchen die Nacht in seinem Gehege verbringen würde. 

…man mir erzählt, wie ich in Vorkinderzeiten jeweils sofort zum Lappen griff, weil sich einer an meinem blitzblank geputzten Küchentrog die Hände gewaschen hatte. (Von meiner Überzeugung, ich würde diese Marotte durch die Familienjahre hindurch retten und bis ans Ende meiner Tage beibehalten, wollen wir erst gar nicht reden.)

…ich mir in Erinnerung rufe, wie ich Tag für Tag darauf wartete, endlich ruhig und ausgeglichen zu werden, bloss weil meine ruhigen und ausgeglichenen Verwandten beteuert hatten, ich würde dann schon auch ruhig und ausgeglichen werden, wenn ich erst mal Mutter sei.  

…mir in den Sinn kommt, dass ich nach meinem Austauschjahr in den USA überzeugt war, ich würde meiner Familie mal jeden Tag ein warmes Frühstück servieren, um einen gemütlichen Start in den Tag zu zelebrieren. 

…man mich dran erinnert, dass ich früher laut herausposaunte, ich würde mir meine Privatsphäre von niemandem rauben lassen, auch nicht von meinen Kindern. 

…ich an den Tag zurückdenke, an dem ich heulend, schniefend und stillend mit Karlsson auf dem Sofa sass und glaubte, ich hätte mich in eine Milchkuh verwandelt und mein Leben würde für die nächsten zwanzig Jahre so bleiben. 

…ich mich erinnere, wie „Meiner“ und ich jeweils sagten, wir würden nie, aber auch wirklich gar nie in Gegenwart unserer Kinder das Verhalten einer Lehrperson kritisieren. 

…ich mir überlege, wie lange ich felsenfest davon überzeugt war, unsere Kinder würden ohne Mama-Taxi über die Runden kommen müssen. (Na ja, wenn ich mir’s recht überlege, bin ich davon noch immer überzeugt, aber unsere Kinder sehen das leider anders.)

IMG_9488

Plaisir d‘ amour ne dure qu’un moment…

Er traf sie auf dem Spielplatz des Freilichtmuseums und es war Liebe auf den ersten Blick. Ihre sanften Augen und das glänzende schwarze Haar taten es ihm ebenso an, wie ihr fröhliches Wesen. Immer wieder zog es ihn zu ihr hin, sogar dann, als er eigentlich hätte essen sollen – und Essen verschmäht er sonst nie. Als wir ihn dazu überredeten, doch etwas zu essen, teilte er seine Karotten mit ihr. Bevor wir nach Hause gingen, musste er sie unbedingt noch einmal sehen. Nur mit Mühe liess er sich vom Spielplatz weglocken, danach sass er schluchzend und schniefend im Auto. Sein Herz, das sie im Sturm erobert hatte, wollte brechen vor lauter Trennungsschmerz. So unsterblich liebt er sie, dass er, kaum wieder zu Hause, damit anfing, Zukunftspläne zu schmieden. Okay, zuerst malte er noch ein paar Herzen, schrieb mit verträumtem Blick ihren Namen und erzählte unablässig davon, wie toll sie ist.

Ja, und dann rückte er eben mit seinen Zukunftsplänen raus: Sie soll zu uns ziehen, am besten schon an Weihnachten, wenn das zu früh ist, halt spätestens an seinem Geburtstag. Über den Platz soll ich mir mal keine Sorgen machen, meinte er, wir würden das schon irgendwie hinkriegen. Und sie würde auch ganz bestimmt nicht zu viel essen, sie sei da ganz bescheiden. So glücklich war er, als er von der gemeinsamen Zukunft mit ihr sprach, dass ich beim besten Willen nicht weiss, wie ich dem Zoowärter beibringen soll, dass mir eine Ziege nicht ins Haus kommt und sei sie noch so schön und liebenswert und anhänglich und sanft und lustig und verfressen und treu und schlau und anspruchslos und und und….

(Ich hab‘ mir ja immer vorgenommen, eine ganz und gar tolerante Schwiegermama zu werden…aber eine Ziege?!?!)

IMG_7986

Jetzt wird es richtig kompliziert

Sommerferien 1999:

„Wollen wir nicht doch noch ein wenig wegfahren?“, fragte ich „Meinen“ eines schönen Morgens. „Warum nicht? Hast du eine Idee, wohin?“, antwortete er. „Hmmm, man sagt, Sardinien sei noch schön“, gab ich zurück. Wir starteten den Computer auf, um ins Internet zu gelangen, was damals noch eine ganze Weile dauerte, suchten nach ansprechenden Angeboten, was ebenfalls eine ganze Weile dauerte, weil die Verbindung zu jenen Zeiten noch sehr sehr langsam war, doch irgendwann fanden wir eine halbwegs vertrauenswürdige Seite, auf der man Fährverbindungen buchen konnte. Drei Tage später waren wir unterwegs nach Sardinien, fünf Tage später überlegten wir uns, ob wir die Insel nicht wieder fluchtartig verlassen sollten, weil wir die Langeweile des Strandlebens kaum aushalten konnten. Wir entschlossen uns, zu bleiben und klapperten in der Folge sämtliche Museen Sardiniens ab, um uns irgendwie die Zeit bis zur Rückreise totzuschlagen. 

Sommerferien zwischen 2001 und 2009:

Viel wichtiger als das Ziel waren die Dauer des Anfahrtsweges, die Babyausstattung am Ferienort und die Möglichkeit, sich zweimal am Tag an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Ziemlich kleinkariert, fanden wir, für spannendere Dinge waren wir aber schlicht zu müde. Ziemlich kompliziert, fanden wir auch, denn das Kofferpacken fühlte sich jeweils an, als würden wir in den Dschungel auswandern und nicht etwa, als würden wir für zwei Wochen ins Nachbarland fahren. 

Sommerferien zwischen 2010 und 2015:

Reiseziel aussuchen, im Internet Ferienhäuser anschauen, buchen, Transport organisieren, Koffer packen, abreisen, Ferien geniessen. Fast so einfach wie in kinderlosen Zeiten, wenn auch mit etwas mehr Gepäck. Würde es so weitergehen, kämen wir glatt in Versuchung, uns allmählich nach etwas exotischeren Reisezielen umzusehen, weil es ja inzwischen so gut läuft mit den Familienferien.

Aber eben, es wird nicht so weitergehen, denn nächsten Sommer wird es kompliziert: 

Zuerst einmal sind da die verschobenen Feriendaten. Die Kinder müssen eine Woche länger durchhalten als „Meiner“, dafür werden sie noch in den Federn liegen, wenn er nach den Sommerferien seine neuen Schüler begrüsst. Auf dem Papier sind das immerhin vier gemeinsame Ferienwochen. In der Praxis aber gehen zwei dieser vier Wochen für Ferienlager drauf, die unsere Kinder um nichts in der Welt verpassen wollen. Je nachdem, in welcher Ferienwoche diese Lager stattfinden, bleiben uns eine oder zwei Wochen, um gemeinsam zu verreisen. Okay, theoretisch könnten wir die Kinder natürlich dazu zwingen, sich unserem Programm anzupassen, aber unser Leidenswille ist nicht gross genug, um uns einen Sommer lang anzuhören: „Eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden am Lagerfeuer sitzen, aber ihr habt mich ja dazu genötigt, mit euch an diesen öden Ort zu fahren. Ich werde jetzt vier Wochen lang schmollen. Und glaubt bloss nicht, dass ich mit euch in dieses doofe Museum komme.“ Dann stellt sich natürlich auch die Frage, was wir mit den Kindern anstellen, die während der Lagerwochen zu Hause bleiben. Ein Spezialprogramm organisieren, das die Abtrünnigen vor Neid erblassen lässt? Oder doch lieber jemanden suchen, bei dem sie unterkommen können, damit wir mal ein paar Tage für uns haben? Was dann allerdings die Gefahr mit sich brächte, dass wir völlig kopflos spontan irgendwo hin verreisen, nicht wissen, was wir dort anstellen sollen und dann wären wir fast wieder dort, wo wie angefangen haben. 

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

Lieblingsmoment

Nicht immer endet Prinzchens Tag so, wie er es eigentlich gerne hätte. Mal verbiete ich ihm, abends um neun, wenn er eigentlich schon längst im Bett sein sollte, bei Grossmama anzuklopfen und zu fragen, ob er bei ihr übernachten darf, mal haben die grossen Geschwister sämtliche Zimtwecken weggefuttert, mal verbieten wir die letzte Runde mit dem Velo, weil es draussen bereits dunkel wird. Wenn der Tag mies endet, braucht Prinzchen Trost, um einschlafen zu können und Trost bekommt er in solchen Momenten am liebsten in Form der immer gleichen schwedischen Kinderlieder. Lieder, die er nun schon seit mehr als zwei Jahren zu hören bekommt und die er doch immer und immer wieder vorgesungen haben will. Früher jeden Abend, jetzt nur noch, wenn er findet, es habe sich mal wieder alles gegen ihn verschworen.

Die stets gleichen Melodien vertreiben seine Traurigkeit im Nu, so dass er bald wieder zufrieden in seinem Bett sitzt und Bilderbücher anschaut oder Kapla-Türme baut. Ganz selten nur noch gesellt sich dann die Müdigkeit zu ihm, sein Kopf wird schwer, sinkt auf den Bären, der noch immer Prinzchens liebstes Kopfkissen ist, die Augenlider beginnen zu flattern und bald schläft er selig lächelnd ein. Ein heiliger Moment, in dem ich so überaus dankbar bin, dass ich meinem grossen kleinen Jungen noch immer hin und wieder den Kummer von der Seele singen darf. 

21750829432_c195cf2635_o

Herbstferien

Luftschloss:

Ganze Tage im Garten arbeiten, viel Zeit mit Freunden verbringen, ein paar Ausflüge machen oder vielleicht auch zwei Tage wegfahren, ein wenig ausschlafen, wenn es mit dem Garten gut vorangeht, damit anfangen, die Küche aufzumöbeln.

Realität:

Kinderärztin mit Luise, Physiotherapie mit Luise (4 x), Spezialärztin mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten (2x), Zaharzt („Meiner“), Spezialärztin (nicht die gleiche wie vorher, da für „Meinen“), tagelang über die Hochbeetfrage diskutieren, anstatt Hochbeete zu bauen (Okay, die Frage ist jetzt ausdiskutiert und falls es hinhaut, wird es guuuut), Hetbstschuhe kaufen, aufräumen, putzen, arbeiten, Rechnungen bezahlen, neues Handy für Luise ersteigern (alleine dies wäre eigentlich ein Fulltime-Job), Klaviertransport organisieren (auch das beinahe ein Fulltime-Job, weil der Transporteur sich rar macht) neuen Fernseher installieren… und das alles sind natürlich nur die Fixpunkte, dazwischen gibt es zu klären, wer wann ans neue Klavier darf, wer sich am Magenbrot vergriffen hat, wie man Zoowärters Albtraum bekämpft, woher man spät abends Lesenachschub für den FeuerwehrRitterRömerPiraten bekommt und wie man Prinzchens Quetschung an den Fingern am besten lindert. Business als usual also und ich frage mich, warum ich nach fast fünfzehn Jahren Familienleben noch immer blöd genug bin, zum Ferienbeginn Luftschlösser zu bauen. 

image

Ganz schön kindisch

Neulich schrieb ich über Geschwisterkonstellationen (das Resultat meiner Arbeit könnt ihr hier nachlesen) und wie ich beim Durchackern von Fachliteratur feststellte, ist das Thema nicht ganz unumstritten. Das Spektrum reicht von „Geschwister haben nicht den geringsten Einfluss“ bis zu „Nenn mir deine Position in der Geschwisterfolge und ich sage dir, wer du bist“. Ich selber stehe mit meiner Meinung irgendwo zwischen diesen zwei Extremen, sehe ich doch in meinem familiären Umfeld die Thesen mal glasklar bestätigt, dann wieder eindeutig widerlegt. Soweit die Theorie. In der Praxis…

…fing ich an, über Erstgeborene zu schreiben, was ich ganz und gar sachlich und emotionslos tun konnte.

…schrieb ich weiter über Zweitgeborene, was zwar nicht ganz so einfach war, aber immer noch ganz und gar sachlich vor sich ging.

…schrieb ich über Sandwichkinder, was mir erstaunlich leicht von der Hand ging, was wohl daran lag, dass auch hier nicht ein Hauch von Emotionen im Spiel war. 

Tja, und dann kam ich zu den Jüngsten…Himmel, was musste ich mich zusammenreissen! „Die Jüngsten werden immer für verwöhnt gehalten“, wollten meine Finger in die Tasten hauen, „aber das stimmt überhaupt gar nicht, denn die bekommen immer nur aufs Dach von ihren grossen Geschwistern. Nie werden sie für voll genommen, andauernd quält man sie mit Ratschlägen und die Freiheiten, die sich die Grossen ganz selbstverständlich rausgenommen hatten, wollen sie beim Jüngsten verboten sehen, weil sie inzwischen selber so furchtbar erwachsen und vernünftig geworden sind. Schule ist für Jüngste grundsätzlich öde, weil sie den ganzen Kram schon hundertmal von den grossen Geschwistern gehört haben und nie geht man mit ihnen in den Zoo, weil die Eltern die Nase voll haben davon, zum hunderttausendsten Mal zu sagen: ‚Sieh mal, ein Baby-Elefäntchen! Ist das nicht süss?‘ Beachtung gibt’s nur, wenn man den Clown macht, ansonsten gilt man als lästiges Anhängsel. Jeder meint, es sei wunderbar, ein Nesthäkchen zu sein, dabei ist es die doofste Position von allen. Es sei denn, man bringe es fertig, einen auf schwach und unbeholfen zu machen, damit sie gezwungen sind, einem aus der Patsche zu helfen.“ 

Fragt nicht, wie ich es hingekriegt habe, doch noch eine halbwegs objektive Sicht der Dinge zu formulieren. Auf jeden Fall weiss ich jetzt, dass das Nesthäkchen in mir nicht nur äusserst lebendig, sondern auch ganz schön kindisch ist. 

IMG_7948

Nebenschauplatz

Zum Streiten kommt man in so einer Ehe mit Kindern ja nicht mehr richtig. Sind die Kinder noch wach, wird ihnen Angst und Bange, wenn Mama und Papa einander gegenseitig anbrüllen und mit Tellern um sich schmeissen. Sind die Kinder im Bett ist man zu müde, um sich noch Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Sollte man es tatsächlich mal schaffen, ein paar Stunden ohne Kinder zu sein, gibt es noch so viele andere Dinge zu tun, dass Streit nicht den ersten Platz auf der Prioritätenliste einnehmen kann. Also muss man die Kämpfe, die ja irgendwie zu einer funktionierenden Beziehung dazugehören, auf einem Nebenschauplatz austragen. Bei uns ist das aktuell gerade der Garten.

Ich demontiere ganz und gar respektlos die potthässliche, instabile, klotzige Rankhilfe, die er vor einem oder zwei Jahren in mühevoller Kleinarbeit gebaut hat. 

Um sich an mir zu rächen, führt er das Mäuerchen des Halbrundbeetes einfach zur anderen Seite des Gartenpfades weiter, obschon ich ihm klipp und klar gesagt habe, dass ich das nicht haben will. Und dann erwartet er auch noch Komplimente, für sein unglaublich tolles Gartendesign.

Ich würde mir natürlich lieber die Zunge abbeissen, als ihm das erwünschte Kompliment zu schenken. (Obschon das Resultat seiner Bemühungen ganz ansprechend aussieht, aber wehe, einer von euch verrät mich!)

Er kritisiert, ich hätte das Moorbeet ganz und gar falsch angelegt. Nicht dass er etwas vom Anlegen von Moorbeeten verstünde –  den Ratgeber habe ich gelesen -, aber optisch passt es dem Herrn Gemahl nicht. 

Dann ändere ich halt die Form des Moorbeets, weil ich diese Niederlage aber nicht einfach so einstecken kann, schnappe ich mir das einzige gerade auffindbare Schäufelchen und buddle Tulpenzwiebeln in den Boden, wohl wissend, dass er ohne das Schäufelchen an seinem Mäuerchen nicht weiter werkeln kann. (Das hat man eben davon, wenn man ohne Rücksprache mit mir längere Mäuerchen baut und an meinen Moorbeeten rummäkelt.)

Irgendwann gelingt es ihm, sich das Schäufelchen zu schnappen und dann stehe ich da mit meinen Tulpenzwiebeln und weiss nicht, wie ich die in den Boden bringen soll und dann beginne ich zu jammern, weil das zweite Schäufelchen mal wieder spurlos verschwunden ist und daran ist ganz bestimmt nur „Meiner“ schuld, denn der schiebt ja immer die Steine von einem Ort zum anderen, anstatt sie endlich zu entsorgen, aber das sage ich natürlich nicht laut, sonst würden wir ja offen streiten. 

Ihn lässt das alles kalt, denn er muss jetzt schaufeln, sonst trocknet der Mörtel ein. 

Die Menschen, die am Haus vorbeigehen, freuen sich an dem netten Paar, das in froher Eintracht in der Erde wühlt, die kleineren Kinder machen fröhlich den Handlanger, die grösseren Kinder plündern oben in der Wohnung den Kühlschrank und keiner merkt, dass wir einen erbitterten Kampf austragen, weil wir bei all dem nicht ein einziges böses Wort verlieren. Warum sollten wir auch, wo doch das Resultat unseres kleinen Machtkampfes durchaus ansprechend aussieht? (Also ja, mal abgesehen von dem verlängerten Mäuerchen, das ich im Kreise der Familie erst dann als schön bezeichnen werde, wenn „Meiner“ vergessen hat, wie sehr ich mich gegen seine Idee gestemmt habe.)

IMG_9456

Rabenmutter geht ohne Kinder zur Kundgebung

Ein paar Gewissensbisse hatte ich ja schon, als ich heute kurz nach sechs meine vier Söhne alleine zu Hause liess, um zur Kundgebung gegen Fremdenhass zu gehen. Okay, „Meiner“ würde wenig später bei ihnen sein, aber irgendwie sah es halt doch danach aus, als würde sich Mama lieber protestierend auf der Strasse rumtreiben, als dafür zu sorgen, dass ihr Nachwuchs ein warmes Abendessen in den Bauch bekommt. „Man kann nur hoffen, dass diese Begebenheit nie bei einem Therapeuten zur Sprache kommt“, sagte ich zu mir selbst, als die Haustüre hinter mir ins Schloss fiel. 

Wie tief zumindest das Prinzchen von meinem Weggehen getroffen war, erfuhr ich ein paar Stunden später, als ich ganz beschwingt von der Erfahrung, nicht alleine dazustehen mit meiner Überzeugung, wieder nach Hause kam. „Noch kein einziges Mal in meinem Leben war ich auf einer Demo!“, heulte er, als wäre dies das Schlimmste, was einem fast Siebenjährigen passieren kann. „Du hast mich einfach nicht mitgenommen, dabei will ich doch unbedingt auch mal bei einer Demo mitmachen!“ 

Na ja, mein kleiner Prinz, ich fürchte fast, diese Welt wird dir noch die eine oder andere Gelegenheit bieten, das am heutigen Abend Verpasste nachzuholen. 

IMG_2104

Umwelterziehung?

„Nicht zu viel Badezusatz ins Wasser“, predige ich. „Ein paar Tropfen reichen, um richtig schönen Schaum zu machen.“ Beim nächsten Vollbad landen dann doch wieder zwei – ja, richtig gelesen Z-W-E-I – volle Flaschen Duschgel im Wasser. Und nein, es war nicht etwa das jüngste, unerfahrenste Kind, das dieses Verbrechen begangen hat.

„Licht löschen, wenn man den Raum verlässt. Man kann nicht gegen AKWs sein und andauernd sinnlos Strom verbrauchen“, wiederhole ich so oft, dass ich die Sache bald selber nicht mehr hören mag. Und warum wiederhole ich das so oft? Na, warum wohl?

„Nein, Getränke in Dosen kaufe ich euch nicht“, sage ich, wenn sie unterwegs allzu durstig werden. Es kümmert sie nicht weiter. Sie haben ja Taschengeld und mit dem wird man ja wohl noch machen dürfen, was man will. 

„Bütschgi in den Grünabfall!!! Wie oft muss ich das noch sagen?“, brülle ich, wenn der Abfallkübel mal wieder von auffällig vielen Fruchtfliegen umsummt wird. Das Bütschgi landet natürlich trotzdem nicht im Grünabfall, sondern hier

„Lieber weniger Auswahl im Kleiderschrank, dafür fair produziert“, doziere ich und glaube, sie hätten verstanden, weil die Sache mit der Kinderarbeit ihnen immer zu Herzen geht. Aber dann lockt eben doch der Ausverkauf. 

Und noch ein paar weitere Dinge, die mit ähnlicher Begeisterung aufgenommen werden. Manchmal frage ich mich, ob sie je begreifen werden. Doch dann erinnere ich mich, dass auch ich erst dann grüner wurde, als ich nicht mehr ganz so grün war hinter den Ohren. 

IMG_7003