Mir dämmert etwas…

Jetzt ist es also soweit: Das letzte Kindergartentäschchen ist gekauft, morgen lernt das Prinzchen seine Kindergartenlehrerin kennen, bekommt Leuchtstreifen, Stundenplan und Klassenliste, in vier Tagen macht er seinen Schulabschluss, in drei Wochen steht er vor dem Traualtar und Ende Jahr halte ich sein erstes Kind im Arm. Irgendwie so wird das gehen, ich weiss es doch. Ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal.

Kaum hat dein Kind seinen Fuss über die Schwelle des Kindergartens gesetzt, fängt es an, in die Höhe zu schiessen, es bringt Wörter nach Hause, die es von dir nie zu hören bekäme, es verknallt sich unsterblich in die Kindergartentante, verbringt jede freie Minute mit seinen Freunden und du bist nur noch dazu da, Pausenbrote zu schmieren, kleine Wunden zu verarzten und Elternbriefe zu lesen. 

Okay, ich weiss, ich übertreibe mal wieder, aber nur ganz leicht, denn meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass die Jahre noch schneller verfliegen, wenn ein Kind erst mal dem Schulsystem in die Fänge geraten ist. Ich meine, es ist doch erst ein paar Wochen her, seitdem ich Karlsson zum Schnuppermorgen in den Kindergarten begleitet habe und morgen ist schon das Prinzchen dran. Ich könnte heulen.

Tue ich aber nicht, denn neulich habe ich mir vorzustellen versucht, wie ein Prinzchen-freier Vormittag aussehen könnte und mir dämmerte, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal die Wohnung putzen kann, ohne dass mir gleich wieder einer den Fussboden verdreckt.

Okay, ich geb’s zu, das ist es, was mir hätte dämmern müssen. In Wirklichkeit hat mir natürlich gedämmert, dass ich dann vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wiedermal eine Kanne Tee aufgiessen und mich mit einem dicken Schmöker aufs Sofa schmeissen kann. Natürlich nur, um mich über Prinzchens Abwesenheit hinwegzutrösten…

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Ente in High Heels

Jetzt, wo der Sommer mit Wucht über uns hereingebrochen ist, werden wir Mamas und Papas dazu gezwungen, unsere Liegestühle und Gartenbeete hinter uns zu lassen, denn wir müssen unsere Kinder zum Bahnhof bringen, wenn es auf Schulreise geht, wir werden im Schulhaus erwartet, weil die Knöpfe zum ersten Mal Schulhausluft schnuppern dürfen, oder man bittet uns zum letzten Schülerkonzert der Saison. Weil „Meiner“ das ganze Programm jeweils mit seiner Klasse durchspielt, bleibt es meistens mir überlassen, die Familie Venditti bei solchen Gelegenheiten zu vertreten. Immer öfter fällt mir dabei auf, dass ich immer weniger ins Bild passe. Mir fehlt die Mama-Kluft, die in den vergangenen Jahren bei uns in der Provinz in Mode gekommen ist. 

Die Mama-Kluft setzt sich zusammen aus hautengem Tank-Top, vorzugsweise quergestreift oder mit grellem Aufdruck über der Brust, 3/4-Hose oder Leggings und Crocs. Das Haar wird zum streng nach hinten gezogenen Pferdeschwanz zusammengebunden, die Sonnenbrille ist so geschickt in den Haaransatz geschoben, dass sich erst auf den zweiten Blick zeigt, wie dringend nachgefärbt werden müsste. Diese Kluft tragen fast alle Mütter, ob sie nun spindeldürr, kugelrund oder hochschwanger sind und irgendwie sehen darin alle weniger hübsch aus, als sie es wären. 

Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich die Mama-Kluft kaum von dem Kleidungsstil anderer Frauen zwischen dreissig und fünfundvierzig, die mehr Wert auf Tragbarkeit als auf Stil legen. Woran aber erkennt man, dass die Crocs-Trägerin eine Mama ist? An den Tattoos, natürlich. Neben den üblichen Modesujets, die jeden Tätowierer, der etwas auf Individualität gibt, erschaudern lassen, haben sich die Mamas nämlich die Namen oder zumindest die Initialen ihrer Kinder stechen lassen. Das gehört inzwischen so selbstverständlich zum Auftritt einer Mutter, dass ich mich frage, ob man heutzutage bei der Anmeldung ins Spital angeben muss, ob man den Namen des Kindes schon im Gebärsaal tätowiert haben möchte, oder erst bei der Nachkontrolle sechs Wochen später. Die Scheusslichkeit der meisten Schriftzüge lässt darauf schliessen, dass die Mamas sich für das Stechen im Gebärsaal entscheiden, wo die überwältigenden Glücksgefühle über die Geburt des neuen Menschleins jeden guten Geschmack vergessen machen. So bleiben die Mamas ein Leben lang von der Geburt gezeichnet.

Ich muss gestehen, dass ich bis auf meinen stets grauer werdenden Haaransatz so gar nicht mithalten kann mit den anderen Mamas. Es beruhigt ungemein, dass auch noch eine Handvoll anderer Mütter nicht in dieses Bild passen will, denn ansonsten müsste ich mich fragen, ob eine ganze Müttergeneration vom Wege des halbwegs ansprechenden Stils abgekommen ist. 

Ich will damit übrigens keineswegs behaupten, ich käme stets wie aus dem Ei gepellt daher. Im Gegenteil, oft sehe ich aus, als wäre ich eben erst aus dem Bett gepurzelt. Doch offenbar besitze ich noch einen Hauch von Eitelkeit, der mir verbietet, meine Speckröllchen und Schwangerschaftsstreifen jedem zu zeigen, der mir über  den Weg läuft. Und was die Namen meiner Kinder angeht: Die muss ich mir nicht tätowieren lassen, denn jeder im Dorf weiss, dass die fünf zu mir gehören. Und überhaupt, ich mit Tattoo, das wäre etwa so wie, eine Ente in High Heels. Ich meine eine richtige Ente, nicht Daisy Duck…

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Überstanden

Angedeutet hatte er es schon öfters, seit heute aber ist es offiziell: „Meiner“ und ich sind unfair, haben ihn immer nur an der kurzen Leine gehalten, erlauben ihm nichts, aber auch wirklich gar nichts, die jüngeren Geschwister hingegen dürfen alles, sie können tun und lassen, was sie wollen. Keine zehn Schritte darf er aus dem Haus machen, es ist ein Wunder, dass wir ihn überhaupt in die Schule gehen lassen. Unsere Behauptung, wir hätten ihn immer mal wieder dazu ermutigt, grössere Schritte zu wagen, ist eine fette Lüge. Er hätte ja schon gewollt, aber wir haben immer alles zu verhindern gewusst. Okay, er weiss auch nicht so recht, was er denn überhaupt hätte machen wollen, aber hätte er eine Idee gehabt, hätten wir ganz bestimmt nein gesagt. Wie immer, wenn er etwas will. Wenn aber die anderen fragen, sagen wir immer ja. Immer… Er schäumte vor lauter Wut und auch mir fiel es alles andere als leicht, die Fassung zu bewahren, vor allem, als er… Nein, das schreibe ich hier nicht, das ist privat und ich hätte es auch nicht geschätzt, wenn meine Mutter so etwas breitgeschlagen hätte.

So schnell, wie der grosse Zorn aufgezogen war, war er auch wieder verflogen. Bald konnten wir wieder ganz vernünftig miteinander reden und inzwischen bin ich froh, dass wir endlich unsere erste halbwegs heftige pubertätsbedingte Auseinandersetzung hatten, denn je länger sie ausbleibt, umso mehr fürchtet man sich vor ihr. Mir kommt es vor, als hätten sich die Auseinandersetzungen in der Trotzphase nach einem ganz ähnlichen Muster abgespielt, wenn auch damals mit weniger direkten Angriffen auf „Meinen“ und mich. Die Trotzphase haben wir auch irgendwie überstanden, also werden wir auch das mit den Teenagerjahren irgendwie packen. Auch wenn er uns natürlich in ein paar Jahren – teilweise zu Recht – vorwerfen wird, mit den kleinen Geschwistern seien wir viel weniger streng gewesen als mit ihm.

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Ende der Kleinkindphase

Nach langer Zeit habe ich endlich wieder die Geduld, an einem Buch dranzubleiben, bei dem ich Abschnitte mehrmals durchlesen muss, weil so viel drin steht. Kein Buch, das man sich so nebenbei, zwischen Hausaufgaben und kochen reinziehen kann, weil es so seicht ist, sondern ein Buch, das mich in Gedanken begleitet, wenn ich den Geschirrspüler ausräume oder im Garten Nacktschnecken zertrete. Ein Buch, über das ich gerne mit jemandem diskutieren möchte, aber ausser mir interessiert sich wohl keiner für das Thema. 

Ich freue mich wieder darüber, wenn ich bei einer Umfrage nach meiner Meinung gefragt werde und lege nicht mehr entnervt auf, weil im Hintergrund drei Kinder im Chor brüllen. Bevor nun alle Meinungsforschungsinstitute zum Telefon greifen, um mich anzurufen, möchte ich betonen, dass ich mich nur über Umfragen freue, bei denen ich nach meinen politischen Ansichten gefragt werde. Ist doch immer ein Genuss, wenn man über alles wettern kann, was einen in den vergangenen Monaten bei der Zeitungslektüre genervt hat. 

Wenn wir aus dem Haus gehen, sobald alle anderen weg sind, schaffen es das Prinzchen und ich, zu Fuss einkaufen zu gehen, unterwegs mit ziemlich vielen Leuten zu reden und doch noch rechtzeitig das Mittagessen auf den Tisch zu bringen. Eben noch hätten wir dafür mindestens einen Tag gebraucht, doch seitdem das Prinzchen nicht mehr jeden Regenwurm begrüssen und jede Mauer besteigen muss, überholen wir locker jede Weinbergschnecke, der wir unterwegs begegnen. 

Schneit jemand spontan bei uns herein, kann ich fast immer sagen: „Kaffee oder Tee? Ich habe Zeit.“ Und fast immer meine ich es ehrlich, denn seitdem ich von zu Hause aus arbeite, kommt es mir nicht so sehr darauf an, ob ich mittags am Computer sitze oder um Mitternacht. Hauptsache, ich schaffe mein Tagespensum. 

Ich backe wieder Brot, mache wieder Joghurt und es macht mir wieder Spass, am Sonntagnachmittag Stunden in der Küche zu verbringen, um Falafel selber zu machen. 

Sieht ganz danach aus, als normalisiere sich das Leben mit dem Ende der Kleinkindphase wieder. Oder habe ich endlich gelernt, meinen Alltag unseren Lebensumständen anzupassen?

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Luise hört mit

Luise ist eine Meisterin im Lauschen und so bringt sie uns immer wieder Dialogfetzen mit nach Hause. Heute zum Beispiel aus dem Schwimmbad:

Mama: „Kinder, ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Etwas, was euer Leben verändern wird.“

Die Kinder, nach Luises Schätzung etwa sieben und zehn Jahre alt, schauen ihre Mama mit grossen Augen an.

Mama: „Gottfried und ich werden heiraten.“

Jüngeres Kind (den Tränen nahe): „Aber Mama, was ist mit dem Papa?“

Mama: „Den liebe ich nicht mehr. Aber den Gottfried schon.“

Das jüngere Kind fängt an zu weinen, das ältere Kind sagt nichts, kämpft aber ebenfalls mit den Tränen.

Luise meinte,  es hätte wohl einen geeigneteren Ort als das öffentliche Schwimmbad gegeben, um den Kindern diese niederschmetternden Neuigkeiten mitzuteilen. Unsere Tochter kennt halt noch kein Reality-TV und weiss deshalb nicht, dass einschneidende familiäre Veränderungen  heutzutage öffentlichkeitswirksam inszeniert sein wollen. 

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Leben anpassen

Jedes Leben verändert sich und wenn unter einem Dach sieben Leben gelebt werden, gibt es stets kleinere und grössere Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit muss mal wieder an allen Ecken und Enden angepasst werden.

Zum Beispiel beim Wocheneinkauf. Mehrere Jahre lang blieben die Mengen, die ich einkaufen musste, mehr oder weniger gleich. 20 Liter Milch, 2.5 Kilo Äpfel, vier Bund Bananen, 22 Joghurts und so weiter. Abzählen musste ich schon lange nicht mehr, der Einkaufswagen war jede Woche etwa gleich voll, am Mittwoch waren Kühlschrank  und Obstschale leer, am Donnerstag wurde aufgefüllt. Seit einiger Zeit aber sind die Tomaten schon weggegessen, bevor ich Zeit hatte, sie aus der Einkaufstasche zu nehmen, die Obstschale ist bereits am Samstagmittag leer, am Sonntagabend ist kein Joghurt mehr da und am Montagmorgen durchsuche ich verzweifelt die Vorratskammer nach znünitiauglichem Futter für die grosse Pause. Wie die Heuschrecken fallen die Kinder über alles her, was essbar ist und es ist klar: Mindestens drei Kinder machen einen heftigen Wachstumsschub durch und wenn ich nicht ganz schnell das richtige Mass finde, stehe ich bald täglich in der Migros, um Nachschub zu besorgen. 

Auch die Alltagsplanung ist eine Baustelle. Ich muss lernen, meine Arbeitszeiten auf möglichst kinderfreie Zeiten zu legen. Die Kinder müssen lernen, dass eine Mutter, die am Laptop sitzt, am Arbeiten und nicht am Spielen ist. „Meiner“ muss sich wieder angewöhnen, jeden noch so kleinen Termin im Kalender einzutragen. Wir Eltern müssen uns endlich bewusst machen, dass ein Tag, an dem wir zwei keine Termine haben, trotzdem voller Termine sein kann, weil die Kinder inzwischen mehr um die Ohren haben als wir. „Meiner“ muss wieder einmal lernen, Arbeitstermine mit mir abzugleichen, ehe er eine Zusage macht und ich muss lernen, mich nicht masslos zu ärgern, wenn er mal wieder keine andere Wahl hatte, als ein Elterngespräch abends um acht anzubieten. 

Nachdem mir in den vergangenen Monaten der Sinn nicht gerade nach sozialen Kontakten stand, fehlt mir jetzt allmählich der Austausch mit Mitmenschen, die nicht zu meinem engsten Umfeld gehören. Doch soziale Kontakte ergeben sich selten von selbst, wenn man mehrheitlich zu Hause sitzt. Gut, beim Einkauf im Dorf oder bei der Gartenarbeit komme ich immer mit Menschen ins Gespräch, doch das ist kein Ersatz für das Zusammensein mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Menschen, mit denen man den Arbeitsalltag teilt. Noch habe ich den Weg nicht gefunden, wie ich als Hausfrau und Freischaffende mein alltägliches Sozialleben so gestalten kann, dass mein – zugegeben sehr grosses – Bedürfnis nach tiefschürfenden Gesprächen, Tratsch, Diskussionen und gegenseitiger Anteilnahme gestillt werden kann.

Eine äusserst anstrengende Baustelle ist das Familienbudget. Jahr für Jahr brachte die Prämienverbilligung Mitte Jahr eine spürbare Entlastung. Nun sind wir aber dank meines Einkommens auf dem Papier in die Steuerklasse aufgestiegen, die keine Vergünstigungen mehr bekommt, also bleibt die Entlastung aus. Weil aber gleichzeitig die Kinder deutlich grössere und damit teurere Kleider benötigen, alle zwei Jahre ein weiteres Kind zum Musikinstrument greift, der Einkaufswagen aus oben erwähnten Gründen immer voller wird und obendrein auch noch die Steuerrechnung höher ausfällt, ist eben nur theoretisch mehr Geld da. Ich will mich nicht beklagen, im Vergleich zu den meisten Menschen auf diesem Planeten geht es uns blendend und uns fehlt es an nichts. Dennoch werde ich Monat für Monat leicht hysterisch, wenn ich sehe, wie schnell ein eigentlich anständiges Einkommen aufgebraucht ist, wenn mehrere Menschen davon leben. 

Dann stehen da noch Anpassungen im Bereich „Lebensziele“ an, denn sowohl bei „Meinem“ als auch bei mir verlangt das kreative Schaffen nach mehr Raum. Spannend, aber auch ziemlich herausfordernd, wenn man weder sagen kann noch will: „Du, mich hat gerade die Muse geküsst, ich ziehe mich mal für drei Wochen  zurück, um meine Idee umzusetzen.“

Ach ja, und dann haben nach den Sommerferien zwei Kinder einen Lehrerwechsel vor sich, einer kommt in den Kindergarten, einer in die Schule, einer wechselt an die Oberstufe, einer unterrichtet zum ersten Mal Erstklässer und eine fragt sich, wie lange es wohl diesmal dauern wird, bis sie all die neuen Stundenpläne wieder im Kopf hat.

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Auf eine gute Nachbarschaft

Früher, wenn ein Kind eine Scheibe einschlug, meldete sich der Hausbesitzer bei den Eltern, die Eltern entschuldigten sich für das Vergehen ihres Kindes, bezahlten die Scheibe, verdonnerten ihr Kind zu Hausarrest und dann war die Sache gegessen. Die Erwachsenen sagten zueinander „Wir waren ja alle mal Kinder“, lachten über die Angelegenheit und später, wenn das Kind seine Strafe abgesessen hatte, lachte es auch wieder.

Heute geht das ganz anders: Das Kind schlägt eine Scheibe ein, sagt aus Angst vor der Strafe seinen Eltern nichts davon, der Vater des Kindes sieht das Loch trotzdem und schreibt dem Herrn Nachbar einen Brief, dass er sich doch bitte melden solle, weil der Herr Nachbar nicht zu Hause ist. Der Herr Nachbar meldet sich nicht, satt dessen steht drei Tage später der Polizist vor der Türe und will wissen, ob man etwas von einer eingeschlagenen Scheibe wisse, der Herr Nachbar wolle Anzeige erstatten. Die Kinder seien ja auch sonst schon negativ aufgefallen. Die Mama, die noch im Pyjama dem Polizisten gegenüber steht, wird ziemlich laut, weil sie nicht begreifen kann, weshalb der Herr Nachbar nicht den Anstand besitzt, selber vorbeizukommen, sondern einen Polizisten in Haus schickt, der die Personalien des Kindes aufnimmt. Der Polizist ist peinlich berührt, versucht die aufgebrachte Mutter zu beruhigen und meint, der Herr Nachbar sei ja auch mal Kind gewesen, er werde sich bestimmt verständnisvoll zeigen und die Anzeige zurückziehen. Die Mutter aber, die mit dem Herrn Nachbarn so ihre Erfahrungen gemacht hat, fragt sich allmählich, ob ein Nebeneinanderleben so überhaupt noch möglich ist, oder ob sie eine hohe, dicke Mauer zwischen den zwei Grundstücken bauen muss.

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Übergangszeit

Ohne dass ich richtig Zeit gefunden hätte, sentimental zu werden, hat heute das Prinzchen einen Lebensabschnitt abgeschlossen. Dank einer heftigen Erkältung und der stetigen Suche nach der perfekten Formulierung nahm ich nur verschwommen wahr, dass er heute seinen letzten Tag in der Kinderkrippe hatte. Gut, ich habe natürlich brav Küchlein gebacken und Schokolade für die Betreuerinnen gekauft, aber das kann man ja alles machen, ohne gedanklich richtig bei der Sache zu sein.

Erst als unser Jüngster am Abend mit seinem Abschieds-T-Shirt und seinen gesammelten Werken nach Hause kam, dämmerte mir, was geschehen ist: Das Prinzchen hat einen weiteren Schritt in Richtung Kindergartenkind getan. Zwei Monate noch und dann wird auch er Morgen für Morgen das Haus verlassen und nachmittags mit seinen Freunden spielen wollen. Nach fast dreizehn Jahren wird es nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sein, dass ich morgens alleine zu Hause bin. Momentan noch fast unvorstellbar, bald aber Alltag und von den anderen Kindern weiss ich bereits, wie schnell es geht, bis auch die Nachmittage der Schule gehören. 

Und nun, was überwiegt? Die Vorfreude auf mehr freie Zeit oder die Trauer über das Ende der Kleinkindphase? Noch kann ich es nicht sagen, also werde ich wohl noch öfters über das Thema  schreiben. Das Prinzchen übrigens nimmt den Wechsel gelassen. Okay, ein wenig traurig ist er schon, aber wer hat schon Zeit, einem Lebensabschnitt nachzutrauern, wenn draussen schon der beste Freund wartet, um Baustelle zu spielen?

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Die Sache mit der Geduld

Liebe Kinderlein, heute möchte ich euch etwas zum Thema Geduld weitergeben. Der Volksmund behauptet gerne, die Geduld einer Mutter kenne keine Grenzen und ein paar ganz irregeleitete Menschen haben sogar mir unterstellt, äusserst geduldig zu sein, aber leider muss ich euch mitteilen, dass mütterliche Geduld sehr wohl begrenzt ist, in meinem Fall sind die Grenzen sogar ziemlich eng gesteckt. Oft marschiert ihr trotz klarer Markierung frisch und fröhlich über diese Grenzen hinweg und wenn’s dann irgendwann zur grossen Explosion kommt, reibt ihr euch erstaunt die Augen und klagt lauthals über eure böse Mama. Wie, meine Ausführungen sind euch zu theoretisch? Dann schauen wir uns doch an einem taufrischen Praxisbeispiel an, wie man meinen Geduldsfaden so lange strapaziert, bis er schliesslich mit grossem Donnerwetter reisst. 

Meist fängt es abends gegen neun Uhr an, wenn sich mein Organismus allmählich auf Feierabend einstellt und ihr euch weiterhin standhaft weigert, dies zu respektieren. Ob ihr nun mit freudigen Nachrichten wie „Mama, ich hab in zwei Stunden ein ganzes Buch gelesen“, mit Schreckensnachrichten wie „Mist, morgen haben ich einen Test und noch überhaupt nichts geübt“ oder mit Nöten wie „Ich hab plötzlich so grossen Hunger, weil ich nichts essen mochte, als es Abendessen gab“ aus dem Bett geschlichen kommt, fällt nicht so sehr ins Gewicht. Ich bin dann einfach nicht mehr ganz fit und darum entsprechend kurz angebunden, wenn auch durchaus bereit, euch zu helfen, wenn es angebracht ist. 

Schwieriger wird es, wenn es um halb elf noch immer Streit zu schlichten, Monster zu verscheuchen und vermeintliche Schrammen zu verarzten gilt. Vielleicht merkt ihr, dass ich dann nicht mehr allzu nett bin, aber vermutlich schert ihr euch einen Dreck darum, denn ihr könnt einfach nicht verstehen, weshalb ich so altmodisch auf Nachtruhe bestehe. 

Natürlich stehe ich bereitwillig auf, wenn nachts um halb eins die Angst ins Kinderzimmer geschlichen kommt, auch wenn ich innerlich frustriert seufze. Wenn ich mir dann aber neunzig Minuten lang das Geheule anhören muss, die Wohnungstür stehe noch immer offen, obschon ich sie eigenhändig geschlossen habe, nachdem sich Kater Leone endlich zum Drinnenbleiben hat durchringen können, dann zerrt das ganz schön an meinen Nerven. Ja, ich weiss, die Angst ist eine nahezu unüberwindbare Macht, aber wenn ich sage, ich hätte die Tür geschlossen, dann könntet ihr mir das getrost glauben.

Brüllt einer von euch morgens um halb fünf seine Geschwister an, weil sie ihm den Platz im Bett streitig machen, versuche ich so gut als möglich, dies zu ignorieren. Was kann ich denn dafür, dass ihr darauf besteht, euch das Bett zu teilen, wo doch jeder sein eigenes hat? Meiner Nachtruhe und damit meiner Geduld kommt es natürlich trotzdem nicht zugute, wenn der Streit schon im Halbschlaf losgeht.

Ab sieben Uhr kommen dann unzählige Kleinigkeiten hinzu, die meinen Geduldsfaden weiter strapazieren: Einer will partout nicht wach werden, was auch kein Wunder ist, wo er doch abends dem Schlaf so lange widerstanden hat, eine behauptet, nichts anzuziehen zu haben, zwei streiten sich um eine Tasse Kakao, einer überhört meine hundertste Ermahnung, sich jetzt endlich anzuziehen, eine will eine Unterschrift, die sie schon vor drei Wochen hätte einholen müssen, vier ignorieren meine dringende Bitte, das Prinzchen nicht zu wecken, einer weigert sich, die Hose anzuziehen, die sauber gefaltet im Schrank lag und will stattdessen jene, die noch feucht am Wäscheständer hängt, einer wünscht ein Gebet gegen die Prüfungsangst, zwei wollen gleichzeitig haarklein ihre endlosen Träume erzählen, aber keiner will der Erste sein, der zuhören muss, einer kippt in der Eile die Milchschale der Katzen um und will es nicht gewesen sein…

Sechzig Minuten Hochbetrieb, die locker zu schaffen wären, hätte ich abends und nachts dienstfrei gehabt. Weil ich aber mal wieder ziemlich anspruchsvollen Bereitschaftsdienst  hatte, der nur in den wenigsten Fällen auch wirklich notwendig gewesen wäre, bin ich morgens nicht taufrisch, sondern bereits am Ende mit meiner Geduld. Irgendwann in diesen sechzig Minuten fällt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, ich werde laut, wütend, vielleicht auch ungerecht, weil sich das Gewitter über dem Falschen entlädt. Ich bin die böse, launische Mama und ihr seid die armen, hilflosen Kinder, die obendrein auch noch zur Schule gehen müssen und alles ist so furchtbar unfair. 

Seht ihr, Kinderlein, so kommt es, wenn ihr wieder und wieder an meinem Geduldsfaden zerrt und so sehr ich euch wünschte, ihr hättet eine endlos geduldige und gütige Mama aus dem Märchenbuch, ihr werdet dennoch dazu gezwungen sein, euch mit eurer äusserst ungeduldigen Mama, die obendrein auch noch hormonellen Schwankungen unterworfen ist, zu arrangieren. Glaubt mir, wenn ihr dieser Mama spätabends und nachts so viel Ruhe wie möglich gönnt und sie während dieser Zeit nur im Ernstfall beansprucht, reisst ihr Geduldsfaden deutlich später, als wenn ihr pausenlos an ihm herumzerrt. 

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Pfingstwochenende

Mit Luise neun neue Wachteln gekauft, eine alte Wachtel beerdigt.

Dreimal das Tomatenhaus aufgebaut und die Sache schliesslich aufgegeben, weil bei diesem Wind nichts stehen bleibt.

Einen neuen Nymphensittich gekauft, weil Boris sich auf und davon gemacht und die arme Doris damit in eine tiefe Depression gestürzt hat. Der Neue ist sehr hübsch, heisst Loris, Doris ist überglücklich und wir alle fragen uns, ob Karlsson dereinst bei der Namensgebung seiner Kinder ähnlich vorgehen wird.

Drei Stunden auf dem Fussballplatz totgeschlagen, weil Luise trotz mangelnder Begeisterung beim Fussballturnier mitmachen wollte. Dabei für drei Portionen Pommes Frites länger angestanden, als meiner Tochter beim Fussballspielen zugeschaut, weil sie kaum je zum Einsatz kam. Oder weil sie nicht zum Einsatz kommen wollte?

Zahlreiche Setzlinge in ein neues Zuhause vermittelt.

Mir darüber den Kopf zerbrochen, ob ich dem FeuerwehrRitterRömerPiraten den schon lange gehegten Wunsch nach einem Besuch der Zahnfee erfüllen soll, oder ob ich es bleiben lasse, weil die Sache sonst früher oder später ausufert. Was, wenn Karlsson und Luise für jeden ausgefallenen Zahn rückwirkend auf  Zahnfee-Besuche bestehen?

Eine Nacktschnecke auf der falschen Seite des Schneckenzauns erwischt und aus lauter Empörung Zetermordio geschrien.

Ein feierliches Wachtelbegräbnis mit anschliessendem Apéro besucht, das unsere Kinder organisiert haben.

Chauffiert, chauffiert, chauffiert, chauffiert…

Liebe Menschen getroffen.

„Meinem“ auf die Nerven gefallen und er mir. Aber ich bin trotzdem stolz auf ihn, weil er gerade ganz grossartige  Illustrationen zu meinen Texten macht. 

Nicht eine einzige Nacht durchgeschlafen, weil unsere Kinder noch immer nicht verstehen wollen, dass man nach dem dritten Geburtstag kein Recht mehr hat, den Eltern den Schlaf zu rauben. 

In Prinzchens Apotheke Medikamente für den von Ohrenschmerzen geplagten FeuerwehrRitterRömerPiraten gekauft. Beim zweiten Mal musste ich das Zeug klauen, weil das Prinzchen zu tief schlief, um mir etwas verkaufen zu können.

Ziemlich darunter gelitten, dass meine Schreiberei bei dem vollen Programm keinen Schritt weitergekommen ist, obschon die Zeit drängt. Gut, eigentlich ist alles geschrieben, aber ich sehe noch zu viele Mängel. 

Mehrmals den Entschluss gefasst, Waldmeister sammeln zu gehen und die Idee dann doch wieder verworfen Das Prinzchen ist ziemlich böse auf mich deswegen.

Fast geplatzt vor lauter Stolz, weil der Zoowärter sein erstes Buch gelesen hat.

Der Tatsache ins Gesicht gesehen, dass die Zeit der Schlaflieder wohl endgültig vorbei ist, weil Zoowärter und Prinzchen nur noch Geschichten hören wollen. 

Mit Karlsson nach der perfekten Sportart gesucht und noch keine gefunden. Gibt es sie überhaupt, die perfekte Sportart?

Alle paar Minuten das Programm geändert, obschon es eigentlich gar kein Programm gab.

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