Ihr Traum, der mal meiner war

Was sie denn nun machen wolle, fragten wir sie. Die Zeit dränge allmählich, ihr elfter Geburtstag stehe schon bald vor der Tür und darum solle sie sich endlich entscheiden, was sie denn Besonderes unternehmen wolle. Einen Tag mit Papa und einen mit Mama bekommen die Knöpfe geschenkt, wenn sie zehn werden und natürlich muss es etwas Grosses sein, denn die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. Luise überlegte lange. Monatelang. Dann wusste sie endlich, wohin sie wollte: In den Europa Park und zwar mit Mama. Erst wollte sie ja mit Papa gehen, weil der im Alltag mehr Witz versprüht, doch dann erlebte sie, wie er blass und blasser wurde, als wir ihn Kopenhagen zu einer Fahrt auf einer mittelmässigen Berg- und Talbahn überredeten. Und sie erlebte, wie Mama auf der gleichen Bahn vergnügt kreischte und dann war klar, wer mit ihr nach Rust fährt.

Ich will mich ja nicht beklagen. Immerhin war es vor dreissig Jahren mein grösster Traum, in den Europa Park zu fahren, doch daran war bei uns nicht zu denken. Nicht mal fragen musste ich, so etwas war einfach klar bei uns. Jetzt geht dieser Traum doch noch in Erfüllung, einfach mit etwas Verspätung. Gut, einmal war ich schon dort, als „Meiner“ und ich im achten Monat schwanger mit Karlsson eine Gruppe Teenager hin- und zurück karrten. Aber hochschwanger lassen die dich ja keinen Spass haben dort, also trieb ich mich den ganzen Tag lang auf diesen Kleinkinder-Attraktionen herum. Diesmal sollte dem Vergnügen nichts mehr im Wege stehen.

Nichts, ausser mein Alter, das mir keine allzu heftigen Berg- und Talfahrten mehr verzeiht. Und meine inzwischen etwas andere Sicht der Welt. Heute beeindruckt mich eher das Natürliche, die künstliche Welt eines Freizeitparks hat für mich ihren Reiz schon längst verloren.  Nein, von einem Tag im Europa Park träume ich schon längst nicht mehr, aber ich habe nicht vergessen, wie es war, aussichtslosen Träumen nachzuhängen. Luises Traum aber soll in Erfüllung gehen und ich werde mit grossem Vergnügen alles mitmachen, was ihr Freude bereitet. 

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Weihnachtsüberraschung

Versteht mich bitte in den folgenden Zeilen nicht falsch. Ich zähle mich nicht zu den Christen, die jedes Mal wutschnaubend im Kindergarten antraben, wenn von Hexen oder Feen die Rede ist. Ich beschwöre auch nicht gleich die Apokalypse herauf, wenn die Kinder ein „Zaubersprüchlein“ lernen. Schon gar nicht erwarte ich, dass der Kindergarten- und Schulunterricht konfessionell ausgerichtet sind. Wünschte ich dies, dann hätte ich unsere Kinder schon längst an einer christlichen Schule angemeldet, was mir persönlich aber zu einseitig wäre. Womit ich natürlich wiederum niemanden kritisieren möchte, der für seine eigenen Kinder anders entscheidet… Ich sehe schon, ich bewege mich auf dünnem Eis, obschon ich gar nichts Provokatives schreiben will. Vielleicht sollte ich einfach mit meiner Erklärung aufhören und erzählen, was mich heute so überrascht hat.

Da kommt das Prinzchen vom Kindergarten nach Hause – seit einigen Tagen schafft er das jetzt alleine – und präsentiert mir seine Weihnachtsbasteleien. Ein kleines Geschenkpaket, das „Meiner“ und ich natürlich erst am Heiligen Abend auspacken dürfen, einen Schutzengel mit Kerze im Heiligenschein und ein längliches Etwas, das in einer Art Schüssel liegt, die mit blauer Wolle ausgepolstert ist. Was das sei, fragte ich. „Das ist Jesus in seinem Bett“, erklärte das Prinzchen. „Jesus in seinem Bett?“, fragte ich ungläubig, aber nicht etwa, weil das Prinzchen so schlecht gebastelt hätte, dass man das längliche Etwas nicht mit ein wenig Fantasie als Baby hätte erkennen können. „Ja, das ist wirklich Jesus in seinem Bett und daneben ist ein Schutzengel“, beharrte unser Jüngster.

Ich war vollkommen baff. Zum ersten Mal in den acht Jahren, in denen wir nun kindergarten- und schulpflichtige Kinder haben, brachte eines unserer Kinder ein Kind in der Krippe nach Hause. Schutzengel haben wir schon haufenweise, Samichläuse und Sterne ebenfalls, ein paar Rentiere befinden sich auch in unserer Sammlung und wenn ich mich nicht irre, gab’s auch schon irgendwelche Wichtel. Alles mit viel Liebe gebastelt und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, die Sujetwahl der Lehrerinnen zu kritisieren, obschon mir das rotnasige Rentier offen gestanden ziemlich auf die Nerven fällt mit seinem ewigen Geblinke. Dass heute, nach all den Jahren zum ersten Mal ein Jesuskind dabei war, stimmt mich aber doch irgendwie nachdenklich. Zu Weihnachten überhaupt nicht über die Weihnachtsgeschichte zu reden ist doch irgendwie ähnlich extrem, wie sie jedem ungefragt um die Ohren zu hauen. 

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Wie schwierig kann es denn sein…

…Gabeln, Messer, Esslöffel und Kaffeelöffel in der Besteckschublade ins richtige Fach einzuordnen? Nein, kein ausgeklügeltes System, das nur Eingeweihte verstehen können. Einfach nur Gabeln zu Gabeln, Messer zu Messer und so weiter. Und nicht etwa Messer zu Kaffeelöffel, Gabel zu Rüstmesser und quer obendrauf noch ein Esslöffel oder so.

…die Zähne zu putzen, ohne eine halbe Tube Zahnpaste im Lavabo zu verschmieren? Ich will ja nicht pingelig sein, aber mit Zahnpaste bringt man das Lavabo einfach nicht sauber, egal, wie viel man davon verschmiert. 

…die Wäsche in den Wäschekorb zu schmeissen und nicht 22,5 Millimeter daneben? 

…den Deckel zurück auf die Flasche zu schrauben, nachdem man sich eingeschenkt hat? Ja, ich weiss, gewisse Kinder können prima basteln mit Flaschendeckeln, man kann auch ganz tolle Glotzaugen machen damit, aber kann man damit nicht warten, bis alles aus der Flasche raus ist, nicht bloss die Kohlensäure?

…schmutziges Geschirr in den Geschirrspüler zu räumen und sauberes in den Schrank und nicht umgekehrt? Ich würde ja behaupten, der Unterschied zwischen Küchenschrank und Geschirrspüler sei so deutlich zu erkennen, dass selbst der verschlafenste Venditti das richtig hinkriegen sollte. Und auch der Unterschied zwischen schmutzig und sauber wäre kaum zu übersehen, würde man genau hinschauen.

…einen leeren Joghurtbecher die drei Meter vom Esstisch zum Abfalleimer zu tragen? Ja, ich weiss, so ein Becher kann ganz schön klebrig sein, wenn man nicht sauber gegessen hat, aber in jedem anständigen Schweizer Haushalt hat es über dem Abfalleimer einen Wasserhahn. Auch in unserem Haushalt, obschon der von Anstand keine allzu grosse Ahnung hat. 

…leere Milchkartons in den Abfalleimer zu schmeissen und nicht zurück in den Kühlschrank zu stellen?

…zu sagen „Ja, Mama, du hast Recht, das ist wirklich eine Sauerei. Ich bringe das sofort in Ordnung“? 

…es beim nächsten Mal besser zu machen, wo man doch gesehen hat, wie hoch man die Mama wieder auf die Palme getrieben hat mit diesem Mist?

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Die Sache mit den Stöckchen…

Soll ich nett sein, oder doch lieber ehrlich? Seitdem man mir diesen Best Blog Award zugeworfen hat, weiss ich wirklich nicht mehr, was ich tun soll. Eigentlich kann ich Stöckchen nicht ausstehen, aber die zwei Blogger, die sie mir zugeworfen haben, sind mir ganz sympathisch  und es ist ja auch ein Kompliment, dass die zwei an mich gedacht haben, also möchte ich sie nicht vor den Kopf stossen. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass alle anderen, deren Stöckchen ich nicht aufgegriffen habe, mir nicht sympathisch wären. Manchmal fehlt mir einfach die Zeit dazu, aber ich fühle mich natürlich trotzdem geehrt… Ach, es ist kompliziert….

Nach langem Hin und Her habe ich mich zu einem Zwischending durchgerungen: Ich werde die Fragen, die man mir gestellt hat, beantworten, ich werde auch meine eigenen 11 Fragen formulieren, beantworten darf sie aber jeder, der dazu Lust hat.

Hier also zuerst meine Antworten an den Papa der kleinen Chefs:

1. Fährst du Ski oder Snowboard?
Beides nicht. Als ich Skifahren lernte, war ich schon alt genug, um Angst zu haben und darum habe ich es bald wieder aufgegeben.

2. Bist du eher ein Sommertyp oder ein Wintertyp und warum?
Ich bin ein Ganzjahrestyp mit dem ausgeprägten Wunsch, den Winter zu verschlafen. Im Sommer bevorzuge ich nordeuropäisches Klima.

3. Welches ist dein absolutes Lieblingslied? Also nicht mal so ein aktuelles, welches gerade mal jetzt dein Lieblingslied ist, sondern das, was dir schon immer am Herzen lag und noch lange dein Lieblingslied sein wird.
„For unto us a Child is born“ aus Händels Messias berührt mich immer wieder aufs Neue.

4. Liest du Bücher oder E-Books? Und natürlich warum?
Eigentlich bevorzuge ich Bücher, aber für die leichte Lektüre zwischendurch reicht mir ein E-Book.

5. Bloggst du nur, oder twitterst du auch?
Ich mache zu viele Worte für Twitter.

6. Welches ist dein Traumurlaubsziel, welches du unbedingt einmal besuchen möchtest?
Stockholm

7. Wenn du auswandern müsstest, wohin wäre das und warum?
Schweden, weil ich mich dort auf Anhieb zu Hause gefühlt habe, vielleicht auch Grossbritannien. Zur Not könnte ich es auch in Malta aushalten.

8. Bist du noch mit vollem Elan beim Bloggen dabei, oder musst du dich dazu motivieren?
Natürlich gibt es Tage, an denen mir nicht danach ist, gewöhnlich kommen mir die Texte aber einfach zugeflogen. Ein Leben ohne Blog kann ich mir nicht mehr so richtig vorstellen.

9. Schaust du auf deine Blogstatistik und ärgerst dich darüber, wenn du wenig Besucher hast, oder sind dir Statistiken egal?
Aber klar schaue ich mir die Statistiken an. Ich ärgere mich allerdings nicht, wenn ich wenige Besucher habe, freue mich aber wie ein kleines Kund, wenn ich mal ausserordentlich viele habe.

10. Welche sozialen Netzwerke nutzt du und welche davon unter deinem echten Namen und welche unter einem Pseudonym?
WordPress, Facebook, Freundschaften im echten Leben und alles unter meinem echten Namen.

11. Bist du schon auf der Karte von Tweeterhausen und klein Bloggerdsorf vertreten und wenn nein, warum nicht?
Nein, weil mein Wohnort beim Bloggen keine Rolle spielt.

So, nun noch zu den Fragen von Mutti:

1. iPhone oder Android?
iPad

2. Buch oder E-Book?
Siehe oben, Antwort 4

3. Big Bang Theory oder Sex and the City?
Downton Abbey

4. Wie isst du deine Manner-Schnitten?
Schicht für Schicht, wenn ich mal welche in die Finger bekomme.

5. In zehn Jahren…
…bin ich so alt, wie meine Kinder mich jetzt schon finden.

6. Zuletzt gelesenes Buch…
Bin noch immer an A. J. Jacobs „The Year of Living Biblically – One Man’s Humble Quest to Follow the Bible as Literally as Possible“ Sehr viel amüsanter, als der Titel erahnen liesse…

7. Zuletzt gegoogelt?
Keine Ahnung. Weihnachtslieder, vielleicht?

8. Mit dem/der würde ich gerne essen gehen…
Mit „Meinem“. Ist schon zu lange her, seitdem wir zu zweit weg waren.

9. Wenn du ein Buntstift wärest, welche Farbe…
Pink? Hellgrün? Oder vielleicht so ein Ding mit vierfarbiger Mine?

10. Dahin geht’s im nächsten Urlaub…
Hoffentlich nach Schweden

11. Wo ich gerne mal geküsst werden möchte…
Das Wo spielt für mich keine Rolle, Hauptsache, die Privatsphäre bleibt gewahrt.

Und hier meine 11 Fragen, die jeder beantworten darf, der sie gerne beantworten möchte. Natürlich darf man sich auch nur einzelne herausgreifen, oder alle ignorieren.

1. Denkst du, dass es einen Unterschied macht, wenn man in skandinavischen Spielzeugkatalogen die typischen Geschlechterklischees umgeht, oder werden Mädchen weiterhin zu Barbie greifen und Jungen zur Pistole?

2. Was sagst du, wenn dein Kind mit seinem Taschengeld eine Sache kaufen will, gegen die du jahrelang gepredigt hast?

3. Tragen deiner Meinung nach die Grabenkämpfe zwischen Vollzeithausfrauen und berufstätigen Müttern dazu bei, dass sich in der Familienpolitik so wenig bewegt?

4. Bekommen deine Kinder ungeschälte Erdnüsse und wenn ja, wer kümmert sich um die Entsorgung der Schalen?

5. Finden dich deine Kinder schon peinlich, oder bewundern sie dich noch?

6. Ist Christbaumschmuck, der in Indien hergestellt wurde, weniger verwerflich als solcher, der aus China stammt?

7. Was würdest du mit einem Kater anstellen, der hin und wieder unter dein Bett kackt, ansonsten aber äusserst lieb ist?

8. Kennst du Namen und Geburtsdatum deiner Kinder auswendig, oder brauchst du dein Tattoo als Gedankenstütze?

9. Ertappst du dich manchmal dabei, wie du dich über lärmende Kinder aufregst, wenn du alleine unterwegs bist?

10. Welches ist der schlimmste Ort, an dem du schon eine zerquetschte, halb verfaulte Banane gefunden hast?

11. Was antwortest du einem Menschen, der dir ins Gesicht sagt, deine Kinder seien „ökologischer Unsinn“?

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Sehr geehrter Herr Winterhoff

Keine Angst, was hier folgt, ist keine pauschale Verurteilung Ihrer Werke. Auch keine vertiefte Auseinandersetzung damit, denn dazu müsste ich sie alle gelesen und verstanden haben. Da ich aber jeweils nur Auszüge und Kritiken gelesen habe, kann und will ich dies nicht bieten. Es folgt auch keine weinerliche Verteidigungsrede einer beleidigten Mutter, die mit tränenerstickter Stimme sagt, ihre Kleinen seien doch ganz brav und sie verstünde deshalb nicht, was der Winterhoff nun wieder an ihnen auszusetzen habe. Nein, das einzige was ich zu bieten habe, ist eine Anmerkung zu einer Aussage, die Sie in gewohnt provokativer Manier im Tages Anzeiger gemacht haben. Sie sagen dort, 1995 hätte es pro Schulklasse zwei verhaltensauffällige Kinder gegeben, heute gebe es pro Klasse zwei unauffällige.

Sehen Sie, Herr Winterhoff, ich habe fünf Kinder, und von diesen fünf Kindern hat jedes gut und gerne siebzehn bis zwanzig Klassenkameraden. Dazu kommen noch Freundinnen und Freunde aus ausserschulischen Aktivitäten, zahlreiche Cousins und Cousinen und mehrere Nachbarskinder. In unserem Umfeld gibt es zudem rund 220 Kinder, die mein Mann in den vergangenen 16 Jahren unterrichtet hat, drei oder vier Tageskinder die bei uns ein- und ausgegangen sind sowie andere kleine Menschen, mit denen wir beruflich oder privat zu tun hatten. Zugegeben, in dieser ziemlich grossen Kinderschar gibt es einige sehr auffällige Exemplare, die man durchaus mal mit ihren Eltern bei Ihnen vorbei schicken sollte. Ich gebe auch unumwunden zu, dass es vermutlich deutlich mehr schräge Vögel darunter hat, als dies zu unserer Zeit der Fall gewesen wäre. Und auch diejenigen, die ganz nett sind, sind anders, als wir es damals waren, was auch verständlich ist, denn sie werden in einer anderen Zeit gross. Wären aber gerade mal zwei von sagen wir mal zwanzig unauffällig, hätte „Meiner“ als Lehrer schon längst den Löffel abgegeben und ich als seine Frau und Mutter seiner Kinder wohl auch.

Ja, ich weiss welcher Einwand jetzt kommt: Ich bin selber eine dieser Mütter, die Sie so scharf kritisieren und darum zu einer objektiven Meinungsbildung gar nicht in der Lage. Aber sehen Sie, Herr Winterhoff, Sie können selber auch nicht objektiv sein. Sie bekommen tagtäglich die schlimmsten Fälle vorgeführt, wer aber unauffällig ist, schafft es gar nicht in Ihr Sprechzimmer. Nie würde ich es wagen, in Frage zu stellen, dass Sie in Ihrer Arbeit tatsächlich sehr viele sehr auffällige Kinder kennen lernen. Aber sagen Sie, sehen Sie auch noch die anderen, diejenigen die zwar einen anderen Weg gehen als den, den wir damals gegangen sind, die aber trotzdem ganz gut herauskommen? Sehen Sie überhaupt noch die Eltern, die mit ihren Kindern in den Wald gehen, sie zur Mithilfe im Haushalt anhalten und Ihnen das Leben so gut als möglich zu erklären versuchen? Es gibt sie noch, die Kinder, die sich stundenlang in eine Sache vertiefen, die zu zehnt ums Haus rennen und Räuber und Gendarm spielen, die sich entschuldigen, wenn sie jemandem auf die Füsse getreten sind und die eine Lebensfreude versprühen, wie dies nur Kinder können.

Im Grunde genommen könnte es mir egal sein, was Sie denken Herr Winterhoff. Wir müssen die Dinge nicht alle gleich sehen. Was mir aber zu denken gibt, ist die Tatsache, dass viele Eltern und Lehrer Ihnen ohne gross nachzudenken kräftig applaudieren. Würde Ihr Rechenbeispiel aber aufgehen, dann müssten zumindest die Eltern schlagartig mit Applaudieren aufhören, damit sie die Hände frei hätten, um sich an ihrer eigenen Nase zu nehmen. Das tun sie aber nicht, denn die zwei unauffälligen Kinder, das sind natürlich die eigenen.

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Fiktives aber leider nicht ganz frei erfundenes Gespräch mit einer Einzelkindvollzeithausfrau

Ich: „So, ich muss los. Die Horde braucht Futter und ich habe noch nichts vorbereitet.“

Einzelkindvollzheithausfrau:“Ach ja, kochen. Das liegt mir nicht so. Meistens schiebe ich eine Fertigpizza in den Ofen. Oder Fischstäbchen finde ich auch ganz praktisch. Und kennst du diese Findus-Dinger…“

Ich: „Na ja, weisst du, mit den Fertigprodukten habe ich es nicht so…“

EVH: „Ich koche halt einfach nicht gerne. Wenn einer bei uns kocht, dann mein Mann, am Wochenende. Und der backt manchmal sogar…“

Ich: „Das machen wir auch viel. Die Kinder lieben es…“

EVH: „Ja, aber das gibt immer so eine Sauerei. Also mit dem Kleinen backe ich nie…“

Ich: „Ja, die Sauerei gehört halt dazu, aber bei uns ist ohnehin immer Chaos, da kommt es darauf auch nicht mehr an.“

EVH: „Oh ja, das Chaos, das kenne ich auch. Ich hasse putzen.“

Ich: „Ich auch. Und kaum ist es erledigt, fängt man wieder von Vorne an…“

EVH: „Wem sagst du das? Ich bin immer froh, wenn mein Mann das Putzen übernimmt. Der macht das gerne.“

Ich: „‚Meiner‘ muss auch oft dran glauben. Anders schaffen wir das einfach nicht.“

EVH: „Also wenn der Kleine zu Hause ist, kann ich auch nicht putzen. Zum Glück kommt er im Sommer in den Kindergarten, dann muss ich ihn nicht jedes Mal zur Schwiegermutter bringen, wenn ich mal putzen muss. Ich hab mir auch schon überlegt, ob ich vielleicht eine Putzfrau engagieren soll.“

Ich: „Wir hatten lange eine, aber jetzt, wo alle im Kindergarten und in der Schule sind, sollten wir es ohne schaffen.“

EVH: „Ich weiss nicht, wie du das mit dem Haushalt hinkriegst. Nur schon mein Wäscheberg bringt mich fast um. Drei Maschinen pro Woche, kannst du dir das vorstellen?“

Ich: „Nun ja…“

EVH: „Zum Glück habe ich nicht auch noch einen Job, oder ein zweites Kind. Ich würde zusammenbrechen…“

Ich: „So, ich muss jetzt wirklich los. Am Nachmittag muss ich noch…“

EVH: „Erinnere mich bloss nicht an heute Nachmittag. Da muss ich einen Geburtstagskuchen backen. Diese Fertigmischungen machen immer so viel Arbeit…Und übermorgen dann die Geburtstagsparty im Indoor-Spielplatz. Wie soll ich das bloss schaffen?“

Ich mache mich auf den Heimweg und frage mich, was um Himmels Willen die arme Frau so sehr auslaugt. Ich tippe auf Reality-TV und Nägel lackieren.

Und nein, ihr Vollzeithausfrauen und Einzelkindmütter braucht euch durch diesen Post nicht betroffen zu fühlen. Ich weiss, dass die meisten von euch einen sehr guten Job machen. Und ich weiss auch, dass ich meinen Job öfters mal ziemlich schlecht mache. 

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Wie wir’s auch machen, ist es falsch

Da zog ich heute Morgen frohen Mutes und ganz zufrieden mit mir und meiner – heute äusserst kooperativen – Familie die Tageszeitung aus dem Briefkasten, überflog die ersten Zeilen und fing ohne die geringste Vorwarnung eine saftige Ohrfeige ein. „Privatsphäre vieler Heranwachsender wird verletzt“, „Das Manko heutiger Eltern“, „In der Schweiz lesen 43 Prozent der Eltern von 9- bis 10-jährigen Kindern die Mails und Facebook-Nachrichten, die ihre Kinder erhalten.“, „…überprüft fast die Hälfte der Eltern, welche Internetseiten ihr Kind besucht hat“ und später, als ich den Artikel in Ruhe durchlese noch dies hier: „39 Prozent aller Eltern nutzen Software zum Filtern oder Blockieren bestimmter Websites.“ Böse, böse Eltern!

Eben noch hat man uns pauschal vorgeworfen, wir würden unsere Kinder im virtuellen Raum alleine lassen, wir hätten keine Ahnung, was dort alles abgeht und wir interessierten uns auch nicht dafür. Zwar kenne ich persönlich keine Eltern, die diese Laisser-faire Haltung an den Tag legen, aber wenn die Medien der Meinung sind, wir würden unsere Brut den Bösewichten im Internet zum Frass vorwerfen, dann stimmt dies. Punkt. 

Jetzt aber hat der Wind gedreht, wir Eltern kümmern uns. Aber falsch. Wir verletzen die Privatsphäre unserer Neun bis Zehnjährigen, wenn wir ihre Nachrichten lesen. Nun, ich war ja bis anhin der Meinung, dass ich meine Erziehungspflichten verletze, wenn ich meinen Neun- bis Zehnjährigen erlaube, sich bei Facebook & Co. zu tummeln, aber das stimmt offenbar nicht mehr. Wir filtern gewisse Inhalte raus, weil wir einem Sechsjährigen, der nichts Böses ahnend nach einem harmlosen Spiel sucht, gewisse Anblicke noch ersparen wollen. Also nichts anderes, als wenn ich abends mit einem Kind durch eine Stadt spazierte und das Rotlichtviertel  grossräumig umginge, um ihm Anblicke zu ersparen, die es auch mit sorgfältigsten Erklärungen meinerseits noch nicht einordnen könnte. Die Filtersoftware erspart mir nicht das Nebendransitzen wenn das Kind im Netz ist, auch nicht das Reden über Inhalte, sie verhindert auch nicht, dass mein Kind irgendwann doch die Bilder sehen wird, aber sie verhindert immerhin bis zu einem gewissen Grad, dass es immer und überall Gefahr läuft, bei einer barbusigen Blonden anstatt bei Bob dem Baumeister zu landen. Aber eben, auch diese Überlegungen sind offenbar falsch.

Ja, und dann verbiete ich natürlich auch meiner noch nicht Elfjährigen den Zugang zu sozialen Netzwerken, mit der Begründung, dass a) die noch nicht für ihr Alter freigegeben sind und b)  sie noch zu wenig vertraut ist mit dem Internet, als dass sie bereits abschätzen könnte, welche Konsequenzen ein unbedachter Post nach sich ziehen könnte. Doch auch in diesem Bereich liege ich vermutlich falsch, denn „Kontrollen oder Verbote bringen gar nichts.“ Okay, im Grunde genommen bin ich einverstanden mit dieser Aussage, zumindest, wenn die Kontrollen durch Misstrauen begründet und die Verbote voll und ganz unbegründet sind. Also zum Beispiel, wenn ich einem Fünfzehnjährigen verbieten würde, ein Facebook-Profil zu haben, oder wenn ich ihm nachspionieren würde, obschon er mir glaubhaft versichert hat, dass er sich mit einem Freund zum Musizieren verabredet hat und nicht mit einem Dealer zum Austausch von Geld gegen Drogen. Aber kann eine Kontrolle nicht auch so aussehen: „Kind, du hast gestern dieses Bild auf deinem öffentlichen Profil geteilt und ich denke, du solltest dir das nochmals überlegen. Einem Freund kannst du das schon schicken, von mir aus auch mir, aber ein zukünftiger Arbeitgeber bekommt einen ziemlich schlechten Eindruck von dir, wenn er das sieht.“? 

Natürlich käme es mir nicht im Traum in den Sinn, Karlssons Mails heimlich zu checken und spätestens wenn ich den Drang verspürte, ihm nachzuspionieren, müsste ich erkennen, dass etwas gewaltig schief gelaufen ist in unserer Beziehung. Aber von ihm verlangen, dass er mir ab und zu Einblick gewährt in sein virtuelles Leben, genau so, wie ich ihm Einblicke gewähre in mein virtuelles Leben – indem ich ihn zum Beispiel frage, ob ich über etwas, was ihn betrifft, bloggen darf – sollte meiner Meinung nach in einer Familie selbstverständlich sein. Nur weil sich das Leben der Teenager nicht mehr am Dorfbrunnen abspielt, sondern in irgendwelchen Netzwerken, heisst das noch lange nicht, dass wir wegschauen dürfen –  oder gar müssen, weil wir sonst „die Privatsphäre unserer Kinder verletzen“. Wenn früher einer am Dorfbrunnen geraucht hat, musste er ja auch bei Mama und Papa antraben…

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Moralkeule

Es kommt immer alles zu mir: Die Klagen über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der immer so nervige Geräusche von sich gibt, das Gemotze über „Meinen“, der immer nur ans Aufräumen denkt, das Gejammer über die Kinder, die nie ans Aufräumen denken, das Geheule über das Prinzchen, der schon wieder Zoowärters Spielzeug entwendet hat, das Gezeter über die kleinen Geschwister, die sich immer an Karlssons Preziosen vergreifen, das Zetermordio, weil Luise beim FeuerwehrRitterRömerPiraten wieder einen Allergieschub ausgelöst hat, der Trotzanfall, weil die Grossen viel mehr dürfen als das Prinzchen, das Donnerwetter, weil „der andere“ wieder etwas hat verschwinden lassen oder gar etwas kaputt gemacht hat, das Affentheater, weil irgend einer irgend einem anderen wegen irgend einer Sache ins Gehege geraten ist. Mit allem bestürmen sie mich, jeder erhofft sich, dass ich für ihn Partei ergreife, jeder will verstanden und getröstet werden und jedem versuche ich zu erklären, er solle doch mal versuchen, die Dinge aus der Warte des anderen zu betrachten. Tag für Tag versuche ich zu schlichten, zu vermitteln, gut zuzureden und zu kitten und meist rede ich mir dabei bloss den Mund fusselig.

Heute ist mir der Kragen geplatzt, darum habe ich die sechs Streithähne – ja, auch „Meiner“ musste antraben – zu einer Moralpredigt inklusive „Geht so mit den anderen um, wie ihr selber behandelt werden möchtet“ und „Es schmerzt mich, wenn die Menschen, die ich am meisten liebe so miteinander umgehen“ verdonnert. Ich bezweifle, dass ich damit mehr bewirkt habe als eine zeitweilige Betroffenheit. Aber, hach, tat das gut, mal so richtig die Moralkeule zu schwingen!

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Rührend? Oh ja, und wie!

Karlsson, Luise, das Prinzchen und „Meiner“ kommen vom Winterkleidereinkauf nach Hause. Stolz führen alle ihre Sachen vor; das Prinzchen neben einem rot-blau gestreiften Pulli, einer Jeans und Krümelmonster-Socken auch einen grün-gelb gestreiften Gummiball. „Den Ball wird er sich wohl ertrotzt haben“, denke ich und beachte ihn so wenig wie möglich. Ich will nicht die Szene, die sich wegen dieses Balls im Laden abgespielt haben muss, noch einmal vorgeführt bekommen. Ich kann mir sie auch so lebhaft vorstellen:

Prinzchen (heulend): „Ich will keine Jeans, ich will diesen Ball da!!!!“

„Meiner“ (gereizt): „Du brauchst keinen Ball, du hast schon hunderte davon. Der liegt dann doch nur wieder rum…“

Prinzchen (schluchzend): „Noch nie habe ich einen Ball bekommen! Keinen einzigen. Und die anderen bekommen so viele Bälle, wie sie wollen.“

„Meiner“ (eine Spur gereizter): „Nun komm schon, Prinzchen! Wir brauchen noch Socken für den Zoowärter, Jeans für Luise, einen Pulli für den FeuerwehrRitterRömerPiraten und eine Mütze für Karlsson. Wir haben jetzt keine Zeit…“

Prinzchen (lauthals schreiend): „Wenn ich diesen Ball nicht bekomme, mache ich keinen Schritt mehr. Und dann nehme ich diese doofe Jeans nicht und diesen blöden Pulli und diese dummen Krümelmonster-Socken…“

„Meiner“ (vollkommen entnervt): „Dann nehmen wir diesen blöden Ball halt!“

Luise: „Bei mir hättest du nie nachgegeben. Nie! Aber das Prinzchen bekommt ja immer alles von euch.“

Karlsson: „Genau, bei uns wart ihr immer so streng, aber der kleine Bengel braucht nur zu heulen und schon bekommt er, was er sich wünscht.“

So etwa muss es gewesen sein, denke ich mir. Aber es war natürlich ganz anders: „Mama, diesen Ball habe ich von Karlsson bekommen“, erklärt mir das Prinzchen ungefragt. „Von Karlsson?“, frage ich erstaunt. „Ja, er hat ihn mir aus dieser Ball-Maschine im Kleidergeschäft rausgeholt. Für zwei Franken.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Karlsson hat seinem kleinen Bruder etwas geschenkt, was Karlsson von seiner Mama nie bekommen konnte, mochte er noch so sehr darum betteln?

Tatsächlich. „Ach weisst du, zuerst wollte ich das Prinzchen auf das Pferchen setzen, bei dem du früher auch immer nein gesagt hast, aber das funktionierte nicht. Da habe ich ihm eben einen Ball geschenkt. Weisst du noch, so einen wollte ich doch auch immer so gerne haben und da habe ich gedacht, er freut sich bestimmt, wenn er einen bekommt“, erklärt mir Karlsson, als ich nachfrage. 

Hach, wie süss! Mein grosser, vernünftiger Karlsson, der so oft – zu Recht oder zu Unrecht – findet, mit den Kleinen seien wir so viel nachgiebiger, erfüllt sich einen Kindheitstraum, indem er seinen kleinen Bruder beschenkt. Er sagt dort ja, wo ich auch heute noch konsequent nein sage, bei jedem Kind. Und dies alles, ohne dass das Prinzchen ein Geschrei hätte anstimmen müssen. Ich glaube, er musste noch nicht mal fragen, Karlsson hat seinem kleinen Bruder den Wunsch einfach von den Augen abgelesen. 

Ich bin so gerührt, dass ich Karlsson am liebsten bei der Hand nehmen würde um mit ihm ins Kleidergeschäft zu gehen, wo er so oft Pferchen reiten dürfte wie er nur möchte. Und dann dürfte er ganz viele Bälle aus der Maschine haben. Ich bin mir einfach nicht so sicher, ob Karlsson sich das noch immer wünscht….

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Rührend? Wie man’s nimmt…

Der Zoowärter kommt von einem Besuch bei seiner besten Freundin nach Hause, in der Hand ein Säcklein mit hausgemachtem Caramel. „Mama, schau, was Bestefreundins Mama mir mitgegeben hat!“, sagt er strahlend und setzt sich zu mir. „Willst du auch eins?“, fragt er, nachdem er etwa drei Stück vertilgt hat. Ich nehme dankend an, ziemlich erstaunt, dass ich etwas abbekomme, ehe dem Zoowärter schlecht geworden ist vom Naschen. Momente später streckt mir mein Sohn erneut einen süssen Würfel entgegen. „Magst du noch einen?“ Tief gerührt über diese grosszügige Geste nehme ich auch diese Gabe an. Ich habe noch nicht den den ganzen gegessen, als der Zoowärter mir einen dritten Würfel aufdrängt. „Nimm, Mama, es hat genug davon!“

Mir wird ganz warm ums Herz. Kann es sein, dass meine ewigen Predigten über das Teilen etwas gefruchtet haben? Erlebe ich hier, in diesem heiligen Moment, dass aufgeht, was wir zu säen versucht haben? Darf ich Empfängerin sein von einer Grosszügigkeit, die der Zoowärter gewöhnlich gegenüber seinen Freunden und Freundinnen zeigt? 

Heute früh sitzen der Zoowärter und ich zusammen am Frühstückstisch. „Mama…“, beginnt mein Sohn zwischen zwei Löffeln Joghurt. „Erinnerst du dich noch an die Süssigkeiten, die ich gestern mit nach Hause gebracht habe? Die hat mir Bestefreundins Mama eigentlich für dich mitgegeben.“ 

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