Turnhallen-Ängste

Mit Karlsson ging ich ins Muki-Turnen. Damit er mit anderen Kindern in Kontakt kommt. Damit er die Turnhalle kennen lernt und im Kindergarten keine Angst hat. Und weil es ihm Spass machte.

Mit Luise ging ich ins Muki-Turnen. Weil sie schon als Baby stets auf die Sprossenwand klettern wollte. Und aus den gleichen Gründen wie bei Karlsson.

Als Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat klein waren, leitete ich den Anlass sogar drei Jahre lang. Zu meiner Verteidigung: Das war noch, bevor ich wusste, was es bedeutet, ausgebrannt zu sein und darum sagte ich zu Dingen ja, die sonst keiner machen wollte, die aber unbedingt getan werden mussten, weil sie pädagogisch wertvoll sind.

Mit dem Zoowärter ging ich ins Muki-Turnen. Genau dreimal, dann erklärte er mir, er würde lieber schlafen als turnen, was mir natürlich äusserst sympathisch war. Also gingen wir nicht mehr.

Wie seine grossen Geschwister hatte auch der Zoowärter kein Problem mit der riesigen Turnhalle, als er in den Kindergarten kam. Obschon er kaum im Muki-Turnen gewesen war.

Mit dem Prinzchen ging ich nicht ins Muki-Turnen. Zuerst nicht, weil ich mittwochs im Büro war und er in der Krippe. Auch als ich nicht mehr im Büro arbeitete, ging ich nicht, weil das Prinzchen stets in Bewegung ist und sich auch ohne Sprossenwand die Zähne ausschlägt. In der Turnhalle würde er – der Furchtlose – sich auch ohne Muki-Turnen zurechtfinden, da war ich mir ganz sicher. Und wenn das schlechte Gewissen mir vorwarf, den Jüngsten zu vernachlässigen, verteidigte ich mich: „Man kann auch ohne Muki-Turnen eine gute Mutter sein. Er darf dafür im Garten graben und hacken.“

Heute hatte das Prinzchen zum ersten Mal Turnunterricht im Kindergarten. Als schon die halbe Klasse zum Abmarsch zur Turnhalle bereit stand, klammerte er sich plötzlich an mich. „Ich komme nicht draus! Ich kann das nicht!“, presste er unter heftigem Schluchzen hervor. Die Kindergärtnerin, Prinzchens bester Freund und ich versichertem ihm, dass er das ganz bestimmt könne, er sei doch so flink, so mutig, so beweglich. Heulend ging er an der Hand seines besten Freundes zur Turnhalle und als ich ihm mittags abholte, erklärte er mir, er hätte halt befürchtet, sie müssten „richtig turnen“. „Aber wir haben nur gespielt und das hat Spass gemacht“, erzählte er. „Krise überstanden“, dachte ich erleichtert und schenkte der Sache keine weitere Beachtung mehr.

Von wegen! Die Krise hat erst angefangen. „Das Prinzchen hat noch sehr lange geweint im Bett“, erzählte mir „Meiner“, als ich abends von Zoowärters Elternabend nach Hause kam. „Er fürchtet sich vor der Turnhalle. Er hat gesagt, er werde nie im Leben wieder dorthin gehen und er konnte erst einschlafen, als ich ihm versprach, dies der Kindergärtnerin mitzuteilen.“ 

Ach, wäre ich doch mit dem Prinzchen turnen gegangen. Dann wäre er heute voller Selbstbewusstsein in die Turnhalle marschiert. Er hätte seinem besten Freund gezeigt, was er schon alles kann. Er hätte laut gelacht anstatt geweint und er wäre wild herumgerannt. Vermutlich hätte er in allerbester Prinzchen-Manier ein waghalsiges Klettermanöver ausprobiert…

…und sich den Arm gebrochen, oder ein Bein, oder einen weiteren Zahn ausgeschlagen. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich mit dem Prinzchen nie im Muki-Turnen war…

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Sie lieben sich halt doch…

Manchmal, wenn sie einander so hemmungslos anschreien, beschleichen mich leise Zweifel, ob unsere Kinder einander überhaupt lieben, doch dann erleben wir wieder diese Sternstunden, die mir beweisen, dass sie ohne einander nicht sein möchten. Einige Beispiele gefällig?

Ein spiegelglatter Badesee in Südschweden, die grossen drei Venditti-Kinder sind im Wasser, die zwei kleineren spielen im Sand, „Meiner“ und ich geniessen die Stille. Luise, die am Ende eines langen Steges im Wasser planscht, verliert den Boden unter den Füssen, winkt und ruft um Hilfe. So schnell ich es in meinem entspannten Zustand fertigbringe, renne ich ihr auf dem Steg entgegen. Plötzlich werde ich von hinten unsanft zur Seite geschubst: „Aus dem Weg, Mama“, befiehlt das Prinzchen. „Ich muss Luise helfen, sie ertrinkt sonst.“ Keine Ahnung, wie der kleine Nichtschwimmer seiner Schwester das Leben gerettet hätte, wäre es nötig gewesen, aber ich weiss, dass er alles getan hätte für sie, die ihm im Alltag immer mal gehörig auf die Nerven fällt.

Das Prinzchen liegt mit hohem Fieber im Bett, schreit vor lauter Kopfschmerzen, kann kaum mehr den Kopf nach vorne neigen und allmählich werde ich ziemlich unruhig. Sind da etwa die zwei Zecken im Spiel, die vor zwei oder drei Wochen zugebissen haben? Karlsson kommt händeringend ins Kinderzimmer. „Mama, du musst unbedingt die Kinderärztin anrufen. Das musst du mir versprechen.“ Wenig später tue ich eben dies, als ich das Telefon aufgehängt habe, will Karlsson wissen, wann ich denn endlich gehen könne. „Erst um halb fünf?“, fragt er entsetzt, als ich ihm die Zeit nenne. Als wir gegen sechs Uhr mit einem fieberfreien Prinzchen und einer Entwarnung der Kinderärztin zu Hause wieder eintreffen, wartet Karlsson bereits am Fenster. „Was hat er? Ist es ganz bestimmt nichts Schlimmes? Gehst du morgen noch einmal zur Kontrolle mit ihm?“ Die Sorge unseres Ältesten treibt mir beinahe die Tränen der Rührung in die Augen, auch wenn ich nur zu gut weiss, dass das Prinzchen schon bald wieder „dieser doofe kleine Bruder, der immer alles kaputt machen muss“ sein wird.

Luise liegt laut schluchzend auf dem Bett. Der Abschied von drei Kätzchen in nur zwei Tagen hat sie ganz furchtbar mitgenommen und sie weiss nicht, ob sie je wieder fröhlich sein wird. Der FeuerwehrRitterRömerPirat – Luises ärgster Widersacher in fast allen Lebenslagen – steht ganz verloren im Nebenzimmer. „Luise darf nicht so sehr weinen“, sagt er beinahe schüchtern zu mir. Und ich weiss, dass er für einmal nicht über seine Schwester, die ihn mit ihrer emotionalen Art zur Weissglut treiben kann, beklagen will. Er meint auch nicht, sie solle zu heulen aufhören, weil er sonst auch damit anfangen wird. Nein, sie tut ihm einfach nur Leid, denn er weiss ebenso gut wie wir anderen, dass keine so sehr an den Tieren hängt wie Luise und dass darum ihr Trennungsschmerz um ein Vielfaches grösser sein muss als sein eigener. Und auch der ist nicht klein, auch wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat sich so etwas kaum anmerken lässt…

Und der Zoowärter? Den mögen eigentlich alle immer, denn der ist eine durch und durch friedliche Natur. Nur wenn die anderen nicht wollen, dass er Karlsson vom Dach ist, dann mögen sie ihn nicht, denn dann brüllt er so laut, dass man sein eigenes Gezanke nicht mehr verstehen kann.

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Nicht krank werden, habe ich gesagt!

Nein, mit dem Gehorsam haben sie es nicht so sehr, unsere Kinder. „Bis zu den Herbstferien herrscht absolutes Krankheitsverbot“, sagte ich, als wir im Zug vom Kopenhagen nach Basel sassen. „Keine Grippen, keine Mittelohrentzündungen und erst recht keine Magen-Darm-Käfer“, präzisierte ich, für den Fall, dass sie mich nicht verstanden hätten. Und weil unsere Kinder stets nach einer Begründung verlangen, lieferte ich auch diese: „Ich muss fünf neue Stundenpläne in den Griff bekommen, meine eigenen Arbeitszeiten so einteilen, dass ich nicht immer erst arbeiten kann, wenn ihr im Bett seid und überhaupt kommt auch ohne Krankheitstage noch genug dazwischen mit Mariä Himmelfahrt, Sternwanderung und so. Gebt mir einfach ein wenig Zeit, mich in die neue Situation einzuleben, danach dürft ihr das Programm wieder fröhlich über den Haufen werden.“ Luise meinte, man könne doch nichts dafür, doch diesen Einwand liess ich nicht gelten: „Die paar Wochen bis zu den Herbstferien könnt auch ihr ohne Krankheitserreger auskommen“, brummte ich.

Eine klare Durchsage, nicht wahr? Offenbar nicht klar genug für meine Familie. Frühmorgens weckte mich der FeuerwehrRitterRömerPirat, weil er sich dreimal erbrochen hatte, gegen Mittag klagte das Prinzchen, seine Beine schmerzten, abends hatte er Fieber und der Zoowärter deutete an, dass sein Magen eventuell auch bald einmal rebellieren könnte. 

Nein, gehorsam sind sie wirklich nicht, unsere Kinder, aber immerhin so rücksichtsvoll, dass sie ihre Käfer pünktlich zu Mariä Himmelfahrt bestellt haben. So wird meine noch nicht eingespielte Routine nur einmal gestört.

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Wirkung verfehlt

Seitdem Luise nur noch eine oder zwei Schuhgrössen hinter mir her hinkt, gehören meine Schuhe nicht mehr mir. Gut, sie hat sie sich schon vorher immer zum Verkleiden geschnappt, aber jetzt macht sie Ernst damit. „Mama, kann ich heute deine Schuhe anziehen, ich kann meine nicht finden“, fragt sie, ehe sie zur Schule geht und mit unschuldigem Lächeln fügt sie hinzu: „Ich versorge sie auch ganz bestimmt wieder am richtigen Ort, versprochen.“ 

Ja, und dann sind meine Schuhe eben unauffindbar, wenn ich sie brauche, denn natürlich hat meine geliebte Tochter sie nicht mehr dort hingestellt, wo sie sie genommen hat und ich müsste das Prinzchen in High Heels zum Kindergarten begleiten, denn das sind die einzigen Schuhe, die Luise mir gelassen hat. Doch ich will die High Heels nicht, denn meine Füsse schmerzen noch von vergangenem Samstag, als ich den ganzen Tag in den Dingern herumstand. 

Erst wollte ich mich ja auf eine verzweifelte Schuhsuche begeben, doch dann dämmerte mir, dass es durchaus einen erzieherischen Wert haben könnte, barfuss zum Kindergarten zu gehen. Treffe ich nämlich auf meinem Weg ohne Schuhe an den Füssen auf Luises Schulkameradinnen, dann folgen wenig später mit Sicherheit die bissigen Kommentare: „Deine Mama hat sie ja nicht alle. Läuft ohne Schuhe durchs halbe Dorf…“ und dann schämt sich Luise in Grund und Boden und klaut mir meine Schuhe nicht mehr – oder stellt sie zumindest wieder an ihren Platz zurück. 

Luises Schulkameradinnen habe ich unterwegs tatsächlich angetroffen und sie haben auch voller Entsetzen auf meine nackten Füsse gestarrt – nackte Füsse sind für gewisse Kinder schlimmer als nackte Brüste -, ob sie bereits bei Luise über mich gelästert haben, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis. Natürlich musste ich mich auch der einen oder anderen Mutter erklären, doch keine wagte es, den Sinn meines erzieherischen Experimentes offen in Frage zu stellen.  Einzig Luise blieb ganz cool, als sie mich so sah: „Aber Mama, warum denn? Ich habe deine Flip Flops ja wieder dorthin gelegt, wo ich sie genommen habe.“ Was ganz und gar nicht stimmte…

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Dringend zu erledigen

  • Mandarin lernen, von mir aus auch Finnisch oder Hebräisch. Einfach etwas, was unsere Kinder nicht verstehen können. „Meiner“ und ich riskieren bereits jetzt viel, wenn wir auf Englisch an unseren Kindern vorbei kommunizieren wollen, doch wenn Karlsson und Luise nun Englischunterricht bekommen, ist es endgültig vorbei mit der angelsächsischen Redefreiheit.
  • Mich endlich entscheiden, ob ich heulen oder jubeln soll, weil morgen nach fast dreizehn  Jahren mit stets mindestens einem Kleinkind im Haus ein neuer Lebensabschnitt anfängt.
  • Herausfinden, wann dieser Zahnarzttermin ist und zwar bevor ich ihn verpasst habe.
  • Diese elenden Katzenflöhe, die unser Schlafzimmer annektiert haben und „Meinen“ und mich dazu zwingen, im Wohnzimmer zu übernachten, ein für allemal in die Flucht schlagen. 
  • Reitstunden für Luise organisieren. Wenn dieses Kind nicht endlich ein Pferd unter seinen Hintern bekommt, treibt es mich noch in den Wahnsinn.
  • Den Monat August irgendwie abkürzen, damit das Loch, das die Ferienreise in die Kasse gerissen hat, wieder aufgefüllt wird.
  • Nachschlagen, wie hoch der Eifelturm ist. Ich hab’s dem FeuerwehrRitterRömerPiraten schon tausendmal versprochen und auch schon zwei oder dreimal getan, aber diese blöde Zahl will einfach nicht in meinem Kopf bleiben.
  • Dem Zoowärter und dem Prinzchen „Michel aus Lönneberga“, „Karlsson vom Dach“ und „Pippi Langstrumpf“ fertig erzählen. Wenn ich bloss noch wüsste, bei welchem Buch wir bei welchem Kapitel stehengeblieben sind…
  • Eine gewisse Routine beim Bewältigen des Alltags finden. Oder aber mich entscheiden, ob ich diese Routine überhaupt wieder will, oder ob wir alles anders machen sollen als vor den Ferien. 
  • Diese Mail beantworten und das Formular mit den Kakaoflecken ausfüllen und die Reklamation anbringen und das kaputte Ding entsorgen und die Unterlagen zusammensuchen und die anderen Unterlagen wegräumen, ehe sie auch noch Kakaoflecken bekommen…
  • Die Welt verändern. Keine Ahnung wie, aber irgendwie müsste das doch zu schaffen sein. 
  • Katzenfutter kaufen.

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Vielleicht

Vielleicht hätte ich heute über meine Tomaten geschrieben, denen es vollkommen egal ist, dass ich mich nicht an alle Regeln der Gärtnerkunst gehalten habe und die nun reichlich Früchte tragen, auch wenn mein Tomatenbeet derzeit eher einem Urwald gleicht.

Vielleicht hätte ich auch darüber geschrieben, dass die fünf Kinder, die in kurzen Abständen in unser Leben gepurzelt sind, nun auch in kurzen Abständen immer selbständiger werden, so dass ich plötzlich das Gefühl habe, nicht mehr richtig ausgelaugt zu sein.

Vielleicht hätte ich auch über die Seniorinnen gewettert, die heute ohne jeden Grund unsere Kinder zurechtgewiesen haben, oder ich hätte von der Verkäuferin geschwärmt, die ganz begeistert war, weil „die Fünf ja alle ihrer Mama gleichen“.

Vielleicht hätte ich darüber geklagt, wie alt ich mich fühle, weil morgen mein Neffe, den ich doch eben noch zum hundertsten Mal mit Stofftier und Schoppenflasche ins Bett zurückgeschickt habe, Hochzeit feiert. 

Vielleicht hätte ich auch ganz aufgeregt davon berichtet, dass heute die zwei Bücher, an denen ich in den vergangenen Monaten gearbeitet habe, in Druck gehen.

Aber über all dies mag ich nicht berichten, denn ich ärgere mich so masslos über die peinlichen Versuche, die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz herunterzuspielen und ich weiss genau, dass ich darüber schreiben müsste, wie widerlich und beschämend ich das alles finde, aber mir fehlen dazu momentan einfach die Worte. 

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Bildungsfragen

Als ich noch in streng konservativen christlichen Kreisen verkehrte, wurde ich manchmal gefragt, wozu ich überhaupt eine Matura machen wolle, als Frau würde ich mich früher oder später ohnehin um die Kinder kümmern. Später, als ich an der Uni war, bekam ich die gleichen Fragen wieder zu hören, diesmal einfach mit leicht aggressivem Unterton. Ja, ich weiss, ihr glaubt mir nicht. Ihr denkt wohl, ich könne unmöglich so alt sein, dass ich mich noch mit solchen Vorwürfen hätte herumquälen müssen. Doch die Kreise, in denen ich mich in den Neunzigern bewegte, waren ziemlich konservativ und sie blieben es auch, als ich schon längst begriffen hatte, dass ich mit solchen Ansichten nicht leben konnte.

Doch darüber möchte ich ja eigentlich gar nicht schreiben, sondern viel eher über die Frage, wie ich ohne diese vielen Ausbildungsjahre und den Mann mit der pädagogischen Ausbildung unsere Kinder je unterstützen könnte. Wie kann es sein, dass ein sprachlich absolut nicht unbegabtes Kind nach zwei Jahren Kindergarten und vier Jahren Primarschule noch nicht einmal eine Postkarte fehlerfrei schreiben kann? Was ist falsch gelaufen, wenn ich einem durchaus intelligenten Kind nach zwei Jahren Kindergarten und zwei Jahren Schule erklären muss, welche Wortarten man gross schreibt und welche klein? Wie kommt es, dass „Meiner“ und ich peinlich genau überprüfen müssen, was Töchterchen im Französisch lernt, weil sie schon zu viele falsche Satzstrukturen gelehrt bekommen hat? Wo würden unsere Kinder in der Mathematik stehen, wenn nicht „Meiner“ den ganzen Stoff zu Hause noch einmal mit ihnen durchackern würde? Wenn er nicht die Fragen beantworten würde, die nach den spärlichen Erklärungen des Lehrers noch geblieben sind? Werde ich das Gleiche tun müssen, wenn Karlsson und Luise nach den Sommerferien Englisch lernen?

Und warum in aller Welt schlagen die Lehrer immer nur dann Alarm, wenn ein Blatt ein paar Tage zu spät abgegeben wird, jedoch nie, wenn das mit der Rechtschreibung einfach nicht im Kopf bleiben will? Warum müssen wir das Material selber zusammensuchen, wenn Vertiefung nötig ist? Was hätten unsere Kinder ohne unsere Unterstützung gelernt, ohne die bestimmt nicht immer akkuraten Antworten, die wir ihnen geben, ohne die Geschichten, den Garten, die Haustiere, die Ferienaufenthalte, die Ausflüge, ohne die Bücher und Zeitschriften, die bei uns überall herumliegen und für noch mehr Unordnung sorgen? Klar müssen Schule und Elternhaus einander ergänzen, aber ich frage mich allmählich, was bliebe, wenn das, was wir beitragen, wegfiele. Und warum müssen all diese Fragen ausgerechnet in den Sommerferien über mich hereinbrechen?

Natürlich sind Matura und Uni keine Voraussetzungen, um Kinder grossziehen zu können, wie das mit unseren Kindern an unserer Schule gutgehen sollte, kann ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen.

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Improvisationstheater

Seit unserer Ankunft in Schweden steht das gleiche Theaterstück auf dem Programm. Es trägt den Titel „Wir wollen noch nicht ins Bett“, unsere Kinder spielen die Hauptrollen und da es ein modernes Stück ist, legen die Schauspieler grossen Wert auf die Mitwirkung des Publikums. Deswegen haben auch „Meiner“ und ich unseren Part zu spielen, den Part der fiesen Bösewichte, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. Während man mir immerhin zugesteht, im Laufe des Stücks zur geläuterten Schlafliedchensängerin zu mutieren, muss „Meiner“ bis zum bitteren Ende den Fiesling spielen.

Kein Wunder, dass er dies allmählich satt hat und das trieb ihn wohl dazu, heute Abend die zwei Sätze auszusprechen, die ich zuerst für das Dümmste hielt, was er in seiner fast dreizehn Jahre dauernden Karriere als Vater je geäussert hat: „Ich spiele nicht mehr mit. Heute Abend geht ihr dann uns Bett, wann es euch passt.“ Die Schauspieltruppe konnte ihr Glück kaum fassen, endlich nicht mehr das gleiche öde Stück spielen zu müssen. Der Älteste der Truppe bemerkte zwar, wir würden also heute Abend einen auf antiautoritäre Erziehung machen, doch er spielte dann doch bereitwillig mit. Auch ich war nicht unglücklich über die Programmänderung, fürchtete aber, das improvisierte Stück könnte ganz gewaltig in die Hose gehen.

Anfangs sah es auch ganz danach aus. Einige beschmierten sich im Badezimmer mit einer fürchterlichen Kriegsbemalung, die anderen machten sich über die Wassermelone her, die ich heute Nachmittag gekauft hatte. Später servierten sie uns Dessert und gekühlte Getränke, veranstalteten damit zwar ein riesiges Chaos in der Küche, bescherten uns aber dennoch einen ziemlich gemütlichen Abend. Sie beseitigten sogar die ärgsten Spuren ihres kreativen Abendprogramms. Gegen halb zehn gab der Erste bekannt, er wolle jetzt ins Bett gehen und bald darauf griff einer nach dem anderen zur Zahnbürste. Nicht später als in den vergangenen Tagen üblich wurde ich um ein paar Schlaflieder und ein Abendgebet für die Katzen zu Hause gebeten und bald darauf war es still im Kinderzimmer.

Ein durchschlagender Erfolg also, dieses Improvisationstheater. Ob sich daraus wohl ein neues Stück machen lässt?

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Ansichtssache

„Meiner“ und ich bemitleiden den FeuerwehrRitterRömerPiraten jeweils wegen seines Geburtstags. Mitten in den Sommerferien, meist an einem Ort, wo Kuchenbacken nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist und die Geschenke eine gewisse Grösse nicht überschreiten dürfen, weil sie sonst nicht mehr ins Reisegepäck passen. Die Geburtstagsparty mit Freunden muss entweder Wochen vorher oder Wochen nachher stattfinden, die Geschenke von Verwandten tröpfeln so nach und nach herein.

Das ist unsere Sicht, die Geschwister des FeuerwehrRitterRömerPiraten sehen das ganz anders: Er bekommt die ausgefallensten Tortendekorationen, die grösste Vielfalt an Süssigkeiten, die Luftballons, die es in der Schweiz nicht gibt. Nie muss er an seinem Geburtstag zur Schule gehen, wir alle haben Zeit, ihn den ganzen Tag zu feiern, meistens gibt es ein ausgefallenes Spezialprogramm.

Darum war das Protestgeheul gross, als „Meiner“ und ich verkündeten, wir würden Astrid Lindgrens Värld am Geburtstag des FeuerwehrRitterRömerPiraten besuchen. „Dann wird sich wieder alles nur um ihn drehen, dabei freuen wir uns seit Monaten auf diesen Ausflug“, protestierten die anderen. „Meiner“ und ich redeten uns den Mund fusselig, um die aufgebrachten Geschwister zu beruhigen, doch nichts half. Bis mir endlich das Argument in den Sinn kam: „An seinem Geburtstag lassen sie den FeuerwehrRitterRömerPiraten gratis rein. Das heisst, mehr Geld für uns alle. Vielleicht liegt dann ja sogar ein zusätzliches Souvenir drin…“ Da konnten sie natürlich nichts mehr einwenden, auch wenn sie es noch immer furchtbar unfair finden, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat echte schwedische Zuckerstangen und „einen Ring Bratwurst von der Besten“ bekommt.

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Bildungslücken füllen

Heute Nachmittag, als wir gemütlich durch Mariannelund schlenderten, wurde auf einmal eine riesige Bildungslücke sichtbar. “ Mama, weisst du noch, wie der Michel einmal mit seiner Büsse einen Dieb verjagte?“, fragte Karlsson. „Und als er Klein-Ida an der Fahnenstange hochzog? Das muss ein Spass gewesen sein…“, sagte Luise. „Und sein armer Papa war immer das Opfer…“, meinte der FeuerwehrRitterRömerPirat kichernd. „Oh ja, der arme Papa mit dem Blutklösseteig…“, fing ich an, doch der Zoowärter unterbrach mich: „Was hat der Michel mit der Fahnenstange gemacht?“ Und noch ehe ich antworten konnte, wollte das Prinzchen wissen, was denn eine Büsse sei. Als ich nicht gleich zu erklären begann, wandte sich das Prinzchen an „Meinen“: „Papa, was ist eine Büsse und warum hatte der Michel eine?“ „Also, äääähh, ich glaube…also ja, da musst du die Mama fragen…“, stammelte „Meiner“ und da dämmerte mir, dass etwas geschehen muss und zwar sofort.

„Luise, hast du nicht den ‚Michel‘ mitgenommen?“, fragte ich. Als sie bejahte, stand das Programm für heute Abend fest: Zuerst ein Ausschnitt aus dem Bullerbü-Film, dann ein Kapitel „Michel“ für die Kleinen und schliesslich Pflichtlektüre für „Meinen“. Karlsson, Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und ich können uns doch unmöglich mit solch ungebildetem Pack in Vimmerby zeigen.

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