Abstinenzler

„Meiner“ und ich haben es nicht so mit dem Alkohol. Hin und wieder ein Frauenbier – so genannt, weil „Meiner“ jedes Mal belächelt wird, wenn er eins bestellt – alle paar Monate ein Schluck Likör in den Kaffee und ganz selten mal ein halbes Glas Wein, mehr nicht. Also wirklich nicht viel, oder? Nun, in den Augen unserer Kinder ist auch das zuviel. Die Predigten, die Karlsson mir jeweils hält, wenn ich ausnahmsweise mal Alkoholisches kaufe, bringen mich regelrecht ins Schwitzen. Dabei bin ich mir in Bezug auf Abstinenzpredigten einiges gewohnt, besuchten wir als Kinder doch Woche für Woche den „Hoffnungsbund“ des Blauen Kreuzes. Dort warnte uns ein alter, herzensguter Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die Jugend vor dem Alkohol zu bewahren, vor der Gefahr aus der Flasche. Er predigte aber nicht nur, er liess uns auch mit Blasrohren auf Flaschen, die er aus Sperrholz ausgesägt hatte, schiessen. Wer es schaffte, die Schnapsflasche, die am kleinsten war, umzublasen, bekam einen Preis. Dazu lehrte er uns das Sprüchlein „Bier, Schnaps, Wein – Nein!“, woraus wir Kinder natürlich „Bier, Schnaps, Wein – Fein!“ machten.

Nun, diese Zeiten sind längst vorbei und wie man sieht, hat der Hoffnungsbund mich zwar nicht zur Abstinenzlerin, wohl aber zu einer sehr zurückhaltenden Alkoholkonsumentin gemacht. Dennoch fühlte ich mich heute wie eine notorische Säuferin, als mir Karlsson ins Gewissen redete, bloss weil sich unter den Bergen an Einkäufen auch vier Flaschen Bier befanden. Frauenbier, wohlverstanden. „Mama, bist du verrückt geworden, so viel Bier zu kaufen?“, entrüstete sich Karlsson. Ich erklärte, das sei nun wirklich nicht besonders viel für zwei Menschen, zumal wir ja nicht alles an einem Abend trinken würden. „Das ist trotzdem zuviel“, beharrte Karlsson. „Ich will doch nicht, dass Papa und du morgen besoffen seid. Und überhaupt: Glaubst du, ich will, dass die uns ins Heim bringen?“ Verständnislos schaute ich unseren Ältesten an. „Warum sollen die euch ins Heim bringen?“ „Weil die euch die Kinder wegnehmen, wenn ihr besoffen seid“, erklärte Karlsson und zwar laut vernehmlich mitten im Supermarkt.

So langsam wurde mir die Sache peinlich. Und deshalb versuchte ich Karlsson zu erklären, dass ich nichts davon halte, wenn man Alkohol verbietet. Ich erzählte ihm von Bekannten, die mit striktem Alkoholverbot aufgewachsen waren und die später, als sie alt genug waren, vom Saufen nicht genug bekommen konnten. Ich legte ihm dar, dass ein Unterschied darin besteht, ob jemand Abend für Abend sein Feierabendbier braucht, oder ob er sich alle paar Monate mal etwas Alkoholisches gönnt. Doch je länger ich erklärte, umso skeptischer wurde Karlsson und am Ende fühlte ich mich wie ein Alkoholiker, der krampfhaft versucht, sein Laster kleinzureden. Vor allem dann, als Karlsson auch noch anfing, meine Jugendsünden, die ich ihm in einem schwachen Moment einmal gestanden hatte, auszubreiten: „Also wenn ich du wäre, würde ich mich ja heute noch schämen. Zweimal schon bist du betrunken gewesen.“ „Ja, als ich fünfzehn war“, verteidigte ich mich, aber Karlsson liess mein Hinweis auf meinen jugendlichen Leichtsinn nicht durchgehen.

Ich durfte mir dann noch den ganzen Heimweg lang anhören, wie ungesund so ein Bier sei – „Stell dir mal vor, wie viel Zucker es in so einer Flasche hat!“ – und dass das alles ja bloss herausgeschmissenes Geld sei und jetzt, wo die Kinder im Bett sind und ich eigentlich Zeit hätte, mit „Meinem“ den Abend gemütlich ausklingen zu lassen, ist mir die Lust auf unseren kleinen Genuss vergangen. Ich meine, man stelle sich mal vor, was geschehen würde, wenn ich danach besoffen wäre. Die würden uns ja die Kinder wegnehmen…

Was ist hier falsch?

Dialog zwischen Mama Venditti und Karlsson, November 2010

Karlsson: „Kaum zu glauben, dass schon wieder Weihnachten ist. Das Jahr hat doch eben erst angefangen.“

Mama starrt ihr Kind mit offenem Mund an und meint, sie hätte sich verhört. Noch ehe sie etwas sagen kann, fährt Karlsson fort:

„Mama, findest du es nicht völlig verrückt, wie schnell die Zeit vergeht? Mir kommt es vor, als hätten wir den Tannenbaum eben erst weggeräumt und jetzt kaufen wir schon bald einen Neuen.“

Mama schaut ihren Ältesten nachdenklich an und sagt: „Als ich ein Kind war, hatte ich immer das Gefühl, ein Jahr würde eine halbe Ewigkeit dauern.“

Karlsson, ebenfalls nachdenklich, meint: „Ja, so war das bei mir auch, als ich noch klein war. Aber jetzt vergeht die Zeit wie im Fluge.“

Schrecklich, die Jugend von heute! Zu meinen Zeiten galt es noch nicht als jugendfrei, darüber zu jammern, dass die Zeit zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern.

Und dann noch ein Gespräch, das mir in den letzten Wochen zu Denken gegeben hat

Dialog zwischen Mama Venditti und Luise, kurz bevor der Blinddarm raus musste:

Mama: „Du siehst so besorgt aus. Hast du Angst vor der Operation?“

Ein leicht spöttisches Lächeln huscht über das Gesicht des Kindes. „Aber Mama, ich habe doch keine Angst vor der Operation. Am liebsten möchte ich wach bleiben, damit ich alles mitkriege.“ Dann wird das Kind wieder ganz ernst: „Aber ich habe Angst wegen der Schule. Ich kann doch nicht so lange fehlen, sonst verpasse ich so viel und das muss ich dann alles wieder nachholen. Und die Lehrerin hat doch gesagt…“

Mama unterbricht Luise: „Jetzt mach dir mal keine Gedanken um die Schule. Das Wichtigste ist, dass du jetzt wieder gesund wirst. Alles andere hat Zeit…“

Luise: „Aber ich werde so viel nachholen müssen…“

Noch einmal die Jugend von heute. Zu meinen Zeiten durfte man sich frühestens dann, wenn es so langsam Richtung Berufswahl ging, Sorgen über verpassten Schulstoff machen. Aber wer weiss, vielleicht machen die ja schon in der zweiten Klasse einen ersten Test für die Berufswahl…

Suspekt

Nach langem Hin und Her haben „Meiner“ und ich uns nun doch dazu entschieden, nach einem neuen Au Pair zu suchen. Das bedeutet, dass ich seit einigen Tagen wieder dabei bin, die Profile all der jungen Frauen – Männer kommen bei uns nicht in Frage, weil Luise sich weigert, ein weiteres männliches Wesen in unserer Familie aufzunehmen – genau zu studieren. Neben vielen sehr sympathischen jungen Menschen gibt es da auch einige, die mir äusserst suspekt sind. Ich meine jetzt nicht diejenigen mit dem angewiderten Gesichtsausdruck, den unzähligen Piercings und der Erklärung, sie würden gerne als Au Pair arbeiten, weil sie mal endlich ihren strengen Eltern entrinnen, möglichst viel Spass und am liebsten nichts mit Kindern zu tun haben möchten. Gut, die kommen nicht in Frage für uns, da ich zwar sehr viel Verständnis für diese Wünsche habe, diese aber in unserer Familie leider nicht erfüllt werden können.

Nein, so richtig heiss und kalt läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich Sätze wie diese lese: „Meine Eltern haben mir sehr gute Manieren beigebracht und ich würde mich selber als einen sehr moralischen Menschen beschreiben. Ich lege viel Wert darauf, den Kindern, die ich betreue, hohe Wertvorstellungen mitzugeben.“ Oder junge Frauen, die sinngemäss schreiben: „Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mit Ihren Kindern tolle Spiele spielen, mit ihnen jeden Tag fünf Stunden an der frischen Luft verbringen, dafür sorgen, dass sie stets bestens verpflegt sind  und zudem dafür sorgen, dass ihr Haushalt stets in bester Ordnung ist.“ Gut, ich weiss, die jungen Frauen möchten damit wohl einfach sagen, dass sie nicht zur Kategorie „Schlampe, die den ganzen Tag Reality-TV glotzt, währenddem die Kinder sich von Chips und Cola ernähren“ gehören. Sie möchten mir zeigen, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen werden und dass sie mehr als nur eine Ahnung davon haben, was für Kinder gut ist und was nicht. Dennoch kommen für mich solche Frauen ebenso wenig in Frage, wie die oben erwähnten.

Warum eigentlich, wo ich doch selber ziemlich konkrete Wertvorstellungen habe und auch versuche, diese im Alltag zu leben? Wo „Meiner“ und ich doch auch viel Wert auf gesunde Ernährung, sinnvolle Freizeitgestaltung, bewussten Medienkonsum, anständige Manieren und liebevollen Umgang legen? Nun, es gibt zwei Gründe, die mich daran hindern, ein Au Pair anzufragen, das sich als die perfekte Erzieherin und Hausfrau präsentiert: Erstens misstraue ich grundsätzlich jedem Menschen, der es sich so einfach vorstellt, das, was man für richtig und wichtig erkannt hat, auch eins zu eins im Leben umzusetzen. Zu oft habe ich erlebt, dass ich trotz meiner hehren Überzeugungen genau das Gegenteil getan habe von dem, was ich hätte tun wollen: Ich habe herumgebrüllt, obschon ich tief im Innersten wusste, dass eine liebevolle Umarmung dran gewesen wäre. Ich habe die Kinder einen Film schauen lassen, obschon mir klar war, dass zwei Stunden an der frischen Luft besser gewesen wären. Ich habe ja gesagt zum Nutellabrot, auch wenn eigentlich ein Apfel sinnvoller gewesen wäre. Und das alles nur, weil es sehr anstrengend sein kann, konsequent zu sein, wenn man zum Beispiel krank auf dem Sofa liegt oder gerade mit einem Neugeborenen so beschäftigt ist, dass der stetige Kampf um die Prinzipien zu aufreibend ist. Man mag mich schwach und ohne Rückgrat nennen, aber ich für meinen Teil habe erkennen müssen, dass mir der Preis, den ich für die absolute Konsequenz bezahlen müsste, zu hoch ist.

Und dies führt mich zum zweiten Grund, weshalb mir Au Pairs, die auf absolute Konsequenz schwören, suspekt sind. Wer, wie ich, einmal zu der Sorte junger Menschen gehört hat, die allen Ernstes der Überzeugung waren, man müsste sich nur ein wenig am Riemen reissen, dann würde das schon klappen mit den perfekten Kindern und dem perfekten Haushalt, dem graut davor, einen solchen jungen Menschen zu sich einzuladen. Zu gut erinnere ich mich an meine eigene verurteilende Art, als dass ich mir heute, wo ich nicht mehr so leicht verurteilen kann, das schlechte Gewissen in Person ins Haus holen würde. Vorwürfe für mein Versagen mache ich mir schon genug, da brauche ich nicht noch jemanden im Haus, der glaubt, mir zeigen zu müssen, wie man es richtig machen würde. Nein, dann lieber jemand, der weniger perfekt, dafür aber auch etwas nachsichtiger mit meinen Fehlern ist. Und deshalb muss ich bei den „perfekten“ Au Pairs ebenso nein sagen wie bei den „gleichgültigen“.

Ach, bevor ich es vergesse: Zumindest eine der gestern gestellten Fragen hat sich geklärt. Inzwischen weiss ich, dass Monteure für Haushaltgeräte nicht nur mittwochs arbeiten, sondern auch „erst am Freitag“, wenn sie im gleichen Haushalt zwei Geräte anstatt nur eines zu reparieren haben.

Weihnachts-Nachlese

Trotz Noro-Besuch lasse ich es mir nicht nehmen, auf die Dinge hinzuweisen, die Weihnachten 2010 zu einem wunderbaren Fest gemacht haben. Da wären zum Beispiel

– fünf rundum zufriedene kleine Vendittis, die alles bekommen haben, was sie sich gewünscht haben. Zitat Karlsson: „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich je ein Trichtergrammophon bekommen würde und jetzt ist mein Traum wahr geworden.“

– der schönste Tea-for-One-Teekrug aller Zeiten, den ich seit vorgestern mein Eigen nennen darf.

– die Erkenntnis, dass meine Herkunftsfamilie wirklich cool ist. Nachdem ich, ein bekennendes Herdentier, mich in den vergangenen Jahren innerlich ganz bewusst von meiner Herkunftsgrossfamilie distanziert habe, um mich meiner eigenen Grossfamilie zuzuwenden, durfte ich gestern erkennen: Meine Schwestern, meine Brüder, meine Eltern und all die verschiedenen „Anhänge“ sind cool, auch wenn sie nicht perfekt sind. Dass meine Neffen und Nichten cool und obendrein nahezu perfekt sind, habe ich übrigens gar nie bezweifelt. Wie könnte ich auch, wo ich doch durch sie gelernt habe, wie großartig Kinder sind?

– ein paar noch nie gewagte kulinarische Experimente – darunter Trifle mit Birnen, weißer Schokolade und Gewürzen, ein Auflauf aus Mais und Kastanien sowie eine himmlische Fenchel-Kartoffelsuppe mit Anis – die mir heute noch trotz Übelkeit und Bauchschmerzen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

– Karlssons Kompliment, dass ich aufgrund meines Weihnachtsmenüs endlich einen Preis bekommen sollte. Aber was will ich mit Preisen, wo doch die Tatsache, dass selbst der FeuerwehrRitterRömerPirat beherzt zugegriffen hat, die höchste aller Auszeichnungen ist?

– das Weihnachtsgeschenk, das „Meiner“ und ich uns gönnen: Drei Tage Prag ohne Kinder und es haben sich so viele Leute freiwillig zur Kinderbetreuung gemeldet, dass wir uns ganz dringend noch zwei oder drei Knöpfe zulegen sollten, um die Nachfrage nach zu betreuenden kleinen Vendittis zu befriedigen.

Das also wären die Highlights. Dass ich obendrauf noch völlig unbeabsichtigt zu einem Haussklaven – auch Roboter-Staubsauger genannt -gekommen bin, erzähle ich dann vielleicht bei anderer Gelegenheit ausführlicher. Denn zuerst muss sich erweisen, ob das Ding tatsächlich solch ein Segen ist, wie es momentan noch den Anschein macht.

Männlein und Weiblein

Zurzeit gibt es bei uns am Tisch nur noch ein Gesprächsthema: Die Liebe und zwar diejenige zwischen Männlein und Weiblein. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass alle unsere Kinder im Zuge ihrer Entwicklung zur gleichen Zeit das gleiche Thema entdecken. Gewöhnlich befasst sich die eine mit Lesen- und Schreibenlernen, der andere mit seinem Bauchnabel und der Dritte mit der Frage, wie man es fertigbringt, den Kindergartenfreund zu besiegen, ohne dass man dafür selber Haue bekommt. Diesmal aber scheint es, als hätten sich unsere Kinder miteinander abgesprochen, um alle zur gleichen Zeit möglichst viel zu lernen.

Der Zoowärter, zum Beispiel, hat vor ein paar Tagen seinen ersten Filmkuss gesehen. Nein, keine Angst, es war nichts Unanständiges. Er sass nur zufällig dabei, als Luise und ich uns „Emma“ anschauten. Diesen Kuss, den er da gesehen hat, beschäftigt ihn nun schon seit Tagen und auch heute Nachmittag wollte er wieder über das Gesehene reden. Weil ihm aber nicht mehr einfiel, wie der Herr und die Dame, die da so Unsägliches taten, heissen, fragte er mich: „Mama, wie heisst schon wieder der Mann, der die Frau aufgesogen hat?“ Gewöhnlich versuche ich ja, bei solchen Fragen ernst zu bleiben, weil ich nicht will, dass die Kinder aufhören, Fragen zu stellen. Aber versucht mal, keine Tränen zu lachen, wenn ihr euch vorstellt, wie Mr. Knightley einem Staubsauger gleich seine Emma in sich hinein saugt.

Weniger zum Lachen gibt es, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die neuesten Wörter aus dem Kindergarten nach Hause bringt. Eigentlich hätte ich ja gedacht, dass mich beim dritten Kind nichts mehr so leicht aus den Socken haut, aber die Ausdrücke, die unser Sechsjähriger da lernt, kenne ich sonst nur von vorpubertären Rotznasen. Nun weiss ich nicht, wie das bei euch zu Hause war, als ihr mit wüsten Wörtern nach Hause kamt. Bei uns wurden solche Dinge einfach überhört, da es zu peinlich gewesen wäre, über Unaussprechliches zu reden. „Meiner“ und ich haben uns aber zum Ziel gesetzt, dass unsere Kinder auch über die Vorgänge unter der Gürtellinie möglichst unbefangen aber auch mit dem nötigen Respekt reden können und so kommt es durchaus vor, dass wir während des Mittagessens darüber diskutieren, weshalb man das eine sagen soll, das andere aber nicht. Dass man dabei nicht umhin kommt, auch die derben Ausdrücke in den Mund zu nehmen, versteht sich von selbst. Da hoffe ich doch bloss, dass das Tageskind, das bei uns am Tisch Deutsch lernt, nicht die falschen Ausdrücke mit nach Hause nimmt. Aber vielleicht haben die Kinder, die dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die wüsten Wörter beigebracht haben, ja auch nur erklären wollen, was man nicht sagen darf…

Auch wenn Luise Fragen stellt, muss man die Kinder zuweilen sehr tief unter die Bettdecke blicken lassen. Bei unserer Tochter dreht sich momentan alles darum, wie Männlein und Weiblein es schaffen, sich bis an ihr Lebensende zu lieben und warum es Viele eben nicht schaffen. Und weil Kinder direkt sind, sieht man sich dann schon mal zwischen Zimmer aufräumen und Guetzli backen mit Fragen konfrontiert wird, ob es eigentlich Spass mache, mit jemandem ins Bett zu gehen, oder ob man das nur mache, um Kinder zu kriegen. Ich liebe solche Fragen, auch wenn sie mich dazu zwingen, sehr viel über mich selber preiszugeben. Aber wer, wenn nicht „Meiner“ und ich, sollen unseren Kindern Red und Antwort stehen? Und wo wir schon dabei sind, Antworten zu geben, sitzt auch Karlsson gerne dabei und hört zu. Fragen mag er nicht mehr besonders viel, denn dazu ist er wohl langsam zu gross. Aber hören, was gesagt wird, wenn andere fragen, das scheint ihm nichts auszumachen und so schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir befriedigen Luises Neugier und füttern zugleich Karlsson, der nicht mehr so offensichtlich neugierig ist, mit Informationen, die ihm nur zu bald schon nützlich sein könnten.

Während die Grossen also schon ziemlich intime Details wissen wollen, dreht sich beim Prinzchen alles noch um die Basics, dies aber momentan fast rund um die Uhr: Ich bin ein grosser Bub, Mama ist eine Frau, Papa ist ein Mann, Luise ist ein Mädchen und alle anderen in der Familie sind Jungs. Papa hat einen Bart, Mama nicht, die Geschwister auch nicht, aber Papa sagt, dass Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen später auch einen haben werden. Männlein und Weiblien auch hier. Und weil es auf der Welt ja nicht nur die sieben Vendittis gibt, hat das Prinzchen momentan sehr viel zu tun, wenn wir einkaufen gehen, denn bei jedem Menschen, den er sieht, gilt es festzustellen, ob er / sie nun Bub, Mädchen, Mann oder Frau sei. Ich weiss nicht, wie oft ich heute, als das Prinzchen und ich den letzten Weihnachtseinkauf tätigten, gesagt habe „Ja, Prinzchen, das ist ein Mann, ja, das dort drüben ist ein Mädchen und das daneben ist eine Frau“, aber glaubt mir, er war sehr sehr oft und die Leute waren nicht alle begeistert darüber. Besonders die nicht, bei denen ich sagen musste „Nein, das ist kein Mann, das ist eine Frau.“

Auch nur ein Mensch

Wir Christen zerbrechen uns ja gerne den Kopf darüber, was Gnade sei. Ob Menschen, die anders glauben als wir, sich auch so sehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass ich schon unzählige Predigten zu diesem Thema gehört habe und dass mir der Begriff dennoch immer ein wenig schleierhaft geblieben ist. Gestern Abend brachte ein einziger Satz zustande, was endlose Predigten bis jetzt bei mir nicht geschafft hatten: Ich erlebte, wie es sich anfühlt, wenn jemand gnädig ist.

Wie ihr wohl mitgekriegt habt, entsprach ich gestern noch weniger der perfekten Mutter, als ich es gewöhnlich tue. Ja, ich weiss, die perfekte Mutter gibt es nicht. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wir versuchen dennoch insgeheim, die Erste zu sein, die es schafft. Ich schaffe es nicht. An gewöhnlichen Tagen nicht und gestern erst recht nicht. Abends, bevor die Kinder zu Bett gingen, rief ich sie deshalb noch einmal zusammen und gestand ihnen unter Tränen, wie Leid es mir tue, dass ich so eine böse, ungeduldige, schlecht gelaunte, brüllende, ungerechte Versagermama gewesen sei. Gut, ich kroch nicht mehr im Staube, wie ich es früher getan hätte, aber ich habe dennoch ganz offen und ehrlich darüber geredet, wie gerne ich dem Tag eine andere Wendung gegeben hätte, wie ich es aber einfach nicht geschafft hätte, das Steuer herumzureissen um uns alle wieder auf einen friedlicheren, liebevolleren Weg zu bringen. Anders als sonst hielt ich dabei den Kindern nicht vor, wie viel sie selber dazu beigetragen hatten, dass der Tag so schrecklich geworden war. Denn was nützt eine Entschuldigung, die zugleich dem anderen Schuld auflädt?

Für einmal hörten mir die Kinder brav zu. Nun gut, das Prinzchen hätte wohl nicht zugehört, sondern alles nachgeplappert, aber weil er schon schlief, schwieg er ausnahmsweise auch. Als ich mit meiner Rede am Ende war, schauten mich die vier Knöpfe treuherzig an und murmelten etwas von „wir haben ja auch ziemlich blöd getan“. Und dann sagte Luise diesen entscheidenden Satz, der alles besser machte: „Weisst du Mama“, sagte sie ernst „du bist auch nur ein Mensch.“ Ein banaler Satz? Nicht in diesem Moment, denn mit diesen wenigen, sonst oft so leeren Worten hatte Luise mir klar gemacht, dass sie damit leben kann, dass ich nicht perfekt bin, ja, mehr noch, dass sie gar nicht erwartet, dass ich alles richtig mache. Mit dieser einen klaren Aussage hatte Luise all mein Herumbrüllen, all meine Ungeduld und meine Unzufriedenheit in einen Abfallsack gestopft und den Sack zugebunden. Und durch ihr zustimmendes Nicken bestätigten mir Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, dass sie das ganz genau gleich sahen wie ihre Schwester.

Ach ja, ganz durchschaut habe ich das grosse theologische Geheimnis dennoch nicht. Denn anstatt den Abfallsack, den mir meine Kinder so gnädig geschnürt hatten, im Müll zu entsorgen, nahm ich all den Mist später noch einmal hervor, schaute mir voller Abscheu jedes meiner Versagen noch einmal an und als „Meiner“ nach drei sehr langen Elterngesrprächen nach Hause kam, musste er sich den ganzen Müll auch noch einmal anschauen. Aber immerhin habe ich es danach fertig gebracht, zu mir selber zu sagen „Was soll’s? Du bist eben wirklich nur ein Mensch und morgen ist ein neuer Tag, an dem du es zwar nicht perfekt, aber immerhin besser machen kannst.“

Was übrigens auch keine grosse Kunst war, denn um heute eine bessere Mama als gestern zu sein, brauchte es nun wirklich nicht viel…

Sanfter Tyrann

Montagmorgen, draussen ist es grau und stürmisch und meine Laune ist so mies, dass ich mich am liebsten wieder ins Bett verkriechen möchte, nachdem die Grossen aus dem Haus, die Kleinen in den Kleidern sind. Aber leider geht das nicht, heute noch weniger als sonst, denn die Putzfrau dreht ihre Runden im Haus. Zwar habe ich inzwischen akzeptieren können, dass einmal die Woche eine andere als ich sich unseres Drecks annimmt, aber einfach faul herumliegen und zuschauen, wie jemand sich abrackert, das kann ich nicht. Darum putze ich meist das WC, während die Putzfrau sich um all den anderen Schmutz kümmert.

Heute aber war die Montagmorgenmüdigkeit so gross, dass ich irgendwann, als dich das Prinzchen aus unserem Schlafzimmer holen wollte, der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte und mich ein paar Sekunden hinlegte. Nun gut, aus den paar Sekunden wurden schnell einmal fünfzehn Minuten, aber daran bin ich ganz und gar unschuldig. Kaum wollte ich mich nämlich wieder erheben, kam das Prinzchen mit einer Decke daher und versuchte, mich zuzudecken. Nun wäre es doch wirklich unhöflich, davonzurennen, wenn sich ein kleines Menschlein so rührend um einen kümmert. Also blieb ich doch ein wenig länger liegen. Ein paar Augenblicke später unternahm ich dann doch den nächsten Versuch, das Bett wieder zu verlassen, aber das Prinzchen drückte meinen Kopf zurück aufs Kissen und meinte resolut: „Nei Mami, ligge!“, was heissen soll, dass ich gefälligst liegenbleiben solle. Also blieb ich. Dann aber hörte ich, dass der Staubsauger der Schlafzimmertüre beängstigend nahe kam und da ich keine Lust hatte, auf frischer Tat beim Faulenzen ertappt zu werden, erklärte ich dem Prinzchen, dass ich jetzt auch putzen müsse. „Nei Mami, nöd putze! Ligge!“, befahl mein Jüngster und drückte erneut meinen Kopf aufs Kissen. Zur Sicherheit, dass ich nicht entwischen konnte, deckte er mich noch einmal zu und legte seinen Riesenbären obendrauf. So ging das noch mehrere Male, bis ich mich irgendwann doch gegen den süssen kleinen Tyrannen auflehnte, der mich ja bloss an dem zu hindern suchte, was ich ohnehin nicht tun wollte.

Wer nun findet, ich liesse mich von meinem Jüngsten allzu sehr herumkommandieren, der bedenke bitte, dass es a) Montagmorgen war, dass ich b) nichts so sehr hasse wie putzen und dass ich c) doch nicht so blöd bin, mich zu widersetzen, wenn mich jemand – und sei dieser Jemand noch so klein – dazu zwingt, meine geheimsten Träume in die Tat umzusetzen. Und zum Beweis, dass ich dem Kind nicht in allen Dingen gehorsam bin, sei darauf hingewiesen, dass er heute Nachmittag kein zweites Guetzli bekam, auch wenn er noch so sehr versucht hat, Druck auszuüben. Ihr seht also, ich kann ihm schon noch widerstehen, wenn ich bloss will und ihr braucht mich noch nicht zur Erziehungsberatung anzumelden. Dann wohl eher zum Wellnessurlaub, damit ich mich mal wieder ausschlafen kann.

Sonntagnachmittag

Waren sie nicht furchtbar langweilig, unsere Eltern, wenn sie sonntags nichts weiter tun wollten als schlafen, essen und vielleicht noch ein wenig lesen? Da mochte man noch so sehr betteln, sie möchten sich zu einem Ausflug in den Zoo aufraffen, ein Eis essen kommen oder vielleicht draussen mit den Kindern ums Haus jagen, aber für all dies hatten sie nur ein Gähnen und ein deutliches Nein übrig. So sie denn überhaupt reagierten. Denn meist schliefen sie schon tief und fest, ehe man nur die Chance gehabt hätte, mit den zähen Verhandlungen um das Sonntagnachmittagsprogramm zu beginnen. Wie konnten diese Erwachsenen bloss so langweilig sein? Das bisschen Arbeit, das sie wochentags zu bewältigen hatten, konnte doch nicht dermassen anstrengend sein, dass man sonntags nur noch ausgelaugt auf dem Sofa lag. Aber die Erwachsenen sahen dies anders und deshalb blieb den Kindern nichts anderes übrig, als die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Waren sie nicht furchtbar lustig, diese Sonntagnachmittage ganz ohne Einmischung der Eltern? Diese endlosen Stunden, während derer man tun und lassen konnte, was man wollte? Zum Beispiel alle Arten von Kräutern sammeln und über dem offenen Feuer – zum Glück waren die grossen Brüder Pfadfinder und wussten, wie man so etwas macht – einen Tee brauen. Oder unter der Regie der ältesten Schwester ganze Theaterstücke einüben, die man den Eltern, wenn sie endlich mal wach waren, voller Stolz vorführte. Oder heimlich den Kühlschrank plündern, weil man glaubte, die Eltern bekämen nichts mit davon, weil sie ohnehin zu tief schliefen. Aber sonderbarerweise bekamen sie solche Dinge immer mit, auch wenn alles andere nicht durch ihre bleierne Müdigkeit dringen konnte. Am Ende hatte man an einem solchen Nachmittag so viel Spass, dass man froh war, dass die Eltern sich nicht hatten aufraffen können, irgend ein Programm durchzuziehen. In der verklärten Erinnerung sind jene Sonntagnachmittage die schönsten Stunden einer Kindheit, die ohnehin viel besser, fröhlicher, unbeschwerter und sonniger war.

Wie bei so vielen Dingen im Leben geht es auch beim Sonntagnachmittag darum, aus welcher Perspektive man ihn anschaut. Die Kinder, die damals die Erwachsenen so furchtbar öde fanden, sind heute selber erwachsen und wissen, wie sehr einem die ganze Verantwortung, die man damals noch nicht zu tragen hatte, zu schaffen machen kann. So sehr, dass sie heute diejenigen sind, die nur einen tiefen Seufzer von sich geben, wenn die Kinder fragen, ob man nicht mal wieder schlitteln gehen könnte. Sie sehnen sich nach den unbeschwerten Stunden von damals und erkennen nicht, dass sie einen Hauch davon wieder haben könnten, wenn sie mit ihren Kindern auf dem Schlitten sässen und ihnen der kalte Wind um die Ohren bliese. Sie glauben, ihre Kindheit damals sei viel schöner gewesen als diejenige der Kinder heute und sehen dabei nicht, dass die heutigen Kinder sich den Spass nicht nehmen lassen, auch wenn auf den Strassen mehr Autos fahren, die Spielsachen nicht mehr so stilvoll sind und die Wiese rund ums Haus leider nicht mehr so gross ist wie diejenige, die das eigene Elternhaus umgab. Die Welt, die in unseren Augen so schrecklich ist, erscheint in den Augen der Kinder noch so wunderbar, wie sie wohl einst mal war.

Die Kinder, die heute Kinder sind, schütteln genauso verständnislos die Köpfe ob der erwachsenen Trägheit und wissen noch nicht, dass in nicht allzu vielen Jahren sie diejenigen sein werden, die ihren Allerwertesten nicht mehr hochkriegen, um ein wenig Spass zu haben. Sie wissen auch nicht, dass die Erwachsenen schon wollten, wenn sie denn noch könnten. Sie wissen nicht, dass sich ihre Eltern ein schlechtes Gewissen machen, weil sie sich vom Alltagsstress so sehr vereinnahmen lassen, dass sie sonntagnachmittags nur noch ausspannen mögen. Und schon gar nicht wissen sie, dass ihre heimlichen Raubzüge durch die Vorratskammer, ihre fantasievollen Geschichten, die sich erst so richtig entspinnen können, wenn sich die Kinder frei von elterlicher Kontrolle fühlen, ihre chaotischen Experimente und was sie sonst noch an so einem Nachmittag anstellen mögen, den elterlichen Augen nicht verborgen bleiben.

Denn so ist das nun mal mit uns Eltern: Wir mögen zwar schlafen, aber wir wissen, dass wir auch im Schlaf die Verantwortung nie ganz abgeben und darum kriegen wir fast alles mit, auch wenn wir die Augen fest geschlossen haben.

Krank oder nicht krank, das ist hier die Frage

Okay, die Schweinegrippe, die uns letztes Jahr kurz vor Weihnachten in die Knie gezwungen hatte, war wahrlich kein Spass. Aber das, was wir dieses Jahr erleben, ist noch viel weniger lustig, auch wenn man um die diesjährigen Käfer ausnahmsweise mal kein grosses Geschrei macht. Nun gut, in diesem Jahr scheinen sie auch nicht allzu aggressiv zu sein, dafür aber umso mühsamer. Wer sie erwischt, weiss nämlich nie, ob er nun krank ist oder nicht. Zumindest ist das bei unseren Kindern so: Sie sind zu krank, um gesund zu sein und zu gesund, um krank zu sein. Alles klar? Vielleicht erkläre ich das mal ganz praktisch: Entscheidest du dich morgens, dass die Kinder wohl besser zu Hause bleiben, weil sie sich schlapp und elend fühlen, dann bereust du diesen Entscheid spätestens eine halbe Stunde später, wenn die eben noch so leidenden kleinen Menschen einander gegenseitig durch die Wohnung jagen und sich bei jeder Kleinigkeit in die Haare geraten. Entscheidest du dich aber, die Kinder dennoch aus dem Haus zu schicken, weil du den Eindruck hast, so krank seien sie dann auch wieder nicht, dann meldet sich spätestens bei ihrer Rückkehr das schlechte Gewissen: Was bist du doch für eine elende Rabenmutter, deine Kinder so blass, lustlos und mit fieberglänzenden Augen in die Schule oder in den Kindergarten gehen zu lassen?

Die Kinder wissen diesen Zustand zwischen Gesundheit und Krankheit natürlich weidlich auszunützen. Forderst du sie dazu auf, mal kurz das Wohnzimmer aufzuräumen, dann fühlen sie sich auf einmal wieder ganz elend, Bauch und Ohren tun weh, die Glieder sind schwer und der Schädel brummt. Sie brauchen ganz dringend einen Zitronenwickel, einen heissen Tee und eine warme Decke. Sehen sie ein paar Minuten später, dass draussen ein paar Klassenkameraden den Winter geniessen, sind sie plötzlich wieder vollkommen fit und glauben, es keine Sekunde länger in der Wohnung auszuhalten. Dann bist du natürlich einmal mehr die Böse, weil du darauf bestehst, dass die Kinder drinnen bleiben, weil sie krank sind. Willst du sie davon überzeugen, sie sollten sich ein wenig hinlegen und ausruhen, dann finden sie, sie seien doch schon längst wieder gesund und sich hinlegen sei etwas für Memmen. Schickst du sie nach einem Tag, an dem sich all die Halbkranken ohne Unterbruch gezankt und gerauft haben, etwas früher ins Bett, weil du vom vielen Schimpfen völlig fertig bist, dann stehen sie garantiert ein paar Minuten später wieder da und bitten dich mit leidendem Blick um eine Bauchmassage, weil sie sich „plötzlich wieder ganz fruchtbar krank“ fühlen.

So läuft das nun seit einer Woche und so langsam wäre ich froh, die Kinder würden sich endlich entscheiden, ob sie nun krank sein wollen oder nicht. Denn wenn das so weitergeht, werde ich noch krank. Vor lauter Ärger.

 

Akku leer

So gegen Weihnachten ist es meistens so, dass der Akku unserer Kinder leer ist. Nun gut, der Akku von uns Eltern ist auch leer, aber darüber will ich heute ausnahmsweise nicht jammern, auch wenn ich schon könnte, wenn ich wollte. Aber reden wir über den Akku unserer Kinder. Bei Karlsson merkt man es meistens daran, dass er vermehrt kränklich wird und irgendwann im Bett landet. Auch Luise möchte im Bett bleiben, allerdings nicht, weil sie krank wäre, sondern weil sie es draussen einfach zu kalt, zu ungemütlich und zu blöd findet. Dementsprechend schlecht ist ihre Laune, wenn die Energie langsam abnimmt. Der Zoowärter kommt morgens schon gar nicht mehr vor zehn Uhr aus dem Bett und einzig das Prinzchen tut so, als hätte die Energie nie ein Ende. Egal, ob Sommer oder Winter, Morgen oder Abend, warm oder kalt, der kleine Mensch hüpft durchs Leben, als gebe es nichts Schöneres und damit hat er wohl auch Recht.

Ja, und dann ist da noch der FeuerwehrRitterRömerPirat. Das Kind, das noch kaum mal krank war. Bis auf eine Mittelohrentzündung im zarten Alter von sechs Monaten, die er mit solch stoischer Ruhe über sich ergehen liess, dass ich sie erst bemerkte, als ihm der Eiter schon aus dem Ohr floss – ich hatte wohl zu kinderlosen Zeiten allzu laut verkündet, meinem Kind würde so etwas nie passieren – war das Kind meistens kerngesund. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat müde ist, ist auch nicht störrischer als gewöhnlich. Wie sollte er auch, wo er doch auch an gewöhnlichen Tagen bocken kann wie kein Zweiter? Und schlafen tut er auch nicht viel mehr.

Nein, wenn der Akku des FeuerwehrRitterRömerPiraten sich leert, dann wird der heldenhafte Kämpfer plötzlich butterweich und zart. Dass es mal wieder soweit ist, hätte mir gestern Abend schon auffallen können. Da sassen wir alle wie gebannt vor dem Bildschirm und genossen das Happy Ending der Emma-Verfilmung. Je romantischer es wurde, umso näher rückte unser Dritter zu mir und schliesslich sass er auf meinem Schoss. „Findest du den Film nicht langweilig“, fragte ich mein Kind, das gewöhnlich für „Wickie und die starken Männer“ schwärmt. „Nein Mama“, sagte er verträumt. „Ich mag eben nicht nur wilde Sachen.“

Heute Morgen dann, als es eigentlich Zeit gewesen wäre, in den Kindergarten zu gehen, kam er wieder zu mir auf den Schoss gekrochen. Ich glaube, wenn er einen Weg gefunden hätte, wäre er zurück in meinen Bauch geschlüpft. Da sass er und machte keinerlei Anstalten, sich ausgehfertig zu machen. Gewöhnlich spiele ich ja Tag für Tag den Drachen und kommandiere das arme Kind aus dem Haus, weil das Gesetz das einfach so vorschreibt, ob es ihm nun passt oder nicht. Heute aber war mir klar, dass er gar nicht gehen konnte, nicht, weil er krank war oder weil ihm etwas im Kindergarten nicht passte, sondern einfach, weil sein Akku leer war. Und ich glaube, es war nicht nur der Energie-Akku, der am unteren Limit angelangt war, es war auch der Mama-liebt -mich-über-alles-Akku, der ganz dringend mal wieder geladen werden musste.

So liess ich ihn eben gewähren, meinen liebesbedürftigen, übermüdeten FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wie wir so endlos lange bei Kerzenschein auf dem Sofa sassen, spürte ich, wie der Akku sich langsam wieder füllte. Und zwar nicht nur derjenige meines Sohnes.