Welcome back

Da seid ihr ja wieder, ihr Schuldgefühle. Eigentlich habe ich euch ja nicht jetzt schon zurück erwartet, aber wie ich euch kenne, ist euch so ziemlich egal, was ich denke. Kaum seht ihr eine Mama, die sich dazu anschickt, fünf Minuten ihrer wertvollen Zeit in eine Berufstätigkeit zu investieren, stürmt ihr die Bude, macht euch breit und beginnt, zu allem und jedem euren Senf dazu zu geben. Bei mir spielt sich das Drama im Moment so ab:

M(ama): „Ich verschwinde dann mal für ein paar Stunden im Büro. Wenn ihr ein Problem habt, geht zu Papa.“
Kaum ist die Bürotür hinter hinter Mama zugefallen, ertönt Geschrei, Papa tröstet, redet gut zu, löst die Probleme und der Alltag nimmt seinen gewohnten Lauf.  Mama stürzt sich in die Arbeit und nimmt schon bald gar nicht mehr wahr, welche Dramen sich vor der Bürotür abspielen. Irgendwann aber steht ein heulendes Kind im Büro.

M, leicht genervt: „Ach, du Arme(r)! Was ist denn mit dir passiert?“
K(ind): „Die anderen sind so gemein zu mir! Die lassen mich nicht mitspielen!“
M:  „Das ist aber unfair. Aber weisst du, ich bin am Arbeiten. Du musst zu Papa gehen.“
Das Kind verlässt schluchzend das Büro, die Mama versucht, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Zeit für die ungebetenen Gäste, die Bühne zu betreten:

S(chuldgefühle): „Was bist du doch für eine Rabenmama. Siehst du denn nicht, dass dein Kind traurig ist?“
M: „Klar sehe ich das.  Aber ‚Meiner‘ ist heute Nachmittag für die Kinder zuständig…“
S: „Ja, klar ‚Deiner‘. Als ob der in den Schulferien auch noch Kinder hüten müsste. Und du weisst doch: Wenn es einem Kind schlecht geht, dann braucht es die Mama, nicht den Papa.“
M: „Das stimmt doch gar nicht. ‚Meiner‘ kann das ebenso gut wie ich.“
S: „Kann er nicht.“
M: „Kann er doch.“

Mama wendet sich wieder ihrer Arbeit zu, die Schuldgefühle wissen für einen Moment lang nicht, was sie noch sagen sollen. Draussen spielen die Kinder, schreien, lachen, singen. Wo denn die Mama sei, will ein Kind wissen.

S: „Hast du gehört, die suchen dich. Warum musst du auch immer arbeiten, wo deine Kinder dich doch so sehr brauchen.“
M: „Meine Kinder haben mich fast den ganzen Tag. Und wenn sie mich nicht haben, dann haben sie den Papa und der ist genauso wichtig. Und immerhin arbeite ich nicht ausser Hause. Zu den Mahlzeiten bin ich da.“
S: „Und danach verschwindest du wieder im Büro. Glaubst du wirklich, dass deine Kinder das mögen. Die werden sich später, wenn sie mal an ihre Kindheit zurückdenken, nur noch an eine verschlossene Bürotür erinnern. Und an eine Mama, die nie Zeit hat.“
M: „Aber ich habe doch Zeit. Ich bin fast immer da…“
S: „
Fast immer, ja. Aber nicht immer…“
M: „Aber ich muss doch gar nicht immer. ‚Meiner’….“
S: „Ja, ich weiss, ‚Deiner‘. Aber glaubst du nicht auch, die Kinder wären viel besser betreut, wenn ihr
beide jetzt im Garten wäret?“

So geht es weiter, hin und her, immer hitziger, immer giftiger. Und je nach dem, wer den längeren Atem hat, siegen die Schuldgefühle oder die Mama.

Ja, ihr lieben Schuldgefühle, ihr wisst, wie ihr einem das Leben versauern könnt. Aber Eines muss man euch lassen: Ihr piesackt die Mütter ohne Ansehen der Person. Denn ob eine Mama vollzeitlich berufstätig ist, ob sie von zu Hause aus arbeitet, ob sie ehrenamtlich arbeitet oder ob sie krankgeschrieben ist, ihr bringt es immer fertig, ihr einzuflüstern, dass sie es nie und nimmer schafft, die Mama zu sein, die ihre Kinder verdient hätten.

Kleine Kapitalisten

Da paaren sich zwei Idealisten – Lehrer und Ex-Lokaljournalistin und beide zusammen Christen = Idealismus im Quadrat – und was werden die Kinder? Astreine Kapitalisten. Völlig egal, dass die Mama schon als Sechsjährige den Mercedes-Fahrer als Kapitalisten beschimpft hat, völlig gleichgültig, dass die Eltern die Partei wählen, die auch heute noch die Überwindung des Kapitalismus anstrebt,  die Kinder tun dennoch, was ihnen beliebt.

Und so sind seit einigen Tagen Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat fleissig am Geld verdienen. Mal bieten sie den Eltern Massagen zu Wucherpreisen an, dann wieder ziehen sie durchs Quartier und verkaufen Blumensträusse. Und das Geld, das sie dabei verdienen, legen sie zusammen, damit sie sich „dann irgend einmal etwas“ kaufen können. Naiv, wie ich nun mal bin, habe ich an Schleckstengel gedacht, als sie mir dies erzählten. Oder an Bonbons. Oder vielleicht an ein Gesellschaftsspiel. Doch nein, unsere Kinder haben Grösseres im Sinn: „Weisst du Mama, wenn wir genug Geld verdient haben, kaufen wir uns so eine grosse Flasche, mit denen man Ballons füllen kann und dann verkaufen wir Ballons und dann verdienen wir noch viel mehr Geld und dann kaufen wir mit diesem Geld wieder etwas, mit dem man Geld verdienen kann“, berichtete mir Karlsson aufgeregt. Und später hörte ich, wie er zu Luise sagte: „Ich glaube, wir kaufen uns am besten eine Zuckerwattenmaschine. Damit können wir mehr Geld verdienen, als mit Luftballons.“

Woher die Kinder das haben? Nun, ganz bestimmt nicht von ihren idealistischen Eltern. Die haben nämlich heute noch Gewissensbisse, wenn sie für ihre Arbeit, die sie ja aus lauter Menschenliebe machen, auch noch Geld verdienen.

Fussball

Nein, ich werde definitiv nie eine Soccer Mum. Ich schaffe das einfach nicht. Auch wenn Luise und Karlsson im Fussballcamp eine ganze Woche lang dem Ball hinterher gerannt sind. Auch wenn Luise gar im letzten Spiel ein Tor geschossen hat und damit ihrem Team zum Sieg verholfen hat. Auch wenn Karlsson, der im Grunde Fussball hasst, mir gestern Abend voller Begeisterung gezeigt hat, wie hart er den Ball dank der richtigen Technik schiessen kann. Ich weiss, ich sollte jubeln vor lauter Begeisterung. Ich sollte mit vor Stolz geschwellter Brust am Fussballplatz stehen und meinen Sprösslingen zujubeln. Ich sollte in ihnen die Hoffnung schüren, dass sie dereinst ganz grosse Stars auf dem Rasen sein werden, ja, dass sie vielleicht eines Tages für die Schweiz den Weltmeistertitel holen werden.

Und was tue ich stattdessen? Ich lächle verkrampft, wenn Luise mir vorschwärmt, wie toll diese Woche doch gewesen sei. Ich murmle etwas von „Wir werden dann sehen…“, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat, der in diesem Jahr noch nicht mitmachen durfte, davon träumt, wie er nächstes Jahr nicht nur ins Fussballcamp gehen wird, sondern auch zum wöchentlichen Fussballtraining. Ich klopfe Karlsson anerkennend auf die Schulter, wenn er mir seine neuesten Balltricks vorführt und sage dann schnell: „Hast du schon gesehen? Ich habe euch ein Geolino-Lexikon gekauft. Möchtest du nicht noch ein wenig darin lesen?“ Und heute – Schande über mich! – habe ich doch tatsächlich den grossen Fototermin zum Ende des Fussabllcamps verpasst. Während alle anderen Eltern stolz die Kamera zückten, um die zukünftigen Fussballstars abzulichten, lag ich zu Hause und hielt einen ausgedehnten Mittagsschlaf. In Vendittis Wohnzimmer wird so bald kein Bild von Karlsson und Luise im Fussballdress hängen.

Nachdem ich meine beiden grossen Kinder vom Fussballplatz abgeholt hatte, war ich nur noch erleichtert, dass ich das Thema abhaken kann. Zumindest bis zum nächsten Fussballcamp. Frohgemut ging ich einkaufen. Und was musste ich entdecken, als ich an der Kasse wartete? Die ersten Panini-Bildchen!

Ich will nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Die hohe Kunst der Schlaflosigkeit

Es gibt ja verschiedene Gründe für Schlaflosigkeit und somit auch verschiedene Niveaus, die es zu erreichen gibt. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie im Judo, wo man den 10. Dan ja auch nicht einfach so auf Anhieb verliehen bekommt. Nun möchte ich ja nicht unbescheiden sein, aber ich habe den Eindruck, dass „Meiner“ und ich in der Kunst der Schlaflosigkeit schon ziemlich weit fortgeschritten sind, aber wenn ich auf die vergangene Nacht zurückblicke, wird mir bewusst, dass es noch so viele Variationen gibt, die wir noch nie erlebt haben. So viel zu lernen und unsere Kinder sind schon so gross! Allmählich müssen wir uns beeilen, wenn wir noch wahre Meister der Schlaflosigkeit werden wollen.

Obschon: Die vergangene Nacht wäre nichts für Anfänger gewesen und wir sind ziemlich stolz auf uns selber, dass wir sie ohne namhafte Wutausbrüche und ohne herumfliegende Schoppenflaschen hinter uns gebracht haben. Mir scheint, wir haben ein höheres Niveau erreicht. Dass die Nacht eine echte Herausforderung werden würde, war bereits am späten Abend klar, als ein übermüdeter Zoowärter um Asyl im elterlichen Bett bat. Was wir ihm ohne Prüfung seines Gesuchs gewährten. Wir wissen ja, dass er nur dann zu uns gekrochen kommt, wenn in seinem Heimatbett unhaltbare Zustände herrschen, also zum Beispiel, wenn er vom FeuerwehrRitterRömerPiraten gebissen worden ist, oder wenn er den Kampf um die Bettdecke endgültig verloren hat und er den grossen Bruder nicht mehr wach bekommt, damit er weiter mit ihm streiten kann. Bald schon schlummerte der Zoowärter selig auf meiner Seite des Bettes, was für mich zur Folge hatte, dass ich einmal mehr nahe am Abgrund einschlief.

Aber lange schlief ich ohnehin nicht, denn das Prinzchen hatte mal wieder Lust auf ein mächtiges Gebrüll. Anfangs glaubte ich ja noch, der Wunde Po sei Schuld am ganzen Übel, aber nachdem der wunde Po gesalbt war und das Prinzchen weiter brüllte, war Ursachenforschung angesagt. Und wie das bei der Forschung so ist: Man kommt nicht immer auf einen grünen Zweig. Nichts half, weder Wiegen, Streicheln, Milch noch gutes Zureden, er solle doch jetzt endlich schlafen. Das Prinzchen wurde erst ruhig, als eine brüllende Luise auftauchte. Vor lauter Staunen, dass da jemand mitten in der Nacht noch lauter sein konnte als er, schwieg das Prinzchen und stellte sich schlafend. „Meiner“ und ich übrigens auch. Wenn wir nur lange genug so täten, als würden wir schlafen, würde sich Luise vielleicht selber helfen. Sie ist ja so selbständig.

Aber nichts da: Luise wollte Salbe. Und eine Decke. Und ihre Schmusehäschen, die sie im Bett vergessen hatte. Und weil Luise bei jedem Nein noch lauter brüllte, mussten „Meiner“ und ich alles für sie anschleppen. Irgendwie mussten wir dem Gebrüll ja ein Ende setzen, sonst würden bald auch noch Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat auf der Matte stehen, ja, am Ende vielleicht noch meine Mutter, die uns armen geplagten Eltern zu Hilfe eilen würde. Nun, soweit kam es nicht, denn  irgendwann hatte sich Luise in den Schlaf gebrüllt, worauf das Prinzchen, das durch die plötzliche Ruhe aufgeschreckt war, wieder zu brüllen anfing. Aber auch er schlief später erschöpft ein und „Meiner“ und ich hatten für den Rest der Nachts nichts weiteres zu tun, als zu verhindern, dass sich der Zoowärter vollkommen quer legte im Bett und damit beide Elternteile aus dem Bett drängte. Fast ein wenig langweilig für uns alte Hasen, dieser zweite Teil der schlaflosen Nacht.

Aber natürlich wurden wir für die mangelnde Herausforderung fürstlich entschädigt: Am Morgen hatten wir gleich drei wunderbar schlecht gelaunte und unausgeschlafene Kinder, die ihr Bestes dazu taten, ihren wunderbar unausgeschlafenen Eltern den Start in den Tag zu vermiesen. So langsam rückt der Meistertitel vielleicht doch in greifbare Nähe…

Darum also?

Warum musste ich als Zehnjährige mit Übergewicht kämpfen? Also jetzt mal abgesehen davon, dass ich jedes Mal, wenn die Kinder aus Bullerbü Butterbrote assen – und sie essen viele Butterbrote, die Kinder aus Bullerbü und ich las das Buch immer und immer wieder -, in die Küche rannte, um mir zwei oder drei Scheiben Brot in sehr viel Butter zu rösten. Aber war dies vielleicht nicht der einzige Grund? Musste ich auch deshalb mit meinem unbändigen Appetit kämpfen, damit ich heute meine Kinder besser verstehe, wenn es ihnen schwer fällt, sich nicht noch einen Teller voll zu schöpfen?

Warum musste „Meiner“ als Teenager Tag für Tag mit seiner Mutter streiten? So richtig heftig, nicht das übliche Gezänke zwischen Mutter und halbwüchsigem Sohn. Nun ja, die beiden lebten auf völlig verschiedenen Planeten und deshalb war eine Verständigung beinahe unmöglich. Aber musste er vielleicht diese Konflikte auch deshalb durchstehen, weil er heute immer und immer wieder mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, die sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen? Oder zieht er solche Kinder und Jugendliche regelrecht an, weil sie spüren, dass da einer ist, der sie versteht?

Warum musste ich als Mutter so sehr an meine Grenzen kommen? Also jetzt mal abgesehen davon, dass ich zu viel wollte, zu hohe Ideale hatte, das Falsche wollte, mir von Menschen dreinreden liess, die mir nichts zu sagen haben, zu viel von mir selbst forderte. Musste ich vielleicht auch deshalb tief fallen, damit ich Frauen, die Ähnliches durchmachen  – Glaubt mir, es gibt viele davon -, verstehen kann? Dass ich mit ihnen weinen kann und ihnen Mut machen kann, dass wieder andere Zeiten kommen? Oder habe ich einfach durch die eigenen Erfahrungen gelernt, den traurigen Blick einer Mutter richtig zu interpretieren?

Ich möchte nicht behaupten, dass alles und jedes im Leben einen Sinn ergibt. Zu oft steht da ein dickes fettes WARUM. Aber ich liebe diese seltenen Momente, in denen man spürt, dass man dem anderen das, was er erzählt, nachfühlen kann, weil man selber schon am genau gleichen Ort gewesen ist. Dass man ganz genau weiss, wovon das Gegenüber redet. Dass man hin und wieder gar einen Lichtblick – und keinen Ratschlag –  weitergeben kann. Und auf einmal ist das eigene Erleben nicht mehr so schmerzhaft. Und nicht mehr ganz so sinnlos.

Peanut-Butter-Desaster

Zum krönenden Abschluss meines Rückfalls in die pubertäre Phase hätte es heute zum Abendessen gebratene Peanut Butter-Bananen-Sandwiches geben sollen. Mit weissem Toastbrot. Wenn schon Trash, dann richtig. Weil aber jemand – ich war es diesmal bestimmt nicht – die ganze Erdnussbutter aufgegessen hatte, musste sofort Nachschub her. Das ist bei uns Teenagern ja so: Wenn wir etwas haben wollen, dann jetzt gleich, koste es, was es wolle. Also das Prinzchen und den Zoowärter ausgehfertig gemacht und ab in die Migros. Auf einen Einkaufswagen verzichten wir. Wir brauchen ja nur Peanut Butter. Und lactosefreie Prinzchen-Milch. Und Toastbrot. Und und und.

Irgendwann wird es schwierig mit dem Prinzchen auf dem Arm und dem viel zu schweren Einkaufskorb in der Hand. Erst recht, als ich versuche, die Einkäufe in die Papiertasche zu stopfen, ohne dabei das Prinzchen, das sich inzwischen aus meinen Armen entwunden hat, aus den Augen zu verlieren. Als dann noch der Zoowärter davonrennt, verliere ich die Contenance und beginne lauthals zu schimpfen. Ich schnappe mir das Prinzchen und die Einkaufstasche und versuche, dem Zoowärter hinterherzurennen. Ja, ich weiss, das macht man nicht, sonst rennt er erst recht weiter. Aber was soll ich denn tun, wenn er der Strasse schon gefährlich nahe ist? Nun, lange kann ich ohnehin nicht rennen, denn die Papiertasche gibt ihren Geist auf und das Erdnussbutterglas liegt in tausend Scherben auf dem Fussboden.

Wäre ich ein echter Teenager, ich würde mich wohl sofort aus dem Staub machen und danach überall damit prahlen, wie kaltblütig ich doch sei. Aber unter Stress kommt das wahre Ich wieder ans Licht: Die verantwortungsvolle, brave und vor allem vorbildliche Mama verlangt natürlich sofort einen Besen und beseitigt die ganze Sauerei. Irgendwie war pubertieren früher einfacher.

Es ist alles ganz anders

Der Zoowärter denkt ja, der Osterhase wohne bei uns gegenüber in einem geräumigen Hasenstall und neulich hat er mir erklärt, wie dieser Hase seiner Arbeit nachgeht: Er hoppelt, wenn bei der Ampel das grüne Männchen erscheint, über die Strasse und verteilt die Eier in unserem Garten. Dann hoppelt er wieder zurück, aber erst dann, wenn die Ampel nicht mehr das rote Männchen zeigt. Okay, ich habe zwar keine Ahnung, wo an unserer verkehrsberuhigten Strasse eine Ampel stehen soll, aber auch sonst macht sich der Zoowärter ein falsches Bild vom Osterhasen. In der Realität ist nämlich alles ganz anders, nämlich so:

Am frühen Ostermorgen schlüpft die Osterhäsin – der Osterhase ist nämlich weiblich – in ihre Stöckelschuhe, weil sie gerade nichts anderes finden kann, sie es aber eilig hat, weil sie bereits die Kinder rumoren hört. Zu den Stöckelschuhen trägt sie ausgeleierte Pyjamahosen, ein rotes T-Shirt und einen Poncho. So leise sie kann, stöckelt sie die Treppe hinunter, gefolgt von ihrem mürrischen Gehilfen, der ihr die schwere Schachtel trägt und unablässig darüber schimpft, dass die Osterhäsin mal wieder zu viel eingekauft habe und dass man das alles hätte bleiben lassen können weil es den Osterhasen ja ohnehin nicht gebe. Die Osterhäsin verteidigt sich und sagt, sie habe ja nicht wissen können, dass die Schwiegerosterhäsin auch noch für jedes Kind einen Schokohasen einkaufen würde und ausserdem habe sie ausschliesslich Sonderangebote erstanden. Dann verschwindet die Osterhäsin im sehr kühlen Garten, der Gehilfe zieht sich grummelnd in die Wohnung zurück und räumt die Küche auf.

Derweilen versteckt die Osterhäsin so gut sie kann – sie ist eine ziemliche Niete, wenn es darum geht, Dinge zu verstecken – sämtliche Hasen, Schokoeier und Spielsachen. Richtige Eier hat sie in diesem Jahr nicht, denn beim Eierfärben waren die Eier nicht ganz gar geworden, weshalb sie der grummelnde Gehilfe noch einmal kochen musste und jetzt sind die Eier nicht mehr bunt, sondern fast weiss. Und wer versteckt denn schon weisse Eier im Garten? Irgendwann hat die Osterhäsin alles versteckt und nur wenige Minuten später bringen die Kinder die Beute, inzwischen mit ein paar Schnecken dekoriert, wieder in die Küche. Sie freuen sich, dass der Osterhase so grosszügig war in diesem Jahr und der grummelnde Gehilfe ist plötzlich ganz fröhlich, weil er es ganz entzückend findet, wie sich die Kinder über ihre Geschenke freuen. Nur zwei sind nicht so ganz glücklich: Der Zoowärter und die Osterhäsin. Der Zoowärter, weil er enttäuscht ist, dass er den Osterhasen nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und die Osterhäsin, weil sie Kopfweh hat aber das kommt eben davon, wenn man am frühen Morgen im Garten herumstöckelt, anstatt im warmen Bett zu liegen. Nächstes Jahr kann der grummelnde Gehilfe den Job machen.

Ich glaube, ich seh‘ nicht recht

Ostersamstag im Getränkemarkt. Vor uns an der Kasse zwei junge Männer, wohl vor gerade mal fünf Minuten volljährig geworden. Sie kaufen eine riesige Flasche „Jack Daniel’s“, die Grösste, die es im Laden zu kaufen gibt. Dazu noch eine riesige Flasche „Ballantine’s“ und dann noch ein paar weitere Flaschen. (Wo nehmen die bloss all das Geld her?) Der jüngere der jungen Männer – er muss noch den Ausweis zeigen, so grün ist er noch hinter den Ohren – bezahlt und bestellt das, was er fürs Osterfest einkauft, auch noch für nächsten Donnerstag. Hinter uns an der Kasse dann der junge Mann, wie er in ein paar Jahren aussehen wird, wenn er so weitersäuft: Ein älterer Mann mit blutunterlaufenen Augen, Bierbauch, wankendem Gang und einen Einkaufswagen voller Bierdosen. Und daneben ein junges Ehepaar mit zwei hübschen kleinen Mädchen und einem Einkaufswagen voll mit kleineren und grösseren Schnapsflaschen. Dazwischen Karlsson und Luise, die es nicht fassen können, dass die Menschen so viel Alkohol kaufen.

Zwei Stunden später im Café neben dem Spielplatz. Da sitzt eine Frau, den schwangeren Bauch so dick, dass ich meine, die Bewegungen des Kindes von Weitem sehen zu können. Genüsslich zieht die werdende Mama an ihrer Zigarette. Zwei Tischchen weiter ein moderner Papa, ebenfalls mit Zigarette und zwar exakt auf Kopfhöhe seines Babys, das neugierig aus dem Wagen schaut. Und ein paar Schritte weiter eine Mama, die ihrem Kind auf dem Spielgerät Schub gibt, auch sie mit Zigarette genau auf Kopfhöhe ihres Kindes.

Ich will ja nicht alles verteufeln – auch wir habe für unsere  Gäste heute Wein gekauft –  aber zuweilen finde ich es schon bedenklich, was Kinder von (Halb)Erwachsenen lernen.

Also mal ganz ehrlich…

Wenn kinderlose Menschen gefragt werden, was sie an Kindern besonders mögen, dann kommt in 99,9 Prozent aller Fälle eine Antwort, die der folgenden gleicht: „Ich bin t-o-t-a-l fasziniert von dieser Unverfälschtheit, von dieser Ehrlichkeit, die Kinder haben. Kinder machen dir nie etwas vor und das finde ich einfach s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l! Diese Direktheit ist genial!“ Wenn ich solche Schwärmereien höre oder lese, muss ich stets auf den Stockzähnen grinsen. „Wenn die mal eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen erlebt hätten, fänden sie die Direktheit der Kinder nicht mehr ganz so s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l“, sage ich dann jeweils zu „Meinem“ und er nickt nur wissend.

Eine Geburtstagsparty mit zwölf Siebenjährigen beginnt meist damit, dass die Kinderhorde zuckersüss lächelnd und erwartungsfroh auf dem Sofa sitzt und sich auf den Spass freut, der da ganz bestimmt kommen wird. Und natürlich sind „Meiner“ und ich bestens vorbereitet: Er unterhält die Meute, ich assistiere im Hintergrund, lege alles bereit, was benötigt wird, mache den Tellerwäscher und den Besenwagen, kaum ist die Horde weitergezogen. So funktioniert die Sache tadellos. Bis nach zwanzig Minuten das erste Kind laut verkündet, dass unser Programm sterbenslangweilig sei und dass es jetzt lieber nach draussen gehen möchte. „Meiner“ und ich schauen uns kurz an und denken: „Es sind eben Kinder. Die sagen stets gerade heraus, was sie fühlen“ und „Meiner“ macht weiter den Pausenclown, während ich weiter die Trinkbecher nachfülle. Fünf Minuten später klagt das nächste Kind, es wolle bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen, weil es ein absolut blödes Spiel sei. Dann bemerkt ein anderes Kind, dass das Prinzchen nerve, weil er immer im Weg sei. „Meiner“ und ich sagen nichts. Das Fest ist ja wirklich schön, die Kinder sind brav und wenn sie hin und wieder etwas direkt sind, dann muss man eben kommen damit. Nur nichts persönlich nehmen.

Das geht so lange gut, bis der Kuchen serviert wird. Kind 1 findet den Kuchen total hässlich. Und plötzlich habe ich Mühe, die Sache nicht persönlich zu nehmen, denn immerhin habe ich für diesen Kuchen eigens eine Backform gemietet und heute Morgen habe ich eine geschlagene Stunde damit verbracht, ihn liebevoll zu verzieren. „Hat es hier Lebensmittelfarbe drin?“, fragt Kind 2. „Ich hasse Lebensmittelfarbe!“ So langsam fühle ich mich leicht angegriffen, aber natürlich behalte ich mein freundliches Lächeln auf. „Igitt, in diesem Kuchen hat’s Zucker! Ich mag keinen Zucker“, schimpft Kind 3  und greift sich ein Caramelbonbon. „Nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen, nicht persönlich nehmen“, brumme ich innerlich vor mich hin. Doch leicht enttäuscht bin ich schon, dass mein Meisterwerk so harsch kritisiert wird.

Ich mag diese Kinder alle sehr gern, ich freue mich, dass sie mit meiner Tochter Geburtstag gefeiert haben, ich finde es toll, dass sie so fröhlich und aufgedreht sind, dass jedes mit seinem einzigartigen Wesen das Leben unserer Tochter bereichert und ich finde es rührend, wie sich jedes einzelne darum bemüht hat, Luise ein spezielles Geschenk auszusuchen. Ich finde diese Kinder grossartig, ganz ehrlich. Von mir aus hätten sie noch lange bleiben dürfen. Einzig die von Kinderlosen hochgelobte Direktheit hat mir mit der Zeit etwas zugesetzt.

Deshalb sehne ich mich heute Abend nach zwei Dingen: Nach einem heissen Bad und nach einer extragrossen Portion währschafter erwachsener Heuchelei.

Komm, putt putt putt

Wenn das bloss keine herbe Enttäuschung wird für den Zoowärter! Heute hat er von der Spielgruppe ein Osterei mit nach Hause gebracht. Schön blau – seine Lieblingsfarbe – und mit einem Häschensticker beklebt. Ein richtiges Kleinkinder- Osterei eben, das er mir voller Stolz gezeigt hat. „Mama, wenn man das Ei aufmacht, dann kommt ein Küken raus“, erklärte er mir und strahlte wie ein Maikäfer. Anfangs sagte ich nicht viel, doch als er mir wieder und wieder versicherte, dass da ganz bestimmt ein Küken rauskommen würde und sich vor lauter Vorfreude kaum mehr halten konnte,  wurde mir klar, dass ich ihm reinen Wein einschenken musste. Wenn meine zartbesaitete Seele eines nicht ertragen kann, dann der enttäuschte Blick eines kleines Kindes. Das geht mir jeweils so sehr zu Herzen, dass ich selber beinahe heulen muss. Und deshalb machte ich den Zoowärter vorsichtig darauf aufmerksam, dass da kein Küken rauskommen werde. Was er mir natürlich nicht glaubte. Worauf ich die Sache noch einmal mit anderen Worten erklärte und wieder auf Unglauben stiess. Schliesslich versuchte Karlsson sein Glück und erzählte seinem kleinen Bruder, dass da nur Eiweiss und Eigelb drin sei. Worauf der Zoowärter entgegnete: „Nein, kein Eigelb, sondern Eigrün. Und ein Küken.“

Tja, was soll man da machen? Der Kleine ist und bleibt unbelehrbar in Sachen Osterei und ich fürchte, ich muss damit leben, dass er eine herbe Enttäuschung erlebt. Es sei denn, es gelänge mir, ein paar Küken aufzutreiben. Und ein Hühnerhaus. Und ein Auslaufgitter. Wie? Das kostet eine ganze Stange Geld? Aber das macht doch nichts. Hauptsache, der Zoowärter wird nicht enttäuscht…