Nein, ich bin wirklich nicht Frau Hamchiti

Luise reicht mir das Telefon. „Irgendeine Frau“, sagt sie.

„Füglistaller, Buchhaltungsabteilung von Ackermann“, stellt sich die Frau vor und fährt dann gleich fort: „Sie sind im Rückstand mit Ihren Ratenzahlungen.“

„Ratenzahlungen?“, frage ich verdutzt, denn ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, irgendwo etwas auf Raten gekauft zu haben.

„Aber sicher doch“, sagt Frau Füglistaller bestimmt. „Sie haben einen offenen Betrag von Fr. 176, bezahlbar in Monatsraten von Fr. 21. Sie sind im Rückstand…“

„Moment“, unterbreche ich, als mir endlich dämmert, worum es gehen könnte. „Suchen Sie vielleicht Frau Hamchiti?“

„Ja, Frau Hamchiti, das sind Sie, nicht wahr?“

„Nein, die bin ich nicht. Familie Hamchiti hatte früher mal unsere Telefonnummer und seither…“

Frau Füglistaller glaubt mir offenbar nicht, denkt wohl, ich wollte mich herauswinden. „Aber sie wohnen doch an der Quartierstrasse 3?“

„Nein, wohne ich nicht.“

„Aber warum haben Sie denn diese Telefonnummer?“

Ich erzähle die gleiche Geschichte, die ich jedem erzähle, der mich für Frau Hamchiti hält und wissen will, wie ich zu der zweifelhaften Ehre gekommen bin, alle ihre unangenehmen Anrufe entgegenzunehmen. Gewöhnlich lachen die Leute dann, einige haben auch Mitleid und raten mir an, mal das Gespräch mit der Swisscom zu suchen, manchmal entschuldigen sie sich unterwürfig für die Störung, die doch gar nicht ihr Fehler ist. Frau Füglistaller lacht nicht, sie hat kein Mitleid und eine Entschuldigung gibt’s auch nicht. Sie ist Buchhalterin, will Geld und hat keine Lust, mit Mama Venditti über die absurde Situation zu quatschen. Anstatt Frau Hamchiti ins Gewissen zu reden, muss sie meine Personalien aufnehmen, damit beim nächsten Zahlungsrückstand nicht wieder bei uns das Telefon klingelt und das nervt sie so sehr, dass ich mich fast schuldig fühle, nicht die Gesuchte zu sein. 

Meine liebe Frau Hamchiti, wenn Sie schon nicht bereit sind, den Leuten Ihre aktuelle Telefonnummer bekannt zu geben, darf ich Sie dann zumindest bitten, Ihre Raten pünktlich zu bezahlen? Ich kann wirklich nicht auch noch Ihre offenen Rechnungen im Auge behalten.

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Mittwochsleere

Morgen ist Mittwoch und das überfordert mich diesmal schon fast ein wenig. Gewöhnlich bedeutet Mittwoch ein Termin nach dem anderen. Augentests, Musikproben, Arzttermine, Geburtstagsparties, Elterngespräche, Besuche bei Therapeuten, Schwedischkurs, alles muss am Mittwochnachmittag Platz finden, denn dann haben sowohl „Meiner“ als auch die Kinder schulfrei. Heute aber, beim Blick auf den Familienplaner musste ich feststellen, dass morgen gerade mal ein einziger Termin ansteht. 

Ja, ich weiss, ihr glaubt jetzt, ich würde mich über die ungewohnte Leere im Kalender freuen, aber in Wahrheit fürchte ich solche Leerstellen. Nein, nicht weil ich nichts mit meiner Zeit anzufangen wüsste, im Gegenteil, ich werde wieder zu viel darin unterbringen wollen: Tomatenhäuser aufstellen, Setzlinge pflanzen, den Wäscheberg abtragen, mittagsschlafen, Kaffee trinken, Wocheneinkauf, Korrekturarbeiten, Zeit finden für jedes Familienmitglied… Einfach alles, was ich am Mittwoch gerne täte, wären da nicht jede Woche die unzähligen Termine. Weil aber ein Mittwochnachmittag gerade mal fünf Stunden dauert und ich ja nicht alleine darüber bestimme, was während dieser fünf Stunden läuft, ist der Frust programmiert. 

Vielleicht sollte ich jetzt einfach beschliessen, morgen gar nichts zu tun, denn der Alltag wird ganz bestimmt einen Weg finden, die Leere im Kalender zu füllen.

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Zeitdiebe

„Ich bin von der Solothurnischen Informationszentrale und habe den Auftrag, die Krankenkassenverträge der Bevölkerung zu überprüfen“, sagte er. „Sie klingen so jung, sind Sie sicher, dass Sie fünf Kinder haben? Und Ihren Mann, haben Sie den in der Schule kennen gelernt? Schön, solche Leute trifft man selten heutzutage. Irgendwelche chronischen Krankheiten? Und wie hoch ist denn Ihre Prämie? Ach so, ganz akzeptabel für eine siebenköpfige Familie. Hätten Sie dennoch morgen oder übermorgen Zeit, damit wir Ihre Unterlagen einmal genauer studieren können? Ich bin mir sicher, dass es da noch Sparpotential gibt, Ihre Krankenkasse ist eine der Teuersten im Kanton. Wie, Sie haben keine Zeit? Aber Sie wollen doch bestimmt Geld sparen. Wer möchte das denn nicht?“

„Hören Sie mal“, unterbrach ich den Redeschwall, „ich weiss sehr wohl, dass Krankenkassen keine Telefonwerbung mehr machen dürfen, wenn bei der Nummer ein Stern steht, also versuchen Sie eben, mit einer ‚unabhängigen Beratung‘ das Gesetz zu umgehen. Aber für solche Spässe habe ich keine Zeit.“

„Wollen Sie wirklich kein Geld sparen?“

„Nein, in diesem Fall will ich das nicht. In diesem Fall spare ich mir lieber die Zeit, die bedeutet mir mehr.“

Jetzt, wo mein Umfeld endlich begriffen hat, dass mein Montag ganz dem Schreiben gehört, haben die Krankenkassen einen Weg gefunden, mir meine kostbare Zeit zu stehlen.

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Wollt ihr mich nun feiern oder nicht?

Wohlverstanden, ihr müsst nicht, ihr könnt ruhig sagen: „Wir pfeifen auf das ganze Muttertagstheater und tun so, als wäre es ein Sonntag wie jeder andere.“ Ich könnte damit leben, ehrlich, ich zweifle nicht an euerer Liebe zu mir. Von mir aus können wir die Sache also bleiben lassen. Aber das wollt ihr ja nicht, ihr besteht darauf, mich am Muttertag zu feiern und das ist auch okay für mich, ich sage ganz bestimmt nicht nein dazu, wenn ihr mich unbedingt verwöhnen wollt.

Genau hier aber ist der Haken: Am frühen Morgen mit liebevoll gestalteten Geschenken und Frühstück im Bett anfangen und dann wie jeden Tag mit „Mama, wo ist schon wieder….?“, „Ich will aber nicht den Tisch decken. Wir sind doch nicht deine Sklaven!“ und „Mama, sie hat schon wieder…“ weiterfahren, das geht nicht. Entweder, wir feiern Muttertag und ich habe den ganzen Tag nichts zu tun mit Spülbürste, schmutzigen Hintern und Hausaufgaben, die am Sonntagabend noch kurz erledigt werden müssen, oder aber wir lassen die Sache bleiben und ich tue weiterhin das, was ihr meist zu Recht und manchmal zu Unrecht von mir erwartet. Mit diesem Zwischending von ein bisschen Muttertag und ein bisschen Alltag treibt ihr mich auf die Palme.

Ihr habt jetzt genau ein Jahr Zeit, um euch zu überlegen, ob ihr mich am Muttertag feiern wollt oder nicht. Die Entscheidung liegt bei euch, ich mache keinen Druck. Ihr müsst euch einfach im Klaren sein, dass ich beim nächsten Mal das volle Programm erwarte, solltet ihr euch dazu entscheiden, die Tradition beizubehalten. 

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Schlaf Töchterlein, schlaf!

Sie war schon als Kleinkind besonders gut darin, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Meist schlief sie abends um sechs innert Minuten ein, erwachte dann so gegen Mitternacht und setzte die Küche unter Wasser, schlafwandelte zur Grossmama ins Parterre oder fütterte ihre Brüder mit Schokolade bis sie morgens gegen sechs Uhr erschöpft einschlief. Um zehn oder elf erwachte sie wieder, war für den Rest des Tages quengelig und ungeduldig und schlief schliesslich meist vor dem Abendessen wieder tief und fest. So ging das zwei Jahre lang, irgendwann sass ich heulend im Sprechzimmer der Kinderärztin, aber auch sie konnte mir nicht weiterhelfen. Dann kam der Zoowärter zur Welt und seit jenem Tag schläft Luise mit wenigen Ausnahmen wie ein Murmeltier.

Na ja, bis vor Kurzem schlief sie, seit einiger Zeit macht sie wieder immer öfter die Nacht zum Tag. Meist fängt es damit an, dass ihr abends irgend eine schlimme Sache in den Sinn kommt, die ihr den Schlaf raubt, irgendwann lässt sie sich dann aber doch ins Land der Träume entführen. Dort findet sie aber offenbar keine Ruhe und deshalb findet sie meist mitten in der Nacht den Weg ins Elternschlafzimmer oder zu einem ihrer Brüder. Ob sie dabei auch wirklich wach ist, oder ob sie erst erwacht, wenn wir aus dem Tiefschlaf hochschrecken und fragen, was denn los sei, ist weder ihr noch uns ganz klar. Auf alle Fälle kommt irgendwann der Moment, wo sie wieder hellwach ist, wenn eigentlich Schlafenszeit wäre. Wie früher eben, ausser dass sie heute keine Überschwemmungen mehr veranstaltet. Manchmal findet sie den Schlaf nicht mehr, dann steht sie frühmorgens in unserem Zimmer und schimpft, wir würden alle immer schlafen, das sei so langweilig. Manchmal schläft sie im Morgengrauen wieder ein und will dann verständlicherweise nicht aus dem Bett kommen, wenn es Zeit wäre. Manchmal wird sie erst am späten Nachmittag vom Schlaf übermannt, was dann natürlich wieder das Einschlafen am Abend erschwert. Mit guter Laune ist da verständlicherweise nicht mehr zu rechnen.

Wir sind derzeit ziemlich ratlos, wie wir die Sache diesmal in den Griff bekommen können, denn die Methode von früher lässt sich heute nicht mehr anwenden. Eines aber weiss ich: Den Gedanken, mit grösseren Kindern würden die Nächte wieder ruhiger, können wir uns allmählich abschminken, denn ist Luises Schlafproblem erst mal gelöst, werden wir schon bald aufbleiben müssen, bis Karlsson nach Hause kommt.

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„Meiner“

Ich glaube, ich muss da mal etwas klarstellen: Wenn ich öfters mal über „Meinen“ und seine ziemlich schrägen Einfälle berichte, ist dies nicht als Gejammer über meinen Mann, der sich einfach nicht in mein Schema pressen lässt, zu verstehen. Er ist weder mein sechstes Kind, noch mein soziales Projekt und schon gar nicht mein Gegner, ich habe nicht das Gefühl, ihn erziehen oder gar domestizieren zu müssen. 

Ja, er geht die Dinge anders an als ich und manchmal fällt er mir damit ziemlich auf die Nerven, aber ich sehe keinen Grund, ihm beibringen zu müssen, wie man „es richtig macht“. Ich bin doch nicht seine Chefin und bloss weil ich mehr zu Hause bin, heisst das noch lange nicht, dass ich ihm über die Schultern schauen und ihn korrigieren müsste. Ich sehe es übrigens auch nicht als besonders erwähnenswert an, dass er ganz selbstverständlich zu Lappen, Besen und Kochlöffel greift. Ich weiss, es gibt noch immer Frauen, die dies als äusserst bewundernswert und heldenhaft ansehen, aber er ist ja nicht bloss zu Gast hier, meine Kinder sind auch seine Kinder, meine Unordnung ist auch die Seine. Es käme keinem Menschen in den Sinn, zu mir zu sagen: „Wahnsinn, du verdienst tatsächlich Geld, damit ‚Deiner‘ nicht alleine die Familie ernähren muss. Hut ab!“ Dafür aber sagt man öfters: „Wahnsinn, ‚Deiner‘ kocht tatsächlich Abendessen. Das ist aber auch keine Selbstverständlichkeit.“

„Meiner“ und ich sind gemeinsam unterwegs, wir tragen beide unseren Teil dazu bei, den Karren zu ziehen und auch wenn wir uns nicht immer einig sind, so verspüre ich doch nicht das geringste Bedürfnis, in Frauenrunden – und im Blog –  über ihn herzuziehen, denn wenn mir etwas an ihm nicht passt, dann sage ich ihm das direkt. Ach ja, und „Meiner“ nenne ich ihn hier nicht, weil er mein Besitz wäre, sondern weil er und ich es absolut lächerlich finden, wenn Frauen ihren Partner als „Ihren“ bezeichnen. 

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Bitte erst nach dem Frühstück lesen

Heute früh beim ersten Erwachen eine beängstigende Entdeckung: Isst den Kind abends Fast Food einer bekannten Sorte, riecht das Erbrochene am nächsten Morgen – nach gar nichts. Du kannst aufputzen und danach ganz beruhigt wieder einschlafen, weil du so etwas einfach nicht richtig ernst nehmen magst. Wenn schon erbrechen, dann richtig, mit Drama und Gestank, dann weiss man zumindest, dass das Kind sich mit anständigem Essen den Magen verdorben hat. Ein Grund mehr, so wenig Fast Food wie möglich zu essen.

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Meine lieben Ordnungsliebenden

Ich hätte da mal eine Frage: Was ist das Wichtigste, das ihr euren Kindern mitgeben wollt? Natürlich, ich weiss, jetzt kommen die üblichen Begriffe, Liebe, Selbstbewusstsein, Werte, Eigenständigkeit, Toleranz, eine gute Basis fürs Leben und so fort. Den meisten von euch nehme ich das durchaus ab, bei einigen aber scheint mir, dass euch an etwas anderem viel mehr gelegen ist: An Sauberkeit und Ordentlichkeit.

Ja, auch ich weiss Ordnung und Sauberkeit zu schätzen, obschon unsere Wohnung nur selten danach aussieht, auch ich bemühe mich nach Kräften darum, dem Chaos Herr zu werden, leider meist mit geringem Erfolg. Wenn aber eines meiner Kinder mir heute peinlich berührt ausrichtet: „Du, Mama, die Eleonora hat in der Pause gesagt, ich solle dir sagen, wie du besser Ordnung halten könntest. Sie findet, du solltest alle Zimmer mal ausräumen und dann fein säuberlich wieder einräumen“, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Ein Kind, das andere nur nach ihrer Ordentlichkeit beurteilt, finde ich echt beängstigend und offen gestanden höre ich hier nicht das Kind reden, sondern die Mutter, die dem Kind vor dem Besuch bei uns sagt: „Dass du mir aber auch ganz bestimmt keine schlechten Gewohnheiten mit nach Hause bringst. Du weisst, wie es diese Vendittis mit der Ordnung halten. Eigentlich sind solche Leute ja kein Umgang für dich…“

Nun könnt ihr mir natürlich sagen, ich solle das alles nicht so wichtig nehmen, Kinder seien halt gnadenlos ehrlich. Und ein Stück weit muss ich euch auch Recht geben. Luise hatte ja auch mal eine Phase, während der sie äusserst Einzelkind-feindliche Aussagen machte. „Weisst du, Sven“, hörte ich sie mal beim Spielen im Garten sagen, „du kannst eigentlich nichts dafür, dass du bist, wie du bist. Du bist eben ein Einzelkind.“ Peinlich, ganz klar, und es lässt sich nicht leugnen, dass die damals Vierjährige etwas aufgeschnappt haben musste, was „Meiner“ und ich einmal unüberlegt über ein Einzelkind in unserer Bekanntschaft dahergesagt hatten. Wenn aber eine Fünftklässlerin der Mutter eines Schulkameraden ausrichten lässt, sie solle gefälligst etwas mehr Ordnung halten, dann verletzt mich das und ich frage mich, was man diesem Kind auf den Lebensweg mitgegeben hat. 

Ich weiss, ihr, die ihr so viel Wert auf eine blitzblanke Wohnung legt, könnt nicht verstehen, weshalb mich diese Episode traurig stimmt. Ich versuche, es euch zu erklären: In meinem Leben haben Menschen allererste Priorität, mir ist fast jeder zu fast jeder Zeit willkommen. Für Menschen lasse ich fast alles stehen und liegen, auch Mopp und Besen. Oft brüskiere ich sogar meine Familie, weil ich auch dann die Tür aufreisse, wenn wir eigentlich Ruhe haben möchten  und ich eben noch laut verkündet hatte, ich wolle eine Weile lang gar niemanden sehen, nicht mal meine Liebsten. Wenn nun jemand ins Haus kommt und nur die mangelhafte Ordnung, nicht aber den Teller voller frischem Gebäck sieht, dann schmerzt das. Und weil ich weiss, dass ein Kind irgendwo gelernt haben muss, auf Menschen wie mich herabzusehen, werde ich wohl auch der Mutter dieses Kindes in nächster nicht mehr ganz unbeschwert begegnen können. 

Darum, ihr lieben Ordnungsliebenden, bitte ich euch, euren Kindern beizubringen, dass auch weniger ordentliche Menschen ihre liebenswerten Seiten haben. Im Gegenzug verspreche ich, meinen Kindern zu erklären, wer gerne alles blitzblank habe, sei deswegen noch lange nicht kaltherzig, auch wenn er vielleicht mal sagt, man solle bitte die schmutzigen Schuhe ausziehen, der Boden sei gerade frisch gewischt. Würde ich übrigens auch sagen, wäre der Boden bei uns jemals blitzblank…

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Nichts ist dort, wo man es sucht

Es fing schon an, als Karlsson noch ein Baby war: Ich verliess morgens das Haus, um zur Arbeit zu gehen und wenn ich abends nach Hause kam, erkannte ich unsere Wohnung nicht wieder, weil „Meiner“ zum Farbroller gegriffen oder das Wohnzimmer umgestellt hatte. Dies führte eines Tages zu einem ernsthaften Krisengespräch, weil es in meinen Augen wichtiger gewesen wäre, den Wäscheberg ein Stück weit abzutragen, als der Wand im Badezimmer einen bunteren Anstrich zu verpassen. 

Offenbar hat dieses ernste Gespräch überhaupt nichts gefruchtet, denn inzwischen stellt „Meiner“ sogar hinter meinem Rücken die Wohnung auf den Kopf, währenddem ich am Küchentisch sitze und nach dem perfekten Satz suche. Weil der perfekte Satz in der Küche nicht zu finden war, ging ich ins Wohnzimmer, um dort weiterzusuchen. Aber dort, wo eben noch das Wohnzimmer gewesen war, war jetzt plötzlich das Esszimmer und dort, wo wir gestern noch zu Abend gegessen hatten, stand jetzt das Sofa. Wie soll man da noch perfekte Sätze finden können, wo schon die Möbelstücke kaum mehr auffindbar sind?

Ach ja, der Wäscheberg ist heute natürlich auch um keinen Zentimeter geschrumpft, aber daran bin ich Schuld, denn für diesen elenden Haufen wäre inzwischen ich zuständig. Überliesse ich die Sache „Meinem“, müsste ich die Wäsche irgendwann wohl auf dem Dach suchen, oder im Kühlschrank, oder sonst irgendwo, wo es „Meinem“ in seinen Umräume-Wahn gerade beliebt. Aber eben, der Wäscheberg blieb heute unangetastet, denn dort kann sich der perfekte Satz ja wohl kaum versteckt haben. 

Ich werde morgen weiter danach suchen müssen, denn jetzt muss ich ganz dringend nachsehen, ob das Bett noch dort steht, wo ich es heute Morgen schweren Herzens zurückgelassen habe.

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Fast wie Ferien

Da stand ich heute Nachmittag am Abwaschtrog, erledigte, was ich dem Geschirrspüler nicht mehr überlassen mag, weil der Kerl eine miserable Arbeitsmoral an den Tag legt und plötzlich donnerte mir mit lautem Krachen die Decke auf den Kopf. „Ich halte das nicht mehr aus in dieser winzig kleinen Welt“, jammerte ich. Immer die gleichen vier Wände, immer die gleiche Arbeit, die kein Ende nimmt, so sehr man sich auch darum bemüht, im Hintergrund stets die Streitereien von Karlsson und Luise, die sich mal wieder nicht ausstehen können. „Und gesellschaftsfähig bin ich auch nicht mehr“, heulte ich „Meinem“ die Ohren voll. „Spätestens nach zwei Stunden unter Leuten bin ich so ausgelaugt, dass ich nur noch schlafen möchte.“ Trotz aller Vorsätze, es nicht mehr so weit kommen zu lassen, nahm ich mal wieder ein Vollbad im Selbstmitleid.

Mitten in meine trübe Sonntagsstimmung, mit der ich der ganzen Familie die Laune verdarb, erschien die Nachbarin  mit einer spontanen Einladung zum Kaffee. Sie hätten gerade Gäste zum Griechischen Osterfest, da wäre es doch schön, wenn wir auch kämen. „Aber das kann ich doch nicht“, jammerte ich, nachdem sie gegangen war. „Was ist, wenn ich sie falsch verstanden habe und wir nicht alle zusammen hingehen sollen? Was soll ich anziehen? Immerhin ist das für sie ein hoher Feiertag und kein gewöhnlicher Sonntag wie für uns. Und wir können doch nicht einfach mit leeren Händen aufkreuzen…“ Doch Karlsson und Luise, die sich ausnahmsweise mal drei Minuten lang einig waren, liessen mein Gejammer nicht gelten. „Einladung ist Einladung“, meinte sie, „also zieh dir etwas Hübsches an, schnapp dir den Kuchen, den du gebacken hast und dann gehen wir.“

Natürlich wurden wir in Nachbars Garten herzlich willkommen geheissen, wir wurden in der Runde aufgenommen, als hätte man schon von Anfang an mit uns gerechnet und bald war meine miese Stimmung verflogen. Es entspann sich ein lebhafter Austausch über Kulinarisches, Politisches, Kulturelles und Familiäres und obschon wir nur auf der anderen Seite unserer Strasse waren, kam es mir vor, als wären wir mal kurz in die Ferien gefahren.

Ja, meine Welt ist derzeit tatsächlich winzig klein, aber Gott sei Dank leben ganz in der Nähe Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die für frische Farbe sorgen, wenn mir in meinen vier Wänden alles zu eintönig wird.

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