Simulieren, Lektion I

Weil ich mal wieder einen Wecker ruiniert habe, weckt mich morgens das Telefon. Und weil ich heute nicht schon um halb sieben aufstehen wollte, holte ich das Prinzchen ins Bett, als er zu quengeln begann. So kam es, dass die beiden, das Prinzchen und das Telefon, in den frühen Morgenstunden zueinander fanden. Was dem Prinzchen grösstes Vergnügen bereitete. Er hielt sich das Ding ans Ohr und plapperte fröhlich vor sich hin. Kein Anflug von Ohrenweh oder sonstiger Leiden. Plötzlich fiel mir ein, dass Karlssons Geigenlehrerin wohl nicht gerade entzückt wäre, wenn sie vor Tagesanbruch einen Anruf des Prinzchens bekäme. Und meine Mutter wohl auch nicht. Und die Feuerwehr schon gar nicht. Oder sonst jemand, dessen Nummer wir gespreichert haben. Und so entwand ich das Telefon aus des Prinzchens eisernem Griff um die Tastensperre zu aktivieren. Was jetzt folgte, war ein Auftritt erster Klasse: Das Prinzchen griff sich an sein krankes Ohr, stiess einen jämmerlichen Schmerzensschrei aus und der Blick aus seinen tieftraurigen Kulleraugen sagte mir, dass er diese Ohrenschmerzen einfach nicht mehr aushalten kann.

Eigenartig: Kaum hatte er das Telefon wieder, waren auch die Schmerzen weg. Das erinnert mich entfernt an die Zimmernachbarin, mit der ich einmal nach einer Geburt die Nachwehen teilte: Die Frau quasselte den ganzen Tag fröhlich am Telefon, doch kaum betrat das Personal das Zimmer, krümmte sie sich, ihr Gesicht verzerrte sich und sie stöhnte, was das Zeug hielt. Und wenn das Personal wieder draussen war, quasselte sie weiter.

Du wirst deine Mittelohrentzündung doch nicht etwa simuliert haben, mein Prinzchen?

Wink mit dem Zaunpfahl

Ich habe ja nie behauptet, eine Vorzeigehausfrau zu sein. Und momentan ist unser Haushalt noch weniger präsentabel als im Normalzustand. Bei so vielen Kranken kommt das Aufräumen einfach ein wenig zu kurz. Ja, und dann muss ich natürlich zwischendurch auch noch Dr. Sarah May auf die Sprünge helfen, damit die Koalas nicht eingehen. Es hätte also keinen Stromausfall gebraucht, um mir vor Augen zu führen, dass ich eine schlampige Hausfrau bin. Doch irgendwer glaubt zu wissen, dass ich einen Tritt in den Hintern brauche und deshalb gingen heute pünktlich um Viertel nach acht Uhr abends die Lichter aus. Und sie gingen nicht wieder an, mochte ich am Sicherungsschalter riegeln, soviel ich wollte. Was ist nur aus den guten alten Sicherungskästen geworden, wo man einfach eine neue Sicherung reinschrauben konnte, wenn die Alte schlapp machte?

So tappte ich also durch die Wohung und suchte nach der Schwachstelle, die das ganze System zum Streiken gebracht hatte. Nach langer Zeit wurde ich fündig: Es war der Kühlschrank. Ja, genau derjenige, der schon längst wieder mal abgetaut und geputzt werden sollte. Aber weshalb der Kerl ausgerechnet heute auf sich aufmerksam machen musste, ist mir ein Rätsel. Wo ich doch mit zwei Mittelohr-Entzündungen (Karlsson & Prinzchen), einer darniederliegenden Grippe („Meiner“), einer fast ausgestandenen Grippe (Zoowärter), zwei sich langweilenden ganz Genesenen (Luise & FeuerwehrRitterRömerPirat), Dr. Sarah May und Novemberschreiben mehr als genug am Hut habe. Genau heute also musste dieser Kühlschrank aussteigen, mich dazu zwingen, ihn leer zu räumen und mit Schrecken festzustellen, dass er dringend gesäubert werden muss. Aber der Kerl kann mich mal. Nach Feierabend  lasse ich mich nicht mehr zum Putzen zwingen. Schon gar nicht von einem Kühlschrank.

Kann man wirklich nicht?

Das Prinzchen hat Ohrenweh. Auch das noch! Als ob wir nicht schon lange genug krank gewesen wären. Der kleine Mensch tut mir so leid. Wie er schreit, sich verzweifelt an mich klammert, hofft, dass ich seinen Schmerz wegzaubern kann. Weil ich doch die Mama bin und alles kann. Da taucht plötzlich vor meinem inneren Auge das Bild eines anderen Kindes auf. Auch ein kleiner Junge, nur etwas älter als das Prinzchen. Das Gesichtchen verzerrt vor Schmerz,  Verzweiflung in seinem Blick, keine Kraft mehr  zum Weinen. Ich kenne den kleinen Jungen nicht, ich habe ihn nur in der Tagesschau gesehen. Er lebt irgendwo, weit weg von hier. Dort, wo die Kinder Hunger haben und die Mütter nicht helfen können, weil sie selber nichts haben.

Wie ich da so sitze mit meinem Prinzchen auf dem Schoss und mich frage, ob ich mit ihm zum Arzt gehen soll, wird mir auf einmal bewusst, dass ich nicht weiss, was wirkliche Sorgen sind. Gott sei Dank weiss ich es nicht. Warum aber gibt es noch immer Mütter auf dieser Welt, die es nur zu gut wissen? Warum haben wir Menschen es geschafft, auf den Mond zu fliegen? Waffen zu entwickeln die aus einer Entfernung von tausenden von Kilometern ferngesteuert werden können? Warum wissen wir auf die Sekunde genau, wann die nächste Sonnenfinsternis sein wird? Warum trauern die Menschen jetzt noch Michael Jackson nach und nehmen es gleichzeitig schulterzuckend zur Kenntnis, dass alle sechs Sekunden ein Kind stirbt? Warum wissen wir so viel und haben doch vom Wichtigsten keine Ahnung?

Alte Fragen, ich weiss. Fragen, die man schon so oft gehört hat. Fragen, die einen langsam nerven. Fragen, die man nicht beantworten kann. Kann man wirklich nicht? Oder will man nicht?

Das kann ja heiter werden!

Seitdem Karlsson Luise an ihrem ersten Geburtstag aus lauter Eifersucht eins mit dem Hammer übergebraten hat, sind wir stets darum bemüht, dass auch die Geschwister des Geburtstagskindes nicht zu kurz kommen. Und deshalb gibt’s für sie meistens auch ein winziges Geschenk. Und weil Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat Tiere lieben, habe ich zugegriffen, als „Meine Tierklinik in Australien“ bei Amazon zum Spottpreis zu haben war. Und seither werde ich nicht nur von meinen Kindern herumkommandiert, jetzt fordert auch noch Dr. Sarah May meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Wie, Sie kennen Dr. Sarah May nicht? Dann schaffen Sie sich schleunigst eine Tochter an. Das Computerspiel mit Tierärztin Sarah May wird in den meisten Fällen gleich mitgeliefert. Und falls nicht, gibt’s bestimmt schon bald wieder eine Aktion bei Amazon. Nun, Dr. Sarah May sollte eigentlich dafür sorgen, dass die Koalas nicht hungern, dass das Gehege sauber ist und dass die Kunden stets prompt und freundlich bedient werden. Aber unter uns gesagt: Die Frau ist eine Niete! Immer wieder piepst das Handy, weil wieder ein unzufriedener Kunde abgerauscht ist, dann wieder sitzen die Koalas traurig in ihrem Gehege und  warten auf Streicheleinheiten. Und was tut Dr. Sarah derweil? Die pennt natürlich mal wieder. Oder sie macht Stretching auf der Terrasse. Das ist nicht zum Aushalten. Der Frau muss ich dringend unter die Arme greifen, sonst wird das nichts mit der florierenden Tierklinik.

Und so rase ich hin und her. Im realen Leben macht sich das Prinzchen hinter Karlssons Geburtstags-Luxemburgerli, während in der Tierklinik mal wieder ein unzufriedener Kunde meckert. Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat noch nicht so recht versteht, wie wichtig die Kundenzufriedenheit ist, muss natürlich Mama ran, um Sarah May auf die Sprünge zu helfen. In der Zwischenzeit liegt der Zoowärter schreiend in der leeren Badewanne, weil er hingefallen ist. Und „Meiner“, der noch immer krank ist, bräuchte dringend einen Tee. Aber wann soll ich den auch machen, wo doch die Koalas so dringend Futter brauchen? Auch Sarah May schleicht schon seit einer ganzen Weile um den Kühlschrank herum, weiss aber offensichtlich nicht, wie sie diesen ohne meine Hilfe aufbringen soll. Müssen die alle gleichzeitig hungrig und durstig sein? Damit Sarah May nicht aus den Latschen kippt, eile ich ihr rasch zu Hilfe, was zur Folge hat,  dass ich wieder zu spät komme, als das Prinzchen die Vorratskammer zu plündern beginnt.

Es ist hoffnungslos. Ich schaffe es nicht, an beiden Orten für Ordnung sorgen. Also schnell den Zoowärter aus der Badewanne gezogen, das Prinzchen ins Bett gesteckt, „Meinen“ ebenfalls und dann nichts wie hin zu den Koalas. Ich kann die armen Tierchen doch nicht verhungern lassen!

Happy Birthday, Karlsson!

Wenn wir mit anderen Leuten über unsere doch eher grosse Familie reden, bekommen wir immer etwa das Gleiche zu hören: „Wahnsinn! Da habt ihr aber viel Arbeit.“ Auch wir selber denken meistens daran, dass unsere Wäscheberge höher, unsere Einkaufswagen und Abfallsäcke voller, unsere Konti hingegen leerer sind. Auch wir sind uns dessen bewusst, dass wir viele viele Stunden unseres Lebens aufopfern um zu wickeln, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, Zimmer aufzuräumen, aufgeschürfte Knie zu verarzten und so weiter. Was man bei alldem so leicht vergisst: Wir feiern auch mehr. Kaum sind die Girlanden des letzten Geburtstags verschwunden, hängen schon wieder die nächsten. Kaum haben wir die letzte Torte verdaut, steht schon die nächste auf dem Tisch. Und das ist doch einfach schön. Auch wenn es unserer schlanken Linie nicht sonderlich gut bekommt. Aber wer will denn schon an sowas denken, wenn gefeiert wird?

Und gefeiert wird, trotz Schweinegrippe, Halsschmerzen und Müdigkeit. Denn am Geburtstag soll das Geburtstagskind spüren, dass es nicht einfach Eines von Vielen ist, sondern dass es etwas ganz Besonderes ist. Es soll so richtig schwelgen in Liebe und Anerkennung. Es soll wissen, dass es eine grossartige Sache ist, dass ausgerechnet er oder sie Teil unserer Familie geworden ist.

Wie das konkret aussieht? Nun, bei jedem Kind etwas anders, je nach Vorlieben. Bei Karlsson zum Beispiel bedeutet es, dass Mama morgens um sechs aufsteht, um Berliner zu backen für die Schulklasse. Dass am Mittag Morcheln auf dem Tisch stehen und Süssigkeiten in rauhen Mengen konsumiert werden dürfen. Und natürlich bedeutet es auch, dass es frische Leberpastete gibt, auch wenn Mama dies zu verdrängen versucht. Wenn Karlsson seinen grossen Tag hat, wird nicht geknausert, denn der Junge ist ein Feinschmecker durch und durch. Und weil wir alle uns so sehr freuen, dass Karlsson ist wie er ist, werden wir tüchtig mitfeiern. Und mitschlemmen.

Nur auf die Leberpastete verzichten wir gerne. Die darf er alleine essen.

Das muss Mutterliebe sein

Was treibt eine eingefleischte Vegetarierin, – oder müsste es vielleicht die „ausgefleischte“ heissen? – dazu, am Montagmorgen die Läden nach Kalbsleber abzuklappern? Was veranlasst sie, das Zeug ohne Handschuhe an den Händen in den Einkaufskorb zu legen? Was bringt sie dazu, am Nachmittag Sophie oder Charlotte, – welche der beiden Damen das zweifelhafte Vergnügen haben wird, ist noch nicht entschieden, –  den Fleischwolf aufzusetzen? Das Zeug mit Rahm zu vermischen, mit Eiern, Speck und Zwiebeln?

Nun, es ist ganz einfach: Wenn Karlsson zu seinem neunten Geburtstag Leberpastete will, dann bekommt er Leberpastete. Und wenn Karlsson findet, das Zeug aus der Tube sei niemals so gut wie das Hausgemachte, dann macht sich die Mama eben an die Arbeit. Möge sie sich noch so sehr ekeln vor dieser schmierigen Angelegenheit.

Hätte man mir damals, vor neun Jahren, vorausgesagt, dass mich dieses kleine Bündel Mensch, das ich zum ersten Mal in den Armen hielt, dazu bringen würde, Leberpastete zu machen, ich hätte nur mitleidig den Kopf geschüttelt. Ich doch nicht! Wenn mein Kind solche Scheusslichkeiten essen will, muss er eine Dümmere finden, die das macht für ihn, hätte ich gesagt. Und heute muss er mich nur treuherzig anschauen aus seinen braunen Samtaugen und schon renne ich ins Dorf und kaufe Kalbsleber. Wenn das nicht Mutterliebe ist, was dann?

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Wer soll das bloss alles aufräumen?

Für alle, die noch verschont geblieben sind vor dem schweinischen Elend, hier ein paar Bilder, die zeigen, was auf sie zukommen könnte:

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Und alle, die jetzt neidisch sind und denken, immer dürften Vendittis allen Spass haben und bei ihnen sei nie etwas los, die dürfen sich trösten. Es ist genug Schweinegrippe für alle da. Und sollten Sie dennoch leer ausgehen, dann haben Sie vielleicht bei der nächsten Grippewelle mehr Pech. Ich selber habe vorerst einmal genug geseucht und mache mich ans Aufräumen. Jede Party geht eben einmal zu Ende. Obschon: Ganz aufheben können wir das Krankenlager noch nicht. „Meiner“ seucht noch etwas weiter und der Zoowärter auch.

Soooooo unfair!

Nein, „Meinen“ trifft wahrlich keine Schuld. Und er tut mir auch schrecklich leid, wie er so daliegt, vor sich hindämmernd, mit heisser Stirn und fieberglänzenden Augen. Natürlich tut er mir leid, natürlich möchte ich ihm helfen, natürlich kann ich es fast nicht mit ansehen, wie schlecht es ihm geht. Was wäre das denn für eine Liebe, wenn es mir egal wäre, dass es  „Meinen“ jetzt auch noch schweinemässig erwischt hat? „Meiner“ kann wahrlich nichts dafür, dass es ihm nie passieren wird, dass er, wenn er krank ist, mit fünf kranken Kindern alleine zu Hause sein muss.

Und dennoch platze ich fast vor Wut. Es ist doch einfach eine himmleschreiende Ungerechtigkeit, dass er seine Krankheit in aller Ruhe auskurieren kann, währenddem ich mein Therapieschreiben und  meine Stunden im warmen Bett auf die frühen Morgen- und die späten Abendstunden verschieben musste. Papas dürfen krank sein. Mamas nicht. Papas werden gepflegt, wenn sie krank sind. Mamas nicht. Natürlich hätte „Meiner“ mich liebevoll umsorgt, wenn er denn gekonnt hätte. Wenn ich diesmal nicht mitten in der Woche krank geworden wäre. Klar hat „Meiner“ getan, was er konnte, meine Mutter übrigens auch. Aber damit ich in aller Ruhe hätte gesund werden können, hätte es eben mehr gebraucht.

Und deshalb bin ich heute so wütend. Wütend auf unser System, das noch immer darauf ausgerichtet ist, dass nur derjenige, der einer bezahlten Arbeit nachgeht, krank sein darf. Wütend, dass Papas auf dem Papier zwar das Recht haben, der Arbeit fern zu bleiben, wenn die Familie krank ist. Dass sie aber kaum den Mut aufbringen werden, diese freien Tage auch zu beziehen, weil das ja keiner sonst tut. Wütend, dass man immer noch seine Grippe auf das Wochenende verlegen muss, wenn man als Mama nicht alleine den ganzen Mist meistern will. Und dann, wenn das Schlimmste überstanden ist, die Wäscheberge bezwingen muss, die sich in der Zwischenzeit angehäuft haben, die Unordnung beseitigen muss, welche die ganze Wohnung überzieht. Und und und.

Ja, und dann bin ich auch stinksauer auf mich selber und auch auf „Meinen“, wenn auch nicht darum, weil er krank ist: Wie nur konnten wir je so dumm sein, diese hirnrissige Arbeitsteilung zu leben? Wie nur konnten wir es zulassen, dass ich so leicht auf dem  beruflichen Abstellgleis gelandet bin? Hätten wir die Arbeit besser aufgeteilt, dann könnte jeder mal in Ruhe krank sein, währenddem der andere den Laden schmeisst.

Wie habe ich es doch satt, eine Vollzeithausfrau zu sein!

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Da bin ich aber erleichtert…

Das war dann wol die Strafe für all mein Gespött über die Schweinegrippe-Hysterie: Plötzlich war ich diejenige, die mit brummendem Schädel, schmerzenden Gliedern und einer jener lächerlichen Gesichtsmasken beim Hausarzt sass. Kann man noch tiefer sinken? Wo ich doch genau weiss, dass diese Grippe nicht gefährlicher ist als alle anderen auch. Dass alles masslos übertrieben war. Dass das Schlimmste bei uns wohl bereits überstanden ist.

Aber was soll man denn machen, wenn man zu einer Risikogruppe gehört und bei jedem Atemzug dieses Stechen in den Lungen verspürt? Wenn dann im von der Krankheit vernebelten Kopf all die Horrorgeschichten von Asthmatikern, die sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen hatten, auftauchen? Wenn dann noch der äztliche Beratungsdienst einen dazu auffordert, „unverzüglich zum Azt zu gehen“? Ja, da sitzt man dann eben mit dem Mundschutz, hofft, dass einen niemand erkennt in dieser lächerlichen Aufmachung und versucht, dem Arzt klarzumachen, dass man ja von der ganzen Hysterie nichts halte, dass man aber dennoch ein wenig beunruhigt sei, weil man ja eben gehört habe bla bla bla….

Und dann verlässt man die Arztpraxis wieder, um eine Sorge ärmer und  um ein paar Medikamente reicher. Von denen ich jetzt schon weiss, dass ich sie nicht benützen werde. Wo ich doch bei meinen überdrehten, halbgenesenen Kindern gar nicht dazu komme, meine Wehwehchen zu kurieren.

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Chacun à sa façon

Beim Kranksein pflegt ja jeder seinen eigenen Stil. Das tritt jetzt, wo wir fast alle schweinemässig flach liegen, wiedermal deutlich zu Tage. Karlsson zum Beispiel, schläft sich durch die Seuche hindurch, will nichts als alleine sein und wenn es ihm wieder etwas besser geht, vertraut er auf die heilenden Kräfte eines Buches, das er von vorne bis hinten durchliest. Dann ist er wieder gesund.

Luise ist das pure Gegenteil. Sie will auf keinen Fall alleine sein, beklagt sich dann aber den ganzen Tag, es sei ihr zu laut, die andern sollten endlich still sein. Wenn man ihr aber vorschlägt, sie solle sich in ein ruhigeres Zimmer zurückziehen, weint sie, als habe man ihr angedroht, sie im Wald auszusetzen. Und natürlich ist sie die Ärmste und Kränkste auf dem ganzen Planeten.

Ist der FeuerwehrRitterRömerPirat krank, verläuft die Sache in Wellen. Entweder, er liegt so flach, dass er nicht mal mehr merkt, ob er auf dem harten Fussboden schläft, oder aber er nervt die ganze Familie mit seiner Überdrehtheit, rennt nach draussen, um an der Tür zu klingeln und trommelt auf die Blechschüssel, die bereit steht, falls jemand erbrechen muss. Die Phasen des FeuerwehrRitterRömerPiraten wechseln so schnell, dass man sich in einem Moment fragt, ob man ihn vielleicht doch besser in den Kindergarten geschickt hätte und sich im anderen Moment überlegt, ob man nicht doch besser zum Arzt gehe mit ihm.

Der Zoowärter schliesslich schläft fast immer und wenn er mal wach ist, ist er grantig, dass es nicht zum Aushalten ist. Und wehe, man sagt, er sei ein Armer. Oder er sei krank. Dann fängt man einen gaaaaaanz bösen Blick ein.

Beim Prinzchen weiss man noch nicht so recht, wie sein Krankheitsstil aussieht, aber ich fürchte, dass es in die Richtung quengelig und „ich bin der Ärmste auf der Welt“ geht. Ähnlich wie Luise eben. „Meiner“ ist, wie bereits früher erwähnt, prinzipiell nur in den Ferien krank und weigert sich dann standhaft, sich dies einzugestehen, weshalb er alles, was er übers Jahr hat aufschieben müssen, in seinen Krankheitstagen zu erledigen versucht. Und sich dann wundert, weshalb er sich so elend fühlt.

Und was ist mit mir? Welchen Stil pflege ich? Nun, wenn ich krank bin, sind meist auch alle anderen krank. Und darum wische ich Erbrochenes auf, schleppe Matrazen, um ein zentrales Krankelanger herzurichten, koche Tee, messe Fieber, verabreiche Medikamente. Letzteres allerdings nur im absoluten Notfall, denn meist sind die Kinder danach so aufgedreht, dass ich nicht einmal mehr Zeit finde für mein Selbstmitleid, das bei mir ebenfalls zum Kranksein gehört. Ach ja, eigentlich würde ich mich mit ein wenig schreiben, viel Jammern und noch mehr lesen wieder auf die Beine bringen. Aber weil Mamas bekanntlich nie krank sind, bleibt es meist beim Pflegen der anderen. Nun ja, wenigstens bin ich diesmal zum Schreiben gekommen. Da fühlt man sich doch gleich ein wenig besser…

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