Freundschaft, mehr ist da nicht

Auf die Gefahr hin, ein paar wirklich liebe Menschen vor den Kopf zu stossen, sage ich heute etwas, was man eigentlich gar nicht sagen darf. Weil ich aber versuche, ein ehrlicher Mensch zu sein, sage ich es trotzdem: Auch jetzt, wo sich mein zweiter Besuch seinem Ende zuneigt, finde ich Paris… na ja, wie soll ich es nennen? Ganz okay? Nein, das ist vielleicht ein wenig untertrieben. Wunderschön? Na ja, teilweise schon, aber so als Gesamturteil wäre mir das zu dick aufgetragen. Ich glaube fast, ich muss mich mit dem Etikett „nett“ zufrieden geben.

Wie jetzt? Nur nett? Die Stadt der Liebe? Der Romantik? Der Kunst? Der Mode? Die Stadt der Träume schlechthin? Nichts weiter als nett? Ja, tut mir leid, alles in allem ist Paris für mich wie ein Mensch, mit dem ich gerne ein paar Tage verbringe und mit dem ich mich bestens unterhalte, der mir aber nicht fehlt, wenn er nicht da ist.

Klar, Montmartre, Louvre, Orsay, die Brücken, die Märkte, die Seine, die Ausstellungen, Cafés, Parks, Quartiere,… sind wirklich wunderbar, die Ferienwohnung ist gar besser als alles, was wir bisher gemietet haben, aber irgendwie will mein Herz einfach nicht höher schlagen, wenn von Frankreichs Hauptstadt die Rede ist. Es gefällt mir hier, mehr nicht. Reise ich ab, tue ich das nicht mit Wehmut, sondern eher so mit einem „Schön, dass wir uns mal wieder getroffen haben. Hat wirklich Spass gemacht. Wir bleiben in Kontakt, ja?“

Ich wünschte, ich könnte fühlen, was andere Menschen fühlen, wenn sie an Paris denken, aber zwischen uns will einfach nicht mehr werden als eine nette, aber leicht distanzierte Freundschaft. Bei meinem ersten Besuch konnte ich noch sagen: „Na ja, war halt Februar. Ausserdem hatten ‚Meiner‘ und ich Krach. Da kann man wohl nicht zu viel erwarten“, aber jetz, wo der Himmel blau ist und man den Café au Lait auf dem Trottoir schlürft, hätte ich von mir selber schon etwas mehr Gefühlsduselei erwartet. Zumal ich ja ganz und gar nichts dagegen gehabt hätte, mich endlich so heftig in Paris zu verlieben, wie ich mir das als Teenager jeweils erträumt hatte.

 

Gääääääähn! 

Heute zehn Stunden lang in Gesellschaft von unzähligen begeisterten Italienern, mit vier Kindern und ohne „Meinen“ – dafür mit einer Schere, die ich ganz ohne böse Absicht an der Sicherheitskontrolle vorbei geschmuggelt habe – bei Mickey, Donald & Co. Need I say more? 

  

Nie im Leben

„Diesmal gehe ich vielleicht rauf“, sagte ich vor einigen Wochen, als Paris noch ein ferner Gedanke war. „Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, aber einmal im Leben sollte man schon oben gewesen sein.“

„Diesmal gehe ich wirklich rauf“, sagte ich gestern, als wir ihn vom Boot aus sahen. „Sooooo hoch ist er ja wirklich nicht. Und einmal im Leben sollte man wirklich oben gewesen sein.“

„Ich komme mit“, sagte ich heute Vormittag, als wir den Tag planten. „Ein wenig mulmig ist mir zwar schon, aber einmal im Leben sollte man oben gewesen sein.“

Tja, und dann stand ich unter ihm, blickte nach oben, zu dem gigantischen Tennisball, der dort gerade hängt, sah den Glasboden der ersten Etage und wusste: Nie im Leben gehe ich dort hoch. Mag sein, dass man einmal im Leben oben gewesen sein sollte, mich aber bringt man um nichts in der Welt dazu, den Lift zu besteigen, geschweige denn die Stufen zu erklimmen. Also blieb ich unten und sah mit ungutem Gefühl dabei zu, wie meine sechs Lieblingsmenschen das Ungetüm erklommen.

Zwei Stunden lang sassen wir da, ich und meine Höhenangst, blickten so wenig wie möglich nach oben und warteten, bis der Rest der Familie endlich wieder Vernunft annahm. Mag sein, dass ich etwas verpasst habe, dafür sind die Höhenangst und ich jetzt wieder bestens miteinander vertraut und ich werde mir nicht so schnell wieder einreden, sooooo hoch sei der Kerl ja nicht.

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Abreisegedanken

Wenn eine begrenzte Anzahl Menschen mit einer begrenzten Anzahl Socken in einem räumlich ziemlich stark begrenzten Haus für eine begrenzte Zeit lebt, müsste es dann nicht fast ausgeschlossen sein, dass am Ende dieser Zeit zehn verzweifelte Einzelsocken auf Partnersuche sind?

Wenn drei dieser Menschen eine begrenzte Anzahl Legosteine mitnehmen und mit diesen Legosteinen nur in einem einzigen Raum des räumlich ziemlich stark begrenzten Hauses spielen, wie kommt es dann, dass man beim Aufräumen in fast jedem Winkel des Hauses Legosteine findet? 

Wenn der ganze Krempel, den diese Menschen mitgeschleppt haben, kurz nach der Ankunft bereits im ganzen Haus verteilt war, dann müsste dieser Krempel vor der Abreise doch eigentlich ebenso schnell wieder zurück in die Koffer und Taschen wandern.

Wenn diese Menschen gewöhnlich für eine viel begrenztere Zeit verreisen,  dürften sie doch eigentlich nach acht Wochen nicht sagen: „In einer Woche fahren wir schon wieder nach Hause.“

 

Tischgespräch mit Teenagern

Wenn wir ausnahmsweise mal nur zu viert essen, Karlsson, Luise, „Meiner“ und ich, dann bekommen wir Eltern Folgendes zu hören: „Ihr müsst halt die Kleinen an die kurze Leine nehmen. Abends eine Stunde lang Hörbuch und wenn dann keine Ruhe herrscht, am nächsten Abend keine Geschichte…“ „Genau! Und jeder in sein eigenes Bett, wenn sie nicht ruhig sind. So, wie bei uns früher.“ „Und am nächsten Tag keine Glace, wenn sie nicht parieren!“ „Ihr seid einfach zu wenig streng mit ihnen. Bei uns wusstet ihr noch, wie man den Tarif durchgibt. Aber die Kleinen, die machen bis spätabends Party.“  Das alles nicht etwa vorwurfsvoll, sondern im Tonfall eines besorgten Familienbegleiters, der einen Erziehungsratgeber verschluckt hat. Gerade so, als stünden wir am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil wir unseren jüngeren Kindern nicht mehr beizukommen wissen.  Dabei sind wir nicht etwa verzweifelter als früher, unsere Grossen sind inzwischen einfach dem Glauben verfallen, als sie noch klein waren, hätte noch so etwas wie Zucht und Ordnung geherrscht in dieser Familie. Vermutlich behaupten sie demnächst, sie hätten jeweils jeden Abend um acht tief und fest geschlafen.  

Wenn Mama Venditti nicht unter die Leute kommt…

…dann geht das anfänglich ganz gut. Gar nicht so schlimm, mal etwas weniger Zeit zu verquatschen, denkt sie. Und überhaupt: Alleine ist man in dieser Familie ja nie, da gibt’s immer jemanden, der Lust auf ein Gespräch hat, manchmal auch spät abends, wenn Mama Vendittis Bedarf an sozialer Interaktion längst gedeckt wäre. Nach einer Weile aber fängt sie an, ihre Freunde zu vermissen und sie ist dankbar für die Erfindung von Social Media, wohl wissend, dass die kurzen Kommentare einen tiefschürfenden Meinungsaustausch nie und nimmer ersetzen können. 

Spätestens jetzt wäre es Zeit für ein paar Stunden mit Freunden, doch während einer Auszeit gestalten sich solche Dinge bekanntlich etwas schwierig, also fängt sie an, mit jedem zu quatschen, der naiv genug ist, sich auf ein Gespräch einzulassen. Mit der deutschen Touristin, die bei der Schafparade zufällig an der gleichen Strassenecke steht, wird erörtert, warum es so viele Menschen in die Provence zieht. Mit dem Auswanderer, der auf dem Markt edle Kaffeekannen verkauft, unterhält man sich über Waldorf-Schulen in Frankreich. Mit dem Iren, der seit Menschengedenken mit handgefertigten Holzschwertern und Ritterkostümen handelt, redet man erst mal über Homeschooling, dann von Flüchtlingspolitik, schliesslich stünde man kurz davor, die Welt zu retten, würde nicht Mama Vendittis Familie deutliche Anzeichen von Ungeduld erkennen lassen. Sogar mit der blasierten Verkäuferin im Delikatessengeschäft tauscht sie sich eifrig über Vorlieben beim Kochen aus und stünde nicht demnächst das Ende der Auszeit bevor, sie würde wohl anfangen, die Bäume zu belästigen…
Seid also vorgewarnt, liebe Freunde, wenn Mama Venditti wieder zu Hause ist, hat sie ganz schrecklich viel Nachholbedarf.

  

Wenn Vendittis ans Meer fahren…

Also, bei Karlsson braucht das immer so ein bisschen Überzeugungsarbeit. „Du kannst ja ein Buch mitnehmen. Und es ist nicht so ein überlaufener Touristenstrand, eher so ein Naturding…“ Luise hingegen kommt immer gerne mit. Immer, ausser heute, denn heute ist sie nicht so im Strumpf. Aber, na ja, wenn’s unbedingt heute sein muss… „Meiner“ findet, vor der Abfahrt müsste zuerst noch etwas Ordnung gemacht werden, was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Zeit verschafft, über das Ziel unseres Ausfluges nachzudenken. „Muss es denn unbedingt das Meer sein?“, fragt ausgerechnet er, der sich beim letzten Mal nur noch mit grosser Mühe aus dem Wasser hatte locken lassen. „Dort ist es mir irgendwie zu salzig. Und es hat Blutegel…“ „Hat es nicht. Blutegel leben im Süsswasser“, sage ich, also packt der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Schwimmbrett und will losfahren. So schnell geht das aber nicht, denn der Zoowärter findet seine Badehose nicht, Prinzchen muss überlegen, ob er seinen Malkasten mitnehmen soll und wenn ja, wie viel Papier er für die Stunden am Meer benötigt, Luise findet das richtige Bikini nicht, Karlsson sucht nach der Lektüre, die ich eigentlich schon für die Heimreise verstaut habe, „Meiner“ brabbelt noch immer irgend etwas von „zuerst aufräumen“, keiner packt Badetücher ein und ich finde – völlig irrational natürlich -, wo ohnehin noch keiner zur Abfahrt bereit sei, könnten wir ja noch kurz die Wäsche versorgen. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehen alle Taschen bereit, die Wohnung ist halbwegs aufgeräumt und hätte einer dran gedacht, Badetücher einzupacken, könnten wir jetzt losfahren, aber weil hier keiner denkt, muss „Meiner“ nochmal zurück, als wir alle schon im Auto sind oder zumindest neben dem Auto stehen. Endlich fahren wir dann doch los und fünf Minuten lang ist alles bestens. Dann aber fange ich Streit an mit der GPS-Tante, die irgend einen verwinkelten Weg rausgesucht hat, anstatt uns mit klaren Anweisungen zum Ziel zu lotsen. Sie und ich zanken uns den ganzen Weg über, denn inzwischen scheine ich mich hier deutlich besser auszukennen als sie. Schliesslich gelange wir doch ans Meer, wir parkieren, steigen aus, lassen uns im Sand nieder und jetzt ist alles gut.

Alles gut? Nicht mit uns. Ich muss dringend aufs WC, einer findet, der Sand sei zu nass, der andere motzt, an diesem Naturstrand habe es aber etwas gar wenig Natur, der Dritte beklagt sich über den kalten Wind. Und überhaupt: Etwas anständiges zum Essen haben wir auch nicht dabei. Damit ich mich nicht über das Gejammer aufregen muss, stecke ich die Nase in ein Buch, was von einigen Familienmitgliedern als Aufforderung verstanden wird, mit mir eine angeregte Unterhaltung anzufangen. Also lege ich das Buch wieder beiseite und lausche stattdessen einem erbitterten Streit um den einzigen Liegestuhl, den wir mitgebracht haben. Die wenigen, die den Mut aufgebracht haben, sich in die Wellen zu stürzen, sind wieder zurück und verlangen nach ihren Kleidern, Luise verschwindet im Auto, weil es ihr hier viel zu kalt ist, sie sich wirklich nicht wohl fühlt und wir alle immer nur nerven. Nach vierzig Minuten das erste „Müssen wir noch lange hier bleiben?“, nach neunzig Minuten brechen wir die Übung entnervt ab und fahren – diesmal ohne die unsäglichen Anweisungen der GPS-Tante – in die nächst gelegene Stadt, um uns mit Eis und Milk-Shake von unserem Strandausflug zu erholen.

Noch irgendwelche Fragen, warum wir demnächst keine Strandferien planen?

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Schubladisiert

Wir reden uns ja gerne ein, wir seien so furchtbar weltoffen, „Meiner“ und ich. Vorurteile? Klischees? Nicht mit uns! Jeder Mensch ist schliesslich ein Unikat, nicht wahr? 

Tja, und dann verbringen wir eine gewisse Zeit im Ausland, machen die eine oder andere Erfahrung, mal positiv, mal negativ und schon fangen wir an, die Schubladen zu füllen. Die französischen Frauen in der einen Schublade, die Männer in der anderen, die Kinder in der dritten. Dann eine Schublade für Menschen, die aus dem Balkan nach Frankreich eingewandert sind, eine für Einwanderer aus Nordafrika, eine für Touristen aus der Schweiz… Endlos geht das so, eine Schublade nach der anderen und wenn alles schön eingeordnet ist, fangen wir an zu vergleichen. Mit den Schubladen, die wir in Schweden angefüllt haben, den Schubladen aus Italien, den Schubladen aus früheren Lebensphasen…. Oh nein, wir verurteilen nicht, wir vergleichen doch nur. 

Doch dann kommt einer daher, vielleicht ein französischer Mann, der sich eher so verhält wie ein Mann, der in der Schublade für Männer aus Schweden steckt. Oder eine französische Frau, die viel besser in eine italienische Schublade passen würde. Oder ein Tourist aus der Schweiz, der sich so verhält, wie wir es eigentlich von einem Einheimischen erwarten würden…

Wie auch immer, auf alle Fälle äusserst peinlich für uns, wenn wir zweifelsfrei vor Augen geführt bekommen, dass wir, die angeblich so Weltoffenen, Vorurteilsfreien, wild drauflos schubladisiert haben. 

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Windig

Die Kinder rasen wie irre durch Haus und Garten, prügeln sich und geraten sich wegen jeder Kleinigkeit in die Haare.

„Meiner“ ärgert sich bei Kleinigkeiten grün und blau.

Karlsson und Luise klagen über Kopfschmerzen, sind reizbar und lustlos.

Mir fällt die ganze Familie auf die Nerven; so oft ich kann, ziehe ich mich ins Zimmer zurück und grummle vor mich hin. 

Alle sind reizbar, sogar der Hund der Nachbarn, der andauernd wie irr durch den Garten rennt und bellt.

Die grosse Familienkrise? Nein, nur der Mistral. 

  

Wortgefechte

Grossen Geschwistern ist es eigentlich egal, wie sie in Gegenwart ihrer kleinen Geschwister reden. Das theoretische Wissen, was angemessen wäre, wird verdrängt durch den unbändigen Drang, die elterliche Sprachregelung zu brechen.

Väter, so scheint es mir zumindest, mögen sich irgendwann, nach vielen Jahren der verbalen Zurückhaltung, auch nicht mehr an die gemeinsam vereinbarten Verbote halten. Gewisse Ausdrücke schleichen sich zurück in den Sprachgebrauch, obschon noch immer Ohren mithören, die solches nicht hören wollen. Oder zumindest nicht sollen.

Diese Mutter hier aber will partout nicht einsehen, weshalb ein achtsamer Umgang mit Sprache plötzlich nicht mehr zählt, bloss weil inzwischen zwei Teenager mitreden. Also sprach diese Mutter neulich: „Himmel, wie redet ihr eigentlich, ihr drei? Merkt ihr denn nicht, dass das Prinzchen mithört? Solche Wörter sind nichts für das Kind.“

Kleine Jungs nehmen solche Konflikte offenbar gelassen: „Ich kenne doch diese Wörter schon längst aus dem Kindergarten und ich weiss ganz genau, dass man so nicht redet, also reg dich nicht auf, Mama.“

dried colors; prettyvenditti.jetzt

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