Lieblingslehrerin

Ein einziges Jahr hat der Zoowärter bei ihr den Unterricht besucht und das auch nur jede zweite Woche eine Doppellektion. Also eigentlich fast nie. Dennoch hat er die Frau ins Herz geschlossen und darum war er auch ganz fürchterlich traurig, dass er im nächsten Schuljahr nicht mehr zu ihr darf. „Sie hat so viel gesungen mit uns. Und so viel gelacht“, sagte er. Die meisten anderen Lehrerinnen seien eben viel strenger, da gebe es nicht viel zum Lachen, fügte er noch an. Wenn er im Januar Geburtstag habe, wolle er einen Schulbesuch bei dieser lieben Lehrerin machen, sagte er noch.

Da ich meinen Mund nie halte, wenn mir etwas nicht passt, beschloss ich, für einmal meinen Mund auch dann nicht zu halten, wenn ich zufrieden bin. Also schrieb ich der Lehrerin, wie glücklich der Zoowärter bei ihr gewesen sei und bedankte mich dafür, dass sie den Kindern Freude in den Schulalltag bringt. 

Die Antwort der Lehrerin berührte mich tief, denn aus ihren Zeilen las ich, dass sie den Zoowärter so mag, wie er ist. In den wenigen Stunden, in denen sie mit ihm gearbeitet hat, ist sie seinem Wesen näher gekommen als manch einer, der deutlich mehr Zeit mit ihm verbringt. Man spürte, dass die Frau nicht nur von ihrem Job begeistert ist, sondern auch von den Kindern, mit denen sie arbeitet. 

Wäre ich der Zoowärter, dann wäre ich auch traurig über den Abschied. (Ich brauche aber noch nicht traurig zu sein, denn im nächsten Schuljahr hat das Prinzchen bei ihr Unterricht.)

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Gespräch im Garten

„Äs gommt Rägen“, sagten meine Tomatenpflanzen heute zu mir, als ich kurz bei ihnen vorbeischaute, ehe der Jugendfestumzug begann.

„Erstens heisst das ‚Heute wird es regnen‘ und nicht ‚Äs gommt Rägen‘ und zweitens: Woher wollt ihr so genau wissen, dass es heute regnen wird? Diesen Sommer regnet es nie.“

„Erstens sagen wir ‚Äs gommt Rägen‘, weil du das immer so hinreissend lustig fandest, als Prinzchens bester Freund das so sagte und zweitens hast du gestern Abend das Fenster offen gelassen, als du die Wetterprognose geschaut hast und wir haben jedes Wort mitgehört. Der Wetterfrosch hat gesagt, es werde regnen und zwar heftig und darum möchten wir wissen, was du zu tun gedenkst, damit unsere empfindlichen Blättchen nicht nass werden.“

„Ach, ihr wollt doch nicht etwa glauben, was dieser Clown im Fernsehen sagt?“, entgegnete ich. „Der redet ja alle paar Tage eine mittelgrosse Sintflut herbei und am Ende bleibt es trocken wie immer. Ihr müsst froh sein, wenn ihr dieses Wochenende überhaupt nasse Würzelchen bekommt…“ „Was, wenn der Clown für einmal recht hat?“, unterbrachen die Pflanzen meinen Redeschwall.

„Ich hab‘ ja diese netten Röckchen aus Vlies, die ich euch überziehen kann…“, begann ich, doch die grösste der Tomatenstauden – ich glaube, es ist eine Saucey – unterbrach mich. „Du hast genau fünfzehn von diesen netten Röckchen, wir sind aber mindestens dreissig Pflanzen.“ „Unsere Kolleginnen auf dem Balkon nicht mitgezählt“, ergänzte die weisse Ochsenherz, die zwar partout nicht gross werden will, aber trotzdem immer das grosse Wort schwingt. Die weiss halt, dass sie etwas ganz Besonderes ist. 

„Nun beruhigt euch doch“, beschwichtigte ich die aufgebrachten Stauden. „Ich fahre jetzt gleich in die Landi und hole euch noch ein paar weitere Röckchen. Noch vor dem Jugendfestumzug, versprochen.“ „Okay, wir werden dann ja sehen“, meinte die Saucey mit leicht zynischem Unterton, doch ich hatte jetzt wirklich keine Zeit mehr, mich um sie zu kümmern, denn die Kinder mussten geputzt und gestriegelt werden. 

Am Nachmittag fielen dann tatsächlich ein paar Regentropfen, was mir eine willkommene Ausrede bot, die Kinder auf dem Rummelplatz einzusammeln und nach Hause zu gehen. Natürlich ging ich umgehend zu meinen Tomaten. Immerhin hatte ich ihnen ein Versprechen abgegeben. 

„Es regnet bereits“, sagte die Gelbe von Thun vorwurfsvoll, als ich mit meinem Vlies angerannt kam. „Es regnet nicht, es tröpfelt ein wenig. Wenn ich den Gartenschlauch mal etwas zu stark einstelle bekommen eure Blättchen mehr Wasser ab als bei diesem kleinen Regen“, entgegnete ich und machte mich daran, das Vlies zuzuschneiden. „Über diesen Gartenschlauch könnten wir uns auch mal unterhalten“, meinte das Baselbieter Röteli spitz. „Wo bist du überhaupt so lange geblieben?“ „Mutterpflichten“, antwortete ich knapp, denn ich war gerade dabei, ein widerspenstiges Stück Schnur zu bändigen. „Was für Mutterpflichten denn? Ich hab‘ gedacht, du wärest auf einem Fest gewesen“, fragte Black Seaman. „Kinder nach dem Umzug einsammeln, Schülerverpflegung abholen, versalzene Pommes Frites kaufen, Taschengeld austeilen, Begleitung auf dem Rummelplatz, Streit schlichten,… was man halt so macht auf einem Jugendfest“, erklärte ich. „Klingt nicht sehr festlich“, meinte Black Seaman, die anderen Pflanzen pflichteten ihm bei und für einmal an diesem Tag waren die Tomaten und ich uns einig. 

Die Einigkeit dauerte nicht lange, denn schon bald fing eine dieser gross gewachsenen Stauden – ich habe ihren Namen leider vergessen – an zu stänkern: „Kannst du mir nicht ein etwas grösseres Kleidchen überziehen? Du klemmst mir ja die Zweige ein.“ „Nun hab dich nicht so. Das Vlies muss für alle reichen“, gab ich zur Antwort. „Na, waren wir mal wieder knausrig?“, fragte das Baselbieter Röteli, das noch immer eingeschnappt war, weil es ein paar Regentropfen abbekommen hatte. „Knausrig? Fast 20 Franken habe ich ausgegeben, um euch vor einem Regen zu schützen, der vielleicht nicht mal kommt. Es hat bereits wieder aufgehört…“, sagte ich. 

„Es mag zwar für den Moment aufgehört haben“, sagte die Purpurkalebasse, „aber es wird wieder kommen.“ „Das will ich doch hoffen. Sonst hätte ich mich jetzt umsonst damit abgemüht, euch allen ein nettes kleines Röckchen überzuziehen, anstatt mich bei einem ausgiebigen Mittagsschlaf von den Feststrapazen auszuruhen“, erwiderte ich.

„Eines Tages wird diese Frau noch verfaulen“, hörte ich die Tigrella zu San Marzano sagen, als ich ins Haus ging, um den verpassten Mittagsschlaf nachzuholen. 

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Wenn ich freitags ungestört arbeiten will…

Luise: „Mama, kannst du schnell…?“

Ich: „Nein, Luise, du musst zu Papa gehen. Ich arbeite doch heute. Wenn Papa in der Schule ist, kannst du auch nicht einfach zu ihm gehen. Wenn ich arbeite, ist das genau gleich, auch wenn ich hier bin. Das habe ich dir jetzt doch schon hundertmal gesagt.“

Drei Minuten später

Karlsson: „Die Lehrerin hat heute gesagt…“

Ich: „Karlsson, ich arbeite…“

Karlsson: „…wir müssten jetzt doch keinen…“

Ich: „Kaaaarlsson, ich aaarbeite…“

Karlsson: „…Kuchen mitbringen, weil…“

Ich: „Ich hab‘ gesagt, ich arbeite!“

Karlsson: „…am Schluss ja doch die Mütter in der Küche stehen würden. Ich lass dich jetzt arbeiten.“

Zwanzig Minuten ungestörtes Arbeiten, dann…

Prinzchen: „Der Zoowärter hat…“

Zoowärter: „Aber das Prinzchen hat auch…“

Ich: „Ich will überhaupt gar nichts wissen von euren Streitereien. Geht zu Papa, der ist heute für euch da.“

Beide: „Aber er hat zuerst…“

Ich: „Und ich will nichts davon wissen. Ab, zu Papa!“

Etwas später…

Wieder das Prinzchen: „Papa will mir nichts zu essen geben.“

Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen…“

Prinzchen: „Doch, er sagt, ich muss zuerst meine Sachen wegräumen…“

Ich: „Dann mach das doch. Danach bekommst du sicher etwas.“

Prinzchen (schluchzend): „Aber ich hab‘ doch solchen Hunger…“

Ich (wütend, weil mein armes Kindchen hungern muss): „‚Meiner‘, jetzt gib doch diesem armen Kind etwas zu essen. Er kann doch nachher aufräumen. Und überhaupt: Wenn du nie zu den Kindern schaust, kann ich nicht arbeiten!“

Kurzer, aber heftiger Krach mit „Meinem“, dann wieder eine Zeit lang ungestörtes Arbeiten

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Mama, darf ich…“

Ich: „Ich arbeite…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber du hast gestern gesagt…“

Ich: „Kann sein, dass ich gesagt habe und dann darfst du auch. Aber sprich dich mit Papa ab, er ist heute zuständig.“

Zwanzig Störungen später

Ich (zu irgend einem unschuldigen Störenfried, der zufällig gerade in der Nähe steht): „Himmel, wann wollt ihr denn endlich begreifen, dass ich heute ganz und gar nicht ansprechbar bin für euch? Wozu habt ihr eigentlich einen Papa, der freitags zu Hause ist?“

Natürlich hat keiner begriffen, was los ist mit mir, aber da sie jetzt alle zum Jugendfest müssen, habe ich endlich Ruhe. Denke ich…

Prinzchens bester Freund: „Tamar, weisst du, wo das Prinzchen ist?“

Aus lauter Gewohnheit hätte ich beinahe gesagt: „Frag Papa“, doch dann erinnerte ich mich im letzten Moment daran, dass der Papa von Prinzchens bestem Freund nicht wissen kann, wo das Prinzchen ist, weil der nämlich noch weniger zuständig ist für meine Kinder als ich es heute theoretisch gewesen wäre.

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Hörbuchfassung

Tucholskys „Schloss Gripsholm“ stand schon seit Ewigkeiten auf meiner To-Read-List, doch natürlich dachte ich immer nur dann an das Buch, wenn ich entweder keinen Buchladen in der Nähe hatte, kein Guthaben mehr auf der Kreditkarte, um mir das Buch runterzuladen oder schlicht keine Zeit zum Lesen. Die Zeit zum Lesen ist ja ohnehin nicht grosszügiger bemessen, seitdem fast alle Vormittage und einige Nachmittage kinderfrei sind. Die kinderfreie Zeit füllt sich wie von selbst mit Schreib-, Haus- und Gartenarbeit und darum musste Gripsholm warten, genau wie all die anderen Bücher, die auf meiner endlosen Liste stehen.

Gestern schliesslich war ich des Wartens auf „Gripsholm“ so müde, dass ich tat, was mir andere Mütter schon seit Jahren empfehlen, wenn ich über meinen Mangel an Lesezeit klage: Ich besorgte mir die Hörbuchfassung. „Endlich hat sie’s eingesehen“, werden nun meine Mitmütter seufzen, aber ich muss euch bitten, mit dem Seufzen gleich wieder aufzuhören. Wie hätte ich mich denn einem Hörbuch widmen sollen, wo bei uns doch immer ein Heidenlärm herrscht, wenn mehr als zwei Personen im Haus sind? Und mehr als zwei waren es bis vor Kurzem fast immer.

Nein, kommt mir jetzt bitte nicht mit dem Argument, ich hätte es eben mit Kopfhörern versuchen müssen, dann hätte ich schon viel früher Bücher hören können. Wie wäre denn so das Gezänk meiner Kinder an mein Ohr gedrungen? Und überhaupt: Habe ich Kopfhörer im Ohr, sehe ich nichts. Und habe ich eine Sonnenbrille auf der Nase, höre ich nichts. Keine Ahnung, warum, aber es ist so.

Hörbücher kommen also erst jetzt in Frage für mich und nachdem ich die Hälfte von „Gripsholm“ hinter mir habe, weiss ich, dass ich erst am Anfang einer wunderbaren neuen Leidenschaft stehe. Gut, solange unsere Kinder noch minderjährig sind, werde ich mit der Literaturauswahl etwas vorsichtig sein müssen. Als Luise gestern in die Küche platzte, war sie ziemlich entsetzt, dass die „Prinzessin“ gerade nackt durchs Schlafzimmer ging, weil sie gebadet hatte.

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Jugendfestvorbereitungen

Lass mal sehen… Luise braucht ein blaues T-Shirt und blaue Hosen, kann aber auch schwarzes T-Shirt und schwarze Hosen tragen, oder blaues T-Shirt mit schwarzer Hose, oder schwarzes T-Shirt mit… ach was, spielt ja keine Rolle. Hauptsache, der Aufdruck auf dem T-Shirt ist nicht zu auffällig. Der FeuerwehrRitterRömerPirat braucht noch eine blaue Hose. Das weisse T-Shirt hat er ja bereits. Hoffe, er findet das auch wieder in seinem Chaos…FeuerwehrRitterRömerPirat, was meinst du zu dieser blauen Hose? Nicht? Warum nicht? Ist doch perfekt… Und die hier? Auch nicht? Himmel, jetzt fang bitte nicht an, ein Theater zu machen, wir brauchen noch Sachen für das Prinzchen und für Karlsson. Was braucht eigentlich der Zoowärter? Ist da mal ein Brief nach Hause gekommen? Nicht, dass ich wüsste. Zoowärter, habt ihr mal einen Brief mitbekommen? Nein? Was müsst ihr denn am Jugendfest anziehen? Weiss. Okay, nur oben oder auch unten? Unten auch? Hmmmm, ich glaube, weisse Hosen haben wir keine mehr in deiner Grösse…Dann suchen wir die eben auch noch. Prinzchen, bist du dir wirklich sicher, dass du gelbe Hosen brauchst? Gelbe Hosen für Jungs? Wo in aller Welt sollen wir das jetzt noch finden? Haben ja immer nur so fade Kleider für Jungs hier… Schau mal, Zoowärter, hier hat’s eine weisse Hose für dich. Wie, du brauchst keine weisse Hose? Du hast doch gesagt… Ach so, nur das T-Shirt muss weiss sein. Gut, dann nehmen wir hier dieses weisse Hemd, dann können wir den Zoowärter abhaken. Aber sonst finde ich in diesem Laden nichts… „Meiner“, ich geh‘ dann mal rüber, vielleicht hat’s dort eine bessere Auswahl. Du kommst dann mit Luise nach? Okay, jetzt also noch blaue Hosen für den Zoow…, äh, nein, für den FeuerwehrRitterRömerPiraten, gelbe Hosen für das Prinzchen, die ganze Garnitur für Luise… für Karlsson hat „Meiner“ bereits gesorgt…Oh, sieh mal an, hier hat’s eine gelbe Hose für das Prinzchen und dann erst noch zum halben Preis und was meinst du zu dieser Hose FeuerwehrRitterRö…Nicht? Warum denn wieder nicht? Einfach so? Jetzt reicht’s mir dann aber allmählich. Und die hier? Guuuuuuuut, du nimmst sie! Welch ein Wunder…Wo wohl „Meiner“ bleibt? Ach, dort drüben ist er ja. Sieht danach aus, als hätte Luise nun auch etwas gefunden… Jungs, bleibt bitte hier! Ich will euch nicht wieder suchen müssen…Mist, ich muss dringend aufs WC. „Meiner“, übernimmst du mal die Kinder? Himmel, diese Schlange vor dem WC…Ja, selbstverständlich passe ich auf Ihr Baby auf, währenddem Sie auf dem WC sind. Hatte ja auch mal so kleine Kinder…Okay, mal sehen, ob ich „Meinen“ und die Kinder wieder finde…. Da sind sie ja…. Nein, Jungs, jetzt reicht es wirklich! Ihr könnt hier nicht…Wo ist „Meiner“ jetzt plötzlich hingekommen? Einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt…HIMMEL! JUNGS! ES! REICHT! MIR!!!!! Müssen die mich so blöd anschauen? Haben die nie ihre Nerven verloren, als sie mit ihren Kinder im grössten Chaos…..Und wenn „Meiner“ nicht endlich auftaucht, nehmen wir den Bus… Eine Runde noch, wenn ich ihn dann nicht finde….Okay, nicht gefunden (nein, keiner von uns hat ein Handy dabei), Jungs, wir nehmen den Bus, ich geb’s auf…

Eine Stunde später:

„Meiner“ und Luise kommen nach Hause, schwer beladen mit Kleidern, die Luise ihrem Papa hat abschwatzen können. „Wo seid ihr gewesen? Wir haben euch überall gesucht?“ – „Wo seid ihr gewesen? Ihr könnt doch nicht einfach so verschwinden…“ Ach, was soll’s. Immerhin haben wir alles, was die Kinder am Samstag brauchen in den richtigen Farben gefunden.

Wehe, die sagen am Samstag den Umzug ab! 

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Schon fast ein Feiertag

Wenn die Kinder mittags nach Hause kommen, herrscht bei uns erst mal buntes Chaos, bis alle erzählt haben, was sie unbedingt loswerden müssen. Oft nehme ich dabei die Rolle des Abfallkübels ein, der bis zum Rand angefüllt wird mit dem ganzen Mist, der sich am Vormittag angesammelt hat. Und weil keiner den anderen ausreden lässt, halte ich mir irgendwann die Ohren zu, um erst dann wieder etwas hören zu müssen, wenn alle satt und deshalb auch wieder halbwegs zufrieden sind. An gewissen Tagen aber kommen die Kinder in die Küche gestürmt und überhäufen mich mit guten Nachrichten. Zum Beispiel heute:

Karlsson (mit einem schlecht kaschierten Grinsen auf dem Gesicht): „Ich hab‘ heute den Mathetest zurückbekommen. Ist total mies herausgekommen.“

Ich: „Ach ja, darum strahlst du auch über dein ganzes Gesicht.“

Karlsson (jetzt ganz offensichtlich grinsend): „Nein, wirklich. Total mies. Ich hatte eine drei.“ (Für Leser aus Deutschland: 6 ist bei uns die beste Note, 1 die schlechteste.)

Ich: „Ach komm schon, sag endlich, was du wirklich hattest, sonst platzt du noch vor Glück.“

Karlsson: „Okay, es ist wirklich mies.“ Und dann nennt er mir eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt, also eine sensationelle Mathenote für einen Venditti.

Ehe ich mich fertig gefreut habe, kommt der Zoowärter angerannt und drückt mir ein Blatt Papier in die Hand. Ich brauche gar nicht erst zu lesen, um zu sehen, worum es geht. Der mit Leuchtstift markierte Name des Zoowärters sticht mir sofort ins Auge und ich weiss, dass er es geschafft hat, zu den 6 Schnellsten seines Jahrgangs zu gehören. Das heisst, er darf am Freitag am grossen Rennen mitmachen. Etwas, was vor ihm noch kein Venditti geschafft hat. Ausser Luise, doch dann wurde das Rennen wegen schlechten Wetters abgesagt.

Wieder komme ich kaum dazu, meiner Freude Ausdruck zu verleihen, denn jetzt steht Luise da: „Ich bin dabei! Ich war Drittschnellste. Und der Zoowärter ist auch dabei! Und in Sachkunde hatte ich eine…“ Sie nennt ebenfalls eine Note, die irgendwo zwischen 5 und 6 liegt und ich bringe vor lauter Staunen meinen Mund nicht zu, hatte ich doch beim Abfragen befürchtet, sie würde den Test in den Sand setzen. 

Momente später bekomme ich ein weiteres Blatt in die Hand gedrückt, diesmal vom Prinzchen. Es ist die Einladung zum Kindergarten-Abschlussfest. Das Fest, bei dem die Kinder von den Kindergärtnerinnen dazu verdonnert werden, zuerst allen Junk-Food aufzuessen, ehe sie Früchte und Gemüse bekommen. Und falls es warm ist, müssen sie sich eine richtig wilde Wasserschlacht liefern. Also noch einmal wunderbare Nachrichten. 

Einzig der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt heute ohne freudige Überraschung nach Hause. In mir will schon leise Panik hochkommen, denn ich weiss, wie sensibel unser Dritter reagiert, wenn alle glücklich sind, nur er nicht. Doch dann kommt mir in den Sinn, dass der Pöstler einen bunten Brief für ihn gebracht hat. Ein Brief voller wunderbarer Gutscheine, von denen er einen gemeinsam mit seinem Cousin oder einem Freund einlösen darf. Also strahlt auch der FeuerwehrRitterRömerPirat. 

Jetzt, wo alle für einmal überglücklich und vollkommen friedfertig sind, kann ich endlich auch erzählen, was mich heute Vormittag fast hat platzen lassen vor lauter Freude: Zwei noch ganz winzige Schwalbenschwanzraupen, die auf meinem Fenchel das Licht der Welt erblickt haben. Ich weiss nicht, wie viele Jahre ich auf dieses kleine Wunder gewartet habe, aber jetzt ist es endlich eingetroffen. 

Eigentlich wäre heute Mittag ein Festessen fällig gewesen.

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Heldentat

Vielleicht sollte ich euch noch von dem Treffen zwischen „Meinem“ und La Burocrazia erzählen. Selber war ich zwar nicht dabei, als mein Herr Gemahl in Begleitung von Mama, Zia, Italienischem Pass (abgelaufen), Schweizer Pass (abgelaufen), Schweizer Identitätskarte (abgelaufen) und Familienbüchlein nach Basel zur Italienischen Botschaft fuhr, um die Unterschrift zu bekommen, die das bürokratische Unheil von unserer Familie fernhalten soll. „Meiner“ hat mir allerdings ziemlich ausführlich Bericht erstattet, als er Stunden später wieder nach Hause kam. 

Eigentlich hatte es ja schon ziemlich viel Mut gekostet, einfach so nach Basel zu fahren, denn La Burocrazia hatte „Meinen“ tags zuvor per Mail gewarnt, vor dem 23. Juni wolle sie ihn nicht sehen und überhaupt hätte sie im Moment technische Probleme und könne sich nicht um seinen Kram kümmern. „Meiner“ fuhr trotzdem, denn die Stellvertretung in der Schule war bereits organisiert. Natürlich zeigte La Burocrazia „Meinem“ erst einmal die kalte Schulter, als er mit Mama und Zia im Schlepptau daherkam. Er könne hier doch nicht einfach aufkreuzen, beschied sie ihm, man habe heute keine Zeit. Ob er denn nicht wenigstens einen Termin vereinbaren könne, bettelte „Meiner“. „Vielleicht“, gab La Burocrazia zur Antwort, „aber nur, wenn mein Diener die Zeit findet, aus seinem Büro zu kommen und die Agenda aufzuschlagen.“

Betrübt zog sich „Meiner“ mit seinem bereits leicht hysterischen Gefolge in den Garten der Botschaft zurück, wo er dem Diener eine Mail schrieb. Er sei jetzt im Garten der Botschaft und wünsche, einen Termin zu vereinbaren. Ob der Diener vielleicht so nett wäre, schnell aus seinem Büro zu kommen. Der Diener war so nett. Ja, er war sogar noch viel netter. Er beschloss nämlich, „Meinen“ zu empfangen, ihm trotz abgelaufener Ausweise zu glauben, dass er derjenige ist, den er zu sein vorgibt, das gewünschte Formular zu vervollständigen und Punkt für Punkt mit seinen ungebetenen Gästen durchzugehen. Gut, irgendwann kam er auf die Idee, dass „Meiner“ noch schnell zwei Zeugen suchen gehen müsse, denn ohne sei die Sache nicht rechtskräftig. „Meiner“ überlegte sich schon, wie er zwei nichts ahnende Passanten davon überzeugen könnte, ihm in die Botschaft zu folgen, wo sie ein Dokument unterschreiben sollten, von dem sie kein einziges Wort verstehen, doch zum Glück fiel dem Diener ein, dass es in diesem besonderen Fall auch ohne Zeugen geht.

Nun wäre also der feierliche Moment da gewesen, in dem die Unterschriften unter das Dokument hätten gesetzt werden sollen, doch dummerweise konnte der Diener die Datei auf seinem Computer nicht mehr finden. Hat wohl noch nie etwas von einem Download-Ordner gehört… Dafür fand er plötzlich, dass er ein Herz hat und darum setzte er den ganzen Mist noch einmal auf, wies einen Besucher, der starrköpfig auf seinem Termin bestehen wollte, aus dem Zimmer und zog die Sache durch, bis alle Unterschriften am richtigen Ort waren. Und dafür liess er sich nicht mal ein Trinkgeld geben. So etwas tun La Burocrazias Diener aus Prinzip nicht. 

Ohne zu wissen, wie ihnen geschehen war, fanden sich „Meiner“, la Mama und la Zia wenig später mit einem unterschriebenen und mit zahlreichen Siegeln versehenen Dokument vor der Botschaft, wo sie einander erleichtert in die Arme fielen. Gut, allzu lange währte der Familienfrieden nicht, denn nun musste ausdiskutiert werden, in welchem Couvert „Meiner“ das Dokument nach Italien senden muss, wo die Adresse hinkommt und ob man vor oder nach dem Mittagessen zur die Post gehen soll. Nach einigen Stunden hin und her waren aber auch diese Fragen geklärt, so dass „Meiner“ als stolzer Bezwinger von La Burocrazia heimkehren konnte. 

Nachdem er seine Heldentat in allen Details geschildert hatte, beschloss Luise, in Zukunft nicht mehr auf ihre italienische Herkunft hinzuweisen, sondern sich nur noch als Schweizerin zu bezeichnen. Ich kann gar nicht recht verstehen, warum…

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Sommerfaulheit

Die Johannisbeeren wollen zu Gelée werden, die Lindenblüten zu Sirup. Die Wachteln warten auf das grosse Ausmisten, der Kompost aufs Umgraben. Die Dreckwäsche weiss nicht, wie sie ohne meine Hilfe in die Waschküche kommen soll, die saubere Wäsche wiederum fragt sich, wann ich ihr endlich die Treppe hoch helfe. Die Tomaten wünschen, dass ich den Löwenzahn entferne, der sich zu ihren Füssen niedergelassen hat, die Melonen müssen in die Schranken gewiesen werden. Karlssons Violine soll in die Reparatur, für den Zoowärter und Luise müssen Cellos her. Die Kinder sollten ihre Joker-Tage beziehen, weil sie Ende Schuljahr verfallen, meine Arbeitstage werden von katholischen Feiertagen und ihren Brückentagen aufgefressen. 

Ich müsste mich jetzt ganz dringend einmal aufraffen, doch die Sommerferienlaune hindert mich mit allen Mitteln daran. 

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La Burocrazia

Alle, die gedenken, ihr Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen, sollen heute mal besonders genau lesen, denn ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Egal, wie sehr dein Angebeteter oder deine Angebetete dich liebt, ihr werdet nie alleine sein in dieser Beziehung. Okay, ihr denkt jetzt an die besonders einmischungsfreudige Verwandtschaft und wollt anfangen, mir zu erzählen, welch genialen Weg ihr gefunden habt, um die neugierige Schwiegermutter  – „Wie viel Geld habt ihr für den Wocheneinkauf ausgegeben? Nur 200? Da bekommt mein Sohn aber nicht gerade viel Fleisch auf den Teller.“ – und den erpresserischen Nonno – „Ich liege wegen eines schlimmen Schnupfens im Sterben und du fährst ans Meer, anstatt mich in meinem abgelegenen Nest in Kalabrien zu besuchen.“ – in Schach zu halten. Ihr glaubt, ihr hättet es geschafft, die Italianità in so klare Schranken zu weisen, dass sie sich nur noch dann zeigt, wenn sie auch willkommen ist. Beim Pizzabacken, zum Beispiel oder beim Gartenfest in lauen Sommernächten.

Bitte, meine Lieben, lasst euch gewarnt sein, denn ihr wiegt euch in falscher Sicherheit. Ihr habt noch nicht mal erkannt, dass sich mit dem feurigen Südländer und seiner Familie noch jemand anders in euer Leben geschlichen hat, nämlich La Burocrazia Italiana. Ja, ihr glaubt, die hättet ihr auch schon getroffen, damals, als ganz dringend ein Dokument her musste und die auf dem Konsulat sich ganz fürchterlich kompliziert gebärdeten und erst nach viel Gestikulieren den gewünschten Fackel rausrückten, aber glaubt mir, das war erst ein kleiner Vorgeschmack, der euch davor hätte warnen sollen, was nachher kommt. Erst wenn ihr Jahre lang verheiratet seid und glaubt, ihr hättet das mit der binationalen Beziehung ganz gut hingekriegt, zeigt euch La  Burocrazia ihr wahres Gesicht.

Eines sonnigen Tages, wenn ihr sie am allerwenigsten erwartet, wird sie in euer Haus getanzt kommen mit einer fröhlichen Forderung, in Lichtgeschwindigkeit ein mit Blut unterzeichnetes, von einem italienischen Notar beglaubigtes Dokument herbeizuzaubern, welches noch vor dem nächsten Vollmond um Mitternacht in der Heimatgemeinde deines Angetrauten oder deiner Angetrauten auf dem Schreibpult des Sindaco zu landen hat. Trifft dieses Dokument nicht rechtzeitig im sonnigen Süden ein, wird sich der gierige und sehr klamme Vater Staat aus eueren Taschen das Geld greifen, das er so dringend braucht, um all seinen Dienern die fetten Beamtenlimousinen zu finanzieren.

La Burocrazia kommt natürlich nicht in Form eines anzugtragenden, schmierigen Beamten, um euch die Forderung zu überbringen. Käme sie in dieser Gestalt, würde man sie hochkant vor die Tür setzen, aber La Burocrazia ist raffiniert. Sie betraut eine liebe Verwandte mit der schwierigen Aufgabe, euch unter Tränen anzuflehen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um die böse Krake aus dem Süden zufrieden zu stellen, weil sonst die ganze Verwandtschaft bis ins dritte oder vierte Glied mit einem bösen bürokratischen Fluch bestraft wird. Gut, auch dieser Verwandtenbesuch wäre nicht ganz unangekündigt gewesen, La Burocrazia hat euch nämlich ein paar Monate zuvor einen in Geheimschrift verfassten zehnseitigen Brief zukommen lassen, aus dem ihr hättet entnehmen können, dass eure Familie als nächste dran ist mit bezahlen. Hättet ihr diesen Brief genau studiert und sogar verstanden, müsstet ihr jetzt nicht sämtliche Termine – beruflich oder privat – absagen, um euch voll und ganz den Forderungen von La Burocrazia zu widmen. Aber natürlich habt ihr den Brief nicht genau studiert. Warum auch? Der Mann oder die Frau an eurer Seite ist doch längst nur noch auf dem Papier Italiener(in), gelebt habt ihr nie im Süden und Besitz habt ihr keinen dort. Glaubt ihr. Aber da irrt ihr euch. La Burocrazia findet immer irgend einen verblichenen Verwandten, der in seiner unendlichen Grosszügigkeit seinen ins Ausland geflüchteten Nachfahren ein steiniges, unfruchtbares Stück Land vermacht hat, aus dem der Staat ein paar Euro Steuern pressen kann.

Darum, meine Lieben, die ihr gedenkt, euer Leben auf Dauer mit einem Italiener oder einer Italienerin zu teilen: Schenkt der geliebten Person an eurer Seite zur Hochzeit eine neue Identität. Die Schwiegermama wird zwar nicht erfreut sein, wenn sich ihr Sohn auf einmal Kevin Rüdisüli nennt, aber wer sich vor La Burocrazia schützen will, nimmt alles in Kauf. Auch den Zorn einer eingeschnappten italienischen Mama.  

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Gedanken auf dem Kirschbaum

Warum gibt es erwachsene Menschen, die sich Ende April, wenn die Kirschbäume in voller Blüte stehen, darüber beklagen, die Kirschen im Laden seien so furchtbar teuer? Ist es so schwer zu verstehen, dass man einen gewissen Preis zu zahlen hat, wenn man vor der Saison Kirschen essen will? Und warum kommen genau diese Menschen, die uns im April die Ohren voll gejammert haben, jetzt nicht zu uns, um sich gratis Kirschen abzuholen?

Manchmal werfen mir Menschen Inkonsequenz vor, weil ich aus Gewissensgründen kein Fleisch esse, bei Obst aber bedenkenlos zugreife. Doch ich bringe den Baum ja nicht um, sondern esse, was er ohnehin früher oder später zu Boden fallen liesse. Und so, wie meine Kinder Kirschkerne in der Gegend herumspucken, helfen wir dem guten alten Baum gar bei der Fortpflanzung.

Der Bauernverband empfiehlt, das Kilo Kirschen für 6 Franken 50 zu verkaufen. Mama Venditti pflückt 8 Kilo Kirschen. Wie viel Geld würde sie einnehmen, wenn sie die Kirschen am Strassenrand verkaufen würde, anstatt sie ihren Kindern aufzutischen? In der Migros kostet das Kilo Kirschen heute10 Franken 60. Wieviel Geld hätte Mama ausgegeben, wenn sie ihren Kindern die 8 Kilo Kirschen hätte kaufen müssen?

Hoffentlich sieht mir keiner dabei zu, wie ich im Geäst herumklettere, das Telefon am Ohr, den Korb mit den Kirschen an der Schulter.

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