Des Rätsels Lösung

Der Feierabend naht, doch das Prinzchen zeigt nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit. Damit wir ihn trotzdem zu einer halbwegs vernünftigem Zeit ins Bett schicken können, erlauben wir ihm noch ein paar Sprünge auf dem Trampolin. Zwanzig Minuten später ist er noch gleich aufgedreht wie zuvor, doch wir irgendwann muss einfach Schluss sein. Nach einigen Kapriolen verschwindet unser Jüngster im Bett, doch wenig später steht er wieder im Wohnzimmer, muss uns noch etwas zeigen. Nett, wie wir nun mal zu sein versuchen, schenken wir ihm die Aufmerksamkeit, die er wünscht, dann muss er zurück in sein Zimmer. Wie es weitergeht, kann sich jeder vorstellen, der selber Kinder hat, darum erspare ich euch die Details. Erstaunen dürfte euch allenfalls, dass es bis Mitternacht so weitergeht.

Das erstaunte nämlich auch uns. Abend für Abend fragten wir uns, wie ein kleiner Mensch, der vom frühen Morgen an pausenlos ums Haus herumrennt, bastelt, singt, klettert, streitet, Trottinett fährt, Lego baut,… es fertigbringt, nicht müde zu werden. Wie um alles in der Welt schafft er es, länger wach zu bleiben als wir?

Heute erfuhren wir, wie: Als sie neulich am Nachmittag von der Arbeit nach Hause gekommen sei, erzählte mir die Mama von Prinzchens besten Freund, habe sie die zwei Jungs auf dem Sofa angetroffen, beide tief schlafend. Das sei übrigens nicht das erste Mal vorgekommen, sie hätte das nun schon mehrmals erlebt. „Also doch gedopt“ , dachte ich und fragte das Prinzchen, ob das wirklich wahr sei. Ja, manchmal würden sie schon ein wenig schlafen, gestand er und war ihm ganz offensichtlich peinlich, dass das Geheimnis seiner vermeintlich unerschöpflichen Energie gelüftet ist.

Gut, nun ist die Sache mit den heimlichen Mittagsschläfchen also aufgeflogen. Weshalb er länger durchhält als wir Eltern, bleibt weiterhin ein Geheimnis. Ich meine, wir gönnen uns fast jeden Tag ganz offiziell ein Mittagsschläfchen, doch es hilft nichts, wir sind abends trotzdem vollkommen fertig.

Vielleicht sollten wir auch damit anfangen, heimlich zu schlafen…

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So habe ich das nicht gemeint

Genau das, was ich nie hätte tun wollen, habe ich getan: Ich habe Kleinkind-Eltern entmutigt. Ich habe geschrieben, was sie jetzt durchmachten sei nichts im Vergleich zu dem, was später noch kommt. Gut, genau so habe ich das gar nicht gemeint, aber man kann meinen gestrigen Text sehr wohl so verstehen, wenn man mich nicht näher kennt.

Wie habe ich es doch gehasst, wenn man mir damals, als ich völlig übernächtigt und am Rande meiner Kräfte war, zu verstehen gab, dass das noch gar nichts sei. „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, sagten gewisse Mütter mit vielsagendem Blick und ich konnte mich nur mit Mühe davon zurückhalten, ihnen an die Gurgel zu springen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich es nicht getan habe, in meinem übernächtigten Zustand hätte ich vor Gericht bestimmt auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können…

Nun, ich mag den Spruch heute noch nicht ausstehen, denn mir wird je länger je mehr bewusst, dass jeder Wegabschnitt, den wir mit unseren Kindern gehen, seine eigenen Herausforderungen, aber auch seine eigenen Freuden mit sich bringt. Darum möchte ich allen, die sich durch meinen gestrigen Text entmutigt gefühlt haben, sagen: Es wird weder besser noch schlimmer, es wird einfach anders und wenn ihr bis jetzt einen Weg gefunden habt, euer Elternleben zu meistern, dann werdet ihr ihn auch in der nächsten Phase wieder finden. Und in der übernächsten auch…

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Paarzeiten

Babies und Kleinkinder schaden dem Beziehungsleben, darüber sind sich so ziemlich alle einig, die keine Babies oder Kleinkinder haben. Mit wenig Schlaf, einem veränderten weiblichen Körper, einem rund um die Uhr zu versorgenden kleinen Menschlein und wenig Raum für Zweisamkeit muss eine Beziehung doch einfach zu kurz kommen, denkt man. Gut, vollkommen falsch ist das nicht. Es ist tatsächlich eine ziemlich grosse Umstellung vom Paar zur Familie, doch wenn die Kleinen erst mal einen gewissen Rhythmus gefunden haben, ist es gar nicht mehr so schwierig, auch wieder Paarzeiten einzuschalten. Zumindest, wenn man sich damit abfinden kann, dass die Knöpfe die sorgfältigste Planung zu jeder Zeit mit einem kleinen Virus oder einem überraschenden Armbruch zu Fall bringen können. 

Das alles ist nichts, im Vergleich zu dem, was kommt, wenn die Kleinen erst mal grösser sind. Abends um acht verschwinden sie nicht brav auf ihren Zimmern, nein, dann kommen sie erst aus ihren Löchern hervorgekrochen und wollen reden. Oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Oder mit Mama einen Chick-Flick schauen. Oder streiten. Die Sache mit der Geheimsprache kannst du dir auch abschminken, wenn sie mal aufgeklärt genug sind, um zumindest erahnen zu können, was sich Mama und Papa zwischen Suppenschüssel und ausgeleerten Saftgläsern mitzuteilen versuchen. Zweisamkeit wird zum Fremdwort, weil immer einer von beiden jemanden irgendwohin chauffieren oder von dort wieder abholen muss. Vielleicht schaffst du es gerade noch, „Deinem“ im Vorbeigehen zwischen Tür und Angel zu sagen, dass du ihn vermisst und gerne mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen möchtest. Wenn du Glück hast, erinnert er sich daran, wer du bist und fragt sich nicht, wer diese mittelalterliche Tussi ist, die ihn da einfach so anbaggert. 

Sollte es dir dennoch einmal gelingen, ihn zu einem gemeinsamen Tässchen Tee zu verführen, kommt ganz bestimmt ein Teenager daher und will ebenfalls ein Tässchen haben. Und du kannst es ihm nicht mal verwehren, denn die Ausrede „Du kannst nicht schlafen, wenn du nachmittags um vier Schwarztee trinkst“, quittiert er mit einem Schulterzucken und „Muss ohnehin lange wach bleiben, weil ich noch für diesen Test üben muss. Hilfst du mir?“ Falls dann doch irgendwann vor Mitternacht Ruhe einkehrt, versuchst du verzweifelt, „Deinen“ aus dem Sofa-Tiefschlaf zu rütteln, damit ihr die Nacht immerhin –  mit Katze und  einem von der Angst geplagten Kind –  im gleichen Bett verbringt. 

Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber klar tue ich das. Wenn nicht gerade Schulferien sind haben „Meiner“ und ich ja jeden Freitagmittag fünfzig Minuten nur für uns. Zeit genug, um einander bei einem Sandwich zu versichern, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen werden, um unsere Zweisamkeit durch die Teenagerjahre unserer Kinder hindurch zu retten. 

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Furchtlos

Sie schaffte es, kleine Kätzchen zuerst zu waschen, mit Flohshampoo einzureiben und dann noch einmal zu waschen. Klar, sie bekam dabei ein paar Kratzer ab, doch kaum waren sie trocken, liessen sich die Kleinen wieder von ihr hätscheln und streicheln.

Nur sie war fähig, unseren Katzen die Entwurmungstabletten so in den Mund zu schieben, dass sie drin blieben. 

Sie war die Einzige, die unsere – inzwischen leider entlaufenen – Kaninchen kämmen konnte.

Als sich die Wachteln noch gegenseitig die Köpfe hackten, verarztete sie geduldig die blutenden Wunden, bis sie wieder verheilt waren.

Katze Henrietta lässt sich von ihr den schwangeren Bauch abtasten, gerade so, als hätte sie sich bei ihr zur Vorsorgeuntersuchung eingefunden. 

Dass Luise mit ihrer speziellen Mischung aus Zärtlichkeit und Strenge so ziemlich jede schwierige Situation mit unseren Tieren meistert, wissen wir schon seit einiger Zeit. Dennoch hat uns ihr heute geleistetes Paradestück fast aus den Socken gehauen. Kater Leone kam mit drei widerlichen, vollgesogenen Zecken an Kopf und Nacken von einem Ausflug nach Hause. „Meiner“, der ansonsten Widerlichkeiten keineswegs abgeneigt ist, weigerte sich, hinzusehen und ich hätte es ihm gleichgetan, hätte ich nicht das Pech gehabt, die Biester als Erste zu entdecken. Während wir Eltern uns noch gegenseitig dazu zu drängen versuchten, den armen Kater von den Blutsaugern zu befreien, zog Luise sie ihm mit sicherer Hand aus der Haut. Danach betrachtete sie die Biester eingehend und sinnierte darüber nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass sie sich leicht entfernen lassen.

Das allein war schon ziemlich beeindruckend. Noch beeindruckender aber war, dass Luise mit ihren Schilderungen „Meinen“ dazu brachte, sich mit leicht grünlichem Gesicht abzuwenden und sie anzuflehen, sofort mit diesem Gerede von Zecken aufzuhören, weil er sich sonst erbrechen müsse. Ich glaube, auch diese Leistung hat ausser ihr noch keiner fertig gebracht. 

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Weil auch hier nicht das Paradies ist…

Weshalb wir im Sommer überhaupt in die Ferien fahren würden, wollte il Cuginos grosser Bruder von mir wissen. Bei uns sei es so traumhaft schön, da könnte man doch eigentlich immer zu Hause bleiben. Die Frage überraschte mich nicht,  befanden wir uns doch gerade bei strahlendem Sonnenschein auf einer grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen und bunten Frühlingsblumen. Zwitschernde Vögel, Kirchenglocken und ein vor Freude kreischendes Prinzchen sorgten für die perfekte Geräuschkulisse. Ja, bei uns ist es tatsächlich schön, dachte ich. Und für Gäste aus Süditalien, die mit Erstaunen feststellen, dass hierzulande eine öffentliche Wiese gemäht und gepflegt wird, muss das alles noch viel schöner aussehen. 

Warum also verreisen? Weil unser Leben leider nicht so beschaulich ist, wie die Kulisse, vor der es sich abspielt. Sind wir zu Hause, dann sind wir auch verfügbar. Für Besprechungen, spontane Arbeitsaufträge, Therapiegespräche, Tierarztbesuche, kaputte Haushaltgeräte, Werbeanrufe, Kinder chauffieren… Bleiben wir hier, beinhalten auch Ferientage eine gehörige Portion Alltag, was nicht nur schlecht ist, denn auch der Alltag hat einige ganz nette Dinge zu bieten. Eine spontane Kaffeerunde mit dem Nachbarn, zum Beispiel, Nachbarskinder, die bis zum Eindunkeln mit unseren Kindern herumtoben, Setzlinge auspflanzen,… So richtig zur Ruhe kommen wir aber nie, wenn wir zu Hause sind, nicht mal dann, wenn wir uns einmal zum süssen Nichtstun durchgerungen haben. Dann klingelt nämlich bestimmt das Telefon…

Darum verreisen wir, wann immer es unser Budget zulässt. Und natürlich auch, weil es nicht nur hier traumhaft schön sein kann, sondern an ganz vielen anderen Orten auf diesem Planeten ebenso. 

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Von wegen nutzlos

In den Gemüsegärten meiner Kindheit fristeten Blumen ein Schattendasein. Blumen könne man eben nicht essen, erklärten die Gemüsegärtner, wenn man sie fragte, weshalb es in ihren Gärten nicht bunter sei. Bereits nach dem Genuss meiner ersten Kapuzinerkresse-Blüte ahnte ich, dass diese Gärtner irrten, doch wie weit sie mit ihrer Meinung daneben lagen, wird mir erst allmählich bewusst.

Oh nein, es wäre mir nie in den Sinn gekommen, auf Blumen im Garten zu verzichten. Ihre Schönheit genügt mir vollauf, um ihnen Platz zu schaffen. Mehr und mehr erkenne ich aber, dass es ohne sie gar nicht geht. Mein Wissen auf diesem Gebiet ist zwar noch sehr beschränkt – Rittersporn gegen Engerlinge, Futterpflanzen für Bienen und Schmetterlinge, Ringelblumen, Salbei, Kapuzinerkresse und Bartnelken gegen Schnecken -, doch zweifelsohne gibt es da einige in Vergessenheit geratene Gartenweisheiten, von denen mein Garten viel profitieren könnte. Und darum werden ab sofort die Blümchen mit gleich viel Hingabe gehätschelt wie bis anhin nur die Tomaten.

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Famiglia

Die italienische Seite unserer Verwandtschaft war uns lange Zeit fremd. Ein paar Missverständnisse, eine Handvoll kultureller Unterschiede und ein paar Mutter-Sohn-Schwiegertochter-Spannungen und schon fühlte man sich fremd. Je länger man sich nicht mehr sah, umso fremder fühlte man sich. Dann kam il Cugino und bald einmal merkten wir, dass wir uns näher sind als wir dachten. Nicht nur, weil er ein netter Mensch ist, der perfekt in unsere Familie passt. Auch weil er „Meinem“ ähnlicher ist, als wir erwartet hätten. 

Gut, einen grossen Unterschied gibt es zwischen den beiden. Im Gegensatz zu „Meinem“ hat il Cugino nämlich Geschwister und die sind derzeit bei uns zu Besuch. Offen gestanden hatte ich zuerst etwas Angst vor diesem Besuch. Ich meine, man hat sich Jahre lang nicht gesehen und ich war mir auch nicht so sicher, ob mein Italienisch ausreicht, um mit drei echten und einem in der Schweiz geborenen Italiener mitzuhalten. 

Wie sich bereits nach kurzer Zeit herausstellte, waren meine Sorgen ganz und gar unbegründet. Wo mein Italienisch nicht ausreicht, hilft man sich mit Gesten. Kommt ein schwieriges Thema zur Sprache, redet man ungewohnt offen miteinander. Entsteht ausnahmsweise mal eine Gesprächspause, sorgen die Kinder für Unterhaltung. Kurz, das Zusammensein ist ganz und gar entspannt und friedlich. Sieht ganz danach aus, als würde ich nach 22 Jahren endlich „la famiglia“ kennen lernen.

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Wenn sich ein Versicherungsvertreter ankündigt…

… dann schaffen „Meiner“ und ich es zum ersten Mal in diesen Frühlingsferien, vor den Kindern aus dem Bett zu kommen und ein paar ungestörte Minuten zum Tagesstart zu geniessen. 

…dann herrscht endlich wieder mal Ordnung im Haus, weil wir uns dazu gezwungen sehen, ein wenig aufzuräumen.

…dann diskutieren wir im Voraus darüber, ob wir glücklich sind mit unserer Krankenkasse, oder ob wir uns eine Neue aufschwatzen lassen sollen.

…dann legen wir eine Zeitlimite für das Gespräch fest, damit wir uns nicht wieder in den Beziehungsproblemen des Vertreters verheddern und ihm stundenlang zuhören müssen.

…dann wünschen wir uns, wir hätten nicht ja gesagt zu diesem Termin.

Und wenn dann der Herr Versicherungsvertreter einfach nicht erscheinen will, sitzen wir plötzlich in einer aufgeräumten Wohnung, vor uns ein nettes kleines Zeitgeschenk, das wir ganz nach unserem Belieben nutzen können. „Meiner“ hat sich dazu entschieden, das Esszimmer neu zu streichen und ich habe derweilen mit dem Umtopfen meiner unzähligen Tomatensetzlinge dafür gesorgt, dass die Wohnung nicht allzu lange sauber bleibt. Manchmal ist es eben doch nicht so schlecht, einen Versicherungsvertreter einzuladen. Ich hoffe bloss, er steht dann nicht morgen oder übermorgen vor der Tür…

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Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan…

Gegeben habe ich, was immer ich konnte. Nicht immer soviel, wie gewünscht gewesen wäre, aber doch oftmals mehr, als ich eigentlich hätte geben können. Meist fiel es mir leicht, manchmal etwas schwerer, hin und wieder musste ich mich dazu zwingen. Doch es war nötig,  darum tat ich, was ich konnte. Und die Person lag mir ja auch am Herzen, trotz aller Schwierigkeiten. 

„Meiner“ war alles andere als begeistert davon, die Kinder waren ebenfalls skeptisch. Also versuchte ich, zu geben, ohne meine Familie zu verärgern. Das war nicht einfach, denn die Hilferufe kamen meist dann, wenn ich am wenigsten darauf vorbereitet war, oft auch dann, wenn der Zeitpunkt eigentlich ziemlich ungünstig war. Nicht immer schaffte ich es, zu helfen, ohne meine Familie in die Sache hineinzuziehen und es gab immer mal wieder Streit. Mit „Meinem“ und den Kindern, nicht mit der Hilfesuchenden, denn ich schützte sie vor dem Ärger meiner Liebsten.

Natürlich sagte ich auch immer mal wieder nein, aber weil bei jeder Begegnung mehrere Bedürfnisse zum Vorschein kamen, blieb meist zumindest ein kleines Ja an mir hängen. Ohne Erfolg versuchte ich „Meinem“ zu erklären, nach zehnmal Nein hätte ich diesen klitzekleinen Wunsch nicht auch noch ausschlagen können. Doch klitzekleine Wünsche können sich zu einem ziemlich grossen Haufen kumulieren, wenn einer nach dem anderen geäussert wird. Und so sah ich mich eines Tages dazu gezwungen, Einhalt zu gebieten.

Ich blieb nett, denn einen verletzten Menschen sollte man nicht noch mehr verletzen. Nur eine Grenze ziehen wollte ich, nicht eine Mauer aufbauen. Klar, es ist nie angenehm, von jemandem zu erfahren, dass es so nicht weitergehen kann, doch ich wählte schonende Worte und versicherte meine guten Absichten. Die Grenze sei nötig, damit ich nicht irgendwann anfangen würde, mich zu ärgern.

Eine Stunde später wurde die Grenze zum ersten Mal überschritten, ich reagierte ungehalten. Zum ersten Mal liess mich mein Wunsch nach Frieden und Harmonie im Stich. Danach hörte ich eine Woche lang nichts mehr. Heute ein kleines Dankeschön im Briefkasten, etwas später ein Anruf. So gehe es nicht mehr, sie brauche Distanz von mir. Noch einmal versuchte ich zu erklären, ich hätte wirklich keine Mauer bauen wollen, aber es half nichts. Es sei vorbei, lautete die Antwort auf meinen Versuch, den Faden nicht einfach abreissen zu lassen. Es war das kürzeste Gespräch, das wir je hatten.

Eigentlich müsste ich erleichtert sein, doch ich bin es nicht. Ich wollte keinen Streit und erst recht keinen Kontaktabbruch. Ich wollte nur klar machen, dass ich nicht jede Lücke im Leben eines anderen Menschen füllen kann. In meiner Naivität hatte ich geglaubt, ich dürfte mir das erlauben, nach allem, was ich gegeben hatte, doch ich lag falsch. Jetzt stehe ich da als die Böse, von der man Distanz halten muss, weil sie zu einem armen, hilfsbedürftigen Menschen nicht nett ist. Dass mich das traurig stimmt, zeigt wohl, wie grenzenlos naiv ich bin. 

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Binge-Reading

Vergessen, dass heute Morgen jemand zum Tee kommt.

Vergessen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat um zehn einen Arzttermin gehabt hätte und ich deswegen „Meinen“ mit ihm hätte losschicken müssen, damit ich weiter hätte Tee trinken können.

Geglaubt, mein Arzttermin sei erst um elf, nicht bereits um halb elf. Um nicht noch später zu kommen, um zehn vor elf mit dem Auto hingefahren, anstatt gemütlich zu Fuss zu gehen.

Nach dem Arzttermin vergessen, dass ich mit dem Auto hingefahren bin. Erst wenige Meter vor der Haustüre festgestellt, dass das Auto noch auf dem Coop-Parkplatz steht. „Meiner“ musste es dann halt dort holen, ehe er weg musste.

Zum Einkauf keine Taschen mitgenommen. Und die zu entsorgenden PET-Flaschen im Eingang stehen gelassen.

Meine Familie den ganzen Tag mit Dünnhäutigkeit und Brummschädel genervt.

Kein Zweifel: In meinem fortgeschrittenen Alter liegt lesen bis zum Morgengrauen nicht mehr drin. Und weil das Buch grottenschlecht war, darf ich nicht mal jammern. Hätte ja aufhören können, als auf Seite 15 klar war, wie es ausgehen wird…

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