Erziehungsfragen

  • Wie viele Jahre Schreib- und Leseerfahrung braucht ein Kind, bis es Mamas abwesenden Blick hinter dem Bildschirm nicht als Aufforderung zum Quasseln interpretiert, sondern als die verzweifelte Suche nach dem richtigen Wort im nahezu perfekten Satz? Die fast acht Jahre, die Karlsson nun schon hinter sich hat, reichen offenbar nicht. 
  • Bin ich auch dann eine Rabenmutter, wenn mein Jüngster am iPad Lernspiele spielt, währenddem ich mich mittagsschlafend verpenne?
  • Welche Angst wiegt schwerer: Die Angst des Kindes vor dem imaginären Monster im Schrank oder die Angst der Eltern, das Kind, das im elterlichen Bett Zuflucht vor dem Monster sucht, könnte seinem gelegentlichen Drang zum Bettnässen nachgeben?
  • Darf man einem Kind direkt ins Gesicht sagen, wie wenig man an einer ausführlichen Zusammenfassung sämtlicher Filme und Computerspiele interessiert ist, oder muss man so lange desinteressiert „Hmmmmm, ja….Echt?…Klingt toll“, murmeln, bis das Kind fertig zusammengefasst hat? (Eine Frage, die mich übrigens schon länger umtreibt, als ich Kinder habe. Diese Angewohnheit hatten schon ein paar Neffen und Nichten von mir.)
  • Darf ich zurückzicken, wenn die Tochter zickt, oder ist zicken nur in einem bestimmten Alter erlaubt?
  • Womit bestrafe ich mich selber mehr: Mit der Entscheidung, noch einen „Tom & Jerry“ zu erlauben und mir damit drei Brüder einzuhandeln, die einander gegenseitig piesacken, oder keinen „Tom & Jerry“ mehr zu erlauben und mir damit drei Brüder einzuhandeln, die mich nicht nur piesacken, sondern pausenlos motzen, sie dürften nie, aber auch gar nie irgend etwas? (Nein, die Frage, ob überhaupt „Tom & Jerry“ hat sich leider nicht gestellt, da der Pay-TV-Anbieter nichts ähnlich Kurzes von pädagogisch besserer Qualität im Kinderprogramm hat.)
  • Soll man dem Teenager sagen, dass das Geräusch von aufeinanderreibendem Styropor für die mütterlichen Ohren eine Qual ist, oder gibt man ihm mit dieser Information eine Waffe in die Hand, die er nicht nur nie wieder hergeben wird, sondern bei sich bietender Gelegenheit auch an seine Geschwister weiterreichen wird?
  • Wird das Prinzchen noch perfektionistischer, wenn mir in der Hitze des Gefechts rausrutscht, er sei ein furchtbarer Perfektionist? (Er ist einer, glaubt mir, schlimmer als Karlsson noch.)
  • Darf ich in meinem Blog solche Erziehungsfragen stellen, oder fühlt sich dadurch meine Leserschaft dazu ermutigt, mir Erziehungstipps zu geben? (Damit das klar ist: Tipps sind nicht willkommen – weitere Fragen hingegen schon.)
verdura rossa; prettyvenditti.jetzt

verdura rossa; prettyvenditti.jetzt

Stets zu Zoowärters Diensten

Nächste Woche wird der Zoowärter acht und das bewegt das Prinzchen, der ein ausgeprägt nächstenliebender Mensch ist, zutiefst. Ein Geburtstag, das weiss das Prinzchen aus bitterer Erfahrung, ist viel zu schnell vorbei und darum muss das Geburtstagskind möglichst lange und ausgiebig verwöhnt werden. Das ist nicht getan, indem man dem grossen Bruder einen Berg von Geschenken bastelt, da muss mehr her, viel mehr. Und darum nimmt das Prinzchen dem Zoowärter seit einigen Tagen jede unangenehme Aufgabe ab. 

Der Zoowärter verschüttet am Tisch seinen Sirup, das Prinzchen springt auf, holt Haushaltpapier und wischt die Lache auf.

Der Zoowärter fängt an, seinen Teil des Tischdeckens zu übernehmen, das Prinzchen nimmt ihm den Tellerstapel aus der Hand und sagt: „Du hast Geburtstag, lass mich das machen.“ Manchmal aber ist der Zoowärter schneller als das Prinzchen. Dann wird der Kleine wütend und zwar auf mich, weil ich nicht eingegriffen und den Grossen am Tischdecken gehindert habe. 

Der Zoowärter soll sein Zimmer aufräumen, was in diesen Tagen so läuft, dass das Prinzchen die Arbeit macht, währenddem der grosse Bruder auf dem Bett liegt und „Lustige Taschenbücher“ liest.

Der Zoowärter muss als Hausaufgabe Bilder und Wörter ausschneiden und richtig zuordnen. Das Prinzchen übernimmt das lästige Ausschneiden, übt derweilen gerade ein wenig lesen und hilft dem Zoowärter beim Zuordnen. 

„Das müsste doch der Zoowärter erledigen“, sage ich jeweils erstaunt, wenn der kleine Prinz, der nicht gerade stämmig gebaut ist, sich nach Leibeskräften darum bemüht, einen schweren Abfallsack die Treppe hinunterzutragen. „Aber er hat Geburtstag“, antwortet das Prinzchen keuchend und schleppt weiter. Anfänglich war es dem Zoowärter ein wenig peinlich, dabei zuzuschauen, wie sein kleiner Bruder sich für ihn abrackerte, doch inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Nicht freiwillig allerdings. Das Prinzchen musste mehrmals ziemlich heftig werden, weil das zukünftige Geburtstagskind sich nicht widerstandslos bedienen lassen wollte.

So langsam scheint es dem Zoowärter allerdings nichts mehr auszumachen, sich nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen. Warum auch? Er hat doch Geburtstag. In einer Woche. 

tè

tè; prettyvenditti.jetzt

Das finde ich jetzt irgendwie nicht witzig

Natürlich fand ich es sonderbar, dass sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter das gleiche Lego-Paket zu Weihnachten wünschen. „Ist doch total langweilig“, sagte ich, „wenn jeder etwas anderes hat, könnt ihr doch viel spannendere Dinge spielen.“ Als keiner der beiden einlenken wollte, erinnerte ich den Zoowärter an seinen Geburtstag im Januar. „Falls du es bis dann immer noch unbedingt haben willst, kannst du es dir ja dann wünschen.“ Beide Jungs blieben hart und weil ich nicht hart bleiben kann, wenn zwei Jungs mich mit samtweichen Augen ansehen, bestellte ich schliesslich zweimal die gleiche Lego-Packung. Ich bezahlte sie auch sogleich artig und bekam kurz darauf die Bestätigung, meine Bestellung sei angekommen, die Bezahlung ebenfalls, das Paket mit den zwei identischen Geschenken befinde sich auf dem Weg zu mir. Ein paar Tage später war es dann tatsächlich da, der Lieferschein bestätigte mir erneut, dass meine beiden Söhne unter dem Tannenbaum vollkommen identische Geschenke vorfinden würden.

Ach, wäre ich doch misstrauisch gewesen und hätte sogleich überprüft, ob sich das, was man mir mehrmals schriftlich bestätigt hatte, auch wirklich im Paket befand. Ich war nicht misstrauisch, sondern gutgläubig, denn ich gehe immer noch davon aus, dass jemand, der vollkommen korrekte Bestätigungsmails und Lieferscheine schreibt, auch in der Lage ist, den Inhalt einer Schachtel zu überprüfen, bevor er sie zuklebt und versendet. Als mich heute Abend „Meiner“, der die Geschenke einpacken wollte, mit grossem Erstaunen fragte: „Hast du unseren Kindern Harry Potter-BluRays zu Weihnachten bestellt?“, glaubte ich deshalb erst einmal, er erlaube sich mal wieder einen seiner grenzwertigen Scherze. „Ich bin nicht in Stimmung für blöde Witze“, gab ich deshalb zurück, aber es war kein blöder Witz, da waren tatsächlich zwei Harry Potter-BluRays, aber nur eine der heiss begehrten Lego-Schachteln. Diese Schachteln, die dieses Jahr nicht nur von meinen Söhnen heiss begehrt sind, sondern von ziemlich jedem Jungen zwischen sieben und elf Jahren, was bedeutet, dass ich am 24. Dezember nicht ganz gemütlich die abendliche Feier vorbereite, sondern in überheizten Geschäften  – vermutlich erfolglos – nach der Lego-Packung suche. 

Und ich habe heute doch tatsächlich zu „Meinem“ gesagt, wir seien noch nie so gut vorbereitet gewesen…

pugno colorato

pugno colorato; prettyvenditti.jetzt

Kommunikationswege

Die eine Schwester ist WhatsApp. Ein wenig Facebook auch, aber nicht zu viel. 

Die andere Schwester ist auch WhatsApp, hat sich aber noch nicht ganz vom SMS verabschiedet. Facebook ist sie übrigens auch, aber eher so die „Gefällt mir“-Userin. Dafür ist ihr Mann so ziemlich Facebook. 

Die dritte Schwester ist weder noch, notfalls erreicht man sie per Telefon oder Handy, aber nur, wenn man ihre Nummer kennt. Sonst halt die Hoffnung, dass man sich zufällig mal in der Migros über den Weg läuft.

„Meiner“ ist vor allem Facebook, aber auch Twitter, Blog, ein bisschen Instagram, ziemlich viel Mail und falls man Glück hat auch mal SMS, wenn er dran denkt, das Handy mitzunehmen. WhatsApp aber nicht, dazu taugt sein vorsintflutliches Handy nicht.

Karlsson ist Facebook. WhatsApp vermutlich auch, aber nicht mit mir. Instagram auch.

Luise wäre WhatsApp, wenn sie denn nicht aus hier ungenannten Gründen das Handy hätte abgeben müssen.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat wäre gern Mail, aber er musste – aus ebenfalls hier ungenannten Gründen – den iPod abgeben.

Meine Mutter ist „Begegnung im Treppenhaus“; falls man gerade einen Käfer hat, den man nicht weitergeben möchte, auch Telefon. (Bei diesen Gelegenheiten besprechen wir dann, was zu tun ist, wenn ihr iPad mal wieder aus dem Internet ausgestiegen ist und sie kein youtube mehr schauen kann.) 

Ein Bruder ist Facebook, aber nie drin und wäre wohl eher der Handy-Benutzer, wenn ich denn seine Nummer hätte. Der andere ist WhatsApp, der Dritte ist hmmmm, was eigentlich? Keine Ahnung, aber seine Kinder sind WhatsApp und müssen ihm halt hin und wieder Nachrichten weitergeben. 

Der Vater ist Facebook und Telefon, seine Frau ist eher so der SMS-Typ. 

Die zahlreichen Neffen und Nichten sind vorwiegend WhatsApp, einige auch Facebook, ein paar noch zu jung, um irgend etwas zu sein. 

Ich bin Blog, Facebook und Mail, theoretisch auch SMS und WhatsApp, aber wo um Himmels Willen ist schon wieder mein Handy?

Eigentlich erstaunlich, dass wir es doch immer irgendwie hinkriegen, uns an Weihnachten zu sehen.

sono morto

sono morto; prettyvenditti.jetzt

Sitzungsvorfreude

Kein entrüstetes Augenrollen und „Du bist ja soooooo unfair“-Gebrüll, kaum öffnest du deinen Mund.

Niemand neben dir, der sich mit seinem Tischnachbarn um das letzte Stück Brot zankt und am Ende im Zorn einen Löffel durch die Gegend wirft. 

Keiner, der stur vor sich hinstarrt und die Lippen zusammenkneift, wenn du ihn etwas fragst. 

Keine, die auf den Tisch klettert, um vorzuführen, wie man – was eigentlich macht? Fällt mir gerade auf, dass ich noch immer nicht herausgefunden habe, warum sie dort oben war, umringt von ihren staunenden Brüdern.

Keine Diskussionen wie die hier: „Papier ist Holz.“ „Nein, ist es nicht. Papier ist Papier.“ „Aber es ist aus Holz gemacht, also ist es Holz.“ „Nein, ist es nicht. Sieh doch, es ist weiss. Das kann kein Holz sein.“ „Es ist aber Holz weil es aus Holz gemacht ist.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch und wenn du mir nicht endlich glaubst, werfe ich dir diesen Schuh an den Kopf.“

Niemand, der mit den Fingern in der brennenden Kerze herumstochert und Mitleid einfordert, wenn es den Fingern zu heiss geworden ist. 

Keiner, der dich so sehr zur Weissglut treibt, dass du dich nicht mal mehr für dein Herumbrüllen schämst. Wie, um alles in der Welt, hättest du nach dem hunderttausendsten „Nein!!!!!“ noch ruhig bleiben sollen?

Niemand der herzzerreissend schluchzt, wenn du fragst: „Hast du deine Zähne geputzt?“

Kein Gerenne um den Esstisch. Kein Gezappel. Kein Gebrüll. Kein Petzen. Kein Gejammer über verpatzte Prüfungen. 

Einfach nur zivilisierte Konversation mit Menschen, die denken, ehe sie antworten und das einen ganzen Freitag lang. 

Noch selten habe ich mich so sehr auf eine ganztägige Sitzung gefreut, wie in dieser vollkommen irren Vorweihnachtszeit, in der ich mich immer öfter frage, ob ich mich denn ins Affenhaus im Zoo verirrt habe. 

Wachsendes Selbstbewusstsein

Motivationsrede an Karlsson, ab einem Alter von fünf Jahren bis kurz vor dem Übertritt an die Oberstufe fast wöchentlich auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Du kannst das, glaub mir. In dir drin steckt so viel, dir fehlt nur der Mut, es zu zeigen. Nur weil die anderen lauthals prahlen, heisst das noch lange nicht, dass sie es auch wirklich besser können als du. Du bist ein feiner Kerl mit viel Fantasie, Humor und spannenden Interessen. Und dass du etwas im Kopf hast, beweisen dien Zeugnisse immer wieder aufs Neue.“

Motivationsrede an Luise, ab einem Alter von fünf Jahren bis Mitte fünfte Klasse regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Im Elterngespräch hiess es, du dürftest dich in der Klasse ruhig etwas deutlicher bemerkbar machen. Warum so schüchtern? Zu Hause fehlt es dir doch auch nicht am Mut, zu sagen, was du denkst. Du brauchst dich nicht zu verstecken. Du hast Power und bist nicht nur drauf aus, hübsch auszusehen. Zeig, was du kannst! Wir stehen hinter dir.“

Motivationsrede an den FeuerwehrRitterRömerPiraten, ab Kindergarten bis heute regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Trau dich, laut und deutlich zu sagen, was du weisst. Du bist so belesen, hast so viele interessante Dinge in deinem Gedächtnis gespeichert. Du brauchst keine Angst zu haben, dich einzubringen. Und wenn dir einer frech kommt, stell dich ihm entgegen, so wie du dich deinem Gegner im Fechten entgegenstellst. Was auch immer geschieht, wir sind für dich da.“

Rede an den Zoowärter, immer mal wieder vorgebracht, seitdem er in der Schule ist:

„So toll, dass du so viele Freunde hast und dass ihr in der Pause so viel Spass habt miteinander. Ein wunderbares Gefühl, andere zum Lachen bringen zu können, nicht wahr? Aber du gehst nicht nur zum Spass zur Schule, du solltest auch dran denken, die Hausaufgaben mit nach Hause zu bringen. Ich will nicht andauernd Mails von der Lehrerin bekommen.“

„Nun komm mal auf den Boden“-Rede an das Prinzchen, einmal vorgebracht, seitdem er im zweiten Kindergartenjahr ist:

„Okay, du sagst, ihr habt im Landhockey nur wegen dir gewonnen? Wenn du 2 von 19 Toren geschossen hast, ist das natürlich toll, aber die anderen haben auch zum Sieg beigetragen. In einer Mannschaft braucht es mehr als einen, der gut spielt, damit man siegen kann. Ach ja, und dann noch zu deiner Bemerkung, nur der liebe Gott habe mehr Haare als du…“

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Ach, Höflichkeit, wo bist du bloss geblieben?

Keineswegs möchte ich behaupten, früher sei alles besser gewesen und eigentlich finde ich es ganz angenehm, dass man heutzutage im Alltag fast ganz ohne gekünstelte Höflichkeit auskommt. In gewissen Momenten wünschte ich mir trotzdem, man müsste sich im Gespräch mit flüchtigen Bekanntschaften an gewisse Anstandsregeln halten. Zum Beispiel neulich, als ich beim Einkauf eine Bekannte meiner Schwester traf…

Sie: „Hast du abgenommen?“ (Alleine schon diese Frage gehört meiner Meinung nach verboten. Was, wenn ich nicht mit Absicht abgenommen hätte, sondern weil ich an einer schlimmen Krankheit litte?)

Ich: „Na ja, ein bisschen wohl schon, aber ist gar nicht so einfach…“ (Warum lasse ich mich von solchen Fragen immer in die Ecke drängen?)

Sie: „Warst du schon immer eher etwas…“ (Glaub bloss nicht, ich würde dich ausreden lassen. Ich lasse mir kein Adjektiv anheften, das in den kommenden Wochen und Monaten über meinem Spiegelbild aufblinkt.)

Ich: „Spindeldürr war ich nie, aber ich habe eigentlich immer problemlos abgenommen, wenn es nötig war. Erst nach der letzten Geburt…“ (Himmel, Frau Venditti, fühlst du dich noch immer verpflichtet, solche Fragen zu beantworten?)

Sie: „Aber deine Schwestern sind alle schlank…“ (Mal wieder die uralte Schallplatte. Bekam ich schon als Teenager immer zu hören, damals einfach mit dem Adjektiv „hübscher“.)

Ich: „Tja, so ist das halt… ( Was hätte ich denn sonst sagen sollen?)

Sie: „Aber dein Mann liebt dich ja sicher auch so, wie du bist.“ (Jetzt bin ich aber echt baff. So offen hat mir noch keine gesagt, dass auch ich bestimmt ein paar liebenswerte Seiten habe, obschon ich offenbar hässlich bin wie die Nacht.)

Ich: „…“ (Tut mir Leid, aber dazu fällt mir jetzt wirklich nichts mehr ein. Eigentlich habe ich mich längst damit abgefunden, nicht dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen, aber das ist jetzt doch ein bisschen viel.)

Versteht ihr, weshalb ich mich nach dieser Begegnung einen Moment lang in ein Zeitalter gewünscht habe, in dem die allgemeine Höflichkeit ein solches Gespräch verboten hätte?

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Dialog im Treppenhaus oder wie man seinem Bruder sagt, dass man ihn liebt

Das Prinzchen und der Zoowärter kollidieren im Treppenhaus miteinander.

Zoowärter: „Au, pass doch auf!“

Prinzchen: „Hab‘ ja aufgepasst, aber du bist im Weg.“

Zoowärter: „Du hast gesagt, du hast mich gern, aber das stimmt gar nicht.“

Prinzchen: „Doch, ich hab‘ dich gern.“

Zoowärter: „Du bist ein kleiner Trotzkopf und hast mich überhaupt nicht gern.“

Prinzchen (rasend vor Wut und laut brüllend): „Doch, hab‘ ich! Ich hab‘ dich gern!“

Wie das Gespräch geendet hat, entzieht sich meiner Kenntnis, ich meine aber, aus dem oberen Stock eindeutige Kampfgeräusche gehört zu haben. Der Zoowärter wird es wohl nicht so bald wieder wagen, Prinzchens Liebe in Frage zu stellen.

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Die Instagram-Krise

Keine Frage, unsere Teenager befinden sich derzeit auf Konfrontationskurs. Kaum hat sich die Zahnfee-Krise gelegt, ist heute die Instagram-Krise ausgebrochen. Schuld daran ist einzig und alleine Luises Fleiss, der sich in letzter Zeit ganz gewaltig entwickelt hat. Das Kind hat sich ein Ziel gesetzt und um dieses Ziel zu erreichen, muss sie sich hinter die Bücher machen. Das haben nicht wir ihr gesagt, das hat sie selbst begriffen und darum lernt sie mit einem Eifer, den sie gewöhnlich nur für neue Schuhe, neugeborene Tiere, die Jungschar oder Familienfeste aufbringt. (Himmel, wie schafft sie das nur, sich im zarten Alter von elf Jahren nicht nur Ziele zu setzen, sondern diese auch zu verfolgen? Ich musste erst mal fünfzehn werden, einen anständigen Mathelehrer bekommen und mich von einigen schlechten Einflüssen distanzieren, ehe ich in der Lage war, mir zum Ziel zu setzen, wenigstens in Deutsch, Geschichte, Englisch und Französisch ganz vorne mitzumischen.)

Nun also, wo sie so fleissig war und sich die ersten Früchte ihrer Arbeit zeigten, war für Luise die Zeit gekommen, sich eine Belohnung zu gönnen und diese Belohnung sollte auf den klingenden Namen Instagram hören. Die hat sie sich dann auch sogleich ohne Rücksprache mit uns heruntergeladen und in Betrieb genommen. Nun gut, Luise behauptet natürlich, ich hätte die Erlaubnis erteilt. Offenbar verstand sie mein „Lass uns mal in Ruhe darüber sprechen“, das ich zwischen Tür und Angel aussprach, als „Aber natürlich darfst du dir Instagram herunterladen. Und wo du schon dabei bist, könntest du dir doch auch noch ein Facebook-Profil einrichten.“ Mit glänzenden Augen teilte sie mir heute mit, sie hätte bereits drei Freunde auf Instagram und werde jetzt dann gleich noch den Papa anfragen. Ob ich wisse, wie der auf Instagram heisst. 

Ich war nicht gerade erfreut ob dieser Nachricht, war aber nach einigem Nachdenken gewillt, Luise diese Belohnung zu gönnen. Immerhin wird sie in ein paar Monaten zwölf und da sie sich der Gefahren von Social Media nicht nur bewusst ist, sondern diese auch sehr ernst nimmt und mir freiwillig alles Unangenehme, das ihr bei WhatsApp begegnet, haarklein schildert, glaubte ich, ihr Instagram zutrauen zu können. „Meiner“ sah das ähnlich und Luise durfte ihre weiteren Schritte auf Instagram mit elterlicher Genehmigung machen. Zu dumm, dass Luise schon bald einmal ihrem grossen Bruder in die virtuellen Arme lief  – war vielleicht nicht besonders schlau von ihr, sein Bild zu liken – und dieser war alles andere als erfreut über die Begegnung mit seiner Schwester. 

Das Gewitter der Entrüstung entlud sich natürlich über mir. Nie habe ich ihm etwas erlaubt, immer musste er warten, bis ich endlich mein Einverständnis gab. Luise muss nicht mal fragen, er aber musste mich auf den Knien anflehen. Dann macht er ab jetzt eben auch einfach, was er will und nein, er wird mir nie verzeihen, egal, wie sehr ich mich darum bemühe, die Sache wieder ins Lot zu bringen, etc. Wer mit einem Teenager unter einem Dach lebt oder nicht vergessen hat, wie er selber mal war, kennt die Leier. Und diese Leier hat durchaus ihre Berechtigung. Stelle ich mich auf Karlssons Position, kann ich nämlich die Ungerechtigkeit, die ihn zur Weissglut treibt, durchaus erkennen.

Was also tun? Eigentlich haben „Meiner“ und ich mal klipp und klar gesagt, Social Media gäbe es erst ab dem Alter, ab dem der jeweilige Dienst freigegeben ist und Luise hat diesen Entscheid untergraben. Andererseits gab es für Karlsson, als er in Luises Alter war, ein eigens für ihn ausgedachtes Mathe-Lern-Belohnungssystem, das Luise weder will noch braucht, weil sie sich selber motiviert. Ein Entgegenkommen in Sachen Instagram wäre also durchaus vertretbar…

Uns stehen wohl noch ein paar harte Krisengespräche bevor, ehe wir zu einem für beide Seiten fairen Entscheid gelangt sind. Immerhin aber haben die ersten Gespräche am runden Tisch bewirkt, dass die Zwei sich nicht mehr gegenseitig anknurren, wenn sie einander im Flur begegnen.

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Die Zahnfee-Krise

Gestern Abend, kurz vor zehn Uhr, Luise kommt zu mir in die Küche: „Mama, der Zoowärter hat einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt, damit die Zahnfee ihn holen kommt. Du musst ihm unbedingt ein kleines Geschenk unters Kissen legen.“

Ich: „Warum soll ich jetzt plötzlich die Zahnfee spielen? Das habe ich bei euch doch auch nie gemacht.“

Luise: „Wenn du wüsstest, wie sehr ich immer gehofft habe, die Zahnfee würde kommen…“

Ich: „Du armes Kind! Warum hast du mir nichts davon gesagt? Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass du an die Zahnfee glaubst. Woher auch? Ich habe euch diesen Bären ja nicht aufgebunden. Es tut mir ganz schrecklich leid…“

Luise (unterbricht mich): „Ist schon okay, Mama. Aber der Zoowärter muss unbedingt etwas bekommen. Er wünscht es sich doch so sehr. Stell dir vor, wie traurig er sein wird, wenn morgen der Zahn noch immer unter dem Kissen liegt.“ (Irre ich mich, oder schwingt in Luises Stimme ein Hauch von bitterer Erfahrung mit?)

Ich: „Na gut, dann leg ihm eben dieses Fläschchen Fruchtnektar unters Kopfkissen.“

Heute Morgen am Frühstückstisch. Der Zoowärter streckt mir freudestrahlend den Fruchtnektar entgegen: „Sie mal, Mama, die Zahnfee war bei mir!“

Karlsson: „Die Zahnfee war hier? Zu mir ist die nicht ein einziges Mal gekommen und dabei habe ich mir das immer so sehr gewünscht.“

Ich: „Aber Karlsson, warum hast du mir das denn nie gesagt?“

Karlsson: „Abend für Abend habe ich meine ausgefallenen Zähne unter mein Kopfkissen gelegt und Morgen für Morgen war ich enttäuscht, weil kein Geschenk unter dem Kopfkissen lag…“

Zoowärter: „Aber zu mir ist sie gekommen!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Zu mir ist sie nur ein einziges Mal gekommen. Sie hat mir Smarties gebracht.“

Karlsson: „Und zu mir nicht ein einziges Mal. Bei den Kleinen macht man plötzlich Dinge, an die bei mir keiner gedacht hat.“

Ich: „Ich hätte überhaupt nichts gemacht, wenn Luise mich nicht bestürmt hätte.“

Karlsson: „Es ist trotzdem unfair.“

Ich: „Natürlich ist es das und es tut mir auch ganz schrecklich leid, aber ich wusste doch gar nicht, dass du an die Zahnfee glaubst. Glaub mir, hätte ich gewusst, wie sehr du dir das wünschst, ich hätte dir sofort etwas unters Kopfkissen gelegt. Es tut mir wirklich von Herzen leid. Aber ich habe euch doch immerhin sonst mal die eine oder andere Überraschung geboten…“

Karlsson: „Ja schon, aber die Zahnfee ist halt trotzdem nie gekommen…“

Irgendwann verlief das Gespräch im Sande und ich blieb alleine mit meinem schlechten Gewissen in der Küche zurück. Kein Zweifel, in Sachen Zahnfee habe ich komplett versagt, weil es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre, diesen mir vollkommen fremden Brauch zu pflegen. Und das Dümmste an der Sache ist: Ich kann es nicht wieder gut machen, indem ich bei den Kleinen nachhole, was ich bei den Grossen verpasst habe, ohne die Grossen vor den Kopf zu stossen. Die Zahnfee weiterhin ignorieren geht wohl auch nicht mehr, denn nach der heutigen Krise weiss auch das Prinzchen, was Kinder zu erwarten haben, wenn sie ihre Milchzähne verlieren. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf diesem Gebiet weitere Fehler zu begehen.

Blöde Zahnfee.

Und zu mir ist sie auch nie gekommen. Nicht ein einziges Mal. 

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