Kommt er, geht er oder bleibt er?

Dieser elende Käfer soll sich doch endlich mal entscheiden, ob er kommen, gehen oder bleiben will. Mal liegen unsere Knöpfe bleich und abgekämpft da und sehen aus, als würden sie in den nächsten fünf Tagen nicht mehr aus dem Bett kommen und zwei Stunden später hüpfen sie wieder alle putzmunter durch die Gegend und schlagen sich die Bäuche voll. Also schickst du sie zur Schule, weil sie ja gesund sind und tatsächlich sieht es auch eine Weile lang danach aus, als hättest du den richtigen Entscheid gefällt. Aber nach der grossen Pause bekommst du plötzlich einen Anruf der Lehrerin, weil sie dein Kind nach Hause schicken will, da ihm so elend ist. Du schämst dich in Grund und Boden, dass du dein armes, krankes Kind am Morgen aus dem Haus geschickt hast, nimmst es mit einer warmen Decke und einer Tasse Tee in Empfang. Und dann, zwei Stunden später fragst du dich, weshalb du dich von der Lehrerin hast weichklopfen lassen, denn dein Kind tanzt dir frisch und fröhlich auf den Nerven rum, weil es sich ganz plötzlich doch wieder fit und sehr gelangweilt fühlt.

So langsam aber sicher treibt mich dieser Käfer, der momentan sein Unwesen treibt, in den Wahnsinn und ich bin versucht, ihm zu sagen, was unser Vater jeweils zu sagen pflegte, wenn wir zwischen Tür und Angel stehen blieben: „Komm rein, oder geh raus, aber mach dabei die Tür zu!“

Kaufrausch

Samstagvormittag ist für „Meinen“ und die Kinder Brockenstubenzeit. Wann immer sie es sich einrichten können, ziehen sie los, um eine Brockenstube nach der anderen abzuklappern. Bevor ich nun weiter erzähle, muss ich noch kurz erklären, was eine Brockenstube ist. Denn unser ehemaliges Au Pair, das ja bekanntlich aus Deutschland stammt, hat uns gesagt, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Also, eine Brockenstube ist ein Ort, an dem alles verkauft wird, was die Leute nicht mehr brauchen und dennoch nicht wegwerfen wollen: Alte Möbel, Kleider, Bücher, Schallplatten, Spielsachen, Küchenutensilien, Schmuck, Fahrräder, Geschirr, Blumenvasen, Rasierapparate,… einfach alles, was zu schade ist, um wegzuwerfen. Dinge, die neu genug sind, damit man sie noch brauchen kann aber noch nicht alt genug, um zu den Antiquitäten gezählt zu werden. In der Brocki, wie wir das auch nennen, nehmen sie fast alles und verkaufen es dann zu Spottpreisen.

Eigentlich eine gute Sache, nur für mich aus zwei Gründen nicht der Ort meiner Träume. Erstens büsse ich als Asthmatikerin jeden Ausflug ins Reich des alten Krimskrams mit einem heftigen Anfall und zweitens bin ich das jüngste von sieben Kindern und als solches habe ich mit so viel altem Kram gespielt, dass für mich beim Shoppen die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen, fast wichtiger sind als der Gegenstand, den ich erstanden habe. Die Brocki ist also nichts für mich und deshalb bleibe ich zu Hause, wenn die anderen stöbern gehen.

Heute hatte auch der Zoowärter keine Lust, mitzugehen und so blieb ich mit ihm und dem Prinzchen – der in seinem Wahn, jedes Regal auszuräumen, nicht Brocki-tauglich ist – zu Hause. Nach einer Stunde kamen die anderen zurück, schwer beladen mit bemalten Schälchen, einem Buttergeschirr, luftigen Foulards und zwei Afrikanischen Holzspeeren.  Als der Zoowärter die Speere sah, heulte er los. So unfair, dass seine Brüder so etwas Schönes bekommen und er nicht. Als er erfuhr, dass es in der Brocki noch einen dritten Speer hat, wurde das Geheul lauter. Der Zoowärter wollte diesen Speer und zwar jetzt, sofort. Aber jetzt, sofort wollte „Meiner“ nicht noch einmal in die Brocki fahren, also musste ich in den sauren Apfel beissen. Denn in der Brocki, so muss man wissen, muss man sofort zugreifen, da man nie sicher sein kann, ob nicht ein anderer Kunde einem das begehrte Stück wegschnappt.

Also fuhren wir los, der Zoowärter, Luise und ich. Die Kinder begeistert, ich nur widerwillig. Damit wir so bald als möglich wieder aus dem staubigen Loch entfliehen könnten, schickte ich Luise los, um den dritten und letzten Speer zu holen. Währenddem ich auf sie wartete, schaute ich mich um und was erblickte ich da, inmitten des ganzen Krams? Den Tischgrill für mexikanisches Essen, den ich schon oft sehnsüchtig im Katalog angeschaut hatte, ihn aber nie gekauft hatte, weil er mir einfach zu teuer war. Ich schaute mir das Ding näher an, sah, dass es wohl noch nie gebraucht worden war und dass es für gerade mal 29 Franken zu haben war. Was sollte ich bloss tun? Mein Stolz sagte mir, dass ich unmöglich in der Brocki einkaufen könne, wo ich doch seit Jahren verkünde, dass das nichts für mich sei. Wäre es nicht schrecklich peinlich, wenn ich „Meinem“ gestehen müsste, dass ich schwach geworden war? Auf der anderen Seite war das Ding ja tatsächlich noch neu, auch wenn die versiegelte Verpackung, das Styropor, die Gebrauchsanweisung und all die unsäglichen Folien, Drähte und Schrauben, die das Zeug in der Verpackung halten sollen fehlten. So eine Gelegenheit konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Schliesslich obsiegte mein Wunsch, das Gerät zu besitzen und ich schnappte es mir.

Und dann gab es kein Halten mehr. Ich holte mir einen Einkaufswagen, der schon bald mit Gratinformen, einer handbemalten Kuchenplatte und  einer fast neuen Eismaschine für nur 9 Franken beladen war. So langsam wurden die Kinder ungeduldig, aber ich wollte „nur noch mal schnell dort hinten in der Ecke beim Geschirr nachsehen“ und dann noch dort drüben bei „diesen wunderschönen alten Spielsachen“ und dann „vielleicht noch kurz bei den Lampen aber dann gehen wir bestimmt nach Hause“. Wo ich schon mal da war, musste ich mich doch umsehen. Man wusste ja nie, ob ich nicht noch auf die eine oder andere Trouvaille stossen würde.

Nun, es blieb bei den Dingen, die im Wagen lagen, denn irgendwann machten der Zoowärter und meine Bronchien nicht mehr mit. Auf dem Heimweg überlegte ich mir krampfhaft, mit welcher Ausrede ich mich zu Hause für meinen Kaufrausch rechtfertigen sollte. Was aber gar nicht nötig war, weil „Meiner“, der bei seinem Besuch weder den Tischgrill noch die Eismaschine gesehen hatte, beinahe erblasste vor Neid, dass ausgerechnet ich mit einer solchen Ausbeute nach Hause kam.

Freizeit

Was machen wir da bloss? Da hat man mir doch für morgen und übermorgen ein absolutes Büroverbot verhängt. Zudem sind fast alle Pendenzen abgearbeitet. Zumindest diejenigen, die ich auf keinen Fall in die neue Woche mitschleppen will. Und die zwei oder drei Dinge, die unbedingt noch erledigt sein wollen – Arbeitszeugnis für unser ehemaliges Au Pair schreiben, ein paar Rechnungen bezahlen, den Lohn für die Putzfrau ausrechnen – dürften kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Im Terminkalender herrscht bis Montag gähnende Leere. Und Luise, die am Nachmittag noch keinen Schluck Wasser behalten konnte, hüpfte am Abend schon wieder quietschfidel durch die Wohnung. Also auch kein Erbrochenes, das aufgeputzt werden muss.

Beängstigend, nicht wahr? Freiräume, die gefüllt werden wollen mit Ausschlafen, Nachdenken, Familienleben, Gottesdienstbesuch und ausgiebiger Zeitungslektüre. Ob das wirklich gut kommt? Immerhin sind das geschlagene 48 Stunden ohne Gehetze, ohne das Gefühl, man hätte alles eigentlich schon gestern gemacht haben müssen. 48 Stunden in denen das Leben eine Verschnaufpause einlegen will und weit und breit kein Termin in Sicht, der es an dem Vorhaben hindern will.

Ob ich für morgen noch einen Coiffeurtermin bekomme? Ich meine, 48 Stunden lang nur tun, was einem Spass macht ist bestimmt gefährlich und da wären zwei qualvolle Stunden mit waschen, färben, föhnen und schneiden genau richtig, um zu verhindern, dass ich auf die Idee komme, die freie Zeit einfach so zu geniessen.

Sei doch nicht so eingeschnappt

Es war einmal ein Junge. Der einzige Sohn einer sehr überbehütenden Italienischen Mama, die nur das Allerbeste für ihren Sohn wollte. Als echte Italienische Mama wusste sie natürlich ganz genau, wie das Allerbeste für ihren Sohn auszusehen hatte: Kommoden, die bis obenhin vollgestopft waren mit Schlafanzügen und Unterwäsche, die noch in der Verpackung war und die auch in der Verpackung bleiben musste bis zu dem Tag, an dem der Sohn vielleicht einmal notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste. Regale, die sich bogen unter der Last von sündhaft teuren Pfannen, Kristallgläsern, Tischtüchern, Satinbettwäsche und Besteckgarnituren. Alles bereit für den Tag, an dem der einzige Sohn eine gross gewachsene, häusliche Italienerin zum Traualtar führen würde. Schubladen, die sich kaum öffnen liessen, weil darin mehr Süssigkeiten lagen, als der Junge je alleine hätte essen können. Ja, die Mama gab wirklich alles für ihr Kind.

Aber war der Sohn etwa dankbar für die Grosszügigkeit seiner Mama? Im Gegenteil. Anstatt seiner Mama freudig um den Hals zu fallen, als sie ihm zum fünfzehnten Geburtstag die Pfannen für seinen zukünftigen Haushalt schenkte, hatte er nur Spott und Hohn übrig für das sündhaft teure Geschenk. Wenn sie jeweils die zu klein gewordenen Schlafanzüge und die Unterwäsche, die noch in der Verpackung war, aussortierte, weil der medizinische Notfall nicht eingetreten war, lachte  er seine Mama aus und meinte, sie hätte das Geld besser für etwas anderes ausgegeben. Zum Eclat kam es, als der Sohn zwanzig wurde: Die Mama wollte ihm auf Biegen und Brechen eine Rado-Uhr schenken, der Sohn wollte davon nichts wissen und verlangte stattdessen eine Staffelei. Also bekam der Sohn nichts. Geschah ihm ganz recht, wo er doch einfach nicht einsehen  wollte, dass eine Italienische Mama immer Recht hat. Natürlich war die Mama zutiefst beleidigt, dass ihr Sohn nicht sehen wollte, was das Allerbeste für ihn war.

Heute, viele Jahre später, ist aus dem Jungen ein Papa geworden. Kein Papa eines Einzelkindes, Gott bewahre! So etwas wollte er seinen Kindern nie antun und deswegen zeugte er gleich deren fünf. Und weil der Sohn auch sonst nicht viel von den Werten seiner Mama hielt, zeugte er diese Kinder nicht mit einer gross gewachsenen, häuslichen Italienerin, sondern mit einer klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerin. Radikaler kann man sich wohl nicht von seiner Herkunft lossagen und man weiss nicht, ob die Mama diesen Bruch mit dem, was ihm seine Eltern mitgegeben haben, je ganz verzeihen wird.

Nun, ganz gebrochen hat er ja nicht mit seiner Herkunft, der Sohn. Eines hat er beibehalten: Er will das Beste für seine Kinder. Das Beste, das heisst bei ihm viel Liebe, miteinander reden, miteinander die Welt entdecken, Bilder für die Kinder malen, sie ermutigen  – und ihnen hin und wieder einen neuen Pyjama kaufen, wenn gerade etwas im Angebot ist. Man kann ja nie wissen, ob die Kinder nicht demnächst aus der Nachtwäsche herauswachsen werden und dann ist man doch froh, wenn man schon etwas Neues zur Hand hat.

Nun hat dieser Papa einen ältesten Sohn, der sehr stark nach seiner klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerischen Mama geraten ist. Das drückt sich in vielerlei Hinsicht aus, unter anderem auch darin, dass der Sohn keinen Laden so sehr verabscheut wie Aldi. Und ausgerechnet in diesem verabscheuungswürdigen Laden musste der Papa, der ohne es zu wollen einen Charakterzug seiner Mama geerbt hat, heute einen neuen Schlafanzug für seinen Ältesten kaufen. Immerhin hatte er genügend Feingefühl, seinem Sohn zu verschweigen, woher das schöne Stück kam und so schlüpfte der Sohn schnell in den neuen Anzug. Ebenso schnell schlüpfte er wieder raus, nachdem ihm seine Schwester verraten hatte, woher das Ding kam. „Ich trage nichts von Aldi“, verkündete der Sohn trotzig und bot seinem Papa an, er würde ihm den vollen Kaufpreis zurückerstatten, auch wenn er eigentlich sein Geld für die Sommerferien in Prag sparen wolle. Lieber weniger Taschengeld, als etwas aus einen Laden besitzen, in den man keinen Fuss setzen würde.

Und wie reagierte der Papa auf die Rebellion seines Sohnes? Na, wie wohl? Eingeschnappt natürlich. So, wie man das eben macht, wenn das Kind nicht respektieren will, dass der Papa, auch wenn er nicht mehr sonderlich Italienisch ist, dennoch hin und wieder das Gefühl hat, das Beste für sein Kind sei ein neuer Schlafanzug.

Das geht schon

Manchmal zweifelt man ja ernsthaft daran, ob man es schaffen wird, noch müder zu werden. Aber glaubt mir, man muss das nur wollen und sich dazu noch genügend anstrengen, dann schafft man das schon.

Ämtliplan

Glaubt mir, ich war von Anfang an dagegen, dass wir unseren Kindern einen Ämtliplan machen. Ein Ämtliplan, liebe deutsche Leserinnen und Leser, ist ein Plan, in dem eingetragen wird, welches Kind wann welche Hausarbeit erledigen muss. Ich weiss, viele Familien schwören auf solche Pläne. Mir aber waren sie seit jeher suspekt. Schon damals, als ich noch ein Kind war und mir nicht sicher war, ob das nun Äntliplan (Entchenplan) oder Ämtliplan heisst. Später, als ich Mutter wurde, schwand meine Skepsis nicht, denn wenn ich schon selber nicht die Disziplin aufbringen kann, mich in Haushaltsfragen an einen Plan zu halten, wie soll ich erst überwachen, ob die Kinder schön brav tun, was sie tun sollten? Jetzt aber, wo „Meiner“ sich so langsam darauf einstellt, Teilzeit-Hausmann zu werden, musste ich ihn wohl oder übel gewähren lassen, als er beschloss, dass unsere Kinder ab sofort alle zwei Tage eine neue Aufgabe übernehmen sollten: Tisch abräumen, Lavabo und WC putzen, Schuhe aufräumen, Grünabfall heruntertragen, Bilderbücher aufräumen. Versteht mich nicht falsch, auch ich will, dass unsere Kinder bei diesen Dingen mithelfen und auch an den Tagen, an denen ich der Chef im Hause bin, müssen sie mit anpacken. Nur verläuft bei mir nichts nach Plan, sondern nach Aufgaben, die eben gerade erledigt werden müssen. Deshalb wurde mir, als ich den Plan sah, ein wenig mulmig und mein Gefühl sollte mich nicht täuschen: Der erste Tag mit Ämtliplan war ein Debakel.

Zumindest aus meiner Sicht, die Kinder machten nämlich erstaunlich motiviert mit. Nur scheint es, dass sie das Ganze auf etwas eigenwillige Art und Weise interpretieren. Der Zoowärter, zum Beispiel, hat heute und morgen die Pflicht, nach jeder Mahlzeit beim Abräumen des Esstischs zu helfen. Er sei heute und morgen der Küchenchef, verkündete er voller Stolz und dann erklärte er uns auch sogleich, was er unter seinem Amt versteht: „Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise am Tisch streiten, dann sage ich ihnen, dass sie aufhören müssen. Und wenn die anderen zu laut sind, dann sage ich, dass sie ruhig sein müssen.“ Während seiner Ausführungen sass er seelenruhig am Tisch und sah dabei zu, wie „Meiner“ und ich seine Arbeit erledigten. Unsere Ermahnungen, dass zum Amt des Küchenchefs auch das Abräumen des Tisches gehöre, überhörte er geflissentlich.

Während der Zoowärter – ähnlich wie seine Mutter übrigens – lieber über Hausarbeit redet, als sie zu erledigen, stürzten sich Lusie und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit so viel Eifer in ihre neue Aufgabe, dass bald schon die Fetzen flogen. Luise, die eigentlich nur schnell mit einem feuchten Lappen das Lavabo hätte abwischen müssen, bestand darauf, dass sie auch noch das WC und sämtliche Spiegel mit Putzmittel und Haushaltpapier reinigen wolle. Gleichzeitig entdeckte der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Aufräumen der Bilderbücher, dass die Salontischchen und die Wohnzimmerfenster nicht ganz blitzblank waren, was er unmöglich so sein lassen konnte. Ich meine, immerhin hatte er eine wichtige Aufgabe zugeteilt bekommen, die er nun auch seriös erledigen wollte. Dumm war nur, dass Luise weder Putzmittel noch Haushaltpapier hergeben wollte und dass Mama, die miserable Hausfrau, keine zweite Garnitur zur Hand hatte. Und so zankten sich die zwei um die letzten Fetzen der Küchenrolle und um die Sprühflasche, die keiner von beiden aus der Hand geben wollte, wenn er sie mal geschnappt hatte. Dass diese zwei so karriereversessen sind, hätte ich wohl ohne diesen Ämtliplan nie herausgefunden, aber ich versichere euch, dass ich nach einem anstrengenden Arbeits- und Familientag, an dem ich auch noch die Kinder alleine ins Bett bringen musste, ganz gerne darauf verzichtet hätte, kurz vor acht Uhr abends diesen Charakterzug in meinem zweiten und meinem dritten Kind zu entdecken.

Nun mögt ihr ja vielleicht denken, das mit dem Ämtliplan sei doch ein durchschlagender Erfolg, denn Kinder, die mehr tun wollen, als man von ihnen verlangt, seien doch viel besser als Kinder, die sich weigern, einen Finger krumm zu machen. Und bis zu einem gewissen Grad teile ich diese Meinung ja auch. Aber mir wurde heute zum ersten Mal bewusst, dass meine Tage als halbherzige Hausfrau wohl gezählt sind. Bald wird es nämlich heissen: „Los, Mama, pack mal mit an. In diesem Haus sieht’s ja aus wie in einem Schweinestall. Und glaub bloss nicht, wir würden all die Arbeit alleine machen. Du lebst hier doch nicht im Hotel…“

Mutlos

Da habe ich doch gestern Abend all meinen Mut zusammengenommen und  habe mich um Viertel vor elf ins Bett verkrümelt, wo ich nur gerade zehn Minuten gelesen habe, bevor mir die Augen zufielen. Eine wahrlich mutige Tat, die aber gewisse Menschen in „Meiner“ Familie nicht mit einer Tapferkeitsmedaille belohnen, sondern damit, dass sie mich daran hindern, die mutige Tat auch zu Ende zu führen. Als ich nämlich meinen müden Kopf auf das Kissen legte, kam nicht der Schlaf, sondern das Prinzchen, das so gar nicht verstehen konnte, dass Mama schon so früh Feierabend machen wollte und gar keine Lust verspürte, mit ihm, der immerhin schon vier Stunden tief und fest geschlafen hatte, ein wenig Spass zu haben. Zuerst tat er ja noch dergleichen, als wolle er einfach neben mir liegen und dösen, aber bald schon wurde ihm dies zu langweilig und er versuchte, mir meine Brille aufzusetzen, das iPad mit den Füssen anzuschalten, mein Kissen zu stehlen, auf meinem Rücken „Joggeli chasch au riite?“ zu spielen und mich davon zu überzeugen, dass ich jetzt gleich das Bett verlasse, um ihm einen Kakao zu machen, wo er doch genau weiss, dass es nachts keinen Kakao gibt.

Ihr mögt mich getrost einen Feigling schimpfen, aber heute Abend lasse ich mich nicht noch einmal auf das Abenteuer „Früh schlafen gehen“ ein. Sitze ich um elf noch auf dem Sofa, wenn das Prinzchen seine Nachtrunde dreht, dann mag das Ganze ja noch als herzig durchgehen. Liege ich aber um dieselbe Zeit im Bett und suche den Schlaf, dann nervt es mich nur, dass da ein kleiner Schlafräuber ums Bett schwirrt, über meinen Rücken klettert und an meine Haaren zerrt. Weil ich aber dennoch ganz dringend mehr Schlaf brauche, habe ich beschlossen, mir eine neue Freizeitbeschäftigung zuzulegen: Es lebe der Mittagsschlaf!

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo ich die Freizeit herholen soll, um mein neues Hobby zu pflegen…

Schluchz!

Die ersten Tränen hatte Luise bereits vorgestern vergossen, doch als sie heute den ganzen Vormittag über ziemlich aufgeräumt und glücklich erschien, dachte ich, dass wir den schweren Abschied von unserem Au Pair vielleicht ohne weitere Tränen überstehen würden. Doch dann, etwa fünfzehn Minuten vor der Abfahrt, brach der Damm erneut und Luise sass schluchzend und schniefend auf des Au Pairs Schoss. Wir anderen sassen betreten daneben, hätschelten und trösteten Luise und lenkten uns damit von unserer eigenen Traurigkeit ab.

Doch dann, als das Au Pair ins Auto stieg, Luise noch herzzerreissender schluchzte und uns allen klar war, das es jetzt wirklich ernst galt, konnten auch „Meiner“ und ich nicht mehr anders, als ein paar Tränen zu verdrücken. Karlsson wartete noch, bis das rote Auto ausser Sichtweite war, dann rannte auch er schluchzend nach oben, wo er dem Au Pair einen ersten Brief schrieb. Das Schreiben beruhigte unseren Ältesten, worüber ich sehr froh war, denn inzwischen lag der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Herzschmerz auf dem Sofa. Bei jedem Versuch, ihn zu trösten, kam eine neue Welle der Traurigkeit über ihn, die natürlich auch mich mit sich riss. Einzig das Prinzchen und der Zoowärter heulten nicht, aber die werden auch erst in den kommenden Tagen verstehen, dass das Dachzimmer jetzt leer, der achte Platz am Tisch nicht mehr besetzt ist.

Ich weiss, dass ein Abschied genau so sein muss, wie er heute war: Traurig, aufwühlend, schmerzhaft. Wäre man fröhlich oder gar erleichtert, wäre dies ein schlechtes Zeichen. Die Geschichten von Gasteltern und Au Pairs, die sich zum Schluss nur noch aus dem Weg gehen und die einander keine Träne nachweinen, kennen wir alle und ich bin von Herzen dankbar, dass es bei uns nicht so war. Einen Abschied unter Tränen erlebt man nur nach einer sehr guten Zeit. Doch dieses Wissen macht die Tatsache, dass diese sehr gute Zeit jetzt zu Ende ist, nicht weniger traurig.

 

Im Dienste des Prinzen

Es fragt sich ja schon, weshalb ich mir eigentlich eine berufliche Herausforderung zulegen musste, wo doch die Aufgabe als Leibwache und Kammerzofe des Prinzchens herausfordernd genug ist. Meist fängt es schon in den frühen Morgenstunden an, wenn alle Bediensteten des jungen Herrn noch im Bett liegen, der junge Herr aber wegen einer vollen Windel nicht mehr im Bett liegen mag. Nun würde man ja erwarten, dass so ein kleiner Adliger ein Gebrüll anstimmt, um all sein Personal herbeizurufen. Aber das Prinzchen mag nicht warten, bis jemand kommt und entledigt sich der schmutzigen Windel gleich selbst, entsorgt sie brav im Windeleimer und macht sich dann auf Entdeckungstour in der Wohnung. Dass er dabei Spuren hinterlässt, kann ihm egal sein. Wozu hat man denn Diener, wenn nicht zum Beseitigen der Spuren? Irgendwann möchte das Prinzchen nicht mehr ohne seine Entourage sein und schleicht sich zum Bett seiner Eltern. Diese erwachen nicht wegen des süssen Gebrabbels aus prinzlichem Munde, sondern wegen des widerlichen Gestanks, der von dort kommt, wo eigentlich eine Windel sein sollte. Vielleicht erwachen sie auch, weil es dem Prinzchen nicht gelungen ist, sich eine Hose über den schmutzigen Hintern zu ziehen und er jetzt brüllend mit zwei Beinen in einem Hosenbein feststeckt.

Und jetzt geht es los. Während der eine sich mit dem Putzlappen in der Wohnung auf Spurensuche macht, versucht die andere, den jungen Herrn zu säubern, ohne dabei den Kinderschutz auf den Plan zu rufen. Denn Prinzchen und Wasser, das passt nicht zusammen. Nicht baden, nicht duschen, schon gar nicht Haare waschen. Wasser ist zum Trinken da. Und zum Herumspritzen am Lavabo. Aber Saubermachen ist das Letzte und das sollen alle wissen, die im Umkreis von zwei Kilometern wohnen. Meist bringt man das Kind mit Mühe und Not sauber, steckt es in saubere Kleider – so man denn etwas findet, was sich der junge Herr ohne Protest und Gezeter überziehen lässt, weil ihm Farbe und Aufdruck für einmal zusagen – und man denkt, man könne jetzt den Tag ruhig und beschaulich angehen.

Kann man aber nicht, denn Beschaulichkeit ist nicht des Prinzen Stärke. Die Beschaulichkeit gehört dem Zoowärter und ein Prinz grast nicht auf fremden Wiesen. Er weiss ja, was sich gehört. Der Prinz im Hause ist zuständig für Abenteuer, Klettertouren und Entdeckungsreisen. Und so verbringt man den Rest des Tages damit, das Kind von der Lehne des Trip Trap herunterzuholen, auf die es geklettert ist, um den Inhalt des Gewürzschranks genauer unter die Lupe zu nehmen und zu testen, wie sich scharfes Paprika und sanfte Prinzenaugen miteinander vertragen. Wenige Momente später muss die Türe bewacht werden, was leider nicht mehr geht, indem man die Türe abschliesst. Musste er vor wenigen Wochen noch mühsam einen Stuhl herbeischleppen, um das lästige Schloss zu öffnen, genügt es heute, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt und schon ist sie da, die grosse Freiheit. Nun mag man sich fragen, weshalb er denn nicht rausdarf. Immerhin stattet er meist einen Besuch bei der Grossmama ab, die einen Stock tiefer wohnt. Und gegen einen Besuch bei ihr wäre tatsächlich nichts einzuwenden, könnte man denn sicher sein, dass er auch wirklich dort ankommt. Hin und wieder schnappt sich der junge Herr nämlich auch die Gummistiefel des grossen Bruders und dann geht’s ab in den Garten, wo das noch viel zu grosse Laufrad getestet werden will. Nun gut, auch dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn denn das Prinzchen eine Hose und eine Jacke tragen würde. Und wenn man sich darauf verlassen könnte, dass das Gartentor für ihn die Grenze ist und er nicht das Territorium ausserhalb seines Reiches erkunden würde. Und dieses Territorium heisst nun mal Strasse und ist vollkommen untauglich für einen kleinen, abenteuerlustigen und unvernünftigen Prinzen.

Irgendwann stellt man sich die Frage, ob der Tag vielleicht einfacher würde, wenn das Prinzchen sich ein wenig aufs Ohr legen würde. Müde ist er ja und man selber könnte man eine Pause auch ganz gut gebrauchen. Aber ist Müdigkeit denn ein Grund, sich schlafen zu legen? Nein, denn wenn man müde ist, kann man für viel mehr Action sorgen. Dann kann man sich mit den grossen Brüdern anlegen – und herzzerreissend heulen, wenn die sich zur Wehr setzen – Orangensaft verschütten, weil man den Becher nicht mehr trifft, über die eigenen müden Beine stolpern und dergleichen. Macht doch unglaublich viel Spass, aber Mama spielt nicht mit und zwingt den jungen Herrn trotzdem ins Bett. Aber wo man schon im Bett liegt und Mama so friedlich nebendran, könnte man ihr ja gleich zeigen, wie geschickt man sich im Schlafsack über das Gitter des Betts schwingen kann. Aber diese humorlose Mama will nichts davon sehen, will nur langweilige Lieder singen und schläft am Ende selber fast ein.

Meist ergibt sich das Prinzchen dann doch noch dem Schlaf und die Bediensteten atmen auf: Ein paar Momente der Ruhe, in denen man über all die Spässe, die der junge Herr sich wieder erlaubt hat, lauthals lachen kann. Lange dauert die Ruhe nicht, denn bald schon steht er wieder da, mit zerzaustem Haar und schelmischem Blick und verkündet: „Han guet gschlafe!“ („Ich habe gut geschlafen!“) und dann geht’s weiter mit Klettern, Entdecken und Saft verschütten. Bis zum späten Abend, wenn er sich endlich zur Ruhe legt und wir Bediensteten an seinem Bett stehen und zueinander sagen: „Ist er nicht zum Fressen, dieser süsse kleine Tyrann?“

Es ist mir ernst

Wenn ich sage, dass mir so langsam der Schnauf ausgeht, sage ich dies nicht, um zur Antwort zu bekommen: „Ich würde das ja nie durchhalten. Aber du schaffst das mit Links.“

Wenn man mich fragt, wie es mir so geht und ich antworte „Nicht besonders gut“, dann meine ich das auch so. Denn wenn es mir gut ginge, würde ich sagen, dass es mir gut geht.

Wenn ich sage, dass mir die Dinge manchmal über den Kopf wachsen, dann brauche ich keine Ratschläge im Sinne von „Du müsstest eben besser delegieren…“ oder „Du hättest die Sache eben anders angehen müssen…“ Nein, dann wäre ich ganz froh, wenn ich einfach mal erzählen könnte, dass es nicht immer einfach ist, Familie, Arbeit, Schreiben und Haushalt zu jonglieren, dass das Ganze zwar unglaublich viel Freude macht, dass es aber auch ganz schön an die Substanz gehen kann. Ein wenig Verständnis würde so viel mehr bringen als ein besserwisserisches „Du müsstest eben…“ Was ich müsste, weiss ich sehr wohl, aber ob das, was ich müsste auch in die Realität umgesetzt werden kann, liegt nicht alleine in meiner Hand.

Wenn ich sage, dass ich mich schwach fühle, dann ist es schmerzhaft, wenn man mir sagt, ich sei doch eine starke Frau, ich würde das schon alles hinkriegen. Muss man denn immer stark sein, bloss weil man offenbar – völlig unbeabsichtigt übrigens – das Bild einer starken Frau abgibt?

Wenn ich verkünde, dass ich mal wieder eine Pause brauche, dann meine ich dies nicht als Aufforderung, dass ich jetzt endlich Zeit habe für all die Dinge, die man auch noch gerne mit mir besprechen möchte. Nein, dann meine ich, dass ich mich mal wieder einen Moment lang hinsetzen möchte, um in Ruhe etwas zu trinken, ein wenig zu lesen oder meinen Gedanken nachzuhängen.

Wenn ich diesen Blog mal wieder als Jammerkasten missbrauche, dann tue ich dies nicht, um Mitleid zu erregen, sondern einfach darum, weil zu meinem Leben eben nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Tiefpunkte gehören. Würde ich diese aussparen, könnte man am Ende noch auf die Idee kommen, ich sei eine jener Frauen, die so tun, als hätten sie immer alles im Griff. Und weil ich das nicht habe, will ich auch nicht so tun als ob.