Gesetzestreu

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz für Kleinkinder zu geben, das da heisst: Du darfst den ganzen Tag über quengelig und ungeduldig sein, aber pausenlos schreien, bis sich deine Eltern und das Au-Pair ernsthafte Sorgen machen, darfst du erst fünf Minuten nach Ladenschluss der örtlichen Apotheke. Oder drei Minuten nachdem in der Kinderarztpraxis keine Anrufe mehr entgegengenommen werden. Oder in der Nacht von Samstag auf Sonntag.

Ich weiss nicht, wie andere Kinder es damit halten, aber unsere legen in diesem Bereich eine Gesetzestreue an den Tag, die jeden Gesetzeshüter zum Strahlen bringen würde. So zum Beispiel heute das Prinzchen. Den ganzen Tag sabberte er sich die Kleider nass und wer ihm zu nahe kam, wurde mit einem entrüsteten „Hööö uff!“ angeraunzt. Nichts Aussergewöhnliches also, das Kind wird wohl am Zahnen sein, dachten das Au-Pair und ich. Dann aber, pünktlich zum Ladenschluss der Apotheke, fing er an zu heulen. Und „Aua! Weh!“ zu brüllen. Und sich immer wieder an den Hals zu greifen. So lange, bis wir alle, Zoowärter eingeschlossen, anfingen, uns Sorgen zu machen um ihn.

In solchen Momenten weiss man ja nie so recht, wie man reagieren soll. Rennt man zur Notfallapotheke, werfen sie einem vor, man hätte schon längst zum Arzt gehen sollen. Geht man zum Notarzt meint er nur, wegen dieser Kleinigkeit hätte man nicht kommen müssen. Begibt man sich gar ins Spital, hört das Kind, kaum liegt es nach Stunden des Wartens auf dem Behandlungstisch, mit dem Geheul auf und ist wieder quietschfidel. Nach langem Hin und Her entschlossen wir uns dazu, es mit der neuen Bahnhofapotheke im Nachbarort zu versuchen. Die hat abends bis zehn Uhr offen, also würden wir ganz bestimmt niemanden ausserhalb seiner gewohnten Arbeitszeit stören. Und sollte sich das Problem als schwerwiegender herausstellen, würde man uns dort schon befehlen, sofort zum Arzt zu gehen.

Die Bahnhofapotheke stellte sich dann fürs Erste auch als die richtige Lösung heraus. Das Prinzchen weigerte sich zwar standhaft, weiter zu brüllen, damit wir in seinen Mund hätten schauen können, aber kleine Bläschen an der Zungenspitze und im Mundwinkel liessen die Apothekerin darauf schliessen, dass da wohl schmerzstillendes Zahngel und etwas Entzündungshemmendes angebracht wären. Womit das Prinzchen ziemlich zufrieden war und bald schon friedlich einschlief.

Doch wenn ich sein erneutes Gebrüll vor ein paar Minuten richtig interpretiere, scheint er zu spüren, dass der Ladenschluss der Bahnhofapotheke naht. Mal schauen, wie lang die heutige Nacht wird…

Ätsch! Ich darf halt!

Da treffe ich doch immer wieder auf Mütter, deren Kinder schon deutlich grösser sind als meine, die mir mitleidig versichern, sie würden nicht mit mir tauschen wollen.  „Du Arme!“, sagen sie jeweils „Du musst nachts immer noch aufstehen. Du musst noch immer Windeln wechseln. Und du hast nie einen kinderfreien Vormittag.“ Es lässt sich nicht leugnen, dass mein Leben wohl etwas beschaulicher wäre, hätte ich nicht noch drei Vorschulkinder. Dafür darf ich etwas, was Mütter von grösseren Kindern nicht mehr dürfen: Ich darf jammern soviel ich will. Hat mir unser Postbote heute Morgen offiziell bestätigt.

Die armen Männer müssten immer arbeiten, bemerkte er, als er hörte, wie ich dem Prinzchen erklärte, der Papa könne jetzt nicht kommen, weil er am Arbeiten sei. Ich machte den Postboten freundlich darauf aufmerksam, dass ich ja auch nicht auf der faulen Haut liegen würde, worauf er meinte: „Stimmt, Sie arbeiten wirklich viel. Sie haben ja auch noch ganz viele kleine Kinder und darum dürfen Sie auch jammern. Aber all die Hausfrauen, deren Kinder schon gross sind, die sollen endlich mal aufhören zu jammern und sich an die Arbeit machen. Aber Sie dürfen natürlich jammern soviel Sie wollen.“

Somit verfüge ich also ab sofort über eine Lizenz zum Jammern, von der ich ausgiebig Gebrauch machen werde, wann immer mir der Sinn nach Jammern steht. Und falls ihr Mütter von grösseren Kindern findet, das sei ganz und gar unfair, dann denkt dran: Eben noch habt ihr mich wegen meiner schlaflosen Nächte, wegen der vollen Windeln und dem Mangel an Freizeit bemitleidet.

Historisch

Das war dann wohl wahrlich ein historischer Moment heute Morgen, als klar war, dass die Schweiz zum ersten Mal überhaupt mehrheitlich von Frauen regiert wird. Wenn man bedenkt, dass vor wenigen Jahren noch jede weibliche Kandidatur in grossem Jammer endete, dann müssten uns Schweizerinnen heute ja eigentlich den ganzen Tag die Freudentränen über die Wangen kullern. Was aber irgendwie nicht der Fall ist, zumindest bei mir nicht. Im Gegenteil, ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass sich Tage, an denen Geschichte geschrieben wird, nicht anders anfühlen, als gewöhnliche Tage auch. Das liegt nicht in erster Linie daran, dass die Kandidatin, die ich eigentlich gerne im Bundesrat gesehen hätte, von rechts überholt wurde. Es liegt auch nicht alleine an der Partei, die mal wieder alles versaut hat. Ich meine übrigens die Partei, die weiterhin voller Stolz verkündet, ein Drittel der Schweizer Bevölkerung stehe hinter ihr, obschon inzwischen sogar ich begriffen habe, dass dies mathematisch gar nicht aufgeht, weil gar nie alle Schweizer zur Urne gehen, wenn gewählt wird. Von den nicht stimmberechtigten „Ausländern“ mal ganz zu schweigen.

Nein, der Hauptgrund für meine Enttäuschung liegt bei mir selber. Denn wo verbrachte ich die historische Stunde? Jubelnd auf dem Bundesplatz? Oder zumindest in einer fröhlich überdrehten Frauenrunde? Mitnichten. Ich sass zu Hause auf dem Sofa, strickend. Nun mag das an sich noch nicht so schlimm sein, Bundesrätin Dreifuss war ja auch immer mal wieder strickend anzutreffen. Aber wenn Mama Venditti am Tag einer historischen Wahl zu Hause vor dem Fernseher sitzt und Hausschuhe für „Ihren“ strickt, damit er im Winter keine kalten Füsse mehr haben muss, dann sieht das ja schon fast anrüchig aus. So, als wollte ich proteststricken, um zu zeigen, wo Frau hingehört.

Neben meiner Enttäuschung macht sich zudem ein leises Gefühl von Ernüchterung breit. Da kommt in Bern eine weitere Frau an die Macht, aber zu Hause gehen die Dinge ihren gewohnten Gang: Das Pastawasser kocht über, während der Postbote klingelt, um ein Paket abzugeben, das Prinzchen heult, weil er kein weiteres Muffin haben darf, Luise stolpert über das Kabel des Laptops und der Zoowärter rast splitterfasernackt durch die Wohnung, weil er eben sein T-Shirt im Apfelsaft getränkt hat. Dass im Nebenzimmer am Fernseher gerade gezeigt wird, wie die vierte Frau für ihr Amt in der Landesregierung vereidigt wird, kümmert keinen, am allerwenigsten mich selber, denn ich muss ja dafür sorgen, dass die Sache nicht noch ganz aus dem Ruder läuft. Hätte man denn nicht mindestens erwarten dürfen, dass sämtliche Vendittis ergriffen vor dem Fernseher sitzen?

Das war er also, der historische Moment. Bleibt zu hoffen, dass er auf nationaler Ebene mehr auslöst als bei uns zu Hause.

Nachlese

– Zwei sehr grosse, sehr schwere und sehr stinkige Abfallsäcke die Treppe herunter geschleppt
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen sehr sauberen und sehr fröhlichen Zoowärter in der Spielgruppe abzuliefern
– Gejubelt, weil der Ständerat die Einsicht hatte, dass Kinderkrippen auch in den kommenden Jahren vom Staat unterstützt werden sollen. Pläne geschmiedet, wie wir so rasch als möglich das Gesuch stellen können, damit unser Familienzentrum auch davon profitiert
– Dem Au-Pair einen Crash-Kurs im Risottokochen erteilt, obschon sie dies wahrscheinlich auch ohne Crash-Kurs geschafft hätte
– Ein sehr schmutziges und sehr trauriges Prinzchen getröstet, weil es nicht mitkommen durfte, um einen nicht mehr ganz so sauberen und sehr müden Zoowärter von der Spielgruppe abzuholen
– Den Auftrag erteilt, dass wir nächste Woche eine neue Heizung bekommen weil uns ja so langweilig ist und wir ganz dringend mal wieder ein wenig Action im Haus haben müssen
– Zur Kenntnis genommen, dass sowohl Karlsson als auch Luise der Meinung sind, dass das Menü bei Nachbars heute ansprechender ist als zu Hause, weshalb sie nicht mit uns essen werden
– Ein Mittagessen lang den FeuerwehrRitterRömerPiraten und den Zoowärter davon abgehalten, einander die Köpfe einzuschlagen, weil sie einfach nicht damit klar kamen, dass wir ausnahmsweise nur zu viert am Tisch waren und deswegen die Auswahl an Streitpartnern arg eingeschränkt war
– 53 Viertklässler mit einem Vortrag zum Thema „Wie entsteht ein Buch?“und einem kurzen Werbespot für „Leone & Belladonna“ beglückt  und darüber gestaunt, wie wissbegierig diese Kinder doch sind
– Nach zwei sehr spannenden, erfrischenden Schulstunden  ein weiteres Mal gestaunt, weil man danach so ausgelaugt ist, als hätte man den Frühlings- und den Herbstputz an einem Stück erledigt
– Mich seeeeehr tief vor „Meinem“ verneigt, weil er es nicht nur schafft, seit zwölf Jahren ein engagierter Lehrer zu sein, sondern danach auch noch fast immer die Nerven hat, sich auf seine eigenen fünf Kinder einzulassen
– Vor einem riesigen Berg unerledigter Arbeit kapituliert, weil an einem unterbrochenen Bürotag einfach nichts mehr zu schaffen ist und weil das Telefon ohnehin alle drei Minuten klingelte
– Ausmalbilder ausgedruckt, weil Computer & Drucker sonst beleidigt gewesen wären, dass man sie an einem Bürotag einfach so links liegen lässt. Und natürlich auch, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat schon so lange darauf gewartet hat
– Mich auf dem Weg zu Luises Ballettstunde im Dorf, in dem ich seit elf Jahren lebe, so heillos verfahren, dass Luise beinahe zu spät gekommen wäre. Und das alles nur, weil ich so sehr in Gedanken vertieft war, dass ich die falsche Abzweigung erwischt habe
– Auf dem Heimweg von der Ballettstunde noch schnell mit Luise Käse in einer runden Schachtel gekauft, weil sie die Schachtel für den Werkunterricht braucht. Den Laden mit drei Käseschachteln verlassen, weil Luise nicht mehr wusste, wie gross sie sein muss. Wer den Münsterkäse essen wird, weiss ich nicht. Aber wir mussten ihn nehmen, weil Luise darauf bestand, dass seine Schachtel die perfekte Grösse hat.
– Den Monsterwocheneinkauf vom Lieferanten in Empfang genommen und mir angehört, wie erschöpft der Chauffeur nach einem langen Arbeitstag ist
– Auf der Treppe beinahe hingefallen, weil „Meiner“ mir mit einem Bier in der Hand entgegengerannt kam, als ich Taschen hochschleppen wollte.  Das Bier war übrigens für den übermüdeten Lieferanten, nicht für mich. Ich trinke kein Bier
– Dem Zoowärter „Is Muerters Stübeli“ gesungen
– Karlsson dazu bewegt, sich wieder einzukriegen, nachdem „Meiner“ so unverschämt gewesen war, ihn darum zu bitten, die Farbstifte im Garten zu holen
– Mich nach den Abendessen noch einmal aufgerafft, um zur Kleinguppe zu fahren
– In der Kleingruppe intensiv über meinen grossen frommen Schaden geredet und danach noch intensiver über unser aller grosse Frustration mit der Volksschule geklönt
– „Meinem“ eine gute Nacht gewünscht
– Eine Nachlese des Tages geschrieben und dabei gedacht „Wen interessiert das denn schon?“
– Den Post aus lauter Gewohnheit dennoch veröffentlicht

Tischgespräche

Wer mein gestriges Gejammer über Spielverderber-Kinder gelesen hat, könnte nur allzu leicht glauben, ich würde mit der Autorin einig gehen, die heute im Mamablog die Meinung äussert, der Familientisch sei eine ganz und gar überbewertete Sache. Sie beschreibt das mir nur zu gut bekannte Familienchaos, das jeweils herrscht, wenn sich alle zur gemeinsamen Mahlzeit hinsetzen. Sie berichtet von aussichtslosen Bemühungen, den Kindern gesundes Essen schmackhaft zu machen, von verschmierten Babys und  von Tischgesprächen, die nicht in Gang kommen wollen und kommt am Ende zum Schluss, das Konfliktpotenzial des Familientisches sei bedeutend grösser als das Harmoniepotenzial. Als entspannende Alternative empfiehlt sie ein TV-Dinner.

Nun, was soll ich dazu bloss sagen? Klar bin ich auch der Meinung, dass viele der  in den Erziehungsratgebern beschriebenen Alltagssituationen auf dem Papier deutlich harmonischer aussehen, als sie sich in der Realität dann abspielen. Klar haue auch ich immer wieder mit der Faust auf den Tisch, weil es mir einfach zu laut, zu chaotisch, zu ungemütlich wird. Klar kämpfen auch wir immer wieder dagegen an, dass die ungesunden Würstchen zwar gegessen, die nahrhafte Suppe aber links liegen gelassen wird.

Dennoch kann ich nach bald zehn Jahren Familienleben nicht ohne Genugtuung verkünden, dass sich der alltägliche Kampf um einigermassen gesittete Mahlzeiten auch gelohnt hat. Zum Beispiel, wenn Karlsson bei jedem zweiten Essen laut schmatzend verkündet, dieses Essen komme auch auf seine Liste der Lieblingsessen und Luise ihm strahlend beipflichtet. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat plötzlich einen ganzen Teller Randensalat hinunterschlingt, weil er bei seinem obligatorischen Bissen, den er jeweils probieren muss, gemerkt hat, dass das tiefrote Gemüse nicht nur schön aussieht, sondern auch wunderbar schmeckt. Wenn der Zoowärter noch einen Nachschlag Krautsiele verlangt, obschon er schon fast die ganze Schüssel alleine leer gegessen hat. Wenn der Bruder von Karlssons bestem Freund plötzlich auch bei uns zu Mittag essen will.

Nein, so wie im Erziehungsratgeber laufen auch bei uns die Mahlzeiten nicht ab. Wie könnten sie denn, wo bei uns nicht höchstens vier sondern mindestens sieben Personen am Tisch sitzen? Ausserdem streiten wir uns viel zu oft. Hin und wieder muss auch einer auf sein Zimmer gehen, weil er sich so saumässig aufgeführt hat. Und zuweilen kommt es gar vor, dass „Meiner“ und ich erst dann essen, wenn die alltägliche Schlacht geschlagen ist und wir endlich in Ruhe eine Mahlzeit geniessen können. Dennoch liebe ich unsere gemeinsamen Mahlzeiten als die Zeiten am Tag, wo wir wirklich alle an einem Haufen zusammen sitzen und uns selber sein dürfen. Dass dazu nicht nur Genuss und Harmonie, sondern auch die nicht immer tadellosen Tischmanieren, die kleinen Sticheleien und das Gemotze gehören, damit habe ich mich inzwischen abgefunden.

Kleine Spielverderber

Ausnahmsweise verzichte ich heute auf Namensnennungen. Denn die Kunst, uns einen schönen Moment zu versauen, beherrschen sie alle gleich gut, unsere lieben kleinen Vendittis und deswegen wäre es unfair, einzelne Kinder besonders zu erwähnen. Nehmen wir zum Beispiel heute Morgen: Seit Tagen schon hatten sich „Meiner“ und ich auf den heutigen Gottesdienst gefreut. Nun kann man sich natürlich darüber wundern, weshalb man sich tagelang auf einen Gottesdienst freut. Immerhin haben Predigten nicht gerade den besten Ruf. Aber zum Glück gibt es Kirchen, deren Gottesdienste Wellness für die Seele sind. Zeit, in sich zu gehen, still zu werden, zu staunen, Antworten zu suchen und neue Fragen zu finden. Einfach wunderbar. Besonders nach einer hektischen Woche, in der man kaum einmal zum Nachdenken gekommen ist.

Dumm nur, dass eines unserer Kinder sich zwar ebenso sehr auf den Kindergottesdienst freute, aber nicht begriffen hat, dass man sich auch anziehen und die Zähne putzen müsste, wenn der Vorfreude ein freudiges Erlebnis folgen soll. Kenner unserer Familie mögen erahnen, wer es hier fertig gebracht hat, mit viel Gebrüll, Herumtoben und Verweigern unsere Vorfreude zu dämpfen. So sehr, dass „Meiner“ am Ende mit dem störrischen Kind zu Hause blieb, während ich in der Kirche dennoch ein kleines bisschen Stille zu finden versuchte.

Um dem Tag doch noch eine gute Wendung zu geben, beschlossen „Meiner“ und ich, dass wir uns nach dem Mittagessen einen ausgedehnten Mittagsschlaf gönnen würden. Nach einer Woche, in der wir kaum je vor halb eins ins Bett gekommen waren, konnten wir ein wenig Zusatzschlaf gut gebrauchen. Weshalb wir schweren Herzens einen unserer Erziehungsgrundsätze brachen und die Kinder bei strahlendem Sonnenschein mit einer DVD beglückten. Was auch wieder tüchtig in die Hose ging, weil zwar alle DVD schauen wollten, ein Kind aber die Augsburger Puppenkiste ziemlich doof findet und deshalb lieber „Die Kinder aus der Krachmacherstrasse“ sehen wollte, den aber alle schon in- und auswendig kennen. Also wieder lautes Gebrüll, diesmal einfach aus einer anderen Kehle und deswegen etwas schriller. Was dazu führte, dass nicht nur des Prinzchens Mittagsschlaf drastisch gekürzt wurde, sondern auch dazu, dass der elterliche Mittagsschlaf ins Wasser fiel. Nun gut, wir haben dann in Schichten geschlafen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Und einschlafen kann man auch nicht besonders gut, wenn man sich eben noch so sehr geärgert hat.

Ein weiterer Spassverderber brachte es fertig, dass „Meiner“ und ich schliesslich resignierten und zur Wunderwaffe „Eisessen am Küchentisch“ greifen mussten, um dem Gebrüll endlich ein Ende zu setzen. Kurz vor Feierabend mussten wir dann auch noch erkennen, dass hausgemachte Kürbisgnocchi mit dem ersten Butternut-Kürbis aus eigener Ernte nur halb so gut schmecken, wenn einer am Tisch ständig quengelt.

Nach einem solchen Tag bin ich ganz froh, dass mir keiner die Vorfreude auf morgen versauen kann. Wer freut sich denn schon auf den Montag?

Was hat er denn bloss?

Heute habe ich den ganzen Tag geshoppt. Also, geworkshoppt, meine ich. Gemeinsam mit fünf anderen Frauen haben wir geplant, Papiere entworfen, unser Gehirn erstürmt, Konzepte durchgelesen und diskutiert. Wir haben uns mit Leidenschaft in die Arbeit gestürzt, wie man das beim Shoppen, ääähm beim Workshoppen eben tut. Und am Abend wusste  ich mal wieder, wie geschafft man sein kann, wenn man einen Tag lang Planungsarbeit leistet.

Nicht dass ich an gewöhnlichen Tagen nur auf der faulen Haut liegen würde.  Aber hin und wieder – etwa alle fünf Minuten, öfter war’s bestimmt nicht – habe ich mich in den vergangenen Jahren nach ein bisschen entspannender Kopfarbeit im Büro gesehnt. Nach einer endlosen Sitzung mit Erwachsenen, die sich nicht heulend auf dem Fussboden wälzen, wenn ich mal nein sage. Nach einem Arbeitstag, der erfrischt und nicht auslaugt.

Nun, nach dem Marathon von heute weiss ich wieder, dass das alles nicht ganz so entspannend ist, wie das in meiner Erinnerung geblieben war. Den Heimweg  legte ich auf dem Zahnfleisch zurück und ich freute mich darauf, zu verkünden, ich hätte ja den ganzen Samstag gearbeitet, weshalb ich keinen Finger mehr krumm machen müsste. Was aber mitnichten der Fall war, denn aus mir völlig unverständlichen Gründen war „Meiner“ auch ziemlich geschafft. Irgend etwas von „Wie hast du das bloss all die Jahre ausgehalten Vollzeithausfrau zu sein?“, brabbelte er. Und dann noch: „Ich glaube, wenn ich das gemacht hätte, hätten die Kinder jeden Tag einen DVD geschaut.“ Und schliesslich auch noch etwas von „einmal Staub gesaugt, zweimal aufgeräumt und jetzt sieht man nichts mehr davon.“

Ich weiss auch nicht so recht, was „Meiner“ an diesem Samstag so anstrengend fand. Ich meine, er hatte ja bloss drei Kinder  zu betreuen; die Grossen waren in der Jungschar. Nun ja, da waren auch noch die zwei Kinder meiner Schwester, aber das ist doch ein Klacks. Die beiden sind ja so brav.

Das war doch einfach nur ein ganz normaler Hausfrauenfrusttag, was „Meiner“ da erlebt hat. Danach hat man doch keinen Grund zum Jammern, oder?

Ach, ist ja interessant

Dass ich auf Erziehungstipps nicht immer gut zu sprechen bin, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aufgrund dieser Abneigung liegen bei mir auch erstaunlich wenige Elternzeitschriften auf den Nachttisch. Hin und wieder findet aber dennoch die eine oder andere Probeausgabe ihren Weg dorthin. Wenn „Meiner“ mal wieder das Lehrerzimmer ausgemistet hat und all die Probeexemplare, welche keiner wollte, nach Hause schleppt. In einer dieser Zeitschriften bin ich auf diese unsinnige Horoskop-Serie gestossen, in welcher die Kinder anhand ihres Sternzeichens schubladisiert ääähm, ich meine natürlich charakterisiert werden. Nun muss man wissen, dass mein Vertrauen in die Astrologie nicht grösser ist als mein Vertrauen in Erziehungsratgeber. Dennoch habe ich mir den Artikel zu Gemüte geführt, in dem das „Krebs-Kind“ beschrieben wurde. Obschon mich allein der Titel schon in Rage getrieben hat. Aber weil ausgerechnet dasjenige meiner Kinder, von dem ich das Sternzeichen weiss, im Juli geboren wurde, machte ich mich daran, herauszufinden, wie der FeuerwehrRitterRömerPirat denn nach Ansicht der Astrologin sein sollte.

Und jetzt weiss ich, dass mein Dritter vor allem über Themen redet, die „Sensibilität voraussetzen“. Nun, vielleicht kann mir da ja mal jemand weiterhelfen, aber ich weiss nicht, wie viel Sensibilität es braucht, um Tag für Tag vom Gemetzel der Gladiatoren, den Raubzügen der Wikinger und dem Unterschied zwischen gewöhnlicher Luft und Helium zu reden. Weiter erfahre ich, dass im Sternzeichen Krebs geborene Kinder besonders fähig seien, „Wünsche anderer zu erspüren und diese zu erfüllen.“ Nun hat unser FeuerwehrRitterRömerPirat zahlreiche sehr gute Eigenschaften, aber wenn es darum geht, die Wünsche anderer zu erfüllen, dann stellt er die Ohren auf Durchzug. Nicht alleine dies, er weigert sich schlichtweg, etwas zu tun, was ein anderer von ihm wünscht. Er entscheidet, wann er grosszügig ist, wem gegenüber und auf welche Art. Also nichts von schwacher „Antriebskraft und Eigeninitiative“, welche die Astrologin ihm gerne bescheinigen würde. Auch nichts von „lässt sich bei seinen Zielen mehr vom Gefühl als vom Intellekt lenken“ und schon gar nichts von „aus Rücksicht lässt es keine Aggressionen aufkommen.“

Ach, und dann haben „Meiner“ und ich etwas ganz Wichtiges übersehen, als wir unsere Familie planten: „Wegen seiner ausgeprägten emotionalen Seite eignet sich ein Krebs-Kind gut für die Rolle des Nesthäkchens“. Und wir haben unsere Kinder einfach so drauflosgezeugt, ohne zu beachten, dass ein mittleres Kind besser nicht im Juli zur Welt kommen sollte, weil es ja dann keine Möglichkeit hat, die Rolle, für die es angeblich so geeignet wäre, zu spielen.

Natürlich hat die Astrologin vorausgesehen, dass ich und viele andere Eltern ihr Kind in der Beschreibung nicht werden erkennen können, deshalb merkt sie am Ende des Textes an, diese Themen bezögen sich „lediglich auf den astrologischen Grundtenor des Sonnenstandes eines Geburtshoroskops“. Wenn wir mehr wissen wollten, müssten wir schon eine persönliche Analyse und Beratung machen lassen. Ich glaube, darauf verzichten wir. Denn meiner Meinung nach passt die Beschreibung nur deshalb nicht, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat nicht einfach irgend ein „Krebs-Kind“ ist, sondern weil der FeuerwehrRitterRömerPirat eben der FeuerwehrRitterRömerPirat ist und niemand sonst.

Mustermütter

„Als meine Kinder kleiner waren, da lief das bei uns immer so: Ich spielte den ganzen Tag mit den Kindern, verbrachte Stunden draussen in der freien Natur, ganz egal, ob es regnete, schneite oder hagelte, dann gingen wir nach Hause, kuschelten auf dem Sofa, erzählten Geschichten und dann, pünktlich um acht war Feierabend. Und mit Feierabend meine ich wirklich Feierabend. Da kam keiner aus dem Bett geschlichen, um noch etwas zu trinken oder um zu sagen, er hätte Angst, oder um nochmals schnell aufs WC zu gehen. Nein, dann herrschte absolute Ruhe bis morgens um acht.“

„Genau so läuft das bei uns auch“, pflichtet eine jüngere Mutter bei. „Meine Kinder sind zwar noch sehr klein, aber wir machen das alles genau so. So viel wie möglich draussen sein, eine vollwertige Zwischenmahlzeit, dann Geschichten erzählen, vielleicht noch ein wenig basteln, Abendessen, kuscheln und ab ins Bett. Und dann absolute Ruhe. Weil meine Kinder ganz genau wissen, dass ich absolut konsequent bin und sie nach acht nichts mehr von mir bekommen.“

Nebendran steht noch eine junge Mutter, die zwar nichts sagt, die aber immer wieder zustimmend nickt, weil sie all das, was gesagt wird, voll und ganz unterschreiben kann. Denn auch bei ihr läuft immer alles wie im Erziehungsratgeber, ja, vielleicht sogar noch besser.

Und dann bin da ich und höre zu. Aufs Mitreden verzichte ich lieber, seit Jahren schon. Zuerst, weil ich mich schämte, denn bei mir lief es nie wie im Erziehungsratgeber. Waldspaziergänge endeten meistens in einer kleineren Katastrophe, weil einer sich das Knie aufschlug, der andere nicht mehr laufen mochte. Geschichten erzählten wir zwar stundenlang, aber immer erst dann, wenn auch Papa zu Hause war, der verhindern konnte, dass die Kleinsten das Buch zerfetzten. Wenn nach Feierabend sogleich Ruhe herrschte, dann wussten wir, dass etwas nicht stimmte, denn dann waren die Kinder wohl wieder dabei, das Bett heimlich, still und leise zu demolieren (ist tatsächlich einmal vorgekommen, ich schwör’s) oder sonst irgend eine Untat auszuhecken. Weil ich damals, als ich noch jung und naiv war, glaubte, dass wir tatsächlich die einzige Familie seien, in der die Dinge hin und wieder nicht wie im Erziehungsratgeber liefen, schwieg ich lieber, als mich als inkompetente Mutter zu outen.

Dann kam eine Phase, in der ich versuchte, auf die weniger friedlichen Seiten des Familienlebens hinzuweisen, was aber bei den Mustermüttern schlecht ankam, worauf ich bald wieder schwieg. Mit Mustermüttern legt man sich besser nicht an, die können nämlich ziemlich bösartig werden, wenn man ihre heile Welt in Frage stellt.

Auch heute schwieg ich wieder einmal, als die Mustermütter von ihrem konfliktlosen, perfekten Familienleben schwärmten. Nicht aus Scham, nicht aus Angst, nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich, hätte ich den Mund geöffnet, nur einen einzigen Satz hätte sagen können: „Und jetzt noch die ungeschminkte Version, bittschön.“

Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?