Die Sache mit dem Mutterstolz

Es ist mir ja ein wenig peinlich, dies hier zu gestehen, aber ich sag’s dennoch: Auch ich bin nicht ganz gefeit gegen Mutterstolz. Ich weiss, ich habe herzlich wenig dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und man hat ja auch nie die Garantie, ob es gut weitergeht, aber ins gewissen Momenten klopft auch mein Herz schneller und ich denke „Wahnsinn, das ist mein Kind.“ Okay, ich weiss, Menschen kann man nicht besitzen und spezieller als jeder andere Mensch auf diesem Planeten sind auch meine Kinder nicht, aber von solchen Finessen lässt sich der Mutterstolz nicht abhalten, der überkommt einen einfach manchmal. Zum Beispiel, wenn der Erstgeborene nicht nur körperlich die Mama überragt, sondern auch in gewissen Fähigkeiten. Oder wenn in der einzigen Tochter schemenhaft die zielstrebige junge Frau zu erkennen ist, die sie zu werden anfängt. Oder wenn…ach was, ich höre auf, sonst glaubt ihr noch, ich wollte mit meinem Nachwuchs prahlen. 

Will ich aber nicht und dürfte ich auch nicht, wenn ich es denn wollte. Karlsson ist nämlich sehr besorgt darum, dass ich schön brav auf dem Boden bleibe. Erzähle ich meiner Schwester mit stolzgeschwellter Brust, Karlsson hätte eine sechs in Französisch – ja, meine lieben Leser aus Deutschland, besser als sechs geht bei uns nicht -, weist er mich sofort  in die Schranken: „Wen interessieren schon meine Noten? Du wirst ja richtig peinlich.“ Bekommt er mit, wie ich jemandem von diesem unglaublich tollen Kompliment erzähle, das ihm die Musiklehrerin gemacht hat, lacht er mich aus: „Redest du jetzt schon wieder davon? Dreht sich bei dir eigentlich alles nur noch um deine grossartigen Kinder?“ und sein spöttischer Ton macht unmissverständlich klar, dass er es einfach lächerlich findet, wenn ich nur schon den Anschein erwecke, ich würde meine Kinder für begabter halten als andere es sind.

Weil ich in den Augen meines grossartigen, talentierten, bildhübschen, sprachbegabten, … Erstgeborenen nicht lächerlich erscheinen will, bringe ich in solchen Momenten meinen Mutterstolz ganz schnell zum Schweigen und erzähle stattdessen von einer Begebenheit, bei der mir dieser junge Herr ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Von daher ist es dann gar nicht mehr so weit bis zur Bemerkung: „Mist! Dass ausgerechnet mein Kind auf diese saublöde Idee gekommen ist“ und schon halten sich das Grossartige und das Nervtötende wieder die Waage.

img_2274

Unter gewissen Bedingungen bin auch ich bestechlich

Ihr dürft mir glauben, meine lieben Leserinnen und Leser, dass ich fast alles auf mich nehme, um Beautifulvenditti werbefrei zu halten. Fast täglich lasse ich eine nette Dame oder einen netten Herrn wissen, ich wünschte keine von ihnen fabrizierte Inhalte, die meiner Leserschaft vorgaukeln, sie würden einen meiner Texte lesen, dabei wird ihnen bloss Werbung serviert. Immer wieder widerstehe ich der Versuchung, irgend eine Verlosung für irgend etwas, was meine Leserschaft angeblich ganz dringend haben möchte, durchzuführen. Glaubt mir, zuweilen fällt es mir schwer, nein zu sagen, denn die Anfragen sind stets in viele schmeichelhafte Komplimente verpackt und natürlich überlegt man sich auch jedes Mal, ob die Familienkasse vielleicht doch etwas davon hätte, wenn man ja sagte. Aber ich sage nein, konsequent.

Oder fast konsequent. Wenn nämlich für mich etwas herausschaut, was ich unbedingt haben will, dann lasse ich mich sogar dazu hinreissen, mich darum zu bewerben, für etwas werben zu dürfen. Diesmal haben sie mir ein Duschtuch angeboten und da konnte ich einfach nicht widerstehen. Ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, wie oft ich schon frierend aus der Dusche gestiegen bin und mich mit irgend einem löcherigen Fetzen abtrocknen musste, weil sich meine Liebsten stets die flauschigen, grossen Tücher angeln und mir das überlassen, was schon bald zum Putzlappen degradiert werden muss, weil es sonst nichts mehr taugt. Ich habe feststellen müssen, dass ich durchaus bestechlich hin, wenn da einer kommt und mir verspricht, diesem Missstand gegen ein paar Zeilen in meinem Blog Abhilfe zu schaffen. Erst recht, wenn es dazu etwas für die Haut gibt, obendrein noch öko.

Ich hoffe, ihr versteht, liebe Leserinnen und Leser, dass ich da einfach zuschlagen musste. Wenn ihr so nett seid, mir diesen einen Ausrutscher nicht übel zu nehmen, verspreche ich im Gegenzug, meine weitere Berichterstattung über Duschtuch und Bodylotion auf Beautifulvendittis Facebook-Seite zu verlegen. Und falls einige so verrückt sind, mehr Werbung lesen zu wollen, müsst ihr mich eben auf Facebook liken.

20140519-220755-79675376.jpg

Sonntagsfragen

Bei wem muss man sich eigentlich beschweren, wenn am Sonntag keine Sonntagszeitungen im Briefkasten liegen?

Wären Sonntage immer so entspannt, wenn wir keine Sonntagszeitungen hätten, oder war es heute nur deshalb so friedlich, weil zwei von fünf Kindern ausser Hause waren?

Warum hat mir als Teenager oder junge Erwachsene niemand gesagt, ich solle ein paar Obstbäume pflanzen, damit ich richtig viel ernten kann, wenn ich Kinder habe. Bis unsere Obstbäume so richtig Ertrag bringen, werden längst alle ausgeflogen sein und ich sitze da mit Bergen von Äpfeln, Aprikosen und Kirschen, die niemand essen will. 

Warum gibt es nie, aber auch wirklich gar nie einen Abstimmungssonntag, an dem ich rundum zufrieden sein kann? Ich komme mir jedes Mal vor, als hätte ich Lotto gespielt und nur eine Richtige erwischt.

Musste „Meiner“ ausgerechnet heute, wo ich mal richtig viele Köttbullar aufs Mal gemacht habe, zu viel Salz ans Hackfleisch schmeissen? Gewöhnlich prügeln sich die Kinder um die letzten paar Fleischbällchen und heute lassen sie mich mit einer halb vollen Schüssel sitzen. Nicht mal die Katzen wollen das Zeug essen.

Warum werde ich auf dem Spaziergang gefragt, ob ich nicht etwas spät dran sei mit den Holunderblüten, wenn im Wald noch kaum ein Holunder blüht?

Müssen eigentlich alle Menschen von Zecken reden, wenn sie an einem sonnigen Sonntag eine Mama mit vier kleinen Jungs im Wald antreffen?

Und dann noch eine „Gastfrage“, von Prinzchens bestem Freund, gestellt, als wir heute durch den Wald spazierten und ein Flugzeug hörten: „Hä? Gibt es hier im Wald auch Flugzeuge?“

IMG_9887

Sechs unverzichtbare Weisheiten

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich heute dazu entschieden, meinen Miteltern ein paar Weisheiten weiterzugeben:

  • Panini-Bildchen gefährden nicht nur das Familienbudget, sondern auch den Familienfrieden. Insbesondere, wenn sich die Eltern weigern, jedem der vier sammelwütigen Kinder ein volles Album zu finanzieren und stattdessen auf gemeinsames Sammeln bestehen. Gut, ich geb’s zu, eigentlich hätten wir das Sammeln gerne gänzlich verboten, aber wie um Himmels Willen soll man das schaffen, wenn die Kinder in der Bäckerei mit Gratis-Sammelalben angefixt werden?
  • Egal, wie skeptisch man dem ganzen Therapiezeugs gegenüber steht, manchmal kann ein Testresultat ganz hilfreich sein, um zu verstehen, weshalb man bei einem bestimmten Kind immer und immer wieder ins Leere läuft. Okay, das Problem ist damit nicht gelöst, aber immerhin weiss man jetzt, dass das Kind (noch) nicht anders kann. 
  • Ist dein Kind älter als zwölf, wirst du mit ihm Filme schauen, bei denen du alle paar Minuten denkst: „Darf er sich das wirklich schon ansehen? Mist, wenn ich gewusst hätte, wie die in diesem Film reden und welche Szenen er zu sehen bekommt, hätte ich ihm den Film verboten.“ Dennoch ist es wohl eine grosse Ehre, dass er kein Problem dabei sieht, sich den Film mit dir anzuschauen. Und: Besser mit dir, als mit einem Gleichaltrigen, der ihn auf die Idee bringt, das nachzuspielen, was im Film passiert.
  • Kleine Kinder sind oft krank. Grössere Kinder noch öfter. (Oder können die einfach besser krank spielen?)
  • Fragt mich bitte nicht, wie man auf die Idee kommen kann, ein so wandelbares Lebensmittel wie die Kartoffel nicht zu mögen, aber es gibt tatsächlich Kinder, die mit Erdäpfeln nichts anfangen können. Na ja, bei der in Stäbchen geschnittenen und im Öl gebadeten Version machen auch diese Kinder eine Ausnahme, aber ansonsten bleiben sie konsequent bei ihrer Abneigung. 
  • Die Aufforderung „Seid bitte leiser!“ bedeutet in Kindersprache übersetzt: „Du darfst gerne so laut weitermachen wie bisher, aber alle anderen sollen gefälligst still sein, damit man dich besser hört.“ Weil alle Kinder sich treu an diese Übersetzung halten, wird es nicht leiser im Zimmer, sondern lauter, denn um gehört zu werden, musst du lauter sein als alle anderen.

img_2170

Zur Kenntnisnahme

Früher Morgen, die Kontaktlinse will auch beim zwanzigsten Anlauf nicht in Karlssons rechtes Auge und allmählich wird der Junge nervös, weil gleich die Schule beginnt. Damit er keinen Rüffel kassiert, wenn er ein paar Minuten zu spät kommt, gebe ich ihm ein Brieflein für den Lehrer mit, als die Linse endlich im Auge ist. „Problem mit Kontaktlinse, darum zu spät, bitte entschuldigen Sie, bla bla bla…“

Naiv, wie ich bin, glaube ich, die Sache sei damit erledigt, doch ich irre mal wieder. Karlsson bringt nämlich einen Zettel nach Hause, den wir Eltern gefälligst unterzeichnen sollen. Als Zeichen, dass wir das verspätete Erscheinen unseres Sohnes zur Kenntnis genommen haben. Dieser Zettel wird in Karlssons Sündenregister abgelegt, nachdem auch die Klassenlehrerin über das Vergehen unseres Sohnes ins Bild gesetzt worden ist. 

Obwohl selber auch Lehrer, will „Meiner“ nicht einsehen, weshalb wir Eltern unterzeichnen müssen, was wir bereits begründet haben. Er will auch nicht verstehen, weshalb es einen Eintrag ins Sündenregister gibt, wenn es eine plausible – wenn auch sehr banale – Erklärung für die sieben Minuten Verspätung gibt. Weil ich die Meinung meines Herrn Gemahl teile, entschliessen wir uns, den Fackel zwar zu unterschreiben, gleichzeitig aber nachzufragen, weshalb das Entschuldigungsbrieflein, das ich in meiner schönsten Handschrift am frühen Morgen zwischen Kakaotassen, Hausaufgabenblättern und Einzelsocken verfasst habe, nichts gilt. Karlsson überbringt uns die Antwort mündlich. Irgend etwas mit „Wenn ich wegen dieser Verspätung einen Zeugniseintrag bekäme, würde der Zettel gelöscht, aber sonst bleibt er, weil man ja wissen muss, wie oft ich zu spät gekommen bin.“

Nun gut, es mag sein, dass Karlsson die Antwort des Lehrers nicht ganz wortgetreu übermittelt hat, eins aber steht unmissverständlich fest: Als Mittel zur Lehrerbesänftigung hat das elterliche Entschuldigungsbrieflein ausgedient.

img_2155

Was ich uns Müttern zum Muttertag wünsche

Vielleicht ist es etwas vermessen, Wünsche zu äussern, wo ich doch eigentlich ganz zufrieden sein könnte mit dem, was meine Lieben heute für mich tun. Aber es gibt dennoch ein paar Dinge, die ich mir und meinen Mitmüttern wünsche:

Ich wünsche uns, dass keine Mutter den Karren ganz alleine ziehen muss. Nein, das wünsche ich nicht nur meinen allein erziehenden Mitmüttern, sondern auch denen, die fast alle Lasten alleine tragen, obschon sie nicht alleine sind.

Ich wünsche uns Nachbarn, Politiker, Pädagogen, Kellner, Vorgesetzte, Schwiegermütter, Museumsaufseher und Buspassagiere, die uns grundsätzlich gute Absichten unterstellen und uns deshalb das Leben nicht unnötig schwer machen. Dann fällt es uns auch leichter, unsere guten Absichten in Tat umzusetzen.

Ich wünsche uns Supermärkte, die sich nicht auf Kosten unserer ohnehin schon arg strapazierten Nerven bereichern.

Ich wünsche uns, dass nie mehr darüber diskutiert wird, ob Stillen in der Öffentlichkeit anstössig ist.

Ich wünsche uns Freundinnen und Freunde, die in einer ganz anderen Lebenslage stecken als wir, damit wir es nicht verlernen, über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Ich wünsche uns Selbstbewusstsein, damit wir die Mütter sein können, die unsere Kinder brauchen und nicht die Mütter, die irgend jemand anders als gute Mütter bezeichnet.

Ich wünsche uns, dass Mütter ihre Kinder nicht mehr schützen müssen vor Menschen, die vergessen haben, dass ein Kind nicht angetastet werden darf.

Ich wünsche uns, dass man von uns nicht automatisch erwartet, wir könnten und wollten basteln.

Ich wünsche uns die Fähigkeit, uns im Jetzt an unseren Kindern zu freuen und nicht erst im Rückblick, wenn sie unserer Obhut entwachsen sind. Das muss nicht jeden Tag übersprudelnde Begeisterung sein, immer mal wieder ein kleines Lächeln wäre schon ganz gut, auch an den Tagen, an denen nichts so ist, wie man es uns in der Werbung versprochen hat und wir uns wünschten, es gäbe ein Umtauschrecht.

Ich wünsche uns spannendere Gespräche unter Müttern. Ich meine, wollt ihr wirklich wissen, ob die andere lieber Pampers oder Huggies hat?

Ich wünsche uns, dass wir aufhören, einander zu sagen, wie man es „richtig“ macht.

Ich wünsche uns, dass wir nicht so tun, als wären wir bessere Menschen, weil wir Kinder geboren haben. Ich wünsche uns aber auch, dass wir nicht so tun, als seien wir schlechtere Menschen, weil wir es wegen der Kinder „nicht so weit gebracht haben“ wie andere.

Ich wünsche uns, dass wir nicht immer so ein elendes Affentheater machen müssen um jeden kleinen Mist.

Ich wünsche uns, dass unsere Kinder uns heute nicht nur sagen müssen, sie hätten uns lieb, sondern dass sie dies auch sagen wollen.

20140511-142447.jpg

Prinzchen-Logik

Der Kindergarten beginnt um Viertel nach acht, der Fussweg dorthin dauert gut fünf Minuten. Damit er genügend Zeit hat, um im neuen Tag anzukommen und sich einzurichten, wecken wir das Prinzchen etwa um sieben Uhr, manchmal auch erst um Viertel nach. Die Zeit sollte also reichen, um alles zu tun, was getan werden muss, damit ein Fünfjähriger aus dem Haus gehen kann. Auch dann, wenn man den Tag so gemächlich angehen lässt wie das Prinzchen. Prinzchens Morgenroutine sieht nämlich etwa so aus:

  • Erst einmal werden die Augenlider auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet. Nur wenn er ganz sicher ist, dass sie sich einwandfrei öffnen und schliessen lassen, behält unser Jüngster die Augen offen. 
  • Nach der Augenlidkontrolle wird die Raumtemperatur gefühlt. Ist diese einigermassen erträglich, schafft es das Prinzchen durchaus, innerhalb von fünf Minuten aus dem Bett gekrochen zu kommen, natürlich nur, wenn er die Decke mitnehmen darf und seinen „Bä!“, der ihn noch immer begleitet. Ist es zu kalt im Zimmer, müssen Kleider her und zwar sofort. Und die richtige Auswahl. Und bitte schön unter die warme Decke geliefert, sonst müsste man am Ende noch einen grossen Zeh an die Luft strecken. 
  • Egal ob mit Decke oder bereits in den Kleidern, irgendwann wird es Zeit, sich an den Frühstückstisch zu begeben. Bis die richtige Sitzposition gefunden ist dauert es eine Weile, aber nur, weil diese unvernünftigen Eltern diese doofen Hocker angeschafft haben, auf denen man zusammen mit dem „Bä!“ nicht richtig sitzen kann. 
  • Natürlich dauert es auch eine Weile, bis drei oder vier Deziliter Kakao in einem Prinzchen-Magen verschwunden sind, vor allem, wenn Mama oder Papa das Zeug mal wieder zu heiss serviert haben, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist auch dieser Punkt abgehakt.
  • Alles, was nachher folgt, lässt sich nicht mehr so strukturiert nacherzählen, sondern nur noch in Stichworten andeuten: Zähne putzen; aufs WC gehen; dringend benötigte Spielsachen suchen; Kätzchen streicheln; Socken anziehen; Schuhe suchen; der Mama zeigen, wie gut man vom Spieltisch springen kann; mit dem Zoowärter spielen, oder es zumindest versuchen, was aber der Mama, dieser elenden Spielverderberin, nicht passt; über den Inhalt der Znüni-Tasche debattieren; Jacke anziehen; Mamas Ermahnungen, er solle sich bitte beeilen, geflissentlich überhören;  die Farbspuren zwischen den Augen wegwaschen (Farbspuren zwischen den Augen? Fragt lieber nicht.); noch eimal Mamas Ermahnungen überhören; das „Panini“-Album suchen und lauthals klagen, dass man sich von Luise dazu hat überreden lassen, ein gemeinsames Album zu füllen, weshalb das Eigene, das man gratis in der Bäckerei bekommen hat, noch leer ist; noch einmal aufs WC gehen; das Treppengeländer herunterrutschen; schon wieder Mamas Ermahnungen überhören; den Zoowärter anbrüllen; längst veraltete Elternbriefe abliefern…

Ein ziemlich volles Programm, ich geb’s ja zu. Dennoch beharre ich stur auf meiner Meinung, dass eine gute Stunde reichen sollte, um zumindest die wichtigsten Punkte auf der Liste abzuhaken. Zumal der Junge während der ganzen Zeit eine gestrenge Mama auf den Fersen hat, die ihn daran erinnert, welche Punkte in den frühen Morgenstunden Priorität haben und welche man getrost auf den Nachmittag verschieben kann. 

Warum also kommt unser Jüngster trotzdem regelmässig zu spät in den Kindergarten? Ist doch klar: Weil der Weg zum Kindergarten ein paar Schritte länger ist als derjenige zur Schule. Und darum soll ich ihn bitte schön mit dem Auto hinfahren.

Vergiss es, mein Lieber! 

20140509-075242.jpg

Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

img_5214

 

 

Der Elternbrief unter der Lupe

Meine verehrten Pädagogen der Fachhochschule Nordwestschweiz

Sie möchten sich gerne unsere Erst- und Zweitklässler etwas genauer anschauen, um herauszufinden, wie Sie verhaltensauffälligen Kindern besser helfen können. Natürlich tun Sie dies nur, wenn wir Eltern unser Einverständnis dazu geben und weil ich mich gewöhnlich ziemlich kooperativ verhalte, habe ich den Fackel unterschrieben. Im Gegenzug habe ich mir die Freiheit herausgenommen, Ihren Brief etwas genauer anzuschauen. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und erlaube mir, meinen Lesern zur allgemeinen Erheiterung ein wenig daraus zu zitieren. Gut, der Fairness halber hätte ich Sie vielleicht auch zuerst um Ihr Einverständnis bitten sollen, aber eigentlich sind Sie selber schuld, wenn Sie uns einen unkorrigierten Entwurf ins Haus schicken. Sie schreiben in dem Brief zum Beispiel…

„Die Lehrperson darf aber nur teilnehmen, wenn Sie, liebe Eltern, damit Einverstanden sind, dass…“ 

Ich weiss, dass sich in der Rechtschreibung einige Dinge geändert haben, seitdem ich die Schulbank gedrückt habe, aber meines Wissens gilt „einverstanden“ weiterhin als Adjektiv und Adjektive schreibt man wie? Ja, genau, die schreibt man klein!

Ein weiteres Beispiel gefällig?

„…die Lehrperson einen kurzen, anonymen Fragebogen zum verhalten des Kindes in der Klasse ausfüllt.“

Schauen wir uns doch mal das Wort „verhalten“ genauer an. Fällt Ihnen etwas auf? Jawohl, der Herr Duden kennt das Wort „verhalten“ sowohl als Adjektiv, als starkes Verb oder als Nomen. Aber was genau ist es in diesem Satz? Ein Nomen, genau. Und wie schreiben wir die Nomen? Sehr gut! Die Nomen, die schreiben wir GROSS. 

Jetzt, wo wir das geklärt haben, können wir zu einer etwas komplizierteren Sache übergehen, nämlich zur Kommasetzung. Sie schreiben:

„Nur so, können wir sagen, ob die Weiterbildung etwas bewirkt.“

Ich persönlich finde ja, der Satz gewinne durch diesen gewagten Einschub so etwas wie Pfiff, aber ich glaube nicht, dass der Herr Duden meine Meinung in diesem Punkt teilt. 

Kommen wir nun zum Thema Wiederholungen:

„Wir bitten Sie, die untenstehende Einverständniserklärung zu unterschreiben. Geben Sie bitte die Einverständniserklärung Ihrem Kind bis spätestens in einer Woche in die Schule mit. Die Teilnahme ist freiwillig, doch kann das Projekt nur gelingen, wenn möglichst alle Eltern Ihr Einverständnis zur Teilnahme an der Studie geben.“ (Die Hervorhebungen gehen auf meine Kappe.)

Eigentlich ist es ja eine beachtliche Leistung, die drei doch eher sperrigen Worte „Einverständniserklärung“, „Teilnahme“ und „Einverständnis“ in drei kurzen Sätzen in einer derartigen Häufung unterzubringen. Im Schulaufsatz hätte das trotzdem einige schöne rote Wellenlinien, wenn nicht gar eine schlechte Note gegeben. Ach ja, und dann ist Ihnen auch noch eine Höflichkeitsform reingerutscht, die da nicht hingehört, aber das haben wir im Unterricht noch nicht behandelt. Äääähm, ich meine, das fällt bestimmt niemandem auf. 

Bevor ich schliesse, hätte ich noch eine kleine Anmerkung zum Stil. Ihr Bemühen, die Sätze kurz und unkompliziert zu halten, ist grundsätzlich lobenswert. Dies zeigt, dass Sie beim Verfassen des Briefes daran gedacht haben, dass für einige Eltern Deutsch eine Fremdsprache ist. Verlieren Sie aber bitte darob nicht uns Deutschsprachigen aus den Augen. Einige von uns fühlen sich nämlich, als müssten sie einen Lesetext für die 2. Klasse durchackern, wenn sie Folgendes lesen:

„An der Pädagogischen Hochschule Solothurn haben wir den FOKUS-Ansatz entwickelt. Zu diesem Ansatz führen wir eine Studie durch. Diese Studie wird vom Bundesamt für Gesundheit finanziert.“ 

Ich hoffe doch sehr, Sie kennen sich mit verhaltensauffälligen Kindern besser aus als mit Rechtschreibung, Grammatik und Stil, sonst müsste man befürchten, das Bundesamt für Gesundheit schmeisse mit der Finanzierung Ihrer Studie einen ganzen Haufen Geld aus dem Fenster.

Na ja, ich fürchte, das tut es ohnehin. 

img_2084

 

Ich soll mal gesagt haben…

…kranke Kinder dürften bei uns immer einen Film schauen, an jedem Krankheitstag einen, wenn mehrere Kinder gleichzeitig krank seien, dürfe sich jedes einen aussuchen und das alles unabhängig von den Krankheitssymptomen. Also zum Beispiel auch bei schlimmster Migräne. 
Ach was, das habe ich nicht nur gesagt, das habe ich hoch und heilig beim Leben aller Stubenfliegen geschworen. Vermutlich gibt es auch irgendwo noch ein schriftliches Versprechen, unterschrieben mit meinem eigenen Blut. 

…bei Regenwetter gelte der gleiche Film-Automatismus wie beim Kranksein.

…die Mama von xyz sei eine blöde Kuh, ich könne sie nicht ausstehen. Und wenn ich sage, die Mama von xyz sei doch ganz in Ordnung, mit der würde ich gerne mal Kaffee trinken gehen, lachen mich alle aus. 

…als ich noch klein gewesen sei, hätte es noch keine Waschmaschinen, Geschirrspüler und Autos gegeben. Strassenlampen auch nicht, wenn ich mich recht erinnere.

…wenn einer „tschuldigung“ sage, müsse der andere „danke“ sagen. Die logische Schlussfolgerung, wenn der andere nicht umgehend „danke“ sagt: Man darf ihm eins überbraten. Mama hat’s ja erlaubt, so irgendwie.

…wir würden uns einen alten Wohnwagen kaufen und ihn als Spielhaus in den Garten stellen.

…wer älter als zehn sei, dürfe während der Schulzeit abends immer bis Viertel nach acht und während der Schulferien mehr oder weniger unbeschränkt bei uns unten bleiben und uns auf den Nerven herumtanzen. 

…an meinem Geburtstag bekomme jeder ein kleines Geschenk. Und zwei Tage später, am Geburtstag von „Meinem“, noch einmal. 

…die Franzosen seien alle doof und die Engländer alle perfekt.

…ich würde mal für den ersten August richtig viel Feuerwerk kaufen. Grosse, gefährliche Raketen, die grössten Vulkane, unzählige Knallkörper, Sonnen, bengalische Zündhölzer in rauen Mengen… einfach ein riesiges Feuerwerk. Und darum bin ich jedes Jahr eine ganz miese Verräterin, wenn ich wieder nur dieses mickrige „Wir können den Kindern den Spass ja nicht vollends verderben, also nehmen wir das günstigste Sonderangebot“-Feuerwerk kaufe. 

…ich hätte mal zu einer Frau namens Ruth „Tschüss Horror“ gesagt. 

Erkläre ich, sie hätten vielleicht falsch gehört oder falsch verstanden, weil sie damals, als ich all dies angeblich gesagt habe, noch ziemlich klein waren, dann insistieren sie, lachen mich aus und halten mir weitere Dinge vor, die ich gesagt haben soll. Als Beweis, dass ich falsch liege, fangen sie an zu erzählen: „Ich weiss noch genau, es hat ganz furchtbar geregnet an diesem Tag und uns war allen so langweilig und das Prinzchen wollte nicht aufhören zu weinen und der Zoowärter hatte sich erbrochen und Papa kam zu spät von der Arbeit nach Hause und du warst total genervt und dann hast du eben gesagt…“ Oder: „Wir waren in dieser riesigen Migros und es hatte ganz viele Leute und du hattest den Einkaufswagen übervoll geladen und der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte gerade ein Joghurt fallen gelassen. Da habe ich dich gefragt und du hast ‚Ja, vielleicht, ein andermal‘ gesagt und jetzt ist ein andermal.“

Hmmmm, wenn ich mir das so anhöre, könnte es ja wirklich gewesen sein, dass ich einzelne dieser Dinge auf eine Art und Weise gesagt habe, dass man sie auch so hätte verstehen können, wie unsere Kinder sie verstanden haben. Dann aber ganz sicher nur in der verzweifelten Hoffnung, damit das Karussell endlich zum Stillstand zu bringen und ganz bestimmt nicht als ein auf immer und ewig festgeschriebenes Familiengesetz. Und schon gar nicht im Sinne eines Versprechens, das ich jemals einzulösen gedenke.

(Also das mit den Franzosen, dem Horror, dem Geburtstag, dem Geschirrspüler und den Strassenlampen habe ich garantiert nie im Leben gesagt. Die Überforderung mag zuweilen seltsame Worte über meine Lippen gebracht haben, aber vollkommen durchgeknallt war ich nie.) 

IMG_0888