Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

calorie

calorie; prettyvenditti.jetzt

Augen zu? Geht nicht!

Okay, ich geb’s offen zu: Ich möchte jetzt am liebsten die Augen verschliessen vor dieser Realität, die sich heute einmal mehr mit aller Brutalität in unser Bewusstsein gedrängt hat. Möchte so tun, als wäre nichts passiert in der Stadt, die wir im Juni mit den Kindern zu besuchen gedenken. Möchte mich nur an meinem neuen „James“-Trolley freuen und mir einreden, es sei alles bestens und rosarot. Möchte mir vormachen, uns hier ginge das alles gar nichts an, wir lebten ja auf dieser unglaublich tollen Insel der Glücksseligen. Möchte nicht wahrhaben, dass ich im ersten Moment gedacht habe: „Mist, in was für eine Welt haben wir bloss unsere Kinder gestellt?“

Und genau dieser erste Gedanke, der mir durch den Kopf gegangen ist, zeigt mir auf, wie viel mich das alles angeht. Hätte ich nur mein eigenes, bereits zur Hälfte aufgebrauchtes Leben, dann könnte ich jetzt sagen: „Sch…, diese Welt geht doch immer mehr den Bach runter. Mal sehen, wie ich mich durchwursteln kann, ohne allzu viele Dellen und Schläge abzubekommen. Vielleicht gelingt es mir, nebenbei noch da und dort ein bisschen Liebe und Frieden zu verbreiten auf diesem elenden Misthaufen.“ Aber ich habe Kinder und darum kann mir das alles nicht egal sein.

Es ist meine Aufgabe, sie zu lehren, dass die Antwort auf Paris nicht PEGIDA lauten darf. Meine Aufgabe, zu widersprechen, wenn Hassprediger – von denen es auch bei uns immer mehr gibt – ihre vergiftete Botschaft in die Welt hinaus schreien. Meine Aufgabe, ihnen die Freiheit lieb und teuer zu machen. Meine Aufgabe, sie zum Denken, zum Hinterfragen, zum gewissenhaften Handeln anzuregen. Und als Glaubende ist es auch meine Aufgabe, ihnen den schmalen Grat zwischen tiefem, erfüllendem Glauben und starrer, rechthaberischer Religiosität aufzuzeigen

Oder, um es kurz zu sagen: Es ist meine Aufgabe, mein Menschenmögliches zu tun, sie zu Menschen zu erziehen, die anders sind als jene, die heute ein Blutbad angerichtet haben. 

(Oh ja, ich weiss sehr genau, dass es in dieser Sache keine Gelinggarantie gibt.)

Zucker, himmelblau

prettyvenditti.jetzt

Man könnte auch mal einfach mitdenken

Wir Schweizer können ja ziemlich viel mitreden, wenn es darum geht, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Eine gute Sache, finde ich, auch wenn ich mich zuweilen frage, ob uns die Tragweite gewisser Entscheide bewusst ist. Und auch wenn sich zuweilen die Pessimistin in mir zu Wort meldet, die behauptet, das alles sei nur eine Farce, in Wirklichkeit hätten wir nicht mehr mitzureden als andere auch. 

Nun, wie dem auch sei, wir reden mit und das finde ich grundsätzlich gut. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien hat dieses Mitreden allerdings Formen angenommen, die mir ziemlich auf den Geist gehen. Man redet  – oder postet -, bevor man nachgedacht hat. Neuestes Beispiel: Es kommt zu einem schrecklichen Familiendrama, es gibt Hinweise, dass die Behörde versagt hat, die Boulevardpresse schlägt die Sache breit, bringt ein paar weitere Geschichten, die schief gelaufen sind und zwei Tage später verbreitet sich auf Facebook die erste Online-Petition, die „Weg mit dieser Behörde!“ fordert. Nicht nur mit der lokalen Behörde, die wohl wirklich ziemlich daneben lag mit ihren Entscheiden, sondern gleich mit dem ganzen System, landesweit. 

Kein Nachdenken. Kein Bewusstsein, dass wir nur die Version der Presse kennen und sich erst noch zeigen muss, was wirklich war. Keine Erinnerung an schlimme Geschichten, die es auch schon gab, als noch Laien für diesen Bereich zuständig waren. Kein Gedanke daran, dass es vielleicht gar nicht in unserer Kompetenz liegt, Behörden abzuschaffen, weil noch nicht alles so läuft, wie man sich das bei der Einführung vorgestellt hatte. Einfach mal lauthals dagegen anbrüllen, weil ja irgend einer, den wir irgendwo mal getroffen haben, auch schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und weil die Partei, die lieber mit Schlagworten als mit praktikablen Lösungsansätzen politisiert, auch schreit, diese Behörde gehöre abgeschafft. Einfach mal Dampf ablassen, weil es so unglaublich gut tut, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in den sozialen Netzwerken gehört zu werden. 

Versteht mich nicht falsch, auch mir bricht fast das Herz, wenn kleine Kinder sterben müssen, weil das System versagt. Auch ich wünsche mir Verbesserungen an diesem System, das noch zu viele Fehler macht. Aber ich masse mir nicht an, zu wissen, durch welche Verbesserungen sich solche Tragödien verhindern liessen. Um das herauszufinden, müsste ich mich mit der Materie auseinandersetzen und zwar vertieft, nicht nur mithilfe einiger Zeitungsartikel. Ich müsste Experten konsultieren, mir vor Ort ein genaues Bild über die Arbeitsweise dieser Behörde machen, Vor- und Nachteile abwägen – kurz: Ich müsste mitdenken, ehe ich mitrede

Dieses Mitdenken könnte zwei Dinge zur Folge haben: a) Ich begreife, dass ich in der Sache nichts zu sagen habe oder b) Ich sehe einen Weg, wie man sich für eine Verbesserung engagieren könnte. Dann aber richtig, nicht mit irgendwelchen unbedachten „Weg mit dieser Behörde“-Forderungen. 

Guerriero; Gianluca Venditti

Guerriero; prettyvenditti.jetzt

Nicht-Vorsätze

Nicht, dass das hier jetzt Schule macht, wenn ich bitten darf, aber wenn Opa mir ein Stöckchen zuwirft, dann hebe ich das natürlich artig auf, auch wenn ich wirklich nicht so der Stöckchen-Typ bin. Aber eben, für Leute, die mich schon so lange bloggend begleiten, mache ich eine Ausnahme. Opa wollte also von mir wissen, ob ich mir Vorsätze für das neue Jahr gefasst habe.

Na ja, was soll ich sagen? So richtige Vorsätze gefasst habe ich nicht, dazu bin ich einfach nicht diszipliniert genug. Die Tatsache, dass ich mir vor ein paar Augenblicken einen Entsafter bestellt habe, könnten Aussenstehende aber durchaus so interpretieren, dass ich doch nicht ganz immun bin gegen das ganze Vorsatz-Fieber. Den Entschluss, mehr frische Säfte zu konsumieren fällt aber nur zufälligerweise mit dem Jahreswechsel zusammen. Der wahre Grund ist, dass ich die Chemiekeule losgeworden bin, die sich meinen Stoffwechsel zum Sklaven gemacht hatte, weshalb ich jetzt endlich daran denken kann, ein paar der Kilos abzuwerfen, die nach Prinzchens Auszug aus dem Uterus an mir hängen geblieben sind. Ein Vorsatz? Vielleicht, aber keiner, der mit dem Wechsel von 2014 auf 2015 zusammenhängt.

Natürlich könnte man mir auch unterstellen, ich hätte einen Vorsatz in Sachen Schule gefasst, weil ich vor ein paar Tagen „Meinem“ klipp und klar zu verstehen gegeben habe, ich sei nicht mehr länger bereit, unsere Kinder zurechtzuschnipseln, bis sie ins Schulsystem passen. Ob uns andere Wege offen stehen, ist unklar, aber noch so ein Jahr wie das Vergangene stehe ich nicht ein zweites Mal durch. Auch das hat wenig mit dem Jahreswechsel zu tun, es beschäftigt mich einfach jetzt ganz besonders, weil wir fast pausenlos dran sind, mit Luise zu büffeln und mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Schulprobleme zu wälzen.

Ach ja, da wäre noch die Sache mit dem neuen Entsorgungssystem, über das ich mir Gedanken mache. Weil „Meiner“ meine Versuche, ein möglichst konsequent grünes Leben zu führen im Bereich Recycling permanent untergräbt. Aber ob das ein Vorsatz ist? Ich glaube nicht. Immerhin rede ich „Meinem“ schon seit Jahren erfolglos ins Gewissen, darum wird es Zeit, eine härtere Gangart einzulegen.

Und sonst? Ein paar Gedanken, wie ich meinen Alltag gestalten soll, mache ich mir schon, aber das mache ich mir immer, wenn die Schulferien zu Ende gehen und ich hoffe, endlich einmal ungestört meiner Arbeit nachgehen zu können. Vorsätze würde ich das also nicht nennen. Dann schon eher Luftschlösser, die sich dann doch wieder in Nichts auflösen, wenn der Erste einen Magen-Darm-Käfer von der Schule nach Hause bringt.

Das also, lieber Opa, sind meine Nicht-Vorsätze. Und falls Vaterdasein, Schreibschaukel oder Zwergenalarm ebenfalls über ihre Vorsätze schreiben möchten, nur zu. Aber bitte nicht mir zuliebe, sondern nur, um dem Opa eine Freude zu machen. Der hat sich nämlich für das neue Jahr vorgenommen, öfters mal ein Stöckchen zu werfen und das macht ja keinen Spass, wenn sich keiner bückt, um das Ding aufzuheben. 

pane per tutti; Gianluca Venditti

pane per tutti; prettyvenditti.jetzt

Wenn…

Wenn die Leute in der Migros einander fast über den Haufen rennen, weil sie keinen tolerieren, der zwischen sie und das tolle Neujahrs-Sonderangebot, das sie gar nicht unbedingt brauchen, kommt…

Wenn Prinzchen nach einer halben Stunde einkaufen fleht, wir möchten doch jetzt endlich in die alte Stadtgärtnerei gehen, weil es dort trotz Regenwetter tausendmal schöner ist als in diesem überfüllten Einkaufstempel…

Wenn die Autos vor dem Parkhaus Schlange stehen wie die Leute auf alten Fotos aus Sowjetzeiten in der Metzgerei…

Wenn eben noch überteuerter Ramsch heute zu dem Preis angeboten wird, der wohl von Anfang an angebracht gewesen wäre…

Wenn die Ananas aus Costa Rica billiger zu haben ist als das Kilo Birnen aus der Region…

Wenn der Rentner hinter mir ungeduldig wird, weil ich noch drei Sekunden brauche, um mein Leergut fertig zu entsorgen…

Wenn ich sehe, was man alles voll und ganz problemlos auf Pump kaufen könnte…

Wenn man mich mit Werbung bombardiert, die mir sagt, wie ich unliebsame Weihnachtsgeschenke wieder loswerden kann…

Wenn der noch kaum benutzte Stabmixer schon wieder den Geist aufgibt… 

und das noch nicht alte Telefon auch…

und der fast neue Drucker auch…

und wenn ich mir vorstelle, wie der Verkäufer aus der Wäsche schauen würde, falls ich ihn fragte, ob man das Zeug reparieren könne…

dann überkommen mich grosse Zweifel an dem, was wir so voller Stolz „hohe Lebensqualität“ nennen.

litchi; Gianluca Venditti

litchi; prettyvenditti.jetzt

Alles Gute und so

Mir ist natürlich klar, was euch, liebe Leserinnen und Leser, heute von mir zusteht: Danke, dass ihr in diesem Jahr mit mir unterwegs wart, dass ihr mitgeholfen habt, die Besucherzahlen zu verdoppeln, dass ihr mitgelacht und mitgeweint habt. Dann natürlich auch noch die guten Wünsche: Nur das Beste im neuen Jahr, gute Gesundheit, viel Glück und überreichen Segen. All das habt ihr mehr als verdient und doch hätte ich beinahe vergessen, euch das zu schreiben. Nachdem ich mich nämlich am heutigen Abend mit zwei kranken Kindern, einem dezent übellaunigen Ehemann, unzureichenden Nerven und einem widerspenstigen Ikea-Möbel herumgeschlagen habe, hätte ich den Jahreswechsel beinahe verpasst.

Darum also noch ganz knapp, bevor ihr die Korken knallen lasst: Danke, dass ihr in diesem Jahr mit mir… Ach was, das habe ich oben ja alles schon geschrieben. Aber es kommt von Herzen. ❤

menu leggero; Gianluca Venditti

menu leggero; prettyvenditti.jetz

Jahresbilanz – Was ich 2014 erreicht habe

  • Schwiegermama davon überzeugt, dass Atomenergie eine ganz ganz böse Sache ist. (Nicht, dass sie zu dem Thema eine Meinung gehabt hätte, aber nachdem sie mich gefragt hat, wozu diese Jodtabletten, die man ihr zum ersten Mal zugeschickt hat, gut sein sollen, habe ich ihr gleich erklärt, was man von dem ganzen Atomzeugs halten soll: Dagegen sein, voll und ganz, ohne Wenn und Aber.)
  • Mir durch irgend eine heldenhafte Tat Schwiegermamas Achtung gesichert und damit erreicht, dass meine Meinung inzwischen den Status der allein seligmachenden Wahrheit hat.
  • Zum ersten Mal überhaupt eine Lesung ohne Nervenflattern überstanden (was ich der Feststellung zu verdanken habe, dass mir Rotwein zwar noch immer nicht besonders gut schmeckt, aber äusserst wirksam ist, wenn es gilt, meine Nerven vom Flattern abzuhalten). 
  • Die Krücke, die mir in den vergangenen Jahren den Aufstieg aus dem Schwarzen Loch erleichtert hat, entsorgt. 
  • Die alte Kratzbürste in mir ein wenig gehätschelt, damit sie wieder mehr zum Zug kommt. 
  • Bücher gelesen, für die ich vor drei Jahren noch zu müde gewesen wäre. 
  • Kopfschüttelnd ein paar Bücher überflogen, die ich vor drei Jahren noch für durchaus annehmbar gehalten habe. (Die Frage, ob ich sie wegschmeissen, oder als Erinnerung an eine Zeit, in der mir alles Anspruchsvolle zu anspruchsvoll war, behalten soll, ist noch nicht geklärt.)
  • Mit „Meinem“ ins Kino gegangen. Spontan! Und dann auch noch Tränen gelacht, obschon der Opa neben mir das alles so gar nicht lustig fand.
  • Mehrmals wie so eine richtige Hausfrau vormittags in den Cafés der Stadt rumgehängt und dabei festgestellt, dass es diese rumhängenden Hausfrauen tatsächlich gibt. (Die kommen so gegen neun Uhr morgens aus ihren Löchern gekrochen, kippen literweise Kaffee in sich hinein und gehen erst nach Hause, wenn ich schon längst wieder am Herd stehe, weshalb ich ihnen pauschal unterstelle, der Familie Fertigprodukte vorzusetzen.)
  • Zwei oder dreimal erlebt, dass von mir verfasste Worte genau die Worte waren, die jemand anders gebraucht hatte. 
  • Im Hoteldschungel von Paris die Ferienwohnung aufgespürt, die alle sieben Vendittis umwerfend toll finden. 
  • Zum ersten Mal überhaupt mit „Meinem“ an einem lauen Herbstabend in der Stadt einen Cocktail geschlürft und mich dabei gefragt, ob wir bereits im Jahr 2007 Konkurs hätten anmelden müssen, wenn wir das regelmässig getan hätten, oder ob das Geld vielleicht bis 2009 gereicht hätte. 
  • Mich endlich bei Twitter angemeldet, damit ich auch auf diesem Weg die virtuelle Öffentlichkeit vollquatschen kann. 
Lusso per tutti; Gianluca Venditti

lusso per tutti; prettyvenditti.jetzt

Alterserscheinungen

Zum ersten Mal zum Berufsberater, ohne dass es dabei um deine berufliche Zukunft gibt. Auf dem Desktop deines Computers das Curriculum Vitae deines Sohnes. (Warum fragen die eigentlich nicht einfach mich? Ich weiss doch noch genau, wie das war, als er geschlüpft ist.)

Krähenfüsse, die nicht kunstvoll um anderer Leute Augen gezeichnet sind.

Das Wort „Gross“, das bald schon vor dem Titel „Tante“ steht.

Damit verbunden die Erkenntnis, dass die Sache mit dem Kinderkriegen bald schon nicht mehr die Sache deiner Frauen-Generation sein wird. (Na ja, zumindest wenn man diese neumodische Sache mit dem Einfrieren von Eizellen ausser Acht lässt…)

Der Kaffeeverkäufer, der alle duzt, nur dich nicht.

Die Leichtfüssigkeit, mit der andere den steilen, mit Schnee bedeckten Weg, bewältigen.

Die Ungeduld, die über dich kommt, wenn eigentlich erwachsene Menschen in kindlicher Einfalt dir die Aufgaben zuschieben wollen, die das Leben ihnen stellt.

Das neue Selbstbewusstsein, nicht immer nur nett zu sein, sondern zuweilen auch deutlich zu sagen, was du nicht mit dir machen lässt. (Okay, ich geb’s zu, der Tonfall bleibt nett. Der wird wohl erst in der nächsten oder übernächsten Lebensphase so bissig, wie man es eigentlich meint.)

Die „Weisst du noch…“-Gespräche, die immer öfter in ganz unterschiedlichen Konstellationen stattfinden.

Der Gewissenskampf beim Schmücken des Tannenbaums: „Schämst du doch nicht mit all dem Zeug aus China? Hast du sie nicht gesehen, diese Bilder mit dem Farbstaub?“ „Schon, aber wie viele Jahre bleiben uns denn noch, um mit den Kindern unser ganz eigenes Weihnachtsfest zu feiern? Sie werden ja so schnell gross.“

Die Gedanken, was man noch alles mit dem Leben anstellen könnte, jetzt, wo die zeitlichen Freiräume immer grösser werden.

Wenn in dem Satz „Ich bin so glücklich, ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und es bleibt noch etwas für die Steuern übrig“ nicht der kleinste Funken Ironie steckt. 

Sie ist eigentlich ganz okay, diese Lebensphase, du brauchst bloss etwas Zeit, dich daran zu gewöhnen.

Kaffeepause; Tamar Venditti

Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Zahltag

Kaum öffnet sich der Schalter, steht auch schon die Krankenkassenprämie da, massig und vorlaut, meist in Begleitung von ein oder zwei Arztrechnungen, die auch nicht gerade durch Zartheit auffallen. Dicht hinter der Krankenkassenprämie baut sich die Steuerrechnung auf, breitbeinig und dominant. „Platz da! Mich hat man schon letzten Monat warten lassen, diesmal komme ich zuerst“, donnert sie, so dass es alle hören können, doch die Krankenkassenprämie denkt nicht im Traum daran, ihre Spitzenposition in der Warteschlange preiszugeben. „Und was ist mit mir?“, meldet sich entrüstet die Pellets-Rechnung zu Wort, auch sie nicht gerade zart gebaut, aber doch immerhin etwas weniger bullig als die zwei Streithähne, die nun angefangen haben, sich gegenseitig zu schubsen. Die Rechnung für die Dritte Säule fängt ebenfalls an zu stänkern. Auch ihre Grösse ist nicht gerade beeindruckend, aber weil sie schon letztes Mal im Trubel untergegangen ist, will sie jetzt sichergehen, dass sie nicht schon wieder vergessen geht. Die Mietzinsrechnung lehnt derweilen demonstrativ gelangweilt an der Wand und beobachtet das Treiben mit süffisantem Grinsen auf dem Gesicht: „So ein Dauerauftrags-Privileg hat halt schon seine Vorteile“, sagt sie zur Rechnung für die Instrumentenmiete, die zufrieden lächelnd daneben steht und an einem Latte Macchiato nippt. „Sieh mal, die Kleinen kommen. Das wird lustig“, sagt sie.

Tatsächlich fangen die kleinen, wendigen Kleinkramrechnungen an, sich vorzudrängen. Telefon, Strom, Wandkalender, Bio-Kiste, Zeitschriftenabo, Kinderkleider – sie alle und noch einige mehr stürmen an den Grossen vorbei auf den Schalter zu und werden eine nach der anderen mit einem netten Lächeln behandelt. Erst, als auch die mikroskopisch kleine Rechnung für die Dreikönigskronen an die Reihe gekommen ist, dämmert den Grossen, dass da einige Winzlinge schneller waren als sie. Die Steuerrechnung bekommt einen Tobsuchtsanfall und packt eine der Minirechnungen, die sich nicht schnell genug aus dem Staub machen konnte, am Kragen. „Was fällt dir eigentlich ein, du…du…du…elendes Würstchen du. Wart nur, dich mach‘ ich fertig!“, donnert sie und merkt nicht, dass die Krankenkassenrechnung und die anderen Drängler sich derweilen seelenruhig am Schalter abfertigen lassen. Schliesslich steht sie als Letze noch da, einmal mehr mit abgesägten Hosen, denn die Schalterbeamtin lächelt bedauernd und sagt: „Tut mir Leid, wären Sie etwas früher gekommen, dann hätte ich Sie noch komplett abfertigen können, doch leider ist inzwischen nicht mehr genug da für Sie. Sehen Sie, irgendwie müssen wir auch noch Essen auf den Tisch bringen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich Sie halbiere und Ihre zweite Hälfte nächsten Monat drannehme.“

sress

stress; prettyvenditti.jetzt