Wunsch erfüllt oder so ähnlich

Nach Langeweile habe ich mich gesehnt und so etwas in der Richtung habe ich auch bekommen. Tagwache irgendwann zwischen Morgengrauen und sieben Uhr, Frühstück um halb acht, um halb neun muss das Bett auf dem Balkon stehen, Mittagessen um halb zwölf, Abendessen um Viertel nach fünf, dazwischen Sirup reichen, am Kiosk kleine Überraschungen kaufen, trösten, Fragen beantworten, Fragen stellen, Trinkprotokoll führen und warten. Alles schön vorhersehbar und geregelt.

Alles? Na ja, nicht ganz, denn wie heftig Zoowärters Hirnhautentzündung ist, was diese verursacht hat und wie es weitergeht, das lässt sich nicht vorhersehen, sondern nur Schritt für Schritt nehmen. Dankbar sein, dass die Ursache für seine unerträglichen Kopfschmerzen gefunden ist, noch dankbarer, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht und hoffen, dass die Genesung rasch und ohne Komplikationen voranschreitet. Mehr gibt es im Moment nicht zu tun. Zumindest hier im Spitalzimmer nicht.

Zu Hause hingegen, na ja, da gäbe es schon zwei oder drei Dinge zu erledigen, aber das muss – und darf – jetzt halt warten.

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Nur ein bisschen Langeweile, bitte

Wäre es nicht wunderbar, wenn man sich mal wieder langweilen dürfte? Nicht allzu lange natürlich, nur einen Tag oder zwei, vielleicht auch drei. Nein, nicht diese Tage, an denen man im faul im Liegestuhl liegt und sich von der Sonne bescheinen lässt, sondern Tage, an denen alles nur langweilige Routine ist. Tage, an denen man abends getrost sagen kann, dass man erledigt hat, was man sich vorgenommen hat. Alles schön nach Plan, vielleicht sogar auf die Viertelstunde genau. 

Kein Backofen, der mitten im Einmachen von Tomaten seinen Geist aufgibt. Keine unangemeldeten Besucher, die den Schreibfluss unterbrechen. Keine Computerpannen, keine „Mist, ich muss doch heute noch unbedingt…“-Momente, keine Milchpfützen auf dem Fussboden, kein spontanes Einspringen für jemanden, der in der Tinte sitzt, keine hektische Suche nach verschwundenen linken Kindersandalen und Schulheften mit Eselsohren. Einfach nur öder, geregelter Alltag, über den man jammern würde, wenn man ihn täglich auf die gleiche graue Weise durchstehen müsste. 

Es käme mir nicht im Traum in den Sinn, mir ein solches Leben zu wünschen. Zu farblos, zu vorhersehbar, zu langweilig eben. Aber hin und wieder ein solcher Tag, der einem erlaubt, durchzuatmen und zu erledigen, was man andauernd vor sich her schiebt, weil immer irgend etwas die Pläne über den Haufen wirft, das wäre schon nett. 

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Himmel hilf, ich werde peinlich!

Schuld daran ist einzig und alleine dieser grottenschlecht geschriebene Zwillings-Ratgeber, den ich mir derzeit als Vorbereitung auf meine nächste Artikelserie bei swissmom zu Gemüte führe. Auf jeder fünften oder sechsten Seite schauen mich herzige Babies aus sanften Kulleraugen an, dazwischen steht geschrieben, wie wunderbar es doch ist, wenn die Kleinen die grosse Welt erobern. Schaue ich vom Buch auf, geistert in meinem Kopf Prinzchens Zwilling herum, dessen  winziges Herzchen leider bereits nach den ersten anstrengenden Schwangerschaftswochen zu schlagen aufgehört hat und obschon die Sache schon längst weit hinter mir liegt, frage ich mich mit nicht allzu leiser Wehmut: „Was wäre gewesen, wenn…?“ 

Derart emotional aufgeladen zwingt mich der leere Kühlschrank zu einem Kurzbesuch in der Migros, wo vor mir an der Kasse eine Mama mit zwei kleinen Jungs ist. Keine Zwillinge, aber dennoch unglaublich…na ja, also, wie soll ich sagen…so…hmmm….also ja…Mist, dann sag‘ ich eben, wie es ist: Sie sind zuckersüss und hinreissend und was einem sonst noch so an Adjektiven in den Sinn kommt, wenn man so kleine Menschen sieht. Und ehe ich mich versehe, ist es rausgerutscht: „Ihre zwei Jungs sind einfach umwerfend herzig“, sage ich zu der Mama, die vollkommen gestresst ist, weil sie versucht, ihre Einkäufe so schnell als möglich zu verstauen und gleichzeitig ihren Zweijährigen nicht aus den Augen zu verlieren. Kaum ist es gesagt, könnte ich mich selber ohrfeigen. Jetzt bin ich also auch eine von denen, die sentimentales Gebrabbel von sich gibt, wenn sie kleine Menschen sieht. Zugegeben, ich hab‘ damit gerechnet, dass es früher oder später so kommen wird, aber so früh schon?

Ich weiss genau, wie das enden wird, in fünfundzwanzig oder dreissig Jahren, wenn ich müde und verschrumpelt an der Bushaltestelle sitzen werde. „Ach, wie süss doch ihre Kinder sind“, werde ich zu der Mutter sagen, die mit ihren Kleinen auf den gleichen Bus wartet. Sie wird mich müde anlächeln und ich werde fortfahren: „Eine schöne Zeit ist das, wenn sie noch so klein sind. Geniessen Sie es, es geht so schnell vorbei.“ Die junge Mutter wird höflich nicken und nichts sagen, also werde ich fortfahren: „Ich hatte selber auch fünf. Wunderschöne Babies waren das, das können Sie mir glauben. Und so lieb. Haben fast vom ersten Tag an durchgeschlafen, waren immer so brav und hilfsbereit…Die schönste Zeit meines Lebens.“

Nur mit Mühe wird sich die junge Mutter, die gerade versuchen wird, ihren sperrigen Kinderwagen durch die noch immer nicht kinderwagenfreundlich gestaltete Bustür zu zwängen, ihre bissige Bemerkung verkneifen können, aber denken wird sie ganz bestimmt: „Sentimentale alte Kuh, warum hilfst du mir denn nicht, wenn du doch genau weisst, wie es ist?“

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Jetzt wollen sie uns also wieder

Seitdem klar ist, dass der Import von billigen Arbeitskräften über kurz oder lang schwieriger wird, wollen sie uns plötzlich wieder haben. Uns, die Mütter, die sie nicht mehr wollten, als wir Kinder bekamen und darum nicht mehr bereit waren, uns mit Leib und Seele für die Firma aufzuopfern. Gut, einige von uns haben sie damals gnädigerweise behalten, was sich für uns aber nicht wirklich bezahlt gemacht hat. Der Löwenanteil unseres Lohnes ging für den Krippenplatz drauf, was noch übrig blieb, wurde von der Steuerrechnung aufgefressen. Arbeitszeiten und Krippenöffnungszeiten wollten partout nicht zusammen passen, war ein Kind krank oder machte die Schule Ferien, brach das ganze System vollends zusammen und wir durften uns in schlaflosen Nächten einen Notfallplan zurechtlegen. Von der Hausarbeit fangen wir lieber gar nicht erst an zu reden…

Nicht alle von uns haben sich auf dieses Spiel eingelassen, einige haben sich vollends aus dem Berufsleben verabschiedet, sei es, weil ihnen das alles zu kompliziert war, sei es, weil für sie Mutterschaft und Berufstätigkeit nicht miteinander vereinbar sind. Andere haben sich selber etwas aufgebaut und sind sich nun selber der flexible Arbeitgeber, den sie sich stets gewünscht hätten. Ein paar Glücklichen ist es gelungen, eine Arbeit zu ergattern, die sich zu einem grossen Teil von zu Hause aus erledigen lässt, so dass sich die Arbeitszeiten den Bedürfnissen der Familie anpassen lassen.

Es war nicht immer leicht, aber den meisten von uns ist es gelungen, irgend einen Weg zu finden, um den Spagat zwischen Familie und Beruf zu schaffen. Und jetzt wollen sie uns also zurückhaben. Wir sollen wieder zurück auf unsere angestammten Arbeitsplätze, weil die nicht mehr einfach mit Leuten aus dem Ausland besetzt werden können. Plötzlich besinnt man sich darauf, dass wir ganz gut ausgebildet und eigentlich auch ziemlich motiviert sind, gute Arbeit zu leisten. Nun, es mag schmeichelhaft erscheinen, nach Jahren der Ablehnung wieder erwünscht zu sein. Dennoch schlage ich vor, dass wir sie erst mal ein wenig zappeln lassen. So ganz ohne Zugeständnisse sollten wir uns nicht wieder vor ihren Karren spannen lassen. 

Wenn sie sich dann eines Tages endlich dazu durchringen, einen Mutterschaftsurlaub einzuführen, der diesen Namen auch wirklich verdient, den Vätern die Möglichkeit einzuräumen, sich in der Familie zu engagieren, bezahlbare Krippenplätze für alle anzubieten, Bedingungen zu schaffen, dass sich die Arbeit auch wirklich lohnt und ausserdem endlich dafür zu sorgen, dass Frauen den gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen, dann können wir miteinander ins Geschäft kommen. 

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Wie lehren wir unsere Kinder…?

Wie können wir sie lehren, den einzelnen Menschen und seine Geschichte zu sehen und nicht „die Schweizer“, „die Ausländer“, „die Christen“, „die Juden“, „die Muslime“, „die Reichen“, „die Sozialschmarotzer“…?

Wie bringen wir ihnen bei, zu fragen und zuzuhören, ehe sie sich eine Meinung bilden und (ver)urteilen?

Wie zeigen wir ihnen, dass gesunde Grenzen zu ziehen nicht ausschliessen bedeutet?

Wie lernen sie, nicht mit den Wölfen zu heulen, sondern kritisch zu denken und anders zu handeln?

Wie können sie begreifen, dass teilen nicht arm macht?

Wie lehren wir sie, zu lieben anstatt zu hassen?

Vor allem durch Vorleben, ich weiss. Und doch frage ich mich zuweilen, ob das reicht, wo man heute wieder ganz ungeniert hasst und ausgrenzt. 

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Schon wieder fremdbestimmt

Als unsere Kinder klein waren, war mein Leben fast rund um die Uhr fremdbestimmt. Ich nahm mir am Morgen fest vor, ein entspannendes Bad zu nehmen, wenn die Kleinen Mittagsschlaf hielten und stattdessen kroch ich nach dem Mittagessen auf dem Fussboden herum und wischte Erbrochenes auf. Ich ging früh zu Bett, um endlich mal wieder zu schlafen, doch just als mir die Augen zufielen, drang aus dem eben noch stillen Kinderzimmer vielstimmiges Geschrei, das bis morgens um drei anhielt. Anstatt den dringend nötigen Wohnungsputz vorzunehmen, sass ich gelangweilt am Planschbecken und passte auf, dass keiner ertrinkt, zum Mittagessen gab es Milchreis anstelle von scharf gewürztem Curry und in den Ferien fuhren wir mit der Familienkutsche ins Kinderhotel, anstatt mit dem Nachtzug nach irgendwo.

Zugegeben, es war nicht immer einfach und auch wenn ich heute oft mit verklärtem Blick auf jene Tage zurückschaue, so erinnere ich mich doch noch an viele Momente der Überforderung und des Frusts. Dennoch war es okay so, wie es war. Ich stellte meine eigenen Interessen ja nicht für irgendwen in den Hintergrund, sondern für die Kinder, die ich über alles liebe. Die Kinder, für die wir uns ganz bewusst entschieden haben und die das Beste sind, was das Leben und hat schenken können. Ja, ich war fremdbestimmt – und „Meiner“ auch – aber das gehört sich so in der Phase, in der die Kinder zu klein sind, um für sich selber zu schauen. 

Heute ist das anders. Unsere Kinder werfen zwar immer noch hie und da meine Pläne über den Haufen und überschreiten meine Grenzen, aber im Grossen und Ganzen haben sie begriffen, dass ich eine eigenständige Person bin, die auch ab und zu ihre Freiheit braucht. Darum wage ich allmählich wieder, an einen – bis zu einem gewissen Grad – geregelten und planbaren Tagesablauf zu glauben. Ich stehe morgens nicht mehr mit dem Bewusstsein auf, dass alles, was ich mir für den Tag vorgenommen habe, ohnehin liegen bleiben wird. Wenn ich genug geschlafen habe, bin ich voller Tatendrang, weil es so viele Dinge gibt, die ich machen darf oder will. Zwar sorgen die Menschen und Tiere in unserem Haus noch immer für viel Unvorhergesehenes, aber im Vergleich zu früher ist das ein Klacks und das verleiht mir neue Energie.

Neue Energie, aber auch eine gewisse Überempfindlichkeit gegenüber jenen, die mir andauernd mit kleinen Störungen die Freiheit rauben, die ich nach Jahren der berechtigten Fremdbestimmung nun wieder geniessen möchte. Solange es liebe Freunde oder Verwandte sind, macht mir das nichts aus, denn für sie hatte ich in den vergangenen Jahren ja auch nicht gerade viel Zeit. Auf alle anderen aber reagiere ich derzeit ziemlich allergisch. Auf die fremden Kinder, die ohne zu klingeln und ohne um Erlaubnis zu fragen plötzlich bei mir in der Küche stehen und sich nicht abwimmeln lassen. Auf die Anrufer, die mir mit unsinnigem Werbegeschwätz Zeit stehlen. Auf Leute, die mir irgend eine ehrenwerte Aufgabe aufschwatzen wollen, weil ich jetzt ja wieder mehr Zeit habe. Auf Telefontechniker, die anstatt ihrer Arbeit nachzugehen, mit mir über unsere Katzen quatschen wollen. Auf inhaltlosen Smalltalk beim Einkauf, weil gewisse Leute sich nicht mit einer kurzen Begrüssung und einem Nachfragen nach der Befindlichkeit zufrieden geben können. Auf Anrufer, die eigentlich „Meinen“ sprechen möchten, aber nicht daran denken, dass Lehrer am Vormittag gewöhnlich nicht zu Hause zu erreichen sind. 

Klar, das alles sind Kleinigkeiten, aber wenn mehrere von diesen Kleinigkeiten an einem Tag zusammenkommen, bin ich am Ende ebenso fremdbestimmt wie früher, als die Kinder noch keinen Augenblick ohne meine Anwesenheit zurechtkamen. Der einzige Unterschied ist, dass ich jene, die heute meine Zeit stehlen, nicht über alles liebe und deshalb alles für sie tun würde. Und darum werde ich einen Weg finden müssen, sie in die Schranken zu weisen. 

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Vielseitigkeit

An Tagen wie heute merke ich, dass ich eben doch vielseitiger bin, als mir bewusst ist. Ich kann nämlich:

  • Gute Miene zum bösen Spiel machen, wenn mir der Techniker mitteilt, er könne unsere Telefonleitung nicht reparieren, da müsse der Hauselektriker her. Sogar die bissige Bemerkung, auf eine solche Nachricht hätte ich nicht vier Tage warten müssen, kann ich mir verkneifen. 
  • Meinen ganzen Frust über einen vergeudeten Arbeitsmorgen – der nette Herr Techniker hat mich fast zwei Stunden vom Internet abgehängt – an hausgemachtem Kartoffelbrei auslassen.
  • Meinen Ekel überwinden und Kalbsschnitzel panieren. Ohne Handschuhe.
  • Den Hauselektriker anrufen und die Dame am Empfang ganz nett bitten, doch bald jemanden zu schicken, weil ich schon furchtbar lange ohne Telefon sei. Was daran so besonders ist? Nun, zuweilen gerate ich in Versuchung, meinen Frust an Unschuldigen auszulassen.
  • „Meinem“ technische Probleme aus dem Weg räumen, damit er heute Abend einen einwandfreien Vortrag halten kann. Okay, ob der Vortrag wirklich einwandfrei war, werde ich erst wissen, wenn er wieder zu Hause ist. 
  • Den Zoowärter ganz furchtbar ungerecht behandeln und ihn nie zu Wort kommen lassen. Dies zumindest seine Sicht der Dinge.
  • Mich dezidiert dafür einsetzen, dass der Zoowärter nicht immer unterbricht, wenn Karlsson mir von einer Begebenheit in der Schule erzählen will. Dies meine Sicht der Dinge.
  • Ungerührt dabei zusehen, wie der Elektriker den ganzen Wandschrank ausräumt, weil er nach langem Suchen herausgefunden hat, dass die kaputte Telefonleitung sich dort befindet.
  • Nicht in Tränen ausbrechen, wenn mir der Elektriker mitteilt, er habe soeben eine Telefonleitung entsorgt, die schätzungsweise aus den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt.
  • Meinen Kaffee lauwarm geniessen, weil ich gefühlte hundertmal davon abgehalten worden bin, als er noch heiss war.
  • Mir durchaus bewusst sein, wie dumm es ist, sich über das andauernde Klingeln des Telefons aufzuregen, wo ich doch unbedingt wollte, dass die Leitung so schnell als möglich wieder repariert wird. (War irgendwie ruhiger, als das Ding eine Woche lang stumm blieb.)
  • Karlsson beinahe ungerührt sagen, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich ihn heute ins Nachbardorf chauffieren solle, wo ich doch das Haus voller Kinder hätte.
  • Den ganzen Tag mit einer Scherbe im Fuss rumlaufen und so rund, als würde es mir überhaupt nichts ausmachen, dass ich keine Zeit habe, mich darum zu kümmern.
  • Beinahe platzen vor Freude, weil sich sechs Schulkameraden dafür stark machen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat mitspielen darf und damit bewirken, dass derjenige, der unseren Sohn ausschliessen wollte, sich freiwillig entschuldigt.
  • Der Katze ein übrig gebliebenes Kalbsschnitzel servieren, weil das Futter ausgegangen ist und sie so fürchterlich klagt.
  • Einem hinreissenden kleinen Mädchen sagen, sie dürfe heute leider nicht in unserem Garten spielen, weil ich vor lauter Kindern nicht mehr wüsste, wo mir der Kopf steht.
  • Einen kleinen Taugenichts, der im Vorbeigehen dem Prinzchen „Arschloch!“ zugerufen hat, so zusammenstauchen, dass alle seine Freunde finden, ich hätte voll und ganz recht und er solle sich beim nächsten Mal gefälligst anständig aufführen. 
  • Eine Dreijährige einen ganzen Nachmittag lang mehr oder weniger geduldig davon abhalten, sich aus meinem Blickfeld zu begeben und irgendwelche Dummheiten anzustellen.
  • Mit einem riesigen, geliehenen Auto durch die Gegend kutschieren und sogar dann ruhig bleiben, als einer meinen Vortritt missachtet und beinahe das riesige, geliehene Auto zu Schrott macht.
  • Einhändig bloggen, weil gerade eine kleine Katze auf meinem Arm schnurrt.
  • Trotz vieler weiterer Kleinigkeiten, die meinen Tag zu einem Dauerlauf im Hamsterrad gemacht haben, abends noch immer wissen, wie ich heisse, wo ich wohne und wie alt ich bin. (Hundertdreissig, wenn ich mich nicht irre.)

Ist doch gut, wenn einem das Leben ab und zu die eigene Vielseitigkeit vor Augen führt. Aber muss das alles unbedingt an einem einzigen Tag sein?

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Kindergartenkinder

Kindergarten – das war für mich als Kind irgendwie schwierig. So viele fremde Kinder und ich so schüchtern, Lieder, die mir nicht gefielen, langweilige Zeichnungen und alles, was Spass machte, war verboten. 

Als ich ein Teenager war, fand ich Kindergärtner einfach nur nervig und doof. Immer diese Witze, die überhaupt nicht lustig sind, die Reime, die nicht passen, der ewige Lärm.

Als ich achtzehn war, glaubte ich einen Frühling lang, ich müsste Kindergärtnerin werden. Die Aufnahmeprüfung schaffte ich mit Bravour, im Praktikum eroberten die Kinder mein Herz im Sturm, doch als ich am zweiten Ausbildungstag eine Stunde lang wie ein Baum durchs Zimmer gehen musste, schmiss ich die Ausbildung hin. Ein Entscheid, den ich noch keine Sekunde bereut habe.

Als meine Neffen und Nichten im Kindergartenalter waren, sorgte ich mich furchtbar um sie. Diese kleinen, zerbrechlichen Wesen, die sich nun plötzlich gegen böse, grosse Schüler behaupten mussten, taten mir so schrecklich leid. Doof fand ich Kindergartenkinder übrigens schon längst nicht mehr, nur etwas nervig zuweilen, wenn sie mich nicht in Ruhe über meinen Büchern brüten liessen. 

Als Karlsson in den Kindergarten kam, war ich unendlich froh, endlich ein Kleinkind weniger im Haus zu haben. Natürlich hing ich auch viele Stunden an der Strippe, um mich mit anderen Müttern über die Sorgen und Nöte unserer Kindergartenkinder auszutauschen und manchmal fürchtete ich, unser schüchterner Sohn könnte eines Tages zum Aussenseiter werden. Dass ich inzwischen jeden noch so missratenen Kindergärtner-Witz zum Brüllen komisch fand, versteht sich von selbst.

Luise im Kindergarten, das war irgendwie wie Ferien. Ein glückliches Kind, umgeben von anderen glücklichen Kindern, alles geblümt und rosarot und verträumt. Eine schöne Zeit. 

Die Kindergartenjahre des FeuerwehrRitterRömerPiraten waren für alle Beteiligten eine Qual, am meisten wohl für ihn selber, obschon niemand so richtig wusste, woran es lag. Ob der Junge überhaupt je ein Kindergärtner war? Für alle Beteiligten war es eine Erleichterung, als die zwei Jahre um waren und das Kind endlich lesen lernen konnte. Seither ist er glücklicher. 

Der Zoowärter war ein Kindergärtner, wie er im Buche steht: Fröhlich, verspielt und überglücklich mit seinen zahlreichen Freunden. Keiner erzählte so viele misslungene Witze wie er, keiner reimte so wackelig und doch hätte er von mir aus ewig im Kindergarten bleiben dürfen, weil er einfach zum Anbeissen war. Er sieht das übrigens ähnlich, noch heute trauert er der unbeschwerten Zeit nach.

Wenn ich morgen zum zehnten und letzten Mal in Folge mit einem Kind in ein Kindergartenjahr starte, werde ich dies schweren Herzens tun. Längst habe ich gelernt, Kindergartenkinder nicht nur zu mögen, sondern fast schon zu vergöttern, weil ihr Humor einfach einzigartig ist, ihre Weltoffenheit wohltuend, ihre Vertrauensseligkeit herzerwärmend. Das Prinzchen wird sein letztes Kindergartenjahr geniessen, des bin ich mir sicher. Ich hingegen werde mir hin und wieder wünschen, ich dürfte noch ein paar Jahre länger mit Kindergartenkindern unterwegs sein. 

Nein, sagt jetzt bitte nicht, ich könnte ja doch noch Kindergärtnerin werden. Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde heute mit mehr Begeisterung wie ein Baum durchs Zimmer gehen? Wo doch jedes Kindergartenkind weiss, dass Bäume nur in missratenen Witzen können…

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Bahngejammer

Liebe Deutsche Bahn

Nachdem ich mich von den Strapazen der Heimreise erholt habe, möchte ich gerne ein wenig von meinen Erfahrungen berichten, die ich mit dir gemacht habe. Da ich dir mitsamt Familie und Gepäck viele Stunden lang voll und ganz ausgeliefert war, ist es meiner Ansicht nach nicht mehr als anständig, wenn ich dir eine Rückmeldung gebe. 

Es fing alles sehr vielversprechend an, an einem heissen Juliabend vor etwas mehr als zwei Wochen. Pünktlich fuhr dein Zug im schweizerischen Baden ein, voller Vorfreude auf die Ferien in Schweden machten meine Familie und ich es uns auf unseren reservierten Sitzplätzen bequem. Bald einmal mussten wir allerdings feststellen, dass es im Zug warm war. Sehr warm. So warm, dass einem der Schweiss in die Augen lief. Die Klimaanlage sei leider ausgefallen, liess man uns Passagiere irgendwann wissen. Im Normalfall würde mich das nicht im Geringsten stören, bin ich doch keine Freundin von Klimaanlagen. An einem heissen Juliabend in einem voll besetzten Nachtzug, in dem man die kommenden zehn Stunden eingepfercht sein wird, wäre ein kühlendes Lüftchen dennoch ganz nett. Na ja, nett war immerhin deine Geste, den schwitzenden Gästen je einen halben Liter gekühltes Wasser zu schenken. Noch netter wäre es gewesen, wenn man ein Fenster hätte öffnen können, so wie man das früher, als Klimaanlagen noch nicht so üblich waren, noch tun konnte. 

Trotz Hitze fielen den meisten Fahrgästen irgendwann die Augen zu und sie wären auch zugeblieben, wäre nicht mitten in der Nacht ein betrunkener Fahrgast zugestiegen, der im Vorraum krakeelte, weil einer deiner Kondukteure – ich glaube, du nennst das lieber Schaffner – laut, deutlich und sehr ausführlich erklärte, in diesem Zug dürfe nur mitfahren, wer reserviert habe. Der Mann hatte nicht reserviert, mitfahren liessest du ihn dennoch und krakeelen durfte er auch so lange und so laut er wollte, obschon die Fahrgäste, die alle brav einen hohen Preis für ihre Reservation bezahlt hatten, nicht mehr schlafen konnten. Ich finde es ja eigentlich okay, dass du den Mann nicht aus dem Zug geschmissen hast. Vielleicht hat er gerade etwas Schweres durchgemacht und war deshalb so besoffen. Soll er doch mitfahren, der arme Kerl. Aber zur Ruhe hätte man ihn schon ermahnen können, nicht wahr?

Wäre alles andere reibungslos abgelaufen, könnte man gnädig über die Hitze und den Lärm hinwegsehen, doch leider war das nicht alles. In Hamburg, wo der Zug nach Kopenhagen wartete, wurde es nämlich erst richtig chaotisch. Der Zug war kurz, bot nur Platz für die Fahrgäste mit Reservation, doch auf dem Perron – du, liebe Deutsche Bahn, nennst das Bahnsteig, wenn ich mich nicht irre – warteten auch solche, die nicht reserviert hatten und zwar sehr viele. Und alle versuchten, sich in den winzigen Zug zu zwängen. Irgendwann dämmerte deinem Personal, dass das nicht gut gehen konnte und so wurde verkündet, wer nicht reserviert habe, müsse den Zug verlassen. Natürlich ging keiner raus, es wollten ja alle irgendwie weiterkommen. Also zwängte sich dein Personal durch den proppenvollen Zug, um die Fahrkarten zu überprüfen. Wer jung und unrasiert und ohne Reservation war, wurde rausgeschickt. Wer älter und gepflegt und mit irgend einer Bahnkarte aber ohne Reservation war, durfte bleiben, auch wenn er damit einem, der für die Reservation bezahlt hatte, den Sitzplatz wegnahm. Nicht ganz fair, finde ich, aber da diejenigen von uns, die auf ihren Sitz verzichten mussten, in einer Ecke kauern konnten, will ich mich nicht weiter über dieser Ungerechtigkeit aufhalten. Immerhin mussten wir die vier Stunden bis Kopenhagen nicht stehen.

Wobei wir gar nicht bis Kopenhagen fahren konnten, denn irgend eine ominöse „Technische Panne“ – mehr wolltest du partout nicht preisgeben – zwang uns alle dazu, mit Sack und Pack zu Fuss auf die Fähre nach Dänemark umzusteigen. Was drüben in Dänemark noch alles schief lief, will ich dir, liebe Deutsche Bahn, nicht ankreiden, obschon du mit der satten Verspätung, die du uns mit dem Chaos in Hamburg beschert hattest, nicht ganz unschuldig warst.

Weil ich ein optimistischer Mensch bin, traute ich dir durchaus zu, dass es auf der Heimfahrt anders sein würde. Und es war anders. Diesmal fuhr dein Zug nämlich bereits mit einer Verspätung ab, was ich dir aber auch nicht vorhalten möchte, weil diese Verspätung ja von den Dänen verursacht war. Die Dänen wollten dann auch partout nicht mit den zahlreichen nervösen Gästen darüber reden, ob man den Anschlusszug in Hamburg noch erwischen werde. Das würden uns die Deutschen sagen, hiess es lapidar. Doch in Deutschland sagte man uns auch nicht mehr als: „Fünfzehn Minuten vor Ankunft in Hamburg wissen wir mehr.“ Dafür versprach die Leuchtschrift über der Tür zum Abteil, alle Infos zu den Anschlusszügen könne man im Faltprospekt nachlesen. Dumm nur, dass der Faltprospekt nicht nur keine Ahnung von der Verspätung hatte, sondern auch für die Strecke Hamburg-Kopenhagen war und nicht für die Strecke Kopenhagen-Hamburg. Das Papier hättest du dir also sparen können. Und die Leuchtschrift auch.

Nun, wenige Minuten vor Ankunft in Hamburg erfuhren wir endlich, wie es weiter gehen würde: Wer in die Schweiz wolle, müsse den Zug nach Wien nehmen und in Göttingen umsteigen. Der Zug nach Wien stehe entweder auf Gleis dreizehn oder vierzehn, bitte rasch umsteigen! Mit Mühe und Not schafften wir es, fünf Kinder und zehn Gepäckstücke rechtzeitig in den Zug nach Wien zu verfrachten. Zur Begrüssung wurden wir von einem deiner Mitarbeiter angefahren: Wir hätten gefälligst hinten im Zug einsteigen sollen. Ich muss gestehen, dass ich ob dieser Unfreundlichkeit ziemlich ungehalten wurde und zwei deiner Kondukteure ankeifte. Darauf bin ich nicht unbedingt stolz, aber Karlsson hat mir gesagt, er finde es ganz in Ordnung, dass ich nicht immer Ruhe bewahre und freundlich lächle und ich gebe sehr viel auf Karlssons Meinung. Ein Teenager lobt seine Mama schliesslich nicht alle Tage.  

Im Laufe der Fahrt teilte man uns mit, man sei sich doch noch nicht sicher, ob wir unseren Zug in Göttingen erwischen würden, oder ob wir vielleicht an einem anderen Ort umsteigen müssten. Man versprach uns aber, man werde alle Fahrgäste, die in die Schweiz wollten, auf dem Laufenden halten. Man hielt dann allerdings nur einige von uns auf dem Laufenden, so dass wir erst nach viel Herumfragen erfuhren, dass wir vermutlich etwa zwanzig nach elf in Göttingen eintreffen würden. Ob es von Göttingen aus tatsächlich Richtung Schweiz gehen würde, wusste keiner von uns mit Sicherheit, denn keiner deiner Mitarbeiter sah sich dazu verpflichtet,  noch einmal zu informieren. Göttingen war richtig, auf welchem Perron unser Zug einfahren würde, konnten uns deine Zugbegleiter aber nicht sagen. Also mussten wir es selber herausfinden, so ganz nebenbei, zwischen Gepäckschleppen und schlaftrunkene Kinder zum Rennen antreiben. 

Ich weiss nicht, wie wir es geschafft haben, aber irgendwann sassen wir doch noch in den Liegesesseln, die wir reserviert hatten. Zum ersten Mal auf dieser Reise trafen wir auf Personal, das uns nicht nur freundlich begrüsste, sondern auch bereitwillig anbot, uns mit dem Gepäck zu helfen. Du darfst mir glauben, liebe Deutsche Bahn, dass ich an diesem Punkt bereit war, dir alles zu verzeihen, was du auf unserer Reise vermasselt hattest. Jetzt, wo alle meine Kinder tief und fest schliefen, wollte ich nur noch dankbar sein, dass wir friedlich schaukelnd unserem Zuhause entgegen rollten. Ich wollte meinen Frieden mit dir schliessen, aber ich konnte nicht, denn im Zug war es so kalt, dass sogar ich, die ich sonst nie friere, beinahe zu schlottern begann und dies trotz wärmender Decke. Während unseren zwei Wochen in Schweden war es dir offenbar gelungen, die Klimaanlage zu reparieren. Dumm nur, dass die jetzt nicht mehr gebraucht wurde, weil es keine heisse Julinacht, sondern eine eher kühle Augustnacht war. 

Man mag sich fragen, weshalb ich dir, liebe Deutsche Bahn, all dies vorhalte, wo man derzeit doch einfach froh und dankbar sein kann, wenn man in einem Teil der Welt lebt, wo man nicht um sein Leben fürchten muss. Sind ja eigentlich alles nur Luxussorgen. Für uns als Grossfamilie war es allerdings auch ein Luxus, mehr als 1600 Franken hinzublättern, um uns von dir in den Norden und wieder zurück fahren zu lassen und darum habe ich beschlossen, dennoch ein wenig über meine Reise mit dir zu jammern. Auch wenn mir sehr wohl bewusst ist, wie privilegiert wir sind, aus freien Stücken und einzig zu unserem Vergnügen reisen zu dürfen. 

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Nur mal schnell, solange ich Empfang habe…

Es gibt sie noch, diese wunderbaren Orte, an denen du keine Möglichkeit hast, ins Internet zu gelangen und so kommt es, dass die virtuelle Welt ein paar Tage lang Ruhe hatte vor diesen quasselnden Vendittis. Sie bekam nichts mit von dem Drama, als in Hamburg eine Menschentraube versuchte, sich in einen winzigen Zug zu zwängen, was dem Zugpersonal die unangenehme Aufgabe bescherte, diejenigen wieder rauszuwerfen, die nicht reserviert hatten (Wir hatten reserviert und konnten trotzdem nicht alle sitzen.). Sie blieb verschont vor meinem Gejammer, als wir mit Sack und Pack auf die Fähre umsteigen mussten, weil der Zug „aus technischen Gründen“ nicht auf die Fähre fahren konnte. Sie musste sich auch nicht anhören, wie ich in Kopenhagen die Zicke der Autovermietung ankeifte, weil sie unseren im Voraus bezahlten Wagen nicht rausrücken wollte und unseren Ferien damit beinahe ein frühzeitiges Ende bescherte. Gut also, dass ich erst jetzt von diesen Dingen berichten kann, wo sie beinahe schon vergessen sind und mein Ärger verflogen ist.

Die virtuelle Welt bekam aber auch nichts von meinen Schwärmereien zu hören. Kein Lobgesang auf das „Blå Huset“, das so abgeschieden auf einer Wiese steht, umgeben von Blumen und Bäumen und uns die Ruhe bietet, die wir gesucht haben. Kein Schwelgen in „Kräm“, „Fil“, „Blåbärssoppa“ und „Polarbröd“. Keine schönen Worte über Öland, die Nächte, die noch immer hell sind, über das Rauschen des Windes in den Bäumen, über das Meer, das sich hier so unaufgeregt aufführt, als wäre es ein ganz gewöhnlicher See.

Die virtuelle Welt wird nicht ärmer, wenn sie von all dem nichts erfährt und ausnahmsweise kann auch ich ganz gut damit leben, nicht immer gleich über alles zu schreiben. Zumindest, solange ich keinen Empfang habe…

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