Schlaues Kind

Donnerstags hat Luise Ballettunterricht und weil Donnerstag EinkaufAbholTerminKrimskramserledigenChaosTag ist, halte ich jeweils nur kurz an, um meine Tochter aus dem Auto aussteigen zu lassen und schon bin ich wieder weg. Ab nach Hause, wo Karlsson und der FeuewehrRitterRömerPirat vielleicht gerade dabei sind, alles in Brand zu setzen. Oder vielleicht auch ab in die Migros, um die doppelten Cumuluspunkte einzuheimsen. Oder ab ins Familienzentrum, um das Prinzchen aus der Krippe abzuholen. Völlig egal, was gerade dran ist, Hauptsache, ich bin schnell wieder weg, damit ich auch rechtzeitig wieder da bin, um Luise nach dem Ballettunterricht abzuholen.

Dumm nur, dass heute die Lehrerin krank war, wovon wir nichts wussten, weshalb Luise schon bald einmal alleine im strömenden Regen dastand und nicht wusste, was sie jetzt tun sollte. Zuerst einmal tat sie das naheliegendste: Sie vergoss ein paar Tränen. Dann erinnerte sie sich daran, dass die Mama einer ihrer Freundinnen ihr vor einigen Monaten mal gesagt hatte, sie könne jederzeit bei ihr anklopfen, wenn sie in Not sei. 

Wäre ich Luise gewesen, ich hätte mich an dieses Versprechen erinnert, hätte hin und her überlegt, ob ich der Familie meinen unangemeldeten und tropfnassen Besuch zumuten könne, hätte mich gefragt, ob ich denn den Weg bis zum Haus der Freundin kenne, oder ob ich mich verlaufen würde, hätte mir eingeredet, dass die Mama der Freundin bestimmt nur hatte nett sein wollen und es mit dem Angebot gar nicht so ernst gemeint haben konnte, hätte mich schliesslich schweren Herzens dazu durchgerungen, nicht zum Haus der Freundin zu laufen, weil ich niemandem zur Last fallen will, hätte heulend im strömenden Regen darauf gewartet, bis ich abgeholt worden wäre oder hätte mich traurig und voller Selbstmitleid auf den langen und einsamen Heimweg gemacht.

Aber Gott sei Dank ist Luise sich selber und darum hat sie, nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, keinen Augenblick gezögert und ist zu ihrer Freundin gegangen. Und weil die Mama der Freundin ihr Angebot damals wirklich ernst gemeint hatte, nahm sie Luise mit offenen Armen in Empfang, griff zum Telefon, um mich zu informieren, dass Luise noch bis um sechs mit ihrer Tochter spielen würde und der Tag war gerettet.

So einfach ist es, wenn man ein Kind ist: Ein lieber Mensch bietet dir Hilfe an und du glaubst ihm, dass du dich auf ihn verlassen kannst. Und plötzlich ahnt man, was mit dem berühmten Ausspruch „Werdet wie die Kinder“ gemeint sein könnte.

Rattenkampf

Die Besuche der Ratte auf unserem Balkon häufen sich und inzwischen hat jedes Familienmitglied das Vieh zu Gesicht bekommen. Und so langsam habe ich den Eindruck, dass die Sache den Zusammenhalt in unserer Familie arg auf die Probe stellt. Seit ihrem plötzlichen Erscheinen vor einer Woche hat die Ratte es doch tatsächlich zustande gebracht, unsere sonst so harmonische Familie – hat da vielleicht jemand gelacht? – in vier Fraktionen zu trennen. Seit einigen Tagen gibt es bei uns

1. Die Rattenversteher: Das sind diejenigen, die finden, man müsse doch verstehen, dass das possierliche Tierchen sich täglich bei uns verköstigen wolle, wo es doch hierzulande für eine Ratte so schwer sei, sich ein Auskommen zu sichern. Sie setzen sich dafür ein, dass der ungebetene Gast den Status eines Familienmitglieds verliehen bekommt und wenn andere Familienmitglieder antönen, dass die Ratte so schnell als möglich verschwinden muss, protestieren sie heftig. Leider ist dies die grösste Fraktion. Ihr gehören Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und das Au Pair an, hin und wieder auch der Zoowärter, wenn er sich mal wieder dazu durchringen kann, sich nun doch nicht vor dem Tier zu fürchten.

2. Die Rattengegner: Diese Gruppe will das Vieh mit allen Mitteln so schnell als möglich loswerden. Man erkennt sie an ihrem hysterischen Gekreische, an den verstohlenen Blicken auf den Balkon und daran, dass sie das Haus nur noch in Begleitung anderer Familienmitglieder verlassen. Leider ist diese Gruppe bedeutend schwächer als diejenige der Rattenversteher. Ihr gehören nur gerade Luise und meine Wenigkeit an.

3. Die Unentschlossenen: Sie können sich nicht entscheiden, ob sie das Tier, das sich da an den Grünabfällen gütlich tut, süss finden sollen, oder ob sie es doch lieber verabscheuen wollen. Hin und wieder werden sie dabei ertappt, wie sie die Meinung der Rattenversteher oder der Rattengegner nachplappern, je nachdem, wer gerade die Oberhand hat. Man müsste sie als wahre Opportunisten bezeichnen, wäre da nicht ihr zartes Alter. Weil sie aber noch so jung sind, kann man ihnen ihre Wankelmütigkeit nicht verübeln. Mitglieder dieser Fraktion sind der Zoowärter und das Prinzchen.

4. Die Rattenleugner, auch Ungläubige genannt: Die kleinste Fraktion, denn sie besteht aus einem einzigen Mitglied, nämlich „Meinem“. Der Mann behauptet standhaft, dass das Lebewesen, das uns inzwischen fast täglich besucht, keine Ratte, sondern eine Maus ist. Man mag ihn auslachen oder ihm erklären, dass eine Maus nie und nimmer so gross wird, er bleibt stur bei seiner Meinung, was sowohl den Rattenverstehern, als auch den Rattengegnern nicht so recht passen will. Während Erstere sich darüber ärgern, dass „Meiner“ sich nicht auf ihre Seite schlagen will, können Letztere nicht verstehen, weshalb er nicht endlich etwas unternimmt gegen das Vieh. Wo er doch der Einzige ist, der sich auf den Balkon begibt, ohne die Absicht, der Ratte das Leben zu erleichtern. Aber solange er glaubt, die Ratte sei eine Maus, sieht er leider keinen Handlungsbedarf. Denn vor Mäusen fürchtet sich hier niemand, nicht einmal die Rattengegner. 

Das also sind die Fraktionen, die sich spätestens seit heute Morgen aufs Heftigste bekämpfen. Schlägt die grosse Rattengegnerin schreiend und kreischend mit dem Abwaschlappen gegen die Balkontüre, um das Vieh zu vertreiben, bricht der Rattenversteher namens FeuerwehrRitterRömerPirat in Tränen aus, weil er es nicht ertragen kann, dass man seinem Liebling Angst einjagt. In hitzigen Diskussionen wird debattiert, ob eine Falle aufgestellt werden darf und wenn ja, welches Modell es sein soll. Die Grosse aus dem Lager der Rattengegner lässt sich nicht von ihrem Entschluss abbringen, eine Falle zu erstehen, muss aber die Konzession machen, dass eine Lebendfalle gekauft wird. Kaum ist die Falle gekauft, geht der Proteststurm los. „Die Falle ist ja viel zu klein. Das arme Tier kann sich darin ja nicht bewegen“, setzt sich Rattenversteher Karlsson für die Rechte des Viehs ein. „Damit wird sich die Arme doch den Schwanz einklemmen. Du bist ja so gemein!“, entrüstet sich das Au Pair. Der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt sich gar zu einem Sabotageakt hinreissen und entschärft in einem unbeobachteten Moment die Falle.

Das alles ginge ja noch, aber dass nun auch noch die Kleine aus dem Lager der Rattengegner anfängt, das Tier zu bemitleiden, geht zu weit. Ohne ihre Unterstützung wird das nie was mit dem Einfange und Aussetzen der Ratte. Da ist es doch beruhigend, dass heute Abend der Zoowärter wieder einen Schwenker in Richtung Rattengegnerschaft gemacht hat. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass die Viecher alle möglichen Krankheitserreger herumschleppen, fragte er ganz besorgt, ob sich denn die Bakterien an dem endlos langen Schwanz festkrallen würden. Was ich ihm natürlich bestätigt habe, denn im Kampf um die Meinungsvorherrschaft müssen hin und wieder ein paar Unwahrheiten sein. Sonst verliert man am Ende die Schlacht und wir bekommen ein Haustier. Und das darf nicht sein. Zumindest kein solches Haustier.

Und übrigens auch kein Solches:

Motivationsprobleme

Das mit der Vorfreude aufs neue Schuljahr war auch schon einfacher. Damals, bei Karlsson, waren wir noch vollkommen unbeschwert und hatten kein Problem damit, unser Kind für das Neue, das nach den Sommerferien beginnen würde, zu motivieren. Man wusste noch nicht, dass eine nette Lehrerin und ein nettes Kind noch lange keine Garantie waren dafür, dass die zwei sich auch verstehen würden. Im besten Fall kommt es so, wie bei Karlsson, der seine Lehrerin so sehr verehrt, dass er ihr einen Schal zum Geburtstag strickte, wie es im schlechtesten Fall kommt, will ich hier nicht weiter ausführen, aber glaubt mir, es kann ziemlich schlecht kommen. Wir wussten damals auch noch nicht, dass ein vollkommen gesundes Kind zum Problemkind abgestempelt werden kann, bloss weil es auf dem Weg zum Kindergarten mit Mandarinen jongliert. Wir wussten nicht, dass es Schulklassen gibt, in denen es immer und immer wieder zu Zoff kommt, so sehr sich die Lehrerin auch darum bemüht, für Frieden und Ordnung zu sorgen. Und wir hatten noch keine Ahnung davon, dass es Mütter gibt, die gleichgültig mit den Schultern zucken, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass ihr Sohn daran beteiligt war, ein anderes Kind aufs Gröbste zu verspotten und zu piesacken.

Heute wissen wir all das. Dazu kommt noch, dass wir inzwischen nicht mehr verhindern können, dass Luise hin und wieder lauthals über die Dinge herzieht, die ihr an der Schule nicht passen. Wir können Karlsson nicht den Mund verbieten, wenn er mal wieder findet, Hausaufgaben seien das Letzte und gehörten gefälligst abgeschafft. Und dass der FeuerwehrRitterRömerPirat es in den letzten Wochen im Kindergarten noch lernen wird, endlich fröhlich singend und rechtzeitig aus dem Haus zu gehen, können wir uns ohnehin abschminken. 

So erstaunt es auch nicht, dass das Interesse des Zoowärters gering war, als ich ihm heute verkündete, in welche Kindergartenklasse er eingeteilt worden ist. „Ich gehe im Sommer in den gleichen Kindergarten wie der FeuerwehrRitterRömerPirat“, sagte er, überlegte einen Moment lang und wollte dann wissen, weshalb ich seinen grossen Bruder eigentlich jeden Tag mit allen möglichen Mitteln dazu zwingen müsse, das Haus zu verlassen. Da ich offen gestanden auch nicht weiss, weshalb das so ist, wusste ich natürlich auch keine schlaue Antwort auf des Zoowärters Frage.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen rosigen Start in den Kindergarten. Aber „Meiner“ und ich haben es ja auch schon fertig gebracht, unseren Kindern Antibiotika-Kuren schmackhaft zu machen, ihnen in schmerzhaften Operationen Splitter aus den Füssen zu ziehen und Schmuckperlen aus der Nase zu angeln. Da sollten wir es eigentlich auch zuwege bringen, die noch fehlende Motivation zu entfachen. 

Gelassener

Spätestens seit Josef mit dem bunten Mantel weiss es die ganze Welt: Die Jüngsten – oder im Falle von Josef die Zweitjüngsten – sind verwöhnte Bengel, die bei ihren Eltern mit allem durchkommen, während die Grossen zum Viehüten verknurrt werden. Die Grossen müssen schuften und werden beim kleinsten Vergehen zusammengestaucht, die Kleinen leisten sich einen Mist nach dem anderen aber die Eltern lächeln nur milde und sagen:“Ach, er ist doch noch so klein und weiss nicht, was er tut.“ Im schlimmsten Fall fügen sie noch verträumt an: „Erinnerst du dich, als unsere Älteste mal genau das Gleiche getan hat? War sie nicht unglaublich süss, wie sie da sass, von Kopf bis Fuss mit Honig verschmiert?“ Und die Älteste erinnert sich lebhaft an die Situation: Wie Mama sie gepackt und unter die Dusche gestellt hat und sie danach für eine halbe Stunde aufs Zimmer geschickt hat, damit sie über den Unfug nachdenken kann. Macht der Jüngste das Gleiche, zückt die Mama verzückt die Kamera, lässt das Bild vergrössern und hängt es an prominenter Stelle auf, damit jeder, der das Haus betritt, sehen kann, wie süss doch der Kleine ist. 

Als jüngstes von sieben Kindern gestehe ich es ja nur ungern, aber als Mutter muss ich dennoch sagen, dass etwas dran ist an der Sache mit der Bevorzugung der Jüngsten. Auch wenn ich zugleich anfügen muss, dass es nichts, aber auch gar nichts damit zu tun hat, dass man das Jüngste mehr liebt als die Älteren. Meiner Meinung nach gibt es drei Hauptgründe, weshalb Eltern nur milde lächeln, wenn der oder die Jüngste mal wieder für Trubel sorgt:

1. Sie können gar nicht mehr anders, als milde lächeln, weil alles andere zu anstrengend wäre. Woher soll man denn bloss noch die Energie zum Rumbrüllen nehmen, wo man doch in den vergangenen zehn Jahren kaum mehr eine ganze Nacht am Stück geschlafen hat? Und zudem haut einen die hundertdritte mit Kreidezeichnungen verzierte Wand nicht mehr sonderlich aus den Socken. Denn inzwischen hat man sich damit abgefunden, dass an dem Tag, an dem der Jüngste das elterliche Nest verlassen haben wird, ohnehin die Bagger auffahren werden, um die Ruinen, die nach der Kinderzeit noch übrig geblieben sind, wegzuräumen. 

2. Sie wissen, dass es nur noch schlimmer kommen wird. Ich bin ja eine vehemente Gegnerin der doofen Redewendung „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, denn ich bin mir sicher, dass für neugeborene Eltern das pausenlose Geschrei während der ersten drei Monate ebenso belastend sein kann wie später das pausenlose Diskutieren mit dem rebellischen Teenager. Was ich aber inzwischen weiss: Es ist einfacher, wegzuhören, wenn das Prinzchen eine halbe Stunde schreit, weil er findet, es hätte zu wenig Kakao in seinem Schoppen, als der achtjährigen Luise beizubringen, dass mein Nein noch immer gilt, auch wenn sie sich schon sehr erwachsen fühlt. Nervtötend ist beides, kräftezehrend auch, aber immerhin hat man das Drama mit dem Schoppen schon mehrmals durchgestanden, während man zum ersten Mal erlebt, dass die eigene Autorität ernsthaft in Frage gestellt wird. Deshalb kann man die Sache mit dem Schoppen eben gelassener nehmen. Und deshalb steht man weniger in Gefahr, mit übertriebener Härte zu reagieren.

Diese zwei Gründe spielen eine wichtige Rolle bei der angeblichen Bevorzugung der Jüngsten. Noch wichtiger aber ist meiner Ansicht nach Grund Nummer drei: Im besten Falle lernt man nämlich im Laufe der Jahre, dass Liebe mehr bringt als Strenge. In den ersten Jahren versucht man mit starren Regeln und harten Konsequenzen das Kind zu formen, doch mit der Zeit erkennt man, dass das Ziel meist schneller erreicht wird, wenn man sich auf Augenhöhe mit dem Kind begibt und versucht, die Welt mit den Augen des Kindes zu sehen und so gemeinsam einen Ausweg aus dem ganzen Schlamassel zu finden.

Bevor ihr mich nun als Supermama betrachtet, muss ich gestehen, dass ich noch längst nicht dort bin. Auch das Prinzchen hat immer mal wieder das zweifelhafte Vergnügen, eine äusserst genervte, laute Mama zu erleben, wenn sie auch nicht mehr ganz so konsequent ist wie früher, was durchaus auch mit Grund Nummer 1 zusammenhängt. Dennoch spüre ich, wie sich allmählich eine gewisse Gelassenheit einstellt, die wenig mit Gleichgültigkeit oder Abgestumpftheit zu tun hat, sondern die vielmehr in der im Laufe der Jahre gewachsenen Überzeugung wurzelt, dass es unsere Aufgabe ist, die Kinder dabei zu begleiten, zu werden, was sie tief in ihrem Inneren schon sind. Und das geht nicht mit Zwang, sondern nur mit Liebe. Und ich hoffe doch sehr, dass von dieser veränderten Sicht nicht nur die Jüngsten profitieren, sondern dass auch die Älteren spüren, dass Mama und Papa die Dinge nicht mehr ganz so verbissen sehen wie auch schon. 

Zukunftspläne

Die männlichen Vendittis sind ausgeflogen, Luise und Mama geniessen die Zeit zu zweit. Irgendwann kommt man auf Luises Berufswunsch zu reden. Sie will später mal auf der Wöchnerinnenstation arbeiten. Ich erzähle ihr von einer Bekannten, die früher auch dort gearbeitet hat.

„Warum arbeitet sie denn nicht mehr dort?“, will Luise wissen. „Weil sie Kinder hat und auf der Wöchnerinnenstation muss man ja auch nachts arbeiten. Das ist nicht ganz so einfach, wenn man Mutter ist. Darum arbeitet sie jetzt etwas anderes“, erkläre ich. Luise überlegt einen Moment lang, dann meint sie: „Also wenn ich einmal Kinder habe, arbeite ich weiter. Ich bin doch nicht altmodisch.“ „Und was machst du mit den Kindern, wenn du nachts arbeiten musst?“, frage ich. „Dann passt mein Mann auf die Kinder auf“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Gute Idee. Der Papa soll ruhig mit anpacken. Aber was machst du tagsüber? Dann wirst du schlafen müssen und vielleicht ist dein Mann ja dann bei der Arbeit“, gebe ich zu Bedenken. „Dann zwinge ich meinen Mann eben einfach dazu, seinen Beruf aufzugeben und zu Hause zu bleiben“, sagt meine Tochter selbstbewusst und damit ist das Problem soweit für sie gelöst, dass sie sich konkreter Gedanken darüber machen kann, welcher von all den Jungs aus ihrem Bekanntenkreis in Frage kommen könnte als der Mann am Herd, der sich von seiner Frau verbieten lässt, berufstätig zu sein.

Bevor sich nun die Antifeministen auf mich stürzen, muss ich betonen, dass Luise diese Meinung nicht von mir hat. Ich bin und bleibe ja der Überzeugung, dass es der Welt am besten ginge, wenn Frau und Mann miteinander statt gegeneinander arbeiten würden.  Eine Haltung, die den Antifeministen zwar nicht besser gefallen wird als diejenige von Luise, aber welche nur halbwegs vernünftige Frau möchte denn denen gefallen?

Der Prinz und die Kaninchen

Nachbars haben mal wieder junge Kaninchen und natürlich können die Kinder nicht genug davon kriegen, sie zu beobachten und sie mit Löwenzahn zu füttern. Das alles kann ich bestens verstehen, sind die Tierchen doch tatsächlich hinreissend.  Das Prinzchen aber geht mir schon ein wenig zu weit mit seiner Kaninchenliebe. Da zieht er sich im Treppenhaus die Sandalen an, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er Grosses vorhat. „Wohin gehst du denn?“, frage ich ihn. „Gangi Häsli frässe“, gibt das Prinzchen fröhlich zur Antwort und kann gar nicht verstehen, weshalb Mama findet, die Nachbarn würden sich wohl nicht allzu sehr darüber freuen, wenn ein süsser kleiner Prinz einfach so, ohne zu fragen, fünf süsse kleine Kaninchen auffrisst. 

Obschon der Hinweis auf frisches Kaninchenfleisch, der früher jeweils am Gehege hing, darauf schliessen lässt, dass das Prinzchen gar nicht so sehr danebenliegt, was das Schicksal der Kleinen anbelangt…

Geschwister

Der Zoowärter will mit Luise, aber Luise will nicht mit dem Zoowärter, sondern mit dem Prinzchen, aber das Prinzchen will lieber mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und der will auch mit dem Prinzchen, aber es geht trotzdem nicht, weil jetzt der Zoowärter mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will, da ja Luise bekanntlich nicht mit dem Zoowärter will und Karlsson möchte auch irgendwie, aber er kann sich nicht entscheiden, ob er mit Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten will oder doch lieber nur mit Luise alleine, die aber nicht mit Karlsson will, weil sie sich immer noch erhofft, dass das Prinzchen dann vielleicht doch noch mit ihr will, wenn er die Nase voll hat vom FeuerwehrRitterRömerPiraten, aber Luise wartet vergeblich und darum entschliesst sie sich dazu, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten eins überzubraten, um ihn so ausser Gefecht zu setzen, damit sie endlich mit dem Prinzchen kann, aber der will jetzt erst recht nicht mit Luise, weil diese ihm das schöne Spiel mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten vermasselt hat und darum brät das Prinzchen dem Zoowärter eins über, warum weiss niemand so richtig, vermutlich lag es nur daran, dass der Zoowärter gerade zur falschen Zeit am falschen Ort war. Jetzt will der Zoowärter erst recht zu Luise, denn die kann so schön trösten, aber Luise will momentan mit gar keinem mehr, denn sie ist eingeschnappt, dass das Prinzchen nicht mit ihr will. Karlsson entschliesst sich nun endlich dazu, dass er doch am liebsten nur mit Luise will, aber Luise muss zuerst noch eine Runde schmollen, bevor sie sich dazu entschliessen kann, mit Karlsson zu wollen. Und weil Karlsson und Luise plötzlich so viel Spass haben, wollen nun auch der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter mit ihnen, was erstaunlicherweise eine ganze Weile lang gut geht, bis der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch mit Karlsson und Luise, nicht aber mit dem Zoowärter will, worauf der Zoowärter eingeschnappt ist und sich von Luise, die nun unbedingt mit ihm will, trösten lässt, was wiederum Karlsson nicht passt, der eigentlich am liebsten nur mit Luise möchte und die andern nur hat mitmachen lassen, damit Luise auch will. Aber jetzt will Luise nicht mehr, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPiraten wollen schon noch, aber nicht mehr miteinander, sondern nur noch einer von beiden, aber sie können sich nicht entscheiden, welcher denn ausscheiden muss, also befiehlt Karlsson, wer noch darf und wer nicht, worauf beide heulen und bald darauf heule alle durcheinander, obschon keiner wirklich zu wissen scheint, weshalb und weil das gemeinsame Geheul so schön ist, stimmt auch das Prinzchen mit ein und bald wollen alle nur noch das Eine: Zu Mama, und zwar bitteschön ohne diese lästigen Geschwister.

Davon haben wir doch geträumt

Davon haben wir doch alle geträumt, als wir zum ersten Mal dieses unbeschreibliche Flattern in unserem Bauch verspürten, das uns unmisserverständlich klar machte, dass da tatsächlich etwas Lebendiges in uns heranwächst. „Hach, wird das himmlisch sein, wenn das kleine Wesen erst auf der Welt ist und damit anfangen wird, sich mit seinem grossen Bruder zu zanken“, haben wir geseufzt und uns liebevoll über den Bauch gestreichelt. „Ich kann es kaum erwarten, bis das Kleine gross genug ist, damit ich es beim Mittagessen anbrüllen kann, es solle gefälligst die Füsse vom Tisch nehmen, ich hätte ihm das jetzt schon hundertmal gesagt. Und wenn dann erst mal der Tag kommt, an dem ich es aufs Zimmer verbannen darf, weil es zuerst mit Absicht einen Teller zerschlagen, mich angemotzt und dann auch noch die Tür geknallt hat. Und ich will doch hoffen, dass es bereits am ersten Schultag sein Schulheft zerreisst vor lauter Wut über die Schule. Wäre doch schade, wenn es damit warten würde bis zur Pubertät…“ Verträumt haben wir ins Leere gestarrt und uns ausgemalt, wie schön es doch mal werden würde, wenn die Kleinen erst gross genug wären, ihren ersten Trotzanfall zu kriegen, wenn sie endlich stark genug wären, den kleinen Bruder zu verdreschen, wenn sie damit aufhören würden, das Köpfchen schief zu legen um uns zuckersüss anzulächeln und uns stattdessen endlich hinter dem Rücken die Zunge herausstrecken würden.

Aber wie es so ist mit dem Elternsein, wir mussten zuerst das gewöhnliche Weichspülprogramm von klebrigen Küssen, sehnsüchtigen „Mamaaaaa ich liiiiieeeebe dich!“-Rufen und zärtlichen Kuschelrunden durchstehen, bevor wir endlich bekommen konnten, wovon wir in unseren schönsten Träumen nicht zu träumen wagten. Auch bei uns hat es länger gedauert als erhofft. Heute, nach einem Tag voller „Willst du jetzt endlich mal zuhören!“, „Jetzt hörst du sofort auf damit oder ich schicke dich auf dein Zimmer!“ und „Wisch das augenblicklich wieder auf, bevor sich einer den Fuss verletzt an den Scherben!“ bin ich aber zuversichtlich, dass sich mein Leben so ganz allmählich meinem Wunschtraum von damals nähert.

Ihr dürft mich getrost eine Memme schimpfen..

… aber nachdem ich mir in meiner Kindheit einen ganzen Tag lang das schreckliche Geräusch anhören musste, das zwei Katzen verursachen, wenn sie unter einem Küchenschrank eine Ratte zerkauen, ….

… nachdem mir eines Morgens die grosse Schwester schreckensbleich erzählte, ihr sei in den frühen Morgenstunden eine Ratte über das Gesicht gerannt,…

… nachdem die grässliche Ratte, die mein grosser Bruder sich als Haustier angeschafft hatte, den Nachbarjungen in den Finger gebissen hatte und ich dafür geradestehen musste, obschon ich ihm gesagt hatte, er solle nicht so doof sein, den Finger durch das Gitter zu stecken,…

… nachdem ich viele Jahre nach meinen Auszug aus dem Elternhaus erfahren musste, dass man beim Umbau zwischen den Bodenbrettern mumifizierte Ratten gefunden hatte, die wohl damals, als ich ein Kind war, noch frisch und fröhlich im Haus herumgerannt waren,…

… nach all dem kann ich nicht anders, als laut zu kreischen, wenn das Ding, das über den Balkon huscht, kein Spatz, sondern eine wohlgenährte Ratte ist. 

Es wird euch wohl kaum verwundern, dass ich aufgrund meiner Erfahrungen fürchtete, das Au Pair werde sogleich mit Sack und Pack losziehen und sich eine neue Bleibe suchen. Wo ich doch genau dies tun würde, wenn ich könnte. Dass sie dann voller Entzücken dabei zusah, wie das Vieh sich an unseren Grünabfällen gütlich tat, konnte ich nicht nachvollziehen, aber es beruhigte mich sehr. Möchte ich doch nur sehr ungern, dass sie von uns weggeht, wo wir uns so prächtig miteinander verstehen. 

Vielleicht findet ihr es ziemlich übertrieben von mir, dass ich heute nicht nur keinen Fuss mehr auf den Balkon setzte, sondern mich auch bis zum Abend weigerte, das Haus zu verlassen. Und vermutlich denkt ihr, ich sei ein ziemlich humorloser Mensch, weil ich er überhaupt nicht lustig fand, dass Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat behaupteten, sie hätten die Ratte ins Haus huschen sehen und sie befinde sich jetzt im Schlafzimmer. Möglicherweise findet ihr es auch ungerecht, dass ich ein wenig sauer bin auf „Meinen“, der nach Feierabend nicht unverzüglich die Grünabfälle entsorgt hat, um die Ratte in Zukunft vom Balkon fern zu halten. Aber ihr müsst mich schon auch verstehen: Nachdem der Mann vor zwei Tagen so heldenhaft unsere Vorräte befreit hat, erwarte ich natürlich weitere grosse Taten von ihm. Vermutlich findet ihr es auch vollkommen übertrieben, dass ich heute Abend nicht gerne zu Bett gehe, weil ich mich vor Rattenträumen fürchte. 

Es ist nun mal so: Ich habe heute meinem Kindheitstrauma in die Augen sehen müssen. Und auch wenn ich zugeben muss, dass diese Augen ganz hübsch sind, vom Schwanz her gesehen ist das Vieh so abstossend, dass ich auf seinen Anblick – und auch auf seine (un)heimlichen Besuche – ganz gerne verzichten würde.

Vandalen

Okay, als Mutter von fünf Kinder bin ich mir ja einiges an Zerstörungswut gewöhnt. Eingeschlagene Fensterscheiben, einarmige Playmobil-Figuren, enthauptete Barbies, Rutschautos, die auf den Felgen fahren, Bilderbücher mit zerfetzten Seiten, zerkratzte CDs…  Alles nichts Neues. Aber wie ein Zweijähriger und ein Vierjähriger es zustande bringen, mit brachialer Gewalt einem Klavier fünf Tasten auszureissen – und ich meine damit wirklich ausreissen – dafür fehlt mir die Vorstellungskraft. Offen gestanden fehlt mir dafür auch das Verständnis und Karlsson, der eben erst mit Klavierspielen angefangen hat, ebenso.

Wo wir schon beim Vandalismus sind, muss ich euch aber auch gestehen, dass ich es doch tatsächlich geschafft habe, Kinderwagen Nummer 7, den ich eigentlich noch für meine Enkelkinder hätte brauchen wollen, zu überfahren. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe das Ding tatsächlich mit unserem allerliebsten himmelblauen Auto überfahren und einige Meter mitgeschleppt, bevor ich realisierte, dass es nicht an der angezogenen Handbremse liegen konnte, dass das Auto einfach nicht vom Fleck kommen wollte. Die Sache ist ebenso ärgerlich wie die Sache mit dem Klavier, aber immerhin gibt es einen Grund dafür: Hausfrauenstress. Und wenn das kein Grund ist für Vandalismus – beabsichtigten und unbeabsichtigten – was denn sonst?