Schlaf, Philipp, schlaf!

„Filit au flaffe?“, will das Prinzchen seit einigen Tagen wissen, wenn ich ihn ins Bett lege. Egal, ob Vormittag, Nachmittag, Abend oder späte Nacht, stets muss sich das Prinzchen vergewissern, dass Philipp auch tief und fest schläft, sonst legt er sich nicht hin. Warum ausgerechnet Philipp? Keine Ahnung. Er hat wohl gerade an einen der vielen Philipps aus unserem Bekanntenkreis gedacht, als ich ihm sagte, dass jetzt alle schlafen würden und deshalb ist es ihm nun ein grosses Anliegen, nur dann zu schlafen, wenn auch Philipp schläft.

Nun kann ich natürlich unmöglich jedes Mal, wenn das Prinzchen müde ist, nachfragen, ob Philipp  jetzt auch schläft. Zumal ich gar nicht weiss, welchen Philipp das Prinzchen meint. Wir kennen nämlich ziemlich viele davon. Aber meinem Kind einen Bären aufbinden möchte ich auch nicht. Sein „Bä!“ ist schon riesig genug. Also bitte ich eben sämtliche Philipps, mit denen das Prinzchen je in seinem Leben zu tun hatte und haben wird, sie möchten etwas häufiger schlafen. Vorzugsweise abends von sieben bis morgens um sieben, von elf bis halb eins und hin und wieder vielleicht auch kurz von drei bis vier Uhr nachmittags. Es würde mein Gewissen sehr entlasten, wenn ich mein Prinzchen nicht so oft anlügen müsste.

Eigentlich schade, dass ich nicht Philipp heisse. Ein bisschen mehr Schlaf könnte nicht schaden.

Mustermütter

„Als meine Kinder kleiner waren, da lief das bei uns immer so: Ich spielte den ganzen Tag mit den Kindern, verbrachte Stunden draussen in der freien Natur, ganz egal, ob es regnete, schneite oder hagelte, dann gingen wir nach Hause, kuschelten auf dem Sofa, erzählten Geschichten und dann, pünktlich um acht war Feierabend. Und mit Feierabend meine ich wirklich Feierabend. Da kam keiner aus dem Bett geschlichen, um noch etwas zu trinken oder um zu sagen, er hätte Angst, oder um nochmals schnell aufs WC zu gehen. Nein, dann herrschte absolute Ruhe bis morgens um acht.“

„Genau so läuft das bei uns auch“, pflichtet eine jüngere Mutter bei. „Meine Kinder sind zwar noch sehr klein, aber wir machen das alles genau so. So viel wie möglich draussen sein, eine vollwertige Zwischenmahlzeit, dann Geschichten erzählen, vielleicht noch ein wenig basteln, Abendessen, kuscheln und ab ins Bett. Und dann absolute Ruhe. Weil meine Kinder ganz genau wissen, dass ich absolut konsequent bin und sie nach acht nichts mehr von mir bekommen.“

Nebendran steht noch eine junge Mutter, die zwar nichts sagt, die aber immer wieder zustimmend nickt, weil sie all das, was gesagt wird, voll und ganz unterschreiben kann. Denn auch bei ihr läuft immer alles wie im Erziehungsratgeber, ja, vielleicht sogar noch besser.

Und dann bin da ich und höre zu. Aufs Mitreden verzichte ich lieber, seit Jahren schon. Zuerst, weil ich mich schämte, denn bei mir lief es nie wie im Erziehungsratgeber. Waldspaziergänge endeten meistens in einer kleineren Katastrophe, weil einer sich das Knie aufschlug, der andere nicht mehr laufen mochte. Geschichten erzählten wir zwar stundenlang, aber immer erst dann, wenn auch Papa zu Hause war, der verhindern konnte, dass die Kleinsten das Buch zerfetzten. Wenn nach Feierabend sogleich Ruhe herrschte, dann wussten wir, dass etwas nicht stimmte, denn dann waren die Kinder wohl wieder dabei, das Bett heimlich, still und leise zu demolieren (ist tatsächlich einmal vorgekommen, ich schwör’s) oder sonst irgend eine Untat auszuhecken. Weil ich damals, als ich noch jung und naiv war, glaubte, dass wir tatsächlich die einzige Familie seien, in der die Dinge hin und wieder nicht wie im Erziehungsratgeber liefen, schwieg ich lieber, als mich als inkompetente Mutter zu outen.

Dann kam eine Phase, in der ich versuchte, auf die weniger friedlichen Seiten des Familienlebens hinzuweisen, was aber bei den Mustermüttern schlecht ankam, worauf ich bald wieder schwieg. Mit Mustermüttern legt man sich besser nicht an, die können nämlich ziemlich bösartig werden, wenn man ihre heile Welt in Frage stellt.

Auch heute schwieg ich wieder einmal, als die Mustermütter von ihrem konfliktlosen, perfekten Familienleben schwärmten. Nicht aus Scham, nicht aus Angst, nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich, hätte ich den Mund geöffnet, nur einen einzigen Satz hätte sagen können: „Und jetzt noch die ungeschminkte Version, bittschön.“

Déformation professionelle

Was haben wir damals gelacht, als meine älteste Schwester ihrem Mann, als er zur Arbeit gehen wollte, noch Nuschi und Schoppenflasche in die Hand drücken wollte. Damit auch Deutsche Leser mitlachen können, sei gesagt, dass es sich bei einem Nuschi um ein Schmusetuch und bei der Schoppenflasche um ein Babyfläschchen handelt. Und nicht etwa, wie unser Au-Pair neulich anmerkte, um ein Feierabendbier. In der Schweiz ist der Schoppen nämlich den Babys vorbehalten. Nun, wie dem auch sei, wir damals noch Kinderlosen fanden, unsere Schwester sei ganz schön durchgeknallt und bräuchte vielleicht mal wieder einen Szenenwechsel.

An dieses hochnäsige Urteil wurde ich heute Morgen mal wieder erinnert, als das Au-Pair sich und das Prinzchen ausgehfertig machte. Das Prinzchen war schon geputzt und gestriegelt – bis auf die Überreste seiner laufenden Nase, die er sich einfach nicht wegmachen lassen will, sondern lieber mit Stolz zur Schau trägt – und auch das Au-Pair musste sich nur noch eine Jacke anziehen. Während wir noch kurz den weiteren Ablauf des Tages besprachen und ich mich mit irgendwelchem Kleinkram beschäftigte, quälte sich das Au-Pair mit einem verklemmten Reissverschluss ab. Was in meinem Kopf offenbar sofort Alarm auslöste: „Achtung Achtung! Verklemmter Reissverschluss! Sofort helfend eingreifen, sonst kommt das Kind zu spät zur Schule. Oder schlimmer noch, es kriegt einen Tobsuchtanfall…“ Dass da vor mir kein Kind sondern eine äusserst selbständige junge Frau steht, wurde meinem Gehirn erst gemeldet, als ich schon die helfende Hand ausgestreckt und ein mütterliches „Soll ich dir helfen?“ ausgesprochen hatte.

Zum Glück hatte der Reissverschluss inzwischen seine Verklemmtheit abgelegt, sonst wäre unser armes Au-Pair in den Genuss einer Reissverschluss-Rettungsaktion à la Mama Venditti gekommen. Und die, so muss ich zu meiner Schande gestehen, enden meistens damit, dass der Reissverschluss im Eimer ist.

So läuft das von nun an

Nach meinem Gejammer von letzter Woche, es sei bei uns arbeitstechnisch alles aus dem Lot geraten, habe ich die Konsequenzen gezogen und erkläre hiermit den Dienstagmorgen zwischen 9:15 und 10:30 zu meiner Freizeit. Denn ich bin in genau die Falle getappt, in die sie fast alle tappen, die Mütter, die nach Jahren der Aufopferung endlich mal wieder ein klein wenig Freizeit haben könnten, sie aber nicht haben, weil sie jede freie Sekunde sofort mit Arbeit füllen. Damit ist ab heute Schluss bei mir: Ab sofort, wenn nichts Wichtigeres dazwischenkommt, werde ich am Dienstagmorgen nur noch tun, was ich will. Ich werde Schwarztee trinken anstelle von diesem unglaublich langweiligen Kaffee, auch wenn mich das Zeug furchtbar nervös macht. Ich werde Zeitung lesen, vielleicht gar ein Buch, falls ich Lust habe, werde ich bloggen, falls nicht, verschiebe ich es eben auf später, sollte die Sehnsucht nach Arbeit übermächtig werden, werde ich arbeiten, ich werde mich mit Freundinnen verabreden und vielleicht, so Prinzchen will, werde ich mich hin und wieder für ein paar Momente hinlegen und den Dienstag geniessen. Also natürlich keine Sekunde länger als von 9:15  bis 10:30 Uhr.

Das alles werde ich tun, sobald ich die Druckerpatrone ausgewechselt, die Dokumente ausgedruckt, die paar Briefe zum Versand bereit gemacht, das Papier gebündelt und an die Strasse gestellt, die Küche aufgeräumt und das Prinzchen gewickelt habe. Bin ich nicht ein unglaublich mutiger Mensch, der auch vor grossen Veränderungen nicht zurückschreckt?

P.S. Eigentlich sollten hier in diesem Text ein paar Passagen durchgestrichen sein, aber Word Press scheint nicht damit einverstanden zu sein. Weil ich nach zehn Versuchen jetzt aber keine Lust mehr habe, mich mit Word Press herumzuplagen, müsst ihr euch eben selber denken, was hier durchgestrichen sein könnte und was nicht. Immerhin ist Dienstagmorgen und ich habe Wichtigeres zu tun…

Nichts anzuziehen

Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich habe ich eine Ähnlichkeit zwischen dem Zoowärter und mir entdeckt. Der Junge ist nämlich seinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten und auch in seiner Art scheint er wenig von mir mitbekommen zu haben. Hin und wieder habe ich mir schon Sorgen gemacht, ob ich meinem Zweitjüngsten je etwas werde abschlagen können, wenn er erst mal gross ist. Wo ich doch schon dem Charme seines Vaters nicht habe widerstehen können. Ich habe mich auch schon gefragt, ob es eine Art Mutterschaftstest gibt, damit ich mir auch ganz sicher sein kann, dass er von mir ist. Seit diesem Sommer aber gibt es gar keinen Zweifel mehr: Ich bin des Zoowärters Mutter, genauso sicher wie „Meiner“ des Zoowärters Vater ist.

Der Beweis meiner Mutterschaft liegt im Kleiderschrank. Genauer gesagt würde er im Kleiderschrank liegen, wenn denn nicht der Zoowärter meine blöde Angewohnheit geerbt hätte, stets in den gleichen Klamotten rumzulaufen. Kaum ist das Zeug trocken, hat er sie schon wieder am Leib. Wenn er denn überhaupt warten mag, bis die Dinger trocken sind. Zuweilen zieht er sie auch nass an, Hauptsache, er kann seine Lieblingskleider tragen. Genau wie ich also. Einzig im Stil unterscheiden wir uns geringfügig. Während ich abwechsle zwischen bodenlangem Hippie-Rock, Schlabberjeans mit geblümter Bluse, wild gemustertem Sommerkleid und pinkfarbener Hose, die schon bessere Tage gesehen hat, sind es beim Zoowärter die Fussballtrikots, die er seit der Fussball-WM abwechselnd trägt. Heute Italien, morgen Schweiz, übermorgen Brasilien, dann wieder zwei Tage Italien, Schweiz, etc. Meist begrüsst er mich morgens noch bevor er richtig wach ist mit der Frage „Ist mein Italien T-Shirt schon trocken?“ Ich glaube, ich habe ihn seit drei Monaten nie mehr ohne Fussball-Shirt gesehen. Und ich glaube, mich hat man seit ebenfalls drei Monaten nie mehr ohne eine der oben genannten Kombinationen gesehen.

Zwei Unterschiede gibt es allerdings auch in Sachen Kleidung. Während es wohl kaum ein stilloseres Kleidungsstück gibt als ein Fussball-Trikot, lege ich viel Wert auf Stil. Gut, „Meiner“ findet dennoch, er könne das Zeug langsam nicht mehr sehen, wann ich mir denn endlich neue Kleider zulegen würde. Aber trotzdem: Rosa geblümt ist doch eindeutig schöner als rot mit Schweizerkreuz, nicht wahr? Der andere Unterschied liegt in der Auswahl. Während nämlich der Zoowärter auf eine Unmenge wunderschöner T-Shirts zurückgreifen könnte – mit Walen, mit Tigern, mit bunten Streifen, mit Giraffen und sogar eins oder zwei mit Bob the Builder – trage ich stets die gleichen Fetzen, weil ich eben nicht anderes habe. Denn trotz aller Ähnlichkeit in Sachen Kleidern, in den Chromosomen unterscheiden wir uns eben ganz grundlegend, der Zoowärter und ich. Und da bin ich als Frau nun mal dazu verdammt, nichts zum Anziehen zu haben. Während der Zoowärter eigentlich anders könnte, wenn er denn wollte

Schimpfnamen

Jedes unserer Kinder hat zwei Vornamen. Weil wir das einfach schön finden. Weil man so in der Schweiz ganz unkompliziert seinen Namen ändern kann, wenn einem der von den Eltern gewählte erste Vorname nicht passt. Nun ja, zumindest wenn man den zweiten Namen besser mag als den ersten. Weil es so viele schöne Namen gibt und so wenig Kinder, die man mit schönen Namen versehen kann. Okay, ich geb’s ja zu, beim dritten Jungen wurde es langsam aber sicher schwierig mit den schönen Namen, beim vierten Sohn erst recht. Zumal wir noch eine ganze Liste mit wunderbaren Mädchennamen hatten, die noch immer auf eine Besitzerin warten. Aber man kann ja nicht mittendrin mit den Doppelnamen aufhören und so strengten wir uns eben ganz gewaltig an, um auch unsere zwei jüngsten Söhne mit je zwei Namen zu versehen, die unsere Herzen höher schlagen liessen.

Hätte ich mir doch bloss nicht diese blöde amerikanische Sitte zu eigen gemacht, beim Schimpfen das Kind mit Vor-, Mittel- und Nachnamen anszusprechen. Dann würde wohl kaum je einer an die Mittelnamen denken. Aber weil ich mir aus meinem Austauschjahr in Amerika ausgerechnet eine blöde Angewohnheit mit nach Hause nehmen wollte, tönt es heute etwa so, wenn ich mit meinen Kindern schimpfe: „Karlsson Josef* Venditti, jetzt hörst du augenblicklich damit auf, deine Schwester in den Hintern zu treten.“ Oder „Zoowärter Johannes Venditti! Es reicht jetzt mit deinem Gebrüll!“ Oder „Luise Daisy Venditti! Diesen Ton will ich nie wieder hören!“ Ganz besonders oft tönt es so: „FeuerwehrRitterRömerPirat Jakob Venditti! Zieh dich augenblicklich an, putz dir die Zähne und dann ab in den Kindergarten!“ Das liegt nicht etwa daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ungezogener wäre als seine Geschwister, sondern daran, dass er viel konsequenter weghört, wenn Mama mit ihm schimpft. Und so kommt es eben, dass der Name Jakob deutlich öfter fällt als alle anderen Mittelnamen.

Was zur Folge hat, dass das Prinzchen, der seinen Mittelnamen übrigens noch äusserst selten zu hören bekommt, das Wort „Jakob“ für ein Schimpfwort hält. Woran ich das gemerkt habe? Nun, zum Beispiel daran, dass das Kerlchen, wenn die Duplosteine nicht aufeinander passen wollen, leise vor sich hin schimpft: „Mist! Jaggob! Bouet nöd.“ Was etwa so viel heissen soll wie „Mist! Jakob! Ich kann das Zeug nicht zusammenbauen!“ Oder er brüllt seine Schwester an: „Nei, Luise Jaggob! Höööö uuffff!“ womit er sagen will, Luise solle „zum Jakob nochmal“ endlich damit aufhören, ihm auf die Nerven zu fallen.

So ganz wohl ist mir nicht bei der Sache. Klar, ich bin froh dass das Prinzchen noch nicht mit Fäkalien um sich wirft – also, ich meine jetzt natürlich im verbalen Sinn -, aber so langsam fürchte ich, dass es dem FeuerwehrRitterRömerPiraten etwas zu schaffen macht, dass sein schöner Mittelname zum Schimpfnamen verkommt. Ob ich dem Kleinen vielleicht doch ein paar wüste Schimpfwörter beibringen soll? Natürlich nur, damit sein grosser Bruder nicht später beim Psychiater darüber jammern muss, man hätte ihn nicht geliebt.

* Alle Mittelnamen geändert. Ihr glaubt doch nicht etwa, dass ich die hier preisgebe, oder?

Zehn Merkmale eines guten Au-Pairs

Du weisst, dass du das richtige Au-Pair eingestellt hast, wenn…..

… du beim Monsterwocheneinkauf die 18 Milchflaschen nicht mehr einzeln ins Auto stellen und zu Hause einzeln die Treppe hochschleppen musst, weil endlich jemand dafür sorgt, dass genügend Einkaufstaschen mitkommen.

… du auf einmal ein Nuggi-Depot in der Küche hast, so dass du diese elenden Schnuller nicht immer suchen musst.

… dir bei der Menüplanung nicht vorgeschlagen wird: „Mach doch mal Hamburger mit Pommes. Oder Chicken Nuggets. Oder wie wär’s mit Hot Dogs?“

… dir bei der Menüplanung vorgeschlagen wird: „Wollen wir mal diese gebratenen Nudeln mit viiiiieeeeel Gemüse kochen? Die sehen lecker aus…“

… du mit Luise, Prinzchen und Au-Pair einen völlig entspannten Ausflug nach Bern machst und dabei nicht ein einziges Mal bei einem dieser absolut billigen, doofen Tussi-Kleiderläden stehen bleiben musst.

… das Au-Pair bei genau den Shops ins Schwärmen gerät, wo du auch selber kaum mehr den Ausgang findest.

… du nur kurz die Augen verdrehen musst und das Au-Pair weiss, über wen du gerade lachen möchtest, es aber nicht tun darfst, weil sonst Luise lauthals ruft: „Schau mal Mama, die hat aber doofe Schuhe an!“

… du dir nicht anhören musst, dass „meine Mama das aber viel besser im Griff hat“ als du.

… es dem Zoowärter egal ist, ob Mama oder das Au-Pair ihm den Hintern sauber macht.

… du herausfindest, dass du dir bei La Redoute soeben die gleichen Schuhe bestellt hast, wie das Au-Pair sich vor einiger Zeit gekauft hat. Bloss dass deine pink sind und ihre hellbraun.

Gedankenkarussell

Gab es ein Leben davor? Und gibt es ein Leben danach? Also, ich meine vor dem Windeleimer. Und nach dem Windeleimer.

Warum sind dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die Regeln der Kindergärtnerin heilig, die Regeln der Eltern aber ein zu ignorierendes Ärgernis?

Warum erfahre ich am Elternabend im Kindergarten nur, was mein Kind nicht tun darf, was wir Eltern bleiben lassen sollen und was der Lehrerin nicht passt? Wo sind sie bloss geblieben, die Zeiten als man zum Einstieg stimmungsvolle Bilder aus dem Kindergartenalltag anschauen durfte? Bilde ich es mir bloss ein, oder gab es da mal eine Zeit, als die Augen einer Kindergärtnerin noch leuchteten, wenn sie von ihren kleinen Schützlingen erzählte?

Geht es als Pause durch, wenn man während der Arbeitszeit zwanzig Minuten lang mit einer Freundin am Telefon Geschäftliches und Privates vermischt? Oder muss man sich danach trotzdem noch eine Pause gönnen?

Ist man durchgeknallt, wenn man sich fragt, ob man sich eine Pause gönnen muss?

Warum lassen sich kleine Jungs die Zähne erst dann widerstandslos putzen, wenn man ihnen diese doofe Geschichte von den Bakterienräubern erzählt hat?

Hat der FeuerwehrRitterRömerPirat tatsächlich seinen ersten Wackelzahn, oder bildet er sich dies bloss ein, weil er heute beim Schulzahnarzt war?

Gibt es eine Vereinbarkeit von Lesen und Schreiben? Oder muss man sich für das eine entscheiden und das andere lassen?

Warum schwirren die Wespen ausgerechnet dann herum, wenn das Jahr am schönsten ist? Können die nicht warten, bis ich mich wieder freiwillig in meine Höhle zurückziehe?

Und schliesslich noch meine Frage aller Fragen: Wäre ich auch ich, wenn ich nicht ich, sondern jemand anders wäre?

Aus dem Lot geraten

Es ist mal wieder soweit. Die Balance stimmt nicht mehr. Woran ich das merke? Zuerst einmal an der Tatsache, dass sich die unerledigten Aufgaben – oder die Pendenzen, wie wir Schweizer diese zu nennen pflegen – auf meinem Bürotisch stapeln. Ein zweites Indiz ist meine Lautstärke. Je lauter ich werde, umso deutlicher ist, dass ich gestresst bin. Zurzeit bin ich sehr laut. Nun gut, ich wäre sehr laut, wenn meine Stimme mitmachen würde. Macht sie aber nicht und deshalb versagt sie bei jeder zweiten Schimpftirade. Was mich zu einem weiteren untrüglichen Zeichen führt: Meine Gesundheit ist mal wieder angeschlagen. Nein, krank bin ich nicht. Aber gestern ein Kratzen im Hals, heute ein schmerzendes Knie und morgen ein kleines bisschen Kopfweh sprechen eine deutliche Sprache.

Hatte ich mir bis gestern Abend noch einreden können, es sei alles gar nicht so schlimm, habe ich mir heute Nachmittag den ultimativen Beweis geliefert, dass da wiedermal austariert werden muss. Es war halb fünf, das Au-Pair hatte Pause, Luise musste ins Ballett gefahren werden, ich wäre theoretisch im Büro am Arbeiten gewesen und von „Meinem“, der die Situation hätte retten sollen, fehlte jede Spur. Wäre alles im Lot, so hätte ich ihn angerufen und ihn freundlich gefragt, wann er denn heute heimkomme. Aber weil nichts im Lot ist, klang das dann etwa so: „Wo zum Donnerwetter steckst du? Hast du denn vergessen, dass Luise ins Ballett muss? Jetzt sitze ich wieder in der Tinte, bloss weil du mir nicht gesagt hast, dass du eine Besprechung hast…“ Das alles in einer Lautstärke, dass die Kinder in Deckung gingen und der Gesprächspartner von „Meinem“ wohl auch.

Nachdem ich das Telefon wütend in die Ecke geknallt hatte, war mir klar: Es muss geredet werden. Die neuen Stundenpläne, der neue Arbeitsort, die Zusatzaufgaben und so weiter haben alles auf den Kopf gestellt. Lebten wir vor den Sommerferien die beinahe perfekte Balance von Familie, Arbeit, Lernen  und Haushalt, habe ich im Moment das Gefühl, als seien wir blutige Anfänger im Jonglieren der verschiedenen Aufgaben. Und weil „Meiner“ und ich immer eine gewisse Zeit brauchen, bis wir merken, wo der Hund begraben liegt, ist es einmal mehr dazu gekommen, dass ich die völlig unausgeglichene Mama-Hausfrau-Vereinsaktuarin-Ehefrau-Bloggerin-Möchtegernmehrautorin bin. Meine Traumrolle, die mir aber so unausgeglichen gar nicht passt. Und „Meinem“ und den Kindern wohl auch nicht, obschon ich aus Angst vor der Antwort gar nicht erst fragen mag.

Also gibt’s nur eins: „Meiner“ und ich müssen mal wieder reden. Vielleicht auch zweimal oder dreimal. Vielleicht auch öfter, so lange, bis die Balance wieder stimmt und „Meiner“ nicht mehr davor zittern muss, einen Anruf von mir entgegenzunehmen.

Bilderbuchtag

Ja, auch die gibt es hier. Selten zwar, aber dafür sind sie umso schöner.

Die Tage, an denen Luise und das Tageskind so sehr in ihr Puppenspiel vertieft sind, dass das Tageskind gar nicht erst auf den Gedanken kommt, seine Mama zu vermissen.

Die Tage, an denen Karlsson fast ganz ohne Mamas Hilfe Zimtwecken backt – unser Karlsson isst die Dinger zum Glück nicht nur in rauhen Mengen, er macht sie auch in einer Menge, dass die ganze Familie davon satt wird – und einen Hefeteig zustande bekommt, der so schön glatt und weich ist wie ein frisch gewaschener Babypo.

Die Tage, an denen der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat den Altweibersommer auf der Schaukel geniessen und so laut singen, dass ich aus lauter Gewohnheit panisch in den Garten renne, weil ich meine, einer sei am Heulen.

Die Tage, an denen der FeuerwehrRitterRömerPirat sagt: „Mama, ich möchte einen Zvieri essen. Haben wir etwas, was nicht zu süss ist?“ Und als ich ihn frage, ob er nicht einen Pfirsich und ein paar Trauben essen möchte, die Antwort bekomme: „Nein, in den Früchten drin hat’s ja auch Zucker. Ich meine etwas, was die Zähne überhaupt nicht kaputt macht.“

Die Tage, an denen Karlsson und Luise alleine und ohne sich zu streiten ins Dorf ziehen, um Butter und Kardamom – „und Hagelzucker Mama, den Hagelzucker dürfen wir auch nicht vergessen!“ – zu kaufen. Und wenn man ihnen erklären will, wo sie alles finden, bekommt man die folgende freundliche Antwort: „Wir finden uns schon zurecht. Du musst uns nicht alles erklären. Und wenn wir etwas nicht finden, dann fragen wir eben.“

Die Tage, an denen das Au-Pair mit dem frisch ausgeschlafenen und fröhlichen Prinzchen loszieht, um seine Herbstgarderobe einzukaufen.

Die Tage, an denen ganz unerwartet ein ausgedehnter Mittagsschlaf drin liegt.

Die Tage, an denen „Meiner“ sich auf dem Dach der Garage eine Stunde lang in die Zeitung vertiefen kann, ohne nur einmal von einem quengelnden Kind gestört zu werden. Und was daran fast noch erstaunlicher ist: Auch ich, die ich in dieser Zeit eigentlich die Aufsicht hätte, werde nicht von quengelnden Kindern gestört, sondern höchstens von äusserst zufriedenen kleinen Vendittis hin und wieder um ein Sandwich oder um einen Rat gebeten.

Die Tage, an denen man trotz all den Streitereien, Trotzanfällen und „Ich will jetzt aber und zwar sofort!!!!!“, die man in den vergangenen Jahren miterlebt hat, wieder einmal glaubt, dass Bullerbü kein Hirngespinst, sondern eine Zusammenfassung aller Sternstunden einer Kindheit ist. So ganz nach dem Motto: „Das Gute behaltet…“

Von mir aus dürften die Tage öfters so sein.

Kleiner Nachtrag: Wenn dann auch noch Karlsson und Luise vom Einkauf einen himmlisch duftenden Herbststrauss mitbringen, den sie auf dem Heimweg gepflückt haben,  dann muss ich mich in den Arm kneifen. Bin ich wach? Träume ich? Oder bin ich, ohne es zu merken, in die Dreharbeiten für einen Heimatfilm geraten?