Im Luxemburgerli-Himmel

Samstagmorgen vor zwei Wochen. Mama Venditti sitzt mit Karlsson, Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten im Zug nach Zürich. Man ist unterwegs in die Ferien, die Stimmung ist bestens und Mama Venditti, naiv wie sie auch nach Jahren der Mutterschaft noch immer ist, stellt sich auf eine friedliche Zugfahrt ein und ist dankbar, dass „Ihrer“ mit den zwei Kleinen und dem Gepäck im Auto sitzt und nicht sie. Dann, völlig unerwartet, schlägt die Stimmung um: Der Zug fährt bei der Firma „Sprüngli“ vorbei, wo die Lastwagen mit riesigen, unwiderstehlichen Luxemburgerli verziert sind. Was Karlsson daran erinnert, dass am Vorabend, als er zu Bett ging, noch nicht alle Luxemburgerli, welche die Gäste mitgebracht hatten, aufgegessen waren. „Was habt ihr mit den restlichen Luxemburgerli gemacht?“, fragt er streng und als er erfährt, dass Mama und Papa diese einfach aufgegessen haben, weil sie der Meinung waren, das delikate Dessert werde mit der Zeit auch nicht besser – immerhin steht auf der Packung „Bitte sofort geniessen“ -,  ist es vorbei mit dem Frieden. Karlsson tobt, findet, seine Eltern seien ganz furchtbar gemein und er wolle jetzt gleich neue Luxemburgerli haben.

Mama Venditti, die weiss, dass in solchen Momenten Erklärungen sinnlos sind, geht gar nicht gross auf das Drama ein. Was einer  Zugpassagierin nicht passt. Ob das Kind denn nicht endlich Ruhe geben könne, mault sie. Mama Venditti erklärt ihr, dass sie mit ihrem Gemaule die ohnehin nicht ganz einfach Situation unnötig erschwere, weshalb sie ich froh wäre, wenn sie sich aus der Sache raushalten würde. Was sie zur Bemerkung veranlasst, Kinder seien ohnehin das Letzte, sie hätte sich als Kind nie so aufgeführt und Mama Venditti  hätte nie und nimmer so viele Kinder haben sollen. Wenn die wüsste, wie viele kleine Vendittis es in Wirklichkeit sind….  Irgendwann platzt Mama Venditti der Kragen, weil sie jetzt mit zwei Unzufriedenen im Kampf steht, und so wird sie ziemlich unhöflich mit der Dame. So unhöflich, dass Karlsson darob seine Luxemburgerli vergisst und Mama erschreckt anstarrt. So unhöflich auch, dass die Dame sich plötzlich auf die Seite der eben noch so verabscheuten Kinder schlägt und findet, die armen Kinder könnten einem ja Leid tun mit einer solchen Mutter.

Nun, diese Mutter ist tatsächlich nicht immer das beste Vorbild, aber zumindest schafft sie es jetzt endlich, ihren Ältesten zu beruhigen: „Karlsson, ich verspreche dir, dass es wieder einmal Luxemburgerli geben wird. Ganz bestimmt.“ Und innerlich fügt sie hinzu: „Spätestens dann, wenn das Konto diesen Ferienaufenthalt verdaut hat, die Rechnung der Musikschule, die Steuerrechnung, die nächsten Monsterwocheneinkäufe, die Kinderschuhe für den Herbst, das E-Bike, das „Meiner“ für den Arbeitsweg braucht…“ Also irgendwann, in zehn Jahren vielleicht, gibt’s wieder Luxemburgerli bei uns.“An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Luxemburgerli ein halbes Vermögen kosten – und Luxemburgerli für eine Grossfamilie ein Ganzes.

Zwei Wochen später, wieder ein Samstagmorgen, diesmal aber zu Hause. Alle sind schon wach, nur Mama Venditti schläft noch tief und fest auf dem Sofa, wohin sie sich nachts zurückgezogen hat, weil sie keinen Platz mehr fand im Bett, da Karlsson noch einmal im Elternbett übernachten wollte, bevor er endgültig zu gross ist. Zu irgend einer unchristlichen Zeit  – Mama Venditti würde sagen, es sei etwa um vier Uhr morgens gewesen, aber in Wirklichkeit war es wohl so gegen halb acht – klingelt es an der Haustüre. Schlaftrunken macht sie sich auf zur Haustüre, denn obschon alle anderen schon längst wach sind, ist offenbar keiner wach genug, um sich aus dem Bett zu quälen. Vor der Haustüre steht der Postbote mit einer Eilsendung. Was kann das bloss sein? Ausnahmsweise hat Mama Venditti nun wirklich keine offenen Bestellungen, auf deren Lieferung sie wartet. Bald schon ist klar, was da morgens in aller Frühe seinen Weg zu Vendittis gefunden hat: Die einzige Sache, die einem nicht die Laune verdirbt, sondern schlagartig verbessert, wenn man ihretwegen am Samstag aus den Federn geholt wird, nämlich eine Riesenpackung Luxemburgerli.

Wäre ich katholisch, ich würde sagen, dass Linders sich mit dieser guten Tat soeben die Eintrittskarte für den Himmel erstanden haben….

Allein seligmachend

Noch so eine Sache, die mich auf die Palme treibt: Wenn man eine gute Sache zur allein seligmachenden, einzig richtigen Methode erhebt. Zum Beispiel in jenem Artikel, den ich neulich gelesen habe, in dem es darum ging, dass Kinder im Stehen zu wickeln seien, sobald sie in der Lage seien, sich selber aufzurichten. Klar, dem im Artikel genannten Grundsatz „Säuglingspflege ist Erziehung“ stimme auch ich voll und ganz zu und zwar ohne, dass ich eigens eine Weiterbildung dazu hätte absolvieren müssen. Klar, auch meine Kinder wurden und werden im Stehen gewickelt, wenn ihnen gerade darum ist. Warum sollte ich auch ein Kleinkind mit aller Macht dazu zwingen, sich hinzulegen, wenn ich es ebenso gut im Stehen reinigen kann? Klar, auch ich rede mit meinen Kindern, wenn ich sie wickle, sie anziehe, sie kämme. Auch ich erkläre ihnen, was gerade vor sich geht. Aber dazu brauche ich keine spezielle Methode zu befolgen. Das liegt mir und wohl den meisten Menschen, die mit kleinen Kindern zu tun haben, einfach so im Blut. Und sollte ich einmal zu müde sein zum Reden, dann zwingt mich das Kind mit seinen Fragen und Beobachtungen einfach dazu, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Was mir an der Sache sauer aufstösst, ist der Anspruch, dies sei die einzige richtige Methode: Alle Kinder werden immer im Stehen gewickelt und zwar immer zur gleichen Zeit. Und was, wenn das Kind gerade Fieber hat und so matt ist, dass es lieber liegen möchte? Muss es dann auch stehen, weil allein im Stehen seine Menschenwürde geachtet wird, wie es in dem Text so schön heisst? Was, wenn das Kind so verkackt ist, dass ich es ausnahmsweise in der Dusche saubermachen muss? Oder sind am Ende nur meine Kinder so missraten, dass sie zuweilen nur noch mit einem warmen Wasserstrahl sauber zu kriegen sind? Was, wenn das Kind mitten in der Nacht gewickelt werden muss und sich müde von mir abwendet, wenn ich ihm beruhigend zureden will? Muss ich dann trotzdem mit ihm reden?

Natürlich muss ich all dies nicht. Wie gesagt, ich habe den Eindruck, dass die meisten Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, sehr genau spüren, was ihr Kind gerade braucht. Und das ist es ja am Ende auch, was mich so wütend macht: Dieses „Immer“, dieses „Alle“, dieses „einzig Richtige“. Führt nicht gerade diese Haltung am Ende dazu, dass man dem Kind etwas aufzwingt, was im Moment vielleicht gerade das Falsche ist? Steht man am Ende nicht mit einer Art Gebrauchsanweisung da, die einem sagt, wie das Kind –  und zwar jedes Kind in jedem Fall – zu behandeln sei? Verliert man da vor lauter Rücksicht auf die „richtige“ Methode nicht am Ende das Kind und seine Bedürfnisse aus den Augen?

Und wo, so frage ich mich, bleibt dann noch die Menschenwürde?

Lazy Day

Am Morgen so gegen neun Uhr aus dem Bett gekrochen kommen, die Kinder und sich selber mit Frühstück versorgen, Taschen packen, die Kinder den absolut zuverlässigen Babysittern überlassen und ab geht’s mit dem Velo. Zuerst zur Migros, wo nur das eingekauft wird, was wir wollen. Dann an die Aare, wo wir uns den perfekten Platz suchen, ungestört von Hunden, Sonnenanbetern und Mücken. Und dann nur noch faules Herumfläzen, ein wenig lesen, ein wenig diskutieren, ein wenig in den blauen Himmel starren, ein wenig essen, ein wenig in alten Erinnerungen schwelgen, ein wenig ausmalen, wie die Zukunft auch noch sein könnte. Dann weiter zum nächstgelegenen Café, wo bei Latte Macchiato und Cappuccino weitere tiefschürfende Gespräche folgen, zurück in den Park, ein wenig dösen, ein wenig in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ blättern. Danach zurück nach Hause, wo noch kein Mensch ist, weil die Babysitter mit den Kindern noch im Park sind, den wir soeben verlassen haben, ohne unsere Kinder zu sehen.

Was früher, in kinderlosen Zeiten, sommerlicher Alltag war, ist heute Luxus par excellence. Wenn dann noch das ganze Arrangement ein Geschenk von Freunden ist, welche die Babysitter nicht nur organisiert haben, sondern auch bezahlen werden, dann glaubt man, mit Engeln befreundet zu sein. Und wenn man weiss, dass dies erst der erste Tag des Geschenks war und dass noch ein paar weitere im ähnlichen Stil folgen werden, dann glaubt man, für ein paar Tage den Himmel auf Erden zu erleben.

Anschauungsunterricht

Gibt es einen geeigneteren Ort als eine Feriensiedlung,  wenn man den Kindern die Welt und all die verschiedenen Menschen, die sie bevölkern, zeigen möchte? Zumindest dann, wenn Studienreisen zu fremden Kulturen noch nicht möglich sind, weil einer noch in die Windeln macht, ein anderer nicht ohne seinen geliebten Stoffeisbären verreisen will und alle zusammen auch mit Durchfall darniederliegen, wenn sie nicht irgendwo, in einem abgelegenen Winkel dieser Erde unreines Wasser getrunken haben. Wer nicht in die weite Welt hinausziehen mag, muss sich eben in der Nähe einen Ort suchen, an dem sich die Welt trifft. Findet man den richtigen Ort, dann lässt sich ganz bequem vom Balkon aus beobachten, wie unterschiedlich die Menschen sind, die unseren Planeten bevölkern.

Da sieht zum Beispiel Luise eines Tages, dass es Mädchen gibt, die bei grösster Hitze mit langen Hosen und Kopftuch bekleidet neben Mama auf der Parkbank sitzen müssen, während ihre Brüder sich halb nackt auf den Spielgeräten vergnügen dürfen. Später sieht sie eines der Mädchen, wie sie nur mit langen Hosen und T-Shirt ins Wasser gehen darf, was bei Luise zur Frage führt, ob denn das arme Kind nicht ertrinke mit dem vielen nassen Stoff am Leib. Als sie dann auch noch mitbekommt, wie die Mama des Mädchens erst spät abends und noch immer voll verschleiert das Haus verlassen darf, während die Männer der Familie sich den ganzen Tag frei auf dem Gelände bewegen durften, ist der Groschen bei unserer Tochter endgültig gefallen: Das, was Mama und Papa immer predigen, nämlich dass Frauen und Mädchen in vielen Kulturen benachteiligt werden, ist nicht irgend ein Märchen, das sie erzählen, wenn ihr Töchterchen mal wieder nicht einsehen will, dass Schulbesuch ein Privileg und nicht eine Strafe ist. Nein, die Sache ist bitterer Ernst und wenn das Kind jetzt auch noch begreift, dass unter dem Kopftuch ein liebenswerter Mensch steckt, dann hat sich der Ferienaufenthalt mehr als ausbezahlt. Wobei, bis Luise – und auch wir – unsere Vorurteile abgebaut haben, werden wohl noch ein paar Aufenthalte mehr nötig sein.

Ein weiteres Forschungsfeld, das sich hier auftut, sind die Senioren, die sonst ja meistens in einer anderen Welt leben als wir.  Ich meine jetzt nicht die kinderliebenden, sich nach Enkelkindern verzehrenden alten Menschen, die jedes kleine Menschlein am liebsten in die Arme schliessen würden. Nein, ich meine die nach Entspannung lechzenden, gut situierten rüstigen Rentner, die es als ihr erstes Recht ansehen, überall zuerst zu sein. Menschen, die vergessen haben, wie es war, als ihre Kinder noch klein waren, als die Tage noch bis obenhin angefüllt waren mit Haushalten, Erziehen, Arbeiten und Zusammenbrechen. Menschen, die kein Problem damit haben, einer Mutter, die bei grösster Hitze einen Sack Wäsche zur Waschmaschine schleppt, zwei quengelnde Kinder im Schlepptau, den Weg zu versperren und so lange nicht zur Seite zu weichen, bis die Mama einen weiten Umweg gehen muss. Auf all das könnte ich gerne verzichten, aber vermutlich muss es so sein, damit die Kinder lernen, dass nicht jeder, der graue Haare auf dem Kopf trägt, ein netter Mensch ist; dass nicht jeder, der etwas langsamer zu Fuss ist, den ganzen Tag auf den Moment wartet, wo ein kleines Kind vorbeikommt, dem er ein Lächeln und ein Bonbon schenken kann.

Was man hier auch in Natura erlebt und nicht nur am Fernsehen beobachten kann, sind amerikanische Teenager in freier Wildbahn. Man braucht nicht mal einen Feldstecher zur Hand zu nehmen, so nah wagen sie sich zu den Ferienwohnungen der Bekinderten. Es ist ein einmaliges Schauspiel, das sich da beim Eindunkeln bietet, kaum sind die Kleinkinder in ihren Betten verschwunden: Lautes Gekreische, aufdringliches Flirten, verzweifelte Versuche, dazuzugehören und ebenso verzweifelte Versuche, den auszuschliessen, der nicht dazugehören sollte,  ungeniertes sich-in-Szene-Setzen, stilles Schmachten. Auf den ersten Blick nicht anders als bei unseren Teenagern auch, auf den zweiten Blick aber deutlich anders: Kein Alkohol und Tabak, dafür deutlich mehr Gezicke und sexuell aufgeladene Avancen. Nicht ganz jugendfrei, das Spektakel und deshalb zum Glück von unseren Kindern nur am Rande registriert. Für uns Eltern aber ein guter Weiterbildungskurs, der uns auf das vorbereitet, was uns in wenigen Jahren beschäftigen wird.

Eine der rührendsten Lektionen dieser Forschungsreise aber hat unser Zoowärter gelernt. Er, der am Anfang der Ferienwoche noch in jedem fremden Kind einen Feind sah, er, der hemmungslos Grössere angriff und Kleinere von der Schaukel zu stossen versuchte, er, der schon einen anderen Dialekt als Provokation verstand, erkannte im Laufe der Tage, dass Fremde, wenn man sie kennen lernt, gar nicht mehr so fremd sind. Und so fragte er mich auf der Heimfahrt plötzlich: „Mama, wie heisst denn schon wieder mein Bruder?“ „Das weisst du doch“, gab ich erstaunt zurück. „Deine Brüder heissen Karlsson, FeuerwehrRitterRömerPirat und Prinzchen.“ „Nein, ich meine nicht die Brüder. Ich meine den Bruder, mit dem ich heute Morgen auf dem Spielplatz gespielt habe.“

Wenn ein Dreijähriger in so kurzer Zeit lernt, dass ein Fremder innert vierzig Minuten – länger haben die zwei nicht miteinander gespielt – zu einem Bruder werden kann, dann darf man wohl sagen: Die Forschungsreise war ein Erfolg. Wir buchen sogleich die nächste.

Reiseandenken

Nein, besonders einfallsreich sind wir nicht, wenn’s darum geht, Souvenirs mit nach Hause zu bringen: Ein paar unbeschriebene Postkarten, jedem Kind ein überteuertes Andenken nach Wahl, ein neues Hemd für „Meinen“ und eine neue Fliegenklatsche für mich. Vollkommen ideenlos aber sind wir, wenn es darum geht, etwas für die ganze Familie mit nach Hause zu nehmen. Etwas, was alle zusammen auch nach dem Urlaub noch an die schönen Tage erinnert. Meistens beginnen wir ja schon am ersten Tag mit der Suche nach dem einzigartigen Souvenir, stöbern ein wenig hier, suchen ein wenig da. Doch spätestens in der Mitte der Woche tun wir das, was wir fast jedes Mal tun: Wir schauen, was Familie x aus Appartement Nummer 381 auswählt, woran sich Familie y noch lange erfreuen wird. Und schliesslich nehmen wir das, was die anderen auch nehmen: Einmal Magen-Darm-Grippe für alle! Auf dass wir beim Würgen über der Kloschüssel unsere entspannten Ferientage noch lange in verklärter Erinnerung behalten mögen.

Happy Birthday, FeuerwehrRitterRömerPirat!

Sechs Jahre ist es her, seitdem du in unser Leben geplatzt bist, zwei Wochen früher als eigentlich erwartet, an jenem wunderbaren Sommerabend, als alles nach Lindenblüten duftete. Sechs Jahre ist es her, seitdem dich die damals noch sehr kleine Luise mit einer zum Glück nicht allzu heftigen Ohrfeige im Kreise unserer Familie willkommen hiess. Sechs Jahre ist es her, seitdem du nachts jeweils aufgeschreckt bist, weil du den Lärm der Baumaschinen vermisstest, die dich in den ersten Monaten deines Lebens ständig begleiteten.

Hätten „Meiner“und ich unser Familienleben je minutiös geplant, man hätte sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für ein weiteres Kind aussuchen können: Die Wohung  mitten im Grossumbau, der am Ende acht Monate dauern sollte, das Konto meistens bereits am Ersten des Monats leer, die Mama seit einem Jahr arbeitslos und der Papa mitten in einer Weiterbildung, drei Kinder in Windeln. Kurz und knapp ausgedrückt: Stress pur.

Und dann kamst du, hast dich in unsere Arme gekuschelt, hast bei uns die Ruhe gesucht und uns dadurch immer wieder gezeigt, dass alles Hetzen nichts bringt und dass es jetzt einfach Zeit ist, innezuhalten. Mit deinen ersten Worten „ou, dööön!“ (Oh, schön!), hast du uns mitten im Bauchaos auf das Schöne hingewiesen, mit deinem herzlichen Lachen hast du dafür gesorgt, dass uns auch dann, als uns nicht ums Lachen war, die Freude am Leben nicht verging. Du warst dieses unglaubliche Geschenk, das uns trotz allen Durcheinanders nicht vergessen liess, was wirklich zählt im Leben.

Und ein Geschenk bist du noch heute. Keiner strahlt so wie du, wenn er glücklich ist, weil er seine Fussballausrüstung bekommen hat. Keiner freut sich wie du, wenn er mit Papa endlose Stunden im Kunsthaus verbringen darf. Keiner zwingt einen so zum Nachdenken wie du, wenn du eine tiefsinnige Frage stellst, wenn du eigentlich die Schuhe anziehen solltest, um rechtzeitig in den Kindergarten zu kommen. Keiner fordert einen so heraus wie du, wenn du nicht so willst wie wir und uns damit dazu bringst, neue Wege zu suchen, anstatt jedes Kind über den gleichen Kamm zu scheren. Keiner bringt mein Herz so zum Schmelzen wie du, wenn du einfach so, wenn ich es am wenigsten erwarten würde, zeigst, wie gern du mich hast.

Lieber FeuerwehrRitterRömerPirat, du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich deine Mama bin!

Einer dieser Tage

Man sollte ja eigentlich meinen, in den Ferien würde auch das Leben einem zur Abwechslung mal eine  Verschnaufpause gönnen, würde einen verschonen mit Alltagskram, würde dafür sorgen, dass von den sieben Ferientagen keiner zu einem dieser Tage wird. Was für einen Tag ich meine? Na eben, einen dieser Tage….

die schon mitten in der Nacht damit beginnen, dass das Prinzchen eine volle Windel hat und die Feuchttücher spurlos verschwunden bleiben, auch wenn man die ganze Ferienwohnung danach absucht.

Einer dieser Tage, die damit weitergehen, dass der Zoowärter noch vor acht Uhr früh einen Tobschutanfall kriegt, weil er nicht mit Karlsson und  Luise zum Spielplatz gehen darf, weil er noch nicht angezogen ist und ausserdem drei Unterhosen übereinander trägt.

Einer dieser Tage, an denen schon vor dem Frühstück drei Trinkgläser in die Brüche gehen.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter nicht nur einmal oder zweimal, sondern dreimal das Betadine-Bad verschüttet, in dem er seine eitrige Wunde, die er sich am Finger zugezogen hat, baden soll.

Einen dieser Tage, an denen man sich irgendwann dazu entschliesst, Wäsche zu waschen, weil der Tag ohnehin im Eimer zu sein scheint.

Einen dieser Tage, an denen gleich beide Waschmaschinen belegt sind und man sich schliesslich dazu gezwungen sieht, die frisch gewaschene Wäsche von wildfremden Menschen sorgfältig aus der Maschine zu nehmen und fein säuberlich hinzulegen, weil auch nach  langem Warten noch keiner gekommen ist, um die Waschmaschine wieder freizugeben. Und man kann ja nicht ewig warten. Irgendwann, solange das Prinzchen noch schläft, der Zoowärter mit „Meinem“ im Wald ist und Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat ihren „grossen Piratentag“ haben, müsste man doch wenigstens ein klein wenig des verpassten Schlafes nachholen.

Einen dieser Tage, an denen dich, kaum bist du eingeschlafen, die Kinderbetreuung anruft, um dich zu bitten, du mögest doch bitte Karlsson abholen kommen. Dem armen Jungen sei ganz schlecht geworden.

Einen dieser Tage, an denen du einmal mehr nicht weisst, wie du dein enttäuschtes Kind trösten sollst, wie du ihm erklären sollst, dass Viren keine Ferien machen, wie du ihm helfen sollst, möglichst schnell wieder gesund zu werden, damit nicht der ganze Spass ohne ihn stattfindet.

Einen dieser Tage, an denen der Zoowärter findet, er müsse jetzt endlich herausfinden, ob man auch aufwärts pinkeln kann und danach auf der Sauerei, die er angerichtet hat, ausruscht.

Einen dieser Tage, an denen du das Leben anflehst, es möge doch bitte berücksichtigen, dass man in den Ferien sei und deshalb keine Lust habe, sich mit Alltagskram herumzuschlagen.

Einen dieser Tage, die man am besten so schnell als möglich wieder vergisst.

Dienstag, 13. Juli 2010

Heute nach dem Mittagessen sind wir mit dem Bus nach Brunnen gefahren. Im Bus hatte es sehr viele alte Leute, die uns böse angeschaut haben. In Brunnen haben wir mit dem Motorschiff „Schwyz“ eine Rundfahrt auf dem Urnersee gemacht. Wir haben das Rütli gesehen und ganz viele gelbe Fahnen mit einem schwarzen Stierenkopf. Mama hat gesagt, das sei der Uristier. Mama hat uns von Wilhelm Tell und Friedrich Schiller erzählt und sie hat gesagt, dass es den Wilhelm Tell nicht richtig gegeben hat und dass sie das Rütli zwar schön findet, dass sie aber all den patriotischen Kram blöd findet und da hat ein alter Mann sie ganz böse angeschaut. Auf dem Schiff war es sehr schön.

Vielleicht war es aber auch ganz anders, nämlich so: Heute Nachmittag habe ich, Diego Benaglio, Torhüter der Schweizer Nationalmannschaft, mit meiner Familie, die mich aus unerfindlichen Günden immer Zoowärter nennt, eine Schiffsrundfahrt gemacht. Unser Schiff hiess „Die grausige Marianne“ und ich  habe ganz viele Piratenschiffe und gelbe Piratenflaggen mit schwarzen Totenköpfen gesehen. Später, als wir in Brunnen auf den Bus warteten, habe ich Maria und Josef gesehen. Mama hat zwar behauptet, das wären Nonnen gewesen, aber ich bin mir ganz sicher, dass das Maria und Josef waren.

Es könnte aber auch so gewesen sein: Im Bus hatte es viel zu viele Leute und ich durfte nicht neben Papa sitzen. Auf dem Schiff, das nicht einmal ein Dampfschiff war, windete es ganz furchtbar und weil ich das irgendwann fast nicht mehr ausgehalten habe, musste ich innen sitzen und ich habe fast die ganze Fahrt verpasst. Auf der Rückfahrt im Bus hätte ich lieber neben Mama sitzen wollen, aber die sass neben dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und erzählte ihm noch einmal von Wilhelm Tell und ich konnte nichts davon verstehen. Das ist so unfair. Immer erzählt sie den anderen Geschichten. Und dann durften wir heute nicht mal ins Schwimmbad gehen, dabei haben Mama und Papa doch versprochen, wir dürften jeden Tag baden gehen. Und dann hat Papa auch noch ganz lange mit uns geschimpft, weil wir immer motzen würden. Dabei motzt hier doch gar keiner.

Vielleicht aber hört sich die Geschichte auch so an: Heute habe ich sechsmal die Windeln nass gemacht und zweimal auf den  Fussboden gepinkelt. Mama will einfach nicht verstehen, weshalb ich mir jedes Mal die Windel ausziehe, wenn ich gepinkelt habe. Weiss die denn nicht, wie unangenehm es ist, im Nassen zu sitzen? Und dann hat sie doch allen Ernstes versucht, mich aufs Töpfchen zu setzen. Ach ja, dann habe ich auch noch ein Schiff gesehen und Enten und Spatzen und Schwäne. Und ein Eis habe ich auch gegessen. Aber das mit den Windeln war mir heute eigentlich wichtiger.

Vielleicht aber könnte man den Tag auch so zusammenfassen: Heute war ein wunderschöner Tag. Ich kann gar nicht sagen, was mir am besten gefallen hat. Es war einfach alles grossartig. Und dann habe ich mir erst noch ein Souvenir aussuchen dürfen und meine Geschwister auch.

Wie es wirklich war? Das kommt ganz darauf an,welchen Venditti man fragt. Wenn ihr mich fragen würdet, würde ich sagen, es sei eine perfekte Mischung von allem gewesen. Aber mich fragt ja keiner…..

Von Fussball- und anderen Verrückten

So ein kleines bisschen in Verlegenheit gebracht hat er uns ja schon mit seinem Geburtstagswunsch, unser FeuerwehrRitterRömerPirat: Ein Schweizer Fussballdress mit Schienbeinschonern, Fussballschuhen und Ball. Wie soll man dies als Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestelltes Elternpaar bloss fertigbringen, ohne den Verdacht zu erwecken, die Sache mit dem Nicht-Fussballfan und nicht sonderlich patriotisch eingestellt sei bloss gespielt? Zumal zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn seinen Herzenswunsch äusserte, die WM eben gerade begonnen hatte und die Dinge für die Schweiz noch eher rosig aussahen. Hätten wir in jenen schon fast vergessenen Tagen den Einkauf getätigt, die Verkäuferin hätte uns wohl mit einem feurigen „Hopp Schwiiiiiiz!“ begrüsst. Und das Fussball-Tenue hätte ein Zehnfaches seines üblichen Preises gekostet.

Also warteten wir ab, bis die Fussballbegeisterung im Lande etwas abgekühlt war. Dass sie mit dem frühen Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft so rapide absinken würde, hätten wir natürlich auch nicht erwartet. Und so wagten wir uns in jenen Tagen des allgemeinen Katzenjammers wieder nicht in die Läden, weil wir fürchteten, wir müssten am Boden zerstörtes Verkaufspersonal trösten. Ausserdem war es nun wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt, um ein T-Shirt mit Schweizerkreuz zu kaufen. Wer will denn schon sein über alles geliebtes Kind als Loser abstempeln? Nur so nebenbei bemerkt: Wie sehr wir unseren Dritten lieben, merkt man nicht alleine daran, dass wir ihm Fussballkleidung kaufen, ihm erlauben, ins Fussballtraining zu gehen und ihm versprechen, bei seinen Spielen voller Begeisterung dabei zu sein, nein, wir halten uns gar auf dem Laufenden über sämtliche grossen Fussballturniere, damit wir ihm am Morgen jeweils die aktuellen Resultate liefern können.

Und weil wir uns natürlich auch gestern auf dem Laufenden  hielten, sahen wir heute den Zeitpunkt gekommen, endlich das Geburtstagsgeschenk einzukaufen. Jetzt, wo fest steht, dass die Schweizer die einzigen waren, die an dieser WM dem Weltmeister die Stirn bieten konnten, muss man ja nicht mehr vor lauter Scham im Boden versinken, wenn man ein Schweizer-Trikot kauft. Und vielleicht gibt’s die Dinger ja jetzt im Sonderangebot, dachten wir uns und begaben uns frohgemut nach Schwyz zum Einkauf, während unsere vier grösseren Kinder das Kinderprogramm in Anspruch nahmen.

Aber in Schwyz scheint man nichts von Fussball zu halten. Im Geschäft Nummer1, einem national bekannten Sportgeschäft, beschied man uns, Fussballsachen habe man nicht, man sei hier „nicht so in“. Im Geschäft Nummer 2 empfahl man  uns ein Einkaufzentrum an einem anderen Ort, dort gebe es ein grosses Sportgeschäft. Doch bevor wir unser übermüdetes Prinzchen mit einer weiteren Autofahrt stressen wollten, schauten wir noch kurz bei Geschäft Nummer 3 vorbei. Und wurden endlich fündig: Eine komplette Schweizer-Ausrüstung und einen Italien-Fussball. Wie war das nochmals mit Loser? Aber wir sagten uns „Nach der WM ist vor der WM“ – es gibt bestimmt irgend einen frustrierten Fussballtrainer, der solche nichtssagenden Sätze von sich gibt, oder? – und kauften die Sachen. Und jetzt freuen wir uns auf Freitag, wenn unser fussballverrückter FeuerwehrRitterRömerPirat endlich seinen Herzenswunsch erfüllt bekommt. So sind wir nun mal, wir  kinderverrückten Eltern….

Ach übrigens, von wegen verrückt: Wie durchgeknallt muss man denn sein, um im strömenden Gewitterregen mit dem Laptop durch die ganze Ferienanlage zur Lobby zu rennen, wo man triefend nass – zum Glück gibt’s hier keine „Wet-T-Shirt-Contests“, sonst würden die noch glauben, ich wollte auch mitmachen – einen Blogpost in die Tasten zu hauen, während im Hintergrund eine Hotel-Pianistin „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ heult und die Gäste mitheulen?

Reisefertig?

Ferienvorbereitungen im Hause Venditti:

1. Schichtschlafen
„Meiner“ von 8 bis 9 Uhr morgens, ich von 9 bis 10 Uhr morgens, dann ein kurzer Auftritt beim Kindergartenabschlussfest, ein Blitz-Mittagessen und wieder zwei Stunden schlafen. Wie? Ob wir in den Süden verreisen und deswegen für die lange Autofahrt vorschlafen müssen? Aber nicht doch! Wir finden es einfach nur schön, uns für einmal den Luxus ausgedehnter Nickerchen zu leisten. Ist doch egal, dass wir eigentlich anderes zu tun hätten….

2. Fünf Kilo Sauerkirschen einmachen
Nein, wir haben keinen Sauerkirschenbaum. Aber wenn die Nachbarin einem so grosszügig wunderbar reife Sauerkirschen in Hülle und Fülle anbietet, kann man doch unmöglich nein sagen, auch wenn man eigentlich Koffer packen sollte. Und wenn man da noch dieses wunderbare Rezept für Sauerkirschen-Schokoladen-Chili-Confiture zum Ausprobieren hat, dann müssen andere Dinge eben warten.

3. Kirschenentseiner kaufen
Was kann ich denn dafür, dass das uralte Modell, das wir uns bis letzen Sommer mit meiner Mutter geteilt haben, den Geist aufgegeben hat?

4. Lesen
Jedes Buch, das ich schon zu Hause fertig gelesen habe, nimmt weniger Platz im Koffer weg. Also schnell alles lesen, dann müssen wir nicht so viel einpacken. Ausserdem habe ich dann eine Ausrede, mir am Ferienort neue Bücher zu kaufen, denn was sind denn schon Ferien ohne Bücher?

5. Gäste bekochen
Wenn man für ganze sieben Tage verreist, dann
muss man doch einfach vorher Gäste einladen. Die erkennen einen ja sonst nicht mehr, wenn man nach so langer Abwesenheit wieder zurückkommt.

6. Nachrichten schauen
Wenn Moritz Leuenberger findet, er müsse ausgerechnet heute seinen Rücktritt erklären, wo es nach seinen 15 Jahren im Bundesrat nun wirklich nicht auf die eine Woche mehr angekommen wäre, dann können wir das nicht ignorieren. Ich weiss auch nicht, weshalb der gute alte Moritz seine Rücktrittsankündigung nicht besser mit unseren Ferienplänen abgestimmt hat.

7. Mit dem Zoowärter im Garten Fussball spielen
Wenn der Zoowärter sich entscheidet, dass er jetzt gleich Schweiz gegen Brasilien spielen will – ich bin die Schweiz, er ist Brasilien – dann muss das unverzüglich getan werden und dann spielt es überhaupt gar keine Rolle, dass beide Mannschaften schon längst ausgeschieden sind und dass die WM ohnehin fast vorbei ist. Dann zählt nur, wer wie viele Tore schiesst. Oder genauer gesagt: Dann zählen nur die Tore, die Brasilien schiesst, auch wenn die Schweiz viel öfter getroffen hat.

8. Fliegen töten
Und zwar möglichst viele. Ich will doch nicht in einer Woche in eine mit Maden verseuchte Wohnung zurückkehren…..

9. Luxemburgerli essen, welche die Gäste mitgebracht haben
Die Dinger müssen weg und zwar schnell. In einer Woche sind sie nicht mehr gut und für die Reise taugen sie auch nicht.

10. Kofferpackenzugbillettlösenpicknickpackenreiseunterlagensuchenfahrplanausdrucken
benzintankenstrassenkartestudierengrünabfalleerenkühlschränkeleerenundausschalten
wäscheaufhängengartenbewässernpoolabdeckenwohunungaufräumen

Aber morgen ist ja auch noch ein Tag, nicht wahr?