Guten Appetit!

Man nehme einen Stapel Pfannkuchen, fünf eigene Kinder, zwei Tageskinder, eine überforderte Mama und dazu noch Karlssons besten Freund, der noch immer an der Illusion festhält, dass das Essen bei Vendittis immer gut ist. Wenn man dies alles vor seinem inneren Auge sieht, male man sich dazu aus, wie eine Küche aussieht, in der ein kleines süsses Prinzchen einen Wasserkrug verschüttet hat. Dann führe man sich die Tischmanieren von zwei völlig überdrehten Neunjährigen vor Augen, erinnere sich an den Duft voller Windeln und an das wohlige Gefühl von Reibkäse, der an feuchten Socken kleben geblieben ist. So etwa sah heute meine Mittags“pause“ aus.

Und so, liebe Frau Klum, äh, Pardon, Frau Samuel, so schaffen wir normalen Mütter es irgendwann, viele Monate nach der letzten Geburt, ein paar unserer überflüssigen Kilos loszuwerden. Denn wie ich nach geschlagener Schlacht mit leerem Blick auf den Ort des Grauens starrte, wurde mir bewusst, dass mein Appetit verflogen war, obschon ich noch kaum einen Bissen im Magen hatte. Ich kann mir gar nicht erklären, warum…

Wo bleibt er denn so lange, der perfekte Hausmann?

Kann es denn sein, dass ich die einzige unfähige Hausfrau bin, die mit dem perfekten Hausmann verheiratet ist? Ist es den möglich, dass ausser uns niemand diese unsinnige Arbeitsteilung lebt: Die unfähige Hausfrau schmeisst zu Hause den Laden mehr schlecht als recht, während der perfekte Hausmann in der Schule sitzt und den Kindern die deutsche Grammatik näher bringt. Obschon „Meiner“ und die deutsche Grammatik sich etwa so nahe stehen wie Paris Hilton und Stephen Hawking. Ja, ausgerechnet in der Schule muss er sitzen. Dort, wo ich ihn nie erreichen kann, wenn ich mal dringend wissen muss, wo er dies und jenes verstaut hat oder wie etwas in den Griff zu kriegen ist. Sässe er im Büro, ich könnte ihn jederzeit anrufen, wenn ich nicht mehr weiter weiss. So eine Art Briefkastenonkel für die verzweifelte Hausfrau. Aber ich kann ihn doch nicht wegen jeder Haushaltskrise aus dem Unterricht rufen lassen.

Und so kam es, dass ich heute früh in der Wohung herumgestöckelt bin wie ein aufgescheuchtes Huhn und nach dem Gesundheitsheft des Prinzchens suchte, das „Meiner“, der perfekte Hausmann, am einzig richtigen Ort für Gesundheisthefte versorgt hat. Das Heft, das für mich unauffindbar ist, weil mir im Haushalt jeder Sinn für Logik abgeht und ich deswegen den einzig richtigen Ort für Gesundheitshefte nicht finden kann. Das Heft, das ich unbedingt brauche, weil ich in einer Viertelstunde bei der Kinderärztin zum Baby-TÜV antraben muss. Und vorher noch den Zoowärter in der Spielgruppe abliefern muss. Und ja, Sie haben richtige gelesen: Ich bin durch die Wohnung gestöckelt. Obschon ich mir heute früh, noch ohne Schuhe an den Füssen, dafür mit dem Prinzchen auf dem Arm, zwei hässliche blaue Flecken geholt habe, als ich auf der Treppe hingefallen bin. Nun, zumindest war ich danach wach.

Bedarf es wirklich noch weiterer Beweise, dass ich im falschen Job bin? Nun ja, wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dann liefere ich eben noch ein paar: Karlssons Bett ist noch immer nicht frisch bezogen, obschon er jetzt bereits seit drei Tagen wieder gesund ist. Der Staubsauger liegt noch immer im Büro und wartet darauf, bis ich endlich aufhöre zu schreiben und mit ihm durch die Wohnung rase, damit er  all das Zeug aufsaugen kann, nach dem er seit Tagen lechzt. Die Kidney-Bohnen liegen noch immer im Einweichwasser, obschon ich sie schon gestern Abend hätte kochen müssen. Nun ja, zumindest stammen die Kidney-Bohnen nicht aus der Dose, aber was hilft das, wenn es zum Mittagessen dennoch gekaufte Tortelloni gab?

Reichen die Beweise? Oder wollen Sie wirklich noch meinen Haushalt persönlich inszpizieren? Nur um festzusztellen, was schon längst augenfällig ist: Hier muss endlich mal ein rechter Hausmann ans Werk. Ich wüsste da schon einen…

Bis zum Umfallen….

Vielleicht war ich ja etwas voreilig mit meinem Urteil über Dr. Sarah May. Die Frau hat nämlich durchaus Qualitäten, ja, sogar Mutterqualitäten. Zumindest, wenn ich sie spiele. Dann hüpft sie morgens aus dem Bett, stürzt sich in die Kleider und rast zum Tiergehege, noch bevor sie sich ein Frühstück genehmigt hat. Sie füttert die Tiere, putzt das Gehege – und zwar nicht nur so oberflächlich, sondern richtig gründlich,- sie streichelt jedes Tierchen einzeln, spielt mit jedem und dann rast sie ins Haus, um Kunden zu bedienen, weitere Tiere zu pflegen, Futter einzukaufen. Und irgendwann, wenn sie schon beinahe kippt vor lauter Hunger, gönnt sie sich eine kleine Mahlzeit. Während die Tiere prächtig gedeihen und die Kunden höchst zufrieden sind, knausert Dr. Sarah May mit sich selber: Kaum Freizeit, kaum Zeit für Mahlzeiten, kaum Musse, ein Buch zu lesen. Und irgendwann, wenn der Mond schon hoch am Himmel steht, sinkt sie ins Bett und träumt einem nächsten randvollen Tag entgegen.

Die perfekte Mutter also, nicht wahr? Selbstlos, idealistisch, aufopferungswillig. Ja, so wäre Sarah May, wenn da nicht der Computer wäre. „Du brauchst mal eine Pause“, sagt er, wenn sie gerade so schön in Schwung ist. Oder „Wie wär’s mit einer kleinen Mahlzeit?“, wo sie doch gerade so fleissig am Tiere streicheln war. Oder „Zeit, ein paar Stunden zu schlafen“, wo sie doch unbedingt noch dies und das erledigen sollte. Wie soll Sarah May den Laden je in  Griff kriegen, wenn der Computer sie immer wieder zum süssen Nichtstun auffordert?

Nachdem ich ein paar Runden in der „Tierklinik“ von Luise und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten herumgeschnuppert habe, fiel mir auf, dass Dr. Sarah May mein eigenes Leben perfekt spiegelt. Sie gibt alles, ist nur zufrieden, wenn sie eine Höchstleistung erbracht hat, trampelt ihre eigenen Bedürfnisse zu Boden. Und wundert sich vielleicht, dass sie dabei ausbrennt. Wo sie doch bloss ihr Bestes geben wollte….

Déjà-lu?

Es hat durchaus Vorteile, wenn man Bücher in rasendem Tempo verschlingt. Spätestens fünf Tage später hat man die Handlung wieder vergessen und zwei Monate später kann man das Buch erneut lesen, ohne sich dabei zu langweilen. Offenbar bin ich dabei etwas zu weit gegangen. Inzwischen erinnere ich mich nicht einmal mehr daran, ob ich ein bestimmtes Buch bereits gekauft habe. Und so stand ich gestern ratlos in der Buchhandlung und wusste nicht so recht, was ich mir kaufen sollte. Schliesslich entschied ich mich für drei Bücher, darunter auch  „The Namesake“ von Jhumpa Lahiri.

Ein gossartiges Buch. Ich konnte kaum warten, bis ich endlich Zeit fand zum Lesen. Und dann, auf den ersten Seiten, begann es mir zu dämmern, dass ich das Buch schon mal in den Händen gehalten haben muss. Eine Art Déjà-lu-Erlebnis, wenn man das so nennen darf. Seither kann ich mich kaum mehr auf den Inhalt konzentrieren, denn ich zerbreche mir den Kopf, wann und wo ich das Buch bereits gelesen habe. Ja, ich erinnere mich, dass ich mal eine Rezension gelesen habe. Darum ist es mir gestern in der Buchhandlung ja auch ins Auge gesprungen. Aber in einer Rezension kann ich nicht diese Szene gelesen haben, in der Baby-Gogol seine Milch in Mamas Mund sabbert, so dass die Mama danach den ganzen Tag keinen Bissen mehr runterbringt. Auch nicht die Ereignisse auf der Zugfahrt, als Gogols Vater beinahe ums Leben kommt.  Oder die Erlebnisse des kleinen Gogol am ersten Schultag.

Wenn ich doch bloss wüsste, woher ich das Buch kenne. Und vor allem auch, wohin ich es verlegt habe. Denn dass ich es gekauft haben muss, ist klar. Ich lese nämlich keine Leihbücher, davon bekomme ich Asthmaanfälle. Wenn ich jetzt in meiner Vergesslichkeit anfange, die Bücher nicht nur doppelt oder dreifach zu lesen, sondern auch doppelt oder dreifach zu kaufen, könnte dies zu ernsthaften Eheproblemen führen. „Meiner“ motzt nämlich jetzt schon, ich würde zu viele Bücher kaufen. Dabei könnte er doch stolz sein, dass „Seine“ das Geld, das andere Frauen in Mani- und Pedicure stecken, beim Buchhändler liegen lässt. Immerhin ist Bildung ein bleibender Wert. Zumindest, wenn man nicht sofort wieder vergisst, was man gelesen hat…

Wink mit dem Zaunpfahl

Ich habe ja nie behauptet, eine Vorzeigehausfrau zu sein. Und momentan ist unser Haushalt noch weniger präsentabel als im Normalzustand. Bei so vielen Kranken kommt das Aufräumen einfach ein wenig zu kurz. Ja, und dann muss ich natürlich zwischendurch auch noch Dr. Sarah May auf die Sprünge helfen, damit die Koalas nicht eingehen. Es hätte also keinen Stromausfall gebraucht, um mir vor Augen zu führen, dass ich eine schlampige Hausfrau bin. Doch irgendwer glaubt zu wissen, dass ich einen Tritt in den Hintern brauche und deshalb gingen heute pünktlich um Viertel nach acht Uhr abends die Lichter aus. Und sie gingen nicht wieder an, mochte ich am Sicherungsschalter riegeln, soviel ich wollte. Was ist nur aus den guten alten Sicherungskästen geworden, wo man einfach eine neue Sicherung reinschrauben konnte, wenn die Alte schlapp machte?

So tappte ich also durch die Wohung und suchte nach der Schwachstelle, die das ganze System zum Streiken gebracht hatte. Nach langer Zeit wurde ich fündig: Es war der Kühlschrank. Ja, genau derjenige, der schon längst wieder mal abgetaut und geputzt werden sollte. Aber weshalb der Kerl ausgerechnet heute auf sich aufmerksam machen musste, ist mir ein Rätsel. Wo ich doch mit zwei Mittelohr-Entzündungen (Karlsson & Prinzchen), einer darniederliegenden Grippe („Meiner“), einer fast ausgestandenen Grippe (Zoowärter), zwei sich langweilenden ganz Genesenen (Luise & FeuerwehrRitterRömerPirat), Dr. Sarah May und Novemberschreiben mehr als genug am Hut habe. Genau heute also musste dieser Kühlschrank aussteigen, mich dazu zwingen, ihn leer zu räumen und mit Schrecken festzustellen, dass er dringend gesäubert werden muss. Aber der Kerl kann mich mal. Nach Feierabend  lasse ich mich nicht mehr zum Putzen zwingen. Schon gar nicht von einem Kühlschrank.

Kann man wirklich nicht?

Das Prinzchen hat Ohrenweh. Auch das noch! Als ob wir nicht schon lange genug krank gewesen wären. Der kleine Mensch tut mir so leid. Wie er schreit, sich verzweifelt an mich klammert, hofft, dass ich seinen Schmerz wegzaubern kann. Weil ich doch die Mama bin und alles kann. Da taucht plötzlich vor meinem inneren Auge das Bild eines anderen Kindes auf. Auch ein kleiner Junge, nur etwas älter als das Prinzchen. Das Gesichtchen verzerrt vor Schmerz,  Verzweiflung in seinem Blick, keine Kraft mehr  zum Weinen. Ich kenne den kleinen Jungen nicht, ich habe ihn nur in der Tagesschau gesehen. Er lebt irgendwo, weit weg von hier. Dort, wo die Kinder Hunger haben und die Mütter nicht helfen können, weil sie selber nichts haben.

Wie ich da so sitze mit meinem Prinzchen auf dem Schoss und mich frage, ob ich mit ihm zum Arzt gehen soll, wird mir auf einmal bewusst, dass ich nicht weiss, was wirkliche Sorgen sind. Gott sei Dank weiss ich es nicht. Warum aber gibt es noch immer Mütter auf dieser Welt, die es nur zu gut wissen? Warum haben wir Menschen es geschafft, auf den Mond zu fliegen? Waffen zu entwickeln die aus einer Entfernung von tausenden von Kilometern ferngesteuert werden können? Warum wissen wir auf die Sekunde genau, wann die nächste Sonnenfinsternis sein wird? Warum trauern die Menschen jetzt noch Michael Jackson nach und nehmen es gleichzeitig schulterzuckend zur Kenntnis, dass alle sechs Sekunden ein Kind stirbt? Warum wissen wir so viel und haben doch vom Wichtigsten keine Ahnung?

Alte Fragen, ich weiss. Fragen, die man schon so oft gehört hat. Fragen, die einen langsam nerven. Fragen, die man nicht beantworten kann. Kann man wirklich nicht? Oder will man nicht?

Das muss Mutterliebe sein

Was treibt eine eingefleischte Vegetarierin, – oder müsste es vielleicht die „ausgefleischte“ heissen? – dazu, am Montagmorgen die Läden nach Kalbsleber abzuklappern? Was veranlasst sie, das Zeug ohne Handschuhe an den Händen in den Einkaufskorb zu legen? Was bringt sie dazu, am Nachmittag Sophie oder Charlotte, – welche der beiden Damen das zweifelhafte Vergnügen haben wird, ist noch nicht entschieden, –  den Fleischwolf aufzusetzen? Das Zeug mit Rahm zu vermischen, mit Eiern, Speck und Zwiebeln?

Nun, es ist ganz einfach: Wenn Karlsson zu seinem neunten Geburtstag Leberpastete will, dann bekommt er Leberpastete. Und wenn Karlsson findet, das Zeug aus der Tube sei niemals so gut wie das Hausgemachte, dann macht sich die Mama eben an die Arbeit. Möge sie sich noch so sehr ekeln vor dieser schmierigen Angelegenheit.

Hätte man mir damals, vor neun Jahren, vorausgesagt, dass mich dieses kleine Bündel Mensch, das ich zum ersten Mal in den Armen hielt, dazu bringen würde, Leberpastete zu machen, ich hätte nur mitleidig den Kopf geschüttelt. Ich doch nicht! Wenn mein Kind solche Scheusslichkeiten essen will, muss er eine Dümmere finden, die das macht für ihn, hätte ich gesagt. Und heute muss er mich nur treuherzig anschauen aus seinen braunen Samtaugen und schon renne ich ins Dorf und kaufe Kalbsleber. Wenn das nicht Mutterliebe ist, was dann?

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Soooooo unfair!

Nein, „Meinen“ trifft wahrlich keine Schuld. Und er tut mir auch schrecklich leid, wie er so daliegt, vor sich hindämmernd, mit heisser Stirn und fieberglänzenden Augen. Natürlich tut er mir leid, natürlich möchte ich ihm helfen, natürlich kann ich es fast nicht mit ansehen, wie schlecht es ihm geht. Was wäre das denn für eine Liebe, wenn es mir egal wäre, dass es  „Meinen“ jetzt auch noch schweinemässig erwischt hat? „Meiner“ kann wahrlich nichts dafür, dass es ihm nie passieren wird, dass er, wenn er krank ist, mit fünf kranken Kindern alleine zu Hause sein muss.

Und dennoch platze ich fast vor Wut. Es ist doch einfach eine himmleschreiende Ungerechtigkeit, dass er seine Krankheit in aller Ruhe auskurieren kann, währenddem ich mein Therapieschreiben und  meine Stunden im warmen Bett auf die frühen Morgen- und die späten Abendstunden verschieben musste. Papas dürfen krank sein. Mamas nicht. Papas werden gepflegt, wenn sie krank sind. Mamas nicht. Natürlich hätte „Meiner“ mich liebevoll umsorgt, wenn er denn gekonnt hätte. Wenn ich diesmal nicht mitten in der Woche krank geworden wäre. Klar hat „Meiner“ getan, was er konnte, meine Mutter übrigens auch. Aber damit ich in aller Ruhe hätte gesund werden können, hätte es eben mehr gebraucht.

Und deshalb bin ich heute so wütend. Wütend auf unser System, das noch immer darauf ausgerichtet ist, dass nur derjenige, der einer bezahlten Arbeit nachgeht, krank sein darf. Wütend, dass Papas auf dem Papier zwar das Recht haben, der Arbeit fern zu bleiben, wenn die Familie krank ist. Dass sie aber kaum den Mut aufbringen werden, diese freien Tage auch zu beziehen, weil das ja keiner sonst tut. Wütend, dass man immer noch seine Grippe auf das Wochenende verlegen muss, wenn man als Mama nicht alleine den ganzen Mist meistern will. Und dann, wenn das Schlimmste überstanden ist, die Wäscheberge bezwingen muss, die sich in der Zwischenzeit angehäuft haben, die Unordnung beseitigen muss, welche die ganze Wohnung überzieht. Und und und.

Ja, und dann bin ich auch stinksauer auf mich selber und auch auf „Meinen“, wenn auch nicht darum, weil er krank ist: Wie nur konnten wir je so dumm sein, diese hirnrissige Arbeitsteilung zu leben? Wie nur konnten wir es zulassen, dass ich so leicht auf dem  beruflichen Abstellgleis gelandet bin? Hätten wir die Arbeit besser aufgeteilt, dann könnte jeder mal in Ruhe krank sein, währenddem der andere den Laden schmeisst.

Wie habe ich es doch satt, eine Vollzeithausfrau zu sein!

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Da bin ich aber erleichtert…

Das war dann wol die Strafe für all mein Gespött über die Schweinegrippe-Hysterie: Plötzlich war ich diejenige, die mit brummendem Schädel, schmerzenden Gliedern und einer jener lächerlichen Gesichtsmasken beim Hausarzt sass. Kann man noch tiefer sinken? Wo ich doch genau weiss, dass diese Grippe nicht gefährlicher ist als alle anderen auch. Dass alles masslos übertrieben war. Dass das Schlimmste bei uns wohl bereits überstanden ist.

Aber was soll man denn machen, wenn man zu einer Risikogruppe gehört und bei jedem Atemzug dieses Stechen in den Lungen verspürt? Wenn dann im von der Krankheit vernebelten Kopf all die Horrorgeschichten von Asthmatikern, die sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen hatten, auftauchen? Wenn dann noch der äztliche Beratungsdienst einen dazu auffordert, „unverzüglich zum Azt zu gehen“? Ja, da sitzt man dann eben mit dem Mundschutz, hofft, dass einen niemand erkennt in dieser lächerlichen Aufmachung und versucht, dem Arzt klarzumachen, dass man ja von der ganzen Hysterie nichts halte, dass man aber dennoch ein wenig beunruhigt sei, weil man ja eben gehört habe bla bla bla….

Und dann verlässt man die Arztpraxis wieder, um eine Sorge ärmer und  um ein paar Medikamente reicher. Von denen ich jetzt schon weiss, dass ich sie nicht benützen werde. Wo ich doch bei meinen überdrehten, halbgenesenen Kindern gar nicht dazu komme, meine Wehwehchen zu kurieren.

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Chacun à sa façon

Beim Kranksein pflegt ja jeder seinen eigenen Stil. Das tritt jetzt, wo wir fast alle schweinemässig flach liegen, wiedermal deutlich zu Tage. Karlsson zum Beispiel, schläft sich durch die Seuche hindurch, will nichts als alleine sein und wenn es ihm wieder etwas besser geht, vertraut er auf die heilenden Kräfte eines Buches, das er von vorne bis hinten durchliest. Dann ist er wieder gesund.

Luise ist das pure Gegenteil. Sie will auf keinen Fall alleine sein, beklagt sich dann aber den ganzen Tag, es sei ihr zu laut, die andern sollten endlich still sein. Wenn man ihr aber vorschlägt, sie solle sich in ein ruhigeres Zimmer zurückziehen, weint sie, als habe man ihr angedroht, sie im Wald auszusetzen. Und natürlich ist sie die Ärmste und Kränkste auf dem ganzen Planeten.

Ist der FeuerwehrRitterRömerPirat krank, verläuft die Sache in Wellen. Entweder, er liegt so flach, dass er nicht mal mehr merkt, ob er auf dem harten Fussboden schläft, oder aber er nervt die ganze Familie mit seiner Überdrehtheit, rennt nach draussen, um an der Tür zu klingeln und trommelt auf die Blechschüssel, die bereit steht, falls jemand erbrechen muss. Die Phasen des FeuerwehrRitterRömerPiraten wechseln so schnell, dass man sich in einem Moment fragt, ob man ihn vielleicht doch besser in den Kindergarten geschickt hätte und sich im anderen Moment überlegt, ob man nicht doch besser zum Arzt gehe mit ihm.

Der Zoowärter schliesslich schläft fast immer und wenn er mal wach ist, ist er grantig, dass es nicht zum Aushalten ist. Und wehe, man sagt, er sei ein Armer. Oder er sei krank. Dann fängt man einen gaaaaaanz bösen Blick ein.

Beim Prinzchen weiss man noch nicht so recht, wie sein Krankheitsstil aussieht, aber ich fürchte, dass es in die Richtung quengelig und „ich bin der Ärmste auf der Welt“ geht. Ähnlich wie Luise eben. „Meiner“ ist, wie bereits früher erwähnt, prinzipiell nur in den Ferien krank und weigert sich dann standhaft, sich dies einzugestehen, weshalb er alles, was er übers Jahr hat aufschieben müssen, in seinen Krankheitstagen zu erledigen versucht. Und sich dann wundert, weshalb er sich so elend fühlt.

Und was ist mit mir? Welchen Stil pflege ich? Nun, wenn ich krank bin, sind meist auch alle anderen krank. Und darum wische ich Erbrochenes auf, schleppe Matrazen, um ein zentrales Krankelanger herzurichten, koche Tee, messe Fieber, verabreiche Medikamente. Letzteres allerdings nur im absoluten Notfall, denn meist sind die Kinder danach so aufgedreht, dass ich nicht einmal mehr Zeit finde für mein Selbstmitleid, das bei mir ebenfalls zum Kranksein gehört. Ach ja, eigentlich würde ich mich mit ein wenig schreiben, viel Jammern und noch mehr lesen wieder auf die Beine bringen. Aber weil Mamas bekanntlich nie krank sind, bleibt es meist beim Pflegen der anderen. Nun ja, wenigstens bin ich diesmal zum Schreiben gekommen. Da fühlt man sich doch gleich ein wenig besser…

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