Nebenjob

Nicht, dass ich mir diesen Nebenjob ausgesucht hätte. Aber wenn eine neue Aufgabe an uns Mütter herangetragen wird, dann übernehmen wir sie klaglos, nicht wahr? Und so mache ich mich selbstverständlich auf die Socken, um die Briefe zu verteilen, die der Pöstler fälschlicherweise bei uns abgegeben hat. Lasse meinen armen kranken Karlsson – ohne Kuckelimuck-Medizin – zu Hause auf dem Sofa liegen. Verschiebe die volle Windel des rückfälligen Zoowärters auf später und lasse das Prinzchen schlafen. Ich darf doch die lieben Nachbarn nicht zu lange auf ihre Post warten lassen. Sonst gibt’s Reklamationen. Auch wenn man sich eine Aufgabe nicht ausgesucht hat, ist voller Einsatz gefragt, das wissen wir Mütter.

So mache ich mich ans Werk, sorge dafür, dass jeder Brief am rechten Ort ankommt. Nun fragt sich bloss noch, wie unsere Briefe den Weg zu uns finden.  Den Abfall-Entsorgungkalender, den unsere Nachbarn heute bekommen haben, werde ich mir wohl abschminken müssen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem eines der wichtigsten Dokumente überhaupt verteilt wird, macht die Post schlapp! Ich glaube, ich muss mal mit unserem Pöstler ein Mitarbeitegespräch führen. Solche Schlampereien schaden dem Ruf unseres Arbeitgebers. Und wenn ich als unbezahlte Mitarbeiterin ein grösseres Pflichtbewusstsein an den Tag lege als ein Bezahlter, dann stimmt doch etwas nicht mehr, oder?

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Wo bleiben die denn?

Seit Jahren nun warte ich schon auf die Lieferung und noch immer sind sie nicht eingetroffen, die zusätzlichen Arme, die ich gleich nach Karlssons Geburt bestellt hatte. Eigentlich habe ich pro Kind ein weiteres Paar bestellt, müsste also inzwischen zwölf Arme haben. Aber noch immer mühe ich mich ab mit den Zweien, die ich bei meiner Geburt auf den Lebensweg mitbekommen habe. Versuche irgendwie, dafür zu sorgen, dass Karlsson sein Pausenbrot bekommt, währdenddem ich Luises Haar kämme, die Schuhe des FeuerwehrRitterRömerPiraten suche, den Zoowärter davon abhalte, dem Prinzchen auf den Rücken zu steigen und dem Prinzchen den versabberten Pulli ausziehe. Das alles natürlich mit dem Telefon in der Hand, denn meistens hat man ja auch noch einen Anruf entgegenzunehmen.

Okay, ich weiss, ich sähe ziemlich sonderbar aus mit zwölf Armen. Aber dennoch träume ich da wohl einen alten Menschheitstraum. Wie anders will man sich erklären, dass die Inder eine überaus hässliche vielarmige Göttin namens Kali haben? Ich bin mir sicher, dass diese von einer gestressten Mutter erfunden worden ist. Nun ja, die Idee hat auch ihre Nachteile. So dürfte zum Beispiel die Bekleidungsindustrie Probleme haben damit, uns Mütter elegant einzukleiden. Aber wenigstens hätten die Schneider mal wieder eine Herausforderung. Und wahrscheinlich müsste man auch furchtbar aufpassen, dass sich die vielen Arme nicht ineinander verknoten. Aber wenn ich mal wieder, wie heute früh, verschlafen habe und vor lauter Hetze nicht mehr weiss, wo ich zuerst anpacken soll, dann verwünsche ich die Tatsache, dass ich nur zwei Hände und  zwei Füsse habe. Und dass ich noch immer auf die Lieferung meienr Bestellung warte.

Man komme mir jetzt nicht mit der Ermahnung, ich müsse mich eben nicht verschlafen, dann sei es kein Problem, mit der Grundausstattung an Extremitäten auszukommen. Wie soll man sich denn nicht verschlafen, wenn man die halbe Nacht auf den Beinen gewesen ist, weil Karlsson  eine Grippe aufgelesen hat?

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Halbzeit

Mein Novembertext ist zur Hälfte fertig. Mehr als fünfundzwanzigtausend Worte habe ich geschrieben in der vergangenen Woche.  Ohne mein Blog-Geschreibsel dazuzuzählen. Habe zu wenig geschlafen, zu viel gegessen, um wach zu bleiben, meinen Haushalt schleifen lassen, dass es eine Schande ist. Aber es hat sich gelohnt: Noch nie zuvor war ich so zufrieden, noch nie zuvor habe ich mit einer solchen Gelassenheit auf die zahlreichen Mätzchen meiner Kinder reagieren können, noch nie zuvor habe ich mich so ausgeglichen gefühlt.

Zu dumm nur, dass ich schon die Hälfte geschafft habe. Was mache ich bloss, wenn der November vorbei ist?

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Der Musterknabe

Gar nicht so einfach, einen Sitzungstermin mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten zu vereinbaren. Zwischen Mittagessenhinunterschlingen, Pingu-Kassette hören und Spielnachmittag mit dem Nachbarsmädchen, dem man schon vor Jahren versprochen hat, es eines Tages zu heiraten, bleibt nicht gerade viel Zeit für Mama. Aber nachdem die Kindergärtnerin heute angerufen hatte, gab es da noch Einiges zu klären. Zum Beispiel, weshalb er seine Finken – für deutsche Leser: Finken sind Hausschuhe, nicht Vögel, – herumgeschmissen hat. Die weiteren „Vergehen“ bleiben ein Familiengeheimnis. Nur soviel: Überrascht hat mich nichts. So ist er eben, mein FeuerwehrRitterRömerPirat. Und schlimm war es auch nicht, was die Kindergärtnerin da erzählt hat, aber doch wichtig genug, dass ich einen Gesprächstermin mit meinem Dritten ausmachen musste.

Nach dem Mittagessen schenkte er mir gnädigerweise zehn Minuten seiner wertvollen Zeit, wies mich aber jedes Mal, wenn ich Luft holte, darauf hin, dass er jetzt eigentlich viel lieber Pingu hören möchte. Was bedeutet, dass es noch langweiliger ist, mit mir zu reden, als Pingu beim Quasseln zuzuhören. Quä quä! Das Gespräch war dennoch äusserst fruchtbar. So weiss ich jetzt zum Beispiel, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seine Finken nur herumgeschmissen hat, weil er herausfinden wollte, ob sie fliegen können wie Helikopter. Also keine böse Absicht, nur unstillbarer Forscherdrang, physikalische Früherziehung  sozusagen. Deswegen muss man doch nicht gleich die Mama anrufen, liebe Kindergärtnerin! Aber die Wissenschaft hat es eben schwer hierzulande. Ich weiss jetzt auch, dass alle anderen Kinder im Kindergarten die Regeln brechen und dass es dem FeuerwehrRitterRömerPirat fast das Herz bricht, dies mit ansehen zu müssen. Und  furchtbar laut sind die anderen Kinder und sie stören meinen FeuerwehrRitterRömerPiraten beim Nachdenken. Ja, das Leben eines Musterknaben, der umgeben ist von lauter ungehobelten Rabauken, ist nicht einfach.

Da frage ich mich doch, wie mein Sohn mit seinem Alter Ego klarkommt, mit dem säbelschwingenden, herumbrüllenden, sich um sämtliche Regeln foutierenden FeuerwehrRitterRömerPiraten, den er jeweils hervorkehrt, kaum hat er die Schwelle zu seinem Zuhause überschritten. Wie schafft er es nur, tagein tagaus mit einem Jungen im selben Körper zu stecken, der seine Müesliriegel auf dem Sofa isst anstatt, wie befohlen,  in der Küche? Der erst dann das Zimmer aufräumt, wenn man ihm droht, sämtliche Spielsachen in den Keller zu verbannen? Der unverschämt grinst, wenn die Mama ihm eine Standpauke hält? Leider hatte der FeuerwehrRitterRömerPirat keine Zeit mehr, mir diese Fragen zu beantworten. Pingu wartete und die Freundin auch. Ich werde ihn um eine weitere Audienz ersuchen müssen.

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Halten Sie die Klappe, Frau Klum!

Ach, wie schön! Wir dürfen uns mal wieder anhören, was Frau Klum zur Mutterschaft zu sagen hat, oder genauer gesagt dazu, wie man als Mutter so bald als möglich nach einer Geburt wieder durch die Gegend klappern kann. Diesmal will Frau Klum bereits mehr als zwanzig Kilos verloren haben, was gar nicht so einfach sei. Doch mit dem Stress einer Grossfamilie und einem Laufband im Haus schaffe man das, will sie uns weis machen.

Liebe Frau Klum, ich glaube Ihnen kein Wort. Zu lange schon stille ich meinen Hunger mit da einem Bissen aus dem Teller eines meiner Kinder, dort einem angebissenen Brötchen, das vergessen wurde. Zu lange schon überwinde ich meine unglaubliche Müdigkeit mit starkem Kaffee und einem Stück Schokolade. Zu oft habe ich mir vorgenommen, ab jetzt täglich dreissig Minuten Sport zu treiben, doch nach dem alltäglichen Herumrennen schaffe ich es nur noch, meine müden Knochen vor den Computer zu schleppen, um ein wenig zu schreiben. Meine zehn Kilo Übergewicht werde ich trotz meines erfüllten Lebens nur sehr zaghaft los. Wäre es wahr, was Frau Klum sagt, ich bestünde nur noch aus Haut und Knochen.

Also Frau Klum, hören Sie endlich damit auf, zu behaupten, es sei alles ganz eifach. Hören Sie auf, jungen Müttern das Leben schwer zu machen mit Ihrem kranken Schönheitsideal. Sehen Sie endlich ein, dass nur die privilegiertesten Mütter es sich leisten können, sich wenige Wochen nach der Geburt schon wieder nur um sich selber zu drehen. Und dann hören Sie endlich auf, ihre privilegierte Situation zum Mass aller Dinge zu machen.

Und überhaupt: Was ist so schlimm daran, wenn man einer Frau ansieht, dass sie ein paar Schwangerschaften hinter sich hat, dass sie wunderbaren Geschöpfen das Leben Geschenkt hat? Immerhin hätte Peter Paul Rubens seine wahre Freude daran, Frau Klum hingegen würde er links liegen lassen. Und Rubens Frauen hängen immerhin  heute noch in den Museen, während Heidi Klums Klone morgen schon vergessen sein werden.

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Die nervigste Mama des Jahres

Wer, wie ich, die gesammelten Werke von Adrian Plass im Schlaf rezitieren kann, kennt die Situation: Adrian ist ein unbescholtenes Kleingruppenmitglied, das sich auf dem Sofa fläzen kann, gelangweilt vor sich hinstarren darf und dumme Fragen stellt. Eine Woche später ist er zum Leiter der Gruppe geworden und aus ihm unerklärlichen Gründen haben sich sämtliche Mitglieder in unausstehliche, äusserst schwierige, unzuverlässige und dickköpfige Zeitgenossen verwandelt.

Mir ist das Gleiche passiert, in umgekehrter Richtung. Was habe ich mich aufgeregt, damals, vor zwei Jahren, als ich noch Leiterin war im Muki-Turnen! Können die denn nicht pünktlich sein? Ihre Kleider in der Garderobe ablegen und nicht vor der Eingangstür? Müssen die mich ausgerechnet jetzt, wo ich mich gedanklich auf die Stunde vorbereite, mit ihren Fragen über das nächste Vaki-Turnen, das in drei Monaten stattfindet, beelenden? Und können die nicht mal still sein, mit ihren Kindern turnen und den Klatsch auf die nächste Kaffeerunde verschieben?

Und was bin ich heute? Eine Mama, die in letzter Sekunde in die Halle platzt, die die Stofftiere ihres Zoowärters im Weg rumliegen lässt, die unbedingt noch vor Beginn der Stunde ihre deplatzierten Fragen beantwortet haben will, die doof in der Halle rumsteht, schwätzt und nicht sieht, dass ihr Kleiner derweilen die Sprossenwand hochklettert, obschon dies nur erlaubt ist, wenn die Mama nebendran steht.  Ich mache so ziemlich alles, was die Leiterinnen insgeheim verabscheuen und ich mache es nicht mal mit böser Absicht. Ich bin einfach nur so unglaublich erleichtert, dass ich nicht mehr die Leiterin bin und bemerke ob meiner Erleichterung nicht, dass ich auf dem besten Weg bin, die nervigste Mama des Jahres zu werden.

Nur Eines werde ich nie tun, ich verspreche es hier hoch und heilig: Zu früh in der Halle stehen und die Leiterin bei den Vorbereitungen stören. Dieses Verbrechen können nur Mütter begehen, die sich zu Hause langweilen und nicht warten können, bis es endlich Zeit ist, zu gehen. Soweit werde ich erst wieder sein, wenn ich pensioniert bin. Freut euch schon jetzt auf mich, ihr zukünftigen Leiterinnen des Senioren-Turnens!

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Süchtig

Bis anhin hatte ich mich eigentlich nicht für einen suchtgefährdeten Menschen gehalten. Okay, ich kann Luxemburgerli nicht widerstehen. Aber die Dinger sind so teuer, dass ich sie mir alle Schaltjahre leiste, – oder schenken lasse,- so dass keinerlei Suchtgefahr besteht. Dass ich süchtig sein könnte nach Lesen ist mir schon eher mal durch den Kopf gegangen. Wenn ich mich dabei erwischt habe, wie ich eine Gebrauchsanweisung durchgelesen habe, weil gerade kein anregenderer Lesestoff zur Hand war. Oder den Text auf der Shampooflasche. Oder die Wegleitung zur Steuererklärung.

Gestern aber ist mir klar geworden, dass auch ich ein Suchthaufen bin. In meinem Kopf schwirrten zwei Texte herum. Wunderschöne, geschliffene Sätze, Pointen, die ich nicht vergessen wollte, Worte, die so treffend waren, dass ich sie auf keinen Fall vergessen wollte. Aber ich hatte keine Zeit. Der Zoowärter wartete auf sein Frühstück, das Prinzchen hatte eine volle Windel, die Putzfrau wartete darauf, dass ich das Chaos aus dem Weg räume, damit sie ungehindert staubsaugen konnte. Keine Chance zu entkommen, sich hinter den Bildschirm zu setzen und zu tippen, was das Zeug hält. Nicht mal Zeit, mir ein paar Notizen zu machen, damit die Sätze nicht wieder verschwinden. Und so verwandelte ich mich in eine Furie mit zittrigen Fingern, rasendem Puls und starrem Blick. Ich wollte schreiben, musste schreiben und zwar jetzt gleich, sofort! Es fehlten nur noch die Schweissausbrüche, und ich hätte mich gefühlt wie ein Junkie auf Entzug. Nicht, dass ich Erfahrung hätte mit solchen Dingen…

Wenn das so weitergeht mit mir, kann das ja heiter werden. Im Moment zum Beispiel schwirren in meinem Kopf Blog-Posts durcheinander, Sätze für das Novemberschreiben, Ideen für die nächste Geschichte. Und ausserdem habe ich da noch ein Buch, dass ich unbedingt fertig lesen muss. Nichts Hochstehendes, bloss eine belanglose Chick-Lit-Schnulze in miserabler deutscher Übersetzung, die ich mir gekauft habe, um die Fahrt von Zürich nach Aarau zu verkürzen. Aber ich muss doch wissen, ob die Tussi am Ende Ed nimmt oder Josh, nicht wahr? Okay, ich geb’s zu, ich weiss, dass sie Ed nimmt. Ich habe das Ende schon gelesen. Aber ich muss doch wissen, wie es dazu kommt.

Während ich mich in einem Rausch von Lesen und Schreiben befinde, dämmt „Meiner“ das Chaos in Haushalt, Terminkalender und Wäschekorb ein, so gut es geht. Mit solchen Trivialitäten kann ich mich momentan einfach nicht herumschlagen…

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Fast-Food-Stress

Heute ist es mal wieder so, dass ich die ganze Zeit dem Tag hintendrein renne und ihn nicht erwische. Immer, wenn ich glaube, ich hätte ihn, kommt etwas dazwischen und weg ist er wieder. Hätte Karlsson mich nicht um Viertel nach sieben geweckt, ich würde wohl jetzt noch in den Federn liegen. Und so geht es weiter. Luise kommt beinahe zu spät zur Schule, weil ich ihr das Haar zu spät kämme, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt beinahe zu spät in den Kindergarten, weil ich ihm keinen Znüni bereitgelegt habe, der Zoowärter kommt, nicht nur beinahe, zu spät in die Spielgruppe, weil ich unbedingt noch eine Seite zu Ende lesen musste, als ich auf dem WC sass.

Weil der Rest des Vormittags ähnlich verläuft, ringe ich mich irgendwann dazu durch, den für heute geplanten Milchreis nicht selber zu kochen. Ich verabscheue Fertigprodukte. Aber es gibt Tage, an denen es nicht anders geht und so irre ich, nachdem ich den Zoowärter zu spät von der Spielgruppe abgeholt habe, mit den beiden Jüngsten im Coop herum und suche verzweifelt den Milchreis. Und weil ich mich a) im Coop nicht auskenne, weil ich, wie alle Welt weiss, Migroskundin bin, und b) keine Ahnung habe, wo man die Fertigprodukte findet, weil ich normalerweise keine kaufe, irre ich lange, sehr lange herum. Als mir bewusst wird, dass ich in der Zeit, die ich mit Suchen vergeudet habe,  längst den Milchreis aufgesetzt, die Äpfel für das Kompott gerüstet und einen Kaffee getrunken hätte, ringe ich mich durch, eine Verkäuferin zu fragen. Und versinke dabei fast im Boden vor Scham: Frau Venditti, die an gewöhnlichen Tagen ihr Brot selber backt, hausgemachte Teigwaren auftischt, die Suppe prinzipiell nicht aus dem Päckchen kauft, verlangt Fertig-Milchreis! Kann ich noch tiefer sinken?

Ich kann. Nachdem ich möglichst unauffällig die drei Beutel in den Einkaufskorb gelegt habe, bringt mich der Zoowärter dazu, ihm vier bunte Badefischchen zu kaufen. Weil wir so dringend nach Hause müssen, habe ich einfach keine Zeit mehr, mir Gegenargumente zu überlegen, um den flehenden Blick in seinen Augen abzustellen. Und was ist der Dank dafür? Der Kleine lässt alle Welt wissen, dass seine Mama ihm einen Nemo gekauft habe!  Wie oft habe ich dem Kind denn schon gesagt, die orange-weissen Fische heissen Anemonenfische?  Im schlimmsten Fall dürfe er sie auch Clownfische nennen. Und er nennt sie Nemo. Als würde der den ganzen Tag vor der Glotze hocken und „Finding Nemo“ schauen.

Dabei hat er den Film gar nie gesehen. Als wir ihn nämlich vor zwei Jahren einmal ausgeliehen hatten, kamen Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat nach zwanzig Minuten heulend aus dem Wohnzimmer gerannt, weil sie „diesen brutalen Streifen“ nicht sehen wollten. Seither ist Nemo bei uns erst ab 16 Jahren freigegeben.

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November

Das fängt ja gut an! Schon am ersten Morgen schaffe ich es nicht, mich um fünf Uhr aus dem Bett zu quälen. Und als ich es um sechs Uhr dann endlich doch schaffe, macht sich das Prinzchen aus Protest die Windel voll. Und da „Meiner“ noch immer hexenschussbedingte Probleme beim Aufstehen hat, ist klar, wer des Prinzchens Windel wechselt.

Man kann sich ja fragen, ob eine Mama von fünf Kindern nichts Besseres zu tun hat, als sich frühmorgens hinter den Computer zu setzten, um beim Novemberschreiben mitzumachen. Immerhin ist landläufig bekannt, dass ich bei Schlafmangel noch kratzbürstiger bin als im Normalzustand. Aber da ich in den letzten Jahren ohnehin einen gigantischen Schlafmangel angehäuft habe, kommt es auf dieses kleine bisschen Unvernunft im November nicht mehr an. Wenn ich jetzt nicht anfange, fange ich nie an. Heute ist es der Schlafmangel, der mich abhält, in drei Jahren die Vorpubertät, in zehn Jahren die Berufswahl der Kinder und irgendwann dann die Gicht. Also lege ich heute los, Schlafmangel hin oder her. Irgendwann muss ich damit anfangen, den Geschichten den Weg aus meinem Kopf zu bahnen. Ob die dann als Datei in meinem Computer vergammeln, oder ob eines Tages mehr daraus wird, ist momentan völlig egal. Hauptsache, ich schreibe.

Und da ich mich jetzt so schön warmgeschrieben habe, starte ich offiziell in das erste Novemberschreiben meines Lebens. Wenn ich mir meinen brummenden Schädel wegdenke, freue ich mich wie ein kleines Kind…

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Happy Birthday, mein Prinzchen!

Heute also ist der grosse Tag. Da liegt er, der kleine Geburtstagsprinz, eng umschlungen mit seinem Geburtstagsbären, und hat keine Ahnung davon, welch wichtiger Meilenstein dieser Tag für seine Eltern ist. Wie hatten wir uns davor gefürchtet, noch einmal Eltern zu werden. Wie habe ich geheult damals, als ich ungläubig auf den positiven Schwangerschaftstest starrte. Nicht, weil ich mich nicht auf das Kind freute. Kinder hätte ich noch unzählige haben können. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das schaffen sollte, wie wir alle das schaffen sollten. Eine erschöpfte Mama, ein erschöpfter Papa, vier kleine Kinder, finanzielle Engpässe, aufgeschobene Träume  und noch einmal ein Baby. Kann das gut gehen?

Es kann! Das Prinzchen ist die grösste Überraschung, die uns in unserem Leben geschenkt wurde. Ein perfekter kleiner Mensch, der uns alle im Sturm erobert hat, der uns gezeigt hat, dass ein Kind nie falsch ist, auch dann nicht, wenn es zu einem schwierigen Zeitpunkt geboren wurde. Der uns gezeigt hat, dass man Vieles schaffen kann, wenn man den Mut hat, zu seinen Schwächen zu stehen, Hilfe anzunehmen und sich trotz aller Widrigkeiten zu freuen an dem neuen Leben. Und deshalb ist heute ein ganz besonderer erster Geburtstag. Wir sind so dankbar, dass du zu uns gehörst, kleiner Prinz!

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