Wenn die Mama Hilfe braucht

Eigentlich ist es ja ganz gut, wenn man auch bei uns in der Provinz endlich erkennt, dass Mütter nach einer Geburt nicht automatisch glücklich sind. Und natürlich ist es auch gut, dass man dies in der lokalen Tageszeitung thematisiert, dass Psychologinnen für das Thema sensibilisieren wollen. Doch die Ratschläge, die sie erteilen, haben etwa so viel mit der Realität zu tun wie die Mär von der stets glücklichen Mutter, nämlich gar nichts. Wenn eine Mutter drei Wochen lang an Erschöpfung, Angst, Zwang oder Depression leide, solle sie Hilfe in Anspruch nehmen, liest man da.

Tönt einfach? Natürlich. Aber man zeige mir mal die Mutter eines Neugeborenen, die Zeit hat, darüber nachzudenken, ob sie jetzt eher erschöpft sei, unter Zwängen leide oder ob sie vielleicht depressiv sei. Die Frau, die in den ersten Monaten mit dem Baby überhaupt dazu kommt, sich über ihr Innenleben tiefschürfende Gedanken zu machen, die Zeit hat, zu analysieren, was da gerade passiert mit ihr, diese Frau gibt es nicht. Nun ja, vielleicht übertreibe ich. Es mag einzelne Frauen geben, die eine Mutter oder Schwiegermutter haben, die ihnen alle Lasten abnimmt, aber das schafft ja meistens neue Probleme. Und so erkennen die meisten Frauen wohl erst rückblickend, dass da nicht alles eitel Sonnenschein war in den ersten Monaten mit dem Kind. Und sie werden sich Vorwürfe machen, dass sie so viel geweint haben, dass sie die Zeit mit dem Baby nicht genossen haben, dass sie nicht so glücklich waren wie die Frau im Pampers-Werbespot. So sind wir Mütter eben.

Was soll man also tun? Der Sache ihren Lauf lassen? Die Mütter blindlings in die Depression rasseln lassen? Wohl kaum. Aber wie wäre es, wenn man nicht die Mütter beauftragen würde,  Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es schlecht geht? Wenn man stattdessen die Väter für das Thema sensibilisieren würde? Die Grosseltern? Die Arbeitgeber? Die Gesellschaft, die mit ihren unrealistischen Erwartungen den Müttern das Leben unnötig erschwert? Vor lauter Windelbergen sehen die meisten Mütter ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr. Da braucht es schon andere, die dafür sorgen, dass die Mama nicht im Elend ersäuft.

DSC02794-small

Warnung vor den Window Colors

Darf man die Erfinder von Window-Colors verklagen, weil sie es geschafft haben, einen vollkommen kinderuntauglichen Artikel in jeden bekinderten Haushalt einzuschleusen?

DSC02805-small

Nein, das Prinzchen hat nicht aus der Window-Colors-Flasche getrunken. Ein vom FeuerwehrRitterRömerPiraten auf dem Balkon zwischengelagertes Bild hat genügt, um das ganze Chaos anzurichten. Und nein, das Prinzchen heulte nicht, weil ich ihn wegen der Schmiererei bestraft hätte. Er heulte, weil er in die Badewanne musste. Zum zweiten Mal an diesem wunderbaren Tag. Und nein, ich habe nicht geheult. Nur fast. Weil das Prinzchen eine Flasche Window Colors im WC versenkt hat, wo sie trotz all meiner Bemühungen, sie rauszuholen, geblieben ist.

Zumindest weiss ich jetzt, dass meine Strategie, die Misere zu fotografieren anstatt zu explodieren,  funktioniert. Bis ich endlich die Kamera gefunden hatte, war mein Zorn schon längst verraucht.

Sind sie nicht lieb?

Meine Kinder sind doch einfach die liebsten Menschen auf diesem Erdboden – mal abgesehen davon, dass sie mich jeden Morgen zum Wahnsinn treiben. Aber wie sie heute Mittag meinen missratenen Kaiserschmarrn in sich herein geschaufelt haben und das klebrige Zeug sogar noch gelobt haben, war einfach herzerwärmend. Man kann sich ja fragen, ob jemand, in dessen Adern kein einziges Tröpfchen Österreichisches Blut fliesst, überhaupt Kaiserschmarrn kochen kann, geschweige denn kochen darf, aber ich habe es dennoch getan. Und tüchtig versagt dabei. So sehr, dass ich zur Sicherheit noch eine Ladung Pasta kochte. Aber eben: Meine lieben Kinderlein haben mich über allen grünen Klee gelobt, obschon ich dies mit diesem Essen bestimmt nicht verdient habe.

Oder nehmen wir Luise. Das Kind hat heute nicht nur allen Mut zusammengenommen und ist vom Sprungbrett gesprungen, – und will jetzt, nebenbei gesagt, nichts anderes mehr tun, – nein, sie hat heute auch gleich noch meine alten Sasha-Puppen adoptiert. Wie sie die beiden liebevoll umsorgt, ihnen ihre geheimsten Geheimnisse anvertraut und sich von der Grossmama Kleidchen stricken lässt rührt mich zutiefst. Denn habe ich nicht immer heimlich davon geträumt, dass mein kleines Mädchen meine  Rahela und meine Dido  eines Tages auch so lieben würde wie ich dies einst tat? Nur mit dem Namen Dido hat sich Luise noch nicht anfreunden können. Es hat auch nichts genützt, dass ich ihr gesagt habe, dass Dido eine Königin war. Ist aber nicht weiter schlimm: Soll sie die Puppe doch Manuela nennen, oder Hildegard, oder Rotraut. Hauptsache, sie liebt sie.

Oder nehmen wir den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Der harte Junge, der schon mit drei Jahren verkündet hatte, er sei kein kleiner Macho, sondern ein Grosser, hat mir heute verraten, dass er einmal Arzt werden will, wenn er gross ist. Kinderarzt, um genau zu sein. Nun ja, offen gestanden kann ich mir noch nicht so recht vorstellen, wie er dereinst das Vertrauen seiner kleinen Patienten gewinnen will, indem er  ihnen sagt, er werde sie verprügeln, wenn sie jetzt nicht gleich still sitzen würden. Doch zumindest träumt er nicht mehr von einer Karriere als Gladiator. Oder als Cowboy. Oder als Goliath. Und vielleicht ändern sich seine Überzeugungsmethoden auch noch.

Oder nehmen wir Karlsson. Wie stolz er war, als Luise den Sprung ins nicht allzu kalte Wasser gewagt hatte! So stolz, als hätte er selber eine riesige Leistung erbracht. Hat er ja eigentlich auch: Er hat seine kleine Schwester nicht ersäuft vor Neid, weil sie von mir überschwenglich gelobt wurde. Vor einem Jahr wäre er ihr deswegen bestimmt noch an die Gurgel gesprungen.

Ja, die drei waren so überaus lieb heute, sagten so viele schöne Dinge, dass ich langsam Verdacht schöpfe: Ob ihnen bewusst wird, dass es  langsam Zeit wird, an Wunschzettel zu denken?

DSC02456-small

Noch mehr bunte Smarties

265 Posts habe ich bis heute geschrieben, dieser hier ist der 266. In dieser Zeit habe ich darüber geschrieben, wie gerne ich Mutter bin, wie oft ich mich als völlige Versager-Mama fühle, habe von meiner Überforderung berichtet, von meinem Ärger über die kinderunfreundliche Schweiz, habe über Absurditäten gespottet, ein wenig von meinen Glauben preisgegeben,  habe davon erzählt, wie unglaublich witzig und lieb unsere Kinder sind, habe von „Meinem“ geschwärmt und ab und zu auch ein wenig politisiert. Und was lesen meine überaus geschätzten Leser aus diesem Sammelsurium am Liebsten? Meinen kleinen, banalen Eintrag über Kindergeburtstage und Viele viele bunte Smartieskuchen.

Keine Ahnung, was diesen Text so beliebt macht, aber seit Wochen hält er sich hartnäckig unter den meist gelesenen Beiträgen meines Blogs. Weil ich ein Mensch bin, der immer wissen muss, weshalb etwas ist, wie es ist, habe ich mir inzwischen eine Theorie zurecht gelegt, um mir zu erklären, weshalb ausgerechnet dieser Beitrag so oft gelesen wird: Das Kind hat Geburtstag, die Mama überlegt sich, was sie backen soll, denkt „Smarties wären doch süss! Und erst noch bunt.“, Mama sucht im Internet nach einem Rezept, meint, bei mir gebe es eines und liest den Beitrag. Fragt sich bloss, was sie für einen Kuchen backt, nachdem sie bei mir gelesen hat, dass alle Mamas Smarties-Kuchen backen…

Und fragt sich, weshalb der Beitrag von Juni bis September nie, seit Anfang Oktober aber täglich gelesen wurde. Irgendwo müssen Smarties in einem unglaublich günstigen Sonderangebot erhältlich sein…

Vollbild anzeigen

Geschenkt

Auf die herbstliche Zeitumstellung freue ich mich jedes Jahr wie ein kleines Kind. Wann bekommt man denn schon einfach so eine Stunde geschenkt? Okay, ich weiss, im Frühling nehmen sie mir die Stunde wieder weg, also ist es gar kein richtiges Geschenk. Doch weil ich so gerne Geschenke bekomme, rede ich mir dennoch ein, es sei eines. Und weil Geschenke kostbar sind, will auch diese eine Stunde sorgsam behandelt werden. Was in meinen Lebensumständen bedeuten würde, dass man sie verschläft, denn was ist kostbarer als sechzig Minuten zusätzlicher Schlaf, wenn man kleine Kinder hat?

Aber doch nicht mit mir! In solchen Belangen bin ich ähnlich wie der berühmte Calvin mit seinem Stofftiger Hobbes: „I’ve got to press every little bit of fun out of every minute“. Und so mache ich mich mit Feuereifer dahinter, diese Stunde auszupressen bis aufs Letzte: Länger bloggen, länger lesen, länger in der Badewanne liegen, mehr Kaffee trinken. Denn es ist ja erst Mitternacht, wenn die Uhr bereits ein Uhr zeigt. Und so kommt es, dass ich heute das einzige unausgeschlafene Lebewesen in unseren Breitengraden bin. Fragt mal „Meinen“, wie ich heute gelaunt war…

DSC02637-small

Mama badet mal wieder im Selbstmitleid

Da sitze ich mal wieder, tief unten in meinem Loch und bemitleide mich selber. Und das nach einem so schönen Tag. Aber das ist ja genau der Grund, weshalb ich mal wieder im Selbstmitleid bade. Doch fangen wir von Vorne an: Nach einer unglaublich mühsamen Woche als Vollzeithausfrau liess ich heute Mittag das ganze Chaos hinter mir und machte mich auf zur Weiterbildung, die „Meiner“ mir zum Geburtstag geschenkt hatte.

Die unaufgeräumten Kinderzimmer, die immer noch kaputte Waschmaschine, die Staubflusen unter dem Bett, das alles ist mir jetzt egal. Einen Nachmittag lang befasse ich mich nur damit, wie man besser vorliest, das Publikum mitnimmt auf eine Reise, es in fremde Welten eintauchen lässt. Einfach herrlich: Wiedermal etwas Neues lernen, sich vorstellen wie das Leben wäre, wenn man zwischendurch mal Profi sein dürfte und nicht alles halb erledigt liegen lassen müsste, weil es woanders wieder brennt, fachsimpeln über Themen, die zwar nicht lebenswichtig, aber dennoch für einen Kopfmenschen wie mich ausserordentlich spannend sind. Und dann erst noch sich selber beweisen, dass man es immer noch schafft, ohne grosse Vorbereitungen in einen Zug zu steigen, am richtigen Ort wieder auszusteigen, das richtige Tram zu finden, durch die Gegend zu gehen, als wäre man ein ganz normaler Mensch und nicht eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs. Dinge, die nicht mehr selbstverständlich sind, wenn man an gewöhnlichen Tagen fast rund um die Uhr darum bemüht ist, das Chaos in Küche und Wohnzimmer nicht ausufern zu lassen.

Nicht dass ich das Leben mit meiner Familie nicht geniessen würde. Ich weiss nicht, wie viele beglückende Momente ich alleine in der vergangenen Woche mit meinen Kindern und „Meinem“ erlebt habe. Sie sind unzählbar. Doch wenn ich mal wieder einen Ausflug unternehme in dieses andere Leben, wiedermal spüre, was mich sonst noch lebendig macht, wiedermal erkenne, dass da noch Fähigkeiten sind, die brachliegen, dann wird mir wieder mit einem Schlag bewusst, was mein Leben zuweilen so schwierig macht: Ich bin eine überglückliche Ehefrau und Mutter und eine todunglückliche Hausfrau.

Und wenn ich dann heimkomme und sehe, wie grossartig „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit schmeisst, kann ich nicht anders, als uns beide zu fragen, wie wir jemals so dumm sein konnten, in diese unsinnige Rollenteilung zu schlittern.

Aber wenn Mama schon im Selbstmitleid badet, dann mit Stil, nämlich mit „Honey Bee“ von „Lush“…

DSC02530-small

Ruhig, ganz ruhig, liebe Mama

Bei mir hat das alles nie funktioniert: Wenn man die Fassung zu verlieren droht, aus dem Zimmer gehen, bis man sich beruhigt hat. Oder leise auf zehn zählen. Oder an etwas Schönes denken. Oder gaaaaaanz tiiiiiiiief durchatmen. Schöne Ratschläge für Menschen, die mit einem ausgeglichenen Temperament gesegnet sind. Wer aber, wie ich, eher aufbrausend ist, hat die Tür schon geknallt und herumgebrüllt, bevor er überhaupt gemerkt hat, dass er wütend ist. Und gibt damit ein miserables Vorbild ab für die Kinder.

Jetzt endlich habe ich eine Methode gefunden, die auch mir hilft, Ruhe zu bewahren: Wenn wiedermal alles aus dem Ruder läuft, das Chaos mich zur Weissglut bringt, die Kinder mich auf die Palme treiben, dann hole ich die Kamera und fotografiere die ganze Misere. Bis das Bild im Kasten ist, ist auch mein Zorn verraucht. Drei Tage später lachen wir alle zusammen über das Bild. Und in zwanzig Jahren kann ich mich beim Betrachten der Bilder  darüber freuen, dass sich meine Kinder mit dem gleichen Chaos ihrer Kinder herumschlagen dürfen, währenddem für mich die Schokoladenseiten reserviert sind.

Nun ja, zumindest hoffe ich, dass es so sein wird.

DSC02664-small

Die zehn häufigsten Sätze, die aus meinem Mund kommen

1. „Räum bitte endlich die Legosteine weg!“ Ca. 1 Million Mal pro Tag, kann aber sein, dass ich mich verzählt habe.

2. „Könnt ihr nicht ein bisschen leiser sein?“ Zeigt aber erst eine Wirkung, wenn mit einer Lautstärke von mindestens 100 Dezibel gebrüllt wird.

3. „Danke!“

4. „Tür zu!“ So langsam mache ich Alf Bertini Konkurrenz. Nur dass dieser nicht noch folgenden Satz angefügt hat: „Oder willst du, dass die Eisbären aussterben?“

5. „Das hast du grossartig gemacht!“ Wahlweise wird dann angefügt: „Keiner malt so schöne Kopffüssler wie du.“ oder „Soooooo einen grossen Haufen hast du aufs Töpfchen gemacht!“ oder „Du kannst ja so wahnsinnig schnell rechnen.“ oder „Das ist aber lieb, wie du deinem Bruder geholfen hast.“

6. „Lass deinen Bruder am Leben!!“ Und dabei handelt es sich meistens um den genau gleichen Bruder, dem vor zwei Sekunden noch geholfen wurde.

7. „Ich mache jetzt eine halbe Stunde Pause. Bitte stört mich nicht.“ Komischerweise hat dieser Satz noch nie, aber auch gar nie eine Wirkung gezeigt. Es sei denn, ich wäre eingeschlafen und hätte all die Fragen nicht mehr gehört, die mir gestellt wurden, kaum hatte ich den Beginn meiner Pause angekündigt.

8. „Wo sind meine Schuhe?“ Meine Schuhe gehen dorthin, wo Luise will. Wie wird das erst sein, wenn Luise Grösse 36 trägt?

9. „Ich hab dich soooooooooooooo lieb.“ Zum Glück habe ich jeden Tag mindestens einen Grund, diesen Satz zu jedem meiner Kinder zu sagen. Und wenn mir mal kein Grund einfällt, sage ich es trotzdem.

10. „Beeil dich! Wir kommen /du kommst zu spät!“ Ja, ich weiss, dieser Satz lässt sämtliche Kinder auf diesem Planeten völlig kalt. Und ja, ich weiss auch, dass Kinder vor irgend einem bestimmten Alter noch gar kein Zeitgefühl haben. Aber was soll ich denn sonst sagen, wenn die Knöpfe mal wieder nicht vorwärts machen?

DSC02658-small

Warum muss ich mich immer langweilen?

Dieser wundervolle Tag hat damit begonnen, das Luise pünktlich um sechs Uhr zu schreien begann, weil sie sich vor Räubern fürchtete. Worauf die pädagogisch versierte Mama nichts Besseres zu sagen wusste als: „Meine liebe Luise. Es ist sechs Uhr früh. Räuber kommen nur nachts. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen.“

Der wundervolle Tag ging weiter mit einer seeeeehr vollen Windel des Prinzchens. Um den zaghaften Anstieg der Geburtenrate nicht zu gefährden, verzichte ich an dieser Stelle auf weitere Details.

Als Nächstes folgte eine Auseinandersetzung mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der sich zwar unbändig auf den Kindergarten freute, diese Freude aber ausdrückte, indem er sich weigerte, die Schuhe anzuziehen und sich in der Vorratskammer versteckte.

Nächster Höhepunkt war der Start meines sechsten Jahres im Muki-Turnen, diesmal mit dem Zoowärter. Muki-Turnen finde ich eine tolle Sache, nur nicht unbedingt mit mir. In einer Turnhalle fühle ich mich ähnlich fehl am Platz wie Roger Köppel sich bei einer Hausbesetzung fühlen dürfte. Und Turnkleider passen zu mir etwa so gut, wie eine Burka zu Madonna. Wobei man bei Madonna nie wissen kann, welchem Spleen sie als nächstes verfällt.

Um die Spannung über Mittag aufrecht zu halten, kam der FeuerwehrRitterRömerPirat zu spät nach Hause, so dass ich Luise und ihre Freundin auf die Suche nach ihm schickte. Inzwischen tauchte der Gesuchte auf, die Mädchen blieben verschwunden, die Spaghetti dampften auf dem Tisch. Wunderbar. Da ich ahnte, dass der Tag noch schöner werden würde, stellte ich schon mal das Pepsi kalt. Damit ich abends meine Frust im Koffein ertränken könnte, sollte es denn nötig sein.

Ein weiteres Highlight waren die anderthalb Stunden, in denen ich acht Kinder alleine betreute, während „Meiner“ im Malkeller war. Zickenkrieg zwischen Luise und ihren Freundinnen, ein überdrehter Karlsson, ein Zoowärter, der Kalrssons Puzzleteilchen zerkaute, ein Prinzchen, das bei all dem Radau den Schlaf nicht fand, ein FeurwehrRitterRömerPirat, der sich sein Gesicht voll mit schwarzer Farbe geschmiert hatte. Und so ganz nebenbei haben wir mit Karlssons Freund ein 200-teiliges Puzzle fertiggestellt.

Um das Ganze abzurunden, durften wir vor der Schlafenszeit noch mit jedem Kind ausdiskutieren, weshalb sie jetzt unbedingt schlafen müssen, auch wenn das Bett auf der falschen Seite des Zimmers steht (FeuerwehrRitterRömerPirat), der kleine Bruder alle Stofftiere geklaut hat (Karlsson), die Grossmama unbedingt noch die wichtigsten News des Tages erfahren muss (Luise) und die Mama eine dumme Kuh ist (Zoowärter).

Um diesem wunderbaren Tag das Sahnehäubchen aufzusetzen, stellte ich abends um zwanzig nach acht fest, dass die Waschmaschine defekt ist.

Zum Glück hatte ich das Pepsi rechtzeitig kalt gestellt!

DSC02557-small

Noch einmal Glück gehabt

Seit einem Jahr schiebt Luise das Problem vor sich her, doch langsam drängt die Zeit. Das Kind, das im Nu auf jeden Baum klettert, ohne mit der Wimper zu zucken Regenwürmer küsst und im Wasser Purzelbäume schlägt, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt, fürchtet sich nämlich davor, vom Sprungbrett zu springen. Schon unzählige Male war sie oben, aber immer, wenn sie springen sollte, macht sie einen Rückzieher. Im Sommer konnte sie sich noch damit trösten, dass ihr ja noch Zeit bleibe bis zum nächsten Schwimmkurs, doch jetzt hat der Schwimmkurs begonnen und Luise weiss genau, dass sie das Abzeichen nur bekommt, wenn sie springt. Ausserdem ist der FeuerwehrRitterRömerPirat auf Aufholjagd und Luise hasst nichts so sehr, wie vom kleinen Bruder überholt zu werden. Also muss sie springen, und zwar bald.

Was bedeutet, dass ich sie motivieren sollte. Und so wartete ich heute im Sprungbecken mit ausgebreiteten Armen auf meine mutige Luise, bereit, notfalls nach ihr zu tauchen, aber innerlich wohl wissend, dass tauchen nicht nötig sein würde, da sie es ohnehin schaffen würde. Wenn sie denn den entscheidenden Schritt ins Leere wagen würde. Doch mit jedem Anlauf wuchs Luises Angst, nach drei abgebrochenen Versuchen wagte sie nicht einmal mehr, vom Rand aus ins Wasser zu hüpfen.

Was bleibt Mama da anderes übrig, als selber zu springen, um dem Töchterlein zu beweisen, dass das alles gar nicht so schlimm ist? Und um ihr das Versprechen abzuringen, dass sie dann auch springt. Zu dumm nur, dass Mama schon von Höhenangst geplagt ist, wenn sie auf dem Trottoirrand geht. Aber was soll’s: Mütter sind zu allem fähig, wenn es unbedingt sein muss. Und so wage ich mich, zum ersten Mal seit etwas zwanzig Jahren, wieder auf ein Sprungbrett. Verdränge die Angst vor der Höhe, die Panik vor dem letzten, entscheidenden Schritt, den Horror vor dem Aufprall. Und ich springe. Zweimal. Und finde es cool!

Das muss Luise unbedingt auch erleben. Weil sie sich aber immer mehr versteift, greife ich zur Bestechung. Falls sie springe, bekomme sie die sündhaft teure Handpuppe, die sie sich schon so lange wünscht. Luise strahlt – und springt nicht. Währenddem sie danach im Schwimmkurs alles schön brav macht, wie es die Lehrerin will, zerbreche ich mir den Kopf: Wie soll ich „Meinem“ beibringen, dass die Not so gross war, dass ich Luise diese Puppe einfach versprechen musste? Welchen Betrag muss ich wöchentlich auf die Seite legen, um das Geld zusammenzubekommen, ohne das Haushaltsbudget zu sehr zu belasten? Wie kann ich verhindern, dass Luise jetzt doch noch springt? Sie könnte ja noch ein Jahr warten, dann hätte ich das Geld vielleicht zusammen.

Schliesslich erlöst mich Luise aus meinem Dilemma. „Mama“, fragt sie mit sehnsüchtigem Blick, „wann bekomme ich endlich dieses Haarband, das ich mir schon so lange wünsche?“ „Wenn du springst.“, schlage ich vor. Und bevor Luise etwas einwenden kann, erkläre ich ihr, dass es doch viel besser wäre, sich die Puppe zu Weihnachten zu wünschen, weil man ja da die ganz grossen Geschenke bekomme. Luise lässt sich auf mein Spiel ein, aber ich muss ihr hoch und heilig versprechen, dass sie die Puppe zu Weihnachten bekommt.

Wann liegen endlich diese Spielwarenprospekte mit den Wunschzetteln im Briefkasten? Die Zeit drängt, wenn ich Luise noch vor Weihnachten einen billigeren Herzenswunsch schmackhaft machen will…

DSC02443-small