So habe ich das nicht gemeint

Genau das, was ich nie hätte tun wollen, habe ich getan: Ich habe Kleinkind-Eltern entmutigt. Ich habe geschrieben, was sie jetzt durchmachten sei nichts im Vergleich zu dem, was später noch kommt. Gut, genau so habe ich das gar nicht gemeint, aber man kann meinen gestrigen Text sehr wohl so verstehen, wenn man mich nicht näher kennt.

Wie habe ich es doch gehasst, wenn man mir damals, als ich völlig übernächtigt und am Rande meiner Kräfte war, zu verstehen gab, dass das noch gar nichts sei. „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“, sagten gewisse Mütter mit vielsagendem Blick und ich konnte mich nur mit Mühe davon zurückhalten, ihnen an die Gurgel zu springen. Manchmal frage ich mich, weshalb ich es nicht getan habe, in meinem übernächtigten Zustand hätte ich vor Gericht bestimmt auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren können…

Nun, ich mag den Spruch heute noch nicht ausstehen, denn mir wird je länger je mehr bewusst, dass jeder Wegabschnitt, den wir mit unseren Kindern gehen, seine eigenen Herausforderungen, aber auch seine eigenen Freuden mit sich bringt. Darum möchte ich allen, die sich durch meinen gestrigen Text entmutigt gefühlt haben, sagen: Es wird weder besser noch schlimmer, es wird einfach anders und wenn ihr bis jetzt einen Weg gefunden habt, euer Elternleben zu meistern, dann werdet ihr ihn auch in der nächsten Phase wieder finden. Und in der übernächsten auch…

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Paarzeiten

Babies und Kleinkinder schaden dem Beziehungsleben, darüber sind sich so ziemlich alle einig, die keine Babies oder Kleinkinder haben. Mit wenig Schlaf, einem veränderten weiblichen Körper, einem rund um die Uhr zu versorgenden kleinen Menschlein und wenig Raum für Zweisamkeit muss eine Beziehung doch einfach zu kurz kommen, denkt man. Gut, vollkommen falsch ist das nicht. Es ist tatsächlich eine ziemlich grosse Umstellung vom Paar zur Familie, doch wenn die Kleinen erst mal einen gewissen Rhythmus gefunden haben, ist es gar nicht mehr so schwierig, auch wieder Paarzeiten einzuschalten. Zumindest, wenn man sich damit abfinden kann, dass die Knöpfe die sorgfältigste Planung zu jeder Zeit mit einem kleinen Virus oder einem überraschenden Armbruch zu Fall bringen können. 

Das alles ist nichts, im Vergleich zu dem, was kommt, wenn die Kleinen erst mal grösser sind. Abends um acht verschwinden sie nicht brav auf ihren Zimmern, nein, dann kommen sie erst aus ihren Löchern hervorgekrochen und wollen reden. Oder Hilfe bei den Hausaufgaben. Oder mit Mama einen Chick-Flick schauen. Oder streiten. Die Sache mit der Geheimsprache kannst du dir auch abschminken, wenn sie mal aufgeklärt genug sind, um zumindest erahnen zu können, was sich Mama und Papa zwischen Suppenschüssel und ausgeleerten Saftgläsern mitzuteilen versuchen. Zweisamkeit wird zum Fremdwort, weil immer einer von beiden jemanden irgendwohin chauffieren oder von dort wieder abholen muss. Vielleicht schaffst du es gerade noch, „Deinem“ im Vorbeigehen zwischen Tür und Angel zu sagen, dass du ihn vermisst und gerne mal wieder etwas Zeit mit ihm verbringen möchtest. Wenn du Glück hast, erinnert er sich daran, wer du bist und fragt sich nicht, wer diese mittelalterliche Tussi ist, die ihn da einfach so anbaggert. 

Sollte es dir dennoch einmal gelingen, ihn zu einem gemeinsamen Tässchen Tee zu verführen, kommt ganz bestimmt ein Teenager daher und will ebenfalls ein Tässchen haben. Und du kannst es ihm nicht mal verwehren, denn die Ausrede „Du kannst nicht schlafen, wenn du nachmittags um vier Schwarztee trinkst“, quittiert er mit einem Schulterzucken und „Muss ohnehin lange wach bleiben, weil ich noch für diesen Test üben muss. Hilfst du mir?“ Falls dann doch irgendwann vor Mitternacht Ruhe einkehrt, versuchst du verzweifelt, „Deinen“ aus dem Sofa-Tiefschlaf zu rütteln, damit ihr die Nacht immerhin –  mit Katze und  einem von der Angst geplagten Kind –  im gleichen Bett verbringt. 

Wie, ihr glaubt, ich würde übertreiben? Aber klar tue ich das. Wenn nicht gerade Schulferien sind haben „Meiner“ und ich ja jeden Freitagmittag fünfzig Minuten nur für uns. Zeit genug, um einander bei einem Sandwich zu versichern, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen werden, um unsere Zweisamkeit durch die Teenagerjahre unserer Kinder hindurch zu retten. 

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Furchtlos

Sie schaffte es, kleine Kätzchen zuerst zu waschen, mit Flohshampoo einzureiben und dann noch einmal zu waschen. Klar, sie bekam dabei ein paar Kratzer ab, doch kaum waren sie trocken, liessen sich die Kleinen wieder von ihr hätscheln und streicheln.

Nur sie war fähig, unseren Katzen die Entwurmungstabletten so in den Mund zu schieben, dass sie drin blieben. 

Sie war die Einzige, die unsere – inzwischen leider entlaufenen – Kaninchen kämmen konnte.

Als sich die Wachteln noch gegenseitig die Köpfe hackten, verarztete sie geduldig die blutenden Wunden, bis sie wieder verheilt waren.

Katze Henrietta lässt sich von ihr den schwangeren Bauch abtasten, gerade so, als hätte sie sich bei ihr zur Vorsorgeuntersuchung eingefunden. 

Dass Luise mit ihrer speziellen Mischung aus Zärtlichkeit und Strenge so ziemlich jede schwierige Situation mit unseren Tieren meistert, wissen wir schon seit einiger Zeit. Dennoch hat uns ihr heute geleistetes Paradestück fast aus den Socken gehauen. Kater Leone kam mit drei widerlichen, vollgesogenen Zecken an Kopf und Nacken von einem Ausflug nach Hause. „Meiner“, der ansonsten Widerlichkeiten keineswegs abgeneigt ist, weigerte sich, hinzusehen und ich hätte es ihm gleichgetan, hätte ich nicht das Pech gehabt, die Biester als Erste zu entdecken. Während wir Eltern uns noch gegenseitig dazu zu drängen versuchten, den armen Kater von den Blutsaugern zu befreien, zog Luise sie ihm mit sicherer Hand aus der Haut. Danach betrachtete sie die Biester eingehend und sinnierte darüber nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass sie sich leicht entfernen lassen.

Das allein war schon ziemlich beeindruckend. Noch beeindruckender aber war, dass Luise mit ihren Schilderungen „Meinen“ dazu brachte, sich mit leicht grünlichem Gesicht abzuwenden und sie anzuflehen, sofort mit diesem Gerede von Zecken aufzuhören, weil er sich sonst erbrechen müsse. Ich glaube, auch diese Leistung hat ausser ihr noch keiner fertig gebracht. 

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Wenn sich ein Versicherungsvertreter ankündigt…

… dann schaffen „Meiner“ und ich es zum ersten Mal in diesen Frühlingsferien, vor den Kindern aus dem Bett zu kommen und ein paar ungestörte Minuten zum Tagesstart zu geniessen. 

…dann herrscht endlich wieder mal Ordnung im Haus, weil wir uns dazu gezwungen sehen, ein wenig aufzuräumen.

…dann diskutieren wir im Voraus darüber, ob wir glücklich sind mit unserer Krankenkasse, oder ob wir uns eine Neue aufschwatzen lassen sollen.

…dann legen wir eine Zeitlimite für das Gespräch fest, damit wir uns nicht wieder in den Beziehungsproblemen des Vertreters verheddern und ihm stundenlang zuhören müssen.

…dann wünschen wir uns, wir hätten nicht ja gesagt zu diesem Termin.

Und wenn dann der Herr Versicherungsvertreter einfach nicht erscheinen will, sitzen wir plötzlich in einer aufgeräumten Wohnung, vor uns ein nettes kleines Zeitgeschenk, das wir ganz nach unserem Belieben nutzen können. „Meiner“ hat sich dazu entschieden, das Esszimmer neu zu streichen und ich habe derweilen mit dem Umtopfen meiner unzähligen Tomatensetzlinge dafür gesorgt, dass die Wohnung nicht allzu lange sauber bleibt. Manchmal ist es eben doch nicht so schlecht, einen Versicherungsvertreter einzuladen. Ich hoffe bloss, er steht dann nicht morgen oder übermorgen vor der Tür…

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Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan…

Gegeben habe ich, was immer ich konnte. Nicht immer soviel, wie gewünscht gewesen wäre, aber doch oftmals mehr, als ich eigentlich hätte geben können. Meist fiel es mir leicht, manchmal etwas schwerer, hin und wieder musste ich mich dazu zwingen. Doch es war nötig,  darum tat ich, was ich konnte. Und die Person lag mir ja auch am Herzen, trotz aller Schwierigkeiten. 

„Meiner“ war alles andere als begeistert davon, die Kinder waren ebenfalls skeptisch. Also versuchte ich, zu geben, ohne meine Familie zu verärgern. Das war nicht einfach, denn die Hilferufe kamen meist dann, wenn ich am wenigsten darauf vorbereitet war, oft auch dann, wenn der Zeitpunkt eigentlich ziemlich ungünstig war. Nicht immer schaffte ich es, zu helfen, ohne meine Familie in die Sache hineinzuziehen und es gab immer mal wieder Streit. Mit „Meinem“ und den Kindern, nicht mit der Hilfesuchenden, denn ich schützte sie vor dem Ärger meiner Liebsten.

Natürlich sagte ich auch immer mal wieder nein, aber weil bei jeder Begegnung mehrere Bedürfnisse zum Vorschein kamen, blieb meist zumindest ein kleines Ja an mir hängen. Ohne Erfolg versuchte ich „Meinem“ zu erklären, nach zehnmal Nein hätte ich diesen klitzekleinen Wunsch nicht auch noch ausschlagen können. Doch klitzekleine Wünsche können sich zu einem ziemlich grossen Haufen kumulieren, wenn einer nach dem anderen geäussert wird. Und so sah ich mich eines Tages dazu gezwungen, Einhalt zu gebieten.

Ich blieb nett, denn einen verletzten Menschen sollte man nicht noch mehr verletzen. Nur eine Grenze ziehen wollte ich, nicht eine Mauer aufbauen. Klar, es ist nie angenehm, von jemandem zu erfahren, dass es so nicht weitergehen kann, doch ich wählte schonende Worte und versicherte meine guten Absichten. Die Grenze sei nötig, damit ich nicht irgendwann anfangen würde, mich zu ärgern.

Eine Stunde später wurde die Grenze zum ersten Mal überschritten, ich reagierte ungehalten. Zum ersten Mal liess mich mein Wunsch nach Frieden und Harmonie im Stich. Danach hörte ich eine Woche lang nichts mehr. Heute ein kleines Dankeschön im Briefkasten, etwas später ein Anruf. So gehe es nicht mehr, sie brauche Distanz von mir. Noch einmal versuchte ich zu erklären, ich hätte wirklich keine Mauer bauen wollen, aber es half nichts. Es sei vorbei, lautete die Antwort auf meinen Versuch, den Faden nicht einfach abreissen zu lassen. Es war das kürzeste Gespräch, das wir je hatten.

Eigentlich müsste ich erleichtert sein, doch ich bin es nicht. Ich wollte keinen Streit und erst recht keinen Kontaktabbruch. Ich wollte nur klar machen, dass ich nicht jede Lücke im Leben eines anderen Menschen füllen kann. In meiner Naivität hatte ich geglaubt, ich dürfte mir das erlauben, nach allem, was ich gegeben hatte, doch ich lag falsch. Jetzt stehe ich da als die Böse, von der man Distanz halten muss, weil sie zu einem armen, hilfsbedürftigen Menschen nicht nett ist. Dass mich das traurig stimmt, zeigt wohl, wie grenzenlos naiv ich bin. 

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Binge-Reading

Vergessen, dass heute Morgen jemand zum Tee kommt.

Vergessen, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat um zehn einen Arzttermin gehabt hätte und ich deswegen „Meinen“ mit ihm hätte losschicken müssen, damit ich weiter hätte Tee trinken können.

Geglaubt, mein Arzttermin sei erst um elf, nicht bereits um halb elf. Um nicht noch später zu kommen, um zehn vor elf mit dem Auto hingefahren, anstatt gemütlich zu Fuss zu gehen.

Nach dem Arzttermin vergessen, dass ich mit dem Auto hingefahren bin. Erst wenige Meter vor der Haustüre festgestellt, dass das Auto noch auf dem Coop-Parkplatz steht. „Meiner“ musste es dann halt dort holen, ehe er weg musste.

Zum Einkauf keine Taschen mitgenommen. Und die zu entsorgenden PET-Flaschen im Eingang stehen gelassen.

Meine Familie den ganzen Tag mit Dünnhäutigkeit und Brummschädel genervt.

Kein Zweifel: In meinem fortgeschrittenen Alter liegt lesen bis zum Morgengrauen nicht mehr drin. Und weil das Buch grottenschlecht war, darf ich nicht mal jammern. Hätte ja aufhören können, als auf Seite 15 klar war, wie es ausgehen wird…

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Im Alter geirrt

Wenn…

  • …. im Morgengrauen ein heftiger Streit um  zwei verkohlte Toastscheiben entbrennt…
  • ….der Zoowärter aus der Haut fährt, weil das Prinzchen sich anmasst, seinen ehemaligen Lieblingspullover, aus dem er herausgewachsen ist, anzuziehen…
  • ….der Zoowärter sich auch nicht besänftigen lässt, als ich ihn darauf hinweise, dass er selber Karlssons ehemaligen Lieblingspulli trägt….
  • ….der FeuerwehrRitterRömerPirat heult, weil ich ihm verbiete, nachmittags die Schule zu schwänzen….
  • …. Karlsson und Luise einander piesacken wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren und auch nicht damit aufhören, als ich anfange herumzubrüllen wie damals, als sie noch ganz klein und unvernünftig waren….
  • …..es wieder einmal „der andere“ war, der Karlssons Süssigkeiten aus seinem Zimmer entwendet und aufgegessen hat….
  • ….Luise die Krise schiebt, weil sie die Tiere nicht nur füttern, sondern ihnen auch noch frisches Wasser hinstellen muss….
  • ….Töchterchen nach dem Abendessen auf unserem Bett einschläft….
  • ….wir wiedermal eine mit Tinte verschmierte Wand entdecken….
  • .…sie wie die Irren über die Strasse hetzen….
  • ….ich andauernd die armen Katzen vor übermütigen Kindern schützen muss….
  • ….man in jedem Zimmer angebissene Äpfel und halb volle Joghurtbecher findet….
  • ….ich das Gefühl habe, ich dürfte die Fünf keinen Moment aus den Augen lassen, weil sie sonst wieder etwas anstellen….

….dann frage ich mich, ob ich mich vielleicht im Alter unserer Kinder geirrt habe. In diesen Tagen kommt es mir so vor, als wären sie alle etwa drei Jahre alt.

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Bittersüss

Für etwas mehr Gemüsegartenfläche bin ich immer gern zu haben. Habe ja auch unzählige Keimlinge, die bald einen Platz zum Wachsen finden sollen. Die zusätzliche Fläche war diesmal schnell bereit: Holzdeckel weg, zwei morsche Bretter entfernen, sieben Sack Erde und zwei Sack Kompost – fertig war das neue Beet. Eigentlich hätte ich jubeln müssen, doch stattdessen betrachtete ich mein Tagewerk mit einem Kloss im Hals. Dort, wo bald schon Fenchel, Karotten und Schwarzwurzeln wachsen werden, buken unsere Kinder Sommer für Sommer ihre Sandkuchen. Eine Zeit lang waren es ganz viele Sandkuchen, dann wurden es weniger, bis die Produktion letzten Sommer fast ganz eingestellt wurde. Zeit also, den Sandkasten anderweitig zu nutzen.

Wehmütig betrachtete ich die wenigen Förmchen, die noch zurückgeblieben waren. Ich dachte zurück an jenen Frühlingsnachmittag, an dem Karlsson und seine um zwei Jahre ältere Cousine mit einer Schaufel eine riesige Hausspinne totschlugen und sich dann einen Saison lang nur in den Sandkasten trauten, wenn ich ihn vorher auf Spinnen abgesucht hatte. Ich erinnerte mich an die Flusslandschaften, die der FeuerwehrRitterRömerPirat jeweils mit grosser Ausdauer erschuf. Ich versuchte nachzurechnen, wie viele Kinder in diesem kleinen Quadrat glückliche Stunden verbracht hatten. Ja, ich freue mich über mein neues Gartenbeet, aber es schmerzt mich, das Kapitel „Sandkasten“ abzuschliessen.

Als ich den schweren Deckel des Sandkastens wegtrug, traf ich meine Mutter, die dabei war, den Gartenweg zu kehren. Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie sie in dem Rund, in dem wir als Kinder unzählige glückliche Sand-Stunden verbracht hatten, Fetthennen anpflanzte, nachdem wir dem Sandkasten entwachsen waren. Gut fünfzehn Jahre später legte sie in ihrem neuen Zuhause, das heute auch unser Zuhause ist, einen Sandkasten für ihre zahlreichen Enkel an. Auch eine Schaukel bekamen die Enkel und eine Rutschbahn, ja, sogar ein liebevoll eingerichtetes Spielzimmer, das mit allem ausgestattet ist, was Kinderherzen höher schlagen lässt.

Der Anblick meiner Mutter tröstete mich über den Abschiedsschmerz hinweg. Irgendwann – so hoffe ich – wird es bei uns wieder einen Sandkasten geben, vielleicht auch eine Schaukel, eine Rutschbahn und ein Spielzimmer. Darüber freue ich mich.

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Wenn die Kleider immer schlanker werden…

Wieder steht eine Hochzeit bevor und wieder habe ich meinen Vorsatz, mich rechtzeitig um das richtige Kleid zu kümmern, nicht eingehalten. Diesmal kein Problem, dachte ich, als ich mir die Auswahl anschaute. Kleider nach meinem Geschmack gibt es nämlich für einmal in Hülle und Fülle. Romantisch, verspielt, bunt, fantasievoll. Endlich würde ich zu einem Fest etwas anziehen können, was mir richtig gefällt. Ich träumte schon davon, wie ich an dieser Hochzeit aufkreuzen würde, herausgeputzt und dennoch ganz ich selber. Doch dann kam das Paket und damit die bittere Erkenntnis: Festliche Kleider nach meinem Geschmack werden nicht für Frauen wie mich geschneidert.

Vor einigen Jahren – so scheint mir – durfte Frau noch Busen und einige Kilos zu viel auf den Rippen haben, wenn sie sich nicht gerade in Kleidchen zwängen wollte, die eigentlich in der Kinderabteilung hängen müssten. Was dem Geschmack von Frauen über 35 entsprach, war auch angepasst auf den Körper einer Frau über 35. Klar, auch früher gab es schon Geschäfte, in denen ein Kleidungsstück, das mit Grösse 38 angeschrieben war, in Wirklichkeit knapp der Grösse 32 entsprach, doch solche Geschäfte habe ich zu meiden gelernt.

Ich mag mich nämlich nicht frustrieren lassen wegen eines vollkommen kranken Schönheitsideals, das in meinen Augen so gar nicht schön ist. Ich mag mich auch nicht kasteien, bis man meinem Körper die paar Schwangerschaften und einige ziemlich anstrengende Jahre nicht mehr ansieht (obschon ich nichts dagegen hätte, ein paar Kilos loszuwerden, aber alles mit Mass, wenn ich bitten darf). Wenn man nun aber für Kleider, die ganz offensichtlich nicht für „OMG! Ich hab‘ heute schon 200 Kalorien zu mir genommen“-Frauen geschneidert sind, weder Busen noch Hintern haben darf, schmerzt mich das. Vor allem, wenn die Dinger nicht mal dann passen, wenn ich sie zur Sicherheit eine Grösse grösser bestellt habe, als ich sie üblicherweise trage.

Morgen schicke ich meine Traumkleider schweren Herzens zurück ans Versandgeschäft. Wieder werde ich an einer Hochzeit in irgend etwas aufkreuzen, das mir nicht wirklich gefällt, aber immerhin halbwegs anständig aussieht. Um meinen Frust etwas zu dämpfen und wenigstens etwas richtig Schönes  tragen zu können, habe ich mir heute ein Paar getupfte Schuhe mit schwindelerregend hohem Absatz gekauft. Das Geld dafür habe ich mir übrigens mit einem Interview zum Thema Bettnässen verdient. Frauen wie ich entsprechen zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal, dafür haben wir gelernt, auch noch dem unangenehmsten Thema etwas Schönes abzugewinnen. 

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Donnerstag, 27.3.2014

  • Fünfmal Schulbesuch inklusive Kürzest-Elterngespräche und Small-Talk mit einer Person, mit der ich lieber nicht smalltalken möchte. (Ja, ich weiss, ich hätte eigentlich nicht in den Kindergarten gehen dürfen. Aber wie um alles in der Welt hätte ich dem Prinzchen erklären sollen, dass ich zu allen gehe, nur nicht zu ihm?)
  • Dreimal Migros (Zuerst Mittagessen, dann Schokolade für meine Schwester, später noch Grosseinkauf)
  • Einmal private Kirchturmführung weil eine Bekannte sich spontan bereit erklärte, il Cugino das Bijou unseres Dorfes zu zeigen. Il Cugino kam mit glänzenden Augen vom Turm runter und war einmal mehr überzeugt, dass es der richtige Entscheid gewesen war, hierher zu kommen.
  • Einmal Besuch bei meiner Schwester. Vor der Rückfahrt noch kurz Wasserpflanzen pflücken, weil unser Teich gerade welche braucht und meine Schwester zu viele hat. 
  • Wasserpflanzen anpflanzen. 
  • Zweimal Tiere gefüttert.
  • Einmal gekocht.
  • Menüplan für die kommende Woche zusammengestellt. (Nein, es gibt nicht jeden Tag das Gleiche…)
  • Grosseinkauf hochgeschleppt.
  • Mit Kater Leone geschäkert.
  • Mit zitternden Knien dabei zugesehen, wie der Backofen ein paar Funken sprühte, zu rauchen begann und dann den Geist vollends aufgab.
  •  Sehr viele (zu viele?) Rechnungen bezahlt.
  • Frühlingsblumen bewundert.
  • Mit Kindern, „Meinem“, il Cugino und einigen Müttern gequatscht (und ein wenig gemotzt).
  • …und dann sonst noch ein paar Kleinigkeiten…

Kann mir bitte jemand erklären, wie es mir gelungen ist, alle diese Dinge in einen einzigen, kleinkarierten Donnerstag zu quetschen?

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