Was habe ich mir dabei bloss gedacht?

„Bloss nicht wieder dieser elende Kleinkram“, dachte ich mir, als ich mir überlegte, wie wir das diesmal mit den Adventskalendern machen. Ich meine, 120 Kleinigkeiten, die dann doch nur irgendwo herumliegen, sind doch einfach zuviel. Nach einigem Nachdenken hatte ich einen Geistesblitz: Für jedes Kind ein etwas grösseres Geschenk, aufgeteilt auf 5 Päckli. Da bekommt man zwar nur an jedem fünften Tag etwas, dafür ist es auch etwas Rechtes. Und damit die anderen nicht ganz leer ausgehen, dürfen sie an den Tagen, an denen sie nichts bekommen, in den Topf mit Süssigkeiten greifen. Im letzten Moment kam dann noch ein verbilligter Türchen-Adventskalender dazu, bei dem das Kind, das am längsten nicht mehr dran war mit Auspacken, ein Türchen öffnen darf. Okay, das alles klingt jetzt ein wenig kompliziert, doch in meinen Augen grenzt das System an Perfektion.

In den Augen meiner Kinder jedoch habe ich kläglich versagt. Vor sieben Tagen schon ging der Streit über die Reihenfolge los und auch sonst liess kein Mitglied dieser verwöhnten Bande ein gutes Haar an meinem absolut durchdachten, gerechten und ethisch halbwegs vertretbaren Adventskalender. „Ich hätte lieber einen Adventskalender der drei Fragezeichen“, motzte der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Muss ich dann meine Geschenke mit den anderen teilen?“, fragte der Zoowärter den Tränen nahe. Luise entdeckte den Inhalt ihrer Adventspakete lange vor dem ersten Advent und wies mich darauf hin, dass ich da noch ein paar Dinge vergessen hätte, weil sonst nichts aus der Sache werden könne. Das Prinzchen war der Verzweiflung nahe, weil er mein System nicht verstehen konnte und fürchtete, er werde am Ende mit Mädchengeschenken abgespeist. Karlsson war sich sicher, dass er „wie immer“ als letzter drankommen würde mit Auspacken, was das Los dann auch tatsächlich so entschied. Obendrein waren die Grossen äusserst unglücklich über meinen Entscheid, den Kleinen endlich auch einmal „Leone & Belladonna“ vorzulesen. Meine Erklärung, es könne doch nicht sein, dass Zoowärter und Prinzchen Mamas erstes Buch nicht kennen, verstanden sie zwar, doof fanden sie das trotzdem. Der Protest war so gross, dass ich mich vor einem Aufstand zu fürchten begann.

Das Gemotze hörte erst auf, als ich irgendwann mi weinerlicher Stimme sagte, ich hätte mir so grosse Mühe gegeben und es sei vollkommen unfair, dass sie auf meinem Adventskalender herumhacken, ehe sie in den Genuss seiner Überraschungen gekommen seien. Das wirkte. Begeisterung vermochten die Kinder zwar weiterhin nicht zu zeigen, aber immerhin sabotierten sie das erste Adventsritual dieser Saison nicht. Und nachdem sie den Inhalt von Prinzchens erstem Päckli gesehen haben, ahnen sie jetzt auch, dass ich wirklich keinen billigen Mist gekauft habe. Glaube – und hoffe – ich zumindest.

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Leseförderung

Manche Mamas standen einst mitten in der Nacht auf, um den neuesten Harry Potter zu erstehen, weil es das einzige Buch war, das ihr lesefaules Kind in den Bann zog.

Manche Mamas lesen ihrem lesefaulen Kind bis ins hohe Teenageralter Bücher vor, damit sie irgendwie doch noch ein wenig Lesestoff in den Kopf bekommen.

Manche Mamas ertragen mit Engelsgeduld über Monate das gleiche Hörbuch, weil ihr lesefaules Kind wenigstens dieses eine mag.

Manche Mamas setzen sich mit ihrem lesefaulen Kind hin, um mit ihm im Wechsel vorzulesen und zuzuhören, damit ihr lesefaules Kind die Klassenlektüre irgendwie schafft. 

Manche Mamas geben die Hoffnung auf, dass ihr lesefaules Kind je zum Buch greifen wird und lassen es deshalb die Klassiker der Kinderliteratur am Fernseher reinziehen. 

Manche Mamas schleppen Woche für Woche stapelweise Kinderliteratur aus der Bibliothek an und bringen das Zeug eine Woche später ungelesen wieder zurück, weil das lesefaule Kind kein Interesse daran zeigte.

Manche Mamas kommen gar nicht auf die Idee, ihr lesefaules Kind zum Lesen zu motivieren, weil sie lesen selber doof finden.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Belohnungen zum Lesen zu motivieren.

Manche Mamas versuchen ihr lesefaules Kind mit Drohen und Bestrafungen zum Lesen zu zwingen. 

Manche Mamas tun selber so, als würden sie gerne lesen, um ihrem lesefaulen Kind ein gutes Vorbild zu sein, denken aber nicht daran, dass eine Modezeitschrift nicht wirklich als Lesestoff zählt. 

Manche Mamas versprechen ihrem lesefaulen Kind, dass es die Verfilmung des Buches sehen darf, sobald es das Buch fertig gelesen hat. 

Diese Mama hier kauft ihrer lesefaulen zehnjährigen Tochter einen Liebesroman für Zwölfjährige, damit diese endlich auch mit einem Buch vor dem Gesicht durchs Leben geht, wie es sich für ein anständiges Venditti-Familienmitglied gehört. Gut, immerhin ist die Heldin der Geschichte Assistenzärztin und nicht Model oder Kosmetikerin…

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Es wird politisch

Karlsson: „Mama, wie hast du bei dieser Vorlage gestimmt?“
Ich: „Ich habe ja gesagt.“
Karlsson: „Du hast ja gesagt? Warum? Das kann ich jetzt überhaupt nicht verstehen.“
Ich: „Nun, ich finde dass man dadurch die Leute motivieren kann, es anders zu machen…Klar, ich sehe auch die Nachteile, aber…“
Karlsson: „Du findest also wirklich, dass Leute, die nicht viel haben, jetzt auch noch das ändern sollen. Deine Freundin, zum Beispiel, wie soll die das machen?“
Ich: „Auf sie hat das keinen Einfluss, sie braucht das ja nicht. Aber andere würden sich vielleicht wirklich nach Alternativen umsehen.“
Karlsson: „Aber wie sollen sie sich die Alternative denn leisten können? Das kostet doch eine Menge Geld…“
Ich: „Ja, aber wenn sie dafür auf das andere verzichten, können sie sich dafür die Alternative leisten.“
Karlsson: „Im ersten Jahr vielleicht, ja. Aber was ist danach?“
Ich: „Danach müssen sie eben das Geld dafür übers Jahr ansparen…“
Karlsson: „Tut mir Leid, Mama, aber das geht einfach nicht auf. Du hast einen völligen Mist gestimmt. Wenn die Vorlage angenommen wird…“
Ich: „Die wird ohnehin nicht angenommen, es sind doch alle dagegen. Da macht mein Ja doch keinen Unterschied…“
Karlsson: „Und wenn doch? Dann bist du mitschuldig daran, dass es schief geht. Das finde ich echt daneben….“

Unsere erste echte Diskussion. Bis anhin hat Karlsson immer gefragt und ich habe ihm gesagt, wie der politische Hase meiner Meinung nach laufen sollte. Jetzt aber fängt er an, sich eine eigene Meinung zu bilden, meine Sicht der Dinge in Frage zu stellen, mich herauszufordern. Seit Jahren schon habe ich mich darauf gefreut und jetzt, wo der grosse Moment gekommen ist, stelle ich fest, dass es noch viel mehr Spass macht, als ich mir vorgestellt hatte. Zumindest solange Karlsson trotz unserer unterschiedlichen Meinungen brav auf der linken Seite des politischen Spektrums bleibt…

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Das hat man davon, wenn man zu langsam strickt…

Draussen liegt der erste Schnee und im Schrank liegt die Wolle, aus denen Zoowärters und Prinzchens neue Fäustlinge für den ersten Schnee hätten werden sollen. Die Wolle liegt noch dort, weil auf dem Klavier ein fast fertiger Strickschal für Luise liegt und dieser liegt noch dort, weil im Garten bis vor Kurzem ein Schutthaufen lag, von dessen Beseitigung sich meine Arme erst erholen mussten, ehe sie wieder stricken mochten. So kommt es, dass unsere zwei Jüngsten beim ersten Schnee keine Handschuhe haben, denn die vom letzen Jahr sind hin. Oder sind getrennte Wege gegangen. Oder haben die Motten zu nahe an sich herangelassen. 

„Kein Problem“, sagte ich, „ihr geht schon mal aus dem Haus und ich hole euch im Dorf neue Handschuhe, die ich dann auf dem Heimweg in der Schulgarderobe deponiere.“ Kein Problem? Von wegen! Im ersten Laden hatten sie gar keine Handschuhe, sondern nur samtweiche Winterpyjamas, flauschige Socken und Thermounterwäsche. Im zweiten Laden hatten sie Handschuhe. Fleece-Fäustlinge für Damen, Skihandschuhe für Herren, Fingerhandschuhe für Damen mit irgend so einem Touch-Dings im Zeigefinger, damit man beim Bedienen des Smartphones keine kalten Finger kriegt. Ach ja, Fleece-Fingerhandschuhe hatten die auch noch, für Damen und Herren. Und für Kinder? Nichts, zumindest nichts gegen kalte Hände, dafür kuschelige Hausschuhe mit Norwegermuster. 

Was also tun? Einen dritten Laden mit Handschuhen gibt es nicht in der Gehdistanz, die dringliegt, damit ich rechtzeitig zum Kaffee mit meiner Schwester wieder zu Hause bin. Ich habe also die Wahl, eine Rabenmutter zu sein, die ihren Kindern keine Handschuhe kauft, oder eine doofe Mama, die ihren zwei jüngsten Söhnen dunkelviolette Damen-Fäustlinge in die Jackentasche stopft. Ich entscheide mich für die Rolle der doofen Mama, denn an die gewöhne ich mich allmählich. Gut, die Rolle der Rabenmutter spiele ich in den Augen gewisser Leute ebenfalls bestens, aber davon ist jetzt nicht die Rede. Ich kaufe also zwei paar potthässliche, dunkelviolette Damenfäustlinge, wohl wissend, dass Zoowärter und Prinzchen damit ähnlich lächerlich aussehen werden wie wenn sie versehentlich in Papas Schuhen aus dem Haus gegangen wären. Was soll’s? Irgendwann werden wir darüber lachen. 

Nur eine Sache beschäftigt mich noch, als ich auf dem Heimweg bin: Warum um Himmels Willen kommen meine Söhne überhaupt auf die Idee, Handschuhe tragen zu wollen? Ist doch noch viel zu warm dazu…

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Doofe Mama

Es ist fast jeden Tag das gleich Lied: Luise kommt von der Schule nach Hause, findet mich am Computer sitzend und fasst dies als Aufforderung auf, sich ebenfalls einem mit angebissenem Apfel verzierten Gerät zuzuwenden. Drei Minuten später erinnert sie sich daran, dass ihre beste Freundin etwas von einer App erzählt hat, die sie unbedingt auch haben muss. „Mama, darf ich?“, fragt meine Tochter mit bettelndem Blick und hält mir ihr Gerät vor den Bildschirm, obschon ich ihr schon hundertmal gesagt habe, dass ich das nicht ausstehen kann, wenn ich in meine Arbeit vertieft bin. „Sieh doch, die App kostet nichts“, säuselt sie, weil ich nicht gleich reagiere. Sie weiss genau, dass damit 90 % meiner Argumente, die gegen die App sprechen, vom Tisch sind.

Luise denkt, sie hätte mich im Sack und fängt schon mal mit der Installation an. „Mama, Passwort!“, ruft sie siegessicher. Jetzt endlich hat sie meine volle Aufmerksamkeit. „Passwort? Sicher nicht jetzt schon. Zuerst will ich die Altersbeschränkung sehen.“ „Ach was, die brauchst du doch nicht zu sehen. Meine Freundin darf die App auch haben und die Cousine auch. Du willst doch nicht etwa behaupten, die anderen Mütter würden nicht genau genug hinschauen?“, gibt sich Luise empört. „Natürlich will ich das nicht behaupten. Aber die Altersbeschränkung will ich trotzdem sehen. Du erinnerst dich doch noch an dieses doofe Spiel, auf das wir reingefallen sind“, beharre ich. Luise erinnert sich, darum streckt sie mir widerwillig das Gerät entgegen und diesmal macht es mir nichts aus, dass sie es vor meinen Bildschirm hält. Die Arbeit muss jetzt eben warten, ich bin mit Erziehen beschäftigt.

Während Luise aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpft, scrolle ich durch den ganzen Werbekram, bis ich endlich bei der Altersbeschränkung angelangt bin. „Hier steht 17+. Die App kannst du vergessen“, sage ich und fühle mich ziemlich mies, weil meine Tochter schon wieder nicht dazugehören darf, auch nicht bei denen, die wirklich nett und brav sind. „Aber Mama, meine beste Freundin…und meine Cousine…“, protestiert Luise. „Ja, Luise, ich weiss, aber hier steht 17+ und du bist gerade mal 10+“, insistiere ich und finde mich gerade ziemlich unsympathisch. Luise auch. „Immer diese sturen Eltern…“ brummt sie und stapft davon.

Fünf Minuten später streckt sie mir schon wieder das Gerät entgegen. „Schau mal, Mama, diese App ist bestimmt auch ganz cool. Und gratis ist sie auch.“ Wieder Werbekram überfliegen, wieder scrollen, dann die erlösende Botschaft: „Ja, Luise, diese App kannst du runterladen, die ist ab 6 freigegeben.“ Luise zieht sich zurück, fängt an zu spielen. Drei Minuten später ruft sie aus dem Wohnzimmer: „Mama, die App können wir gleich wieder löschen. Die ist ja so was von langweilig…“ Ich seufze tief, denn ich weiss, dass ich in den Augen meiner Tochter so lange die doofe Mama sein werde, bis wir eine coole App gefunden haben, die ab 10 Jahren freigegeben ist und die alle anderen Mädchen auch cool finden. Oder bis Luise den Kampf zwischen „Alle anderen dürfen aber…“ und „Wir sind aber nicht die anderen…“ für sich entschieden hat. 

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Meine sehr verehrten Bildungsdirektoren

Zuerst einmal ziehe ich meinen Hut vor Ihnen, weil Sie den gewagten Versuch unternehmen, zumindest für Schüler und Lehrer in der Deutschschweiz einheitliche Grundlagen zu schaffen. Der revolutionäre Gedanke, dass ein Kind nicht noch einmal bei Adam und Eva anfangen muss, wenn es mit seinen Eltern von Zürich nach Bern umzieht, gefällt mir. Wäre wirklich nett, wenn die Kinder am neuen Ort ihre alten Schulbücher weiterhin brauchen könnten und wenn in unserem kleinen Land überall mehr oder weniger dasselbe gelehrt und gelernt würde. Also, Chapeau!

So, nun ist mein Hut vom Kopf und jetzt sage ich Ihnen, was ich wirklich von Ihrem Papier halte. Ja, ich weiss, meine Meinung ist nicht gefragt, ich bin ja bloss eine Mutter und als solche gehöre ich nicht zu den „Adressaten der Konsultation auf sprachregionaler Ebene“, wie Sie Ihre Meinungsumfrage nennen. Die „Elterndachorganisation“ soll für uns alle sprechen, aber da ich nicht weiss, ob diese Dachorganisation sich mit ähnlich widerspenstigen Geschöpfen herumschlagen muss wie ich, spreche ich lieber selber.

Also, kommen wir zu meiner Meinung, die – ich gebe es offen zu – weder wissenschaftlich fundiert noch repräsentativ ist: Ihnen ist die Bodenhaftung abhanden gekommen. Okay, ich habe nicht den ganzen Entwurf gelesen, aber was ich bisher überflogen habe reicht mir für mein Urteil. Ich meine, nur schon die Tatsache, dass es Ihnen gelingt, unsere Kinder mit Kreismodellen – „Personale Kompetenzen, Soziale Kompetenzen, Methodische Kompetenzen“ – darzustellen, finde ich leicht beunruhigend. Und dann diese Sätze: „Die Schülerinnen und Schüler können ihr Persönlichkeitsprofil beschreiben und nutzen.“, „Die Schülerinnen und Schüler können beim Vortragen Texte gestalten und über die ästhetische Wirkung nachdenken.“, „Die Schülerinnen und Schüler können Rolle und Wirkungen von Religionen und Religionsgemeinschaften in gesellschaftlichen Zusammenhängen einschätzen.“ Oder – mein bisheriger Favorit – „Die Schülerinnen und Schüler können den eigenen Alltag gesundheitsförderlich gestalten.“ Seitenweise geht das so, über alle Fächer des Lehrplans hinweg, unterteilt in Teilbereiche von Teilbereichen, ausgeklügelt und ausformuliert bis ins kleinste Detail.

Zugegeben, inhaltlich liegen Sie oft gar nicht so daneben. Es wäre ja wirklich wünschenswert, dass Kinder irgendwann „im Alltag Gestaltungsspielräume für einen nachhaltigen Lebensstil entwickeln“ oder „verschiedene Lebenslagen und Lebenswelten erkunden und respektieren“ können. Aber finden Sie nicht auch, dass Sie von den Kindern Dinge erwarten, die auch uns Erwachsenen nur bedingt gelingen? Denken Sie überhaupt noch daran, dass Sie es hier mit Kindern zu tun haben und nicht mit Computern, die man nur richtig programmieren muss, damit sie sich erwartungsgemäss verhalten? Wissen Sie eigentlich noch, was Kinder sind, diese neugierigen, trotzigen, eigensinnigen, verspielten, wissbegierigen, ängstlichen, energiegeladenen, zornigen, drolligen, fröhlichen… Wesen, die auf dieser Welt sind, um ihren eigenen Weg im Leben zu finden? Oder haben Sie nur noch die Wirtschaftstauglichkeit der zukünftigen Berufstätigen und vielleicht noch die nächste PISA-Studie vor Augen?

Sollten Sie tatsächlich vergessen haben, was Kinder sind, lade ich Sie gerne dazu ein, sich mal mit unseren fünf Knöpfen und ihren Freunden zu unterhalten. Sie kämen dabei mit Durchschnittsschülern ins Gespräch, mit Migrantenkindern, die eben erst Deutsch gelernt haben, mit sehr begabten Kindern, mit solchen, die um jeden korrekten Satz kämpfen müssen, mit begeisterten Strebern und mit solchen, die nach kurzer Zeit schon den Schulverleider haben. Glauben Sie mir, diese Kinder könnten Ihnen einiges darüber erzählen, wie die Schule aussehen müsste, damit sie auch nur annähernd das wäre, was Sie sich in Ihrem schönen Papier ausmalen.

So, und jetzt ziehe ich meinen Hut wieder an. Damit ich ihn wieder vor Ihnen ziehen kann, wenn Sie einen Weg gefunden haben, den Lehrplan auf die Kinder masszuschneidern und nicht die Kinder auf den Lehrplan.

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Aber natürlich braucht es das

Vor vielen Jahren diskutierte ich einmal mit einer befreundeten Mutter darüber, ob es überhaupt sinnvoll sei, wenn Eltern sich Auszeiten nehmen. „Aber natürlich ist es sinnvoll“, sagte ich. „Da wäre ich mir nicht so sicher“, meinte die andere Mutter. „Wenn du dir drei Tage lang Luxus und Entspannung gönnst, fällt dir der Alltag danach umso schwerer. Besser, man beisst auf die Zähne und verzichtet auf Auszeiten, sonst ist man nachher nur noch frustrierter.“ „Aber man kann doch nicht jahrelang auf die Zähne beissen! Wie soll man bloss den Familienalltag überstehen, wenn man nie ausspannt?“, protestierte ich, doch meine Mitmutter blieb bei ihrer Meinung. Und ich bei meiner. 

Heute früh stand ich lustlos in der Küche, betrachtete den mit Brosamen übersäten Fussboden und dachte an diese Diskussion zurück. Noch keine vierundzwanzig Stunden vorher hatte man mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen, aber es kam mir vor, als lägen Jahre zwischen gestern und heute. Alles, was ich gewöhnlich mehr oder weniger nebenbei erledige, kostete mich eine gewaltige Überwindung, die alltäglichen Streitereien fielen mir noch mehr auf die Nerven als gewöhnlich. Ob sie doch Recht gehabt hatte, die andere Mutter? Wäre es vielleicht doch besser, sich mit Volldampf durch den Alltag zu kämpfen und sich dann auszuruhen, wenn die Kinder aus dem Haus sind?

Ich liess mir die Geschehnisse der vergangenen Tage noch einmal durch den Kopf gehen, dachte an die ungestörten, tiefschürfenden  Gespräche mit unseren Freunden zurück, an das intensive Empfinden von Hitze und Kälte in der Sauna, an die unzähligen Geschmackserlebnisse, die ich wieder einmal ganz bewusst hatte geniessen dürfen, an den tiefen, erholsamen Schlaf. Dann erinnerte ich mich an das pure Glück, das ich empfand, als wir bei unserer Heimkehr unsere Kinder in die Arme schliessen durften, an die tiefe Freude, als mir Luise gestern seit sehr langer Zeit wieder einmal sagte, dass sie mich lieb hat, an die besondere Nähe als ich gestern Abend an Prinzchens Bett sass und Schlaflieder sang. 

Ja, es fiel mir schwer, heute wieder in den Alltag einsteigen zu müssen und ich war auch ziemlich frustriert darüber, dass „Meiner“ und ich trotz guter Vorsätze so schnell wieder im alten Trott landen. Dennoch bin ich dankbar für jeden Augenblick unserer kostbaren Auszeit. Und auch für den Moment, als wir alle sieben wieder gemeinsam am Tisch sassen. Darum würde ich meiner Mitmutter heute noch das Gleiche sagen wie damals.

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Was mich das Leben so alles lehrt

  • Heizungen steigen grundsätzlich an dem Tag aus, an dem es draussen zum ersten Mal so kalt ist, dass sogar ich mich mit dem Gedanken trage, Strümpfe anzuziehen.
  • Die Heizung teilt dir immer erst dann mit, dass sie sich diesmal wirklich nur mit Hilfe eines Monteurs wieder in Gang bringen lässt, wenn du bereits einen Nachtzuschlag bezahlen müsstest, um diesen Monteur ins Haus zu bestellen.
  • Wenn die Heizung streikt, kommen Fernsehgeräte, Ladekabel, Handys und dergleichen auf die Idee, es ihr gleichzutun. Wir Hausbewohner würden dann am liebsten auch in Streik treten, aber es wird so furchtbar kalt, wenn man nicht ständig in Bewegung ist.
  • Es gibt nur einen Weg, dich nach der Veröffentlichung deines Buches nicht über Tippfehler zu ärgern: Du musst deine Bücher von Hand schreiben. Dann schreibst du nur das falsch, was du nicht richtig schreiben kannst. Darüber kannst du dich dann  nicht ärgern, weil du gar nicht merkst, dass du einen Fehler gemacht hast. 
  • In der Schweiz gibt es einen neuen Industriezweig: Die Betreuungsindustrie, manchmal auch Krippenindustrie genannt. Ich weiss zwar nicht genau, was diese Industrie produziert und weiterverarbeitet, aber das spielt ja auch keine Rolle. Das Wort macht sich einfach gut in Leserbriefen und wer denkt denn schon über den Sinn von Worten nach, wenn er Leserbriefe liest?
  • Dein jüngstes Kind bleibt immer kleiner als deine anderen Kinder und darum in deinen Augen klein, egal, wie gross es schon ist. 
  • Der Vormittag gehört noch lange nicht dir, bloss weil jetzt alle deine Kinder kindergarten- oder schulpflichtig sind. Irgend einer nimmt sich immer das Recht heraus, sich krank zu melden, wenn du eigentlich etwas anderes vorhättest. Also komm gar nicht erst auf den Gedanken, dich irgendwo als freiwillige Helferin zu melden, weil du jetzt „so viel freie Zeit“ hast.
  • Man kann Kondensmilch auch selber herstellen. Man sollte sich allerdings während der Zubereitung nie weiter als zwanzig Zentimeter vom Kochherd entfernen, sonst brennt das Zeug an. 
  • Nur weil dein Kind eine ausgeprägte nostalgische Ader hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich zum Geburtstag nicht die allerneusten Gadgets wünscht. Klassische Musik und Bilder von Barockpalästen lassen sich problemlos mit modernster Technik vereinbaren.

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Ich will meine Leidenschaft zurückhaben!

Nie, so habe ich mir geschworen, werde ich eine jener Mütter, die mittags lustlos etwas in die Pfanne schmeissen, weil sie keine Ahnung haben, was sie kochen sollen. Nie werde ich die Freude am alltäglichen Kochen verlieren, einfach nur Futter zubereiten, damit keiner verhungert, so etwas kommt für mich nicht in Frage. Keinen Aufwand werde ich scheuen, um meiner Familie täglich genussvolles und gesundes Essen zu servieren. Und auf gar keinen Fall wird es bei Vendittis nur noch Kinderfutter wie Pasta Bolognese, Pizza und Omeletten geben.

Gut, zumindest im letzten Punkt habe ich meine Grundsätze nicht verraten. Natürlich gibt es bei uns manchmal Pizza, Pasta & Co, doch unsere Kinder haben lernen müssen, dass Mama weder mit unterschiedlichsten Gewürzen noch mit Gemüse aller Art spart, nur weil die Kinder diese vielleicht nicht mögen. Was aber die anderen Punkte anbelangt, bin ich auf bestem Weg, kläglich zu scheitern.

Ja, am Wochenende probiere noch immer gerne die verrücktesten Rezepte aus, aber zwischen Montag und Freitag ertappe ich mich allzu oft beim Gedanken, dass ich jetzt lieber Pizza bestellen als kochen würde. Die Kinder können nichts dafür, sie essen ganz gerne abwechslungsreich und würde ich ihnen auch nur einmal pro Woche Fertigprodukte auftischen, käme es zur Revolution. Mein Problem ist die Routinearbeit. Kaum ist der Frühstückstisch abgeräumt, muss das Essen auf den Herd, kaum sind Mittagessen und Zvieri verdaut, sollte auch schon wieder das Abendessen auf dem Tisch stehen. Zwar gibt es unzählige Möglichkeiten, Nahrungsmittel zuzubereiten und doch habe ich beim Durchblättern meiner Kochbücher immer öfter das Gefühl, es sei alles irgendwie das Gleiche, von Montag bis Sonntag, zweimal am Tag. Wer jetzt glaubt, ich hätte halt einfach nicht genug Kochbücher, dem zeige ich gerne mal meine Kochbuchsammlung. Und meine bevorzugten Kochapps. Und meine ausgeklügelten Menüpläne.

Ihr seht also, Kochen steht weit oben auf meiner Prioritätenliste und doch stehe ich immer öfter am Herd und suche vergeblich nach meiner Leidenschaft. Ich will nicht zulassen, dass der Alltagstrott mir meine Freude am Kochen raubt und doch gelingt es ihm immer öfter. Ich habe kein Lust, immer und immer wieder  Pasta mit Gemüsesauce in allen Variationen zu kochen, nur weil mir gerade nichts besseres einfällt. Ich will meine Leidenschaft zurückhaben und zwar jetzt. Nicht, weil ich ohne sie keine gute Mutter wäre, sondern weil ich ohne sie nicht wirklich ich bin. Und wenn ich nicht ich bin, dann kann ich auch nicht die Mutter sein, die ich sein möchte.

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Vogelliebe

Es gibt auf diesem schönen Planeten Kreaturen, die nicht sein können ohne ihre tägliche Ration Zärtlichkeit. Babies und Kleinkinder zum Beispiel, Ehemänner, Katzen, Hunde,… Aber Nymphensittiche? Klar, ich wusste, dass die ziemlich anhänglich sein können, vor allem, wenn sie ohne Artgenossen gehalten werden. Unsere aber werden mit Artgenossen gehalten, zwei Hähne und zwei Hennen. Dennoch kommt Sittich Boris angeflogen, kaum habe ich die Volière betreten. Er setzt sich auf meine Schulter, legt sein Köpfchen auf meine Brust und wartet, bis ich zu streicheln anfange. Fange ich nicht rechtzeitig an damit oder will ich zu früh aufhören, schnappt er ganz vorsichtig nach meinen Fingern und bringt mich dazu, seinen Nacken weiter zu kraulen. Lasse ich am Morgen ausnahmsweise mal den Besuch in der Volière weg, fordert Boris am nächsten Morgen eine doppelte Portion Zärtlichkeit. Manchmal stösst er auch mit seiner zartgelben Stirn gegen meine Hand, ganz ähnlich wie unsere Katzen, wenn sie gestreichelt werden wollen. Fehlt nur noch, dass er zu schnurren anfängt…

Ich glaube, allmählich werden die Damen im Gehege leicht eifersüchtig auf die innige Beziehung, die Boris und ich da pflegen. Zumindest beäugen sie mich ziemlich kritisch von ihrem Ast aus. Hoffentlich bleibt es bei den kritischen Blicken. Ich möchte nämlich nicht eines Morgens von zwei eifersüchtigen Nymphensittich-Damen attackiert werden. Wenn schon sollen sie ihren Zorn an Boris auslassen. Er ist es ja, der mehr auf meine rosa-geblümte Jacke abfährt als auf das graue Federkleid seiner Artgenossinnen.

Nun gut, vielleicht trage auch ich das Meine zu dieser innigen Liebschaft bei. Nach den allmorgendlichen neunzig Minuten „Mama, wo ist schon wieder mein…“ und „Mama, schreibst du jetzt endlich meinen Entschuldigungsbrief?“zähle nämlich auch ich mich zu den liebesbedürftigen Kreaturen, die diesen schönen Planeten bevölkern.

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