Putschversuch

Angefangen hat es damit, dass ich vorgestern den Kochwein nicht mehr finden konnte. Ich suchte die ganze Küche ab, doch finden konnte ich ihn nicht. Kaum bewege ich mich mal auf zehn Schritte vom Herd weg, – mehr liegt momentan nicht drin, – findet „Meiner“ bessere, prinzchenfreundlichere Plätze für alles Mögliche. Und weiss dann nicht mehr, wo er das Zeug hingetan hat.

Weiter ging es damit, dass mich Luise eines Abends darüber informierte, dass sie und Karlsson ab jetzt für das Aufräumen der Küche zuständig seien, der FeuwerwehrRitterRömerPirat für das Versorgen der Schuhe und der Zoowärter für sonst etwas. Ich habe vergessen, was es war. Nicht vergessen habe ich aber, dass „Meiner“ und die Kinder dies vereinbart hatten, als ich mal kurz weg war.

Heute nun überraschte mich Karlsson mit der Frage, wann wir denn nun unseren Familienrat abhalten würden. Familienrat? Bei Vendittis? Noch nie davon gehört. Haben die das Thema etwa in der Schule durchgenommen? Währenddem mir diese Gedanken durch den Kopf schiessen, höre ich, wie „Meiner“ Karlsson erklärt, er hätte es am Sonntag vergessen. Aber nächsten Sonntag würden wir uns ganz bestimmt zum Familienrat treffen.

So langsam fühle ich mich wie Obelix: Die wollen mich nur dabei haben, weil ich so dekorativ bin. Die planen einen Putsch gegen mich! Es ist unübersehbar: „Meiner“ will meinen Job übernehmen. Und zwar nicht als Co-Präsidium, wie bisher,  sondern als Alleinherrschaft. Dabei wäre ein Putschversuch doch gar nicht nötig. Die Hälfte meines Jobs gebe ich freiwillig her.  Aber nur die Hälfte. Ich will ja meine Kinder auch mal sehen.

DSC02536-small

Wenn die Mama Hilfe braucht

Eigentlich ist es ja ganz gut, wenn man auch bei uns in der Provinz endlich erkennt, dass Mütter nach einer Geburt nicht automatisch glücklich sind. Und natürlich ist es auch gut, dass man dies in der lokalen Tageszeitung thematisiert, dass Psychologinnen für das Thema sensibilisieren wollen. Doch die Ratschläge, die sie erteilen, haben etwa so viel mit der Realität zu tun wie die Mär von der stets glücklichen Mutter, nämlich gar nichts. Wenn eine Mutter drei Wochen lang an Erschöpfung, Angst, Zwang oder Depression leide, solle sie Hilfe in Anspruch nehmen, liest man da.

Tönt einfach? Natürlich. Aber man zeige mir mal die Mutter eines Neugeborenen, die Zeit hat, darüber nachzudenken, ob sie jetzt eher erschöpft sei, unter Zwängen leide oder ob sie vielleicht depressiv sei. Die Frau, die in den ersten Monaten mit dem Baby überhaupt dazu kommt, sich über ihr Innenleben tiefschürfende Gedanken zu machen, die Zeit hat, zu analysieren, was da gerade passiert mit ihr, diese Frau gibt es nicht. Nun ja, vielleicht übertreibe ich. Es mag einzelne Frauen geben, die eine Mutter oder Schwiegermutter haben, die ihnen alle Lasten abnimmt, aber das schafft ja meistens neue Probleme. Und so erkennen die meisten Frauen wohl erst rückblickend, dass da nicht alles eitel Sonnenschein war in den ersten Monaten mit dem Kind. Und sie werden sich Vorwürfe machen, dass sie so viel geweint haben, dass sie die Zeit mit dem Baby nicht genossen haben, dass sie nicht so glücklich waren wie die Frau im Pampers-Werbespot. So sind wir Mütter eben.

Was soll man also tun? Der Sache ihren Lauf lassen? Die Mütter blindlings in die Depression rasseln lassen? Wohl kaum. Aber wie wäre es, wenn man nicht die Mütter beauftragen würde,  Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es schlecht geht? Wenn man stattdessen die Väter für das Thema sensibilisieren würde? Die Grosseltern? Die Arbeitgeber? Die Gesellschaft, die mit ihren unrealistischen Erwartungen den Müttern das Leben unnötig erschwert? Vor lauter Windelbergen sehen die meisten Mütter ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr. Da braucht es schon andere, die dafür sorgen, dass die Mama nicht im Elend ersäuft.

DSC02794-small

Hexenschuss

Nein, für einmal bin nicht ich diejenige, die flach liegt, sich krümmt vor Schmerzen und den ganzen Tag jammert. Nach all meinen Schwangerschaftsbeschwerden, gebrochenen Zehen, angerissenen Bändern, Brustentzündungen und Magen-Darm-Seuchen, wollte „Meiner“ mal wissen, wie es sich anfühlt, eine Grossfamilie zu versorgen und  sich dabei vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten zu können. Und um das zu testen, hat er sich einen Hexenschuss zugezogen. Sind wir tatsächlich schon so alt?

Was soll ich sagen? „Meiner“ hält sich tapferer als jeder andere Mann, den ich kenne. Klar, er steht nachts ausnahmsweise nicht auf, um dem Prinzchen das Fläschchen zu reichen, er stöhnt, wenn er eine falsche Bewegung macht, aber sonst beisst er tapfer auf die Zähne und tut mit leicht verzerrtem Gesicht seine Pflicht. Der Mann beweist Hausfrauenqualitäten! Test bestanden: Er kann den Job haben…

DSC02415-small

Mama badet mal wieder im Selbstmitleid

Da sitze ich mal wieder, tief unten in meinem Loch und bemitleide mich selber. Und das nach einem so schönen Tag. Aber das ist ja genau der Grund, weshalb ich mal wieder im Selbstmitleid bade. Doch fangen wir von Vorne an: Nach einer unglaublich mühsamen Woche als Vollzeithausfrau liess ich heute Mittag das ganze Chaos hinter mir und machte mich auf zur Weiterbildung, die „Meiner“ mir zum Geburtstag geschenkt hatte.

Die unaufgeräumten Kinderzimmer, die immer noch kaputte Waschmaschine, die Staubflusen unter dem Bett, das alles ist mir jetzt egal. Einen Nachmittag lang befasse ich mich nur damit, wie man besser vorliest, das Publikum mitnimmt auf eine Reise, es in fremde Welten eintauchen lässt. Einfach herrlich: Wiedermal etwas Neues lernen, sich vorstellen wie das Leben wäre, wenn man zwischendurch mal Profi sein dürfte und nicht alles halb erledigt liegen lassen müsste, weil es woanders wieder brennt, fachsimpeln über Themen, die zwar nicht lebenswichtig, aber dennoch für einen Kopfmenschen wie mich ausserordentlich spannend sind. Und dann erst noch sich selber beweisen, dass man es immer noch schafft, ohne grosse Vorbereitungen in einen Zug zu steigen, am richtigen Ort wieder auszusteigen, das richtige Tram zu finden, durch die Gegend zu gehen, als wäre man ein ganz normaler Mensch und nicht eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs. Dinge, die nicht mehr selbstverständlich sind, wenn man an gewöhnlichen Tagen fast rund um die Uhr darum bemüht ist, das Chaos in Küche und Wohnzimmer nicht ausufern zu lassen.

Nicht dass ich das Leben mit meiner Familie nicht geniessen würde. Ich weiss nicht, wie viele beglückende Momente ich alleine in der vergangenen Woche mit meinen Kindern und „Meinem“ erlebt habe. Sie sind unzählbar. Doch wenn ich mal wieder einen Ausflug unternehme in dieses andere Leben, wiedermal spüre, was mich sonst noch lebendig macht, wiedermal erkenne, dass da noch Fähigkeiten sind, die brachliegen, dann wird mir wieder mit einem Schlag bewusst, was mein Leben zuweilen so schwierig macht: Ich bin eine überglückliche Ehefrau und Mutter und eine todunglückliche Hausfrau.

Und wenn ich dann heimkomme und sehe, wie grossartig „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit schmeisst, kann ich nicht anders, als uns beide zu fragen, wie wir jemals so dumm sein konnten, in diese unsinnige Rollenteilung zu schlittern.

Aber wenn Mama schon im Selbstmitleid badet, dann mit Stil, nämlich mit „Honey Bee“ von „Lush“…

DSC02530-small

Kriegsbemalung

Wenn „Meiner“ sehr sehr müde ist, hat er die Angewohnheit, sich spät abends, bevor er ins Bett geht, etwas ins Gesicht zu malen. Einen blauen Streifen auf die Nase zum Beispiel, oder schwarze Linien am Kinn, oder einen grossen, grellroten Punkt zwischen die Augenbrauen. Weshalb er dies tut, habe ich auch nach mehr als elf Ehejahren noch nicht herausgefunden, aber das ist nicht weiter schlimm. Die kleinen Mysterien sind es ja, die eine Partnerschaft auch nach Jahren noch spannend halten. Und so habe ich mich eben daran gewöhnt, ab und zu mal neben einem Indianer in voller Kriegsbemalung einzuschlafen.

Die Sache hat nur einen Haken: Weil „Meiner“ die Bemalung jeweils in Halbtrance anbringt, erinnert er sich nächsten Morgen nicht immer daran, sie wegzumachen. Und so kam es, dass er heute früh, als er Luise zu einem Ferienkurs bei der Feuerwehr brachte, noch immer einen grellroten Punkt zwischen den Augenbrauen hatte. Und zwar einen riesigen, unübersehbaren. Von seiner Kriegsbemalung nichts ahnend, unterhielt sich „Meiner“ angeregt mit diversen Müttern und Vätern, und weil diese „Meinem“ nicht zu nahe treten wollten, machten sie ihn auch nicht darauf aufmerksam. Diese Aufgabe blieb mir überlassen. Mal sehen, ob die anderen Eltern ihre Kinder je wieder bei uns spielen lassen, wenn „Meiner“ zu Hause ist.

DSC02585-small

The Baby-Whisperer oder ein Loblied auf „Meinen“

Wie macht er das bloss? Da plage ich mich Stunde für Stunde mit einem schlaflosen Prinzchen ab, suche Nuggis, Schmusetücher  und Schoppenflaschen, flüstere beruhigende Worte, streichle ihm übers Haar und das Prinzchen heult weiter. Wer mich kennt, weiss, dass ich in Sachen schlaflose Babys vollkommen unerfahren bin und dies trotz fünf Kindern. Da bin ich also, völlig entnervt, mitten in der Nacht und weiss nicht mehr ein noch aus. Die volle Windel ist entsorgt, das Prinzchen wieder trocken angezogen, pappsatt und bestens umsorgt. Und dennoch heult der Kleine weiter.

Bis „Meiner“ die Szene betritt. Er, der wegen seines heutigen Geburttags eigentlich gar nicht aufstehen dürfte, bringt dem Baby eine Gummiente, murmelt ein paar nette Worte und das Prinzchen ist still. Solange, bis er merkt, dass Papa wieder weg ist. Dann geht das Geheul wieder los. Bis „Meiner“ wieder da ist. So geht das immer weiter, bis der Morgen graut und „Meiner“ das Prinzchen zu einem Frühspaziergang mitnimmt.

Ja, er ist ein wahrer Superman, „Meiner“. Und dieses Prachtsexemplar von einem Mann feiert heute seinen 35. Geburtstag. Endlich – sonst müsste ich mir noch lange die doofen Sprüche über mein forttgeschrittenes Alter anhören. Weil „Meiner“ also heute Geburtstag hat, hier mein Loblied: Ohne ihn hätte ich nicht so viele Kinder. Nicht bloss, weil kein anderer dazu bereit gewesen wäre, so viele mit mir zu zeugen, sondern, weil kein anderer ein so guter Vater wäre. Und vor allem,  weil kein anderer es schaffen würde, mir immer wieder auszuhelfen, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, mir immer wieder zu bestätigen, dass noch mehr in mir steckt als eine Mama, die nicht alles im Griff hat.

Aber natürlich hat auch Superman seine Schattenseite: Hätte „Meiner“ gestern Abend den richtigen Sauger auf des Prinzchens Flasche geschraubt, wäre das Baby heute nacht auch nicht so nass geworden und wir hätten uns das ganze Drama sparen können. Aber wir wollen nicht kleinlich sein, sondern zu Ehren des Tages alle Fehlerchen übersehen und „Meinen“ so richtig feiern. Er hat es verdient.

035

Liebesbrief an die moderne Technologie

Immer, wenn  wir in die Ferien verreisen gilt meine erste Sorge dem Internetanschluss. Nicht dass ich mich in der Illusion wiege, meine Leser könnten nicht ein paar Tage ohne neues Gebrabbel meinersteits auskommen. Ob ich das allerdings  überstehen würde, ist eine andere Frage. Diesmal aber war es besonders wichtig, denn ich hatte den Abgabetermin meiner Kolumne bereits verschieben müssen, weil ich Donnerstag und Freitag im Spital mit Warten vertrödelt hatte. Die Zeit drängte also, als wir in Chamonix ankamen. Undwie immer, wenn die Zeit drängt, lief alles schief.

Zuerst mal funktionierte das Modem nicht, das mir die Réception zur Verfügung gestellt hatte. Also begann ich ohne Internetverbindung zu schreiben. Irgendwann stellte ich mit Schrecken fest, dass das Schreibbprogramm des Laptops zwar Wörter, nicht aber Zeichen und Leerschläge zählt. Also begannen „Meiner“ und ich zu zählen. Dies aber passte dem Laptop nicht, weshalb er zu protestieren begann, sein Akku werde demnächst leer sein, was dazu führte, dass „Meiner“ und ich panisch begannen, den Text von Hand abzuschreiben, denn der Adapter für ausländische Steckdosen war mal wieder zu Hause geblieben und die Réception war inzwischen geschlossen. Also ab zum Computer in der Lobby, der aber aus unerfindlichen Gründen etwas gegen mich hat und alles tat, nur nicht das, was ich will.

Irgend wann gab ich auf, stürmte entnervt in die Ferienwohnung, wo ich einen hefitgen Streit mit „Meinem“ vom Zaun brach. Wenn ich schon keinen an der Réception zur Schnecke machen konnte, musste eben „Meiner“ dranglauben. Und man sagt ja, die meisten Paare würden in den  Ferien streiten, weshalb also sollten wir eine Ausnahme machen?

Wie die Kolumne dann doch fertig geworden ist? Nun, heute früh – und ich meine wirklich früh – funktionierte alles wieder tadellos. Und zum Zeichen der Versöhnung hat mir „Meiner“ sogar ein  anderes Modem geholt an der Réception. Somit fanden meine von Hand abgezählten 3000 Zeichen inklusive Leerschläge gerade noch rechtzeitig den Weg nach Aarau. Ob der Text gut ist? Keine Ahnung. Bei so viel Zählen konnte ich mich nicht auch noch auf den Inhalt konzentrieren…

Und jetzt starten wir einen neuen Anlauf, das süsse Leben hier zu geniessen.

023

Verräter!

Als ich „Meinem“ vorhin erklärt habe, wie gut es mir getan habe, endlich mal meinem Ärger über Frau Hutter Luft zu machen, schwieg er zuerst lange. Ich überlegte mir schon, ob er mir wohl nicht zugehört habe, als er kleinlaut gestand, dass er in dem Interview durchaus ein paar Aussagen gefunden habe, denen er zustimmen könne. Wie bitte? „Meiner“, ein durch und durch emanzipierter Mann, ein politisch so weit links stehender Mensch, dass es zuweilen sogar mir zu weit geht, findet nicht alles falsch, was aus dem Mund von Frau Hutter kommt?  Wie kann er nur? Und liebt er mich überhaupt noch?

Da gibt es nur Eines: „Meinen“ so schnell als möglich ins Kreuzverhör nehmen, herausfinden, wo genau er eine Übereinstimmung seines Gedankenguts mit dem  von Frau Hutter gefunden hat. Und dann Gegenargumente feuern: „Wenn Frau Hutters Mann doch so gerne Vollzeit-Hausmann werden möchte, warum steht  sie dann seinem Glück im Wege? Hä? Weil sie eine Egoistin ist, die lieber ihre Ideologie durchboxt, als herauszufinden, was für ihre Familie gut ist. Natürlich stimmt es wenn, Frau Hutter sagt, die biologische Uhr der Frau ticke, aber wer sagt das nicht? Doch das gibt ihr noch lange nicht das Recht, ihren  Mann vom Herd fern zu halten, wenn er so gerne dorthin möchte.“ Ich habe noch viel länger auf ihn eingeredet, aber ich muss ja nicht alle Welt von meiner Meinung überzeugen. Es genügt, dass ich „Meinen“ wieder auf den rechten Weg gebracht habe. Der häusliche Frieden ist wieder intakt, unsere Meinung über Frau Hutter wieder dieselbe.

Er liebt mich also doch noch!

DSC00177-small

Wer ist hier ein Sklaventreiber?!

Kaum türmt sich bei uns die Arbeit, mutiert „Meiner“ zum Sklaventreiber. Gewöhnlich ist er ja ein grundlieber linker Lehrer wie er im Buche steht. Aber im Ausnahmezustand benimmt er sich wie ein Erzliberaler. Ob es unser Ernst sei, dass wir nach dem Mittagessen noch eine Pause einlegen wollten, fragt er empört. Als ich ihn darauf hinweise, dass wir das vor dem Essen so beschlossen hätten, stänkert er: „Die Kinder haben Glace gehabt, du einen Kaffee. Das ist ja wohl Pause genug.“ Ist das wirklich noch der Mann, den ich vor elf Jahren geheiratet habe?

Nun ja, vielleicht haben wir uns wirklich etwas viel vorgenommen für die nächsten Tage. Sämtliche Zimmer räumen, Möbel von einem Zimmer ins andere, von einer Wohnung in die andere verschieben, alles ausmisten, was nicht mehr gebraucht wird, alles gründlich putzen. Dass so ganz nebenbei noch Wäsche gewaschen, eingekauft und fürs Essen (bei diesem Sauwetter vorzugsweise warm) gesorgt werden sollte, versteht sich von selbst. Dann wären da noch fünf Kinder zu betreuen, die sich zwar schon alle wie verrückt auf ihre neuen Zimmer freuen, die aber nicht begreifen wollen, weshalb man zuerst Mamas Bücher, Papas Unterwäsche und des Prinzchens Spielsachen aus dem Weg räumen muss. Und weshalb sie bei dieser sinnlosen Übung auch noch helfen sollten, ist ihnen ein Rätsel. Aber sie können ja auch nicht den ganzen Tag vor der Glotze sitzen, damit wir ungestört malochen können.

Wenn ich all dies bedenke, kann ich eigentlich ganz gut verstehen, weshalb „Meiner“ sich als Sklaventreiber gebärdet. Auch wenn ich dies ihm gegenüber nie und nimmer zugeben würde. Sonst würde er mir noch entgegenhalten, ich sei keinen Deut besser. Wer hat ihn denn heute Abend angeschnauzt, als er mit dem Prinzchen auf dem Bett geschäkert hat? Wo es doch eigentlich Zeit gewesen wäre, die Küche aufzuräumen, die Wäsche zu falten, die Kinder ins Bett zu bringen, den Computer neu zu installieren und Mamas Bücher alphabetisch zu ordnen…

Der Herr von Tisch fünf hat was durcheinander gebracht

Wie hiess sie nochmal, die alte Säuferwahreit? „Bier auf Wein, das lasse sein, Wein auf Bier…“ und den Rest weiss ich nicht mehr. Spielt für mich ja auch keine Rolle. Mir genügen ein paar Schlucke Holunderblütensekt zum elften Hochzeitstag und schon lache ich Tränen, bloss weil ich glaube, die Mutter am Nebentisch habe ihren Sohn „Pavian“ anstatt „Fabian“ gerufen. Oder weil die Chefin den Lehrling zum hundertsten Mal ermahnt: „Die Dame am Disch drai is´wegedorisch.“ Da lasse ich lieber die Finger von Bier und Wein, egal, in welcher Reihenfolge.

Nun, der Herr am Tisch fünf hätte sich vielleicht die alte Säuferwahrheit zu Herzen nehmen sollen. Bestellt hat er beides, Bier und Wein. In welcher Reihenfolge er das getrunken hat, weiss ich nicht, aber es war bestimmt falsch herum. Das merkt man schon bald. Zuerst weist er lauthals seine Söhne zurecht, dann demütigt er seine Frau so dass es alle hören: „Du bist die Einzige im ganzen Speisesaal, die sich nicht umgezogen hat. Das gehört sich nicht.“ Nun, erstens stimmt das nicht, ich trage auch noch das Gleiche wie am Morgen. Und zweitens hätte es keiner gemerkt, da ohnehin alle mit ihren Sprösslingen beschäftigt sind und jede Mama froh ist, dass die am Nebentisch noch übrenächtigter aussieht als sie selber. Doch das ist erst der Anfang. Bald schon brüllt er laut: „En Guete mitenand im schöne Schwizerland!“ und das etwa dreimal hintereinander. Hat der Kerl noch nicht gemerkt, dass wir hier in Österreich sind? Zumindest fügt er nicht noch an „de Tisch isch abenand“ sonst hätte ich ihm die Klappe zubinden müssen. Dafür beginnt er jetzt lauthals „Knowing you and knowing me“ von Abba zu singen und das um sieben Uhr abends, bevor seine Frau – ich nehme nicht an, dass er dabei behilflich ist – die Kinder zu Bett gebracht hat.

Wenn der Kerl doch bloss Russisch sprechen würde. Oder Mandarin. Dann würde ich sein  Geschwätz wenigstens nicht verstehen.