Stilfragen und wie ich schon jetzt zu Gummistiefeln gekommen bin

Jahrelang spottet man über Männer, die sich von ihren Frauen Kleider kaufen lassen. Die nichts dagegen haben, wenn „Ihre“ beim Wocheneinkauf auch schnell noch ein Paket Hemden (Sonderangebot, drei für zwei) in den Einkaufswagen legen. Denen es piepegal ist, dass die Hemden ein Muster haben, als hätte jemand draufgekotzt und die nie und nimmer auf die Idee kämen, sich neue Kleider zu kaufen.

So spottet man, bis man merkt, dass man so anders gar nicht ist. Nicht dass ich es wagen würde, „Meinem“ Kleider zu kaufen. Nicht mal Unterwäsche würde ich ihm besorgen. Der Mann hat nämlich Stil und toleriert es nicht, dass man sich in seinen Kleiderschrank einmischt. Ich kaufe ihm also keine Kleider, er aber mir. Aufgefallen ist mir dies erst neulich, als er mich nach der Arbeit anrief um zu erfahren, ob ich T-Shirts in Fuchsia und Grau (Sonderangebot, zwei für eins) tragen würde. Immerhin aber besitze ich noch so viel Modebewusstsein, dass ich nicht alles trage, was er mir bringt. Die Bluse, die aussieht, als hätte jemand draufgekotzt, sieht das Tageslicht nur, wenn der grosse Putztag ansteht.

Ja, und dann wäre da noch die Sache mit den Gummistiefeln. Habe ich nicht neulich behauptet, Gummistiefel zum Gärtnern bekomme man erst mit Vierzig (siehe „Komm lieber Mai…)? Warum dann bin ich heute mit Rock und Gummistiefel durch den Garten gestapft? Nein, ich bin nicht Vierzig geworden. Aber Karlssons Füsse sind gewachsen. Und da ich Memme es nicht mag, mit nackten Füssen auf Nacktschnecken zu treten, habe ich mir mal schnell Karlssons Stiefel geborgt. Aber verraten Sie mich bitte nicht. Karlsson mag es nämlich nicht, wenn man sich seinen Sachen borgt.

Bitte nicht neidisch werden!

Was wir am Samstagabend machen? Nun, wir lassen es so richtig krachen. Wie die meisten Eltern. Wir trinken eine Tasse Kaffee (mit Koffein, zur Feier des Wochendes!). Wir essen vielleicht sogar ein paar Chips. Jedoch erst, wenn die Kinder schon tief schlafen. Wir wollen ja kein schlechtes Vorbild abgeben. Zuweilen wagen wir es sogar, die erste Hälfte eines Filmes zu schauen. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es sogar bereits in diesem Jahr, die zweite Hälfte auch noch zu sehen.

Wenn uns mal wieder nach etwas richtig Ausgefallenem ist, dann sorgen wir dafür, dass sich der Zoowärter beim Abendessen so richtig vollstopft und zwei Stunden später das ganze Bett vollkotzt. Denn es gibt doch einfach nichts Schöneres, als samstags um zehn Uhr abends gemeinsam Erbrochenes aufzuwischen, das Kind zu duschen und danach die komplette Bettwäsche zu waschen.

Einfach nur schön

Schon dass „Meiner“ und ich heute Morgen zusammen mit den kleinen Prinzen in Baden im Café Himmel sitzen durften, war ein Geschenk. Frische Croissants und heisse Schokolade anstelle von Unterricht und Wocheneinkauf. Ein grossartiges Geschenk von Arbeitskollegen, die wissen, dass für Eltern nichts so wertvoll ist wie Zeit zu zweit.

Und es sollte noch besser kommen. Wir hatten uns eine winzige gemütliche Ecke im Café ausgesucht. Wir unterhielten uns angeregt und liessen uns auch durch die ziemlich missmutige Dame gegenüber nicht stören. Nach einer Weile drängte sich ein ziemlich fülliger Herr auf den knappen Platz neben uns. Bevor er sich setzte, fragte er sein missmutiges Gegenüber höflich, ob der Platz noch frei sei. Er bekam keine Antwort. Offen gestanden waren auch wir nicht sonderlich begeistert darüber, unsere gemütliche Ecke teilen zu müssen. Nach einer Weile machte sich die missmutige Dame zum Gehen bereit. Höflich wünschte ihr der Mann einen schönen Tag. Wieder keine Reaktion. Als sie gegangen war, wandte sich der Mann an uns: „Vielleicht hört sie ja nichts.“ Er meinte es ernst.
So kamen wir mit dem Achtzigjährigen ins Gespräch. Er erzählte von seinen sechs erwachsenen Kindern und seinen zwölf Enkelkindern, freute sich, dass auch wir eine grosse Familie haben. Wir redeten ein wenig über die Geschichte der Römer, weil „Meiner“ bekanntlich in Windisch arbeitet. Dann wandte er sich wieder seiner NZZ zu, wir unserem Gespräch. Nach einer Weile suchte der Mann etwas in seiner Jackentasche, dann sagte er plötzlich zu uns: „Ob ich jetzt am Heiligen Abend in der Kirche etwas in die Kollekte gebe, oder ob ich jemand anderem eine Freude mache, spielt ja keine Rolle.“ und schob mir eine Fünfzigernote zu. Dann zitierte er in bühnenreifem Hochdeutsch – er stammte aus Deutschland – die Stelle aus dem Matthäusevangelium: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Er wollte sich nicht wichtig machen, er erwartete keinen überschwenglichen Dank. Er wusste einfach, womit man Eltern von kleinen Kindern eine Freude macht, weil er selber einmal das Gleiche erlebt hatte.
Als wir uns nach einer Weile verabschiedeten, rief er uns hinterher: „Wählt einfach den Blocher nicht, dann kommt alles gut!“ Ein Seelenverwandter…

Kultur

Wann haben wir diese Sätze zum letzten Mal gehört? „Wahnsinn! Ihr seid ja echt zu beneiden! Können wir nicht tauschen mit euch?“ Es ist lange her, seit uns jemand um etwas benieden hat. Mal abgesehen von der Frauenärztin, die ganz furchtbar gerne einen Haufen Kinder gehabt hätte und leider zu spät damit angefangen hat und jetzt das Grossfamilienleben in etwas allzu rosaroten Tönen malt. Aber echter Neid? Jemand, der mit uns tauschen möchte? Momentan sind eher mitleidiges Kopfschütteln und schweres Seufzen die Reaktionen, wenn wir jemandem aus unserem Leben erzählen.

Der Grund für den Neid waren zwei Eintrittskarten. „Silo 8“ von „Karls Kühne Gassenschau“. Offenbar möchte jeder das gesehen haben und deshalb sind die Leute auch gerne bereit, 64 Franken für ein Ticket hinzublättern. Wir haben die Tickets geschenkt bekommen. Das heisst, „Meiner“ hat sie bekommen. Grosszügig, wie die Geber waren, hatten sie auch an den Anhang gedacht, was mehrfach betont wurde. Als ob man an einem lauen Sommerabend alleine in den Ausgang gehen würde…
Nun, so machen wir uns voller Vorfreude auf den Weg. Endlich mal wieder Kultur! Und zwar live, nicht aus der Konserve. Und wenn man weiss, dass andere voller Neid an einen denken, wird der Abend gleich noch etwas schöner. Über den Inhalt des Programms muss an dieser Stelle nichts gesagt werden, darüber haben andere genug geschrieben. Anfangs ist man noch amüsiert über die Handlung, doch bald schon kommt der Eindruck auf, dass über all den ausgeklügelten Effekten die Handlung etwas allzu kurz kommt. Und als es dann losgeht mit den wilden Töfffahrten, mit den Staubwolken, dem Knallen und dem Feuer, beginnt das Kind im Bauch zu rebellieren. Irgendwann ist der Bauch steinhart und man ist nur noch froh, dass das Stück jetzt zu Ende ist, weil man fürchtet, sonst mit frühzeitigen Wehen im Spital zu landen. 
Da sitzt man nun, die Hände schützend um den Bauch gelegt, während alle anderen frenetisch applaudieren. Die grosse Spielverderberin, die nicht mehr fähig ist, das zu geniessen, was alle anderen so toll finden. Wie soll man nachher über den Abend diskutieren, ohne dem anderen die Freude am Erlebten zu trüben? Ein Blick nach rechts beruhigt fürs Erste. „Meiner“ sitzt genauso verdattert da und weiss nicht recht, wohin mit den Händen. Er hat ja kein Baby im Bauch, das er beruhigend streicheln könnte. 
Etwas später sitzen wir im Strassencafé. Erinnerungen an einen anderen lauen Sommerabend kommen auf. Es waren die alten Lokaljournalisten-Zeiten, als fast jedes Wochenende mindestens ein Kulturanlass auf dem Programm stand. Wann war das genau? Vor acht oder schon vor zehn Jahren? Und wie hiessen nochmals die Künstler? Ein Blick ins Artikelarchiv würde Klarheit schaffen. Doch damit würde man einen Asthmaanfall riskieren und so einen braucht man nicht schon wieder, nach all den Staubwolken bei „Silo 8“. Wir erinnern uns an diesen urkomischen Abend, als vielleicht zwanzig oder dreissig Verrückte sich auf einen Platz in der Zofinger Altstadt verirrt hatten, um ein paar irren Strassenkünstlern dabei zuzusehen, wie sie auf Pocket Bikes um die Ecke furzten. Wie eine Schauspielerin so hinreissend komisch die italiensiche Immigrantin spielte, die über ihr „gratis mangiare“ auf der Ferienreise in Verzückung gerät. Noch heute freuen wir uns ihretwegen kindlich über jedes „gratis mangiare“, und sei es noch so schlecht. Vieles von dem, was uns damals so zum Lachen brachte, dass wir fast von den Gartenstühlen gefallen wären, sehen wir in „Silo 8“ wieder. Nur dass es hier viel plakativer daherkommt, mit weniger zarter Ironie und mehr Getöse. 
Nachdem wir damals ein paar Münzen in den Hut geworfen hatten, bedauerten wir all jene, die diesen Abend voller Witz und Ironie verpasst hatten. Und heute wundern wir uns, warum alle Welt „Silo 8“ sehen will, wo es doch so wunderbare Kleinkunst gibt. Oder gibt es sie gar nicht mehr und wir haben es nicht mitbekommen, weil wir zu beschäftigt waren mit Kinderkriegen? Egal. Hauptsache, es gibt noch einen anderen Menschen auf diesem Planenten, der versteht, warum man sich gar nicht als so beneidenswert fühlt, wenn man den Kulturanlass besuchen darf, den alle besuchen wollen. 

Ferien

Ferien. Zum ersten Mal seit bald acht Jahren sechs Tage ohne Kinder. Alles ist perfekt organisiert. Die Kinderbetretreuung topmotiviert, der Kühlschrank voll mit lauter ungesundem Esssen, die Taschen gepackt, die Kinder gesund. Der Abschied fällt leichter als erwartet und so kann man endlich alles mal hinter sich lassen und sich erholen.

Nach kurzer Fahrt Ankunft im Hotel, einem Familienhotel, denn ein kalter Entzug wäre vielleicht doch etwas viel. Alles läuft reibungslos, das Zimmer ist perfekt. Endlich einmal Zeit, das zu tun, was man schon lange wollte: Krank sein! Das Gepäck ist noch nicht ausgepackt, da beginnt man zu frösteln, nach dem ersten Rundgang durchs Hotel schmerzen sämtliche Glieder, eine halbe Stunde später liegt man im Bett, die Decke weit über die Ohren gezogen.

Am nächsten Tag mit heiserer Stimme der erste Anruf zu Hause. Die Tochter hat Fieber, leidet an Heimweh, der Zweitjüngste macht auch schon an einer Erkältung herum und der Jüngste will nicht essen. Nur der Älteste ist zufrieden. Er durfte Jakobsmuscheln essen. Die Fertigmenus vergammeln derweil im Kühlschrank.

War es wirklich richtig, zu verreisen? Soll man nicht besser nach Hause gehen? Leiden die Kinder nicht zu sehr? Die Fragen beantworten sich von selbst: Wir sind eingeschneit. Und das im April.