Man könnte auch mal einfach mitdenken

Wir Schweizer können ja ziemlich viel mitreden, wenn es darum geht, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Eine gute Sache, finde ich, auch wenn ich mich zuweilen frage, ob uns die Tragweite gewisser Entscheide bewusst ist. Und auch wenn sich zuweilen die Pessimistin in mir zu Wort meldet, die behauptet, das alles sei nur eine Farce, in Wirklichkeit hätten wir nicht mehr mitzureden als andere auch. 

Nun, wie dem auch sei, wir reden mit und das finde ich grundsätzlich gut. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien hat dieses Mitreden allerdings Formen angenommen, die mir ziemlich auf den Geist gehen. Man redet  – oder postet -, bevor man nachgedacht hat. Neuestes Beispiel: Es kommt zu einem schrecklichen Familiendrama, es gibt Hinweise, dass die Behörde versagt hat, die Boulevardpresse schlägt die Sache breit, bringt ein paar weitere Geschichten, die schief gelaufen sind und zwei Tage später verbreitet sich auf Facebook die erste Online-Petition, die „Weg mit dieser Behörde!“ fordert. Nicht nur mit der lokalen Behörde, die wohl wirklich ziemlich daneben lag mit ihren Entscheiden, sondern gleich mit dem ganzen System, landesweit. 

Kein Nachdenken. Kein Bewusstsein, dass wir nur die Version der Presse kennen und sich erst noch zeigen muss, was wirklich war. Keine Erinnerung an schlimme Geschichten, die es auch schon gab, als noch Laien für diesen Bereich zuständig waren. Kein Gedanke daran, dass es vielleicht gar nicht in unserer Kompetenz liegt, Behörden abzuschaffen, weil noch nicht alles so läuft, wie man sich das bei der Einführung vorgestellt hatte. Einfach mal lauthals dagegen anbrüllen, weil ja irgend einer, den wir irgendwo mal getroffen haben, auch schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und weil die Partei, die lieber mit Schlagworten als mit praktikablen Lösungsansätzen politisiert, auch schreit, diese Behörde gehöre abgeschafft. Einfach mal Dampf ablassen, weil es so unglaublich gut tut, nicht nur am Stammtisch, sondern auch in den sozialen Netzwerken gehört zu werden. 

Versteht mich nicht falsch, auch mir bricht fast das Herz, wenn kleine Kinder sterben müssen, weil das System versagt. Auch ich wünsche mir Verbesserungen an diesem System, das noch zu viele Fehler macht. Aber ich masse mir nicht an, zu wissen, durch welche Verbesserungen sich solche Tragödien verhindern liessen. Um das herauszufinden, müsste ich mich mit der Materie auseinandersetzen und zwar vertieft, nicht nur mithilfe einiger Zeitungsartikel. Ich müsste Experten konsultieren, mir vor Ort ein genaues Bild über die Arbeitsweise dieser Behörde machen, Vor- und Nachteile abwägen – kurz: Ich müsste mitdenken, ehe ich mitrede

Dieses Mitdenken könnte zwei Dinge zur Folge haben: a) Ich begreife, dass ich in der Sache nichts zu sagen habe oder b) Ich sehe einen Weg, wie man sich für eine Verbesserung engagieren könnte. Dann aber richtig, nicht mit irgendwelchen unbedachten „Weg mit dieser Behörde“-Forderungen. 

Guerriero; Gianluca Venditti

Guerriero; prettyvenditti.jetzt

Billig

Seitdem il Cugino Anfang Jahr aus Süditalien zu uns gezogen ist, bekommen wir hautnah mit, wie das läuft mit den billigen Arbeitskräften aus dem europäischen Ausland. Nämlich so: Einen Job finden sie sofort, der Druck, von Anfang 100 % zu arbeiten, ist gross und es braucht ziemlich viel Mut, zu tun, was il Cugino getan hat. Er hat nämlich darauf bestanden, nur Teilzeit zu arbeiten, damit er Zeit hat, intensiv Deutsch zu lernen. Der Vertrag ist auf ein halbes Jahr befristet, nach drei Monaten gibt’s eine bescheidene Lohnerhöhung, am Ende der sechs Monate wird das Arbeitsverhältnis beendet, auch wenn genügend Arbeit da wäre und der Angestellte gerne bleiben würde. Neue Einwanderer übernehmen den Job, die „Alten“ ziehen weiter zur nächsten Stelle, denn so ist es für den Arbeitgeber am billigsten. Ein neuer Job ist schnell gefunden, manchmal rasend schnell. Ein Anruf kurz vor Mittag: „Können Sie in einer Stunde anfangen? Gut. Dann bringen Sie Ihre Papiere und die Sicherheitsschuhe mit. Wenn Sie Ihre Sache gut machen, gibt’s vielleicht eine längere Anstellung, sonst sicher mal bis Ende dieser Woche.“

Il Cugino denkt nicht im Traum daran, sich über diese Arbeitsbedingungen zu beklagen. Lieber so, als zu Hause in Süditalien in der Bar rumzuhängen und überhaupt keine Perspektive zu haben. Lieber müde sein vom Knochenjob, als lethargisch vom Nichtstun. Lieber ein Putzfrauenlohn, als mit 25 noch von den Eltern abhängig sein. Lieber in einem kalten, fremden Land leben, als dabei zusehen müssen, wie die eigene Heimat immer mehr vor die Hunde geht.

Il Cugino ist zu Recht stolz auf das, was er in weniger als einem Jahr erreicht hat. Seine Freunde in Italien beneiden ihn, können aber nicht ganz verstehen, warum er das alles auf sich nimmt. Ist doch viel bequemer, nichts zu tun und über den Staat zu lamentieren.

Die Schweizer, die il Cugino kennen, mögen ihn. So ein feiner Kerl, anständig, fleissig, freundlich und anpassungswillig.

Die Schweizer, die ihn nicht kennen, sehen in ihm eine Bedrohung. Noch so einer, der hierher kommt. Dass kaum ein Schweizer bereit wäre, so zu arbeiten, wie il Cugino es tut, bedenken sie nicht. Dass sie selber ihre Sachen packen und auswandern würden, wenn ihr Land ihnen keine Perspektive böte, können sie sich nicht vorstellen. Dass ihre eigenen Vorfahren das Gleiche getan haben wie il Cugino, als die Zeiten hier schlecht waren, wollen sie nicht sehen. Oder wenn sie es sehen, behaupten sie dreist: „Aber Amerika war nicht besiedelt damals. Meine Urgrosseltern haben niemandem etwas weggenommen.“

Die Schweizer fürchten sich vor einem jungen Mann, der sich dazu entschliesst, sein Glück dort zu suchen, wo er es am ehesten zu finden glaubt. Sie fürchten sich nicht nur, sie empfinden auch Wut. Ein ganz klein wenig kann ich die Wut nachvollziehen, aber diese Wut richtet sich gegen den Falschen. Wenn wir auf jemanden wütend sein sollten, dann auf die Unternehmer, die den Umstand, dass viele Menschen in ihrem eigenen Land keine Zukunft mehr sehen, schamlos ausnützen. Es ist nicht il Cugino, der die Löhne nach unten drückt. Es liegt nicht an ihm, dass die Firmen lieber billige Temporärstellen als teure Feststellen anbieten. Er kann nichts dafür, dass manche lieber Migranten einstellen, weil die für jeden Knochenjob dankbar sind und nicht aufbegehren, wenn sie wie Spielfiguren herumgeschoben werden.

Will man il Cugino wirklich einen Strick daraus drehen, dass er sich das klaglos bieten lässt, weil er einfach nur froh ist, überhaupt arbeiten zu dürfen?

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Verquatschte Zeit

So langsam beginne ich, Besuche bei der Dentalhygienikerin zu fürchten. Dies nicht etwa, weil es meinen Zähnen schlecht ginge oder weil die Dame so grob mit ihnen umgeht. Es ist die Dame selbst, die mir Furcht einflösst. Da liege ich auf diesem Stuhl, den Mund weit aufgesperrt in der Erwartung, dass sie jetzt gleich nachsehen wird, wie es meinen Zähnen geht, doch stattdessen legt sie los mit ihrem Gequatsche. Ob ich in den vergangenen Jahren ein paar Kinder geboren hätte, will sie wissen. Ja, natürlich, ein paar schon, antworte ich. Fünf, um präzise zu sein und ich glaube, damit sei die Frage nach meinem schwindenden Knochen beantwortet und ich könne jetzt endlich meine Zähne zeigen.

Aber meine Zähne interessieren sie jetzt nicht mehr, sie will wissen, wie das so ist mit einer Grossfamilie. Widerwillig gebe ich ein paar der üblichen Banalitäten von mir – mit der Zeit hat man sie drauf, diese Floskeln -, doch sie unterbricht mich bald einmal. Erzählt mir, wie das heute so ist, mit einer Grossfamilie. Kein Problem mehr ist das, die Kinder sind ja alle den ganzen Tag in der Schule, da hat man kaum mehr etwas zu tun mit ihnen. Grosseltern braucht man heutzutage ja auch nicht mehr, es gibt Krippen. Ich könne froh sein, dass ich nicht mit der Schwiegermutter zusammenleben müsse, das hätten die Mütter früher nämlich noch tun müssen. Ich versuche, einen Einwand einzubringen, weil es mich nun doch etwas fuchst, dass sie – die durchblicken lässt, dass sie kinderlos ist – zu wissen glaubt, wie mein Leben aussieht. Doch mein Einwand löst nur einen neuen Redeschwall aus. Die Schweiz nicht familienfreundlich? Des sieht sie ganz anders als ich. Den Familien geht es prächtig hierzulande. Wenn die Familien bescheidener wären, müssten auch nicht Vater und Mutter zur Arbeit gehen. Ferien? Genügend Wohnraum? Alles überbewertet. Sie ist auch ohne gross geworden, hat ihr auch nichts geschadet. Diese Eltern haben aber auch immer so viele Ansprüche. Das Einzige, was sie an der Familienpolitik stört, ist dass sie, die doch Vollzeit arbeitet, nach der Pensionierung weniger AHV haben wird, weil sie verheiratet ist. Alles andere ist bestens. 

Jetzt, wo das geklärt ist, kann sie sich endlich meinen Zähnen widmen. Die Sache ist schnell abgehakt. Zwei Röntgenbilder, ein bisschen Zahnstein, ein bisschen polieren, oder wie die das nennen, dann ist es erledigt. Doch offenbar hat die Frau noch nicht genug Dampf abgelassen, darum kommt sie noch einmal auf das Thema Grossfamilie zurück. Sie muss da noch etwas loswerden bezüglich Blockzeiten. Ist doch wirklich viel einfacher geworden heute, wo die Kinder den ganzen Morgen in der Schule sind. Ihre Mutter musste jeweils noch den ganzen Morgen zu Hause bleiben, weil jeder einen anderen Stundenplan hatte. Währenddem ich noch überlege, ob ich ihr jetzt lieber von meiner Schwester erzählen soll, die Kinder und Beruf noch immer ohne Blockzeiten jonglieren muss, oder ob ich ihr sagen soll, dass es trotz Blockzeiten kaum einen Schultag in meinem Leben gibt, der so verläuft, wie er auf dem Stundenplan steht, hüpft sie weiter zum nächsten Thema. Ich hätte da mal einen Termin vergessen, sagt sie vorwurfsvoll. Ja, so etwas könne in meinem Alltag halt mal vorkommen, es sei halt… Weiter lässt sie mich nicht kommen. Einen Terminplaner müsse ich mir anschaffen, einen richtig Grossen, den ich mir an die Wand hänge, in den ich alle Termine eintrage. Nein, nein, auf gar keinen Fall die Termine auch noch elektronisch eintragen. Nur im Planer an der Wand, dann bekäme ich das schon in den Griff…

Wie gerne hätte ich der Dame gezeigt, dass ich nicht nur gesunde Zähne mit schwindendem Knochen habe, sondern dass ich auf diesen gesunden Zähnen mit schwindendem Knochen ganz schön viele Haare wachsen lassen kann, wenn es die Situation erfordert. Ich habe es dann bleiben lassen, denn zu Hause wartete der wahre Alltag einer Grossfamilie mit Home Office und dieser Alltag reagiert äusserst sensibel auf sinnlos verquatschte Zeit.  

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Gründungssitzung der „IG für eine familienfreundliche Schweiz“

Remo Largo, der Mann, den viele von uns Eltern wie einen Halbgott verehren, hat etwas gesagt, was ich in letzter Zeit auch immer wieder gedacht habe: Frauen sollten aktiv für eine familienfreundlichere Schweiz kämpfen, insbesondere jetzt, wo sie auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt seien. Genau dies habe ich mir in letzter Zeit auch immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Na ja, fast genau dies, denn in meinem Gedankenspiel wären es nicht nur die Mütter, die sich für eine familienfreundlichere Schweiz stark machen sollten, sondern auch die Väter, denn die hängen da auch mit drin. „Was wir wohl alles bewegen könnten, wenn wir…“, dachte ich einen kurzen Moment lang, doch diesen Gedanken wischte ich sofort wieder beiseite, denn in meiner Fantasie stieg die Vorstellung auf, wie die erste Sitzung dieser neuen Elternbewegung ablaufen könnte:

Sitzungsleiterin (SL): „Herzlich willkommen zur ersten Sitzung unserer ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ Wir sind zusammengekommen, weil es die Politik bis anhin nicht geschafft hat, die Lebensumstände von uns Familien nachhaltig zu verbessern. Nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Ein junger Vater, Typ „Neuer Mann“ unterbricht die SL: „Ich will doch hoffen, dass wir dabei auch gleich den Vaterschaftsurlaub thematisieren. Einfach lächerlich, was die Schweiz in diesem Bereich zu bieten hat. (Er kramt in seinen Unterlagen.) Ich habe da einen interessanten Bericht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vatersch…“

SL, unterbricht ihn: „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen das Wort abschneide, aber soweit sind wir noch nicht. Natürlich muss das Thema Vaterschaftsurlaub ganz weit oben auf unserer Liste stehen, wenn Sie mich aber vielleicht erst einmal meine Begrüssungsworte zu Ende reden lassen. Also, wo war ich? Ja, genau…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Eine gestandene Mutter um die Vierzig fällt ihr ins Wort: „Möchten Sie damit sagen, dass Familienfreundlichkeit für Sie vor allem bedeutet, die Frauen so rasch als möglich wieder zurück ins Berufsleben zu schleusen? Ich möchte betonen, dass ich hier nur mitmache, wenn die Anliegen der Mütter, die freiwillig zu Hause bleiben, ebenso ernst genommen werden wie die Anliegen der berufstätigen Mütter.“

SL: „Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Ich möchte eigentlich noch gar nichts weiter sagen, als dass das Thema Mutterschaftsurlaub eines der vielen Beispiele ist, das zeigt, wie schwierig es ist, in der Schweiz in Sachen Familienpolitik etwas zu bewegen…“

Junge Mutter mit Baby im Tragetuch, vermutlich leicht esoterisch angehaucht: „Wenn wir jetzt schon auf die Schwierigkeiten starren wie das Kaninchen auf die Kobra, werden wir es nicht weit bringen. Ich möchte uns allen Mut zusprechen. Die Geburt unserer Kinder hat Urkräfte in uns freigesetzt, die uns nun auch die Kraft verleihen, dieses geldgierige Land zu verwandeln in ein Land, in dem Kinderlachen den Lärm der Baumaschinen übertönt und in dem…“

Anzugträger mittleren Alters, Typ „Meine Frau hält mir den Rücken frei, damit ich mich auf die Karriere konzentrieren kann“: „Wir sind doch hier keine Selbsthilfegruppe. Wir wollen eine ernst zu nehmende Interessengemeinschaft bilden, die Hand in Hand mit den bürgerlichen Parteien eine wirtschaftsfreundliche Familienpolitik er…“

Ein entrüstetes Raunen geht durch die Runde, die SL stoppt den Redefluss des Anzugträgers: „Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass diese Interessengemeinschaft nur darum ins Leben gerufen werden musste, weil sowohl Politik als auch Wirtschaft kläglich darin versagt haben, eine kinder- und elternfreundliche Schweiz zu gestalten. Wenn ich jetzt auf meine Eröffnungsworte zurückkommen dürfte… also…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub, den Kampf um bezahlbare Krippenplätze…“

Die gestandene Mutter um die Vierzig räuspert sich: „Wenn das hier darauf hinausläuft, dass Eltern dazu verdonnert werden sollen, ihre Kinder in die Krippe zu geben, bin ich sofort raus hier. Wir Mütter, die auf ein zweites Einkommen verzichten, die unsere berufliche Karriere in den Hintergrund stellen, die Tag und Nacht für unsere Kinder da sind…“

SL, inzwischen leicht gereizt:  „Da interpretieren Sie etwas in meine Worte hinein, was ich nicht gesagt habe…also, wo war ich schon wieder, ach ja, beim Kampf um bezahlbare Krippenplätze… nehmen wir auch das Beispiel der steuerlichen Benachteiligung von verheirateten Eltern…

Eine bis anhin stille Sitzungsteilnehmerin unterbricht die SL forsch: „Und was ist mit uns Alleinerziehenden? Wisst ihr eigentlich, wie hart das Leben ist, wenn man niemanden an seiner Seite hat, bei dem man sich ausheulen kann, wenn die Kinder mal wieder verrückt spielen? Wisst ihr, was es bedeutet, auf Alimente warten zu müssen? Wisst ihr, wie es schmerzt, wenn der Vater sich einen Dreck um seine eigenen Kinder schert? Wisst ihr…

Anzugsträger, entnervt: „Wieder mal die alte Leier der ach so armen alleinerziehenden Mütter. Wenn Sie wüssten, wie viele Väter ich als Anwalt vertrete, denen das Besuchsrecht vorenthalten wird und die jeden roten Rappen ihrer geldgierigen Ex abliefern müssen…“

SL: „Wenn wir jetzt bitte zum Thema zurückkommen könnten…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, ignoriert den Einwand der SL: „Was sind wir denn eigentlich hier? Eine Kampfgemeinschaft für jene, die es nicht hingekriegt haben, ihrem Partner treu zu bleiben und den Kindern ein harmonisches Zuhause zu bieten. Also wenn das so ist, bin ich raus hier…“

Blasser junger Mann, knapp zwanzig, meldet sich zum ersten Mal zu Wort, wird aber von den anderen ignoriert: „Mich würde ja noch interessieren, wie wir hier den schwammigen Begriff ‚Familie‘ überhaupt definieren. Ich als Single mit Goldhamster fühle mich trotz meiner Kinderlosigkeit sehr stark als Familie…“

Alleinerziehende Mutter: „Diese Vorurteile sind ja mal wieder typisch. Möchte wissen, wie viel Ihnen Ihre Ehe noch bedeuten würde, wenn der Kerl, der Sie dreimal geschwängert hat, drei Wochen nach der Geburt seines dritten Kindes etwas mit dem Babysitter anfängt…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, gehässig: „Wenn man sich keine Zeit nimmt für sie, kommen Männer eben auf solche Gedanken. Vielleicht wenn Sie ihm mehr Bewunderung und Wertschätzung entgegengebracht hätten…“

Anzugträger: „Und vor allem, wenn Sie sich nicht so hätten gehen lassen. Gewisse Frauen sind doch einfach selber Schuld, dass sie sitzen gelassen werden…“

Mutter mit Tragetuch-Baby: „Hören wir doch auf, einander mit Vorwürfen einzudecken. Wir alle sind Mütter und Väter, wir alle haben diese unendliche Kraft in uns, die Schweiz zu verändern. Ich schlage vor, wir fassen uns jetzt alle bei den Händen und…“

SL, aufgebracht: „Nichts da, wir fassen uns nicht bei den Händen, wir tun überhaupt gar nichts mehr, die Sitzung ist aufgehoben. In meinen Eröffnungsworten hätte ich eigentlich darauf hinweisen wollen, dass es noch unglaublich viel zu tun gibt, um die Schweiz zu einem Land zu machen, in dem es allen Familien – egal ob traditionell, alleinerziehend, berufstätig oder was auch immer – besser geht. Doch wie ich sehe, schaffen wir es nicht einmal, diese Tatsache festzuhalten, ohne einander an die Gurgel zu gehen. Somit erkläre ich das Projekt ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ für gescheitert.“

SL verlässt den Raum, ohne dass dies die anderen Sitzungsteilnehmer bemerken. Man munkelt, die anderen hätten weiter gestritten, bis der Wirt – ein vierfacher Vater, der das Sitzungszimmer für den ehrenwerten Zweck gratis zur Verfügung gestellt hatte – die Polizei aufgeboten habe, um den Saal räumen zu lassen. 

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Frau Rickli mal wieder…

Nationalrätin Natalie Rickli hat eine neue Heldin: Die Aarauerin, die von einem Eritreer verprügelt worden ist und ihr übel zugerichtetes Gesicht im „Blick“ zeigt. Mutig sei das Opfer, schreibt die aufrechte Frau Rickli auf ihrer Facebook-Seite, denn das Bild mache sichtbar, was in der Asylpolitik schief läuft. 

Jeder, egal ob links oder rechts, wird mit mir einig gehen: Ja, das Opfer ist zu bedauern und es ist schrecklich, dass ihr dies passiert ist. Ja, es ist eine absolute Sauerei, dass eine Frau so zugerichtet wird. Ja, es kann nicht sein, dass eine Frau, die nachts unterwegs ist, sich vor Attacken fürchten muss. Ja, der Täter gehört bestraft. Und ja, Gewalt ist in jedem Fall zu verurteilen, egal, von wem und gegen wen sie ausgeübt wird. 

Wenn aber Frau Rickli behauptet, es brauche Mut, dazu zu stehen, dass man von einem Asylbewerber zusammengeschlagen worden ist, dann ist dies schlicht und ergreifend nicht wahr. So schwierig es für das Gewaltopfer auch sein mag, über das Erlebte zu reden, offen zu sagen, dass der Täter ein Asylbewerber war, kostet ganz bestimmt keinen Mut. Warum nicht? Darum:

  • Rechts der Mitte wartet man nur darauf, wieder mal einen „Beweis“ zu haben dafür, dass alle Asylsuchenden gefälligst aus der Schweiz verschwinden sollen. Endlich wieder mal ein Beispiel, mit dem sich Stimmung machen lässt in politischen Diskussionen. 
  • Links der Mitte wird niemand so verblendet sein, diese Geschichte schönzureden. Okay, einige von uns werden darauf hinweisen, dass unsere Freunde aus Eritrea diese Tat ebenso verurteilen wie wir, aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen. 
  • Dieses Opfer wird sich nicht anhören müssen, was andere Gewaltopfer oft zu hören bekommen: „Die hat die Geschichte sicher nur erfunden. Seit 25 Jahren sitze ich nun schon mit A. am Stammtisch, der würde nie so etwas tun, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“ Wie vielen Gewaltopfern glaubt man ihre Geschichte nicht, weil der Täter bestens in die Gesellschaft integriert und eine angesehene Person ist?
  • Die Konservativen, die einer Frau in einem solchen Fall gerne mal unterstellen, sie hätte den Angriff wohl durch ihr Verhalten provoziert, werden für einmal schön still bleiben. (Ich wünschte, sie wären in allen anderen Fällen von Gewalt gegen Frauen auch schön still, aber ich wünsche wohl vergeblich.)

Dass die aufrechte Frau Rickli das Schicksal des Opfers dazu verwendet, um die politische Stimmung aufzuheizen, finde ich ähnlich verwerflich wie die Tatsache, dass eine Frau in Aarau auf offener Strasse verprügelt wird. 

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Nicht was, sondern wer

Er ist Bundesrat einer bürgerlichen Partei, nahezu unfähig, vor einer Kamera einen halbwegs verständlichen Satz zu sagen, eine graue, unscheinbare Persönlichkeit, politisch meist auf der Seite jener, die viel haben und gerne noch etwas mehr möchten, vor seiner Tätigkeit in der Regierung als Unternehmer tätig. Zum zweiten Mal schon soll durchleuchtet werden, ob damals, als er in der Firma noch am Ruder war, in Sachen Steuern alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Er findet das unfair, behauptet – für einmal in ganz klaren Worten -, ohne „Steueroptimierung“ gehe es gar nicht. Die Kommentare dazu in der Online-Ausgabe der Tageszeitung? Na ja, viel ist da nicht zu finden. Ein bisschen lauwarme Empörung im Sinne von „ist doch kein Vorbild“ und „das Volk muss auch Steuern zahlen, also soll er auch“. Mehr nicht. 

Sie ist Regierungsrätin der Grünen, versteht es meisterhaft, vor der Kamera ihren Charme spielen zu lassen, was durchaus entnervend sein kann, politisch meist auf der Seite der Mühseligen und Beladenen, die dem „braven Bürger“ ein Dorn im Auge sind, bunt gescheckter Lebenslauf mit Journalismus, Kindergarten, Bio-Hof und so. Heute wurde bekannt, dass sie ihre Fernseh- und Radiogebühren nicht bezahlt hat, bewusst und durchaus trotzig, obschon sie nicht ganz frei von Empfangsgeräten ist. Die Kommentare zu dieser Angelegenheit? Hmmm, wo soll man da bloss anfangen? Von „typisch Grüne“ über „die weiss sich ja immer perfekt in Szene zu setzen“ und „kümmert sich eben lieber um Asylanten“ bis hin zu „nächstes Mal nicht mehr wählen“ ist alles zu finden. Der Ton giftig, einige Kommentare hart an der Grenze zur Beleidigung, die Empörung nahezu grenzenlos. Wie um alles in der Welt kann die Frau es wagen, ein paar hundert Franken einfach nicht zu bezahlen?

Und einmal mehr zeigt sich, dass es nicht so sehr drauf ankommt, was man tut, sondern wer es tut. 

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Gelesen und gedacht

Gestern auf Facebook gelesen:

In Einem Jahr Gehe ich zu Supertalent !! ♡

Eltern haben mir Erlaubnis gegeben 

Dabei gedacht:

Ich wünschte mir, die Eltern hätten diesem Kind zuerst mal die Erlaubnis erteilt, sich mit den Grundregeln der Rechtschreibung vertraut zu machen.

Gestern im Lokalteil der Tageszeitung gelesen:

Der unzähligste Artikel über die SVP Wohlen, die sich dafür stark macht, dass in der Abdankungshalle ein Kreuz steht.

Dabei gedacht:

Wann verstehen die endlich, dass im Christentum nicht die Zahl der Symbole zählt, sondern das Leben eines in Sachen Nächstenliebe ziemlich radikalen Lebenswegs? Viele Christen werden dennoch laut applaudieren und sagen: „Die SVP sorgt eben noch dafür, dass christliche Werte in unserer Gesellschaft hoch geachtet werden.“

Gestern und heute in diversen Print- und Onlinemedien gelesen:

Das unsägliche Steueroptimierungsgeschwätz von Bundesrat Johann Schneider-Ammann.

Dabei gedacht:

Jetzt weiss ich endlich, was ich falsch gemacht habe. Ich hätte keine Familie gründen sollen, sondern ein Unternehmen. Dann müsste ich mir nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, warum uns gleich viel abgeknöpft wird wie anderen, die am Ende des Monats deutlich mehr auf dem Konto haben als wir.

Und dann weitergedacht:

Manchmal habe ich es so satt, in einem Land zu leben, in dem Geld alles, Gemeinsinn jedoch fast nichts bedeutet. Ob man uns in Utopia Asyl gewähren würde? Atlantis ginge zur Not auch, aber dann müsste ich erst einmal tauchen lernen.

Heute gelesen in der Tageszeitung:

Ein Interview mit einer Unternehmensberaterin, die Bundesrätin Doris Leuthard als leuchtendes Beispiel für eine gelungene Karriere einer Frau, die weiblich geblieben ist, darstellt.

Dabei gedacht:

Wo Doris Leuthard heute wohl stünde, wenn sich ihr Kinderwunsch erfüllt hätte? Karrieremässig vermutlich nicht dort, wo sie heute steht, sowas lässt das hiesige System kaum zu. Persönlich aber bestimmt sehr bereichert. (Die weniger bereichernden Aspekte des Elterndaseins: Siehe oben.)

Auch noch in der Tageszeitung gelesen:

„Nicht zum ersten Mal nimmt der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg-Käser (FDP) das Wort Neger in den Mund. ‚Europa ist das Paradies, die Schweiz das Schlaraffenland. Das wissen nicht nur wir, sondern auch die Negerbubli’…“

Dabei gedacht:

Nichts. So etwas Geschmackloses verschlägt mir nicht bloss die Sprache, sondern auch das Denken.

Und gestern Abend noch gesehen:

Nach gefühlten 150 Jahren wieder mal „When Harry met Sally“.

Dabei gedacht:

Himmel, hab‘ ich Meg Ryans Zottelmähne, ihren dämlichen Hut und die unsägliche Hose wirklich mal für das Mass aller modischen Dinge gehalten?

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Und führe mich nicht in Versuchung…

Der Nachmittag in Astrid Lindgrens Värld ist mir in bester Erinnerung geblieben und dies nicht nur, weil die Welt von Michel, Pippi und Nils Karlsson Däumling einfach toll ist. Es war auch diese eine Begebenheit, die mich an jenem warmen – für schwedische Verhältnisse heissen – Tag beeindruck hat: Direkt neben einem der grössten Restaurants im Park gab es einen Badeteich, der an diesem Tag natürlich sämtliche Kinder magisch anzog. Das Problem war nur, dass kaum jemand daran gedacht hatte, Badehosen für die Kinder einzupacken. Wirklich ein Problem? Doch nicht in Schweden. Ohne zu zögern entledigten sich die schwedischen Kinder ihrer Kleider und sprangen ins kühle Wasser. Einige behielten zwar die Unterhosen an, die meisten aber waren splitternackt. Die einzigen, die sich über diese Unbekümmertheit erstaunt zeigten, waren wir. Nicht, weil uns die nackten Kinder gestört hätten, sondern weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass Kinder in der Schweiz so frei sein dürften.

Wie ich heute bei „10 vor 10“ erfahren habe, soll hierzulande gar verboten werden, was in Schweden keinen stört. Die Kinder könnten einem Pädophilen vor die Kamera geraten, also seien sie zu schützen, indem sie beim Baden stets bekleidet seien, fordern einige Politiker. Diese Forderung ärgert mich, obschon ich Kinderpornographie und Pädophilie zutiefst verabscheue. Da sollen kleine, unschuldige Kinder nicht mehr nackt baden dürfen, weil sonst einige kranke Erwachsene auf verwerfliche Gedanken kommen könnten.

Irgendwie erinnert mich das an den alleinstehenden Mann mittleren Alters, der mich einst nach einem Gottesdienst bat, nächstes Mal doch bitte ein anderes Kleid zu tragen, weil er meinetwegen schmutzige Gedanken gehabt habe. Und wenn ich kein anderes Kleid anziehen wolle, solle ich gefälligst heiraten, damit er durch mich nicht zur Sünde verleitet würde. (Äh, nein, das ist nicht achtzig Jahre her, sondern knapp zwanzig.)

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Ein paar kleine Absurditäten

Da hat vor ein paar Tagen ein – gelangweilter? – Journalist ein altes Bild von Angelina Jolie hervorgekramt und festgestellt, dass die „schon als 15-Jährige“ „unverkennbar grosse blaue Augen“ hatte. Unglaublich! Die Augen der gewöhnlichen Menschenjungen öffnen sich ja erst so etwa um den 18. Geburtstag herum und natürlich bleibt auch die blaue Farbe nur bei den Allerwenigsten erhalten. Wenn Angelina Jolie also bereits im zarten Teenager-Alter grosse, blaue Augen hatte und diese sogar behalten hat, grenzt dies an ein Wunder und ich frage mich, weshalb es diese Nachricht nicht auf die Frontseite geschafft hat.

Vorletzte Woche brachte der Zoowärter einen Elternbrief nach Hause. Am nächsten Tag gehe es auf die Schulreise, wir sollten dafür sorgen, dass das Kind gutes Schuhwerk trage. Warum, so fragte ich mich, informieren die so weit im Voraus. Es würde doch auch reichen, am Morgen fünfzehn Minuten vor Abmarsch ein Rundtelefon zu starten. Da Kinderfüsse kaum wachsen, hat bestimmt jede Familie ein gut eingelaufenes Paar Wanderschuhe, in die das Kind schlüpfen kann. Und der mit Leckereien vollgestopfte Rucksack steht selbstverständlich auch jederzeit bereit.

Neulich ging ich mit Karlsson an einem Lokal vorbei, dessen Besitzer mit grossen Plakaten auf eine Neuerung hinwies: „Neu! Fumoir für Raucher!“ Wie gut, dass die Raucher nicht länger im Fumoir der Nichtraucher sitzen müssen, denn dort stinkt es bestimmt ganz gewaltig nach Nichtrauch.

Vor einiger Zeit verspürte ich das grosse Bedürfnis, ein wenig zu jammern und da ich zufälligerweise gerade jemandem in die Arme lief, legte ich los mit meinem Geklöne. Nachdem ich mein Problem geschildert hatte, meinte meine Gesprächspartnerin: „Oh je, das war bei mir auch mal so. Glaub mir, es hat Jahre gedauert, bis ich das hinter mir lassen konnte. J-A-H-R-E! Das war die mühsamste Zeit meines Lebens.“ Hach, wie hat mir dieses Gespräch doch gutgetan. So frisch entmutigt liess es sich gleich wieder viel beschwingter leben.

Da lässt sich doch heute ein Politiker in der Tageszeitung mit dem Satz zitieren, die Familien in der Schweiz würden schon mehr als genug Vergünstigungen erhalten, da müsse man nicht auch noch die Kinderzulage von der Bundessteuer befreien. Seitdem ich diesen Satz gelesen habe, suche ich mein Familienleben verzweifelt nach den vielen Vergünstigungen ab, von denen der geschätzte Herr Politiker faselt, doch bisher habe ich noch keine einzige gefunden. Na ja, vielleicht kann ich die Chips für Prinzchens Kindergartenreise, die ich in der Migros zum halben Preis erstanden habe, als Vergünstigung ansehen, damit ich mich nicht so schrecklich unvergünstigt fühlen muss.

Kaum zu glauben, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat nimmt es mir tatsächlich übel, dass er erst dann ein Eis bekommt, wenn es wieder gefroren und nicht mehr von der Autofahrt aufgeweicht ist. Dabei kann er doch während der Wartezeit so schön seine Hausaufgaben erledigen…

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Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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