Alles nur faule Säcke?

Bundesrat Schneider-Ammann fordert härtere Massstäbe für die Matur und wie immer, wenn das Thema zur Sprache kommt, sind in der „NZZ am Sonntag“ solche Dinge zu lesen:

„Schluss mit Durchwursteln“

„Einsatz ist auch dort nötig, wo es unter Umständen weniger Spass macht und härter ist.“

„Eine entsprechend reife Einstellung darf von jungen Menschen erwartet werden, die das Reifezeugnis anstreben.“

Ja, eine reife Einstellung sollte man tatsächlich erwarten dürfen, aber die Behauptung, es liege immer nur an mangelndem Fleiss und Einsatzwillen, wenn jemand in einem Fach schlecht abschneidet, wird nicht wahrer, wenn man sie andauernd wiederholt. 

Noch nie etwas von Teilleistungsstörungen gehört? Von Menschen zum Beispiel, die zwar vom Intellekt her alles mitbringen, was man zum Erlangen einer Matura braucht, die aber im Bereich der Wahrnehmung beeinträchtigt sind und darum in ihrer Schullaufbahn Hürden überwinden müssen, die sich anderen Menschen nie in den Weg stellen?

„Nun reg dich nicht gleich so auf. Solche Schüler bekommen doch jede nur erdenkliche Hilfe. Die kriegen das schon irgendwie auf die Reihe“, mag nun der eine oder andere einwenden, aber genau dies bezweifle ich. 

Für Kinder, die zwar intelligent sind, die aber aufgrund einer Beeinträchtigung grosse Mühe haben, die Dinge so zu lernen, wie sie an unseren Schulen gemeinhin unterrichtet werden, ist es hierzulande ziemlich schwierig, Hilfe zu bekommen. Das weiss ich nicht nur vom vielen Hörensagen, sondern auch aus eigener Erfahrung mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wer nicht genau so „funktioniert“, wie unser Schulsystem dies vorsieht, läuft schnell einmal Gefahr, auf dem Abstellgleis zu landen, unabhängig davon, wie intelligent er oder sie ist.

Man darf von mir aus gerne darüber nachdenken, wie man faule Schüler davon abhält, sich durchs Gymnasium zu wursteln, aber dann sollte man sich zugleich die Frage stellen, wie Menschen, die eben nicht faul, sondern in einem bestimmten Bereich beeinträchtigt sind, nicht daran gehindert werden, zu lernen, wozu sie eigentlich in der Lage wären.

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Politisiert

Zufrieden? Na ja, ein weiteres Loch im Gotthard hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und ich gehöre auch zu der Minderheit, die findet, mit Essen dürfe man nicht spielen, aber davon abgesehen erlebe ich heute den ersten glücklichen Abstimmungssonntag seit Jahren. Nicht nur wegen dem, was man jetzt in sämtlichen Medien im In- und Ausland lesen kann – weshalb ich es an dieser Stelle nicht zu wiederholen brauche -, sondern auch, weil „Meiner“ und ich jetzt nicht mehr die einzigen sind, die am Familientisch über Politik diskutieren. Gut, Politik war schon immer ein Thema bei uns, und die ältesten unserer Kinder erinnern sich noch lebhaft an meinen Luftsprung, als der Milliardär aus Herrliberg aus dem Bundesrat abgewählt wurde, doch bis jetzt verliefen die politischen Gespräche eher so:

Kinder: „Ist das ein Guter oder ein Böser?“

„Meiner“: „Ein Böser.“

Kinder: „Warum?“

Ich: „Weil der bei der letzen Abstimmung…“

Inzwischen aber ist Karlsson gross genug, um sich seine eigenen Gedanken zu machen, kluge Beobachtungen anzustellen und herausfordernde Fragen zu stellen. Luise kann zwar noch immer nicht ganz nachvollziehen, warum wir dem Thema so viel Beachtung schenken, aber auch sie fängt an zu begreifen, dass das alles auch etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten könnte man glauben, er verstehe von der Sache noch überhaupt nichts, fangen seine Augen doch jedes Mal, wenn im politischen Zusammenhang das Wort „Kampf“ fällt, gefährlich an zu leuchten, doch kurz darauf stellt er wieder Verständnisfragen, die es in sich haben. Man darf also gespannt sein, wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt.

Ich hoffe einfach, „Meinem“ und mir ist es gelungen, eine gute Basis zu legen, damit sie in ein paar Jahren, wenn sie abstimmen und wählen dürfen, auch das Gleiche auf ihre Zettel schreiben wie wir. 

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Szene im Bus

Heute Abend im Bus: Hinter mir fängt plötzlich einer an, lautstark über „Ausländer“ zu zetern. Erst meine ich, es sei ein Betrunkener, aber es ist einer, der intelligenzmässig zu eingeschränkt ist, um zu begreifen, dass er sich nicht unter Seinesgleichen befindet, sondern in einem öffentlichen Verkehrsmittel, in dem jeder, der ein Billett im Sack hat, mitfahren darf. Auch der junge, dunkelhäutige Mann, der die Frechheit besitzt, sich unserem aufrechten Eidgenossen gegenüber zu setzen. Ja, und dann geht das Gezeter eben los. Die altbekannte Leier halt, die wir seit Wochen von Christoph, Roger, Toni & Co. zu hören bekommen. Der Kerl ist zwar nicht allzu klar im Kopf, die Floskeln aber beherrscht er fehlerfrei auswendig. 

Blöd ist einfach, dass der Dunkelhäutige sehr wohl in der Lage ist, zu parieren, geschliffen und angesichts der Tatsache, dass er nun schon seit einiger Zeit übel beschimpft und gar mit einem Fusstritt bedacht worden ist, auch ausgesprochen höflich. Und das alles in akzentfreiem Schweizerdeutsch. Zum Glück haben die Vorbeter aus der Parteizentrale auch für diesen Fall einen Merksatz parat: „Schweizer kann man werden, Eidgenosse nicht“, krakeelt der Widerling, von dem man so sehr wünschte, er wäre nur sturzbesoffen und würde sich am nächsten Morgen für sein Fehlverhalten schämen. Aber er wird sich nicht schämen, denn er weiss die Mehrheit des Volkes hinter sich. Das wiederholt er so oft, bis mir schliesslich der Kragen platzt. „Fast dreissig Prozent von knapp fünfzig Prozent sind nicht die Mehrheit“, raunze ich nach hinten und jetzt zeigt der Dunkelhäutige noch mehr Grösse: „Lassen Sie ihn doch reden“, sagt er beschwichtigend zu mir, „der kann doch nichts dafür.“ Steht auf, wünscht seinem Widersacher noch einen netten Abend und steigt aus dem Bus.

Kleine Anmerkung zum besseren Verständnis: Ich habe die Szene verkürzt wiedergegeben. Der Kerl hat noch eine ganze Menge fremdenfeindlicher Parolen von sich gegeben, eine, die ihn von früher kennt, hat ihm mehrmals gesagt, er solle endlich die Klappe halten, ich habe auch noch zwei- oder dreimal meinen Senf dazu gegeben, der Rest der Passagiere hat geschwiegen oder die Augen verdreht. Nicht aus Feigheit, sondern weil die meisten von ihnen aufgrund ihrer Hautfarbe die nächsten Opfer einer üblen Schimpftirade geworden wären. 

deux; prettyvenditti.jetzt

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Tut mir leid, wenn ich euch zu nahe trete

An die 51, 59 %, die gestern nicht gewählt haben: Ich bin sauer, das sage ich ganz offen. Ja, es ist nicht nett, so etwas zu sagen, aber ich finde es auch nicht nett, dass ihr nicht – oder nur passiv –  mitentschieden habt, wie in den kommenden vier Jahren in der Schweiz politisiert wird. Ihr hattet eure Gründe, des bin ich mir sicher, und einige dieser Gründe würde ich wohl auch nachvollziehen können, würdet ihr sie mir erläutern, doch das ändert nichts an meinem allgemeinen Ärger über euer Fernbleiben von der Urne. Warum wählt ihr denn nicht, wenn ihr schon wählen dürft? Okay, ich weiss, Politiker können ganz schön nerven und man weiss ja auch nie, ob die Frauen und Männer, die man nach Bern geschickt hat, unser Vertrauen wirklich verdienen, aber man könnte es immerhin mal versuchen. 

Jetzt aber haben wir das gleiche Elend wie seit Jahren schon. Mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten hat nicht mitentschieden und doch werden die Sieger gebetsmühlenhaft wiederholen, ein Drittel der Bevölkerung stünde hinter ihnen. Ich kann das Gelaber nicht mehr hören und ihr habt dazu beigetragen, dass wir es uns weitere vier Jahre anhören müssen. Das – aus meiner Sicht katastrophale – Wahlergebnis von gestern wäre für mich weitaus leichter zu verdauen, wenn die Stimmbeteiligung 70 oder 80 Prozent betragen hätte. Dann müsste ich zähneknirschend akzeptieren, dass die Mehrheit der erwachsenen Schweizer das halt so will. Weil aber mehr als die Hälfte geschwiegen hat, wird mich nun vier Jahre lang die Frage quälen, ob auch ein anderer Wahlausgang möglich gewesen wäre, wenn nur mehr Menschen ihren Zettel ausgefüllt hätten. (Als besonders quälend werde ich diese Frage übrigens an dem Tag empfinden, an dem die Energiewende zu Grabe getragen wird.) 

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An die Menschen, die ähnlich denken wie ich…

Genau wie ich regt ihr euch auf über dieses unerträgliche Geschwätz von Toni, Christoph, Christoph, Roger und Konsorten. Ihr könnt es kaum ertragen, wenn sie so tun, als würden sie die Interessen von uns allen vertreten. Ihr schämt euch, wenn ihr im Ausland in den gleichen Topf geworfen werdet wie sie. Ihr wollt eine andere Schweiz als sie und darum setzt ihr fröhlich euer „Gefällt mir“, wenn irgendwo in den sozialen Medien ein kritischer Beitrag über sie veröffentlicht wird. Leisten sie sich Geschmacklosigkeiten, schreit ihr entrüstet auf. Satire, die sich gegen sie richtet, findet ihr zum Brüllen komisch.

Wenn ich mich so umsehe und umhöre, habe ich den Eindruck, es gebe viele von euch, ich sei bei Weitem nicht die einzige, die sich ärgert. Und doch stehen sie an so vielen Wahl- und Abstimmungstagen als grinsende Sieger da. Wieder haben sie die Mehrheit hinter sich. Nicht die Mehrheit der Bevölkerung, wie sie gerne behaupten, sondern die Mehrheit jener, die sich dazu bequemt haben, den Zettel auszufüllen und einzuwerfen. Okay, ich weiss, die anderen, die in Bern mitmischen, sind alles andere als perfekt und auch ich kenne keine Partei, die voll und ganz das vertritt, was ich für richtig halte. Aber man kann doch nicht vier Jahre lang lästern, bei jeder verlorenen Abstimmung bestürzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sich für Volksentscheide schämen und dann den Wahlzettel ins Altpapier schmeissen.

Darum meine Bitte an euch, die ihr euch zwischen den Wahlen über Toni & Co. grün und blau ärgert: Füllt diesen elenden Wahlzettel aus – von mir aus auch mit Namen aus dem bürgerlichen Lager – und werft ihn ein. Nur mit Katzenjammer und Spott ist es nämlich nicht getan. 

peperoni freddi; prettyvenditti.jetzt

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Weshalb ich bis heute geschwiegen habe

Die Welt versinkt im Chaos, an Europas Grenzen spielen sich Dramen ab und Mama Venditti weiss nichts Besseres, als ein wenig aus ihrer winzig kleinen heilen Welt zu plaudern. So dachte ich immer mal wieder in letzter Zeit und so dachte vielleicht auch der eine oder andere Leser. Dennoch brachte ich es nicht fertig, mich zum Thema zu äussern. Warum nicht?

Nun, zum einen, weil es mir ob des Grauens schlicht und ergreifend die Sprache verschlägt. Sehe ich Bilder wie dasjenige des kleinen Aylan, dann formen sich in meinem Kopf für einmal keine Sätze, dann fliessen nur die Tränen. „Mein Gott, wie erträgst du eine Welt, in der kleine Kinder auf diese Art zu Tode kommen?“, sind die einzigen Worte, zu denen ich dann noch fähig bin. Ja, und dann vielleicht noch zu der Frage: „Was kann ich denn schon tun?“ Ohnmacht, Trauer, Wut, Scham und auch ein wenig Angst, wie das weitergehen soll mit diesem Planeten – diese Gefühle lähmen mich.

Ich habe aber auch geschwiegen, weil ich keine Plattform bieten wollte für jene, die es gar beim Anblick von toten Kindern noch immer nicht lassen können, ihr Gift zu verspritzen. Wo auch immer etwas zum Thema geschrieben wird, sind sie als erste da, um ihre Mäuler aufzureissen und ich kann sie nicht länger ertragen. Inzwischen aber weiss ich, was ich tun werde, falls sie auch hier herumbrüllen wollen: Ich werde Zensur walten lassen. Ja, ich weiss, das widerspricht ganz und gar meiner üblichen Haltung, aber die Widerlinge haben genügend andere Orte, wo sie ihre hasserfüllten Worte unters Volk bringen können.

Oaky, ich wollte nicht nur wüste Kommentare verhindern, ich hatte auch keine Lust, über die Sache zu diskutieren und das war vielleicht feige. Diskutieren will ich aber auch jetzt noch nicht, denn ich sehe die Sache so: Steht es mir etwa zu, zu urteilen, ob jene, die kommen, auch wirklich ein Anrecht hatten, sich aufzumachen, um einen neuen Anfang zu suchen? Ich mag nicht urteilen, mag nicht debattieren über Beweggründe, die ich nie kennen werde, sofern ich nicht mit diesen Menschen bei einer Tasse Tee darüber geredet habe, was sie dazu bewogen hat, alles hinter sich zu lassen. Mir ist klar, dass diese Angelegenheit sehr viele unterschiedliche Aspekte hat und je nachdem, von welchem Standpunkt aus man sie beleuchtet, kann man die Dinge so oder so sehen. Aber ich finde es schlicht anmassend, zu behaupten, ich hätte anders gehandelt als sie, wo ich doch keinen Schimmer habe, welche Entscheidungen ich für richtig ansähe, wäre ich dazu verdammt gewesen, ein Leben zu leben, wie sie es müssen. Diskutieren finde ich also müssig, es sei denn, man suchte ernsthaft nach Lösungen, immer im Bewusstsein, dass wir es hier mit ganz vielen einzelnen Menschen und ihren Geschichten zu tun haben und nicht mit irgendwelchen diffusen Massen.

Ja, und dann treibt mich natürlich auch die Frage um, wie wir unsere eigenen Kinder lehren, zu teilen und nicht zu verurteilen.  

Dies ist es, was ich momentan zu den Tragödien zu sagen habe, die sich in diesen Tagen abspielen. Und jetzt überlege ich mir, ob ich nicht nur gross daherschwätzen kann, sondern ob ich nicht doch wenigstens einen winzig kleinen Beitrag leisten kann, um dieses elende Dreckloch namens Welt ein ganz klein wenig besser zu machen.

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Der Herrgott und das Feuerwerk

Da gibt also heute in meiner Tageszeitung ein Leser oder eine Leserin den folgenden Gedanken weiter: Wir Schweizer sollten doch einfach mal dankbarer sein. Gerade noch rechtzeitig sei der Regen gekommen, so dass wir morgen unseren schönen Nationalfeiertag wie gewohnt feiern dürften. Der oder die Schreibende geht nicht näher darauf ein, wem wir dankbar sein sollen, aber ich nehme mal an, es war der Herrgott gemeint.

Eine unbedachte Äusserung von einem Menschen, der nicht besonders weit denkt, ich weiss. Und doch eine hierzulande weit verbreitete Sicht der Dinge: Umweltkatastrophen? Flüchtlingstragödien? Europäische Identitätskrise? Religiös verbrämter Terror? Aufkeimender Fremdenhass, hier und anderswo? Seuchen? Diktaturen? Krieg? – Was geht uns das alles an? Ist ja nicht unsere Welt, die da draussen. Und überhaupt: Wenn der Herrgott noch Zeit hat, seinen lieben Schweizern rechtzeitig Regen fürs Feuerwerk zu schicken, kann es so schlimm ja nicht sein.

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Am Wasser

Da liegt es also vor uns, tiefblau und friedlich. Eine kleine, saubere Bucht, Muscheln, kreischende Möwen und nette kleine Wellen. Sandburgen bauen, Muscheln sammeln, planschen, bis man so nass ist, dass man auch ein Bad im noch zu kühlen Wasser wagen kann. Familienfrieden pur, zumindest so lange, bis einer etwas mehr Wasser abbekommen hat, als ihm lieb gewesen wäre. 

Kann das wirklich das gleiche Wasser sein? Das Wasser, von dem sie wieder andauernd reden, in den Nachrichten, in Diskussionsrunden, in Parlamenten? Das Wasser, das den einen Vergnügen bereitet, den anderen den Tod? Dort ihr Elend, hier unser Glück.

Ein Urteil ist so leicht gesprochen, wenn man am sicheren Ufer sitzt. 

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Prinzchen goes pacifist

„Byte keynen Krieg“ – so lautet Prinzchens Antikriegsbotschaft, wenn man merkt, dass man von links unten nach links oben lesen muss und die zwei letzten Buchstaben zu interpretieren weiss. Ich würde sagen, unser Jüngster ist auf gutem Wege, die hoffentlich eines Tages wieder erwachende Friedensbewegung kreativ zu bereichern. Und nein, ich habe ihm das nicht diktiert, er hat bloss meine alten „Geo Epoche“ in die Finger gekriegt und der Fall war für ihn klar: Nie wieder Krieg!

Womit mich die Schule auf die Palme treibt

Schönfärberei I

Ein Elternabend mit netten Power-Point-Präsentationen, die beweisen sollen, wie sorgfältig die Zuweisung in die verschiedenen Oberstufentypen doch durchgeführt wird und ich kann nur den Kopf schütteln, weil ich jeden Tag mit eigenen Augen sehe, wie wenig die Tabellen und bunten Feldchen mit der harten Realität zu tun haben. So schlimm sind meine Zweifel am hiesigen Schulsytem inzwischen, dass ich mich manchmal beim Gedanken ertappe, unsere Sachen zu packen und zurück in den Aargau zu ziehen. (Tut mir leid, liebe Leser von anderswo, aber die Tragweite dieser Aussage ist leider nur für Schweizer verständlich.)

Finken – Nein, nicht die fliegenden, die für die Füsse

Finken sind doof. Fand ich schon immer und darum trage ich keine. Als grundsätzlich zur Kooperation bereiter Mensch sehe ich aber ein, dass ich meinen Kindern Finken kaufen muss, weil die Schule dies so wünscht. Also stürme ich einmal im Jahr – im August, auf den letzten Drücker – ins Schuhgeschäft, um mit meiner Horde Finken zu kaufen. Damit habe ich meine Pflicht getan und ich will die Finken erst wieder zu Gesicht bekommen, wenn sie zerfetzt und unbrauchbar sind und deshalb ersetzt werden müssen. Von mir aus dürfte die Schule sie auch gleich entsorgen, aber da meine Kinder zuweilen mitten im Schuljahr auf die abstruse Idee kommen, sie bräuchten neue Finken, bin ich ganz froh, wenn man mir Beweismaterial nach Hause bringt, mit dem die Notwendigkeit eines Kauf zweifelsfrei belegt werden kann. 

Lange Jahre ging das gut, aber in letzter Zeit hat die Schule sich diese Saumode angewöhnt: Am letzten Tag vor den Ferien schicken sie mir die Kinder mitsamt Finken nach Hause, am ersten Tag nach den Ferien erwarten sie meine Sprösslinge wieder zurück, natürlich mit Finken. Und das fünfmal im Jahr, bei mindestens zwei, manchmal auch bei drei Kindern, je nach Bereitschaft der Lehrperson, das Schuhwerk über die Ferien irgendwo im Schulzimmer vor dem putzwütigen Abwart in Sicherheit zu bringen. Natürlich schaffen es die Kinder nicht, ihre Finken über die Ferien im Schulsack zu lassen, was unweigerlich dazu führt, dass die eine oder andere Lehrerin mir gegen Ende der ersten Schulwoche ein Brieflein zukommen lässt: „Liebe Frau Venditti, würden Sie dem FeuerwehrRitterRömerPiraten bitte dringend ein Paar Finken mitgeben.“ Aber natürlich sind die Dinger von vor den Ferien nicht mehr auffindbar, weshalb ich mich entweder zu einer ausgedehnten Suchaktion oder einem Besuch im Schuhgeschäft genötigt sehe. Eindeutig zu viel Finken-Theater für meinen Geschmack…

Schönfärberei II

Man macht jetzt keine „Beurteilungsgespräche“ mehr, weil das zu negativ klingt. Der Inhalt des inzwischen üblichen „Standortgesprächs“ ist deswegen aber nicht erbaulicher geworden. 

Turnsachen 

Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei den Finken, mit dem Unterschied, dass die Kinder das ganz und gar nicht verschwitzte Turnzeug jedes Mal nach dem Turnunterricht nach Hause bringen und beim nächsten Mal wieder mitnehmen müssen. (Wohlverstanden, wir reden hier nicht von Teenagern, die das Zeug tüchtig verschwitzen, sondern von Siebenjährigen, denen beim Sport wohl nicht mal richtig warm wird. Zu Karlssons Zeiten durfte man den Beutel jeweils noch in der Schule lassen, bis wieder Ferien waren, was bei uns ja alle paar Wochen der Fall ist.)

Lassen Sie mal Ihr Kind abklären…

…aber erwarten Sie bloss keine Unterstützung von unserer Seite. Unsere Kapazitäten sind mit den echten Problemfällen mehr als ausgeschöpft. (Was ich als Ehefrau eines Lehrers voll und ganz verstehe, aber das Problem an unserem Bildungssystem sind ja auch nicht die praktizierenden Lehrer, sondern die gescheiterten Lehrer, die jetzt irgendwo in einem Büro der Bildungsdirektion sitzen und auf sehr sehr geduldigem Papier die Schule von morgen skizzieren.)

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