Weitere Stilfragen

War das wieder ein Sonntagnachmittag! So richtig gemütlich. Ein bisschen Beerenpflücken, ein bisschen im Internet surfen und Geschenke suchen, ein bisschen Zeitung lesen. Dabei bin ich auf einige Kuriositäten gestossen, die ich ihrer Schönheit wegen nicht für mich behalten will.

Da ist zum Beispiel das ganzseitige Cablecom-Inserat in der „NZZ am Sonntag“. Eine gewisse Gina Hagmann aus St. Gallen hält ein angeblich handgeschriebenes Plakat mit der folgenden Aufschrift in der Hand: „Bei cablecom sind die Installationen sogar für mich Bubi einfach.“ Nun, wie ein Bubi sieht die doch ziemlich ältliche Gina Hagmann nicht aus, doch beim heutigen Jugendlichkeitswahn ist es wohl schmeichelhafter, sich selber als Bubi zu outen, als zu seinen Falten zu stehen.

Ein anderer schöner Satz aus der heutigen Sonntagspresse: „Religion in der Schule hat seinen Platz, aber nicht als eine Einweisung in einen bestimmten Glauben, sondern als Unterricht über alle Religionen.“ Ist doch schön, dass der Religion nicht ganz aus die Schulzimmern verbannt werden soll. Es ist ja schon traurig genug, dass der grammatikalische Geschlecht in das NZZ keinen Platz mehr hat.

Ob ich wohl nächsten Donnerstag nach Zürich fahren soll? Dort findet nämlich der „Tag des Zahnes für alle“ statt. So ganz nach dem Motto „Einer für alle, alle für Einen.“ Vielleicht aber ersteigere ich mir lieber die „Schweinebequem-Pluderhose“, auf die ich heute bei Ricardo gestossen bin. Die gefällt mir nämlich wirklich. „Meiner“ ist zwar dagegen. Dabei ist sie doch bloss schweinebequem und nicht schweineteuer. Und ausserdem würde sie meinen Bauch gut verstecken. Damit ich  beim nächsten Einkauf nicht wieder gefragt werde, ob ich schon wieder schwanger sei. Nun ja, meine Bauchdecke ist auch sieben Monate nach der fünften Schwangerschaft noch nicht besonders straff. Aber ich hatte ja auch noch keine Zeit für den Mommy Makeover. Obschon der doch heute genauso zum Muttersein gehört wie morgendliche Übelkeit, durchwachte Nächte und Schwangerschaftsstreifen.

Freizeit

Seit Jahren schwirren diese Geschichten in meinem Kopf herum. Und weil mein Kopf nach Feierabend zu müde ist, um sie aufs Papier, oder zumindest mal in den Computer zu bringen, habe ich am Donnerstagnachmittag frei. Dann nämlich kommt „Meiner“ bereits am Mittag nach Hause und ich kann loslegen. Theoretisch. Wenn nicht gerade ein Versicherungsvertreter unsere Zeit in Anspruch nehmen will. Wenn Luise nicht ausgerechnet am Donnerstag eine spezielle Ballettprobe hat, oder „Meiner“ eine ausserordentliche Sitzung. Wenn ich es schaffe, die Zügel aus der Hand zu geben und wenn sich nicht gerade lieber Besuch anmeldet, den man seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und für den man gerne den freien Nachmittag opfert.

Heute aber hätte es klappen sollen. Gleich, wenn „Meiner“ nach Hause kommen würde, sollte meine freie Zeit beginnen. Nur der Wocheneinkauf war noch zu erledigen. Den hätte zwar auch „Meiner“ machen können. Doch weil es mich dermassen ärgert, wenn danach wieder der ganze Kühlschrank voll ist mit Budget-Produkten, lasse ich „Meinen“ nur unter Aufsicht in die Migros. Aber so ein kleiner Wocheneinkauf ist ja schnell erledigt, wenn die Liste gemacht ist und man keine Kinder mitnehmen muss. Und vor dem Einkauf  muss ich nur noch mit „Meinem“ eine Tasse Kaffee trinken, ein wenig lästern, dass ein paar Deppen Berlusconi für den Friedensnobelpreis vorschlagen wollen, dem Prinzchen einen Brei kochen, die Einkaufsliste noch einmal durchgehen, den Zoowärter ins Bett bringen, aufs WC gehen und sonst noch ein paar Kleinigkeiten erledigen.

Schliesslich ist es halb vier, als ich endlich meinen freien Nachmittag in Angriff nehmen kann. Zum Schreiben ist es jetzt  zu spät, aber ein Waldspaziergang ist immer gut. Und zwar ein zügiger. Damit ich am Abend dem E-Balance Coach, der mir helfen soll, den Babyspeck loszuwerden, beweisen kann, dass ich nicht immer nur faul herumsitze. Der Kerl stänkert nämlich schon seit Tagen, ich solle mich mehr bewegen. Klar, der Coach ist bloss virtuell, aber sein ewiges Gemotze geht mir trotzdem auf den Geist. Gna gna gna!

Nun, irgendwie schaffe ich es, trotz meiner Verspätung in die Gänge zu kommen. Und nachdem ich auch einen Schwatz am Wegrand so kurz wie mög lich gehalten habe, kann ich meine freie Zeit wenigstens dazu nützen, mir den Kopf zu zerbrechen, wann, wenn nicht am Donnerstagnachmittag, meine Geschichten den Weg aufs Papier finden könnten.

Diktat

Es kommt zwar nicht oft vor. Doch da man sich in einer Familie gegenseitig hilft, liegt zuweilen ein Stapel von Diktaten auf dem Tisch, die korrigiert werden sollten. Gestern war es mal wieder soweit. Der Anfang war ziemlich knifflig. Zuerst einmal galt es, die teils grässlichen Klauen zu entziffern. Zu unseren Zeiten achteten die Lehrer doch noch auf Schönschrift, oder nicht? Aber das sagt man besser nicht zu laut, sitzt doch der betroffene Lehrer gleich daneben und korrigiert Matheprüfungen. Und ausserdem sollte man nacher noch im gleichen Bett schlafen.

So macht man sich an die Arbeit. Als Erstes muss der Text rekonstruiert werden, denn der liebe Lehrer – er ist wirklich ein Lieber – hat das Original im Schulzimmer vergessen. Wessen Version ist wohl die Vertrauenswürdigste? Wer kommt dem Original am nächsten? Derjenige, der von "Felsblocken" schreibt, oder der mit den "Felsbrockn"? Vielleicht ja auch die mit den "Steinbrocken"? Nach einigen Durchgängen kristallisiert sich "Felsblock" als richtig heraus. 
Jetzt kann man sich endlich an den herrlichen orthographischen Verirrungen weiden. Dass kaum einer der Fünftklässler in der Lage ist, "Nähe" und "Tiefe" als Nomen zu erkennen, ist zwar einigermassen erschütternd. Wenn aber "Göschenen" zu "Göschönnön" wird, ist das doch wunderschönn, ähm, ich meine wunderschön. Und wenn die "Alte Frau" ein "Kreutz" in den Felsblock "rizzt", verleiht dies unserer manchmal etwas trägen Sprache doch gleich viel mehr Pep. 
Nun, so schön diese Beispiele auch sein mögen, irgendwann wird man müde. Und so entfährt es einem nach dem fünfzehnten Diktat plötzlich: "Wie kann man in der fünften Klasse noch so dumm sein und Brücke mit einem 'ck' schreiben!". "Brücke schreibt man mit 'ck' ", bemerkt der Lehrer trocken und irgendwie ist man froh, dass er einem nicht sogleich das Blatt wegnimmt und eine 1 draufschreibt. 

Warum überhaupt bloggen?

Da läuft man während sieben Jahren durch die Welt, stellt unterwegs eins, zwei, drei, vier Kinder auf die Welt, versucht, immer dranzubleiben, die Augen offen zu halten, sich zu allem eine Meinung zu bilden und keine jener Mütter zu werden, die über nichts anderes mehr reden können als über Windelpreise, Babys erstes Fürzchen und die böse Spielgruppenleiterin, die einfach nicht sehen will, was für ein Genie man da auf die Welt gestellt hat. Man gibt sich alle Mühe, den Verstand nicht zu verlieren. Auch an den Tagen nicht, an denen der Älteste morgens um sieben eine Scheibe einschlägt, weil er partout kein Schokoladenjoghurt essen will, die Vierjährige und der Dreijährige zusammen mit dem Nachbarsjungen ausreissen und erst nach dem Überqueren der Hauptstrasse in der Hauptverkehrszeit aufgegriffen werden können, und sich der Jüngste in eine milchspeiende Fontäne verwandelt, kaum ist der Boden endlich fertig geputzt.
Was tut man, um den Verstand nicht zu verlieren? Man schreibt. Am besten immer und überall. Denn beim Schreiben sieht man schwarz auf weiss, ob man noch bei Sinnen ist, oder ob man sie nun doch überschritten hat, diese haarfeine Linie zwischen dem ganz normalen Wahnsinn des Familienalltags und dem nicht mehr ganz normalen Wahnsinn der durchgeknallten Mutter, die irgendwann mit irrem Blick auf der Couch des Psychiaters landet und wirres Zeug brabbelt.
Ja, das Schreiben würde helfen. Doch schreiben ohne Publikum, auch wenn es ein imaginäres ist, ist sinnlos. So läuft die besagte Mutter durch die Welt und schreibt, jedoch immer nur im Kopf. Und wenn dann abends endlich Ruhe ist, sind die Sätze weg. Verschwunden unter Wäschebergen, ersoffen im Putzkessel, zu Boden getrampelt von vier Paar hinreissend schönen, aber gegenüber mütterlichen Gedanken äusserst unsensiblen Kinderfüssen.
Dieser Zustand dauert so lange, bis sich jemand der armen Mutter annimmt, ihr einen Blog einrichtet, ihr sagt, wie das alles geht, denn darum hat sie sich in den letzten Jahren nicht kümmern können. Ja, jetzt könnte sie schreiben, wenn da nicht plötzlich diese Schreibblockade wäre. Denn inzwischen hat sich die Mutter so daran gewöhnt, dass ihr ohnehin niemand zuhört, es sei denn, sie erzähle eine Gutenachtgeschichte. Sie hat erlebt, dass Frauen nur als einigermassen intelligente Wesen betrachtet werden, solange sie noch keine Mütter sind. Danach zählen keine Titel mehr, keine beruflichen Erfahrungen, keine herausragenden Fähigkeiten. Es zählt nur noch, ob die Mama ihren Nachwuchs so im Griff hat, dass er nicht stört. Ob sie weiss, wie man aus einem langweiligen Butterbrot eine vollwertige, kindergerechte Mahlzeit mit Smiley-Gesicht zaubert. Ob sie es schafft, ihre Böden immer so blitzblank geputzt zu haben, dass die Nachbarskinder nicht mit schmutzigen Hosen nach Hause kommen.
Nun denn, Schreibblockade hin oder her, es muss geschrieben werden. Und wenn es niemand liest? Auch egal. Hauptsache, die Mutter verliert nicht den Verstand.