Prüfungsvorbereitung

Luise sitzt vor einer alten Übertrittsprüfung, um sich auf ihre eigene vorzubereiten, die sie Mitte Januar ablegen muss. 

„Mama, was ist eine Schaluppe?“

„Ja, also, das ist irgend so ein kleines Boot…“

„Und was ist ein Kahn?“

„Auch irgend so ein Boot…“

„Und ein Kutter?“

„Ein Kutter ist auch ein kleines Wassergef…“

„Und was ist ein Einmaster?“

„Also, ein Einmaster ist ein Segelschiff mit…“

„Dann sind das also alles so Schiffe? Danke, Mama, mehr muss ich nicht wissen.“

Eine Weile lang herrscht Stille im Zimmer, dann fängt Luise wieder zu fragen an.

„Mama, was ist das Gegenteil von ‚erstarren‘?“

„Na ja, das Gegenteil…das gibt es streng genommen eigentlich nicht…ich würde mal sagen…“

„Sich bewegen?“

„Ja, das kommt wohl hin…“

„Und das Gegenteil von ’schluchzen‘?“

„Na ja, du könntest ‚glucksen‘ schreiben, aber ob die das dann auch verstehen würden, dass du ein lachendes Glucksen meinst…“

„Ich schreib‘ lachen. Und was ist das Gegenteil von ‚kentern‘?“

„Das Gegenteil von ‚kentern‘? Sag mal, spinnen die jetzt komplett? Was, um Himmels Willen soll denn das Gegenteil von kentern sein? Rudern vielleicht? Oder ’nicht absaufen‘? Oder…“

„Rudern wird schon richtig sein. Ich schreib mal das….Mama, was ist das Synonym für…“

„Himmel, fragen die jetzt auch noch nach Synonymen? Haben die nicht begriffen, dass es gar keine Wörter gibt, die exakt das Gleiche bedeuten wie ein anderes? Weisst du was, Luise, wir üben jetzt besser noch ein wenig Wortschatz.“

Könnte ja sein, dass die an Luises Prüfung wissen wollen, was eine Kuttertakelung ist. Oder ein Gaffelsegel. (Nicht dass ich jetzt aus dem Stegreif erklären könnte, was das ist, aber auf der Dr. Doolittle-Kassette, die wir als Kinder hatten, haben sie immer davon geredet, wenn sie auch von Schaluppen und Einmastern redeten und die Begriffe sind irgendwie zusammen in meinen Gehirnwindungen kleben geblieben.) 

bagno blu; Gianluca Venditti

bagno blu; prettyvenditti.jetzt

Sitzungsvorfreude

Kein entrüstetes Augenrollen und „Du bist ja soooooo unfair“-Gebrüll, kaum öffnest du deinen Mund.

Niemand neben dir, der sich mit seinem Tischnachbarn um das letzte Stück Brot zankt und am Ende im Zorn einen Löffel durch die Gegend wirft. 

Keiner, der stur vor sich hinstarrt und die Lippen zusammenkneift, wenn du ihn etwas fragst. 

Keine, die auf den Tisch klettert, um vorzuführen, wie man – was eigentlich macht? Fällt mir gerade auf, dass ich noch immer nicht herausgefunden habe, warum sie dort oben war, umringt von ihren staunenden Brüdern.

Keine Diskussionen wie die hier: „Papier ist Holz.“ „Nein, ist es nicht. Papier ist Papier.“ „Aber es ist aus Holz gemacht, also ist es Holz.“ „Nein, ist es nicht. Sieh doch, es ist weiss. Das kann kein Holz sein.“ „Es ist aber Holz weil es aus Holz gemacht ist.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch.“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch und wenn du mir nicht endlich glaubst, werfe ich dir diesen Schuh an den Kopf.“

Niemand, der mit den Fingern in der brennenden Kerze herumstochert und Mitleid einfordert, wenn es den Fingern zu heiss geworden ist. 

Keiner, der dich so sehr zur Weissglut treibt, dass du dich nicht mal mehr für dein Herumbrüllen schämst. Wie, um alles in der Welt, hättest du nach dem hunderttausendsten „Nein!!!!!“ noch ruhig bleiben sollen?

Niemand der herzzerreissend schluchzt, wenn du fragst: „Hast du deine Zähne geputzt?“

Kein Gerenne um den Esstisch. Kein Gezappel. Kein Gebrüll. Kein Petzen. Kein Gejammer über verpatzte Prüfungen. 

Einfach nur zivilisierte Konversation mit Menschen, die denken, ehe sie antworten und das einen ganzen Freitag lang. 

Noch selten habe ich mich so sehr auf eine ganztägige Sitzung gefreut, wie in dieser vollkommen irren Vorweihnachtszeit, in der ich mich immer öfter frage, ob ich mich denn ins Affenhaus im Zoo verirrt habe. 

Beweismaterial

Vielleicht sollten auch Nostalgiker wie ich sich hin und wieder von altem Ramsch trennen. Zumindest diesen Mathe-Ordner aus der Oberstufe hätte ich wohl besser entsorgt, anstatt ihn in einem Anfall von „Eines Tages kann man den vielleicht wieder brauchen“ zuhinterst im Estrich zu versorgen. Heute nämlich hat ihn der Zoowärter ausgegraben und jetzt glaubt mir natürlich keiner mehr, dass der Matheunterricht eine reine Qual war. „Aber Mama, in dem Ordner hat’s ja überall Disney-Bildchen drin“, sagen sie jetzt und wollen mir nicht glauben, dass das alles nur Zuckerguss war, um eine bittere Pille schmackhafter zu machen? So wie die Eisentabletten, die ich in der Schwangerschaft jeweils schlucken musste: Aussen pink und zuckersüss, innen rabenschwarz und bitter.

Und das ist noch nicht mal das Schlimmste an der Sache. Jetzt können die nämlich alle sehen, dass mein Lehrer, der im persönlichen Umgang eine absolute Niete war, wirklich ganz verständliche Erklärungen schreiben konnte. Hätte ich mir je die Mühe genommen, seine Ausführungen zu lesen, wäre mir vielleicht sogar das eine oder andere Licht aufgegangen. Aber ich las natürlich nicht, denn der Lehrer hatte mir schon bald einmal zu verstehen gegeben, das mit mir und der Mathematik werde nie etwas, es sei denn, ich würde einen Therapeuten aufsuchen. Eine Aussage, die zu jenen Zeiten noch ein absoluter Affront war, denn Therapie war etwas für die hoffnungslosen Fälle. Und überhaupt: In meiner Familie konnte keiner rechnen, warum also sollte ausgerechnet ich das Zeug verstehen?

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich sagen, dass meine Familie mir jetzt natürlich nicht mehr glaubt, wenn ich erzählen will, wie sehr ich gelitten habe in der Schule. „Aber du hättest doch nur diesen tollen Ordner studieren müssen, dann hättest du es bestimmt verstanden“, werden sie sagen. „Würde man mir das Zeug auf diese Weise näher bringen, ich würde bestimmt mehr lernen“, werden sie behaupten. „Du hast gesagt, dein Lehrer sei eine Katastrophe gewesen, aber du hast ganz offensichtlich übertrieben“, werden sie mir vorwerfen. Und das nur, weil der Ordner so viel besser als der Unterricht war.

Einen Vorteil hat es allerdings, dass ich diesen Ordner nicht weggeschmissen habe: Meine Kinder haben jetzt ganz viele Algebra-Arbeitsblätter, vollkommen unberührt und ungelöst. Denn wie ich beim Durchsehen des Materials festgestellt habe, habe ich damals nicht nur die Prüfungsblätter jeweils blütenweiss zurückgegeben, auch die Hausaufgaben blieben frei von meinen Buchstaben.  

Einzig Donald Ducks Schnabel habe ich hin und wieder ausgemalt. 

Kleiner Nachtrag

Inzwischen ist ein weiterer Vorteil aufgetaucht. Für meine Teenager habe ich jetzt nämlich so etwas wie eine wilde Vergangenheit: „Echt, Mama? Du hast deine Matheaufgaben nie gemacht und hast keinen einzigen Eintrag bekommen? Voll krass!“

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Büffeln

Am Montag:
Englisch: Present Continuous
Sorten umwandeln
Schönschreiben
Schriftliche Addition

Am Dienstag:
Französische Gedichte, Wortschatz
Englisch: Der Unterschied zwischen „much“ und „many“
Noch einmal Französisch: Prüfungsvorbereitung
Geschichte: Absolutismus
Dreisätze
Deutsche Rechtschreibung

Heute:
Völkerwanderung, Prüfungsvorbereitung
Urgeschichte, Prüfungsvorbereitung
Textaufgaben
Nachdenken: „Was schreibe ich in einem Brief?“
Deutsche Rechtschreibung
Rechnen mit Hohlmassen
Diktatvorbereitung

Parallel dazu: Lernapps aufstöbern, ausprobieren, den Lehrer fragen, ob es eine Lizenz zum Hausgebrauch gibt.

Ich glaube, „Meiner“ und ich haben noch nie zuvor in unserem Leben so viel gebüffelt wie gerade jetzt. Und dabei haben wir doch schon längst keine Prüfungen mehr zu schreiben. 

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Rezept für eine garantiert spannungsgeladene Adventszeit

Mir ist durchaus bewusst, dass jede Familie ihr ganz eigenes Rezept für genussvolles Zoffen in der Adventszeit hat, dennoch möchte ich meiner Leserschaft unsere ganz eigene Kreation nicht vorenthalten. Wer weiss, vielleicht inspiriere ich den einen oder anderen Leser dazu, seinem eigenen Gezänk noch ein wenig Würze zu verleihen. Hier also mein Rezept:

Man nehme

  • Eine dicke, nahezu undurchdringliche Hochnebeldecke
  • Ein Wohnzimmer voller verlockend aussehender Adventskalender
  • Diverse Anlässe, welche die übliche Schlafenszeit der Kinder in die späten Abendstunden verschieben
  • Eine sehr grosszügige Portion Hausaufgaben
  • Eine noch grössere Portion Prüfungen, die vor Weihnachten noch zu schreiben sind
  • Zwei oder drei Proben fürs Krippenspiel
  • Übermüdete Lehrkräfte, die sich mit übermüdeten Schülern herumplagen müssen und deshalb die eine oder andere Strafaufgabe verhängen
  • Eine grosse Portion Vorfreude auf den Samichlausbesuch
  • Eine noch grössere Portion Vorfreude auf Weihnachten
  • Einen Stapel Einladungszettel zu diversen Veranstaltungen, die sehr viel „Mama, Papa, können wir dorthin gehen?“ auslösen
  • Einen sich ankündigenden Vollmond

Diese Grundzutaten müssen gut vermengt werden, damit jede einzelne ihr volles Aroma entfalten kann. Eigentlich könnte man den Teig jetzt in den Ofen schieben, doch erst mit etwas zusätzlicher Würze wird er so richtig unverwechselbar. Wir nehmen dieses Jahr: 

  • Ein kleines, unscheinbares Käferchen, das sich sehr, sehr langsam an jeweils ein Familienmitglied heranschleicht, dieses mit aller Macht ins Bett zwingt und dort mehrere Tage festhält. (Erst wenn das erkrankte Familienmitglied wieder gesund und munter ist, pirscht sich dieses Käferchen langsam und vorsichtig ans nächste Familienmitglied heran, so dass immer einer krank im Bett liegt.)
  • Immer wieder aufflackernde Ohrenschmerzen bei diversen Familienmitgliedern
  • Eine Prise „Müssen wir wirklich zu Hause bleiben, wenn der Samichlaus kommt? Reicht es nicht, wenn er die Kleinen besucht?“
  • Eine Pubertierende, die wegen der bevorstehenden Übertrittsprüfungen unter Hochspannung steht
  • Eine Wohnung, die schon viel zu lange nur noch ein Minimum an Zuwendung erlebt hat
  • Eine Mama, die mit ihrem Home-Office-Pensum im Hintertreffen ist
  • Einen Kindergärtner, der den unbändigen Wunsch verspürt, das ganze Haus weihnächtlich zu dekorieren
  • Eine Mama, die es versäumt hat, diesem Kindergärtner bunt glänzendes Bastelmaterial zur Verfügung zu stellen
  • Einen Papa, der im Berufsleben zu den übermüdeten Lehrkräften gehört, die sich mit übermüdeten Schülern herumschlagen müssen und der nach Feierabend das zweifelhafte Vergnügen hat, mit seinen eigenen Kindern, die zugleich auch übermüdete Schüler sind, noch ein wenig Mathe zu büffeln
  • Eine Abfallmulde, die auf dem Parkplatz steht und darauf wartet, mit allem, was in Haus und Garten nicht mehr gebraucht wird, gefüllt zu werden
  • Zwei Teenager, die nicht wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen sollen
  • Drei Söhne, die sehr genau wissen, was sie sich zu Weihnachten wünschen, kombiniert mit einem Papa und einer Mama, die sehr genau wissen, dass sie alle diese Wünsche nie und nimmer zu erfüllen vermögen
  • Eine halbwüchsige Katze, die sich jedem ihrer Menschen todesmutig vor die Füsse wirft, wenn sie hungrig ist (was etwa alle fünf Minuten der Fall ist)
  • Kinderfinger, die an allem herumfingern, was irgendwie nach Dekoration aussehen sollte, bis es nicht mehr nach Dekoration, sondern nach „Himmel, wer hat diese Geschmacksverirrung verbrochen?“ aussieht
  • Eine Mama und einen Papa, die leicht abweichende Vorstellungen im Bezug auf die Gestaltung der Adventszeit haben, denen aber die Zeit fehlt, diese Differenzen zu bereinigen

Diese Zutaten werden kräftig in den Teig eingearbeitet. Nach dem Backen wird das Gebäck mit einer dicken Glasur von „Wir haben es so satt, den ganzen Tag im Haus zu sitzen, aber nach draussen gehen mag bei diesem Wetter ja auch keiner“ überzogen. Zu guter Letzt bestreue ich das Ganze gerne noch mit ein paar vertrockneten, kleingeschnittenen Mandarinenschalen, die ich aus Sofaritzen und verklemmten Schubladen herausklaube, aber das ist nicht jedermanns Sache. 

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Ich sollte empört sein, aber…

Ich weiss, ich sollte empört sein, sollte ihm sagen, dass das so nicht geht. Ich sollte mit der Schule an einem Strick ziehen und ihm klar machen, dass mich sein Verhalten enttäuscht. Ich sollte ihm ins Gewissen reden, weil es nicht okay ist, der Musiklehrerin so lange gekonnt auf den Nerven herumzutanzen, bis sie ihn versetzt und schliesslich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als ihn zum Arrest zu verdonnern, weil er mit seinen Kapriolen einfach weitermacht. Ich sollte ihm wirklich deutlich machen, dass ich so etwas nicht tolerieren kann. Vielleicht sollte auch ich noch eine Sanktion verhängen, damit er die Sache wirklich ernst nimmt. Wehret den Anfängen und so…

Natürlich wünschte sich die Schule, ich würde Karlsson so richtig die Leviten lesen, denn die Schule ist angewiesen auf Eltern, die sie ernst nehmen. Es ist ja nicht so, dass ich die Schule grundsätzlich nicht ernst nehmen würde, aber in diesem Fall werde ich es trotzdem nicht hinkriegen, die empörte Mama zu geben, die ihren Sprössling in die Schranken weist. 

Warum nicht? Weil Schwatzen und Kapriolen im Schulunterricht auf meiner Skala der Jugendsünden noch nicht zu den Vergehen gehören, die auch noch von elterlicher Seite sanktioniert werden müssen. Ja, Karlsson hat sich daneben benommen und die Lehrerin darf ihm durchaus in die Schranken weisen – obschon die Sache mit dem Arrest in meinen Augen etwas übertrieben ist. Was macht sie, wenn einer mal wirklich Mist baut? 

Meiner Meinung nach hätte ich aber nicht mal unbedingt ins Bild gesetzt werden müssen über diese Angelegenheit, denn ich sehe darin noch kein alarmierendes Verhalten, mit dem die Schule nicht alleine fertig werden könnte. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass solche Episoden in einem gewissen Alter vollkommen normal sind und vermutlich ist nicht mal Karlssons Musiklehrerin ganz ohne sie durch ihre Schulzeit gekommen. 

Auf die Standpauke, als ich von Karlssons Arrest erfahren habe, habe ich deshalb verzichtet. Erstens, weil mein Sohn sehr wohl weiss, dass er sich daneben benommen hat und zweitens, weil er sofort durchschaut hätte, dass meine Empörung nur gespielt ist. Stattdessen habe ich ihm dargelegt, welche Vergehen auf meiner Skala der Jugendsünden mich zu sofortigen harten Sanktionen bewegen könnten.

Nur damit er nicht vergisst, dass ich nicht jeden Mist mit einem „Na ja, deine Strafe hast du ja bereits bekommen“ durchwinke. 

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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Wachsendes Selbstbewusstsein

Motivationsrede an Karlsson, ab einem Alter von fünf Jahren bis kurz vor dem Übertritt an die Oberstufe fast wöchentlich auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Du kannst das, glaub mir. In dir drin steckt so viel, dir fehlt nur der Mut, es zu zeigen. Nur weil die anderen lauthals prahlen, heisst das noch lange nicht, dass sie es auch wirklich besser können als du. Du bist ein feiner Kerl mit viel Fantasie, Humor und spannenden Interessen. Und dass du etwas im Kopf hast, beweisen dien Zeugnisse immer wieder aufs Neue.“

Motivationsrede an Luise, ab einem Alter von fünf Jahren bis Mitte fünfte Klasse regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Im Elterngespräch hiess es, du dürftest dich in der Klasse ruhig etwas deutlicher bemerkbar machen. Warum so schüchtern? Zu Hause fehlt es dir doch auch nicht am Mut, zu sagen, was du denkst. Du brauchst dich nicht zu verstecken. Du hast Power und bist nicht nur drauf aus, hübsch auszusehen. Zeig, was du kannst! Wir stehen hinter dir.“

Motivationsrede an den FeuerwehrRitterRömerPiraten, ab Kindergarten bis heute regelmässig auf diese oder ähnliche Weise vorgebracht:

„Trau dich, laut und deutlich zu sagen, was du weisst. Du bist so belesen, hast so viele interessante Dinge in deinem Gedächtnis gespeichert. Du brauchst keine Angst zu haben, dich einzubringen. Und wenn dir einer frech kommt, stell dich ihm entgegen, so wie du dich deinem Gegner im Fechten entgegenstellst. Was auch immer geschieht, wir sind für dich da.“

Rede an den Zoowärter, immer mal wieder vorgebracht, seitdem er in der Schule ist:

„So toll, dass du so viele Freunde hast und dass ihr in der Pause so viel Spass habt miteinander. Ein wunderbares Gefühl, andere zum Lachen bringen zu können, nicht wahr? Aber du gehst nicht nur zum Spass zur Schule, du solltest auch dran denken, die Hausaufgaben mit nach Hause zu bringen. Ich will nicht andauernd Mails von der Lehrerin bekommen.“

„Nun komm mal auf den Boden“-Rede an das Prinzchen, einmal vorgebracht, seitdem er im zweiten Kindergartenjahr ist:

„Okay, du sagst, ihr habt im Landhockey nur wegen dir gewonnen? Wenn du 2 von 19 Toren geschossen hast, ist das natürlich toll, aber die anderen haben auch zum Sieg beigetragen. In einer Mannschaft braucht es mehr als einen, der gut spielt, damit man siegen kann. Ach ja, und dann noch zu deiner Bemerkung, nur der liebe Gott habe mehr Haare als du…“

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Das Dümmste, was mir heute begegnet ist

Werbeaufschrift auf einem Güterwaggon: „Schweizer Zucker. Weil aus der Schweiz“. – Der Spruch klingt ja schon in der (schweizerdeutschen) Fernsehwerbung saublöd, aber auf Schriftdeutsch und dann noch so gross gedruckt, dass man von weither lesen kann, wie beschränkt der Werbetexter war….

Schild bei einer Tankstelle: „Oil – tank & go“ – Wenn schon unbedingt Englisch, dann bitte (bitte, bitte, biiiiiiittttteeee!) korrekt – also mit einem angehängten „up“- , damit man nicht Panzer erwartet, wo Gott sei Dank keine sind. Okay, es könnten auch Aquarien sein, aber was haben die an einer Tankstelle zu suchen?

Das (Un)Wort „Laufbahnregelung“ im Einladungsbrief für den Elternabend der vierten Klasse. Ja genau, der Elternabend der Viertklässler, die jetzt gerade mal etwa zehn oder elf Jahre alt sind. 

Dieser wunderbare Abschnitt in dem Brief, den uns die Kirchen im Dorf haben zukommen lassen, weil zwei unserer Kinder den Religionsunterricht besuchen, obschon wir als konfessionslos angemeldet sind: „Nach Ablauf dieses Schuljahres werden Sie sich gemeinsam entscheiden müssen. Für den Fall, dass Ihre Kinder den ökumenischen Religionsunterricht nicht mehr besuchen möchte (sic!), wünschen wir weiterhin alles Gute. Sollten sie jedoch den ökumenischen Religionsunterricht weiterhin besuchen wollen, dann wird eine Kindermitgliedschaft in der jeweiligen Kirche notwendig sein…“ Und was, bitte sehr, wünschen die uns, falls unsere Kinder sich Ende Schuljahr dazu entscheiden, reformiert oder katholisch zu werden? Pest und Cholera, weil wir uns weigern, gemeinsam mit unseren Kindern in die Landeskirche einzutreten? 

Der Zeitungsartikel über den Bildungsdirektor unseres Kantons. Der gute Herr möchte durch Änderungen der „Selektions- und Leistungskriterien“ alles dran setzen, möglichst viele Schüler vom Gymnasium fern zu halten. Könnte ja am Ende noch einer auf die Idee kommen, Intelligenz, gute Noten und eine anständige Arbeitshaltung würden ausreichen, um in die heiligen Hallen der höheren Bildung eingelassen zu werden. 

98% des Sortiments und 73,5 % der Kundschaft in diesem schrecklichen Ami-Spielwarengeschäft, in dem ich heute war. Was ich dort zu suchen hatte? Na ja, sagen wir es so: Das Prinzchen hat am Donnerstag Geburtstag und ich war zufällig gerade in der Gegend, da hat es sich halt so ergeben. Immerhin weiss ich jetzt wieder, warum ich gewöhnlich unter gar keinen Umständen dort einkaufe. 

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Was willst du mal werden?

Bewerbungen schreibt er praktisch ohne elterliche Hilfe. Er hat in der Schule gelernt, wie das geht.

Neulich war er schnuppern. Einen Tag nur, aber der Betrieb verlangte dennoch eine schriftliche Bewerbung. Danach gab’s eine Power Ponit-Präsentation in der Schule. Die Kids können das besser als mancher Erwachsene, der seinen Text mühsam von ein paar langweilig gestalteten Folien abliest und mit der Fernbedienung kämpft.

Heute bewarb er sich für ein „Berufswahlpraktikum“. Vier Tage im Juli nächsten Jahres. Den Lebenslauf schüttelte er einfach so aus dem Ärmel. Auch in der Schule gelernt und zwar perfekt. 

Im November wird er vierzehn, wie man sich beim Vorstellungsgespräch korrekt verhält, weiss er aber bereits jetzt. Was man besser nicht anzieht auch. Obschon er nach der obligatorischen Schulzeit gerne noch ein paar Schuljahre anhängen möchte und darum nicht so bald ein Vorstellungsgespräch haben wird. Und obschon er noch gar nicht so genau weiss, welchen Beruf er mal ausüben möchte. (Eine Lehrstelle wird er sich aber auf alle Fälle suchen, als Plan B.)

Kein Zweifel, die Teenager von heute werden gut auf das Berufsleben vorbereitet. Sehr viel besser als wir damals. Nahezu perfekt. Was ich grundsätzlich gut finde. Ist ja auch eine äusserst wichtige Angelegenheit, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. 

Nur manchmal fragt eine leise Stimme in mir, wann denn eigentlich die Teenagerjahre stattfinden sollen. Kurz vor der Pensionierung?

(Okay, ich geb’s zu. Die Glucke in mir findet, so habe er wenigstens keine Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen.)

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