Muttertag – Theorie und Praxis

Theorie

„Vollkommen überbewertet, dieser Muttertag. Eine nichtssagende Tradition, nur dazu da, um die Kassen von Floristen und Chocolatiers klingeln zu lassen. Vielleicht auch noch, um Klassenlehrer, die sich im falschen Glauben wiegen, sie könnten nach Abschluss der Osterbasteleien ein wenig zurücklehnen, auf Trab zu bringen. Im besten Fall beschert der Muttertag einer überarbeiteten Mama einen Augenblick des Glücks, im schlimmsten Fall starrt sie abends mit Tränen in den Augen auf die Scherben ihrer zerschlagenen Erwartungen. Ich brauch ihn nicht, diesen Muttertag, um glücklich zu sein.“

Praxis

„Himmel, dieser Ton! Wir haben heute immerhin Muttertag. Andere Töchter sagen ihren Müttern an diesem Tag, wie sehr sie sie lieben und du keifst mal wieder nur rum. Bloss weil du ein Teenager bist, heisst das noch lange nicht, dass du dir am Muttertag nicht wenigstens ein bisschen Mühe geben könntest.“

Noch so eine unangenehme Seite des Muttertags: Ich werde mir selber unsympathisch. (Okay, zu meiner Verteidigung ist vielleicht zu sagen, dass ich noch kaum die Augen offen hatte, als das Gemotze anfing. In einem wacheren Zustand hätte ich mir bestimmt eine bessere Moralkeule gesucht.)

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Alles nur faule Säcke?

Bundesrat Schneider-Ammann fordert härtere Massstäbe für die Matur und wie immer, wenn das Thema zur Sprache kommt, sind in der „NZZ am Sonntag“ solche Dinge zu lesen:

„Schluss mit Durchwursteln“

„Einsatz ist auch dort nötig, wo es unter Umständen weniger Spass macht und härter ist.“

„Eine entsprechend reife Einstellung darf von jungen Menschen erwartet werden, die das Reifezeugnis anstreben.“

Ja, eine reife Einstellung sollte man tatsächlich erwarten dürfen, aber die Behauptung, es liege immer nur an mangelndem Fleiss und Einsatzwillen, wenn jemand in einem Fach schlecht abschneidet, wird nicht wahrer, wenn man sie andauernd wiederholt. 

Noch nie etwas von Teilleistungsstörungen gehört? Von Menschen zum Beispiel, die zwar vom Intellekt her alles mitbringen, was man zum Erlangen einer Matura braucht, die aber im Bereich der Wahrnehmung beeinträchtigt sind und darum in ihrer Schullaufbahn Hürden überwinden müssen, die sich anderen Menschen nie in den Weg stellen?

„Nun reg dich nicht gleich so auf. Solche Schüler bekommen doch jede nur erdenkliche Hilfe. Die kriegen das schon irgendwie auf die Reihe“, mag nun der eine oder andere einwenden, aber genau dies bezweifle ich. 

Für Kinder, die zwar intelligent sind, die aber aufgrund einer Beeinträchtigung grosse Mühe haben, die Dinge so zu lernen, wie sie an unseren Schulen gemeinhin unterrichtet werden, ist es hierzulande ziemlich schwierig, Hilfe zu bekommen. Das weiss ich nicht nur vom vielen Hörensagen, sondern auch aus eigener Erfahrung mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten. Wer nicht genau so „funktioniert“, wie unser Schulsystem dies vorsieht, läuft schnell einmal Gefahr, auf dem Abstellgleis zu landen, unabhängig davon, wie intelligent er oder sie ist.

Man darf von mir aus gerne darüber nachdenken, wie man faule Schüler davon abhält, sich durchs Gymnasium zu wursteln, aber dann sollte man sich zugleich die Frage stellen, wie Menschen, die eben nicht faul, sondern in einem bestimmten Bereich beeinträchtigt sind, nicht daran gehindert werden, zu lernen, wozu sie eigentlich in der Lage wären.

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Frühlingsferiengedanken

Bei Kindern, die am Montagmorgen der zweiten Frühlingsferienwoche belämmert vor dir stehen und sagen: „Warum hast du mich nicht geweckt? Ich muss doch zur Schule. Wir haben ja schon seit einer halben Ewigkeit Ferien“, besteht ganz offensichtlich kein akuter Erholungsbedarf. Ich plädiere deshalb für eine sofortige Rückkehr in die Schule. Die nicht benötigten Ferientage sind an die übermüdete Mama abzutreten.

Man darf Fantasy-Romane mögen, auch wenn man Sohn einer Mutter ist, die nach „Die unendliche Geschichte“ ein für alle Mal mit diesem Kapitel abgeschlossen hat. Was aber nicht geht: Sich bei Mama beklagen, der aktuelle Lieblingsroman sei ganz und gar unrealistisch. Entweder man mag Fantasy und schluckt das wirre Zeug klaglos, oder man lässt die Finger davon und wählt eine anständige realistische Lektüre.

Wenn die SBB mit ihren Spezialangeboten mitmachen, kannst du in der Schweiz jeden sonntags geöffneten Fabrikladen zum Familienausflugsziel deklarieren. Wenn dann auch noch das Regenwetter mitspielt, brauchst du dir nie mehr Sorgen zu machen, ob abends die Kasse stimmt.

Der Marshmallow-Test für übermüdete Mütter: Willst du JETZT!!!! SOFORT!!!! ein paar lausige Ferientage an einem zweitklassigen Ort verbringen, der mit irgend einer billigen Masche um eine Handvoll Gäste wirbt? Oder bist du reif genug, all die Lockvogelangebote – und die tollen Frühlngsferienfotos, mit denen deine Facebook-Freunde ihre Pinnwände vollpflastern – zu ignorieren, um im Sommer dann genügend Geld für wunderbare Ferien am Ort deiner Träume beisammen zu haben? (Dass dein Durchhaltevermögen dann auch tatsächlich belohnt wird, kann dir leider keiner garantieren, denn das Gelingen von Familienferien hängt fast ausschliesslich von der Laune der Famileinmitglieder ab.)

So richtig Ferienbetrieb herrscht in unserer Familie eigentlich erst, wenn sämtliche Physio-, Ergo- und Sonstwas-Therapeuten auch Ferien machen. Was diese Woche erstaunlicherweise der Fall ist. Ob die sich untereinander abgesprochen haben?

Unsere Kinder nehmen die Sache mit dem Küchendienst so bierernst, dass sie es sogar in den Schulferien durchziehen wollen. Jetzt muss ich mir doch tatsächlich spätestens bis Mittag im Klaren sein, welchen Tag wir haben, damit ich nicht den Falschen zum Tischdecken verknurre.

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Wenn ich mich daran erinnere,…

…könnte ich noch heute im Boden versinken vor lauter Scham. (Nach der Lektüre versteht ihr bestimmt, weshalb ich heute ausnahmsweise sogar auf die Decknamen unserer Kinder verzichte.)

Da war zuerst einmal die Episode mit dem Nachbarskind, das sich so ganz alleine mit seiner Mama manchmal sehr einsam fühlte und darum gerne zu uns zum Spielen kam. Vordergründig lief alles ganz gut, doch als sich die Kinder mal unbeobachtet fühlten, hörte ich, wie eines der unseren gönnerhaft meinte: „Ach weisst du, Carmen, wir wissen eben, wie man das macht, aber du hast davon keine Ahnung, denn du bist halt ein Einzelkind.“

Leider war dies nicht die einzige peinliche Begegnung, die diese Familie mit uns hatte. Einmal war unsere ganze Horde zu Carmens Geburtstagsparty eingeladen. Die Mutter, eine ausgesprochen herzliche und sehr füllige Frau, scheute keinen Aufwand, unsere Kinder zu verwöhnen. Und wie dankten sie es ihr? Indem eines von ihnen in ihrer Anwesenheit laut vernehmlich fragte: „Mama, warum hat Carmens Mutter eigentlich immer so riesige Kleider an? Weil sie so dick ist?“

Aber natürlich verstanden es unsere Kinder auch bei anderen Gelegenheiten, mich blöd dastehen zu lassen. Einmal zum Beispiel bei einem Untersuch. Die Ärztin bat einen unserer Söhne – damals etwa sechs Jahre alt – seine Hose auszuziehen. Der Junge zögerte ungewöhnlich lange. Ob er die Anweisung nicht gehört hatte? Ich wiederholte, was die Ärztin gesagt hatte, doch mein Sohn machte weiterhin keine Anstalten, zu tun, wozu man ihn aufgefordert hatte. Als sich die Aufforderung nicht mehr länger ignorieren liess, erklärte er, was sein Problem war: „Ich kann meine Hose nicht ausziehen, denn ich habe vergessen, eine Unterhose anzuziehen.“ (Na ja, immerhin war er frisch gebadet.)

Und dann war da noch die Sache mit dem Kind, das zu seiner Lehrerin sagte: „Meine Mutter könnte das in der Hälfte der Zeit und erst noch besser erklären.“

Der absolute Tiefpunkt aber war der Abend, an dem Windpocken, ein wunder Po und eine Magen-Darm-Grippe einen Zweijärigen dazu brachten… Ach nein, ich glaube, die Geschichte erspare ich euch. Die war nämlich nicht nur peinlich, sondern auch furchtbar eklig. 

  

Träume…

Früher hatte ich noch grosse Träume. Eine gerechtere Welt. Ferne Länder bereisen. Etwas Grosses aufbauen. Positive Spuren hinterlassen. Erfolgreich schreiben. Und wenn aus all dem nichts wird, dann wenigstens eine richtig tolle Küche haben. Mal abgesehen davon, dass ich eine ziemlich grosse Familie aufgebaut habe, ist aus diesen Träumen herzlich wenig geworden. Das Träumen aber habe ich nicht aufgegeben. Nur der Inhalt hat sich leicht geändert. Heute träume ich…

…davon, mich einfach mal aufs WC setzen zu können, ohne vorher überprüfen zu müssen, ob der Vorgänger wirklich alles so hinterlassen hat, wie man es schon tausendmal gepredigt hat.

…dass der Wäscheberg uns mal ein paar Tage in Ruhe lässt. Also, ich meine jetzt nicht diese trügerische Ruhe, die herrscht, wenn man einfach so tut, als wäre er nicht da und er derweilen ungehindert weiterwächst, sondern die himmlische Ruhe, die wir hätten, wenn er sich mal für eine Weile von uns fernhalten würde.

…davon, mindestens eine Woche lang keinen einzigen Anruf aus dem Schulhaus zu bekommen.

…davon, auf Facebook nicht andauernd über Fallfehler und andere Scheusslichkeiten stolpern zu müssen. (Okay, da gibt es auch ziemlich viele inhaltliche Dinge, über die ich nicht stolpern möchte, aber wir wollen mal nicht übertreiben mit den Wünschen.)

…davon, wenigstens einen Tag lang keinem einzigen Legostein in die Quere zu kommen. 

…dass Bibliotheksbücher an dem Tag, an dem sie zurück ins Schulhaus müssen, morgens unaufgefordert aus ihren Verstecken hervorgekrochen kommen.

…von einer papierlosen Kommunikation mit der Schule. Und wenn das nicht geht, dann wenigstens von einer strikten räumlichen Trennung zwischen vollen Kakaotassen und Elternbriefen, die unterschrieben in die Schule zurück müssen. 

…dass ich ein offenes Buch, dem ich für eine Weile den Rücken kehren muss, noch an der genau gleichen Stelle geöffnet vorfinde, wenn ich mich ihm wieder zuwende. (Ach, wo wir schon von Büchern sprechen: Wäre nett, wenn ich mit dem Knausgård noch in diesem Jahrzehnt fertig würde.)

Wie, ihr findet, ich sei bescheiden geworden? Aber nicht doch. Die Dinge, die ich mir früher gewünscht habe, waren weitaus realistischer als die Luftschlösser, die ich heute baue.

  

Gescheiterte Demotivationsstrategie

Wer es in unserem Kanton nach der sechsten Klasse nicht in die richtige Stufe schafft, kann später nur über den Umweg einer Prüfung ans Gymnasium. An offiziellen Schulveranstaltungen erklärt man das den Eltern der enttäuschten Zwölfjährigen so: „Im neunten Schuljahr gibt es die Möglichkeit, eine Aufnahmeprüfung zu machen, aber die schafft eigentlich keiner.“ Dies hält leider einzelne Schüler nicht davon ab, sich laut zu überlegen, ob sie es nicht vielleicht doch probieren sollten und so erklärte neulich eine Lehrerin – nicht an unserer Schule – den übermotiverten Teenagern: „Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Prüfung besteht, ist etwa gleich gross wie die Chance, dass man lebend unten ankommt, wenn man vom Eiffelturm springt.“ Bedauerlicherweise gibt es sogar nach dieser Warnung noch ein paar Todesmutige, die sich zur Prüfung anmelden und fleissig büffeln. Ja, da sind sogar einige Lehrpersonen, die den Prüflingen Mut zusprechen, ergänzendes Lernmaterial herbeischaffen und Zusatzpunkte vergeben. Unerhört, so etwas! Einige – unter ihnen Karlsson und drei seiner Schulkameradinnen- fühlten sich so natürlich dazu ermutigt, ihr Bestes zu geben und die Aufnahme aus Gymnasium zu schaffen. 

Ich finde, wenn die Demotivationsstrategie derart versagt, sollten die Schulverantwortlichen ganz dringend über die Bücher gehen. Es darf doch nicht sein, dass Teenager sich einfach so über die Grenzen, welche die Schulpolitik ihnen  aufzeigt, hinwegsetzen. 

  

Rebellion

Erst dachte ich, es handle sich um einen einmaligen Fehltritt. Soll ja mal vorkommen, erst recht bei einem Teenager. Mit der Zeit aber zeichnete sich ab, dass es nicht bei diesem einen Fehltritt bleiben würde. Immer öfter widersetzte er sich dem, was wir von ihm erwarten, begann gar offen am Esstisch über unerhörte Dinge zu reden. Irgendwann musste ich der Tatsache ins Auge sehen: Karlsson rebelliert gegen das, was er von mir in die Wiege gelegt bekommen hat. Und er geniert sich nicht einmal, mir das ganz offen zu zeigen. Frech legt er mir eine mehr als genügende Mathearbeit nach der anderen zur Unterschrift vor und lässt mich allmählich daran zweifeln, ob wir wirklich miteinander verwandt sind.

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Kritisieren um des Kritisierens Willen

Man darf von mir aus gerne kritisch hinschauen bei der Schule. Tue ich ja auch. Einfach nur kritisch hinschauen, damit man etwas zum Schimpfen hat – so wie heute ein Vater am Besuchstag -, finde ich aber ziemlich daneben:

Die Stunde fängt an, die Hälfte der Klasse führt sich anständig auf, die andere sieht keinen Grund, sich in irgend einer Form auf Unterricht einzulassen. Warum auch? Ist ja kein Promotionsfach. Der Vater knurrt irgend etwas, das verdächtig wie „absolut unfähig, diese Lehrerin“ klingt. Irgendwann ist es dann doch halbwegs still im Zimmer, die Lehrerin erklärt, was zu tun ist und kommt dann nach hinten zu den Eltern.

„Was ist das Lernziel dieser Arbeit?“, fragt der Vater mürrisch. Die Lehrerin erläutert, unter welchem Oberthema das Ganze steht, in welche Arbeitsschritte die Aufgabe gegliedert ist, welche Fertigkeiten bei jedem einzelnen Arbeitsschritt im Zentrum stehen und welches Resultat am Ende erwartet wird. Ich bin beeindruckt. Ziemlich durchdacht, wenn man bedenkt, dass es sich um eines der „unwichtigen“ Schulfächer handelt.

Der Vater neben mir sieht das anders: „Und wie wollen Sie überprüfen, ob ein Schüler sein Ziel erreicht hat?“ Da die Arbeit in vier klar definierte Schritte gegliedert sei, könne sie ziemlich genau beurteilen, ob vom ersten bis zum letzten Schritt eine Entwicklung stattgefunden habe, erklärt die Lehrerin. Das Talent des Schülers falle bei dieser Arbeit weniger ins Gewicht als ein klar erkennbarer Versuch, das Gelernte umzusetzen. „Nach dieser Antwort wird er ja wohl zufrieden sein“, denke ich, aber natürlich irre ich.

„Was ist, wenn ein Kind gefehlt hat und deshalb weniger Zeit hatte für die Arbeit?“, will er wissen. Das werde bei der Beurteilung berücksichtigt, versichert die Lehrerin. Sie halte wenig davon, solche Arbeiten zum Fertigstellen mit nach Hause zu geben, denn dann trügen sie nachher meist die Handschrift der Eltern und das sei ja nicht das Ziel.

Ob der Vater nun endlich zufrieden ist? Vermutlich nicht, aber die Lehrerin hat jetzt keine Zeit mehr für weitere Fragen. Einige Schüler fühlen sich nämlich durch die Anwesenheit der Besucher erst recht dazu angestachelt, sich von ihrer herausforderndsten Seite zu zeigen und darum ist Einschreiten gefragt. Kaum ist die Lehrerin ausser Hörweite, fängt der Vater schon wieder an zu knurren: „Wie kann man der Fantasie bloss durch derart eng formulierte Lernziele solche Grenzen setzen?“

Wer war das nochmal, der vor fünf Minuten nach klar formulierten Lernzielen gefragt hat?

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So schlimm sind sie gar nicht, die kleinen Monster

Hört man sich ein wenig um, wie die Kinder von heute so sind, könnte man glauben, sie seien allesamt gefühllose, verwöhnte Monster, die beim Spielen sinnentleerter Games allmählich verblöden und nichts als Konsum und Mobbing im Kopf haben. Natürlich gibt manche, die sich in diese Richtung bewegen, ein paar Beispiele aus dem Leben unserer Kinder lassen aber auch vermuten, dass es ganz so schlimm nicht sein kann mit der heutigen Jugend:

  • Prinzchen und seine Schulfreunde liegen sich derzeit in den Haaren, weil jeder behauptet, er sei als einziger in der Lage, an einem Tag ein ganzes Buch zu verschlingen, was die anderen natürlich nicht glauben wollen. Wenn sie fertig gestritten haben, versuchen sie, einander gegenseitig mit ihrem grossen Allgemeinwissen zu übertrumpfen. Natürlich ist das nicht besonders nett, aber allzu verblödet kommen mir diese Erstklässler nicht vor.
  • Seitdem der Zoowärter mit seinen Bauchschmerzen zu Hause ist, klingelt es öfter mal um die Mittagszeit an unserer Tür. Kinder, von denen ich teilweise nicht mal den Namen kenne, weil sie noch nie zum Spielen bei uns waren, fragen mich, wie es ihm denn geht, ob sie ihn mal besuchen dürfen und wann er endlich wieder zur Schule komme, es sei so langweilig ohne ihn. Schafft er es mal, für ein paar Stunden den Unterricht zu besuchen, jubeln seine Freunde, das sei der schönste Tag der Woche. Zwei oder drei Mädchen – in diesem Alter ja nicht gerade interessiert an doofen Jungs – liessen sich sogar dazu hinreissen, den Brief, den sie ihm alle zusammen geschrieben haben, mit Herzchen zu unterschreiben. Alles andere als gefühllos also, diese Knöpfe.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat, an dem Luise seit einiger Zeit kaum ein gutes Haar lässt, bastelt im Werkunterricht für seine Schwester in liebevoller Kleinarbeit ein schillerndes Osterei, das er ihr als verspätetes Geburtstagsgeschenk überreicht. So schön ist es geworden, dass sie gar nicht anders kann als zu erkennen, wie sehr der nervige jüngere Bruder sie insgeheim mag. Sie haben eben doch ein Herz, diese kleinen Monster.
  • Luise ist im Moment eigentlich alles andere als gut zu sprechen auf die zwei Menschen, die sie gezeugt haben. Dennoch sind wir ihr ganz und gar nicht egal. „Ich sehe doch, dass du traurig bist, also sag nicht, es sei nichts, wenn ich dich frage, was los ist“, raunzte sie neulich und brachte mich dazu, ihr, die ja laut der gängigen Meinung über die Jugend von heute nur an ihrem Smartphone und der neuesten Jeans interessiert sein dürfte, mein Leid zu klagen. (Okay, ich geb’s zu, ich musste mich ganz schön kurz fassen zwischen all den Nachrichten, die in der Zeit auf ihrem Handy eingegangen sind, aber sie hat mir tatsächlich zugehört.)
  • Die Jugendlichen, die gelegentlich bei uns ins Haus kommen, um mit Karlsson an Schulprojekten zu arbeiten, sind so anständig, nett und fleissig, dass ich mich in ihrer Gegenwart wie ein vergammelter Hippie fühle, der ganz dringend sein Leben in den Griff kriegen und seine Höhle aufräumen müsste. (Bis jetzt ist es mir zum Glück noch gelungen, sie mit Selbstgebackenem daran zu hindern, mir das Sozialamt auf den Hals zu hetzen.)

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Fast schon wie früher

Kurz nach Mittag, Mama Venditti sitzt am halb abgeräumten Esstisch und denkt halblaut nach: „Hmmm, mal überlegen…was steht heute Nachmittag alles an? Zuerst müsste ich…“

Der Zoowärter kommt angehumpelt (Sein Bauch schmerzt noch immer.): „Mama, machst du mir einen Tee?“

Mama Venditti geht in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und murmelt: „Okay, erst mal Tee kochen und dann…“

Wenig später sitzt das Kind mit dem Tee auf dem Sofa, Mama wendet sich wieder ihren Tagesplänen zu: „Also, zuerst müsste ich schnell in den Garten, bevor der Regen…“

Weiter kommt sie nicht, denn jetzt steht Luise da: „Mama, wo ist mein Französischbuch?“

Mama: „Ich weiss nicht, aber du musst jetzt doch nicht lernen, wenn du krank geschrieben bist.“

Mama und Tochter diskutieren eine Weile, Tochter zieht sich ins Zimmer zurück, Mama versucht, ihren Gedankenfaden wieder aufzunehmen: „Zuerst also in den Garten und dann…“

Karlsson ruft: „Mama, kann ich den Laptop nehmen?“ 

Karlsson? Müsste der nicht längst in der Schule sein? Ach nein, der darf ja für seine Projektarbeit zu Hause arbeiten. Mama holt den Laptop, Sohn richtet sich ein, Mama mag jetzt nicht mehr länger überlegen und geht in den Garten, bevor der Regen kommt.

Das Fenster des Esszimmers geht auf, Karlsson schaut raus: „Mama, der Computer spinnt. Kommst du kurz hoch?“

Mama lässt die Akeleien, die eingepflanzt werden möchten, achtlos liegen und geht seufzend die Treppe hoch. Der Computer spinnt tatsächlich und fordert ziemlich viel Aufmerksamkeit, bis er sich wieder eingekriegt hat.

Mama geht zurück zu ihren Akeleien, Augenblicke später geht das Fenster wieder auf. Der Zoowärter: „Mama, mir ist sooooooo langweilig…“

Mama: „Moment, ich komme gleich hoch.“ Hastig buddelt sie die restlichen Akeleien, den Eisenhut und den Rittersporn in die Erde und geht wieder hoch, um sich des Unterhaltungswunsches ihres Sohnes anzunehmen. Bevor sie dazu kommt, muss aber noch einmal eine Computerfrage von Karlsson geklärt werden und Luise, die nun trotzdem Hausaufgaben macht, braucht ebenfalls Hilfe. Dann endlich schreibt sie eine Nachricht an die Mutter von Zoowärters Freund, um einen Besuch zu arrangieren, damit das Kind ein paar Stunden mit Brettspielen von den Bauchschmerzen abgelenkt wird.

Einen Moment lang ist alles ruhig, Mama Venditti fängt wieder an zu überlegen: „Okay, der Garten ist für heute erledigt. Dann wäre da noch der Brotteig…“

Viel weiter kommt sie nicht, denn schon wieder steht da jemand, der etwas braucht und dann schon wieder und dann schon wieder und dann schon wieder, bis irgendwann der Nachmittag um ist und Mama Venditti erkennt, dass das Stundenplanwunder bis auf Weiteres ausser Kraft gesetzt ist. 

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