Wo treibt er sich bloss wieder rum?

„Unmöglich ist er, dieser kleine Schlingel“, schimpfte ich, als ich heute im Garten meine Mutter antraf. „Kaum drehst du ihm den Rücken zu, macht er sich aus dem Staub. Neulich ist er doch schon wieder ohne Erlaubnis in die Migros abgehauen. Hat sich einfach seine zwei Franken Taschengeld geschnappt und ist losgezogen, um sich Panini-Bildchen zu kaufen. Dabei hat er mir hoch und heilig versprochen, das nie wieder zu machen. Ich hab‘ ihm gesagt, dass er nie ohne seine grossen Geschwister gehen darf und er hat so getan, als hätte er verstanden. Und jetzt ist er schon wieder spurlos verschwunden. Bei Nachbars ist er nicht, hinter dem Haus ist er nicht, mit dem Zoowärter ist er auch nicht mitgegangen. Ich hoffe einfach, er ist nicht auf dem Sportplatz. Das hat er neulich auch gemacht. Einfach ab, ohne etwas zu sagen und als er wieder zurück war, hat er geheult, weil die Grossen gemein waren zu ihm. Er kann sich doch nicht einfach im Dorf herumtreiben…“ 

Nachdem ich fertig gezetert hatte, zog ich weiter laut rufend ums Haus, um das Prinzchen zu finden. Ich fand ihn dann auch. Tief schlafend in seinem Bett. Manchmal treibt er sich halt auch ganz gern im Land der Träume herum, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. 

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Ein Lob auf die Teenager

Passt ihnen etwas nicht, stemmen sie sich mit aller Macht dagegen. Nicht so ein läppischer, halbherziger Widerstand, sondern echte Opposition, gegen die man mit nichts ankommt, weder mit Bestechungen, noch mit Drohungen und schon gar nicht mit logischen Argumenten. Wer Nachhilfestunden in Sachen Opposition braucht, sollte dringen Hilfe bei einem Teenager suchen. Bei dem lernt man alles, sogar die hohe Kunst, im Affekt Weck-Gläser zu zertrümmern.

Doch damit ist das Repertoire eines Teenagers längst nicht ausgeschöpft. Hat ein Halbwüchsiger nämlich genug getobt, kann es durchaus vorkommen, dass er vollkommen unerwartet einlenkt. Einfach so, aus heiterem Himmel löst sich der Widerstand in Luft aus und auf einmal herrscht wieder eitel Sonnenschein. Das Wesen, das sich eben noch äusserst widerborstig gab, macht plötzlich willig alles mit, was man sich von ihm gewünscht hätte, aber kaum zu fordern gewagt hatte.

Wenn man ganz viel Glück hat, geht der Teenager sogar noch einen Schritt weiter. Freimütig gesteht er dir, dass er eigentlich von Anfang an gewusst hat, dass er einlenken wird, aber dass er halt einfach noch etwas getobt hat, um zu sehen, wie weit er es damit bringt.

Ich liebe Teenager. Meistens.

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Liebe Nachbarn

Es könnte durchaus sein, dass in den kommenden Wochen hin und wieder die drei kleinsten Vendittis bei Ihnen an der Türe klingeln und frisch gebackene Brötchen verkaufen wollen. Die drei werden Ihnen vermutlich sagen, ein Brötchen koste einen Franken, auch wenn wir ihnen eingeschärft haben, sie dürften allerhöchstens fünfzig Rappen verlangen. Damit wissen Sie auch gleich, dass wir Eltern von dem Brötchenverkauf wissen. Wir wissen nicht nur davon, wir haben unsere Söhne regelrecht dazu angestiftet. Nein, nicht weil wir am Hungertuch nagen und deshalb mit unserem letzten Mehl Brötchen backen, um unsere ausgehungerten kleinen Jungs damit zum Betteln auf die Strasse zu schicken. Auch nicht, weil wir glauben, Sie, geschätzte Nachbarn, könnten nicht selber Brot backen und wären deswegen auf den Hauslieferservice unserer Söhne angewiesen.

Nein, wir hatten es schlicht und einfach satt, jeden zweiten Tag um Geld angegangen zu werden, weil FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter und Prinzchen noch immer nicht begreifen wollen, dass es am Ende des Taschengeldes von uns nichts mehr gibt. „Wenn ihr mehr Geld wollt, dann müsst ihr es euch verdienen“, sagte ich eines nachmittags, als sie mich wieder mal unablässig angebettelt hatten. „Aber wie denn, Mama“, fragten die Drei verdutzt. „Backt Brötchen und verkauft sie im Quartier“, sagte ich und sie machten sich an die Arbeit. Offensichtlich war die erste Verkaufsaktion ein Erfolg, denn heute waren sie bereits zum zweiten Mal mit ofenfrischen Brötchen unterwegs. Offenbar auch diesmal erfolgreich, denn sie kamen ohne Brötchen, dafür aber mit ziemlich viel Geld zurück. (Dass die zwei Grösseren den naiven kleinen Bruder beim Aufteilen des Geldes übers Ohr gehauen haben, ist eine andere Geschichte.)

Ich weiss, meine lieben Nachbarn, es ist nicht ganz fair, dass Sie nun das Geld locker machen müssen, welches wir unseren Kindern aus pädagogischen Gründen nicht geben mögen. Nehmen Sie es bitte nicht zu schwer, immerhin bekommen Sie ein Brötchen als Gegenleistung. Gebe ich den Dreien Geld, bekomme ich gar nichts zurück, ausser vielleicht die Frage: „Wie viele Panini-Bildchen kann ich mir damit kaufen?“

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Orakel

Das Prinzchen und sein bester Freund versuchen herauszufinden, ob der beste Freund bei uns baden darf. Dazu befragen sie das Lavabo-Orakel. Schwimmt Prinzchens Gummi-Hai auf dem Wasser, steht dem gemeinsamen Bad in unserer Badewanne nichts im Wege. Schwimmt der Hai nicht, bedeutet dies, dass die Mama des besten Freundes etwas gegen das Bad hat. Gar nicht so einfach, auf die drängende Frage eine Antwort zu finden, denn weil das Prinzchen baden will – und muss -, sein Freund aber nicht, interpretieren die zwei Jungs die Antwort des Orakels ganz unterschiedlich.

Um doch noch eine eindeutige Antwort zu bekommen, könnte man natürlich kurz über die Strasse rennen und die Mama fragen gehen, doch dann wäre einer der beiden gezwungen, nachzugeben. Um das zu verhindern, diskutiert man lieber weiter, ob der Hai nun schwimmt oder nicht.

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Die Sache mit dem Mutterstolz

Es ist mir ja ein wenig peinlich, dies hier zu gestehen, aber ich sag’s dennoch: Auch ich bin nicht ganz gefeit gegen Mutterstolz. Ich weiss, ich habe herzlich wenig dazu beigetragen, dass es so gekommen ist und man hat ja auch nie die Garantie, ob es gut weitergeht, aber ins gewissen Momenten klopft auch mein Herz schneller und ich denke „Wahnsinn, das ist mein Kind.“ Okay, ich weiss, Menschen kann man nicht besitzen und spezieller als jeder andere Mensch auf diesem Planeten sind auch meine Kinder nicht, aber von solchen Finessen lässt sich der Mutterstolz nicht abhalten, der überkommt einen einfach manchmal. Zum Beispiel, wenn der Erstgeborene nicht nur körperlich die Mama überragt, sondern auch in gewissen Fähigkeiten. Oder wenn in der einzigen Tochter schemenhaft die zielstrebige junge Frau zu erkennen ist, die sie zu werden anfängt. Oder wenn…ach was, ich höre auf, sonst glaubt ihr noch, ich wollte mit meinem Nachwuchs prahlen. 

Will ich aber nicht und dürfte ich auch nicht, wenn ich es denn wollte. Karlsson ist nämlich sehr besorgt darum, dass ich schön brav auf dem Boden bleibe. Erzähle ich meiner Schwester mit stolzgeschwellter Brust, Karlsson hätte eine sechs in Französisch – ja, meine lieben Leser aus Deutschland, besser als sechs geht bei uns nicht -, weist er mich sofort  in die Schranken: „Wen interessieren schon meine Noten? Du wirst ja richtig peinlich.“ Bekommt er mit, wie ich jemandem von diesem unglaublich tollen Kompliment erzähle, das ihm die Musiklehrerin gemacht hat, lacht er mich aus: „Redest du jetzt schon wieder davon? Dreht sich bei dir eigentlich alles nur noch um deine grossartigen Kinder?“ und sein spöttischer Ton macht unmissverständlich klar, dass er es einfach lächerlich findet, wenn ich nur schon den Anschein erwecke, ich würde meine Kinder für begabter halten als andere es sind.

Weil ich in den Augen meines grossartigen, talentierten, bildhübschen, sprachbegabten, … Erstgeborenen nicht lächerlich erscheinen will, bringe ich in solchen Momenten meinen Mutterstolz ganz schnell zum Schweigen und erzähle stattdessen von einer Begebenheit, bei der mir dieser junge Herr ganz gewaltig auf die Nerven gegangen ist. Von daher ist es dann gar nicht mehr so weit bis zur Bemerkung: „Mist! Dass ausgerechnet mein Kind auf diese saublöde Idee gekommen ist“ und schon halten sich das Grossartige und das Nervtötende wieder die Waage.

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Facebook für den Familienfrieden

Facebook geniesst ja nicht gerade den besten Ruf. Zu viel Privates wird öffentlich, zu viel echtes Leben geht drauf für das Herumtrödeln im gar nicht so sozialen Netzwerk. Dennoch muss ich heute mal ein paar lobende Worte über Facebook loswerden. Im Zusammenleben mit Teenagern kann es nämlich durchaus nützlich sein.

Ohne Facebook stünde ich wohl mindestens dreimal pro Woche vor Karlssons verschlossener Zimmertür und würde mich im Wettstreit mit Edith Piaf heiser brüllen. „Nun sei doch nicht so eingeschnappt. Es war nicht so gemeint, wie du es aufgefasst hast“, würde ich schreien und alles, was zurück käme wäre ein langgezogenes „Nooooooon, rien de rien….“. Schicke ich aber mein „War nicht so gemeint…“ via persönliche Nachricht auf Facebook, dauert es meist nicht lange, bis ein Smiley zurückkommt und wenig später können wir uns in aller Ruhe von Angesicht zu Angesicht darüber unterhalten, was schief gelaufen ist.

Manchmal läuft es auch umgekehrt: Karlsson treibt mich auf die Palme, ich sage ihm im Zorn, er solle aus meinem Blickfeld verschwinden, er wirft mir ein paar unfreundliche Worte an den Kopf und verschwindet mit lautem Türeknallen. Eine Weile lang schmollt jeder irgendwo für sich, dann kommt eine Nachricht von Karlsson: „Tut mir Leid. Komme runter, sobald ich mich beruhigt habe.“ Und wenn er dann runter kommt, ist mein Zorn verflogen, denn entschuldigt hat er sich ja schon. Ich weiss nicht, ob mein Stolz es mir zugelassen hätte, mich bei meinen Eltern zu entschuldigen, als ich in Karlssons Alter war. Vielleicht, wenn ich Facebook gehabt hätte…

Man sieht also, das viel – und zu Recht – gescholtene Netzwerk bringt auch sein Gutes mit sich. Zumindest, solange Karlsson mir nicht die Freundschaft kündigt. Ein blöder Kommentar auf seinem Profil und ich fliege, das hat er mir unmissverständlich klar gemacht. Deshalb spare ich mir meine peinlichen mütterlichen Kommentare für unsere Begegnungen am Küchentisch auf.

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Prinzchen-Logik

Der Kindergarten beginnt um Viertel nach acht, der Fussweg dorthin dauert gut fünf Minuten. Damit er genügend Zeit hat, um im neuen Tag anzukommen und sich einzurichten, wecken wir das Prinzchen etwa um sieben Uhr, manchmal auch erst um Viertel nach. Die Zeit sollte also reichen, um alles zu tun, was getan werden muss, damit ein Fünfjähriger aus dem Haus gehen kann. Auch dann, wenn man den Tag so gemächlich angehen lässt wie das Prinzchen. Prinzchens Morgenroutine sieht nämlich etwa so aus:

  • Erst einmal werden die Augenlider auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet. Nur wenn er ganz sicher ist, dass sie sich einwandfrei öffnen und schliessen lassen, behält unser Jüngster die Augen offen. 
  • Nach der Augenlidkontrolle wird die Raumtemperatur gefühlt. Ist diese einigermassen erträglich, schafft es das Prinzchen durchaus, innerhalb von fünf Minuten aus dem Bett gekrochen zu kommen, natürlich nur, wenn er die Decke mitnehmen darf und seinen „Bä!“, der ihn noch immer begleitet. Ist es zu kalt im Zimmer, müssen Kleider her und zwar sofort. Und die richtige Auswahl. Und bitte schön unter die warme Decke geliefert, sonst müsste man am Ende noch einen grossen Zeh an die Luft strecken. 
  • Egal ob mit Decke oder bereits in den Kleidern, irgendwann wird es Zeit, sich an den Frühstückstisch zu begeben. Bis die richtige Sitzposition gefunden ist dauert es eine Weile, aber nur, weil diese unvernünftigen Eltern diese doofen Hocker angeschafft haben, auf denen man zusammen mit dem „Bä!“ nicht richtig sitzen kann. 
  • Natürlich dauert es auch eine Weile, bis drei oder vier Deziliter Kakao in einem Prinzchen-Magen verschwunden sind, vor allem, wenn Mama oder Papa das Zeug mal wieder zu heiss serviert haben, doch nach einer gefühlten Ewigkeit ist auch dieser Punkt abgehakt.
  • Alles, was nachher folgt, lässt sich nicht mehr so strukturiert nacherzählen, sondern nur noch in Stichworten andeuten: Zähne putzen; aufs WC gehen; dringend benötigte Spielsachen suchen; Kätzchen streicheln; Socken anziehen; Schuhe suchen; der Mama zeigen, wie gut man vom Spieltisch springen kann; mit dem Zoowärter spielen, oder es zumindest versuchen, was aber der Mama, dieser elenden Spielverderberin, nicht passt; über den Inhalt der Znüni-Tasche debattieren; Jacke anziehen; Mamas Ermahnungen, er solle sich bitte beeilen, geflissentlich überhören;  die Farbspuren zwischen den Augen wegwaschen (Farbspuren zwischen den Augen? Fragt lieber nicht.); noch eimal Mamas Ermahnungen überhören; das „Panini“-Album suchen und lauthals klagen, dass man sich von Luise dazu hat überreden lassen, ein gemeinsames Album zu füllen, weshalb das Eigene, das man gratis in der Bäckerei bekommen hat, noch leer ist; noch einmal aufs WC gehen; das Treppengeländer herunterrutschen; schon wieder Mamas Ermahnungen überhören; den Zoowärter anbrüllen; längst veraltete Elternbriefe abliefern…

Ein ziemlich volles Programm, ich geb’s ja zu. Dennoch beharre ich stur auf meiner Meinung, dass eine gute Stunde reichen sollte, um zumindest die wichtigsten Punkte auf der Liste abzuhaken. Zumal der Junge während der ganzen Zeit eine gestrenge Mama auf den Fersen hat, die ihn daran erinnert, welche Punkte in den frühen Morgenstunden Priorität haben und welche man getrost auf den Nachmittag verschieben kann. 

Warum also kommt unser Jüngster trotzdem regelmässig zu spät in den Kindergarten? Ist doch klar: Weil der Weg zum Kindergarten ein paar Schritte länger ist als derjenige zur Schule. Und darum soll ich ihn bitte schön mit dem Auto hinfahren.

Vergiss es, mein Lieber! 

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Söhne

Sie bringen es fertig, den Abfluss im Bad mit einem Messer zu verstopfen. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, ein Messer so tief hineinzustecken, dass oben nichts mehr herausschaut, aber wenn man sich richtig bemüht, geht es. 

Sie setzen sich in die massgefertigten Schubladen, für die wir vor Jahren viel Geld ausgegeben haben und spielen, es sei ein… ja, was eigentlich? Keine Ahnung. Aber am Ende des Spiels ist die Schublade kaputt. 

Sie verstecken ihre schmutzige Wäsche im hintersten Winkel ihrer Zimmer, anstatt – wie vereinbart – einmal die Woche den Weg zur Waschküche unter die Füsse zu nehmen. Und dann heulen sie, weil sie keine sauberen Kleider haben.

Sie hüpfen bei strömendem Regen auf dem Trampolin und ziehen sich dazu nicht etwa Badehosen an, sondern behalten die letzte saubere Hose am Leib. Die nach dem Hüpfen natürlich nicht mehr sauber ist, was am nächsten Morgen erneut zu Tränen führt, weil jetzt gar keine sauberen Kleider mehr da sind. (Das ist dann meist der Moment, in dem ich auf der Suche nach der allerletzten sauberen Hose die versteckte Dreckwäsche aufspüre.)

Wo sie mal waren, hinterlassen sie ihre Spuren: Angebissene Tomaten (Ja, ich weiss, ich sollte mich glücklich schätzen, dass sie freiwillig Tomaten essen), ausgezogene Socken, Legoteilichen (Die ganz kleinen, die so richtig wehtun, wenn man auf sie tritt), Darvida-Verpackungen, die Papierfetzchen, die übrig bleiben, wenn man (für Mama) einen schönen Scherenschnitt geschnitten hat, Stecken, halb volle Gläser (Ihr seht, ich bin heute wirklich optimistisch drauf), die Überreste vom Bleistiftspitzen, in allerkleinste Teilchen gezupfte Radiergummis, Bananenschalen – oder einfach das, was übrig bleibt, wenn ein Geistesblitz, den man unbedingt gleich hat umsetzen müssen, sich so schnell wieder verflüchtigt, wie er gekommen ist. 

Im Zorn gehen sie mit so viel Aggressivität aufeinander los, dass mir Angst und Bang wird. (Sie umarmen sich dann aber auch wieder, wenn alles vorbei ist.)

Sie kommen später als vereinbart vom Fussballplatz zurück und behaupten dann, ich hätte ihnen nicht gesagt, wann ich sie zurück erwarte. 

Sie haben auch schon Tasten aus dem Klavier gebrochen (als sie noch sehr klein waren und unter der „Aufsicht“ einer Person, die bei dieser Gelegenheit den Beweis für ihre Inkompetenz erbrachte), Fensterscheiben eingeschlagen (natürlich ganz und gar unabsichtlich), die teure Tapete im Treppenhaus von der Wand gerissen (man muss doch mal schauen, wie es darunter aussieht), Wettpinkeln veranstaltet, volle Windeln aus dem Dachfenster geschmissen (das ist zum Glück schon seeeeehr lange her) und die Felgen des Autos mit wasserfestem Stift verziert (Zugegeben, es sah hübsch aus.). Noch heute, wo sie doch alle aus dem Gröbsten raus sein sollten, habe ich immer das Gefühl, sie seien mir mindestens anderthalb Nasenlängen voraus. Mein Gehirn ist gar nicht dazu in der Lage, sich die Dinge auszudenken, die für sie ganz selbstverständlich in die Kategorie „Ich wollte nur mal sehen, was passiert“ gehören. 

Manchmal könnten wir durchdrehen, „Meiner“ und ich. Doch dann erinnere ich mich wieder daran, was meine Brüder alles angestellt haben, als sie in dem Alter waren und dann sage ich zu „Meinem“: „Weisst du, so schlimm sind sie eigentlich gar nicht, unsere Söhne. Immerhin ist noch keiner in die Kläranlage gefallen.“

(Ach ja, ich weiss, Töchter haben auch ihre Macken, aber weil wir nur eine davon haben, bietet das, was sie anstellt,  eine angenehme Abwechslung.)

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Bleiben wir bitte farbenblind

Da bringst du deinen Kindern von frühester Kindheit an bei, im Bezug auf die Menschheit vollkommen farbenblind zu sein und dann dies:

Karlsson: „Prinzchen, wenn du mal gross bist, könntest du ja deine Freundin aus Nigeria heiraten.“

Prinzchen: „Aber das geht doch nicht. Ein Schweizer kann doch keine Afrikanerin heiraten.“

Karlsson: „Natürlich kann er das. Man kann Menschen von überall auf der Welt heiraten.“

Prinzchen: „Aber nicht Menschen aus Afrika.“

Karlsson: „Aber sicher doch. Das kann man.“

Das Prinzchen glaubt seinem ältesten Bruder noch immer nicht und ruft deshalb nach mir: „Mama, Karlsson sagt, ein Schweizer kann eine Afrikanerin heiraten. Stimmt das wirklich?“

Ich: „Natürlich stimmt das, Prinzchen. Die Menschen sind überall gleich und darum kommt es auch nicht drauf an, woher jemand kommt.“

Prinzchen: „Aber wenn ich in der Schweiz bin und sie in Afrika, dann geht das doch nicht.“

Na ja, in diesem einen kleinen Punkt liegst du vielleicht richtig, mein Prinz, aber über den Rest deiner Einstellung müssen wir uns noch einmal eingehend unterhalten. 

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Kurztherapiesitzung

Der Zoowärter liebt Menschen. Zuallererst mal seine besten Freunde und Freundinnen, aber auch Kinder, die er irgendwo –  an einem Geburtstagsfest zum Beispiel –  trifft, in sein Herz schliesst und nie wieder vergisst. Natürlich liebt er auch seine Geschwister und seine Eltern, auch wenn er das im Alltag manchmal gut zu verbergen weiss. Ja, er liebt sogar die Menschen, die glauben, er möge sie nicht ausstehen, weil er sie mit finsterem Blick anschaut. Aber das tut er nur, weil er schüchtern ist. Zuweilen frage ich mich, ob der Zoowärter überhaupt dazu fähig ist, einen Menschen gar kein bisschen zu mögen. 

Weil der Zoowärter Menschen liebt, erfüllt er ihnen jeden nur erdenklichen Wunsch. Seine Freunde wollen bei ihm spielen, auch wenn er eigentlich lieber zu ihnen nach Hause gehen würde? Kein Problem, der Zoowärter lädt sie zu uns ein – auch wenn ich krank auf dem Sofa liege und ausnahmsweise mal nicht das geringste Bedürfnis verspüre, seine Freunde im Haus zu haben. Luise möchte, dass er bei ihr im Zimmer schläft, auch wenn er eigentlich lieber noch lesen würde? Kein Problem. Luise braucht nur zu erwähnen, sie hätte ihr ganzes Bett mit vielen Kissen ausgepolstert und schon lässt der Zoowärter seine Pläne sausen. Manchmal geht Zoowärters Menschenliebe so weit, dass er dabei zusieht, wie einer seine Freunde unsere Hausmauer mit einem Stück Kohle verunstaltet. Das sind dann die Momente, in denen es mir äusserst schwer fällt, die Menschen zu mögen, die unserem Sohn so ans Herz gewachsen sind. 

In letzter Zeit war der für gewöhnlich äusserst friedliebende, fröhliche Zoowärter ziemlich oft weinerlich und aufbrausend. Immer wieder beklagte er sich, er hätte weniger bekommen als die anderen, nie dürfe er, was die anderen dürften, immer müsse er nachgeben. Erst war mir nicht so recht klar, was da vor sich ging und ich wurde ziemlich ungehalten, denn unser Zweitjüngster bekommt im Allgemeinen mühelos, was er sich wünscht. Mit seinen lieben Augen und seiner sanftmütigen Art bringt er mich einfach allzu leicht zum Schmelzen, ich geb‘ es offen zu. Woher also plötzlich dieses Gefühl, er komme immer zu kurz? Hatten wir ihn etwa zu sehr verwöhnt?

Heute Morgen, als er sich weigerte, aus dem Bett zu kommen, weil Luise ihn angeblich dazu gezwungen hat, bei ihm zu schlafen, weshalb er nicht hatte lesen können, dämmerte mir endlich, wo das Problem liegt, also zitierte ich ihn in Mama Vendittis Kurztherapiesitzung. Ob er seine Mitmenschen liebe, fragte ich ihn. Natürlich, kam die Antwort sofort. Ob er wisse, dass man einem Menschen, den man liebe, auch mal nein sagen dürfe? Keine Antwort. Ob er manchmal ja sage, wenn er eigentlich nein sagen möchte, wollte ich wissen. Ja, das sei so, bestätigte der Zoowärter. Ob er darum in letzter Zeit so wütend sei? Der grosse Jammer brach aus ihm heraus: Immer all anderen, nie er. Immer müsse er nachgeben. Nie dürfe er machen, was er wolle…

Ich versuchte ihm dann zu erklären, dass der Wunsch eines anderen nicht Befehl ist. Dass man auch einem Menschen, den man liebt, mal nein sagen dürfe. Dass er, wenn er lesen wolle, anstatt bei Luise zu schlafen, diesen Wunsch ernst nehmen müsse, weil er sonst ganz wütend werde. Dass er Luise ja auch hätte sagen können, er komme zwar zu ihr, wolle aber lesen, anstatt sich von ihr verkleiden zu lassen. Dass es besonders für Menschen wie ihn, die andere so unglaublich gern haben, besonders wichtig sei, auch mal auf sich selbst zu achten, weil man sonst immer nur (nach)gebe. Dass auch seine Wünsche wichtig seien, nicht nur diejenigen der anderen. 

Wie ich da so mit ihm redete, fuhr es mir durch den Kopf: „Mist! Wen predige ich hier eigentlich an? Ihn oder mich?“

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