Voll peinlich

Das ist jetzt natürlich voll peinlich: Da posaune ich Ende November in alle Welt hinaus, die Sache mit dem Schnee und dem Winter sei nichts weiter als ein altes Märchen, das man nicht richtig ernst nehmen könne und heute, als ich aus dem Fenster schaue, sieht es draussen so aus:

Winterbild; Tamar Venditti

Ja, und jetzt stehe ich da wie der letzte Depp, der nicht hat glauben wollen, was die Wetterpropheten seit Tagen vorausgesagt haben. Ohne Winterschuhe, ohne Winterpneus am Auto und natürlich auch ohne anständige Winterausrüstung für die Kinder. Irgendwie so, wie ich mir das im Kindergottesdienst vorstellte, wenn sie sagten: „Wenn der Heiland kommt und du sitzt gerade im Kino, dann nimmt er dich nicht mit.“ und dann sangen sie dieses höhnische Lied, in dem es hiess „Du warst nicht vorbereitet…“

Okay, ganz vom Winterglauben abgefallen bin ich nicht, darum haben wir irgendwo, im hintersten Winkel eines Schrankes noch ein paar Sachen, die man eben braucht, wenn das weisse Zeugs vom Himmel fällt. Für die schlimmsten Härtefälle gibt’s ja noch den Ausverkauf. Und wir kommen auch ohne Auto aus für ein paar Tage. Gänzlich ausgeliefert sind wir also nicht.

Ich bin aber auch nicht bereit, wieder voll und ganz zum Winterglauben zurückzukehren, denn allzu lange wird die Klimaerwärmung sich ja wohl nicht zurückhalten können. Darum habe ich mir trotz Schneematsch nichts von dem warmen, gefütterten Zeugs für die Füsse gekauft, sondern die hier (Mit Karlssons Segen übrigens. Er meinte, es wäre peinlich, wenn eine wie ich plötzlich mit schwarzen Schuhen an den Füssen daherkommen würde.):

Gummistiefel; Tamar Venditti

Schuhkauf

Das Prinzchen braucht Grösse 30, findet aber einzig die Modelle cool, die es nur noch in den Grössen 26 und 27 gibt. Was ich schön finde, lehnt er grundsätzlich ab. Okay, das bunt gemusterte Paar, das mir ins Auge sticht, würde ihm auch noch gefallen, aber mein Portemonnaie weigert sich rundheraus, die 129 Franken dafür locker zu machen. Das Prinzchen schmollt, ich rede mir den Mund fusselig, dass sowas nun wirklich nicht geht und bemerke deshalb kaum, dass mich der Zoowärter sanft aber erfolgreich dazu drängt, ihm das „stark reduzierte“ Paar für 60 Franken zu kaufen. Jetzt schmollt nicht nur das Prinzchen, sondern auch auch mein Portemonnaie, also erkläre ich ihm geduldig, Zoowärters neue Schuhe seien wirklich von hervorragender Qualität, die hätten sogar zwei Jahre Garantie, also könne das Prinzchen sie nächstes oder übernächstes Jahr auch noch tragen. Mein Portemonnaie lacht höhnisch, das Prinzchen schmollt weiter und der FeuerwehrRitterRömerPirat zieht eine Schnute, weil ich seinen Wunsch nach Sportschuhen konsequent überhöre. Irgendwann geht das mit dem Überhören nicht mehr, also sage ich unserem Dritten, vielleicht würde es ja irgendwann doch schneien und dann stehe er mit kalten Füssen da in seinen Sportschuhen. „Das mit dem Schnee glaubst du wohl selber nicht“, schelte ich mich innerlich, aber was soll man denn sagen, wenn ein Kind, dessen Füsse bereits in knallbunten Sportschuhen stecken, noch ein weiteres Paar knallbunte Sportschuhe haben will? Ohne Ausflüchte ins Reich der Fabeln und Märchen kommt man da nicht weit. 

In Schuhgeschäft Nummer acht oder neun – der Zoowärter hat sich mit seinen Stiefeln längst ins Auto zurückgezogen – wird das Prinzchen endlich fündig und ist darob so überglücklich, dass er mir unablässig für seine neuen Schuhe dankt, was mich natürlich sofort auf Wolke sieben katapultiert. Auch mein Portemonnaie ist glücklich, denn es hat gesehen, dass es für Prinzchens Stiefel ursprünglich mal 150 Franken hätte ausspucken müssen, nun aber den Verkäufer mit läppischen 40 Franken hat zufrieden stellen können. Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag sich nicht mit uns freuen, denn er ist noch immer ohne Winterschuhe. Ich plädiere für cool und bezahlbar, er aber beharrt auf hässlich und überteuert. Auch die Sache mit den knallbunten Sportschuhen hat er sich noch immer nicht ganz aus dem Kopf geschlagen, weshalb ich ihn irgendwann sehr deutlich mit der schmerzhaften Wahrheit konfrontieren muss: Knallbunte Sportschuhe gibt es im Frühling wieder, hässliche Winterschuhe gibt es nur, wenn sie nicht überteuert sind, wenn er sich nicht endlich entscheidet, schauen wir morgen weiter. Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist eingeschnappt, meine Geduld ist überstrapaziert, das Prinzchen liegt beinahe schlafend quer auf einer Bank mitten im Laden und der Zoowärter friert im Auto. 

Habe ich tatsächlich mal behauptet, Schuhe für meine Söhne zu kaufen, sei die einfachste Sache der Welt?

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Schuhwerk

Mit anständigem Schuhwerk lässt sich’s so viel selbstbewusster 40 werden. Okay, Qualität und Stil kosten sogar im Sonderangebot mehr als drei Paar aus den Sweatshops Asiens, aber eine solche Schönheit trifft man ja auch nicht alle Tage im Schuhgeschäft.

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Fiktives Gespräch mit Z.

Ich: „Ääääh, guten Tag, ich hätte gern ein Paar Schuhe…“

Z: „Für Damen, Herren, Mädchen oder Jungs? Grösse? Designer? Preis? Vielleicht noch ein paar passende Accessoires daz…“

Ich: „Halt, nicht so schnell! Lassen Sie mich erst mal überlegen. Also…es müssten Damenschuhe sein…“

Z: „Schnürschuhe? Halbschuhe? Ballerinas? Gummistiefel? Winterstiefel? Sneak…“

Ich: „Nicht so schnell, hab‘ ich gesagt. Ich hab’s ja gewusst, dass das keine gute Idee war, bei Ihnen vorbeizuschauen…“

Z (völlig unbeirrt durch meinen Einwand): „…ers? Wanderschuhe? High Heels?…“

Ich: „Also, ich hätte gern ein Paar Schnürschuhe und zwar farbige, wenn möglich in Pink oder Violett. Grün oder gelb wäre auch ganz schön…“

Z: „Tjaaaaa, da hätten wir etwas in Nachtblau….“

Ich: „Nachtblau ist mir nicht farbig genug.“

Z: „…oder in Schwarzviolett….“

Ich: „Da könnte ich ebenso gut schwarz nehmen. Viel zu dunkel….“

Z: „Schwarzbraun hätten wir auch noch…“

Ich: „Ich muss Sie doch bitten! Das nennen Sie farbig? Himmel, ich will etwas Buntes für den grauen Winter. Verstehen Sie? B-U-N-T!“

Z: „Na ja, da hätten wir noch ein Modell in Zartrosa…“

Ich: „Das nenne ich nicht Zartrosa, das nenne ich leicht schmutziges Weiss…“

Z: „…und hier ein bunt-geblümtes Öko-Modell, echtes Leder, sorgfältigste Verarbeitung…“

Ich: „Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Am Preis müssten wir allerdings noch arbeiten. Ich schwimme ja nicht im Geld. Zeigen Sie mir doch noch ein paar ähnliche Modelle.“

Z: „Wie jetzt, ähnliche Modelle? Das ist das Bunteste, was wir haben. Wissen Sie, die modebewusste Frau trägt vorzugsweise schwarz oder braun…“

Ich: „Himmel, ich bin nicht modebewusst, ich bin farbenbewusst und da Sie von sich selber behaupten, Sie würden die Frauen dazu bringen, vor Glück zu schreien, hätte ich erwartet, dass Sie auch einer wie mir etwas zu bieten hätten.“

Z (spitz): „Tja, wenn Sie das nötige Kleingeld hätten…“ 

Ich: „Tja, wenn Sie Geschmack hätten…“

Ich schätze mal, die Wege von Z. und mir werden sich so bald nicht wieder kreuzen.

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Kantine, meine Vrouw

Zuerst haben sie tagelang über meinen „Haarschnitt“ – der letzte Coiffeurbesuch liegt eine Weile zurück – gespottet, haben spitze Bemerkungen über meine grauen Haare gemacht und schliesslich, als ich einfach nicht reagieren wollte, frech behauptet, ich hätte einen Vokuhila. Das hat mein in Schönheitsangelegenheiten ohnehin nicht ganz stabiles Selbstbewusstsein natürlich gehörig erschüttert, aber wenn ich keine Lust auf eine neue Frisur habe, kann ich ziemlich störrisch sein. Also wies ich meine Liebsten auf unser Budget hin, das derzeit nicht gerade erfreut wäre über Coiffeurbesuche und hoffte, damit sei die Diskussion beendet.

Blöd nur, dass „Meiner“ die Zeiten, als er mir regelmässig die Haare schnitt und färbte, nicht vergessen hat; noch blöder, dass unsere Kinder die Vorstellung, wie Papa die Mama verschönert, ziemlich romantisch finden. Also fingen sie an, mich Abend für Abend zu bedrängen: „Lass dir jetzt endlich von Papa die Haare schneiden. Du weisst doch, er macht das ganz toll.“ Doch ich wollte nicht, denn offen gestanden fürchte ich mich ein wenig vor meiner Coiffeuse. Okay, sie ist die netteste Coiffeuse, die ich je hatte, aber genau darum will ich sie nicht enttäuschen, indem ich ihr in der Migros mit einer neuen Frisur, an der sie nicht gearbeitet hat, über den Weg laufe. Wie sollte sie mir da noch glauben, dass sie die Einzige ist, die ich an meine Haare lasse? Sie wäre zu Recht eingeschnappt und würde sich bei meinem nächsten Besuch – den ich für November oder Dezember vorgesehen habe – mit einem fürchterlichen Haarschnitt für meine Treulosigkeit rächen. 

Natürlich sagte ich meiner Familie nichts von meiner Angst und das war wohl ein Fehler, denn so konnten sie nicht begreifen, wie ernst es mir mit meinem Nein war und zerrten mich heute Nachmittag vor das Regal mit den Haarfärbemitteln. „Welche Farbe willst du?“, fragten „Meiner“ und Karlsson. „Gar keine“, sagte ich störrisch, doch sie taten, als hätten sie nichts gehört und hielten mir eine Packung nach der anderen vor die Nase, eine Farbe hässlicher als die andere. Was anderes hätte ich da tun sollen, als die Flucht nach vorn zu ergreifen, in der Hoffnung, sie dermassen zu erschrecken, dass sie von mir ablassen würden? „Wenn schon Haare färben, dann orange“, sagte ich und um dem Ganzen noch eins aufzusetzen, fügte ich hinzu: „Orange und dann richtig kurz schneiden, vielleicht sogar mit Stirnfransen.“ Das sagte ich natürlich nur, weil ich mich damit auf der sicheren Seite wähnte, denn erstens hatte es im Regal keine orange Haartönung und zweitens hatten meine Liebsten mich ja jetzt seit Wochen nicht mehr ernst genommen, also würden sie nicht ausgerechnet jetzt auf mich hören.

Ach, was bin ich doch für ein unendlich naives Stück Mensch. „Meiner“ und Karlsson liessen das Prinzchen und mich stehen, rannten in den nächsten Laden – angeblich, um dort aufs WC zu gehen – und kehrten mit einer Haartönung in knalligem Orange zurück. Ja, und dann kam es, wie es früher oder später kommen musste: „Meiner“ schnitt mir genau die Frisur, die ich ihm angedroht hatte, und jetzt sehe ich ziemlich genau so aus:

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Also ja, natürlich nicht blond, sondern orange und mit Brille. Und wer nicht weiss, wer diese Frau ist: Unbedingt „Asterix bei den Belgiern“ lesen. 

 

 

 

Denen hab‘ ich’s aber gegeben…

Gäbe es kein Internet, hätte ich wohl einfach in der einen oder anderen Frauenrunde meinem Ärger Luft gemacht, manchmal hätte ich „Meinem“ die Ohren voll gejammert und irgendwann hätte ich die Sache wieder vergessen. Zumindest bis zum nächsten Kleider-Frust. Aber es gibt das Internet und darum ist es auch keine Sache mehr, die Modelabels zu kontaktieren, die diese wunderschönen Kleider für Frauen ohne Kurven schneidern. Und weil es keine Sache ist, habe ich den zwei Labels geschrieben, deren Kleider ich wirklich unglaublich gerne tragen würde. Gut, ich hätte natürlich auch eine Crash-Diät, eine Brustverkleinerung und Fett absaugen ins Auge fassen können, aber es schien mir einfacher, den Leuten mal gehörig die Meinung zu sagen.

Was ich ihnen geschrieben habe? Na ja, was frau eben so schreibt, wenn sie sich darüber ärgert, dass ein Kleid, welches eigentlich für erwachsenen Frauen gedacht wäre, der elfjährigen Tochter passen würde. Zuerst habe ich natürlich geschmeichelt und geschrieben, ich hätte noch nie so schöne Kleider gesehen, was ja auch stimmt. Dann habe ich erzählt, wie frustriert ich gewesen sei, als mir keines der Kleider passen wollte. Schliesslich wurde ich zynisch und fragte, ob ich denn wie eine Elfjährige aussehen müsste, um das tragen zu können, was bei ihnen als Übergrösse angeschrieben ist. Zum Schluss bat ich, sie möchten doch in Zukunft bitte Kleider für richtige Frauen schneidern.

Was ich mir von der Sache erhoffe? Nichts. Aber immerhin kann ich mir einreden, ich hätte mich für uns normalen Frauen gewehrt. 

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Wenn die Kleider immer schlanker werden…

Wieder steht eine Hochzeit bevor und wieder habe ich meinen Vorsatz, mich rechtzeitig um das richtige Kleid zu kümmern, nicht eingehalten. Diesmal kein Problem, dachte ich, als ich mir die Auswahl anschaute. Kleider nach meinem Geschmack gibt es nämlich für einmal in Hülle und Fülle. Romantisch, verspielt, bunt, fantasievoll. Endlich würde ich zu einem Fest etwas anziehen können, was mir richtig gefällt. Ich träumte schon davon, wie ich an dieser Hochzeit aufkreuzen würde, herausgeputzt und dennoch ganz ich selber. Doch dann kam das Paket und damit die bittere Erkenntnis: Festliche Kleider nach meinem Geschmack werden nicht für Frauen wie mich geschneidert.

Vor einigen Jahren – so scheint mir – durfte Frau noch Busen und einige Kilos zu viel auf den Rippen haben, wenn sie sich nicht gerade in Kleidchen zwängen wollte, die eigentlich in der Kinderabteilung hängen müssten. Was dem Geschmack von Frauen über 35 entsprach, war auch angepasst auf den Körper einer Frau über 35. Klar, auch früher gab es schon Geschäfte, in denen ein Kleidungsstück, das mit Grösse 38 angeschrieben war, in Wirklichkeit knapp der Grösse 32 entsprach, doch solche Geschäfte habe ich zu meiden gelernt.

Ich mag mich nämlich nicht frustrieren lassen wegen eines vollkommen kranken Schönheitsideals, das in meinen Augen so gar nicht schön ist. Ich mag mich auch nicht kasteien, bis man meinem Körper die paar Schwangerschaften und einige ziemlich anstrengende Jahre nicht mehr ansieht (obschon ich nichts dagegen hätte, ein paar Kilos loszuwerden, aber alles mit Mass, wenn ich bitten darf). Wenn man nun aber für Kleider, die ganz offensichtlich nicht für „OMG! Ich hab‘ heute schon 200 Kalorien zu mir genommen“-Frauen geschneidert sind, weder Busen noch Hintern haben darf, schmerzt mich das. Vor allem, wenn die Dinger nicht mal dann passen, wenn ich sie zur Sicherheit eine Grösse grösser bestellt habe, als ich sie üblicherweise trage.

Morgen schicke ich meine Traumkleider schweren Herzens zurück ans Versandgeschäft. Wieder werde ich an einer Hochzeit in irgend etwas aufkreuzen, das mir nicht wirklich gefällt, aber immerhin halbwegs anständig aussieht. Um meinen Frust etwas zu dämpfen und wenigstens etwas richtig Schönes  tragen zu können, habe ich mir heute ein Paar getupfte Schuhe mit schwindelerregend hohem Absatz gekauft. Das Geld dafür habe ich mir übrigens mit einem Interview zum Thema Bettnässen verdient. Frauen wie ich entsprechen zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal, dafür haben wir gelernt, auch noch dem unangenehmsten Thema etwas Schönes abzugewinnen. 

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Nein, das wächst sich nicht aus

Als die Coiffeuse dem Prinzchen neulich einen Vokuhila schnitt, war ich zuerst einmal stumm vor Schreck. Darum sagte ich ja auch nichts Weiter als „Besten Dank“, als sie mir mein Kind übergab, das plötzlich Jon Bon Jovi erschreckend ähnlich sah. Als ich mit Jon…äh…ich meine natürlich mit dem Prinzchen nach Hause kam, war „Meiner“ ähnlich schockiert wie ich einige Augenblicke zuvor. „Warum hast du dich nicht dagegen gewehrt?“, fragte er mich vorwurfsvoll. „Ach, das ist doch kein Problem“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Das wächst sich bestimmt schnell aus. Beim Prinzchen spriessen die Haare ja wie Unkraut…“ 

Ich war mal wieder zu optimistisch. Prinzchens Haare sprossen zwar  tatsächlich so schnell wie immer. Inzwischen wehen sie ihm schon wieder um den Kopf, wenn er rennt. Nur das mit dem Herauswachsen wollte nicht so recht klappen. Ein Vokuhila, das musste ich leider erkennen, wächst sich nicht heraus, er wird bloss schlimmer. Inzwischen sieht das Prinzchen nicht mehr aus wie Jon Bon Jovi, sondern wie einer dieser schrecklichen Typen von Europe. Ja, genau die mit „The final Countdown“…

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Wiedersehen

Meinem Jüngsten stricke ich derzeit eine Decke in allen Neontönen des Farbspektrums, weil er die grelle Wolle so unglaublich schön findet.

Einer meiner Söhne trägt seit dem heutigen Coiffeurbesuch einen Vokuhila. Na ja, immerhin nicht mit Stolz.

Ein sehr lieber Mensch aus meinem engeren Umfeld trug neulich eine jener schrecklichen Stone – oder Acid? – Washed Jeans, wie man sie in den Achtzigern trug. Am selben Tag ging vor mir eine Frau, die eine ähnliche Scheusslichkeit spazieren führte, diesmal in der etwas weiter geschnittenen Version mit breitem Gummizug oben und unten. Dazu pastellfarbene Stoffschuhe…

Meine Tochter findet diese abscheulichen, mit Nieten oder Fransen besetzten Stiefelchen nicht so hässlich, wie ich es von ihr erwarten würde.

Allmählich fürchte ich mich vor dem Tag, an dem meine Kinder dauergewellt, in Stretch Jeans und mit Fledermausärmel-Pulli vor mir stehen.

Kein Zweifel, auch unserer Generation bleibt es nicht erspart, mit ansehen zu müssen, wie die eigenen Kinder exakt die gleichen Geschmacksverirrungen durchmachen wie ihre Eltern.

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Ente in High Heels

Jetzt, wo der Sommer mit Wucht über uns hereingebrochen ist, werden wir Mamas und Papas dazu gezwungen, unsere Liegestühle und Gartenbeete hinter uns zu lassen, denn wir müssen unsere Kinder zum Bahnhof bringen, wenn es auf Schulreise geht, wir werden im Schulhaus erwartet, weil die Knöpfe zum ersten Mal Schulhausluft schnuppern dürfen, oder man bittet uns zum letzten Schülerkonzert der Saison. Weil „Meiner“ das ganze Programm jeweils mit seiner Klasse durchspielt, bleibt es meistens mir überlassen, die Familie Venditti bei solchen Gelegenheiten zu vertreten. Immer öfter fällt mir dabei auf, dass ich immer weniger ins Bild passe. Mir fehlt die Mama-Kluft, die in den vergangenen Jahren bei uns in der Provinz in Mode gekommen ist. 

Die Mama-Kluft setzt sich zusammen aus hautengem Tank-Top, vorzugsweise quergestreift oder mit grellem Aufdruck über der Brust, 3/4-Hose oder Leggings und Crocs. Das Haar wird zum streng nach hinten gezogenen Pferdeschwanz zusammengebunden, die Sonnenbrille ist so geschickt in den Haaransatz geschoben, dass sich erst auf den zweiten Blick zeigt, wie dringend nachgefärbt werden müsste. Diese Kluft tragen fast alle Mütter, ob sie nun spindeldürr, kugelrund oder hochschwanger sind und irgendwie sehen darin alle weniger hübsch aus, als sie es wären. 

Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich die Mama-Kluft kaum von dem Kleidungsstil anderer Frauen zwischen dreissig und fünfundvierzig, die mehr Wert auf Tragbarkeit als auf Stil legen. Woran aber erkennt man, dass die Crocs-Trägerin eine Mama ist? An den Tattoos, natürlich. Neben den üblichen Modesujets, die jeden Tätowierer, der etwas auf Individualität gibt, erschaudern lassen, haben sich die Mamas nämlich die Namen oder zumindest die Initialen ihrer Kinder stechen lassen. Das gehört inzwischen so selbstverständlich zum Auftritt einer Mutter, dass ich mich frage, ob man heutzutage bei der Anmeldung ins Spital angeben muss, ob man den Namen des Kindes schon im Gebärsaal tätowiert haben möchte, oder erst bei der Nachkontrolle sechs Wochen später. Die Scheusslichkeit der meisten Schriftzüge lässt darauf schliessen, dass die Mamas sich für das Stechen im Gebärsaal entscheiden, wo die überwältigenden Glücksgefühle über die Geburt des neuen Menschleins jeden guten Geschmack vergessen machen. So bleiben die Mamas ein Leben lang von der Geburt gezeichnet.

Ich muss gestehen, dass ich bis auf meinen stets grauer werdenden Haaransatz so gar nicht mithalten kann mit den anderen Mamas. Es beruhigt ungemein, dass auch noch eine Handvoll anderer Mütter nicht in dieses Bild passen will, denn ansonsten müsste ich mich fragen, ob eine ganze Müttergeneration vom Wege des halbwegs ansprechenden Stils abgekommen ist. 

Ich will damit übrigens keineswegs behaupten, ich käme stets wie aus dem Ei gepellt daher. Im Gegenteil, oft sehe ich aus, als wäre ich eben erst aus dem Bett gepurzelt. Doch offenbar besitze ich noch einen Hauch von Eitelkeit, der mir verbietet, meine Speckröllchen und Schwangerschaftsstreifen jedem zu zeigen, der mir über  den Weg läuft. Und was die Namen meiner Kinder angeht: Die muss ich mir nicht tätowieren lassen, denn jeder im Dorf weiss, dass die fünf zu mir gehören. Und überhaupt, ich mit Tattoo, das wäre etwa so wie, eine Ente in High Heels. Ich meine eine richtige Ente, nicht Daisy Duck…

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